Die Füchsin und das Mädchen – Ein Wintermärchen

Wenn die Nacht am dunkelsten ist, können seltsame Dinge geschehen. Kasumi wusste das. Ihre Großmutter hatte ihr von den Geistern erzählt und wie sie Menschen foppen. Aber das Mädchen kannte keine Angst. Im Gegenteil hoffte sie immer darauf Geister zu sehen. Und eines Tages hat sich dieser Wunsch erfüllt.

In einer bitterkalten Nacht vor einigen Jahren, hatte es zaghaft an ihr Fenster geklopft. Und auch ein achtjähriges Mädchen wusste, wie unwahrscheinlich das war. Lag ihr Zimmer doch direkt unter dem Dach. Im erstem Reflex zog Kasumi die Bettdecke über den Kopf. Aber das Klopfen wiederholte sich. Fordernder wie es schien. Dann hörte Kasumi die Stimme. Was sie sagte konnte das Mädchen nicht verstehen. Die Neugier siegte und auf Zehenspitzen huschte Kasumi durchs Zimmer.

Eine winzige Füchsin saß auf der Fensterbank, die großen Augen schauten Kasumi flehend an.
„Hilf mir“, flüsterte die Kitsune, „sie jagen mich und wollen mir ein Leid antun!“
Ohne nachzudenken öffnete Kasumi das Fenster und die Füchsin schlüpfte ins warme Zimmer.
Das Tier war viel kleiner als alle Füchse, die Kasumi bisher gesehen hatte. Schneeweiß mit einem ungewöhnlichen Schweif. Fast sah er so aus, als ob es mehrere wären.

„Wer bist du?“, wollte Kasumi wissen. „Und wieso kannst du sprechen?“
„Du sprichst doch auch“, erwiderte die Kitsune keck und sprang mit einem Satz auf Kasumis Arm.
„Bist du eine Yokai?“, wollte Kasumi wissen, als die Füchsin sie mit ihrem Köpfchen kitzelte.
„Aber nein“, erwiderte die Kitsune fast beleidigt. „Yokai sind dumme Geister. Ich bin so viel mehr als das.“
„Frech bist du“, stellte Kasumi fest und lachte. „Aber das macht nichts, das bin ich oft auch.“

Ein plötzlicher Windstoß rüttelte am Fenster und erschrocken wich Kasumi zurück.
„Geh vom Fenster weg“, bat die Kitsune. „Der wind darf nicht ins Zimmer. Wenn er kommt holen sie mich fort.“
Kasumi war kein ängstliches Kind, aber die Worte lösten eine Gänsehaut bei ihr aus.
Was war dort draußen außer Eis und Schnee?
Kasumi fröstelte und lief zum Bett zurück.

Mit der Füchsin auf dem Arm schlüpfte das Mädchen unter die warme Decke. Daran, dass die Kitsune böse sein könnte, verschwendete sie keinen Gedanken.
„Danke für die Hilfe“, flüsterte die Füchsin. „Ich werde mich dafür bedanken. Eines Tages, wenn die Dunkelheit dich befällt.“
„Ach schon gut“, wehrte Kasumi verlegen ab. „Ich helfe gern und du bis doch auch so klein.“
Die Füchsin lachte leise und schmiegte sich noch enger in Kasumis Arm.
„Ja, klein sind wir beide. Aber Größe muss kein Vorteil sein. Auch wir Kleinen können Großes vollbringen. Warte nur, du wirst schon sehen.“

„Magst du mir erzählen wer du bist?“, fragte Kasumi. „Ich heiße übrigens Kasumi und bin schon acht Jahre alt!“
„Ich weiß sehr genau wer du bist“, sagte die Kitsune. „Ich kenne dich schon seit deiner Geburt. Und ich bin auch viel älter als du. Ich kannte schon deine Großmutter als Kind.“
Nun war Kasumi doch erstaunt. Älter als Großmutter sollte diese kleine Füchsin sein? Das war kaum zu glauben. Und doch wusste das Mädchen, dass die Kitsune die Wahrheit sprach.
„Dann bist du doch eine Yokai!“, stellte Kasumi fest. „Großmutter sagt immer, Yokai leben viel länger als wir. Wie alt bist du denn?“
„Ich habe das Licht der ersten Sterne erglühen sehen“, erwiderte die Füchsin rätselhaft. „Meine Augen haben geweint, als die Himmel brannten und sie sahen auch die Dunkelheit ewiger Nacht. So alt bin ich und noch viel älter. Hast du das etwa nicht gewusst?“

Sie stupste Kasumi mit ihrer feuchten Nase an und leckte ihr über den Arm.
„Das kitzelt!“, quiekte Kasumi. „Aber ich mag dich, du machst mir Spaß.“
„Spaß sollst du haben, kleine Lebensretterin“, sagte die Füchsin und kitzelte Kasumi erneut. „Und jetzt lass uns schlafen, es ist schon spät.“
„Na gut“, sagte das Mädchen und fühlte, wie ihr die Gedanken entglitten.
Der Schlaf bleibt immer Sieger.

Als Kasumi am nächsten Morgen erwachte, war die Füchsin fort. Verwirrt rieb sich das Mädchen die Augen. Hatte sie alles nur geträumt?
Kasumi lief zum Fenster, das fest verschlossen war. Draußen auf der Fensterbank konnte sie die Pfotenabdrücke der Kitsune sehen. Unmöglich eigentlich. Aber wahr.
Beim Frühstück überlegte sie kurz, ob sie ihren Eltern von der Füchsin erzählen sollte. Aber ihr Vater glaubte nicht an Geister. Und selbst Religion war ihm suspekt. Er war Wissenschafler, Geologe. Ein nüchtern denkender, aber herzensguter Mensch, der Kasumi jeden Wunsch erfüllte. Geld hilft, wenn man genug hat.
Kasumis Mutter war enpfänglicher für die Geschichten, die das Mädchen immer erfand.
„Du bist meine kleine Schriftstellerin“, sagte sie immer, wenn ihr Kasumi neue Zeilen zeigte.

Kasumis Großmutter lebte nur einige Straßen weiter. Und da Wochenende war, lief das Mädchen flugs dorthin. Natürlich dick vermummt gegen Kälte und Wind. Und mit den mahnenden Worten ihrer Mutter versehen, die immer viel zu viel Angst um ihre Tochter hatte.
„Oma, Oma!“, rief Kasumi schon an der Tür. „Du glaubst nicht, was heute Nacht geschehen ist!“
Mit der Macht eines Wasserfalls sprudelten die Worte aus ihr heraus und überschwemmten die Ohren der alten Frau.
„Eine Kitsune sagst du Kind? Eine Kitsune mit komischem Schwanz …? Kann es denn sein? Ist sie wirklich zurück?“
Verblüfft sah Kasumi ihre Großmutter an. „Du kennst sie?“, wollte sie wissen. „Du hast sie also auch gesehen? Aber wie ist das möglich? Bitte, bitte, erzähl mir davon!“
Die Wahrheit liegt in alten Geschichten.

Die Großmutter nahm Kasumis Hand und setzte sich mit ihr an den Kamin.
„Vor langer Zeit habe ich einer kleinen weißen Füchsin das Leben gerettet“, erzählte sie. „Ich muss damals so alt gewesen sein wie du. Die Kitsune war in eine Falle gelaufen und sehr schwer verletzt. Ich glaubte sie würde eine Pfote verlieren. Aber als ich sie befreite, heilte diese über Nacht. Wir haben lange in meinem Zimmer geredet. Das gleiche Zimmer, das nun du bewohnst. Ja, die Füchsin konnte sprechen. Und sie hat meinen Namen gewusst. Du weißt doch, dass ich wie du Kasumi heiße.“
„Wer ist sie?“, fragte Kasumi mit wild klopfendem Herz. „Und wieso ist sie so alt? Und wovor hat sie so große Angst?“
Die Großmutter schmunzelte. „Nicht immer ist alles, wie es scheint. Aber wer sie wirklich ist, weiß ich bis heute nicht.“
Legenden haben viele Namen.

In der kommenden Nacht klopfte es erneut an Kasumis Fenster. Wieder schlüpfte die Füchsin ins warme Mädchenbett. Und so ging es Nacht für Nacht.
Mehr als zwanzig Jahre zogen ins Land, Kasumi war längst eine junge Frau. Die Füchsin war eines Tages fortgeblieben. Was blieb war die Erinnerung, ein Schatten in der Nacht. Mensch und Fuchs hatten lange und oft geredet und die Kitsune hatte ihrer Retterin viel beigebracht. Dinge, die Menschen sonst nicht wissen. Dinge zwischen Morgen und Mitternacht.

In einer bitterkalten Winternacht ging Kasumi allein nach Haus. Die Straßen waren tief verschneit, es gab nur wenig Verkehr.
Eine Gestalt trat aus der Dunkelheit, aber das Licht berührte kaum ihr bleiches Gesicht.
Kasumi erschrak, als ihre Augen sie musterten. Kälter noch als Eis, stechend der Blick. Auch, wenn sie die Frau nie zuvor gesehen hatte, so erkannte sie doch die Gefahr. Was hier vor ihr stand, war kein Mensch. Schon griff grausame Kälte nach ihr.
Wenn der Tod vorüber geht.

Pfeilschnell jagte ein Schatten durch die Nacht. Kleine Pfoten berührten kaum den Schnee.
„Fang mich auf!“, rief die Kitsune mit heller Stimme. „Fang mich kleine Kasumi, diesmal rette ich dich!“
Instinktiv breitete Kasumi ihre Arme aus. So, wie sie es als Mädchen immer tat.
Die Frau wich zurück, als sie die Kitsune sah. Die rieb ihren Kopf kurz an Kasumis Arm. Dann sprang sie auf die Fremde zu.
Wenn Göttinnen kämpfen.

Was geschehen war hat Kasumi nie erfahren. Nur, dass eine Frau sie ins Krankenhaus brachte. Stark unterkühlt und mit einem Schock.
„Die Frau war wunderschön“, erzählte eine Schwester. „Sie trug einen langen weißen Mantel. Fast hat sie mich an die Yuki-onna erinnert, deren Bild ich als Mädchen sah.“
Kasumi lächelte bei diesen Worten. Sie hat es sehr viel besser gewusst.

ENDE

Japanisch, lesbisch, Frau

Japanisch, lesbisch, Frau sind die drei Vorurteile, die mich mein Leben lang begleiten. Nun lamentiere ich darüber nicht, ich zeige lediglich die Fakten auf. Wobei ich bewusst die Frage stelle, warum die Welt zum Teil rassistisch ist.

Wenn du als kleines Kind nach Deutschland kommst, siehst du die Welt mit anderen Augen. Deutschland war spannend, neu und regnerisch kalt. Das sind meine ersten Erinnerungen an Düsseldorf im Winter. Und ja, ich liebe diese Stadt. Und dieses Land, das seit 28 Jahren meine Heimat ist.

Rassismus und Vorurteile habe ich erstmalig als kleines Mädchen erlebt. Am eigenen Leib, als mich ein Junge hart zu Boden stieß. Und am Boden liegen auch all die Flüchtlinge, die in den Augen vieler Deutscher „anders“ sind. Eine andere Hautfarbe, ein anderer Glaube macht sie zu Außenseitern.

„Nein, die wollen wir in Deutschland nicht!“ So der Tenor vieler Gruppen, die sich Rassismus auf die Fahnen schrieben. Dumm nur, dass auch diese Menschen Ausländer in jedem anderen Land der Erde sind. Und auf dem Mars sowieso. Da gehören sie hin. Weit weg von uns, von mir. Und das war nun auch schon fast rassistisch.

Hart, aber fair ist meine Devise im Leben. Und das ist untypisch für die Durchschnittsfrau. Aber weder bin ich Durchschnitt noch das Mäuschen von nebenan. In mir steckt eine Kämpferin, die auch an Schienbeine tritt. Oder blutige Nasen verteilt, wie bei dem schubsenden Jungen. Er hat es nie wieder getan.

Die meisten Menschen kennen Vorurteile nur aus Büchern. Ich erlebe Intoleranz fast täglich. Da stehe ich als kleine Japanerin mit Doktortitel und werde von Mann belächelt. Von Mann, der die Entscheidung trifft, ob ich den Job als Beraterin bekomme, um seine Firma zu retten. „Ach Sie können das …?“ Hätte er das mal studiert.

Noch mehr Gegenwind schlägt mir bei den aggressiven Jägern unter der Spezies Mann entgegen, die mich lüstern mustern. Mann träumt vom Dreier mit „zwei Lesben“ und dass nur (s)ein Penis alles dominiert. Dieser nicht vorhandene „Mehrwert“ taugt vielleicht für jene Frauen, die sich nach Begattung sehnen. Dumm nur, dass selbst nicht lesbische Frauen keine reinen Sexobjekte sind. Mannes Fantasie hat sie nur dazu gemacht.

Man(n) hat mich „Schlitzauge“ und „Japs“ genannt. Beliebt ist auch „Kleine.“ Und das sind nur die nicht vulgären Worte. Auf die anderen verzichte ich in diesem Blog. Als Kind zweier Welten kann ich immer beide Seiten sehen. Ich verstehe die Angst der Menschen ebenso, wie ihre Vorurteile. Ja, auch ich bin nicht frei davon.

Als ich von meinem Frieden mit Mann schrieb, war das ehrlich gemeint. Männer sind nicht länger erklärte Feinde für mich. Aber um gleichberechtigte Partner zu werden bedarf es einiger Mühe, die von beiden Seiten kommen muss. Da hilft es wenig, wenn Machos über meinen Blog herfallen, oder dummdreiste Hooligans ein Küsschen wollen. Da erwacht dann sofort das Biest in mir. Mit oft harten Konsequenzen. Aber nicht für mich.

Japanisch, lesbisch, Frau sind  die drei Begriffe, die ich niemals ändern kann. Und warum sollte ich das wollen? Was ich aber möchte ist mehr Toleranz unter den Menschen. Egal ob sie von Deutschen kommt, oder mir, „der kleinen, lesbischen Japanerin.“ Ich gehe dann mal an mir arbeiten. Habt einen schönen Tag!

Wer mehr lesen möchte: Lass Mann mal ran – Gewalt gegen Frauen und Mein Frieden mit Mann

Das Problem mit dem Glück

„Glück, das haben immer nur die anderen!“, sagen viele Menschen und drehen sich jammernd im Kreis. Sie stimmen damit ein in jenen Abgesang, den schon die Philosophen sangen. Aber haben die wirklich recht? In der deutschen Sprache wird der Begriff „Glück“ in zwei sehr unterschiedlichen Bedeutungen gebraucht:

1. Glück im Sinne von „Glück haben“
2. Glück im Sinne von „Glück empfinden“

Und mit „Glück empfinden“, haben viele Menschen ein Problem. In vielen Diskussionen der letzten Wochen, ist mir die negative Grundhaltung der Menschen aufgefallen. Zynisch-verbitterte Kommentare zu Beiträgen, haben mich nachdenklich gemacht. Liegt es wirklich nur an der Jahreszeit, oder ist es allgemeine Geisteshaltung? Sind die Deutschen ein Volk von Heulsusen geworden? Und war das schon immer so?

Nun ist es Fakt, dass Sonne und Licht das Wohlbefinden steigern. Die positiven Emotionen steigen, mit der Länge der Tage. Im Winter gibt es nur Dämmerlicht. Der Philosoph Aristoteles hat einst gesagt, dass der Mensch durch sein Handeln zu seinem Glück selbst beitragen kann. Also zünde ich im Winter eine Kerze an. Wo ist das Problem?

„Aber das ist doch kein Glück!“, höre ich nun meine LeserInnen sagen. „Glück hast du, wenn du im Lotto gewinnst. Oder, wenn du wie in deinem Fall, ein gutes Leben hast.“
Was dabei übersehen wird und was ich nicht oft genug betonen kann, ich habe in beiden Fällen aktiv zu diesem Glück beigetragen. Weder kann ich auf einen Lottogewinn hoffen, ohne eine Zahlenreihe zu tippen, noch wird das Leben mich verwöhnen, ohne den Schritt nach vorn. So und nicht anders funktioniert „Glück.“

Der Philosoph Demorkit nennt Freude und Frohsinn die einzig wahre Glückseligkeit. Und schon haben viele Menschen ein neues Problem.
„Wie soll ich Freude empfinden, wenn das Geld nie reicht“, höre ich. „Und ohne PartnerIn kann ich nicht glücklich sein!“
In beiden Fällen sind diese Menschen fremdbestimmt. Sie machen ihr Glück an anderen Faktoren fest. Und das wird so nicht funktionieren.

„Glück liegt in den Genen“, habe ich bereits gehört. Aber niemand wird als Glückskind geboren. Das gibt es nur im Märchen. Glück, glücklich sein, erfordert oft harte Arbeit. Den Zustand zu halten, aber noch viel mehr. Ein allzu glücklicher Mensch versinke schnell in Langeweile, haben Philosophen gesagt. Und da muss ich entschieden widersprechen.

Pascal Bruckner will das Glück entlarvt haben. In seinem Buch „Verdammt zum Glück“ gibt er sich skeptisch, ob der Begriff „Glück“ nicht völlig ausgehöhlt sei. Ein leeres Wort, ohne jeden Sinn. Das Streben nach Glück sei zum Diktat geworden und seine Erfüllung werde nur noch an äußeren Standards, wie Schönheit und Konsumgütern, gemessen.

Arthur Schopenhauer hält es für einen Irrtum, glücklich werden zu wollen. Nur durch Ausbildung der eigenen Persönlichkeit, durch Anstrengung und durch geistigen Reichtum sei das Dasein zu ertragen, hat er gesagt. “Es gibt keinen Weg zum Glück. Glücklich sein ist der Weg”, hat Buddha gesagt. Und der war weiser, als alle Philosophen.

Nun bin ich keine Philosophin, aber ich habe (m)eine eigene Philosphie. Mein Leben dreht sich nicht im Kreis und ich jage keinem Glück hinterher. Ich lebe mein Leben aktiv. Mit Elfe. Und das ist mein Glück.

Wer mehr über Glück lesen möchte, der darf gern auch diesen Beitrag lesen: Ich kann nicht glücklich sein!

Ich geb Gas – Ich will Spaß! (Teil 3)

Hand in Hand gehen wir in einen neuen Morgen. Symbolträchtig und in trauter Zweisamkeit. Wie Zuckerguss bedeckt der Schnee das Land. Ein Bild des Friedens.
Der gleiche Frieden ist auch in mir. Hier und jetzt muss ich nicht kämpfen.
Wir reden. Über uns und unser Leben. Über Pläne und Ziele, den Weg zum Glück.
Plötzlich lässt mich Yuki los und wirft Schnee nach mir.
Ausgelassen tollen wir durch die weiße Pracht. Es gibt keine Siegerin. Nach wenigen Minuten sehen wir beide wie eine Yuki-onna aus. Der Spaziergang in der Kälte hat uns gut getan. Wir sollten das viel öfter machen. An der frischen Luft denkt es sich viel besser. Worüber wir geredet haben werde ich in einem anderen Beitrag schreiben, der wieder richtig vernünftig wird. Versprochen!
„Ich habe Hunger“, sagt Yuki. „Wollen wir frühstücken gehen?“

Zurück im Hotel treffen wir auf Graf Werner. Er winkt uns freundlich zu
„Wir gehen Skifahren, kommen Sie mit?“
Aber wir haben andere Pläne.
„Schade“, sagt er und verabschiedet sich. „Und denken Sie daran mich zu besuchen, wenn Sie in Hamburg sind.“
Wir zahlen und fahren los. Durch Winter, Sonne und Schnee. Leben pur. Ich liebe es.
Die Reise reißt ein dickes Loch in unser Budget. Vernunft ist anders.
Wie gut, dass es noch meine Eltern gibt und deren finanzielle Hilfe. Ich nutze sie nie aus, das habe ich nie getan. Aber Geld erleichtert viele Dinge. Und ich bin dankbar dafür.

Ich muss an die Bloggerin Charlotte denken. Sie erlebt täglich Natur pur hier in der Schweiz. Fast bin ich neidisch und muss ihr das unbedingt sagen.
Aber ist das Gras auf der anderen Seite des Meeres nicht immer etwas grüner?
Auf youtube habe ich das Lied von Markus gefunden. „Ich will Spaß, ich will Spaß“, krächzt er aus dem Handy.
Wir müssen lachen. Spaß, den haben wir.
Kugelblitze und Raketen heißt das Album.
Steht Golf R für Rakete? Das werden wir dann sehen.

Wir cruisen durch ein von Kälte erstarrtes Land. Malerisch, verzaubert liegen Wald und Flur. Und majestätisch erheben sich die Berge.
Snow Patrol „Chasing Cars“ läuft im Radio. „Let’s waste time“, höre ich.
Nein, wir verschwenden keine Zeit. Zeit ist ein zu kostbares Gut. Zeit wissen wir immer gut zu nutzen. Wichtig ist, dass wir zusammen sind.
Wir fahren zurück nach Deutschland, verlassen die schöne Schweiz.
Der Golf darf endlich zeigen, was wirklich in ihm steckt. Aber R steht nicht für Rakete, bei 250 km/h ist mit dem Vortrieb Schluss. Und doch hat der Wagen Flair. Aber fast 40.000 Euro ist uns der Spaß nicht wert. Woher sollten wir die auch nehmen?
Manchmal heißt es vernünftig sein.

Warum auch immer kommt mir die Ralleyfahrerin Jutta Kleinschmidt in den Sinn. Sie war eine der Heldinnen meiner Teenagerzeit. Eine starke Frau in einer von Männern dominierten Welt. Und die erste Frau, die jemals die Ralley Paris-Dakkar gewonnen hat. Vielleicht steht beim Golf das R für Ralley. Ich sollte das bei Gelegenheit testen. Lust hätte ich dazu.
Noch einmal denke ich an die Schweiz zurück, an den Winter. Wie schön wäre es in einem fremden Land einfach abzutauchen. Eine Weile nichts tun außer Schreiben.
„Bring doch deine Haikus endlich als Buch raus“, sagt Yuki. „Ich helfe dir dabei. Und deine Texte schauen wir auch alle durch. Die kombinieren wir dann mit deinem Blog zu einem Buch mit Kurzgeschichten.“
Vor Jahren hatte ich diese Idee selbst gehabt, aber lange wieder verworfen. Ich bin keine Schriftstellerin, das bilde ich mir nicht ein.
„Stimmt, du bist doof“, sagt Yuki. „Und jetzt gib endlich Gas. Oder lass mich ans Steuer.“
Natürlich höre ich auf sie. Yuki fährt wirklich gut. Nur anders. Vernunft regiert bei ihr.

Yuki schaut mit dem Handy nach Mails.
„Wir bekommen in den nähsten Wochen einen BWM 235i zum Test“. lässt sie mich wissen. „3 Liter Hubraum, 326 PS, 450 Nm, 250 Spitze. In Rot! Wie gefällt dir das?“
Ich bin sofort begeistert und trete spontan das Gaspedal durch.
Der Golf stürmt los und röhrt vor Freude.
Yuki lacht.
Vernunft ist anders.

Wir suchen auch in Deutschland die Natur und parken den Raketengolf am Waldrand. Fuchs und Hase sagen sich hier gute Nacht. Das mögen wir.
Mein Handy klingelt. Es ist mein Lieblingscousin Ken. Er fragt wie es uns geht und ob wir nicht endlich Kinder wollen.
Ich beschimpfe ihn aus Spaß und höre sein Lachen. Er ist wirklich ein verrückter Kerl.
Als ich ihm vom Golf erzähle will er alles wissen. Ich muss Bilder machen und ihm schicken.
Ken ist völlig aus dem Häuschen, aber als er den Preis des Wagens hört schweigt er betroffen.
Unvernunft hat ihren Preis.

Ken kündigt an im März wieder in Deutschland zu sein. Er hat die Bilder seiner letzten Reise gut verkauft und etwas Geld gemacht.
Ich freue mich. Diesmal werden wir auch zusammen ins Training gehen.
Kaum hat Ken aufgelegt, als das Handy wieder klingelt.
Es ist Ilka, die Juristin. Sie lädt uns für kommendes Wochenende zum Abendessen ein, denn sie hat etwas zu feiern. Der Grund heißt immer noch Amelie.
Auch das freut mich und ich gönne ihr das Glück von Herzen.
Ich starte den Golf und gebe Gas. Im Tiefflug nach Hause. Ein letztes Mal Unvernunft, ein letztes Mal Fahrspaß pur.

„Ich geb Gas – Ich will Spaß!“, hat Markus vor mehr als 30 Jahren gesungen. Manchmal können auch Männer ganz (un)vernünftig sein.

Ich geb Gas – Ich will Spaß (Teil 2)

Es ist richtig kalt in Obergoms! Minus 15 Grad verschlagen uns den Atem. Der Golf steht verloren zwischen protzigen Allrad-SUV und fällt trotzdem sofort auf.
„Kann man den schon kaufen?“, spricht uns ein dick vermummter Mann an.
„Weiß ich nicht“, erwidere ich wahrheitsgemäß. Das ist kein Serienwagen.“
Ein Lächeln erscheint auf dem Gesicht des Mannes, eisgraue Haare schauen unter der Mütze hervor.
„Ich hatte vor vielen Jahren einen GTI“, erzählt er uns. „Einen Golf 1 mit 110 PS! Das war 1976, ich glaube da waren Sie noch nicht auf der Welt.“
Das Eis ist gebrochen, der Mann ist keine Gefahr. Er ist schon 75 Jahre alt, wie ich später erfahre und doch noch voller Lebenslust. Aber auf uns steht er nicht.
Er wohnt wie wir im gleichen Hotel und lädt uns auf eine heiße Schokolade ein.
Ich tausche einen Blick mit Yuki. Als sie nickt nehme ich an.
Wir checken zuerst ein und bringen unsere Taschen aufs Zimmer.
Im hoteleigenen Café wartet der Mann auf uns. Neben ihm sitzt eine ältere Frau. Wasserblaue Augen schauen uns neugierig an. Die Frau muss früher wunderschön gewesen sein. Und selbst mit ihren 71 Jahren sieht sie noch immer sehr gut aus. Angelika heißt sie und hat ihrem Mann vier Kinder geboren. Eigentlich ist sie Juristin, aber hat den Beruf nie ausgeübt.
„Werner hat mich von der Universität weg geheiratet“, erzählt sie schmunzelnd. „Damals war ich mit unserem ersten Sohn schwanger.“

Wir unterhalten uns eine Weile. Yuki und ich fühlen uns bei dem Ehepaar wohl. Sie strahlen Ruhe aus, blicken auf ein langes, erfülltes Leben zurück. Werner ist ein Unternehmer aus Hamburg und auch in seinem Alter noch im Geschäft. Adelig. Eigentlich heißt er Werner Graf von … Nein, ich nenne den richtigen Namen nicht. Und Werner ist auch von mir geändert.
Stolz zeigt er uns durchs Fenster seinen Porsche Cayenne.
„550 PS, 283 km/h Spitze. Firmenwagen versteht sich.“
Er zwinkert uns verschwörerisch zu und seine Frau schüttelt den Kopf
„Passen Sie nur auf“, sagt sie. „Sonst erzählt er wieder stundenlang.“
„Ich mag Autos gern“, sage ich. „Privat fahren wir einen normalen Toyota. Aber wer will schon immer nur vernünftig sein?“
„Richtig!“, ruft Werner begeistert und nippt an der heißen Schokolade.
Das Ehepaar ist überraschend normal und aufgeschlossen. Vor allem geistig jung geblieben. Die Zeit vergeht wie im Flug.
Angelika und Yuki sprechen über Kinder, Haushalt und Zukunftspläne.
Ich erzähle Werner von dem Boliden. Ihm kann ich den Namen des Modells nennen, hier im Blog darf ich das nicht. Seine Augen leuchten, als ich die 320 km/h Spitze erwähne.
Dann winkt er ab.
„Ich kann nur noch SUV fahren“, erklärt er mir. Meine Bandscheiben mögen die tiefen Sitze in Sportwagen nicht. Und meine Frau findet den Cayenne auch viel besser.“
Agelika legt ihre Hand auf seine.
„Wie lange sind Sie schon verheiratet?“, will ich wissen.
„Im Sommer werden es 45 Jahre“, sagt Werner stolz.
Er drückt die Hand seiner Frau.
„Im Gegensatz zu den meisten Männern vergesse ich so etwas nicht.“
Plötzlich greift er zum Autoschlüssel.
„Haben Sie Lust den Cayenne zu fahren?“, will er wissen und steht auf. „Kommen Sie, wir drehen eine Runde.“
Yuki nickt mir zu. „Geh nur“, sagt sie leise.

Im Cayenne fühle ich mich sofort an den Boliden erinnert. Kein Wunder, unter der Motorhaube werkelt der gleiche Motor. Aber mehr verrate ich nicht. Im Vergleich zum Porsche ist selbst der Golf R ein Witz. Nicht nur preislich. Den Golf haben sie bei 250 km/h abgeregelt. Aus Gründen der Vernunft.
Graf Werner muss darüber lachen, während  wir durch die winterlichen Straßen fahren.
„Die Sperre kann man entfernen“, lässt er mich wissen. „Das ist kein Problem. Aber VW darf Porsche keine Konkurrenz machen. Kann ja nicht sein, dass der R den S schlägt. Aber die 300 PS reichen bestimmt für 280 km/h.“
Wieder zwinkert er mir verschwörerisch zu. „Wollen Sie es versuchen? Ich zahle den Umbau, eine Werkstatt findet sich bestimmt.“
Ich muss ablehnen. Aus Gründen der Vernunft. Leider.

Der Cayenne fährt sich angenehm und viel entspannter als der Golf. Kraft im Überfluss, Selbstbewusstsein pur. Und dieser nur als martialisch zu bezeichnende Motorklang lässt mein Herz vor Freude hüpfen. 550 PS gelenkt von einer Mayumi-Stärke. Das hat einfach was, das ist stark. Ich fahre zum Hotel zurück und spüre den Wunsch des Grafen. Ausgesprochen hat er ihn nicht. Aber ich kann in seinem Gesicht lesen. Kein Problem, auch der Golf soll nun geadelt werden. Vorsichtig steigt der Unternehmer ein.
„Sagen Sie es bloß nicht meiner Frau“, bittet er. „Sie ist immer so besorgt um mich.“
Wir drehen die gleiche Runde. Altes Herz wird wieder jung. Die Bandscheiben halten. Ich mag den alten Mann, er erinnert mich an meinen Vater. Meine Großeltern habe ich leider nie gekannt. Gas geben kann Graf Werner nicht, aber er hat trotzdem Spaß. Vernünftig sein ist für Spaßbremsen.

Im Hotel verabschieden wir uns, das Ehepaar wünscht uns einen schönen Aufenthalt.
Ich habe Graf Werners Visitenkarte.
„Melden Sie sich, wenn Sie mal in Hamburg sind“, hat er gesagt. „Das ist keine Floskel, ich meine was ich sage.“
Und ich glaube ihm.
Yuki erzählt mir von ihrem Gespräch mit Werners Frau.
„Sie hat nicht gewusst, dass wir zusammen sind. Aber es hat sie nicht gestört.“
„Mich stört es auch nicht, Elfchen“, sage ich und gebe ihr einen Kuss.
Wir verbummeln den Rest des Tages und gehen früh zu Bett. Lange vor Sonnenaufgang stehen wir auf und machen einen Spaziergang im Schnee. Vernunft ist anders. Aber davon berichte ich ein anderes Mal.

Fortsetzung folgt …

Fest der Liebe – Fest der Einsamkeit?

Weihnachten ist vorbei und damit hoffentlich so manche trübe Stimmung. Und in diesem Jahr fiel mir die besonders auf. Die Welt, die Menschen sind alle trübselig geworden. Und ich frage mich warum. Aber noch etwas fällt mir immer wieder auf, der Hang zur Gewalt. Das ausgerechnet von mir, der „Karate-Chick“ zu hören, muss so manchem Leser seltsam erscheinen. Aber weder bin ich aggressiv, noch selbstzerstörerisch. Ich lasse mir lediglich wenig gefallen und mische mich gern ein.

Das ist nun kein Blogeintrag über Gewalt. Nur über die Einsamkeit von Menschen. Und was daraus entsteht. Um es gleich zu sagen: Blogs sind großartig! Ich mag diese Form der Kommunikation sehr. Wie sich mein Blog entwickelt hat dagegen nicht. Aber das ist eine andere Sache über die ich noch referieren werde.

Mir als Buddhistin gibt dieses Fest schon immer sehr viel. Und auch meinen Eltern. Wir mögen diese Tradition und pflegen sie seit vielen Jahren. Intensiv und fröhlich. So, wie es sich gehört. Aber damit stehen wir oft allein auf weiter Flur. Der oft trübe, sonnenlose Herbst überzieht die Menschen mit dem „Blues.“ Ohne Sonne werden sie melancholisch, bissig, gereizt. Und dann kommt noch dieses Weihnachten …

Viele schreien nun ihre Einsamkeit in die Foren und Blogs dieser Welt. Suhlen sich im Selbstmitleid und heischen nach Zuwendung ihrer Online-Freunde. Jeden Tag werden die Einträge düsterer, trauriger. Und das Meer der Tränen tiefer. Ist es nicht toll, wie so mancher darin baden kann? Der Mangel an Liebe, Sex, Gefühlen macht die Leute wirr. Mann und Frau greift zur Pille, oder dem Alkohol. Oder einer Kombination. Zugedröhnt bis über beide Ohren wird die Welt erträglicher.

Dann gibt es die Clowns. Die, die (scheinbar) immer lustig sind.
„Schaut, wie gut ich drauf bin!“, schreiben sie. „Mir geht es prima, alles ist supergut.“
Bullshit, sage ich. Dieser Typ ist der wahre Künstler. Alles nur Lüge, alles nur Fassade. Denn immer macht der (Grund)Ton auch die Musik. Und ich kann zwischen den Zeilen lesen.
Warum auch immer, haben sie die Hölle der Einsamkeit gewählt und verlernt, sich sinnvoll zu beschäftigen. Statt den Kontakt mit der Außenwelt zu suchen sitzen sie nur vor dem Computer. Tippen wirre Zeilen.

Einsamkeit ist ein selbst gemachtes Mangelgefühl. Die Menschen verharren in Agonie. Unfähig sich zu bewegen. Und ich frage mich warum?
Das ist nur jammern auf hohem Niveau!
„Geht raus in die Welt“, möchte ich rufen. „Helft denen, die wirklich Hilfe brauchen!“
Egal ob Obdachlose, oder Waisenkinder. Das sind die wirklich Bedürftigen dieser Welt. Nicht vor Selbstmitleid triefende Egozentriker.

Die Menschen sollten nicht immer danach fragen, was sie brauchen. Fragt nach, was andere Menschen brauchen! Bringt euch ein. Bewegt euren Hintern weg von der Couch. Wer Zuwendung möchte sollte vor allem lernen, sie auch selbst zu geben. GEBEN! Okay? Denn wer gibt, der wird bekommen. Und wenn es nur das strahlende Lächeln eines Kindes ist. Aber ist das nicht schon genug?

Ich weiß, das waren harte, aber ehrliche Worte. Gewöhnt euch besser daran. Fangt 2014 mit einem Lächeln an. Das wünsche ich mir. Guten Rutsch ihr da draußen. GUT, hört ihr?