Der Schlangenbiss

Der Schüler eines großen Samurai ging nach dem Training nach Hause. Es war schon spät und der Junge müde. Also beschloss er, die Abkürzung durch den Wald zu gehen. Seine kleine Laterne spendete nur wenig Licht. Bevor er sich versah trat er auf eine Schlange, die ihn prompt biss.

Voller Panik lief der Schüler zu seinem Meister zurück. „Hilf mir, Sensei“, rief er schon von draußen, „eine Schlange hat mich im Wald gebissen!“ Der Samurai sah sich die Wunde an, die zwar schmerzhaft, aber harmlos war. Keine Spur von Gift.

Er behandelte seinen Schüler und gab ihm Medizin. Sofort fühlte der Junge sich besser. Aber die Angst blieb. „Sensei“, bat er, „kannst du mich nicht nach Hause bringen? Ich habe Angst, dass mich die Schlange wieder beißt.“

Der Samurai ging in die Küche und kochte Tee, den er in aller Seelenruhe trank. Als die Tasse leer war sah er seinen Schüler lange an. „Es gibt immer mehrere Wege, die uns ans Ziel führen“, sagte er. Ist es weise in der Finsternis durch den Wald zu gehen?“

Der Schüler schämte sich, als er die Worte hörte und ging den längeren Weg nach Hause. Dort gab es Fackeln und in vielen Häusern brannte noch Licht. Freudestrahlend kam er am nächsten Tag zum Training. „Danke, Sensei“, sagte er und verbeugte sich. „Du hast mein Leben gerettet.“

Aber nach dem Training kam seine Angst zurück und als die anderen Schüler gegangen waren, bat er den Samurai erneut um Rat. „Sensei“, sagte er, „was mache ich, wenn ich noch einmal einer Schlange begegne und die vielleicht giftig ist?“

„Wenn du ihr nicht aus dem Weg gehen kannst“, erwiderte der Samurai, „schlägst du ihr ohne zu zögern den Kopf ab. Aber entscheiden musst du, was besser für dich ist.“

Werbeanzeigen

Sei du selbst!

Weisheit bezeichnet vorrangig ein tiefgehendes Verständnis von Zusammenhängen in Natur, Leben und Gesellschaft sowie die Fähigkeit, bei Problemen und Herausforderungen die jeweils schlüssigste und sinnvollste Handlungsweise zu identifizieren. (Quelle Wikipedia)

Auf der Suche nach Weisheit leben Menschen als Eremit, oder gehen auf große Pilgerfahrt. Sie fasten vielleicht, oder legen Schweigegelübde ab. Aber macht das alles Sinn? Als kleines Mädchen habe ich viele Fragen gestellt, die meist mein Vater beantwortet hat. „Was ist Zen?“, wollte ich wissen. „Wie lerne ich das? Warum muss ich still sitzen?“

„Magst du lieber nach draußen gehen und laufen?“, hat er mich gefragt. Als ich bejahe, haben wir uns umgezogen und einen Waldlauf gemacht. Danach war es zu spät für die Karate Stunde. Und ich habe eine Lektion gelernt. Am nächsten Tag sind wir nicht gelaufen und haben meditiert und Karate geübt.

Laut meinem Vater soll ich die ausgefallene Stunde um Mitternacht und im Pyjama eigenständig nachgeholt haben. Meine Mutter und er haben mich dann schlafend im Keller-Dojo entdeckt und mich ins Bett gebracht. Damals war ich sechs Jahre alt. Und mein Vater hat eine Lektion gelernt.

Zen-Buddhismus, der japanische Weg, kann nie mit Gewalt vermittelt werden. Zen-Buddhismus zu verstehen, ist eine Lebensaufgabe. Manche scheitern gleich zu Beginn. Bevor jemand Zen studiert, sind Berge einfach Berge und Wasser ist Wasser. Das ist so, daran gibt es nichts zu ändern.

Aber Zen-Schüler sind klug und nach einem ersten Blick in die Wahrheit des Zen sind Berge nicht mehr Berge, und Wasser ist nicht länger Wasser. Plötzlich sind sie durchdrungen von spirituellen Wahrheiten und einem tieferen Sinn. Wird aus einem Schüler ein Meister, der Erleuchtung erreicht, sind Berge wieder Berge, und Wasser ist wieder Wasser. Das ist so, daran gibt es nichts zu ändern.

In vielen Filmen und Darstellungen sieht man scheinbar hochvergeistigte Mönche, die würdevoll durch alte Tempel schreiten. Keine Mine regt sich in ihrem Gesicht, das wie aus Stein gemeißelt wirkt. Und dann taucht der Dalai Lama im Fernsehen auf und räumt lachend mit diesem Unsinn auf.

Zwar ist der Dalai Lama kein Zen-Buddhist, aber er gilt als die Respektperson unter allen Buddhisten. JapanerInnen kennen mehrere Religionen. Japaner vermischen Shintoismus, Buddhismus und christliche Elemente zu einer eigenen Form des Glaubens. Und über allem schwebt augenzwinkernder Humor.

Diesen Humor, habe ich schon als Kind in christlichen Kirchen vermisst. Warum muss ich mich vor einem Gott fürchten? Kein Buddhist fürchtet Buddha. Der hätte über diese Vorstellung schallend gelacht.

Gefragt was es bedeutet Buddha zu sein, hat der japanische Zen-Meister Kodo Sawaki folgendes gesagt. „Buddha zu sein bedeutet ganz du selbst zu sein – hier und jetzt. Ganz in diesem Moment zu sein. Ganz eins zu sein mit dem, was du tust. An diesem Ort ganz eins zu sein mit allen Aspekten deines täglichen Lebens.“

Den meisten Menschen wird das nie gelingen. Eingespannt, in den unerträglichen Lärm der Zivilisation, vergeuden sie ihr wahres Potenzial. Vielleicht streben sie nach Macht, Reichtum und Besitz. Vielleicht danach, wie ihre Idole zu sein. Aber Idole fallen oft vom Sockel, auf den Menschen sie gestellt haben. „Ich will besser sein!“, sagt der Herausforderer zum Weltmeister. Aber der Gegner ist immer das eigene Ich. Das gilt es zu überwinden.

„Ich will wie du sein!“, habe ich als Mädchen zu meinem Vater gesagt und tapfer Karate geübt. Sein Lächeln habe ich damals nicht verstanden und auch seine Worte gaben mir Rätsel auf. „Warum willst du wie ich sein, wenn du du selbst sein kannst“, hat er gesagt.

Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit

Der Satz „Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit“ ist den meisten Menschen als Eidesformel bekannt. Meist aus Filmen, denn Staatsanwälte küsst man nicht. Aber mit der Wahrheit nehmen es manche Menschen nicht so genau. Sie erfinden sich und ihr Leben täglich neu. Über die Gründe habe ich mir schon oft Gedanken gemacht. Zwanghafte Lügener sind meiner Meinung genau das: von einem Zwang getrieben. Sie brauchen Hilfe. Selbst bei sogenannten Notlügen habe ich meine Zweifel. Müssen sie wirklich sein?

„Schatz, ich habe Kopfweh“, sagt Frau, wenn der Begatter Sex von ihr will.
Die Frau kann ich als Lesbe gut verstehen. Gut heißen muss ich diese Lüge nicht.
Anders sieht das vielleicht bei der besten Freundin aus.
„Findest du meinen Rock so okay?“, will sie wissen. „Ist er nicht zu kurz?“
Ich halte nichts von Lügen. Und kurze Röcke mag ich auch. Also werde ich sie ehrlich bestätigen und mir die hübschen Beine betrachten. Und passt er nicht, so werde ich das ebenfalls sagen. Offen, schonungslos.

Über Wahrheit und Lügen wird oft heftig diskutiert. Ich rede niemand nach dem Mund, das liegt mir nicht. Das durften nicht nur Männer erfahren. Wer um (m)eine Meinung bittet, wird sie auch bekommen. Hart, aber fair. Hypersensible, egozentrische SelbstdarstellerInnen sollten eine solche Frage besser vermeiden.

Ehrlichkeit ist für mich die Essenz einer stabilen Beziehung. Umso besser, wenn daraus eine Diskussion entsteht. Das fördert das Miteinander. Yuki und ich belügen uns nicht. Wir haben kein Kopfweh und kennen keine Sprachlosigkeit. Nur zu ihrem Weihnachtsgeschenk werde ich, auch unter Androhung von Kitzelfolter, nichts weiter sagen. Gelogen ist das nicht.

Die Notlüge vermeide Konflikte, sagte eine Freundin. Ihrer Meinung nach könne eine Lüge den Frieden und das harmonische Zusammenleben einer Gruppe sichern. Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit nütze keinem. Voraussetzung sei, dass die Notlüge niemandem schade, sondern Schaden verhindere.

Und dann gibt es die buddhistische Weisheit, die durchaus nachdenklich machen kann:

„Es gibt drei Wahrheiten: Meine Wahrheit, deine Wahrheit und die Wahrheit.“

Wo hört nun die Lüge auf und fängt (d)eine Wahrheit an?