Leipziger Allerlei

Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen. (Heinrich Heine)

Warum dieses Zitat, warum die kulinarische Überschrift? Beides hat den einfachen Grund, dass wir am letzten Wochenende auf der Leipziger Buchmesse waren und fröhlich durch schier endlose Hallen gewandert sind.

Yukis üblichen Rucksack hat man(n) freundlich kontrolliert. Klar, wir sahen wenig gefährlich aus. Der Aufkleber der GRÜNEN prangt dort noch immer, die verblassende Erinnerung an eine andere Zeit. „Wehe du kaufst wieder 100 Bücher“, hat sie im Scherz gesagt. Ich gestehe, es waren (keine!) nur 99.

Verlage gegen … wen oder was?

Über die Buchmesse ist im Vorfeld viel geschrieben worden. 200 Verlage und Buchhändler haben eine Petition gegen „Rechte Verlage“ unterzeichnet. Liest man das, schaut man sich die Hype der Medien an, tauchen hunderte von Braunhemden vor dem geistigen Auge auf. Die Wahrheit sieht anders aus.

Es ist genau dieser Rauch um Nichts, den ich massiv kritisiere. Zwei Verlage, zwei Stände, die wenige Quadratmeter hatten, standen einfach da und haben mehr Aufmerksamkeit bekommen, als ein renommierter Verlag. Das war kostenlose Werbung, was also sollte das?

Die Leipziger Buchmesse ist ca. 100.000 qm groß. Die Zeitschrift COMPACT und der Antaios-Verlag, genau die bösen Verlage um die es ging, belegten einige wenige qm. Wo war nun die verbreitete Gefahr? Ach so, deren Bücher! Klar, verbrennen wir die doch!

So etwas wie moralische oder unmoralische Bücher gibt es nicht. Bücher sind gut oder schlecht geschrieben. Weiter nichts. (Oscar Wilde)

Verharmlose ich? Muss man nicht „den Anfängen wehren?“ Ja, den Anfängen einer unterdrückten Meinungsfreiheit. Jeder hat das Recht seine Meinung zu vertreten, ob das nun jemand passt oder nicht. Der Öffentlichkeit das Märchen vorzugaukeln, dass massenhaft „Rechte Verlage“ auf der Messe gäbe, wirft einmal mehr ein schlechtes Licht auf die Presse. Willkommen in der deutschen Realität.

Der Samurai und die Elfen

Auf dem Parkplatz angekommen hält neben uns ein älterer Golf, den drei Elfen und ein Samurai entsteigen. Cosplayer, auch sie sind auf der Messe vertreten. „Seid ihr vielleicht Japanerinnen?“, fragt ein Mädel mit rosa Perücke hoffnungsvoll, was mir den Satz „Nix för onjot, ech bin e rechteg Düsseldorwer Mädche“, entlockt. Ob die das verstehen?

Gelächter folgt und der Satz „Mir sin us Kölle!“ „Hört nicht auf die“, meldet sich nun Yuki. „I schwätz schwäbisch, I bin a Schwobamädle.“ Die Cosplayer sind hellauf begeistert und überhäufen uns mit Fragen. Wir beschließen gemeinsam zur Messe zu gehen.

Ich war schon immer neugierig auf Menschen und bekomme problemlos Kontakt. Yuki tut sich deutlich schwerer, das ist ihre japanisch-schwäbische Art. Auch in Japan haben wir unseren Bekanntenkreis aufgestockt und haben versucht den Leuten schwäbisch beizubringen. Ich glaube die üben immer noch.

Wir verbringen etwas Zeit mit der kleinen Truppe. Sie alle lieben Japan und versuchen sich auch mit der Sprache. Wir geben Tipps und alle freuen sich. Sven, der ein selbst zusammengeschustertes Samurai-Outfit trägt, will unbedingt etwas über Schwerkampf wissen. Beiläufig hatte ich meinen Hintergrund erwähnt.

Ich demonstriere ihm, wie das Schwert richtig zu halten ist und gebe ihm noch die Adresse eines wirklich guten Dojos. Aus Dankbarkeit schenkt er mir einen Manga. Wir verabschieden uns schließlich und gehen unseren Weg, als plötzlich mein Handy klingelt.

And Simone said …

Die Anruferin ist Simone, die Enkelin von Graf Werner. Einige LeserInnen werden sich vielleicht an ihn erinnern. Simone hat ein großes Problem und keine Lösung. „Mein bester Mitarbeiter hat vor einigen Wochen auf ziemlich schäbige Art gekündigt“, lässt sie mich wissen. „Er ist mit äußerst sensiblen Daten weg.“

„Was sagt die Polizei?“, will ich wissen. „Du hast ihn doch hoffentlich angezeigt?“ „Natürlich, er hat ein Ticket nach Shanghai gebucht. Die Ermittlungen laufen noch. Aber das zu wissen hilft mir wenig, ich brauche dringend Ersatz und eine Idee, wie ich eine Katastrophe verhindern kann. Wenn die Daten in die falschen Hände gelangen …! Opa Werner sagte mir, dass du wieder in Deutschland bist und nächste Woche nach Hamburg kommst. Ob du mir vielleicht helfen könntest?“

Ich überlege kurz. Mein Termin bei Graf Werner wird am Montag sein. Es geht um die Rückübertragung der Tuning-Schmiede an Yukis Vater. Es war Graf Werner, der die Firma vor dem Konkurs gerettet hat. „Ich behalte 25 Prozent“, schlägt er vor, wir werden uns schon einig.“ „Ab Dienstag hätten wir Zeit“, sage ich.

„Das ist perfekt“, sagt Simone. Ihre Stimme klingt erleichtert. „Ich habe einige Bewerber für die Stelle und auch schon einen Profiler engagiert. Aber ich hätte dich trotzdem gern mit dabei. Du kennst dich doch mit Menschen aus.“

Profiler haben oft Psychologie studiert und setzen ihre Kenntnisse nun in der Wirtschaft ein, um geeignete BewerberInnen für hochsensible Stellen zu finden. Menschen zu analysieren hat auf den ersten Blick wenig mit BWL zu tun. Aber ich mir sicher, dass ich helfen kann. Immerhin habe ich schon mehrfach MitarbeiterInnen bewertet.

Ich informiere Yuki und sie nickt. In ihrem hübschen Köpfchen wird sie nun alles für den Trip vorbereiten. „Ich weiß genau was du wieder denkst“, sagt sie schmollend und lacht dabei, „aber eine muss ja den Überblick behalten. Sag, hast du Hunger?“

Der Freitag

Fürsorglich wie immer, hat Yuki Onigiri – japanische Reisbällchen und Mineralwasser eingepackt. „Schau mal“, sagt sie, „ist das nicht dieses Augstein-Blatt?“ „Der Freitag“, lese ich und nicke. „Magst du schauen?“ Sie schüttelt den Kopf, als wir auf drei AktivistInnen der Antifa treffen. Zumindest ihre T-Shirts weisen sie als solche aus.

„Ihr seid doch bestimmt auch gegen Nazis?“, fragt mich einer. „Oder sprecht ihr kein Deutsch? English maybe?“ Ich widerstehe der Versuchung die japanische Touristin zu geben. „Such dir eine Sprache aus“, erwidere ich nur. „Aber magst du mir bitte sagen, ob die Nazis als Zombies auferstanden sind? Ich habe noch keine gesehen.“

„Nee“, sagt mein Gegenüber, „wir meinen diesen rechten Antaios-Verlag.“ „Und was habt ihr da vor?“, will ich wissen. „Wollt ihr die mit brauner Farbe besprühen?“ Er will etwas sagen, aber verkneift es sich doch.

„Eigentlich wollen wir nur mal schauen“, sagt seine Begleiterin, „wir sind keine Aktivisten, wir sind von der SPD.“ „Das klingt schon viel besser“, erwidere ich. „Wollt ihr vielleicht mit dem Verleger diskutieren?“ Empörung pur steht nun auf ihren Gesichtern. „Wie bist du denn drauf, mit Nazis reden wir nicht!“

Alles Nazi(s)

„Die ganze Messe ist doch gegen diese Rechten“, fährt der Sprecher fort. „Jeder darf in Deutschland seine Meinung sagen“, unterbreche ich ihn. „Oder rufen die zum Massenmord an Gummibärchen auf? Die finde ich übrigens auch sehr lecker.“

„Verteidigst du die etwa?“, fragt er lauernd. „Brauchen die einen Verteidiger?“, will ich wissen. „Wer ist der Ankläger? Du?“ Er schnauft, ich habe einen ersten Sieg errungen. „Du bist doch bestimmt auch gegen Faschisten?“, versucht er eine andere Taktik. Aber die Frage hatte ich erwartet.

„Gibt es hier denn welche?“, kontere ich und deute auf seine T-Shirt. „Oder meinst du die Sturmtruppen der Antifa-SA?“ Er wird kreidebleich und schaut mich wütend an. „Wie … wie hast du uns genannt?“

„Wer vermummt sich denn feige und wirft Steine auf die Polizei“, will ich wissen. „Wer fackelt die Autos von normalen BürgerInnen ab und stellt halb Deutschland unter Generalverdacht? Wer skandiert ständig, dass es sich bei Deutschland um ein mieses Stück Scheiße handelt?“

„Das muss man aber differenziert sehen“, mischt sich nun das Mädel ein, der die Sache sichtlich unangenehm ist. „Wir haben mit dem Schwarzen Block nichts zu tun und lehnen Gewalt ab! Aber du musst doch zugeben, dass man etwas gegen diese Verlage unternehmen muss!“

„Was denn, willst du ihre Bücher verbrennen? Damit stellt ihr euch auf die gleiche Stufe, wie die Braunhemden damals. Warum versucht ihr nicht wenigstens eine Diskussion? Fällt es so schwer über den eigenen Schatten zu springen?“

Redeverbot

Meine Worte schneiden sich tief in die Seelen meiner Gegenüber. Gehe ich zu hart mit ihnen ins Gericht? „Die reden doch auch nicht mit uns“, höre ich, aber es klingt kleinlaut und wenig überzeugend. „Außerdem sind die gegen Ausländer!“

„Echt jetzt?“, frage ich amüsiert. „Wisst ihr was, wir gehen das jetzt testen. Ich wette um ein Abendessen, dass ihr auf dem Holzweg seid.“ Einhellige Ablehnung schlägt mir entgegen. „Wir … wollen das nicht.“ Das kurze Zögern erhärtet meinen Verdacht. Gibt es ein Redeverbot?

Ich erzähle von meinen Gesprächen mit AnhängerInnen der verschiedenen Parteien und das Yuki und ich vor einigen Jahren in Stuttgart mit den GRÜNEN auf der Straße gewesen sind, um für die Ehe für alle zu demonstrieren. „Ohne Diskurs hätte ich die Gegenargumente nie erfahren.“

Das Trio ist überrascht, aber wir steigen wieder merklich in ihrer Achtung. Sie wollen vorher noch zum Hanser-Verlag in Halle 4. Ein junger Mann rümpft die Nase, als wir in dem Sachbuch von Heinz Bude „Adorno für Ruinenkinder – Eine Geschichte von 1968“ blättern.

„Einfach mal reinlesen“, sage ich zu dem Naserümpfer. „Das ist mindestens so cool, wie deine COMPACT.“ Prompt wird er rot und versucht das Magazin zu verstecken. „Alles gut“, beruhige ich ihn, „wir sind keine radikalen Linken.“

Angst ist nur ein Gefühl

Er bleibt stehen, auf seinem T-Shirt prangt der preußische Adler. „Was steht denn da so drin?“, fragt er. Wir kommen ins Gespräch, er ist ein Aktivist. Seine Sprache ist gewählt, gutes Hochdeutsch mit leicht sächsischem Akzent. „Was habt ihr gegen uns?“, will er wissen.

Unsere Begleiter geben sich einen Ruck und zögernd werden Worte gewechselt. Schnell wird klar, man kennt die Ansichten des anderen nicht. Vieles bleibt vage, vieles hat man nur gehört. „Wir haben einfach Angst“, gesteht uns der junge Mann,„wir möchten unsere Heimat nicht verlieren.“

„Das ist doch schon wieder diese völkische Parole!“, giftet der Sprecher des Trios los. „Die gemeinsame Liebe zur Heimat kann genau das fehlende Bindeglied sein, um einer multikulturellen Gesellschaft den Weg in die Zukunft zu weisen“, sage ich. „Als geborene Japanerin mit deutscher Staatsangehörigkeit bin ich stolz darauf Deutsche zu sein. Ich liebe Deutschland! Das ist gesunder Patriotismus und den wird mir keiner nehmen.“

Leider bleibt es bei den wenigen Worten, das Misstrauen ist zu groß. Die Diskussion dreht sich im Kreis. Ich habe wenig Lust ständig die Vermittlerin zu spielen, gebe dem verfeindeten Quartett aber die Worte „Angst ist nur ein Gefühl“, mit. „Aber dieses Gefühl kann trügen. Trotz Angst den Diskurs zu suchen, das erfordert Mut.“

Bücherwürmer

In der Folgezeit betätigen wir uns als Bücherwürmer und laufen kreuz und quer durch die Messe. Plötzlich gibt es Gedränge vor Halle 5, die Worte fliegen. „Hier kommt keiner mehr rein!“, höre ich. Vor uns steht ein Antifa-Aktivist, der die Arme vor der Brust verschränkt. Zwar überragt er mich deutlich, aber vor Männern hatte ich noch niemals Angst.

„Dürfen wir bitte durch“, frage ich freundlich. Er fixiert mich und will mich niederstarren. Zehn Sekunden später gibt er auf. „Na geht halt“, sagt er und fügt leise hinzu „Kannst du böse schauen!“ Ja, das kann ich. Und?

„Es gibt kein Recht auf Nazipropaganda!“, „Nie wieder Deutschland!“, „Nazis raus!“, skandiert eine Antifa-Gruppe. „Sind die doof?“, fragt Yuki und erntet Lacher umstehender Menschen. „Aber sowas von!“, höre ich. „Denen sollte man mal den Hintern versohlen,“ sächselt ein älterer Mann. „Nein“, sage ich, „eher das Taschengeld streichen“, was mir Zustimmung einbringt.

Giftige Blicke streifen mich, aber keiner sagt ein Wort. Gegendemonstranten halten schweigend Schilder hoch, auf denen „Versager gegen Rechts“ zu lesen ist. „Was für ein Kindergarten“, meint Yuki. „Wollen wir weitergehen?“ 

Ich befürchte, dass es genau so weitergehen wird in Deutschland. Die Bestätigung kam bereits am Montag, als in Hamburg ein Teilnehmer der Anti-Merkel Demonstration krankenhausreif geprügelt worden ist. Die Polizei fahndet mit Fotos.

Bestätigt hat uns die Buchmesse einmal mehr, dass Bücher immer Spaß machen, Menschen aber noch mehr. Sie sind es, die Geschichte(n) schreiben. Vor allem wenn sie miteinander reden statt gegeneinander Parolen zu brüllen. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg.

Von allen Welten, die der Mensch erschaffen hat, ist die der Bücher die Gewaltigste. (Heinrich Heine)

 

Advertisements

Autoren heute – Zwischen Wortmagie und Banalität

Wir alle, die wir einen Blog betreiben, sind Autoren. Als Autoren werden für gewöhnlich Schriftsteller bezeichnet, die eigenständig und ohne direkten Auftrag kreativ arbeiten. Als Autor gilt der Urheber oder Schöpfer eines Werkes. Aber nicht jeder Autor schreibt perfekt. Zum Schreiben gehört neben Technik auch Talent. Daran mangelt es oft. Oder der Autor besitzt viel Talent, weiß aber nichts von der Technik des geschriebenen Wortes. Und da fangen oft die Missverständnisse an.

Eifersüchtig wird über den eigenen Beitrag gewacht und jede Kritik sofort im Keim erstickt. Thema verfehlt, setzen, durchgefallen. Als Autor muss ich dafür sorgen, dass mein Wort verstanden wird. Und ich muss offen für Kritik sein, wenn ich diese nicht explizit verneine. Nur warum verneine ich Kritik? Bin ich als Autor bereits so gut, dass ich keine Fehler mache? Die wenigsten Autoren sind begnadete Schreiber. Erst ein Lektorat macht aus dem Rohdiamanten einen Edelstein.

Nun ist ein Blog meist nur ein Blog und dort gibt es selten Literatur. Allenfalls gute Unterhaltung zwischen Küche, Kind und Job. Alles legitim, alles gut. Frage ich aber als Autor nach der Meinung meiner Leser, so sollte ich Kritik annehmen. Und genau das gelingt den meisten Menschen nicht. Sie sind begnadete Erzähler, aber sie zeigen mir kein Bild. Und ohne Bilder bleibt auch die Story auf der Strecke.

Ein Beispiel: „Der Himmel war grau. Es schneite.“ Als Leser habe ich nun Informationen erhalten. Da ich weiß, wie Schnee, oder ein grauer Himmel aussieht, kann ich mir ein Bild damit erstellen. Aber große Kunst ist das nicht. Der erste Satz eignet sich für ein Haiku, aber nicht für einen Roman. Und dass es schneit, hat mir der Autor auch nur erzählt. Er Autor sollte sich vorstellen seine Informationen mit einem Sehbehinderten zu teilen. Der kennt die Farbe grau, der kennt auch Schnee. Aber um wie viel bunter wird die Welt dieses Menschen werden, wenn man ihm gemalte Worte präsentiert?

Deutschland gilt als Land der Dichter und Denker. Aber davon kann ich nicht viel spüren. Die Zeit der großen Autoren und Philosophen scheint vorbei zu sein. Es ist allenfalls noch Mittelmaß, was aus deutschen Hirnen quillt. Trash-Kultur und Handy-Manie tragen ihren Teil dazu bei, um die Massen weiter zu verblöden. Und ein TV-Programm auf Kitsch-Niveau macht die Sache ebenfalls nicht besser. Aber ist Deutschland wirklich auf dem absteigenden Ast, wenn es um Dichter und Denker geht? Gibt es wirklich keine großen AutorInnen mehr?

Große Autoren werden gern in den Himmel gehoben und als moralisches Vorbild angesehen. Jeder Leser will so sein wie sie. Und genau das ist der Fehler. Die meisten Künstler sind schräg und etwas anders, als die Masse. Was sie in Büchern schreiben und wirklich meinen, hat oft wenig miteinander zu tun. Politische Schriftsteller sucht man meist vergebens. Der Zeitgeist hat sie heimgesucht und die Bequemlichkeit hat sie müde gemacht. Aus Denkern werden so oft nur gefällige Wortakrobaten, die uns halbgaren Einheitsbrei servieren. Würzig ist anders.

Schuld daran sind aber auch Verlage und das deutsche Schulsystem. Nur mühsam kam in Deutschland die Idee voran, Kurse für kreatives Schreiben einzuführen. Während in den USA ganze Generationen von Nachwuchsautoren bereits in der Schule gefördert werden, paukt man hierzulande BWL. Und das ist knochentrocken, wie die Schreiberin dieser Zeilen weiß. Verlage machen es sich heute einfach. Ihre Pförtner, Lektoren genannt, wachen mit Argusaugen über den Erfolg. Was nicht ins Programm passt wird einfach ignoriert.

Aber zurück zu den Autoren und Blogs, den Foren und der Facebook-Manie. Immer wieder begegnen mir dort Menschen, die sich von der Welt unverstanden fühlen. Wortreich versuchen sie sich zu artikulieren, aber kommen niemals auf den Punkt. Oft gehören sie zur Gruppe der „Anonymen Supermenschen“, die lediglich an ihrem Computer die Helden sind. Dort erstellen sie hochkomplizierte, oder nichtssagende Profile und klagen ihr Leid hinaus in die Welt. Sie hoffen auf rege Diskussionen, aber sie führen sie dann nicht. Das Problem dieser Spezies: Sie wissen selbst nicht, wer sie sind. Noch weniger, was sie wollen.

Ihrer Meinung nach sind sie das Maß aller Dinge und alle anderen müssen nun so sein, wie sie es gern hätten. Da das aber in der Regel nicht so ist, gibt es bald den ersten Streit. Wortreich werden Besucher der Seite belehrt, wie sie einen Beitrag zu sehen haben. Und da fange ich meist an zu lachen. Ein Gedicht steht für sich selbst. Ein Leser kann niemals die Intention des Autors erfassen. Er wird es immer auf seine Weise interpretieren. Was ist daran verkehrt?

„Du MUSST das so und so sehen weil …!“, wird dann geschrieben. Aber muss ich das? Ich lese Worte und fühle mich in einen Text. Aber kryptische Botschaften kann nur die NSA entschlüsseln. Und nur der Autor kennt seine eigene Intention. Gute Autoren vermögen Gefühle und Bilder zu vermitteln. Schlechten Schreibern fällt das schwer. Sie führen wahren Krieg gegen jeden, der sie nicht versteht. Immer sind die anderen schuld. Das Leben dieser Menschen ist eine einzige Schlingerfahrt. Sie drehen sich im Kreis wie ein Hund, der seinen Schwanz verfolgt. Hoffnungslos.

Nun ist es nicht jedem gegeben sich richtig auszudrücken. Manche brauchen einen halben Roman, statt etwas mit wenigen Sätzen präzise auf den Punkt zu bringen. Die Kunst des Haiku, oder Senryū hilft dabei. Ein Haiku schreiben ist nicht schwer. 5 – 7 – 5, ist keine Formel und auch keine magische Zahl. Und dann wieder doch. Mit Wortmagie erreicht man immer Leser. Aber nie mit Banalität.

 

Kurzgeschichten, Texte, Analysen

Ich hab’s getan, wie Frau es tut. Im Stehen und im Liegen. Ein Manuskript gelesen und analysiert. Was bitte habt ihr denn nun gedacht?

Alles beginnt in Düsseldorf, im Sommer vor 5 Jahren. Eine lustige Runde verrückter Mädels. Einige lesbisch, einige nicht. Aber alle gut gelaunt und auf der gleichen Wellenlänge. Zumindest was Kunst und Kultur betrifft. Monika kommt auf die Idee ein Buch zu schreiben. Über lesbisches Leben und die Liebe von Frau zu Frau. Für verrückte Ideen bin ich schnell zu begeistern. Also stimme ich zu ihr fertiges Manuskript zu lesen. Warum ausgerechnet ich mag sich so mancher Leser nun fragen. Die Antwort ist einfach: Weil ich (noch) viel besser (fremde) Texte analysieren, als eigene Texte schreiben kann. Auch, wenn ich das zur Zeit kaum mache.

Schreiben ist eine tolle Sache. Zum Schreiben gehört Talent. Und, was viele neue Autoren nicht begreifen wollen, eine große Portion Schreibtechnik. Als angehende AutorInnen sind wir natürlich fest von unseren Fähigkeiten überzeugt. Aber ich darf jedem Schreibwilligen versichern, dass die vor den Augen eines Lektors kaum vorhanden sind. Viele heute berühmte Autoren, hatten wenig mehr als eine gute Idee. Der wahre Künstler ist oft der Lektor, der daraus mit sanfter Hand die richtigen Worte formt, oder den Autor erst auf den Weg zum Erfolg führt. Ich bin immer wieder erstaunt darüber, wer sich alles für einen Autor hält. Schreiben kann jeder Mensch. Gut Schreiben nur wenige. Und nur eine Handvoll werden Schriftsteller.

Der vermutlich größte Fehler von Autoren liegt in ihrer Kritikresistenz. Sie sind tödlich beleidigt, wenn jemand ihr Baby kritisiert. Selbst gut gemeinte Hinweise werden mit Vehemenz abgewehrt. Kritiker haben schließlich keine Ahnung vom mit Herzblut verfassten Meisterwerk des Autors. Denken sie. Aber sie denken leider falsch. Wenn ich fremde Texte lese möchte ich Bilder sehen. Nicht unbedingt die Bilder des Autors, die er mir langatmig erzählt. Ich erwarte eigene Bilder zu sehen. Angeregt, erschaffen durch eben jenes Manuskript, jenen Text, der vor mir liegt. Viele Autoren können das nicht. Sie erzählen nur. Das ist wie bei Opa Karlchen, der endlos und monoton von seiner Arbeit unter Tage erzählen kann. Nur hört ihm schon nach 5 Minuten kein Mensch mehr zu.

„Show, don’t tell“, sind mit die besten Worte, die jemals über das Schreiben gesagt worden sind. Was sie bedeuten erkläre ich gern. Angenommen wir sitzen im Theater. Gespannt warten wir darauf, dass der Vorhang sich hebt und die Akteure die Bühne betreten. Die Zeit vergeht und Stimmen sind zu hören. „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“, schallt es in die Runde. Die Wartenden werden unruhig. Zu sehen ist der Sprecher nicht. Der Vorhang bleibt unten, das Schauspiel findet dahinter statt, ohne die Zuschauer. Nur Autoren, die uns einen Blick auf die Figuren gewähren, die uns mit auf die Reise zum Mittelpunkt der Erde nehmen und uns die Hitze des glühenden Gesteins fühlen lassen, nur die gehören zu den wahren Meistern ihres Fachs. Kurz gesagt: Schreibt niemals „Es regnete.“ Außer ihr seid Hemmingway. Der Leser muss beim lesen glauben klatschnass zu werden. Das ist die wahre Kunst.

Mehr als ein Jahr später, habe ich Monikas fertigen Text gelesen und analysiert. Nein, Monika ist keine Autorin, das ist mir nach wenigen Zeilen klar. Aber sie hat eine wirklich blendende Idee. Mehr wird dieser Text nie sein. Es wimmelt von Passivsätzen und schwachen Verben. Sie hat Worte zu wahren Satzkonstrukten verknotet, die kein Mensch flüssig vorlesen kann. Merke: Weniger ist oft mehr. Niemand wird etwas gegen den ein oder anderen Schachtelsatz sagen, wenn der Autor die Handlung voranbringen kann. Dazu gehören kurze, dynamische Sätze. Satzmonster erschrecken Leser und bremsen den Lesefluss aus. Eine Ausnahme ist T. C. Boyle. Aber er ist ein Meister seines Fachs. Insgesamt liest sich Monikas Werk sehr hölzern und kalt. Blutleer möche ich fast sagen. Und bei der Logik hapert es auch. Sie wird für das Werk in dieser Form keinen Verleger finden.

Aber vielleicht kann ich ihr helfen, das Manuskript zu verbessern. Während ich lese markiere ich falsche Sätze und Wörter, streiche überflüssige Passagen, oder füge Fragen und Hinweise ein. Am Ende sind die Seiten sehr bunt, der Text macht aber deutlich mehr Sinn. Als wir uns bei ihr zu Hause treffen ist Monika noch gut gelaunt. Sie rutscht auf ihrem Stuhl hin und her, ihre Finger trommeln auf dem Tisch. Klar, sie ist aufgeregt und kann es kaum erwarten. Ich erzähle ihr von Fehlern anderer Autoren und schlage einen Bogen zu ihrem Manuskript. Als ich ihr meine ehrliche Meinung sage herrscht eisige Stille. Dann holt Monika tief Luft und lässt einen Redeschwall über mich niedergehen, der selbst heftigsten Tropenregen zum Witz verkommen lässt. Leidenschaft pur, die sie im Text vermissen lässt. Genau das sage ich ihr und ihr Redefluss verstummt.

„Du bist nicht kritikfähig“, füge ich hinzu. „Lektoren und echte Kritiker meinen es niemals böse. Ihre Hinweise darfst du nie persönlich nehmen. Ich habe dir nur Dinge aufgezeigt, die sofort ins Auge stechen. Die Idee des Buches halte ich für gut. Schlaf einfach eine Nacht über meinen Worten, dann sieht die Sache anders aus. Und schau dir bitte meine Korrekturen an, sie werden dir weiterhelfen.“
„Aber du bis keine Lektorin“, platzt es aus ihr heraus. „Und du hast noch nie ein Buch geschrieben …“
Sie unterbricht sich und ihr Gesicht nimmt die Farbe reifer Tomaten an.
Mit dieser Attacke habe ich gerechnet. Sie ist mir nur allzu bekannt. Der typische Reflex einer zu Tode gekränkten Erstautorin. Ich schenke ihr ein Lächeln und stehe auf. Hier ist jedes weitere Wort verloren. Und streiten macht wenig Sinn.
„Das habe ich auch nicht vor“, erwidere ich und gehe zur Tür. „Du hast mich um Hilfe gebeten, vielleicht erinnerst du dich daran. Aber wenn du schon mir nicht vertraust, wie willst du jemals mit einem Lektor arbeiten?“
Sie murmelt eine Entschuldigung und ich fahre nach Hause.
Die Tage vergehen und werden zu Wochen und einem weiteren Jahr. Kein Wort mehr von Monika. Sie meidet mich. Das ist traurig, aber ich habe verstanden.

Fünfzehn Monate nach unserem Treffen hat mich eine SMS erreicht. Von Monika. Sie habe einen Verlag gefunden schrieb sie mir. Ich kann den Triumph in ihren Worten spüren. Spontan rufe ich an.
„Was ist das für ein Verlag?“, will ich wissen und ahne die Antwort schon.
Ich verkneife mir ein Lachen, als sie mir den Namen eines typischen Book-on-Demand Verlages nennt. Ab 300 Euro ist Monika mit dabei. Im Club der selbstgestrickten Schreiberlinge. Ohne Korrektur, ohne Lektorat. Das würde extra kosten. Und so viel Geld hat Monika nicht.
Ich spreche sie darauf an, aber sie blockt sofort ab.
„Die Verdienstmöglichkeiten sind toll“, erzählt sie mir und ist völlig aus dem Häuschen. „Ich habe den Verlag in einem Literaturforum gefunden. Der hat tolle Bewertungen bekommen. Bestimmt werden die Mädels das Buch alle kaufen und empfehlen. Und der Verlag wird auch Werbung machen. Die paar Euro bekomme ich locker wieder, wirst schon sehen. Und im Lauf der Zeit mache ich noch Geld gut. Und dann schreibe ich noch ein Buch.“
Fast beiläufig erwähnt sie die Absagen renomierter Verlage.
Klar, denke ich. Dieses wirre Gescheibsel mag kein Lektor lesen. Außerdem passt ein Buch über Lesben kaum ins normale Verlagsprogramm.
Book-on-Demand ist keine schlechte Sache. Leider tummeln sich viele Schwarze Schafe auf der literarischen Schreibwiese. Und die wollen nicht alles unser Bestes, die wollen ohne großen Aufwand Geld. Der angehende Autor wird meist keinen Cent verdienen, aber viel Geld in sein Machwerk investieren. Die guten BoD-Verlage bleiben fair. Auch beim Preis. Sie wollen unbekannten Autoren helfen. Und ein selbst publiziertes Buch muss nicht schlechter sein, als die namhafter Autoren.

Ich versuche Monika ins Gewissen zu reden und kläre sie über die Hintergründe von Book-on-Demand auf. Meine Mühe bleibt vergebens. Monika ist felsenfest von dem Verlagskonzept überzeugt.
„Dann such dir wenigstens einen anderen Verlag“, versuche ich sie wieder auf den Boden zu bringen. „Ein eigenes, unlektoriertes Buch kannst du anderswo viel billiger haben. Bei den 300 Euro bleibt es nämlich nicht!“
Aber Monika will nicht hören und legt schließlich auf. Mit keinem Wort ist sie auf ihr langes Schweigen eingegangen.
Damals nehme ich mir vor nie wieder Texte von Freunden zu analysieren. Das ist besser, als sie im Streit zu verlieren. Was aus Monikas Buch geworden ist weiß ich bis heute nicht. Unsere Wege haben sich schon lange getrennt. Vermutlich hat sie viel Geld für das Machwerk gezahlt. Gekauft wird es keiner haben. Dafür war es viel zu schlecht. Und bei einer Internetrecherche habe ich weder Buch noch Verlag gefunden. Aber wer weiß, vermutlich ist Monika mittlerweile weltberühmt und residiert in der Düsseldorfer Königsallee. Ich bleibe lieber meinem Studium und meinen Idealen treu. Selbst Bücher schreiben will ich aber nicht. Das können andere Leute besser.

Aber eines zumindest werde ich wieder tun. So, wie Frau es tut. Im Stehen und im Liegen. Mit Yuki schmusen. Was bitte habt ihr denn nun gedacht?