Gegen jede Regel

Schon mehrfach habe ich über das (gute) Verhältnis zu meinem Vater geschrieben. Von ihm habe ich die eiserne Disziplin geerbt. Dafür redet er weniger und ich umso mehr. Darin bin ich ihm überlegen. Aber das habt ihr bestimmt gewusst.

Dezember 2017. Wir sind im Dojo und trainieren, als mein Vater erwähnt, dass im Januar 2018 ein kleines Karate-Turnier auf dem Programm stehe und er mich gern als Teilnehmerin sähe.

„Das wäre unfair“, wehre ich auf Deutsch ab und sehe ihn schmunzeln. „Was hast du vor?“, will ich sofort wissen, „deine eigene Tochter als Fallobst präsentieren?“

Jedem anderen wäre mein Vater nun vermutlich böse, aber ich konnte schon immer mit ihm machen was ich will. Was sich auch beim Training äußert. Alle tragen den klassischen Karate-Gi nur Yuki und ich sind bunt.

Unsere farbigen Kampfsportjackem stammen aus dem Taekwon-Do und sind sogenannte Schlupfjacken mit V-Auschnitt. Der Vorteil beim Training oder Kumite, sie können sich nicht öffnen.

Väterchens Mundwinkel zucken verräterisch, nur Yuki und er haben mich verstanden. Ich analysiere die Lage und schaue mir die TeilnehmerInnen an. Wir haben einige riesige Talente, die deutlich jünger als meine Biestigkeit sind. Können die mich schlagen?

Mit Ausdauer

Wer die Vorbereitung auf einen Boxkampf kennt weiß, wie hart ein Sportler dafür trainieren muss. Ohne Ausdauer hat man keine Chance. Das gilt auch für Sportkarate, Kickboxen oder Taekwon-Do.

Drei bis vier Trainingseinheiten pro Woche, jeden Tag dehnen, ab und zu Fitness Studio oder Kendo (Schwertkampf), vielleicht auch leichtes Joggen, ist unser Normalprogramm. Aber das ist noch immer zu wenig für ein wirkliches Turnier.

Hinzu kommt der Faktor Zeit,  der Berufstätigen oft als Hindernis im Wege steht. Nicht umsonst sind oft StudentInnen die besten SportlerInnen der Welt.

„Macht dich das Alter langsamer?“, höre ich die Frage kommen. Anfälliger für Verletzungen, wäre eine mögliche Antwort. Wobei ich in dieser Hinsicht keine Probleme habe. Aufwärmen ist bei mir Pflicht.

Alter schützt vor Torheit nicht

Bin ich schon zu alt für Turniere? Für die Olympischen Spiele auf jeden Fall, aber das sehe ich ganz gelassen. Sportkarate war lediglich eine kurze Phase in meinem Leben.

Verloren habe ich nie. Lediglich eine Disqualifikation habe ich zu vermelden. Was darf ich, wie weit kann ich gehen innerhalb der Regeln. Genau da liegt nun auch aktuell mein Problem.

Ich lasse mich überreden und auch Yuki macht mit. Das wird spannend! „Wehe du verhaust mich!“, sagt sie im Scherz, „das wäre Gewalt in der Ehe.“ „Ist klar“, erwidere ich trocken, „wie war das noch mit deiner Hand auf meinem Po?“

Elfchen und ich necken uns bekanntlich gern, aber keine schlägt die andere wirklich. Nur Außenstehende könnten eine Balgerei zwischen uns wirklich falsch verstehen. Noch echter wirkt allerdings ein (gespielter!) Fight mit Cousin Ken, der regelmäßig in Lachanfällen endet.

Kunst gegen Sport

Nun bin ich seit mehr als 10 Jahren ohne Praxis, was sportliche Wettkämpfe betrifft. Wird meine Kunst helfen, wenn es um punktgenaue Treffer geht? Aber ich habe einen Plan und der hat noch immer funktioniert.

Zum besseren Verständnis erkläre ich noch einmal den Unterschied  von Kampfkunst und -sport. Klassisches Karate kennt keinen Erstangriff und dient ausschließlich der Selbstverteidigung. Block, Schlag / Tritt, Gegner tot (besiegt!), um es salopp auszudrücken.

Im Sportkarate werden Treffer gesetzt, die unterschiedlich gewertet werden. SportlerInnen müssen also angreifen lernen. Ich habe meist abgewartet und meine GegnerInnen ausgekontert. Das hat immer funktioniert.

Die Tage vergehen, in jedem Training wird nun fleißig Kumite geübt. Ich zeige wenig und weiche meist nur aus. Tai Chi gegen Karate, das macht mir Spaß. Oder ich überrasche mit hohen Taekwon-Do Kicks, die unerfahrene Karateka oft vor Probleme stellen.

Siebzehn Jahr, dunkles Haar …

Ein siebzehnjähriges Mädchen, das ich Yuna nennen möchte, ist der heimliche Star der kleinen Truppe. Sie stammt aus Okinawa und hat dort Shitō-Ryū Karate trainiert. Ihren Wunsch an Turnieren teilzunehmen, haben ihre Eltern respektiert. Nun trainiert sie bei meinem Vater.

Schnelligkeit und Aggressivität zeichnen Yuna aus, sie ist wirklich gut! Meist trainiert sie mit einem Jungen, der ihr hoffnungslos verfallen ist. Mein Kennerblick kann das sofort sehen. Auch der Teenager ist gut, hat aber keine Chance (bei ihr). Ob ich ihm helfen soll?

„Untersteh dich!“, flüstert Yuki, „die beiden machen das schon.“ „Na gut“, erwidere ich, „dann lege ich eben beide flach.“ Rein sportlich versteht sich! Yuki zuliebe und um niemand zu blamieren, habe ich darauf verzichtet. Bis zum Turnier.

Gegen jede Regel

Yuki schlägt sich tapfer, aber ihr fehlt jede sportliche Kampferfahrung. Daher scheidet sie schon in der ersten Runde aus. „Zum Glück!“, gesteht sie mir später, „Sportkarate ist überhaupt nicht mein Ding!“

Mein Blick über den Tellerrand von Karate, hat mir den Weg zu einem Stil geöffnet, der intuitiv, blitzschnell und hochdynamisch ist. Gegen Kicker gehe ich in den Nahkampf oder hole reine Faustkämpfer von den Beinen.

Auch Yuna gewinnt und kickt im letzten Kampf ihren Verehrer von der Matte. Das Mädel ist wirklich gut! Wer wird die neue Königin?

Yuna hat zwar den 1. Dan, aber keinerlei Wettkampferfahrung. Zwar ist ihr Shitō-Ryū ein guter Stil, aber Zweikämpfe werden von Menschen entschieden.

Mein selbstbewusstes Lächeln ist der erste Punkt (m)ein nicht regelkonformer Wurf das frühe Aus für mich. Aber so ist das Leben, manchmal muss Frau gegen jede Regel sein.

Mein Vater verdreht die Augen und Yuna verbeugt sich noch vor der Siegerehrung vor mir. Keine Ahnung, was das nun wieder bedeuten soll.

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Das ist Aikido!

Das Interesse an fernöstlichen Kampfkünsten ist ungebrochen. Leider liegt im Westen der Fokus zu stark auf dem körperlichen Aspekt. Hier gilt noch immer viel zu oft „Nur mit Kraft kommt man weiter.“ Und das ist nur selten richtig. Zum Glück gibt es In der Welt der Kampfkunst einen Stil, der die These der Kraft ad absurdum führt, das Aikidō.

Aikidō ist eine betont defensive moderne japanische Kampfkunst. Sie wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von Ueshiba Morihei als Synthese unterschiedlicher Budō-Disziplinen entwickelt, insbesondere aus dem Daitō-Ryū Aiki-Jūjutsu. (Quelle Wikipedia)

Aikidō enthält neben waffenlosen Techniken auch den Umgang mit dem Langstock und dem japanischen Schwert, wodurch seine Wurzeln deutlich werden. Die zusammengenommene Bedeutung von Aikidō ist rückwärts gelesen „Der Weg durch Lebenskraft zur Harmonie.“ Und das passt wie ich finde wirklich gut.

Leider hat Aikidō keinen guten Ruf. Viele moderne Kampfsportler lehnen es als eine Art graziöser Gymnastik ab. Traditionelle Kampfkünstler wissen das besser. In den traditionellen Kampfkünsten schaltet man Gegner schnell und effektiv aus. Aber wie ist das im Aikidō?

„Funktioniert nicht“, höre ich oft. „Das ist jenseits aller Praxis!“ Und dann steht mir Mann dümmlich grinsend gegenüber und klopft nur Sekunden später ab, wenn ich seine Knochen verbiege. Na mein Junge, tut der Arm noch weh?

Amerikaner und Europäer vergessen gern die lange Entwicklung der alten Budoarten. Sie wollen klüger sein, als die Erfahrung aus vielen hundert Jahren. Vielleicht geht es auch ums schnelle Geld, wenn sie nun eine Art „Power Aikidō“ lehren und das als total effektiv anpreisen.

Aikidō kann auch den geschicktesten Gegner neutralisieren. Was natürlich auch und besonders für (mein) Daitō-Ryū Aiki-Jūjutsu gilt. Und das hat man durchaus bei echten Kämpfen benutzt. Aikidō im Unterschied bleibt stets defensiv und ist reine Selbstverteidigung.

Wo liegt nun der Fehler, woher stammt das Vorurteil vom untauglichen Aikidō? Aikidōka haben gleich zwei, aber essentielle Probleme. Im Training kämpft man einfach nicht. Es gibt lediglich Partnerübungen und der Partner wird immer als Freund gesehen.

Aber was wenn der nicht mitspielen will? Dann funktioniert die Technik nicht. Und schon höre ich das Lachen der BesserwisserInnen. „Das haben wir doch schon immer gewusst!“ Falsch, liebe LeserInnen. Der Fehler steckt im Detail.

Wenn ein trainierter Aikidōka einem anderen widersteht, so liegt das am eigenen Geschick. Beide blockieren sich also selbst mit ihrem Können. Der zweite Kritikpunkt „Du machst ja was ich will!“, richtet sich an die mühelosen Hebel und Würfe, durch die der Partner zu Boden geht.

Natürlich macht er das. Er will sich nicht verletzen und zeigt dabei doch, was im Aikidō möglich ist. Ein unvorbereiteter Angreifer wird natürlich auch vermeiden wollen, dass ihm Arm oder Finger gebrochen werden. Also fügt er sich und geht zu Boden. Widersteht er, wird es übelst knacken.

Daitō-Ryū Aiki-Jūjutsu, die Urform des Aikidō, geht aber noch einen Schritt weiter. Ein möglicher Gegner wird durchaus unsanft zu Boden gebracht und erhält dort noch den finalen Schlag. So haben Samurai gekämpft, wenn sie kein Schwert mehr hatten. Und die Shinobi (Ninja) sowieso.

Aikidō funktioniert. Andernfalls wären seine Techniken schon lange in Vergessenheit geraten. Aikidō funktioniert auch und besonders für Frauen, die körperlich schwächer als Männer sind. Das Hauptproblem dabei: Aikidōka haben nie gelernt Schmerzen zu ertragen.

Wird eine Frau am Kopf getroffen dreht sie sich oft um und weint. So geschehen bei der Deutschen Taekwon-Do Meisteschaft vor einigen Jahren. Das ist der Grund warum ich  meine SchülerInnen im Daitō-Ryū Aiki-Jūjutsu miteinander sparren lasse.

Aber selbst reine Aikidōka können Sieger bei einer Auseinandersetzung sein. Ihre Reflexe werden ihnen helfen, sie werden instinktiv richtig handeln. An jeweils zwei Beispielen möchte ich Aikidō und das von mir praktizierte Daitō-Ryū Aiki-Jūjutsu zeigen. Die Unterschiede mögen für Laien kaum erkennbar sein. Aber glaubt mir bitte, sie sind absolut vorhanden.

Noch ein letztes Wort zu Aikidō und Daitō-Ryū Aiki-Jūjutsu. Beide sind keine Gewalt- oder Kampfsportarten sondern klare Selbstverteidigung und im Notfall äußerst effektiv.

Hier ein Video vom Deutschen Aikido-Bund e.V.:

Video 2 ist mir sympathischer:

Daitō-Ryū Aiki-Jūjutsu Videos zu finden ist leicht. Leider sind einige davon sehr lang und oft auf japanisch. Daher zwei Beispiele, die selbsterklärend sind:

Die Effektivität von Daitō-Ryū Aiki-Jūjutsu wird in diesem Video besonders deutlich:

Doping, Eisen, dicke Muskeln – Geständnisse eines Bodybuilders

Es geht in diesem Artikel nicht darum Bodybuilding als Sport zu diffamieren. Mit Gewichten zu trainieren macht durchaus Spaß. Und diesen Spaß haben weltweit viele Millionen Menschen. Es geht um Doping, leistungssteigernde Substanzen und Lügen.

Doping im Sport zieht sich durch alle Schichten. Egal, ob Hobby- oder Profisport, die „Pille davor“ wird gern genommen. Oder Spritze, Pflaster, Gel. Die Möglichkeiten sind gewaltig. Der Zufall hat mich in Kontakt mit einem Mann gebracht, den ich so nie wahrgenommen hätte. Immerhin ist er Sportler und für einen Mann recht nett. Eisensportler, Bodybuilder, ein Hüne aus Berufung. „120 Kilo wiege ich“, sagt er und lacht. „Das meiste davon Muskeln.“ Aber sind die auch echt? Ich spreche mit einem der wenigen ehrlichen Bodybuilder. Keine geschönten Fakten. Nur seine Warheit der Dinge. Nennen möchte ich ihn Mike. Das ist weit entfernt von seinem Namen. Und den hat er in diesem Sport.

Moment mal, Sport soll Bodybuilding sein? Sind die nicht alle auf Stoff? Mike nickt und schaut mich nachdenklich an. „Natural-Bodybuilder mit 100 Kilo + Muskeln gibt es nicht“, erklärt er mir. „Im Eisensport, den vor allem sogenannte Natural-Youtuber gern bewerben, ist Lügen Pflicht.“ Namen mag er keine nennen. Zumindest nicht im Interview. „Du wirst sofort fündig, wenn du suchst. Dann achtest du auf die trockene Muskelmasse dieser Typen, das übertriebene Selbstbewusstsein und schon weißt du Bescheid.“

Mike hat mit 17 angefangen Gewichte zu stemmen. Dünn war er nie. Aber die Bilder der Veränderung vom eher schmächtigen Teenager zum Muskel-Profi sind krass. „Und ohne Testo wäre das nicht passiert.“ Mit Testo ist natürlich das männliche Sexualhormon Testosteron gemeint, das sich auch Mike regelmäßig spritzt. „Unter ärztlicher Kontrolle und in Kombination mit anderen Präparaten, um Nebenwirkungen abzufangen.“ Und diese Nebenwirkungen sind krass. Sie reichen von Hodenschrumpfung bis zum Haarverlust. Vergrößerte Prostata inklusive.

„Versteh mich nicht falsch“, fügt er dann doch hinzu. „Du kannst (als Mann) auch ohne Stoff Muskeln bekommen. Aber zumindest Nahrungsergänzungen müssen es sein. Protein, Vitamine und Amionsäuren sind Pflicht. Das Märchen von dicken Profi-Muckis durch rein gesunde Ernährung, ist nur eine schöne Legende. Die Weltmeister stoffen alle und sind kein gutes Vorbild für Nachwuchssportler.“ Er macht eine Pause und schüttelt den Kopf. „Jugendliche haben oft keine Geduld“, erzählt er weiter. „Ich arbeite als Personal Trainer und weiß das sehr gut. Am liebsten wollen sie heute mit dem Training beginnen und morgen bereits 55 Zentimeter Armumfang besitzen. Da das nicht möglich ist greifen sie zu Streroiden, runinieren sich Gesundheit und Leben und geben irgendwann auf.“

Mike ist als Teenager eher versehentlich auf Stoff gewesen. „Ich kaufte damals ein Präparat, das verbotene Substanzen enthielt (Anmerkung: Bewusst wird auf den Namen der Substanz verzichtet). Die Fortschritte waren gigantisch, die Nebenwirkungen auch. Akne, hoher Blutdruck, Haarausfall. Aber ich machte trotzdem weiter.“ Er nimmt die Baseballkappe ab und zeigt seine Stirnglatze. „Vermutlich hätte ich heute noch mehr Haare, wenn ich damals bereits aufgeklärt gewesen wäre. Ich stoffte, ohne es zu wissen. Danach kam der Fall ins tiefe Loch.“ Mit dem Loch meint er jene Phase, in der er kein Geld für Nachschub hatte. „Ich habe jeden Job angenommen, aber mir fehlte einfach die Energie um ihn auch durchzuziehen. Und meine Eltern sind nie reich gewesen.“

Mikes erstoffte Muskeln schwinden, wie die blonde Lockenpracht. „Ich hatte keine Erektion mehr“, gesteht er. „Krass gesagt bin ich eine Weile impotent gewesen.“ Kein Wunder, wenn man sich über die Wirkungsweise von Testosteron informiert und dass es extern zugeführt, die körpereigene Produktion unterdrückt. Mike bekommt Depressionen, die immer heftiger werden. „Letztlich hat meine Mutter mich zum Arzt geschleppt. Der hat schnell erkannt, was mir fehlt. Dein Körper muss die eigene Testosteron-Produktion wieder hochfahren, hat er mir gesagt. Dabei geholfen haben Antidepressiva und wieder Eisensport.“

Mike bleibt nur wenige Monate sauber. Im Studio bekommt er Kontakt zu Leuten, die richtig dicke Arme haben, wie er gesteht. Einer kennt einen guten Sportarzt, der kein Pfuscher ist. „Mein Glück“, sagt Mike. „Stell dir nur vor ich hätte ohne Arzt gestofft. Vermutlich wäre ich heute tot.“ Mikes erste Kur ist super, Nebenwirkungen gibt es kaum. „Aber mit einer Kur ist das immer so eine Sache“, erzählt er. „Setzt du ab, bleibt kaum etwa übrig. Zumindest beim Normalbürger, der vielleicht einen 8-Stunden-Tag und Stress im Privatleben hat. Passt alles, bist du nur Schüler, oder Student, hast du genug Geld, so sieht die Sache anders aus.“

Als ich nachfrage, wie er das meint, holt er zur einer besseren Erklärung aus. „Jeder Mensch hat ein Leistungspotenzial, eine genetische Grenze. Im Normalfall erreichst du die nicht im Eisensport. Stoff hilft dir diese Grenze nicht nur zu erreichen. Du überschreitest sie auch! Du lagerst Wasser ein, die Muckis werden dicker. So bewegst du mehr Gewicht, was die Muskeln wieder wachsen lässt. Setze ich dann ab, passen all meine Lebensumstände, trainiere ich möglichst hart weiter, wird ein Teil der Muskeln bleiben. Aber es sind weniger, als 50 Prozent. Viel weniger.“ Als Mike nach den ersten Kuren absetzt, hat er sich mit Supplementen (Eiweiß, Aminosäuren, Vitamine, Kreatin etc.) vollgestopft. Die hat er vom Studio bekommen, in dem er als Aushilfstrainer arbeitet.

Heute ist Mike 36 Jahre alt und wie er meint für Wettkämpfe zu alt. „Diesen Stress, dehydriert auf einer Bühne zu stehen, mag ich nie mehr erleben“, wehrt er ab, als ich ich danach frage. „Du trainierst wie blöd, bist danach auf krassester Diät, total fertig, gereizt und willst doch eigentlich nur etwas essen. Und als Lohn gibt es Applaus und einen mickrigen Pokal. Nur die absoluten Profis sahnen fette Kohle mit Werbeverträgen ab.“ Wie kommt Mike zu Geld, was hat er beruflich geleistet, will ich wissen. Mike lacht. „Du wirst es kaum glauben“, sagt er, „ich habe Sport studiert. Und einen Abschluss, was sagst du nun?“ Ich sage, dass das Gerücht des dummen Eisensportlers bei Mike ein Gerücht bleiben wird. Der „Junge“ ist ein cleverer Mann.

Auf die Natural-Bodybuilder angesprochen wird Mike dann aber laut. „Diese verlogene Bande von geldgeilen Säcken sollte sich was schämen“, wettert er. „Das sind nur Poser, die nie auf einer Bühne standen und ihr Wissen aus Büchern haben. Keiner, aber auch wirklich keiner dieser Typen ist natural! Ich traue mir zu denen das Präparat ins Gesicht zu sagen, mit dem sie stoffen. So schwer ist das nicht. Denen geht es um das schnelle Geld, das sie bevorzugt Jugendlichen aus der Tasche ziehen.“ Mike nickt auf die Frage, ob er ebenfalls etwas nimmt. „Ja,“ sagt er. „Wie sonst sollte ich 120 Kilo trockene Muskelmasse halten?“ Er zieht das T-Shirt hoch und zeigt mir seinen muskulösen Bauch. Und Oberarme, die andere als Beine haben. Er weiß, wie wenig mich Muskeln beeindrucken. Der Mensch ist als Sportler ein Tier. Schwimmen, Radfahren, Bodybuilding und sogar Karate, Mike ist überall zu finden.

„Vermutlich habe ich die Sache deshalb recht gut überstanden“, sagt er leise. „Gut, die Haare sind leider weg. Aber sonst habe ich gute Werte. Kein Leberschaden, kein Krebs. Testo wird zu sehr verteufelt, hat aber auch seine guten Seiten. Vor allem im Bett.“ Wieder lacht er und erhält prompt einen bissigen Kommentar von seiner Frau, die ebenfalls zugegen ist. Sie hat uns in Kontakt gebracht. Kennengelernt habe ich sie im Wing Chun. Das macht sie seit 5 Jahren aus Spaß. „Damit ich meinen Mike im Zaum halten kann“, wie sie schmunzelnd erklärt. Ich nenne ihn lächelnd „Chauvi“, was er geknickt akzeptiert.

„Ich will kein Vorbild für junge Sportler sein“, sagt er. „Gern helfe ich, das Training zu verbessern. Aber Tipps für Kuren gibt’s von mir nicht!“ Eine Botschaft an die „Naturalen“ gibt er mir mit auf den Weg. „Keiner von denen wird das lange machen“, sagt er überzeugt. „Ein paar Jahre Pseudo-Ruhm, dann hat man die vergessen. Aber ich werde mit 50 immer noch Eisen stemmen. Wenn meine Frau mich lässt.“ Womit wir etwas gemeinsam haben. Mit Yuki stemme ich das ganze Leben. Elfendoping nennt man das.

Mein (fast) perfektes Leben

Mein Leben ist perfekt, das sehen zumindest viele Menschen so. Liebe, Beruf und gutes Elternhaus, was kann es schöneres geben? Die (scheinbaren) Vorteile überwiegen bei mir. Auch finanziell war ich stets ohne Sorgen. Aber ist das alles reines Glück?

Die Wahrheit sieht völlig anders aus. Meine Eltern haben hart für ihren Erfolg gearbeitet und mir wurde ebenfalls nichts geschenkt. Ein fast lebenslanges Training, ein gezieltes Studium, haben mich zu der erfolgreichen Frau von heute gemacht.

„Aber du hattest auch Glück“, höre ich andere Menschen sagen. Und das sehe ich mit anderen Augen. Jeder Mensch hat Chancen. Aber nicht jeder Mensch kann sie nutzen. Versagensangst, Unsicherheit hemmmen das wahre Potenzial. Und das emotionale Chaos im Kopf.

Die vielzitierte Liebe wirft uns oft völlig aus der Bahn. Statt nach vorn zu gehen verharren wir regungslos auf der immer gleichen Stelle. Wir drehen uns im Kreis und suchen nach der rettenden Tür, die uns ins Paradies führen soll. Aber wir finden sie natürlich nicht. Dabei ist sie immer nebenan.

Ich bin behütet aufgewachsen. Dafür aber in einem mir völlig fremden Land. Ich war die Japanerin, die Andere. Aber genau das habe ich zu meinem Vorteil genutzt! Mit Fünf bist du nicht lesbisch und Liebe ist nur ein mysteriöses Wort. Und doch war ich der (heimliche) Star in meiner Klasse. Das Mädchen, das sie alle faszinierte.

Mit Sieben habe ich mir erstmals auch bei Mann Respekt verschafft. An die blutige Nase hat der Junge noch lange gedacht. Damals ist mein Zorn erwacht. Nicht gegen Mann, aber gegen ein Verhalten, das Mädchen als dumm und minderwertig erachtet. Dumm nur, dass meine Noten besser waren. Dumm auch, dass Mann kein Thema (gewesen) ist.

Japan war ein fremdes Land. Mein erster bewusster Besuch hat mich zutiefst schockiert. Plötzlich sollte ich still sein und süße Kleidchen tragen. Und dagegen habe ich mich vehement gewehrt! Die Toleranz meiner Eltern und Tante, hat damals mein junges Leben gerettet. Und die Begegnung mit Cousin Ken. Das war „Liebe“ auf den ersten Blick.

Klein Mayumi war oft wild und mehr Junge, als Mädchen. Und schon damals, habe ich andere Menschen beschützt. Wenn überhaupt von Glück die Rede ist, dann war es mein Glück in Deutschland aufzuwachsen. Auch, wenn ich dort die Außenseiterin war, so hat mir der „Goldene Westen“ alle Freiheiten beschert. Als Lesbe in Japan wäre ich gestorben.

Maßgeblich hat mein Vater mein Leben geprägt. Seine Weitsicht, seine Geduld, haben auch meine Mutter überzeugt. Und plötzlich zog ich, wenn auch selten, von mir aus Kleider an. Überhaupt habe ich immer nur das gemacht, was mein kleiner Dickkopf für gut befunden hat. Dabei war ich nie wirklich ungezogen.

Aber ohne große Regeln kannst du als Kind auch keine brechen. So einfach kann das Leben sein. Ich zitiere mich an dieser Stelle selbst: „Meine Eltern haben mir sehr große Freiheiten gelassen. Ich glaube sie haben erkannt, dass eine weiche Erziehung meinen Dickkopf eher “besiegt”, als Härte. Das passende Sprichwort stammt von Laotse: Nichts auf der Welt ist so weich und nachgiebig wie das Wasser. Und doch bezwingt es das Harte und Starke.“

Mein Leben ist perfekt, so wie es ist. Aus dem wilden Bach der frühen Jahre, ist ein ruhiger Fluss geworden. Wer die eigene Stärke kennt muss selten kämpfen. Auch nicht gegen sich.

Karate, Kids und Disziplin

Kinder lernen Dinge spielerisch. Das war schon immer so. Und Kinder lernen auch Karate. Vor allem, wenn sie Japaner sind. Auch Japaner haben einen Kindergarten. Und klein Mayumi war natürlich dort. Eine Erinnerung daran habe ich keine, aber ich soll schon damals wild gewesen sein. Gelehrt hat man dort Shotokan-Karate und das war klein Mayumis Ding.

Nun sehe ich schon besorgte Eltern die Stirn in Falten legen und voller Abscheu auf Japan blicken. „Gewalt schon im Kindergarten? Da geht mein Kind nicht hin!“ Und genau da liegt der Fehler. Karate dient nicht der Gewalt. Es ist Sport, Philosophie und eiserne Disziplin. Karate kennt keinen ersten Angriff, das haben uns nur schlechte Filme gelehrt. Und dumme Menschen, die diesen Sport verachten. „Karate beginnt mit Respekt und endet mit Respekt.“ Das ist die erste Regel und sie bedeutet viel. Respekt dem Sensei, den Eltern und anderen Menschen gegenüber. Respekt auch vor sich selbst.

Regel zwei habe ich bereits genannt: „Im Karate gibt es keinen ersten Angriff.“ Karate ist immer Selbstverteidigung. Schutz für das eigene Leben und das Leben anderer. Das aber effektiv. „Karate ist ein Helfer der Gerechtigkeit.“ Der Satz ist selbsterklärend.  „Die Kunst des Geistes kommt vor der Kunst der Technik.“ Und genau hier liegt der Fehler, den Europäer und Amerikaner machen. Sie sehen nur den Kampf, den physischen Aspekt. In einem guten Dojo ist das anders, was mich zu den nächsten Regeln bringt.

„Denke nicht, das Karate nur im Dojo stattfindet. Verbinde dein alltägliches Leben mit Karate, dann wirst du geistige Reife erlangen.“ Im deutschen Kindergarten gab es 1987 kein Karate. Aber Privatstunden von meinem Papa für mich. Ohne Karate, Aikido und Meditation wäre ich vermutlich ein noch schwierigeres Kind gewesen. Aber statt Ritalin bekam ich Liebe und lernte Disziplin. Und das tat ich richtig gut. Meine Wut war kanalisiert und ich habe den Sandsack drangsaliert. Mit Inbrunst und Leidenschaft. Gewalt ist anders.

Das lebenslange Training macht den Unterschied zwischen Hobbysportler und Profi aus. Und das möchte ich heute gern als Video zeigen. Leider gibt es keine von mir, youtube war noch nicht erfunden. Aber ich soll gut gewesen sein. Und das bin ich heute noch, was mich zur nächsten Regel bringt. „Karate ist wie heißes Wasser, das abkühlt, wenn du es nicht ständig warm hältst.“

Auch, wenn ich heute meist Aikido, Wing Chun und Krav Maga trainiere, so ist Karate ein Teil von mir und wird es immer sein. Es ist mein Leben, wie auch das Buch von Japans größtem Samurai. „Denke nicht an das Gewinnen, doch denke darüber nach, wie man nicht verliert“, hat Gichin Funakoshi, der Begründer des Shotokan-Karate gesagt. Wer das verinnerlicht und fleißig übt, der braucht keinen Gegner mehr zu fürchten.

„Wandle dich abhängig vom Gegner.“ Ein Gegner kann auch der Alltag sein. Wobei ich den mehr als Herausforderung sehe. Vor allem für hyperaktive Kinder kann Karate also ein Segen sein. Ich kenne so einige Fälle, die das positiv belegen. Und damit ihr besser versteht, was Kindern Karate bedeutet, schaut euch folgendes Video an. Klein Mayumi war übrigens doppelt so dynamisch. Und das bin ich heute noch. Sayonara!

Gut, besser, Ich!

Die provokativ gewählte Überschrift soll kein Lobgesang auf meine Person sein. Auch, wenn ich wirklich selbstbewusst bin. Ich möchte heute auf Fragen eingehen, die mir immer wieder begegnen. Gemeint sind Fragen aus der Kampfsport-Welt. Wen das nicht interessiert, der darf an genau dieser Stelle mit dem Lesen aufhören. Alles gut.

Seit vielen Jahren wird mir die Frage gestellt, was das beste „System“ ist, die beste Kampfkunst, die beste Selbstverteidigung. Die Antwort ist ganz einfach: Das beste System gibt es nicht! Und schon sehe ich, wie sich die Kickboxer und Karatekas dieser Welt in Szene setzen und mir das Gegenteil beweisen wollen. Sollen sie, es schert mich wenig. Warum ist das so, was macht mich so „arrogant?“ Mit Arroganz hat meine Meinung nichts zu tun, aber mit in fast 26 Jahren erworbenem Können und Wissen. Denn im Gegensatz zu den meisten Sportlern, habe ich meine „Kunst“ jeden Tag trainiert. Ja, täglich! Und das kam so …

Als ich fünf Jahre alt war, hat mein Papa mit dem Karate Training bei mir angefangen. Mit unglaublicher Geduld hat er dafür gesorgt, dass ich nicht nur perfekt kickte. Auf den Knien sitzend hat er mir auch Aikido beigebracht und das aus dem Schwertkampf stammende Kendo. Wir haben meditiert und ich habe sowohl Kanji-Zeichen, wie auch Hiragana gelernt. Später kam noch das Katakana (und Romaji) dazu. Ihm war immer wichtig, dass ich Training als Gesamtheit verstanden habe, dass mein (rebellischer) Geist und mein Körper, eine perfeke Einheit bilden. Und dazu gehört seiner Meinung nach auch das Wissen um Zen-Buddhismus und Kalligrafie.

Selbst heute trainiere ich noch täglich, wenn auch völlig anders als in jungen Jahren. Yuki und ich gehen 2 x pro Woche ins Wing Chun und 2 x in ein Aikido-Dojo. Unabhängig davon kann man mich im Wohnzimmer Katas laufen sehen und Kicks aus dem Karate üben. Oder ich stehe wirklich mit einem Holzschwert im Wohnzimmer umd schlage auf imaginäre Gegner ein. Vielleicht mache ich auch nur einen Spagat und übe mit Yuki Chi Sao, die klebenden Hände aus dem Wing Chun. Unter anderem habe auch ich Taekwon-Do trainiert, Tai Chi Chuan und Hung Gar Kung Fu. Und seit einer Weile auch Wen-Do und Krav Maga. Ich war und bin immer offen für ein neues System, für neue Dinge. Ich halte nie an alten Zöpfen fest.

Nun gibt es die Meinung vieler Sensei und Sifu, dass nur der wirklich gut in etwas ist, der sich auf „seine Kunst“ konzentriert. Denen gebe ich durchaus recht! Aber so ganz bin ich dann doch nicht damit einverstanden. Und das hat einen bestimmten Grund. Nehmen wir das traditionelle Chinesische Kung Fu. Schön anzuschauen, mit oft tiefem Stand, imitiert es Tierbewegungen. Als Kung Fu über Okinawa nach Japan kam, hat es sich verändert. Japaner sind wahre Meister darin Dinge anzupassen. Egal, ob es die Kanj-Zeichen, oder eben nun Karate ist. Die verschiedenen Karate-Stile sind nichts anderes, als ein mehr oder weniger um überflüssige Bewegungen reduziertes Kung Fu. Ob die nun wirklich überflüssig sind, darüber lässt sich streiten. Karate ist nicht besser, es ist nur anders. Wirklich vergleichen kann man die Stile nicht.

Aber genau das wird immer wieder gern getan. Auf youtube finden sich unzählige Filmchen, die etwa „Kung Fu vs. Karate“ heißen, oder „Wing Chun vs. Kickboxing – must see!“ Letzteres Video sollte man sich nur anschauen, wenn man Ahnung hat. Sonst glaubt der Zuschauer wirklich, dass Wing Chun schecht ist. Aber schlecht, bzw. unerfahren, war der Mensch! Wing Chun ist Selbstverteidigung, Straßenkampf. Von einer Frau für Frauen entwickelt, unterrichtet es heute vorzugsweise Mann. Und macht gutes Geld damit. Leider. Dazu ein anderes Mal mehr. Jedes System kämpft nach Regeln, die zum Teil völlig unterschiedlich sind. Man kann auch Poker nicht mit Schafskopf vergleichen, das macht ebenfalls null Sinn. Wing Chunler praktizieren selten mit anderen Stilen, oder üben sich im Kampf. Das war nie der Sinn dieses Systems. Lässt ein Wing Chunler sich also auf Kämpfe mit Karate-, oder Taekwon-Do-Regeln ein, kann er nur den kürzeren ziehen. Er ist limitiert, sein Gegner darf aber quasi alles machen. Alles, was er aus seinem System kennt.

Egal, ob Judo, Aikido, oder Kung Fu. Ein Vergleich „Mann gegen Mann“ kann niemals fair ausgehen. Der Judoka ist dem Kung Fu Meister im Nahkampf überlegen. Wenn der clever ist, dann packt der Judoka ihn aber nicht. Und bezieht die Prügel seines Lebens. Auch „Karate gegen Kung Fu“ wird nicht wirklich funktionieren. Es wird schließlich nach irgendwelchen Regeln gekämpft. Vermutlich werden also beide KämpferInnen mehr oder weniger Kickboxing machen und  der, oder die bessere gewinnt. So einfach ist das. Mit einer Ausnahme, auf die ich näher eingehen möchte. Angenommen ein Shaolin Kampfmönch – lassen wir ihn 30 Jahre alt sein – und ein gleichaltriger Deutscher Meister im Karate stehen sich gegenüber. Diese Begegnung wird es im Normalfall nie geben, Mönche kämpfen eigentlich nicht. Wenn man weiß, wann die Ausbildung eines Mönches beginnt, so darf man ihm nun ca. 25 Jahre komplettes körperliches und geistiges Training unterstellen. Kampfmönch wird nur, wer außergewöhnliche Begabung zeigt.

Der Deutsche Meister trainiert vielleicht auch schon seit 10 – 15 Jahren. Aber er ist und bleibt Hobbysportler. Für den Mönch ist es Beruf(ung), den er täglich mehrere Stunden praktiziert. Dieser Kampf muss nicht stattfinden, der Ausgang steht bereits fest. Es sei denn, der Karateka ist ein neuer „Bruce Lee.“ Und das ist unwahrscheinlich. Der Karateka hat keine Chance, er wird gnadenlos vorgeführt und ausgekontert. Und genau an dieser Stelle stehe ich. Ich habe mich schon lange vom Wettampfsport abgewandt und praktiziere quasi eine Art Straßenkampf-System. Unkonventionell und vor allem ohne Regeln. Ich analysiere Gegner und Situationen und setzte instinktiv die richtige Technik ein. Oder bin clever genug, um den Kampf zu vermeiden. Denn unbesiegbar bin ich nicht. Nur schwer auszurechnen. Denn ich bin flink und klein.

„Du kannst niemals einen 100 Kilo Mann besiegen“,  hat man zu mir gesagt. Doch kann und habe ich schon. Wobei das natürlich keine wirklichen Gegner waren, sondern ganz normale Menschen. Dummheit wäre es, mich einem 100 Kilo Kickboxer nach seinen Regeln zu stellen. Da kann ich nur alt aussehen. Genau diesen Fehler sehe ich allzu oft. Was mache ich mit meinen 1,62 Meter und zur Zeit knapp 53 kg gegen einen solchen Mann? Auf Distanz bleiben? Toller Plan! Weglaufen ist eine Option, wenn möglich. Deeskalation ebenso. Geht das alles nicht, so muss ich mich ihm stellen. Aber auf Distanz ist er mir überlegen. Er hat längere Beine und mehr Kraft. Und genau da setze ich dann an. Ich gehe ihm entgegen! Wenn er tritt steht er nur auf einem Bein. Dann bin ich da und er (f)liegt. Wer das nicht glaubt soll sich die von mir sehr verehrte Yoko Okamoto ansehen. Sie ist ein 6. Dan im Aikido und mit der spaßt auch Mann nicht. Oder sucht nach Emi Yamagishi. Sie ist nur 1,49 Meter klein, 48 kg leicht und eine Meisterin im Judo. Sie hat mehrfach demonstriert, wie sie ohne jede Kraft und mit perfekter Technik deutlich schwerere PartnerInnen werfen kann. Auch, den 110 kg schweren Nicholas Pettas, der das kaum glauben konnte.

„Aber Sparring und Straßenkampf haben kaum etwas gemeinsam“, höre ich die Kritiker nun sagen. „Da herrschen andere Regeln.“ Genau richtig, erwidere ich. Nur gibt es auf der Straße keine Regeln. Dort kämpfe ich vielleicht um mein Leben und wende daher, an Wettkampfregeln gemessen, unfaire Mittel an. Unfair heißt, dass ich dem Gegner in die Augen steche, oder in den Unterleib und Kehlkopf schlage. Wenn ich es kann. Und das bringt mich zurück zum „besten System“ und den wahren Meistern. Was ist ein wahrer Meister? Wirklich nur jemand, der z. B. sein Hung Gar Kung Fu perfekt ausüben kann? Klar kann er das! Wer das 30 Jahre und länger täglich macht, der wird darin eine Perfektion entwickelt haben, die ohnegleichen ist. Blickt er aber nicht über den Tellerrand, behält er andere Systeme nicht im Auge, so kann das ein böses Erwachen geben. Und genau das habe ich immer gemacht und mir das Beste der verschiedenen Stile herausgepickt. Vielleicht werde ich dann niemals die Katas so schön laufen, wie ein reiner Karateka, aber ich werde kompletter sein.

Vor vielen Jahren wollte es eine (Jugend)Meisterin im Taekwon-Do genauer wissen. Sie hat mich mehrfach provoziert. Es gab dann einen „Freundschaftskampf“, aber nicht nach ihren Regeln. Im Taekwon-Do sind Schläge zum Kopf nicht erlaubt, was im Wettkampf gut, aber für die Selbstverteidigung totaler Blödsinn ist. Die „Kleine“ war größer und kräftiger als ich, aber eben nicht flinker. Sie hat versucht, die Reichweite ihrer langen Beine gegen mich auszunutzen. Gesprungene Drehkicks waren eine große Gefahr. Dumm nur, dass ich schneller war, höher sprang und ihr vermutlich noch immer das Köpfchen brummt. Ich habe sie mit einem ähnlichen Angriff klassisch ausgekontert. Zuvor hatte ich sie bereits mehrfach von den Beinen geholt. Heute kann ich darüber nur noch lachen. Alle hohen Kicks sind meist pure Show und wenig effektiv, wenn der Gegner schneller ist.

In einem weiteren Beitrag werde ich mehr über Wing Chun erzählen. Nicht über die Geschichte und Legende(n). Es geht mir darum aufzuklären, was alles möglich und was unmöglich ist. Den Grund werdet ihr dann lesen. Gut, besser, Ich! Dazu stehe ich ganz selbstbewusst. Ich habe mich gefunden, meinen Stil. Und das gilt nicht nur für Karate, Aikido und Kung Fu. Das gilt für mein gesamtes Leben und für meine Frau. Sayōnara!