Fremdes Japan

Fremdes Japan

Japan, jenes (ferne) Inselreich, ist und bleibt für viele ein magisches Land. Seine kriegerische Geschichte, die Jahrhunderte dauernde Abgeschiedenheit, haben eine weltweit einzigartige Kultur erschaffen. Mein Name ist Mayumi, ich bin ein Teil davon.

„Yumi, wach auf!“, erklingt eine bekannte Stimme. Im Traum öffne ich die Augen und lächelnd steht die Inari vor mir. „Magst du einen Spaziergang mit mir machen?“ Den Wunsch einer Göttin abzuschlagen, ist unmöglich. Ich folge ihr in in die verzauberte Blütenwelt des Frühlings. „Sakura, Sakura“, singt die Inari leise und führt mich zu einem Fluss. „Erinnerst du dich?“, will sie wissen. „Dort haben wir uns zum ersten Mal gesehen. Damals warst du fern von mir, heute bist du wieder Nippons Kind.“

„Bin ich das wirklich?“, frage ich und schaue die Inari nachdenklich an. „Meine Liebe gilt auch einem Land in der Ferne.“ „Dem Land oder doch nur einzelnen Menschen?“, will die Inari wissen. „Schau genau hin. Denk nach, ob sie dich wirklich brauchen.“ Ich blicke zurück und sehe mein jüngeres Ich. Dort ist auch meine Freundin Karin und neben ihr steht Natalie. Wir sprechen und lachen, bis plötzlich dunkle Wolken am Himmel aufziehen. Die Szene wechselt, eine Gruppe junger Männer hat mich umringt. Hasserfüllte Gesichter, wütende Schreie, die Fäuste fliegen. Meine Rippen schmerzen, stöhnend liegt der Anführer auf dem Boden.

Die Bilder verschwinden, ich finde mich in den Armen einer Frau. Ihre Küsse sind heiß, die Hitze der Leidenschaft will uns versengen. Das Gesicht der Frau verändert sich, die Haarfarbe wechselt von Rot nach Blond. Plötzlich erklingt das silberhelle Lachen meiner Elfe, die mich stets aufs Neue verzaubert. Erneut wechselt die Szene, ein fetter Junge steht höhnisch lachend vor mir. Ich liege am Boden, meine Hose ist zerrissen. Die Kriegerin erwacht, hart trifft mein Ellbogen seine Nase, mein Knie raubt ihm die Luft. Die Szenen wechseln immer schneller, die Inari zeigt mir die Vergangenheit.

Stuttgart, Dortmund, Düsseldorf sind Stationen meines Lebens in der Ferne. Die fremde Sprache habe ich gut beherrscht. Deutschland war immer meine zweite Heimat. Plötzlich senken Schneeflocken und Nebel ihren weißen Mantel über mich, die eisige Schönheit der Yuki-onna erscheint im kalten Morgenlicht. Der Nebel teilt sich, wir stehen am Meer. Schiffe liegen im Hafen. „Wir warten schon auf dich“, höre ich. Lächelnd suche ich das Schiff, das meinen Namen trägt. Der Kamikaze bringt mich pfeilschnell an Japans Küste.

Minuten oder sind es nur Sekunden später, stehe ich wieder mit der Inari am Fluss. „Es ist schwierig aber möglich stromaufwärts zu schwimmen“, lässt sie mich wissen. „Einfacher wäre es, wenn du dem Lauf des Flusses folgst.“ Ihre Stimme verweht im Wind und Tomoe Gozen steht nun neben mir. „Yumi-chan“, begrüßt sie mich, „wollen wir ein wenig Schwertkampf üben?“ Mit Japans berühmtester Kriegerin die Klinge zu kreuzen ist kein Spaß. Miamoto Musashi kommt mir in den Sinn, während ich mich konzentriere. „Übe dich unablässig darin, deinem Weg zu folgen“, hat er einst zu seinen Schülern gesagt und ihnen den Weg gewiesen.

Nach dem Verständnis vieler, hat Musashi damit allein den Weg des Schwertes gemeint. Tomoe und ich wissen es besser. „Danke Schwester“, sage ich nach dem Training zu Tomoe, „danke dass du mich erinnert hast.“ Die Kriegerin lächelt, vermutlich haben nur wenige jemals diese Seite an ihr gesehen. Es beginnt zu regnen, aber statt Regentropfen fallen rosa Blütenblätter vom Himmel herab. „Bitte aufstehen Tante Yumi!“, weckt mich Aikos Stimme. Ich strecke die Arme aus und ziehe sie in unser Bett. Vor uns liegt ein neuer Tag, der neue Herausforderungen bringt.

Tomoe Gozen

Yuki-Onna

Inari

The Winter Girl

The Winter Girl

Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten. (August Bebel)

Die folgende Geschichte ist eine Mischung aus Traumsequenzen und der Realität. Zum besseren Verständnis der Figuren, habe ich ihre Wikipedia-Einträge beigefügt.

Frostharter Boden, winterlich verzaubert ist das Land. Nachtschwarz bedeckt ein Mantel aus Träumen die Welt. Schneeflocken tanzen, Kälte streichelt mein Gesicht. Ich schlafe, aber ist das mein Traum? Jemand hat die Regie übernommen, was selten bis nie geschieht. Aus dem Nichts taucht eine junge Frau vor mir auf. Ihr Blick ist wild, das Katana in ihrer Hand trieft vor Blut.

Ihr Schrei gellt in meinen Ohren, als sie nach mir schlägt. Ich weiche aus und bemerke, dass auch ich ein Katana trage. Ihre Hiebe prasseln auf mich ein, Miamoto Musahis Schwertkunst rettet mich. Instinktiv weiß ich, wer hier vor mir steht. Es ist Tomoe Gozen, Japans berühmteste Kriegerin.

Ich hole tief Luft und konzentriere mich. Wie lange kann ich gegen sie bestehen? Meine Hände brennen, als ich zum Gegenangriff übergehe, der keine Wirkung zeigt. Nie zuvor habe ich das Katana im Ernstfall eingesetzt. Genau das macht letztlich den Unterschied aus, im Gegensatz zu ihr bin ich keine Kriegerin. Trotzdem halte ich sie auf Distanz, kann aber keinen eigenen Angriff mehr starten. Tomoe, da bin ich ehrlich, ist zu gut für mich.

Ich kämpfe um mein Leben, doch ihr Angriff entwaffnet mich. Wird der nächste Schlag mein Ende sein? Ich reagiere und als ich in den Nahkampf gehe lässt auch Tomoe ihr Katana zu Boden fallen. Egal was ich versuche, Tomoe neutralisiert meine Attacken. Umgekehrt ist das ebenso. Erst ein Drehkick schickt sie zu Boden. Nur eine Sekunde später ist sie wieder auf den Beinen. Trotzdem habe ich die Zeit mir Tomoe näher anzusehen.

Die Rüstung verbirgt ihre weiblichen Formen. Nur ihre Haare flattern offen im Wind. Augen, so dunkel wie Kohle, scheinen in die Tiefen meiner Seele zu blicken. Ihre Haut ist heller als meine, Blutspritzer zieren sie als tödliches Make-Up. Ja, diese Frau ist hübsch und einzigartig. Wird sie mein Schicksal sein? Als habe sie meine Gedanken gelesen schnellt sie nach vorn und will meine Beine attackieren. Diesen Fehler haben schon andere gemacht.

Mein Ellbogen landet krachend in ihrem Rücken, nur die Lederrüstung verhindert einen Rippenbruch. Ich packe ihren Arm und versuche einen Hebel. Wieder kontert mich Tomoe aus. Woher kennt sie meine Technik? Mir wird klar, dass Tomoe zumindest eine ähnliche Nahkampf Ausbildung hat. So kann ich sie nicht besiegen. Plötzlich weicht sie zurück, in ihrem Gesicht erscheint eine Mischung aus Überraschung und kalter Wut. „Wie kannst du gegen mich bestehen?“, steht dort geschrieben.

Nun ich kann und meine Tritte finden problemlos ihr Ziel. Tomoe bekommt die Prügel ihres Lebens. Jede andere wäre nun am Boden geblieben, aber die Kriegerin steht immer wieder auf. Sie ruft mir etwas zu, was unverständlich für mich bleibt. Zu ihrer Zeit sprach man das längst vergessene Mitteljapanisch. Ich begreife, dass ich ernst machen muss. Aber kann, ja soll ich eine Legende töten?

Sie gibt die Antwort selbst und macht einen Hechtsprung nach vorn, um nach dem im Schnee liegenden Katana zu greifen. Lasse ich das zu, habe ich ein Problem. Brutal landet mein Knie in ihrem Rücken, als mein Sprung sie hart auf den Boden drückt. Sie schreit vor Schmerz und kann sich doch befreien. Ihr Ellbogen trifft meine Magengrube. Nun ist es an mir nach Luft zu ringen. „Miststück“, presse ich hervor, „das wirst du bereuen.“

Natürlich versteht Tomoe kein modernes Japanisch. So wenig, wie ich sie verstehen kann. Ich vermute, dass sie mich wenig Ladylike ebenfalls verflucht. Schimpfen können Japaner wirklich gut. Auch wenn es nur ein Traum ist, muss ich Tomoe besiegen. Sie nutzt ihren Vorteil und hält nun doch das Katana in der Hand. Sie deutet auf meine Waffe. „Heb sie auf“, soll mir das sagen.

Ich habe keine Chance, aber genau die nutze ich. Fair zu sein wird mir kaum helfen. Als Tomoe angreift werfe ich Schnee in ihr Gesicht. Musashi, das weiß ich, hätte ohne zu zögern ein Messer benutzt. Diesmal sitzt mein Armhebel perfekt, stöhnend lässt Tomoe das Katana fallen. Noch ein Ruck und der Arm wird brechen. Aber es kommt anders, eisige Finger öffnen meinen Griff.

„Hört auf zu kämpfen!“, erklingt eine Frauenstimme. Tomoe duckt sich, dann entspannt sich ihr Körper. Die Kriegerin fällt auf die Knie, sie hat ihre Meisterin erkannt. Die tödliche Schönheit der Yuki-Onna zieht auch mich in ihren Bann. Ich tue es Tomoe gleich und sinke vor der Schneefrau auf den Boden. Niemals zuvor, habe ich solche Augen gesehen. Hier steht eine Yokai und kein Mensch vor mir. Was wird sie mit uns machen?

Ihre Aura ist eisig, das kalte Licht des Todes umgibt sie wie ein seidiger Schleier. Eine Handbewegung und wir sind nicht mehr. Mein Magen krampft sich zusammen, die Kälte scheint mich zu verschlingen. Plötzlich taucht eine zweite Frau aus der Dunkelheit auf. Wir sind gerettet, in einen weißen Pelz gehüllt steht nun die Inari vor mir. Die Yuki-Onna weicht zurück und lächelt. Jeder Mann wäre nun vor Schreck tot umgefallen.

„Ihr seid Schwestern und keine Feinde“, höre ich die Stimme der Inari. „So, wie die Yuki-Onna meine Schwester ist. Steht auf Tomoe und Mayumi.“ Wie in Trance gehorche ich. Die Inari greift nach unseren Händen. „Die Vergangenheit trifft auf die Zukunft“, sagt sie leise. „Erkennt euch und sprecht.“ Ihre Worte verhallen als Schneeflocken im kalten Winterwind. Sowohl die Inari wie auch die Yuki-Onna sind verschwunden. Habe ich sie wirklich gesehen?

Tomoe schaut mich an und ich schaue zurück. Ein kurzes Augenduell, dem unser beider Lächeln folgt. „Ich bin Tomoe“, glaube ich zu verstehen. Aber die Worte sind in meinem Kopf, Tomoes Mitteljapanisch bleibt unverständlich. Und doch können wir dank der Inari miteinander reden. „Ich bin Mayumi“, erwidere ich und male mit dem Finger das Kanji in den Schnee. „Bitte entschuldige Yumi-Chan“, sagt Tomoe. „Ich habe dich falsch eingeschätzt. Wir müssen schnell gehen oder meine Gegner töten dich.“

Tomoes Verhalten ist anders, als ich es von heutigen Japanerinnen kenne. Um in einer rauen Männerwelt zu bestehen, hat sie ihre weibliche Seite abgelegt. Und doch weiß ich, dass sie Kontakt zu Männern hatte. Ihr Yumi-Chan amüsiert mich. Hat sie wirklich Yumilein zu mir gesagt? Es zeugt von ihrem Selbstbewusstsein und dass sie mich als Freundin sieht.

Wir laufen durch Nacht und Wind, grausame Stimmen umkreisen uns wie Schatten. Mehrfach werden wir attackiert, Tomoes Katana schlägt eine blutige Schneise, aber den Krieger mit der Teufelsmaske hat sie übersehen. Ich werfe mich in den Schlag, mein Katana zittert unter der Wucht des Hiebes. Blut spritzt, als der Kopf des Samurai zu Boden fällt. Tomoe nickt mir zu, gut gemacht soll mir das sagen. Aber sie hat den tödlichen Schlag geführt.

Die Zeit verrinnt. Sind es nur Minuten oder Stunden die vergehen? Ein neunschwänziger Fuchs erscheint und führt uns in eine Höhle, deren Eingang die Verfolger übersehen. Plötzlich gellen Todesschreie durch die Nacht, als die Männer auf die Yuki-Onna treffen. Das Lachen der Schneefrau lässt die Erde beben. „Was geschieht hier?“, flüstert Tomoe. „Was bedeutet das?“ Ich habe keine Antwort auf ihre Fragen. Die Inari selbst löst das Rätsel auf. Sie erscheint in der Höhle und hält zwei kleine Mädchen in den Armen, in denen ich Tomoe und mich selbst erkenne.

In dieser Nacht erfahre ich viel, was in keinem Buch geschrieben steht. So wie die Nebel von Iga die Geschichte der Shinobi (Ninja) verborgen halten, wird Tomoes Geheimnis für immer bei mir sicher sein. Dass sie eine ungewöhnliche Frau gewesen ist, steht außer Frage. Die Szene verschwimmt, ich sehe mich mit Yuki und der kleinen Aiko durchs winterliche Japan gehen. Das ist wieder mein Traum, den ich täglich lebe.

„Weißt du was, Tante Yumi?“, sagt Aiko, „in der Nacht hat mich eine Winterfee besucht! Die war so weiß wie der Schnee und hat mich holen wollen. Aber dann kam ein Fuchs und hat sie weggeschickt.“ „Du solltest damit aufhören ihr Geistergeschichten zu erzählen“, schimpft Yuki. „Jetzt sieh nur, was du wieder angerichtet hast!“ „Wieso denn, meine liebste Yuki-Onna“, empöre ich mich gespielt. „Immerhin haben wir beide von dir geträumt.“

Yukis Elfenlachen steckt an. Wir verbringen eine wunderbare Zeit im Schnee. Als wir wieder im Hotel sind und Aiko eingeschlafen ist, erzähle ich Yuki von meinem Traum. Sie hört aufmerksam zu und nickt dann wissend. Ihre Mundwinkel zucken verräterisch. „Du träumst also von anderen Frauen“, sagt sie. „Ich will die Scheidung hier und jetzt!“ „Kannste vergessen“, erwidere ich und nehme sie in den Arm. „Selbst im Traum wirst du immer mein einziges Wintermädchen sein.“

Wikipedia Einträge:

Tomoe Gozen

Yuki-Onna

Yokai

Inari

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