Späte Liebe

Regen ist, wenn Engel weinen. Regen, so heißt es, wäscht die Sorgen fort.
Aber Allison hat keine Tränen. Und die Sorgen sind riesengroß.
Eine Frau im Aufruhr der Gefühle. Heute hat sie sich von Jeff getrennt.
Ihre Ehe ist gescheitert. Sechzehn Jahre sind vorbei.
Nichts ist für die Ewigkeit, nichts bleibt wie es war.

Allison weicht der Pfütze nicht aus. Was sind schon nasse Füße?
Ihre Seele leidet, ihr Herz schlägt rasend schnell. So schnell wie damals, als sie Jeff getroffen hat.
Bilder aus besseren Tagen fluten ihren Verstand. Ein zauberhaftes Lächeln, ein erster, süßer Kuss.
Allison ist Zwanzig, als sie den Arzt Jeff Morgan trifft. Er ist zehn Jahre älter, ein liebenswerter Alpha-Mann.
Mit Witz und Verstand erobert er ihr Herz. Zwei Kinder kommen später.
Familie, Liebe, Glück.

Jeff ist erfolgreich, er ist ein guter Arzt und Vater. Familie ist ihm wichtig, Kinder sind sein Lebensglück.
Allison kann nicht klagen, die Ehe harmoniert. Zwei Menschen, ein Ziel. Aber echte Erfüllung sieht anders aus.
Schon vor Jahren hat sie sich darüber mit ihrer besten Freundin Kate ausgetauscht. Kate ist Friseurin mit eigenem Salon.
„Jeff gibt mir alles“, sagt Allison. „Sicherheit, Liebe und auch Sex.“
„Und Langeweile“, fügt Kate hinzu. „Wann hast du zum letzten Mal richtig gelacht?“
Abwechslung, Spannung, das fehlt ihrer Ehe. Allison weiß das und hat sich doch arrangiert.
Im Gleichschritt, Marsch!

Es ist ein warmer Sommertag vor einem Jahr. Wie jede Woche betritt Allison das Friseurgeschäft.
Kate begrüßt die Freundin herzlich. Die Frauen umarmen sich.
„Ich habe einen Neuzugang“, verrät sie Allison. „Robyn ist seit zwei Tagen hier und verzaubert alle. Sie wird dich frisieren, das ist doch okay?“
Allison nickt und schaut die neue Friseurin an. Prompt versinkt sie in einem dunklen Blick.
Ein Lächeln schwebt durch den Raum und es trifft Allison wie ein Schlag.
Können Augen lügen?

Kurze, frech geschnittene Haare verleihen Robyn einen fast schon wilden Look. Nie zuvor hat Allison solche Anmut gesehen.
„Hallo, ich bin Robyn“, stellt die Frau sich vor.
Allison hört die Worte und ist wie verzaubert. Sind Worte schon Magie?
„Robyn war früher beim Theater“, erzählt Kate weiter. „Aber dort hat man Stellen eingespart. Du weißt ja, wie das ist. Und nun ist sie bei mir.“
„Ich bin Allison, freut mich“, sagt Allison verlegen und reicht Robyn ihre kleine Hand.
Haut auf Haut, das Schicksal führt Regie.

Allisons Herz rast, eine Hitzewelle schenkt ihrem Gesicht dezente Röte.
Kate schmunzelt und geht auf eine andere Kundin zu. Frauen brauchen keine Worte, Frauen verstehen sich blind.
„Wie darf ich Ihnen denn die Haare machen?“, will Robyn wissen, als Allison Platz genommen hat.
Geschickte Finger gleiten an den seidigen Strähnen entlang und Allison fühlt eine Gänsehaut.
„Sie haben wunderschöne Haare“, fährt Robyn lächelnd fort. „Vielleicht darf ich einen Vorschlag machen?“
„Ja … ah“, stottert Allison und schließt kurz die Augen.
Was nur passiert hier mit ihr?

Robyn frisiert und die Frauen reden. Nur mit Mühe bleibt Allison gelassen.
Robyns Nähe verwirrt sie. Die kleinen Berührungen, die geschickten Finger, ihr Duft.
Allison hat nie zuvor eine Frau geküsst. Nie zuvor hat sie etwas derartiges für eine Freundin empfunden.
„Was denke ich da nur?“, geht es ihr durch den Kopf. „Ich bin doch nicht …“
Aber selbst in Gedanken verweigert sie das Wort.
Kates Blick trifft erneut den ihren. Die Friseurin nickt.
„Weiß sie, was ich fühle?“, durchzuckt es Allison.
Robyns Augen lächeln nur.

Es ist eine Flucht als Allison zahlt und eilig das Geschäft verlässt.
Ihr Herz rast noch immer und nur mühsam kann sie sich beruhigen. Abends ruft Kate bei ihr an.
„Was war das denn heute Morgen?“, will sie wissen. „Ist alles in Ordnung bei dir?“
„Ich habe keine Ahnung“, erwidert Allison wahrheitsgemäß. „Wer …, was ist diese Frau?“
Kate lacht wissend.
„Ich weiß genau, was du nun fühlst“, sagt sie leise. „Mir und allen anderen Mädels ging es ebenso. Robyn ist eine Göttin unter Frauen.“
„Aber ich liebe meinen Mann!“, entfährt es Allison sofort. „Jeff ist …“, ihre Stimme versagt.
Können Frauen andere Frauen lieben?

Sechzehn Jahre Ehe gehen niemals spurlos vorbei.
Die Mädchen sind Acht und Zehn. Mutter sein ist manchmal schwer.
Allison vermisst die ungezwungenen Stunden mit Jeff. Er ist oft angespannt und müde. Aber immer ein sanfter Mann. Aber ein Mann der bestimmt, der dominiert.
„Hast du schon mal mit Frau …?“, will Allison wissen. „Ich meine … du weißt schon, was ich meine.“
„Als Teenager auf der High School“, gibt Kate zu. „Da war dieses Mädchen. Und die war einfach süß!“
„Und später?“, hakt Allison sofort nach. „Hast du mit noch mehr …?“
„Ja“, sagt Kate nach einer kurzen Pause. „Das ist mein kleines Geheimnis. Und nun weißt du auch davon.“
Deine Wahrheit, meine Wahrheit.

Allison kämpft mit sich in den nächsten Tagen. Mehrfach will sie den Termin absagen.
Aber sie geht dann doch in den Friseursalon. Und Robyns Augen lächeln.
Die Magie des Augenblicks bleibt weiter bestehen. Woche für Woche werden die Frauen sich sehen.
Allison weiß tief in ihrem Herzen, was mit ihr geschieht. Zwei Monate nach dem ersten Blick lädt Robyn sie ins Theater ein.
„Ich habe noch immer gute Kontakte“, hat sie Allison erklärt. „Und du wolltest das Stück doch auch gern sehen?“
Längst sind die Frauen beim vertrauten Du gelandet, längst haben sie Gemeinsamkeiten erkannt.
Und Kate ist nun die, die wissend lächelnd.

Die Liebe ist stärker, als alle Bedenken. Nach der Vorstellung kommt es zum ersten Kuss.
Allison lebt Gefühle, die neu und doch vertraut für sie sind. Zwei Menschen, eine Seele.
Kate ist die Erste, die es erfährt. Und sie versteht und lächelt wieder.
Allison und Robyn werden ein heimliches Paar. Die Zeit vergeht, die Liebe bleibt.
Aber Heimlichkeit tut niemals gut. Robyn verlangt nichts, aber Allison will auch den letzten Schritt.
„Ich werde mit Jeff sprechen“, erklärt sie ihr. „Du bist mir wichtiger, als mein altes Leben.“
Robyn küsst sie sanft und sagt „Ich stehe zu dir.“
Aber Worte sind nie einfach und manche Worte brauchen Zeit.
Gibt es den richtigen Moment?

Jeff hat das Ende ihrer Liebe nie bemerkt. Tief verletzt verlässt er das Haus. Und auch Allison schließt die Tür.
Die Mädchen sind bei Freundinnen an diesem Wochenende. Auch für sie wird es ein Einschnitt sein. Hoffentlich werden sie verstehen.
Allison wischt sich die nassen Haare aus der Stirn und blinzelt in die Sonne.
Ein Regenbogen erscheint am Himmel. Vielleicht ein Zeichen, vielleicht die Brücke ins neue Glück.
Allison atmet tief ein, die regenschwere Luft tut gut.
Immer wieder hat sie sich gefragt, ob sie nun lesbisch ist. Und immer wieder kommt sie zum gleichen Schluss.
Liebe kennt kein Geschlecht.

„Besser spät, als nie“, murmelt sie leise. „Dann bin ich eben eine späte Lesbe.“
Sie muss lachen und hüpft übermütig in eine weitere Pfütze. Was sind schon nasse Füße?
Regen ist, wenn Engel weinen. Regen, so heißt es, wäscht die Sorgen fort.
Aber Allison hat keine Tränen. Und auch keine Sorgen mehr.
Plötzlich erklingen eilige Schritte hinter ihr. Robyn mit Regenschirm fliegt in ihre Arme.
„Ich wusste, dass ich dich hier finde“, sagt sie zwischen zwei Küssen. „Ist alles gut, ja? Dann lass uns schnell nach Hause gehen.“
Und das hat Allison gemacht.

Bühne der Eitelkeiten

Es ist Premierenabend im Theater. Weltbühne hat es der Gründer einst genannt. Vorzugsweise Dramen spielt man hier.
Der Intendant betritt die Bühne, das Publikum wartet schon gespannt.
„Guten Abend meine Damen, guten Abend meine Herren!“, ruft er und lächelt in die Runde. „Mein Name ist Brown Thrasher Mockingbird. Ich habe heute Abend die große Ehre ein besonderes Glanzstück der Schauspielkunst zu präsentieren. Die Weltpresse hat schon im Vorfeld darüber berichtet. Und vermutlich sind Sie deshalb alle hier.“
Er macht eine kurze Pause und schaut in erwartungsvolle Gesichter.

„Unser Stück trägt den klangvollen Namen Selbstdarstellung und Eitelkeiten“, fährt er fort. „Wir werden die ungeschminkte Wahrheit präsentieren. Die Autoren haben lange daran geschrieben. Und glauben Sie mir, es war nicht leicht! Die richtigen Darsteller zu finden hat Jahre gedauert. Aber nun ist es soweit. Vorhang auf und Bühne frei für „The Worlds finest Drama Queens.“

Verschmitzt lächelnd verlässt der Intendant die Bühne und die Schauspieler treten auf. Sie sind alle mehr oder weniger nackt, ein mittlerer Skandal bahnt sich an.
Pressevertreter schießen sofort Fotos. Ein Hängebusen auf der Titelseite verkauft sich immer gut.

Die Zuschauer sind schnell wieder versöhnt, als das launige Spiel der Damen beginnt. Mit- und gegeneinander tragen sie ihre Zeilen vor. Die entblößten Körper sind schnell vergessen, die nackte Seele tritt ins Rampenlicht. Und was wird den Zuschauern nicht alles geboten! Einblicke in die Abgründe menschlicher Tiefen, Ausblicke auf einstürzende Neubauten und andere Abrissbirnen. Und den einen oder anderen Apfelpo.

„Freundinnen müsste man sein“, rezitiert eine Rothaarige und wendet sich an ihre dunkelhaarige Nachbarin. „Sag, wie geht’s eigentlich deinem Göttergatten? Geht er immer noch mit seiner Sekretärin fremd?“
„Nicht mehr, seit du gekündigt hast“, gibt die Angsprochene mit zuckersüßem Lächeln zurück. „Er hat jetzt einen Sekretär.“
„Ach er ist jetzt schwul?“, flötet die Rote und lacht. „Besonders standhaft war er ja nie. Das liegt vielleicht auch an seinem Alter. Junge Kerle können einfach mehr.“
„Der Sekretär ist aus Holz und schon über hundert Jahre alt“, giftet die Dunkelhaarige. „Aber sag, was macht dein Mann eigentlich jetzt? Stimmt es, dass er in einem Call-Center arbeitet und Hausfrauen beglückt?“

Erste Lacher aus dem Publikum zeugen vom Erfolg des munteren Spiels. Und verspielt geht es weiter, die Damen bitten zum Tanz. Flugs eilen nackte Bengel herbei. Aber in Ermangelung blauer Pillen bleiben die Flaggenmaste ganz schlaff. Glanz und Glorie ist anders. Und Schlachten werden heute mit Worten geschlagen.

„Der Ton macht die Musik“, ertönt plötzlich eine Stimme. Schon stürmt der Star des entblößten Ensembles herbei. Standesgemäß im heiße Luft Ballon.
„Wie meinst du das?“, will eine kleine Dicke wissen? „Ich kann dich einfach nicht verstehen!“
„Bei deinem Verstand kein Kunststück“, gibt Diva zurück. „Sag, hast du abgenommen?“

Pointe reiht sich an Pointe, Gag folgt auf Gag. Das Publikum lacht Tränen, selbst eingefleischte Kritiker sind hin und weg. Die Weltbühne hat einen vollen Erfolg zu vermelden. Besser waren die Darsteller noch nie. „Zickenkrieg im Theater“, lautet die Überschrift am nächsten Tag. Und „Mockingbird ist König.“ „Auf dass das Theater niemals endet!“, wird geschrieben. Und abschließend noch „Selbstdarstellung, wie ich sie mag.“