Krieg der Welten

Krieg der Welten ist ein Film. Und kein schlechter seiner Art. Auch die Menschen streiten oft über ihre „Welten,“ über Politik und Religion. Vehement und zur Not mit Gewalt, wird die eigene Meinung durchgesetzt. Faire Diskussionen Fehlanzeige. Sogar in Blogs wird oft heftigst getritten.

Fanatiker und Besserwisser zwingen uns ihre Sicht der Dinge auf. Und wehe ein Kommentator widerspricht! Sofort werden die Messer gewetzt. Aber fair ist anders. (Verbale) Tritte in den Unterleib haben bei Diskussionen keinen Platz. Auch im Sport-Karate sind die verboten. Ein Straßenkampf sieht völlig anders aus.

Vor einigen Tagen gibt es auch in unserem Dojo Krieg. Zumindest aber eine Schlacht. Zwei Welten begegnen sich. Thailand, durch einen jungen Mann vertreten. Und Deutschland, mit Wing Chun. Verstärkt durch japanisches Karate, also mich.

Als ich Anuphab (Thai für „Der Kräftige“) sehe, mag ich kaum meinen Augen trauen. Vor mir steht eine 1:1 Kopie der Muay Thai Legende Buakaw! Und mit dem will keiner wirklich in den Ring. Aber Anuphab ist anders, ein großer Junge mit viel Spaß am Sport.

Der junge Thai ist ein kleiner Star in seiner Stadt und hat schon viele Kämpfe in Ring gewonnen. Auf die Idee ihn nach Deutschland einzuladen, ist unser Sifu gekommen. Er traf Anuphab, als er im Thailand Urlaub war. Er finanziert den Flug und gibt dem Thai auch Unterkunft. Der freut sich sichtlich. Wir uns auch.

Mit 24 Jahren ist Anuphab auf dem Höhepunkt seines Könnens. Im Ring steht er seit er ein Junge ist. Den Wing Chun Schülern soll er helfen, den Blick über den Tellerand zu lenken, den viele leider niemals wagen. Unbesiegbar ist niemand. Das glauben viele nur.

Anuphab spricht Thai und ein wirklich exzellentes Englisch. Als er mich sieht stutzt er kurz. Und verbeugt sich prompt, als der Sifu erklärt wer ich bin. Auch Karate hat in Thailand Stellenwert. Meister ehrt Meisterin, auch ich verbeuge mich. Weniger tief. Dafür ist es mein Lächeln.

Muay Thai ist ein harter Sport. Die schnellen Kicks zum Oberschenkel können schmerzhaft sein. Und ein Knie im Bauch ist oft das Ende eines Kampfes. Anuphab zeigt Dinge, die fast alle staunen lassen. Muay Thai Boran, die Urform des heutigen Sports, ist noch eine Spur effektiver. Und auch die kann der „kräftige Mann.“

Anuphab ist keine Spur arrogant. Er hat sichtlich Freude am Training, lacht viel und korrigiert, wenn die Schüler etwas nicht verstehen. Er mag Wing Chun und auch Karate. „Ich habe alles schon probiert“, verrät er uns. Auf die Ähnlichkeit mit Buakaw angesprochen winkt er nur ab. „Thais sehen doch alle gleich aus“, sagt er locker und zwinkert dabei. „Den Rest macht die Frisur.“ Humor, wie ich ihn mag.

Im Gegensatz zu anderen Wing Chun-Clubs gibt es bei uns regelmäßig Sparring. Heute mixen wir die Stile. Aber schnell wird klar, dass kein Schüler dem jungen Thai das Wasser reichen kann. Der ist viel zu gut. Nur das Trainer-Duo hat Chancen gegen den Dynamiker. Ich halte mich vorerst zurück.

Genau das scheint Anuphabs Neugier zu wecken. „Darf ich dir meine Kunst zeigen?“, fragt er und verbeugt sich wieder. Buddha hilf, ist nun mein Ende nah? Nun mögen viele LeserInnen glauben, dass ich den Burschen locker weghauen kann. Das gilt für den Alltagsmenschen, der meist unsportlich ist. Und auch für überhebliche Typen, die viel zu langsam für mich sind.

Gegen einen echten Thai Boxer sehen die meisten anderen Kampfsportler mehr als nur dämlich aus. Nämlich immer dann, wenn sie nach deren Regeln kämpfen. Gleiches gilt für Thai Boxer, wenn sie z. B. Judo machen. Dort werden auch sie vorgeführt. Bei einem „Kampf“ gewinnt kein Stil. Es gewinnt der Mensch, der besser ist.

Außerdem sprechen wir von Sport, von Regeln. Und auf Muay Thai-Regeln lasse ich mich kaum ein. Ein brutaler Tritt von Mann auf meinen Oberschenkel, wäre das Aus für mich als Frau. Und ein hohes Knie mein Ende. R.I.P. Mayumi-San!

Kneife ich, bin ich nur eine Papiertigerin? Ich nehme an. Lächelnd. Japans Sonne geht im Dojo auf. Und die Thailands unter, als ich Anuphab mit einem gesprungenen Drehkick-Konter von den Beinen hole. Taekwon-Do in Reinkultur und mein Blick über den Tellerrand.

Ich bin das, was man eine „Konterboxerin“ nennen kann. Wer die Hand gegen mich hebt, hat schon verloren. Und Hemmungen sind mir fremd. Vor allem, wenn ich Männer hauen darf. Denen bin ich darin überlegen. Was ich auszunutzen weiß. Und Angst hatte ich noch nie.

Anuphab bleibt länger liegen als nötig. Sein Grinsen ist filmreif. Wirklich hart habe ich ihn nicht getroffen, es war mehr ein „Wischer“, aber gut. Er kommt auf die Beine und applaudiert. Kein Hass, kein Zorn, er nimmt die Niederlage an. Aber es geht noch weiter in Runde 2.

Er tänzelt, täuscht und feuert seine Linke blitzschnell ab. Träfe sie, ich wäre KO. Aber wie schon Buakaw in seinem Kampf gegen Yi-Long weiche ich dem Jap mühelos aus, der ohnehin nur angedeutet war. Statt selbst zu schlagen drehe ich mich in den Mann, greife seinen Arm und lasse eine kleine Bewegung folgen. Anuphab fliegt über meinen Rücken und landet krachend auf den Hosenboden.

Sein herzliches Lachen ist ansteckend. „Das hat schon lange keiner mehr mit mir gemacht“, verrät er mir. „Mein älterer Bru …“ Anuphab unterbricht sich und holt tief Luft. „Meine ältere Schwester schon“, fährt er dann fort und schaut mich an. „Sie war eine Meisterin des Sports. So, wie du.“

Ich ahne die Wahrheit mehr, als ich sie zu diesem Zeitpunkt weiß. Anuphabs Schwester war eine Kathoey, eine Transsexuelle, die vor einigen Jahren bei einem Unfall starb. „Sie hat mich unterrichtet“, erzählt er später“, als er begreift, dass ich lesbisch bin. „Ohne sie, wäre ich nie so weit in diesem Sport gekommen.“

Im Verlauf des Abends taut er noch weiter auf. „Gay means happy, right?“, sagt er und lacht schon wieder. Krieg der Welten führt er nicht. Wir haben längst aufgehört zu sparren. Anuphab hat breit grinsend erklärt, dass er Frauen niemals schlagen kann. Ein Schlitzohr, das Wortspiele kennt.

Gewalt an Schulen – Fragwürdige Uni-Rituale

Spiegel online berichtet heute über thailändische Uni-Rituale. Unter dem eher reißerischen Titel „Folter für Erstsemester“ stehen dann die harten Fakten: Junge Männer werden von älteren Komilitonen geschlagen und angeschrien, brechen vor Erschöpfung fast zusammen. Ich lese den Artikel und wende mich dann kopfschüttelnd und doch nachdenklich ab. Leider sind diese Praktiken nicht nur in Thailand üblich, auch in Japan gibt es Gewalt an Schulen, oder nicht mehr zeitgemäße Studentenrituale. Diese machen auch vor jungen Frauen nicht Halt!

Nun kann ich mich gut wehren. Aber ich gehe auf keine Schule um zu prügeln! Ich will dort lernen, studieren, mein Wissen vertiefen. Ich muss mich nicht schon in der Schule dem buchstäblichen Lebenskampf stellen und meinen Mitschülern blutige Nasen verpassen. Dass ich es dann doch einige Mal tun musste steht auf einem anderen Blatt. Was mich so betroffen macht und immer noch ein Stück mehr in Richtung Feminismus rücken lässt: Wieder sind  es vornehmlich Männer, die diese Gewalt ausüben. Wenn auch gegen die eigene Art.

In Deutschland hatte ich diese Probleme bisher nicht. Weder an den Schulen / Unis in Düsseldorf, oder meiner neuen Heimat Stuttgart. Eine Einzelgängerin war ich nicht. Aber ich habe ein gutes Gespür für Menschen und mich von Cliquen ferngehalten, die nur Ärger suchten. Natürlich wäre ich dank meiner Karate und Aikido-Kenntnisse ein willkommenes Mitglied gewesen. Aber selbst aktiv Streit suche ich nicht. Auch, wenn ich Ärger nicht immer aus dem Weg gehen kann. Früher habe ich dann Finger und Nasen gebrochen. Heute diskutiere und deeskaliere ich meist. Klappt leider nicht immer, aber dazu blogge ich ein anderes Mal vielleicht mehr.

Obwohl ich ein „zorniges Mädchen“ war, habe ich immer meinen Frieden gesucht. Ich fand ihn im Sport, dem Schreiben von Haikus und Kurzgeschichten. Und zu guter Letzt in der Liebe. Aber selbst in meinem Zorn, selbst als wildes Mädchen, bin ich stets gerecht geblieben. Immer habe ich mich für Schwächere eingesetzt und auch Jungs gegen andere Jungs geholfen. Gut, das war eher die Ausnahme. Meist stand ich (be)schützend vor „meinen Mädels“ und habe sie gegen Jungs verteidigt. Mir will es einfach nicht in den Kopf, warum Menschen andere Menschen beherrschen wollen. Wo ist der Sinn sein bisschen Macht an einem Erstsemester zu demonstrieren, ein Kind auf dem  Pausenhof zu quälen?

Ich für mein Teil lerne lieber. Das ist oft Qual genug. Vielleicht sollten sich die Schüler und Studenten wieder genau darauf besinnen, statt Schutzgeld zu erpressen, oder Mitschüler (nackt) durch Korridore zu jagen. Bei mir hätten sie damit ein großes Problem.