Little China Girls

Japan zu Besuch in China, auch das könnte die Überschrift dieses Beitrags sein. Aber eigentlich war alles ganz anders. Ein kurzer Bericht folgt nun davon.

Alles begann mit einem Anruf vor einigen Monaten. Am Telefon Lia, auch bekannt als „Girl of Tai-Chi.“ Über Landesgrenzen und Zeitverschiebung haben wir stets Kontakt gehalten. Oft kamen Bilder ihrer beiden adoptierten Töchter, im Hintergrund Peter ihr schwuler (Schein)Ehemann.

Was Lia mir zu erzählen hat lässt mich die kleinen Fäuste ballen. „Peter“, sagt sie, „hat mich wegen einem anderen Mann verlassen.“ Dass Peter einen Freund hatte war Teil der Ehe, nicht aber dass er das gemeinsame Konto plündert und mit dem Geld untertaucht. „Tante Betty hat ihn dann gestellt.“

Was ich niemals für möglich gehalten hätte, die herzensgute Betty Wu hat Ohrfeigen verteilt. Sie war es, die Peter aufgestöbert und zur Rede gestellt hat. Mit Konsequenzen. Niemand greift ungestraft eine Tai-Chi-Meisterin an! „Das meiste Geld habe ich wieder“, fährt Lia fort, aber Peter will ich nicht mehr als Freund. Er hat mich tief enttäuscht und mein Vertrauen missbraucht, nie hätte ich das gedacht!“

Lia erzählt mir, dass sie England verlassen wird. „Das ist kein sicherer Ort mehr für Frauen. Wir werden zurück nach Taiwan gehen, dann wohne ich praktisch um die Ecke.“ Wir müssen beide lachen, die Flugzeit beträgt wirklich nur etwas mehr als 2 Stunden.

Sifu Wu hat noch immer ein Haus in Taiwan, um das sich eine Cousine gekümmert hat. Es bietet genügend Platz für die vier Frauen, von denen zwei noch immer Mädchen sind. Lea und Mia nehmen die Trennung von Peter schwer, sie haben ihn wirklich gern gemocht. Aber das Leben ist nun mal Veränderung.

Eine schwere Erkrankung Lias hat uns vor zwei Wochen Hals über Kopf nach Taiwan geholt. Niemals lasse ich meine Freunde im Stich. Sifu Wu vertraut keinen normalen Ärzten, das hat sie noch nie gemacht. Sie kennt einen guten, aber privaten Spezialisten, der Lia wieder auf die Beine bringt. Bei der Rechnung haben wir geholfen. Geld ist kein Thema, wenn man ein Leben retten kann.

Lia ist noch immer schwach, aber auf dem Weg der Besserung. Ein Magendurchbruch ist nun mal kein Pappenstiel. „Du wirst das Geld natürlich wieder bekommen“, verspricht sie mir, während Tränen über ihrer Wangen laufen. „Bist du doof?“, wollen Yuki und ich gemeinsam wissen und alles hat gelacht.

Wer nun einen Reisebericht und Bilder von Sehenswürdigkeiten erwartet, den muss ich enttäuschen. Außer dem Dojo haben wir kaum etwas von Taiwan gesehen. Sifu Wu ist es auch, die mir von Wudangshan abgeraten hat. Durch die Blume hat sie mir erklärt, der dortige Kung Fu-Stil sei etwas für ruhigere Persönlichkeiten. Yukis frecher Kommentar war „Schade, ich hätte dich so gern ruhig gestellt gesehen.“ Mein Konter war „Ich liebe dich auch“, und vier Frauen und zwei Mädchen haben herzlich gelacht.

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Leben und andere Kleinigkeiten

Unser Leben in den USA ist anders. Hektischer. Was auch mit meiner Cousine zu tun hat, wir pendeln oft zwischen Santa Barbara und Los Angeles. Es geht ihr besser. Sie ist aktiver und nimmt am Leben teil.

Unsere Freundschaften halten, das Wetter auch. Und mein 4. Dan rückt in greifbare Nähe. Die Techniken sitzen, die Prüfung werde ich bald in Japan machen. Unter Papas strengen Augen, ist doch klar.

Ich übe mit einem Experten, der auch MMA unterrichtet. Seiner ältesten Tochter habe ich dafür mein Karate beigebracht. Nachdem ich ihr zeigte, wie der Ringboden aussah. Mehrfach versteht sich. Heute sind wir dicke Freunde.

Ken wird mit seiner Schwester ebenfalls zurück nach Japan fliegen. Heimat wir kommen. Schon wieder! „Wie finanziert die Japanerin das?“, werden sich Neugierige fragen. Ich arbeite hart für mein Geld. Mehr muss niemand wissen.

Mein Blog verwaist, mir fehlt die Zeit täglich Beiträge zu lesen. Auch meine Sprache leidet. In meinem Kopf ist ein bunter Mix aus Deutsch, Englisch, Japanisch und Mandarin (chinesisch), das ich unbedingt besser kennenlernen will.

Warum Mandarin? Wir planen einen Aufenthalt in China, genauer den Wudang-Bergen. Feng und Fan Fan werden uns begleiten. Die Reise wird im Frühling 2018 sein. Der Plan ist einerseits unser Tai Chi zu verbessern, aber auch Neugier auf China insgesamt.

Ein kurzer Rückblick. Santa Barbara, 25.10.2017. Der Ort, das Haus von Ally und Heather. Yuki macht Frühstück und ich helfe natürlich mit. Während ich Tee koche kommt mir eine Szene in den Sinn. Und biestig wie ich bin, werde ich sie mit euch teilen.

„Willst du, Mayumi, die hier anwesende Yuki zur Frau nehmen, so antworte mit Ja.“ So oder ähnlich wird es später klingen, wenn wir zum zweiten Mal heiraten werden. Wobei das eigentlich die erste Heirat ist, bisher leben wir nur in einer „eingetragenen Lebenspartnerschaft.“

„Aber eine Heirat in den USA zählt doch in Deutschland nicht automatisch!“, höre ich bereits die berechtigte Kritik. Das ist richtig. Aber wer sagt, dass wir zurück nach Deutschland gehen? Falls doch ist es lediglich ein Federstrich.

„Aber zwei Frauen können doch nicht heiraten!“, werden sich auch einige Homophobe empören. Für die gibt es wie immer meinen wunderschönen Mittelfinger.

„Glaubst du wirklich, dass ich dich heirate?“, will Elfchen wissen und lacht über das ganze Gesicht. „Neun Jahre halte ich dich jetzt schon aus, vielleicht sollte ich mir eine Neue suchen.“

„Mach doch“, erwidere ich ungerührt, „ich schnappe mir dann ein nettes Blondchen.“ „Und wer kocht dir dein Essen?“, kontert Yuki frech. „Du wärst doch längst verhungert ohne mich.“

„Soll das heißen, dass ich dich jetzt vernaschen darf?“, frage ich gut gelaunt und gehe auf sie zu. „Geh weg!“, kreischt Yuki, „ich habe schmutzige Hände!“ Ungerührt werfe ich ihr ein Handtuch zu, das sie sofort als Waffe gegen mich benutzt.

„Willst du mich heiraten?“, frage ich aus sicherer Entfernung und höre etwas, das wie „Baka“ klingt. „Also ja“, sage ich und gebe ihr einen Kuss. „Und jetzt trödle nicht rum du Elfenmaus. Wir haben später noch die Welt zu retten.“ Frech wie Yuki ist hat sie: „Und wer rettet mich vor dir?“ gefragt.

 

 

Wing Chun – Der ewige Frühling

Viele Mythen und Legenden ranken sich um die fernöstlichen Kampfkünste. Von unbesiegbaren HeldInnen und wundersamen Techniken ist die Rede, die jeden Gegner lässig niederstrecken.

Das ist so dumm wie falsch und schon allein das Wort Gegner ist dabei der falsche Begriff. Ursprünglich hat man Wushu / Kung Fu zur körperlichen und geistigen Fitness erschaffen. Erst viel später haben die Shaolin Mönche daraus die Kunst der Selbstverteidigung gemacht.

Die kämpfende Kunst

Vor einigen Monaten hatte ich am Beispiel Karate über den Unterschied zwischen Kampfkunst und Kampfsport geschrieben und warum die reine Kampfkunst in einem Wettkampf unbrauchbar ist.

Wer diese Artikel noch nicht kennt, der darf gern HIER und HIER klicken.

Bei meinem Aufenthalt in den USA, habe ich mehrfach mit Sifu Feng über dieses Thema gesprochen. Auch sein Wettkampf Tai Chi ist nur die abgewandelte Form jener Kunst, die in Konkurrenz zu den aus dem Shaolin „Kung Fu“ entwickelten Stilen steht.

Für Feng überraschend, dass ich als Karateka, die „Klebenden Hände“ beherrsche. Einerseits gibt es die auch im Goju Ryu Karate und andererseits im Wing Chun. Und auch das habe ich gelernt.

Wing Chun, das man mit „Ewiger Frühling“ übersetzen kann, ist ein vermutlich im frühen neunzehnten Jahrhundert entstandener südchinesischer Kung Fu Stil, der seit den 1970er Jahren auch Furore im Westen macht. Leider haben Geschäftemacher viel kaputt gemacht, aber das soll heute kein Thema sein.

Kurz vor meiner Abreise hatte Feng Besuch von einem befreundeten Sifu, der als Kind und Jugendlicher zehn Jahre lang Wing Chun trainierte und vor fast zwanzig Jahren zum Tai Chi gewechselt ist. Gemeinsam haben wir die beiden Systeme analysiert und die Unterschiede herausgestellt. Und das war auch für mich hochinteressant.

The men of Tai Chi

Sifu Dan ist Amerikaner und knapp vierzig Jahre jung. Sein Stiefvater habe bei Hawkins Cheung in Los Angeles trainiert und ihn zum Training mitgenommen, erzählt er uns. „Als Kind hat mir Wing Chun geholfen“, sagt er. „Ich war ein schmächtiges Kerlchen und immer Opfer der älteren Schüler. Als ich mich erstmals wehrte, haben sie mich in Ruhe gelassen.“

Fast automatisch erscheinen die Bilder in meinem Kopf, die mich als siebenjähriges Mädchen auf dem Pausenhof der Schule zeigen und als „Opfer“ eines üblen Streichs. Ein Mitschüler hatte mich ohne Vorwarnung zu Boden gestoßen, beleidigt und dabei noch gelacht. Mein Karate hat ihm dann Manieren beigebracht.

„That’s life in the USA“, stichelt Feng und lacht. Die Männer nicken wissend, als ich meine Geschichte erzähle. „Ich glaube das haben wir alle durchgemacht“, sagt Dan. „Aber im Gegensatz zu anderen sind wir wieder auf die Füße gekommen.“

„Warum und wann hast du mit Wing Chun aufgehört?“, will ich wissen. Seine Antwort ist überraschend. „Nicht aufgehört“, lässt er mich wissen, „in meiner Schule wird auch Wing Chun unterrichtet. Nur unser Schwerpunkt ist Tai Chi.

Ich bin als junger Bursche zu den Marines. Wing Chun hat mir zu Beginn meiner Ausbildung geholfen, aber als wir Bodenkampf und Boxen übten, stand ich auf verlorenem Posten.“

Ich ahne warum, aber will es genauer von ihm wissen. „Woran genau lag es deiner Meinung nach?“ „Wir haben bei Hawkins zu wenig Sparring gemacht und nie mit fremden Stilen geübt. Alles war sehr theoretisch. Und ich kann schlecht einem Trainingspartner die Knochen brechen.“

Gegen jede Regel

Dan spricht ein Problem an, das viele Kampfkünstler haben, wenn sie in einem Ring nach Regeln kämpfen sollen. Schläge zum Kehlkopf oder Tritte in den Unterleib gehören zur Selbstverteidigung, im Sport sind sie aus gutem Grund verboten.

Auf der anderen Seite gibt es aber diese Arroganz scheinbarer Überlegenheit im Lager der Wing Chun Verfechter. Und das ist, bei aller Sympathie für diesen Stil, eine glatte Lüge. Dan sieht das ebenso. „Hawkins Cheng ist ein netter Kerl. Aber er hat auch den 3. Dan im Karate.

Viele, die sich jetzt Sifu nennen und wirklich gute Wing Chunler sind, haben noch einen zweiten oder dritten Hintergrund. Sie mixen diverse Stile und erst das macht sie gut. Oder sie schummeln, wie Sifu Moore.“

Dan zeigt uns ein Video, das ich ebenfalls kenne. Ein beleibter Mann, wird von einem schmächtigen Karateka „angegriffen“ (Sparring) und schiebt diesen dann quasi vor sich her. Das hat wenig mit Wing Chun, aber viel mit physikalischen Gesetzen zu tun. Der Mann ist einfach schwerer. Punkt.

„Ein großer Nachteil diverser Stile, ist der Fokus auf Hände und / oder Füße“, sagt Dan. „Wir können Tritte und Schläge, aber am Boden verlieren wir.“ „Das klingt wie Werbung für Brasilian Jiu-Jitsu (BJJ)“, stichele ich. „the most effective Martial Arts on the Planet.“

And the winner is …!

Herzliches Lachen folgt meinen Worten, die beiden verstehen den Gag. „BJJ ist in erster Linie Sport“, sagt Dan und auf der Straße völlig unbrauchbar. Das gilt für alle ringenden Sportarten. Kein Mensch wälzt sich auf dem Asphalt.

Die scheinbare Überlegenheit von BJJ basiert auf dem Überraschungseffekt, den auch Wing Chun kennt und auf deren Regeln. Bei Vergleichskämpfen mit BJJ scheuen sich andere Sportler sehr oft, die wirklich effektiven Kicks oder Schläge zu landen.“

„Oder sie dürfen nicht“, füge ich hinzu. „Bei Judoka oder Ringern sieht das ganz anders aus. Kein BJJ-Sportler steht lange gegen einen guten Freistil Ringer. Man kann solche Sportarten ganz schlecht vergleichen.“

„Ich sehe Wing Chun als eine Sonderform unter den Kampfkünsten“, sagt Dan und nickt zustimmend. „Es ist reine Selbstverteidigung und eine Art Straßenkampf. Relativ einfach aufgebaut gibt es dort keine Geheimnisse. Die werden nur von diesen selbsternannten Großmeistern Leung Ting und Keith Kernspecht propagiert. Jeder kann Wing Chun erlernen. Dafür braucht es keine Ewigkeit.“

„Mit erlernen meinst du die Formen oder die Techniken inklusive Schmetterlingsmesser und Langstock?“, frage ich. „Wenn du Wing Chun als reine Kunst siehst und wirklich jede Handbewegung akribisch und auf den Millimeter genau lernen möchtest, wirst du vermutlich ewig brauchen“, erwidert Dan. „Und du wirst im Ernstfall die Prügel deines Lebens beziehen. Die meisten Wing Chunler können nicht kämpfen.“

Dans Worte sprechen das Problem an, das ich am Beispiel Aikido verdeutlichen will. Aikido ist als Wettkampfsport völlig ungeeignet und nur die kultivierte Form des Aikijujutsu. Bei Wing Chun ist das ähnlich. Nur gibt es dort keine offizielle sportliche Form. Eventuelle Wettkämpfer sind einfach nur Kickboxer.

Die Analyse

Dan holt einen Schnellhefter aus der Tasche und zeigt uns auf mehr als fünfzig Seiten seine Analyse von Wing Chun und Tai Chi. Grob gesagt ist sein Fazit, dass Tai Chi das wesentlich komplettere System ist, schwieriger zu lernen, aber im Endeffekt effektiver.

„Wing Chun ist nicht komplett“, erklärt Dan. „Man hat dort Elemente aus dem Tai Chi und vermutlich dem Shaolin Kung Fu sozusagen extrahiert und um ein imaginäres Dreieck herum modifiziert. Ich spreche von den kurzen, schnellen Bewegungen, die immer die eigene Mitte schützen und gleichzeitig zum Zentrum des Gegners gehen.

Der Erfolg, den einige wirklich gute Wing Chunler mit dieser Methode haben, basiert lediglich auf dem Überraschungseffekt. Aber mit einem Kettenfauststoß gewinnt man keinen ernsthaften Kampf. Mit einem Tritt in den Unterleib schon.“

„Das ist mein Spruch!“, protestiere ich lachend. „Ich glaube ich weiß, was du meinst. Auch Karate kommt ursprünglich aus China und ist vermutlich aus dem Weißen Kranich Stil entstanden. Aber Japaner sind Puristen und haben überflüssige Bewegungen eliminiert, was sehr gut im Shotokan Karate zu sehen ist. Mein Stil, das Goju Ryu, ist noch näher am Original.“

„Tai Chi basiert auf einem Kreis“, fährt Dan fort und Feng stimmt zu. „Greift ein Gegner an, wird der Wing Chunler der Kraft ausweichen oder um sie herum arbeiten und gleichzeitig attackieren. Tai Chi wird die Kraft, den Schlag oder Tritt quasi aufnehmen und absorbieren, um erst dann zu attackieren.

Dreieck und Kreis

Die Bewegungen beim Tai Chi sind kreisförmig, um es einfach auszudrücken. Beim Wing Chun dagegen eckiger (Dreieck Prinzip). Ein weiterer Unterschied liegt im sogenannten Trapping, dem immobilisieren der Arme oder Beine.

Das funktioniert im Training für Wing Chunler wunderbar. Im realen Leben habe ich so meine Zweifel. Steht mir ein muskulöser Kraftmensch gegenüber, so geht das in den meisten Fällen gewaltig schief.

Tai Chi macht das besser, indem man einen Gegner aus der Balance bringt. Greift jemand nach mir, gebe ich nach und leiste keinen Widerstand. Bis zu diesem Punkt kann man sich darüber streiten, ob beide Systeme nicht teilweise das Gleiche machen, wenn auch mit anderen Methoden.

Der größte Unterschied liegt aber meiner Meinung nach in der Sensitivität. Wing Chuns klebende Hände sollen hier das Maß aller Dinge sein, was nur zum Teil richtig ist. Nicht nur Wing Chun kennt diese Form, wie Mayumi schon angesprochen hat, gibt es die auch im Okinawa Karate und anderen Kung Fu Stilen.

Mit dem Unterschied, dass im Wing Chun leider wirklich nur die Arme sensibilisiert werden, im Tai Chi aber der ganze Körper. Wing Chun gilt als reiner „Close Range Combat.“ Und das macht das System recht gut. Bis man, rein theoretisch, auf den Weltmeister im Kyokushin-Karate trifft.“

Kick it

Wir müssen alle lachen. Dan spricht von den blitzartig aus nächster Nähe nach oben gezogenen oder gesprungenen (Dreh)Kicks zum Kopf, mit denen ich Feng im Sparring überraschte. „Wing Chun übt Druck nach vorn (auf den Angreifer) aus“, fährt Dan fort, „aber es geht immer nur um die Mitte, das Zentrum.

Tai Chi ist ein 360 Grad System, das sich wie ein junger Baum verhält. Zieht man daran oder drückt und lässt dann los, geht der Baum in seine ursprüngliche Position zurück. Tai Chi attackiert den ganzen Körper und ist das wesentlich komplettere System. Falls man es bis zum hohen Level schafft.“

„Der Blick über den Tellerrand ist wichtig“, ergänze ich. „Unbedingt!“, stimmt mir Dan zu. „Es geht mir nicht darum einen Stil zu verteufeln und die Überlegenheit eines anderen anzusprechen, aber viele meiner Schüler haben vorher etwas anderes gemacht und sind nun wesentlich zufriedener mit ihren Erfolgen.“

„Könnte man Wing Chun als Einstieg in die Welt der Kampfkunst sehen?“, will ich wissen und Dan nickt. „Das hast du gut formuliert“, erwidert er, „aber ich sehe das komplexer.

Wie ich schon sagte ist Wing Chun ein einfaches System, das vor allem für körperlich schwächere Menschen interessant ist. Vor allem für Frauen.“ Er grinst, als er meinen Mittelfinger sieht. Humor, den auch Dan versteht.

Hinterm Horizont geht’s weiter

„Du wirst dort viele treffen, die kaum Fitness haben oder einfach unbeweglich sind“, fährt er fort. „Für die wäre Karate Mord. Auch für Kinder ist Wing Chun eine tolle Sache. Aber wer Wunder erwartet, wird bitter enttäuscht.

Wer dazu in der Lage ist und echte Fortschritte machen möchte, dem rate ich sich auch anderweitig umzusehen. Ohne den direkten Vergleich, wird man immer limitiert bleiben. Und die angeblich so guten Wing Chunler aus Hongkong machen in Wirklichkeit nur Sanda (Chinesiches Kickboxen).“

Auch Feng stimmt zu. „Ja“, sagt er, „das habe ich mittlerweile auch erkannt. Ich musste auch Kickboxen lernen, um bei Meisterschaften erfolgreich zu sein. Trotzdem hat mir mein Tai Chi Hintergrund dabei geholfen. Und schon Bruce Lee hat die Stile gemischt.“

Unvermischt und pur bleibe nur ich meinen LeserInnen erhalten. Auch wenn ich Deutschland nächste Woche wieder in Richtung USA verlassen werde.

Lichter der Großstadt – Teil 3: Tai Chi

In den USA zu leben ist einfacher, als viele glauben. Zwar ist alles größer und die Erde bebt, aber wir gewöhnen uns schnell daran. Auch die Zeitumstellung haben wir mittlerweile verkraftet. Und unser Englisch passt auch ins Bild. Niemand erwartet, dass wir perfekt sprechen. Aber wir machen das ganz gut.

Die Frage wo wir leben werden, hat Ally gelöst. Mir ihr und Heather abzuhängen macht Spaß. Daher entscheiden wir uns für Santa Barbara und pendeln nur ab und zu nach L.A. Auch die Trainingsfrage ist kein wirkliches Problem. Im Januar geht es los.

Der Flirt

Die Silvester Party wird kleiner, als letztes Jahr. „Wir haben ein Dutzend Mädels eingeladen“, erklärt mir Ally. „Vermutlich wird nur die Hälfte kommen.“ Kurz schaue ich ins Netz, die Nachrichten aus Deutschland wecken erneut meinen Zorn. Köln reloaded? Zumindest ist die Polizei vorbereitet.

Unvorbereitet trifft mich der Flirtversuch einer Frau, die mehr als nur Smalltalk will. Sie gibt mir deutlich zu verstehen, was sie nun erwartet. Und das ist kein harmloser Kuss. Die Situation amüsiert mich, ich bin gegen solche Offerten gefeit. Schon so manches Mädel, ist an meinem ausgestreckten Arm verhungert.

Und da gibt es noch Elfchen, die urplötzlich richtig eifersüchtig wird und der Süßen einige Takte steckt. Wer Yuki einmal zornig sah, der wird das kaum vergessen. Nur ich kann böser gucken. Zwar besteht keine Gefahr, dass wir uns betrügen, aber „Ich musste das jetzt tun!“, hat Yuki gesagt und meine Hand genommen. „Du bist meine Frau!“

Es sind diese kleinen Momente, die unsere Liebe noch tiefer machen. Ein Seitensprung? Wozu? Als Teenager und Twen, war ich weniger wählerisch. Ich habe gezielt (aus)gesucht und ziemlich schnell vergessen. Ohne erhobenen Zeigefinger muss ich ganz klar sagen, Dreier funktionieren nicht.

Dein Karate, mein Karate

Wir gönnen uns nach der Party einen Tag Pause und suchen dann ein Dojo auf. Sensei Wade ist Amerikaner, schon Ende Fünfzig und spricht etwas Deutsch. „War ich in die Stadt Kaiserslautern stationiert.“ Er lacht, als er sich bei den Worten fast die Zunge bricht. „That was a long, long time ago!“

Seine Schüler sind vorwiegend Teenager und schon nach zwei Tagen helfe ich beim Training aus. Wade unterrichtet Shotokan-Karate, ist aber sehr an meinem Stil interessiert. Begeistert nickt er, als ich die Unterschiede zeige. Die Teens sind Feuer und Flamme, dass sie eine „echte Japanerin“ trainiert. Haben wir neue Freunde gewonnen?

Schnell wird klar, dass Sensei Wade kein guter Trainer ist. Ihm fehlt der spirituelle Hintergrund. Alles was er zeigt basiert auf Kraft, womit er bei mir keinen Blumentopf gewinnt. Er kümmert sich meist nur um seinen Neffen Steven, der ein besonderes Kaliber ist.

Steven hat schon mehrere Pokale gewonnen und trainiert für die US-Meisterschaft. Aber vorher gilt es die Qualifikation zu meistern. Ein Turnier steht bevor, zu dem wir eingeladen sind. Wir werden Zeuge recht mäßiger Kämpfe. Selbst Steven ist weit von wirklicher Klasse entfernt.

Ein Chinese weckt mein Interesse. Der junge Mann zeigt keine Schwächen. „Tai Chi“, sage ich und Yuki schaut überrascht. „Das wird spaßig werden“, füge ich hinzu. Feng, so der Name des Kämpfers, dominiert seine Gegner locker. Während sich Steven seinen Weg ins Finale prügelt, weicht Feng nur aus, um dann blitzschnelle Treffer zu setzen.

And the winner is …!

Es kommt wie es kommen muss, Steven steht Feng im Finale gegenüber. Ich ahne das Desaster und behalte recht. Steven ist zu unbeherrscht und hat zu viele Lücken in der Deckung, die Feng eiskalt nutzt. Ich nicke anerkennend als er ernst macht und sein ganzes Können zeigt.

Steven hat nie eine Chance und verliert den Kampf. Ein Raunen geht durch die Halle, als er Fengs ausgestreckte Hand zur Seite schlägt. Als schlechter Verlierer erweist sich auch Wade, der Protest gegen die Wertung einlegt. Angeblich wegen Regelverstoß.

Die Jury berät, man schaut sich das Video an und entscheidet gegen Steven. „And the winner is still …!“, höre ich. „Zu Recht“, sage ich, als Steven auf dem Weg nach Hause immer weiter lamentiert. „Du hast verloren, nimm es als Lektion für dich an.“

Über sein „Fuck you Bitch!“, habe ich gelacht und „Loser“ zu ihm gesagt. Das Wort trifft härter, als (m)ein Kick, den er klugerweise vermeidet. Wütend schlägt er die Tür seines Wagens zu.

Wade ist der Vorfall unangenehm, aber meine Entscheidung steht bereits fest. Wir werden nicht mehr zu seinem Training kommen. „Aus der Niederlage zu lernen macht wahre Sieger aus,“ gebe ich beiden noch mit. „Feng war um mehrere Klassen besser.“

Tai Chi

Ich erzähle Ally später wie schlecht sich Wade und Steven verhielten. „Ich kenne Feng“, sagt sie. „Er hat seit letztem Jahr ein kleines Dojo in der Stadt. Wir waren dort, aber es gab zu viele Männer. Wie ich hörte sind die meisten schon wieder weg.“

„Ach?“, sage ich, „hat euch der Virus gepackt?“ Die beiden lachen und bejahen meine Frage. „Wir wollten euch damit überraschen.“ Am nächsten Tag zeigt sie mir Fengs kleines Reich. Es sind noch keine Schüler da, er selbst kniet in einer Ecke. Als er uns sieht legt er den Schraubenzieher weg. „Eine Steckdose ist kaputt“, erklärt er. „Was kann ich für euch tun?“

Um einer Legende vorzubeugen, er hat uns nicht sofort als Japanerinnen erkannt. Aber als potenzielle Schülerinnen. „Chen Stil?“, frage ich als Antwort und er schaut überrascht. „Ja“, sagt er, „du kennst Tai Chi?“ Ich nicke. „Ich habe es vor Jahren gelernt.“

Fengs Lachen macht einem fast ehrfürchtigen Gesichtsausdruck Platz, als ich davon erzähle. „Sifu Wu ist eine Legende!“, sagt er. „Na, ob sie das auch so sieht?“, frage ich schmunzelnd und Feng lacht schon wieder. „Vermutlich nicht“, sagt er. „Sie soll sehr bescheiden sein.“

Feng ist in Taiwan geboren, lebt aber seit vielen Jahren in den USA. Er hat kaum Akzent und beherrscht auch das „R“ und „L“ meisterhaft. Ich übrigens auch, aber das habt ihr bestimmt gewusst.

„Karate!“, sagt Feng, als ich von meinem Hintergrund erzähle. „Warum kommt ihr dann zu mir?“ Er wirkt nachdenklich, als ich Steven und Wade erwähne und dass ich den Kampf gesehen habe.

„Ich bin Steven schon auf einem anderen Turnier begegnet“, höre ich. „Schon damals war er ein schlechter Verlierer. „Er schlägt ohne Verstand“, sage ich. „Deine Konter waren gut.“

Asian Nation

Feng hat Informatik studiert. Tai Chi war bisher nur ein Hobby. „Ich finde einfach keinen Job in dem ich es länger als einige Wochen aushalte“, verrät er uns. „Also habe ich all mein Geld in diesen Club investiert. Das Haus (ein ehemaliger Laden) habe ich gekauft, es ist aber leider alt und vieles reparaturbedürftig.

Wir fachsimpeln eine Weile, bis seine SchülerInnen kommen. Feng lädt uns auf ein kostenloses Training ein. Was er zeigt ist wirklich gut und wir machen tapfer mit. Ich freue mich nach all der Zeit wieder Tai Chi zu üben. Auch wenn die Unterschiede zu Karate heftig sind.

Lustig wird es, als Feng lockeres Sparring mit seinen SchülerInnen macht. Sie sind alle ohne jede Praxis, nur Yuki und ich haben einen Kampfkunst Hintergrund. „Wehe du haust mich wieder!“, sagt sie aus Spaß, was ich mit einem Lächeln quittiere, das ich angeblich der Sphinx abgeschaut haben soll.

„Wollen wir?“, fragt Feng nach einer Weile und schaut mich an. „Aber bitte sei nachsichtig mit einem alten Mann!“ Der Witz, er ist mit 27 sogar noch etwas jünger als ich. Im Training habe ich oft mit Mann zu tun (gehabt). Kraft gegen Geschwindigkeit.

Kung Fu (Wushu) mit Karate in einen Ring zu stellen, wird niemals funktionieren. Was in einem Ring gezeigt wird, läuft meist auf Kickboxen hinaus. Und zwar von beiden Seiten. Ein guter Kung Fu „Kämpfer“ wird einen mittelmäßigen Karateka schlagen. Umgekehrt trifft das ebenfalls zu.

Fengs Stärke ist der Infight. Aber den kann ich genau so gut. (M)Ein Fehler wäre es, sich genau darauf einzulassen. Außerdem machen wir nur Spaß. Aber als er meinen Arm greift und mich zu Boden werfen will kontere ich mit einem (fast) klassischen O-Goshi (Hüftwurf).

Ich kontrolliere danach noch seinen Arm und Feng gibt lachend auf. „Aikijujutsu“, erkläre ich, als er danach fragt. In Japan gibt es die (Un)Sitte, dass man Gäste bei Spielshows gewinnen lässt. Ob ich das in diesem Leben noch lerne?

Zwei wirkliche Meister neutralisieren sich meist. Gegen Fengs „schiebende Hände“ benutze ich Wing Chun. Gefolgt von einem Tritt´aus nächster Nähe zum Kopf. Natürlich will ich niemand verletzen, also habe ich abgestoppt. Feng nickt anerkennend. „Das hätte Steven machen sollen!“, sagt er. „Ich habe das schon gesehen. Woher stammt der Kick genau?“

Ich erzähle von Cousin Ken, der Kyokushin Karate trainiert und dass ich das im Sommer ebenfalls oft mache. „Oh, das ist ein harter Stil“, stimmt mir Feng zu. „Die gewinnen regelmäßig die Turniere.“ „Jeder ist zu schlagen“, erwidere ich. „Ich kann dir zeigen wie.“

Gezeigt hat sich, dass es Verständnis über Ländergrenzen geben kann. In den nächsten Tagen üben wir Tai Chi und lernen auch chinesischen Schwertkampf kennen. Im Austausch versteht sich, ich zeige Feng japanisches Kenjutsu.

Feng freut sich über vier neue neue Schülerinnen, die, zu seinem Leidwesen, alle lesbisch sind. Aber das hat er nur im Spaß gesagt und (gespielten) Ärger mit seiner Freundin bekommen, um die es unter anderem es in der übernächsten Folge geht. Es bleibt spannend, wird aber erst einmal „Automobil.“ Detroit Motorshow, wir kommen!

Noch ein Hinweis, um Missverständnissen vorzubeugen, die „Lichter der Großstadt“ Beiträge sind nie aktuell und bilden Ereignisse aus der näheren Vergangenheit ab. In Detroit waren wir zum Beispiel letzte Woche.

The Girls of Tai-Chi

Düsseldorf im Sommer vor einigen Jahren, mein jüngeres Ich ist auf Studienreise durch die Dojos der Stadt. Ich übe Kung Fu und das macht mir großen Spaß. Instinktiv setze ich neue Dinge um und erschaffe die Grundlagen meines Stils. Dann treffe ich auf Sifu Betty Wu, eine chninesische Tai-Chi-Meisterin. Die Frau ist wunderbar!

Tai-Chi gilt als weicher Stil, als inneres Kung Fu. Es dient der Gesundheit, der Balance von Körper und Geist. Sifu Wu kommt aus Taiwan, hat aber auch schon in Hongkong gelebt. Sie ist 40 Jahre jung. Alt sehen nur andere aus, die diese Frau nicht ernst nehmen wollen.

Tai-Chi-Chuan gibt es in verschiedenen Formen und es kann auch schnell angewendet werden. Zur Selbstverteidigung, zum Kampf. Auch das wird mich die Meisterin lehren. Ihre beste Schülerin ist stets mit dabei. Ihr Name ist Lia und Sifu Wus Nichte.

Ich habe wenig Mühe, die Bewegungen zu lernen. Meine Form des Karate kennt auch den weichen Stil. Und doch bin ich überrascht, als mir die Meisterin Dinge zeigt, die ich sofort verinnerlicht habe. Mein Papa schmunzelt, als ich ihm davon erzähle. „Auch andere Meister können gut lehren“, sagt er rätselhaft. „Und Tai-Chi ist durchaus gut.“

Mein unruhiger Geist rebelliert, als Tai-Chi dann doch nicht schneller wird. Mir fehlt jene Dynamik, die mich schon immer ausgezeichnet hat. Sifu Wu weiß um meine Klasse. Aber Girls of Tai-Chi kämpfen nicht, sagt sie mir Und genau das ändert sich an einem besonderen Tag.
Lia spricht nur Englisch und Kantonesisch. Aber wir verstehen uns trotzdem sehr gut. Sie ist so alt wie ich, aber fast noch zierlicher. Dass ich auf Frauen stehe stört sie wenig.

Ich nehme Lia in eine Lesben-Bar mit, was sie äußerst witzig findet. Sie ist sehr westlich aufgeschlossen, hat aber keinen Blick für Frauen. Kein Problem für mich, eine kleine Geliebte ist stets zur Hand. So auch an diesem Abend.
Ich tanze eng umschlungen und bin kurz von meiner Begleiterin abgelenkt. Eine angetrunkene Lesbe reagiert aggressiv, als sie von Lia abgewiesen wird.
Freundlich, wie Lia später erzählt.

Ein Handgemenge an unserem Tisch, ich bin mit einem Schritt am Platz. Aber ich bin nur Zeugin, wie Lia ihre Kunst anwendet. Der Begriff „auflaufen lassen“ bekommt bei ihr einen neuen Sinn. Fassunglos sitzt das angetrunkene Mädel am Boden und reibt sich den hübschen Po. Nur noch ein Häufchen Elend, dem ich einige nette Worte stecke. Dann befördere ich sie höchstpersönlich aus dem Club.
Lia ist der Vorfall unangenehm. „Ich mag eigentlich nicht kämpfen“, sagt sie. Aber sie hat es perfekt getan.
Tai-Chi ist mehr als nur Gesundheitssport.

Der Abend wird doch noch lustig und wir haben eine Menge Spaß. Lia ist fröhlich und gewinnt zwei weitere Schülerinnen für ihre Tante.
„Als meine Eltern starben, hat mich Tante Betty aufgenommen“, erzählt mir Lia. „Und seit ich Fünf bin trainiere ich Tai-Chi.“
„Hast du keinen Freund?“, will ich prompt wissen? Die Jungs stehen doch bestimmt Schlange bei dir.“
Lias Lachen verzaubert mich. Sie ist ein Engel, das ist klar.
„Ich bin nicht so eine Art Mädchen“, sagt sie leise. „Männer wollen mich nicht.“
Nur kurz bin ich verwirrt. Mein Gaydar hat sich nie geirrt und Lia ist absolut hetero.
Was mag ihr Geheimnis sein?

Die wochen vergehen, Lia und ich unternehmen viel. Als der Herbst kommt muss sie gehen.
„Tante Betty hat ein Angebot aus England“, sagt sie mir. „Sie wird in London unterrichten.“
„London?“, sage ich und runzele die Stirn. „Die reden da immer so komisch.“
„Du bist immer so direkt, Mayumi“, erwidert Lia und lacht. „Aber die netteste Japanerin, die ich kenne.“
Sie zögert kurz und gibt sich einen Ruck.
„Was ich dir nun erzähle wissen nur wenige Menschen“, fährt sie fort. „Aber ich vertraue dir.“
Sie schaut mich tapfer an und gibt sich einen Ruck. „Ich … ich bin keine richtige Frau“, sagt sie leise. „Ich kann keine Kinder bekommen.“
Die Wahrheit tut oft weh.

Regungslos verdaue ich die Neuigkeit. Ist Lia etwa intersexuell? Was da vor mir steht, ist eindeutig Frau. Weder Stimme, Gesicht, Kehlkopf, Hände, oder Füße sind anders. Alles ist fraulich klein. Und doch kommt es noch schlimmer.
„Ich habe keine Eierstöcke“, fährt Lia fort. Und mein Busen wuchs erst durch Hormone, die ich seit einigen Jahren nehmen muss.“
Lias Stimme zittert leicht, als sie mir alles gesteht. Aber ich verurteile nicht. Und doch will ich etwas wissen.
Neugier, die ich meine.

„Fühlst du dich denn von Männern angezogen?“, frage ich.
„Lia schüttelt leicht den Kopf, sie wirkt verlegen. „Ich mag gern Freunde haben“, erwidert sie. „Sex hatte ich noch nie. Weder Frauen noch Männer ziehen mich an. Und doch kann ich lieben. Aber auf meine eigene Art.“
Was Lia mir sagen will: sie ist asexuell. Und das ist keine Seltenheit. Lia weiß, was Liebe ist. Vielleicht kann sie den richtigen Menschen küssen. Aber sie wird niemals Sex haben, was schwer zu begreifen ist.

Lia hat mein Mitgefühl, ihr Schicksal hat mich tief berührt. Sie sieht es locker, Mitleid ist bei ihr fehl am Platz. Bevor sie geht erfüllt sie mir noch einen letzten Wunsch. Ein sportlicher Wettkampf unter Mädchen. Und Sifu Betty hat die Augen verdreht.

Auch als Siegertyp bin ich niemals überheblich. Meine scheinbare Arroganz ist meist nur Ironie. Ich weiß, was Lia kann. Und doch bin ich von mir überzeugt. Aber zum  ersten Mal in meinem Leben treffe ich auf einen Menschen, der mir zumindest ebenbürtig ist. Egal was ich versuche, Lia weicht mir lächelnd aus. Doch ihre Konter laufen auch ins Leere. Der Kampf, der keiner ist, endet unentschieden. Meisterinnen unter sich.
Sifu Betty nimmt uns beide in den Arm. Ein Lob, das ich genieße.

Lia lebt noch immer in England. Über die Jahre halten wir sporadisch Kontakt. Vor einigen Tagen dann die Nachricht, dass sie Düsseldorf besucht. Und Sifu Betty ist auch dabei. Das Wiedersehen ist herzlich. Die Zeit hat kaum Spuren bei den beiden hinterlassen. Aber Lia hat noch eine Überraschung bereit, die selbst mir die Sprache verschlägt. Zwei kleine Mädchen, die sie liebvoll Mama nennen. Ihre eigenen „Girls of Tai-Chi.“

Lea und Mia sind Zwillinge, die früh ihre Eltern verloren haben. Lia hat die beiden adoptiert, wenn auch nicht allein.
„Ich habe geheiratet“, verrät sie mir lachend. „Er heißt Peter und ist ein schwuler Mann. Und mein allerbester Freund. Naürlich ist die Ehe nur Schein. Aber die Mädchen mögen ihn. Ich habe die beiden in einem Heim gefunden, als wir in Liverpool einen Auftritt hatten. Der Rest war Formsache.“
Mehr verrate ich euch nicht.

„Lehrst du sie?“, will ich wissen und mein Herz scheint zu hüpfen, als mir die Kinder ihre Fähigkeiten zeigen. In Yukis Augen schimmern Tränen und spontan greift sie nach meiner Hand. Frauen sind komisch! Und Elfen sowieso. Was die nur immer haben! Ich bin völlig cool.
„Wir bekommen auch unsere „Karate-Kids“, sage ich überzeugt. „Und wenn ich dafür auswandern muss.“