Gut, besser, Ich!

Die provokativ gewählte Überschrift soll kein Lobgesang auf meine Person sein. Auch, wenn ich wirklich selbstbewusst bin. Ich möchte heute auf Fragen eingehen, die mir immer wieder begegnen. Gemeint sind Fragen aus der Kampfsport-Welt. Wen das nicht interessiert, der darf an genau dieser Stelle mit dem Lesen aufhören. Alles gut.

Seit vielen Jahren wird mir die Frage gestellt, was das beste „System“ ist, die beste Kampfkunst, die beste Selbstverteidigung. Die Antwort ist ganz einfach: Das beste System gibt es nicht! Und schon sehe ich, wie sich die Kickboxer und Karatekas dieser Welt in Szene setzen und mir das Gegenteil beweisen wollen. Sollen sie, es schert mich wenig. Warum ist das so, was macht mich so „arrogant?“ Mit Arroganz hat meine Meinung nichts zu tun, aber mit in fast 26 Jahren erworbenem Können und Wissen. Denn im Gegensatz zu den meisten Sportlern, habe ich meine „Kunst“ jeden Tag trainiert. Ja, täglich! Und das kam so …

Als ich fünf Jahre alt war, hat mein Papa mit dem Karate Training bei mir angefangen. Mit unglaublicher Geduld hat er dafür gesorgt, dass ich nicht nur perfekt kickte. Auf den Knien sitzend hat er mir auch Aikido beigebracht und das aus dem Schwertkampf stammende Kendo. Wir haben meditiert und ich habe sowohl Kanji-Zeichen, wie auch Hiragana gelernt. Später kam noch das Katakana (und Romaji) dazu. Ihm war immer wichtig, dass ich Training als Gesamtheit verstanden habe, dass mein (rebellischer) Geist und mein Körper, eine perfeke Einheit bilden. Und dazu gehört seiner Meinung nach auch das Wissen um Zen-Buddhismus und Kalligrafie.

Selbst heute trainiere ich noch täglich, wenn auch völlig anders als in jungen Jahren. Yuki und ich gehen 2 x pro Woche ins Wing Chun und 2 x in ein Aikido-Dojo. Unabhängig davon kann man mich im Wohnzimmer Katas laufen sehen und Kicks aus dem Karate üben. Oder ich stehe wirklich mit einem Holzschwert im Wohnzimmer umd schlage auf imaginäre Gegner ein. Vielleicht mache ich auch nur einen Spagat und übe mit Yuki Chi Sao, die klebenden Hände aus dem Wing Chun. Unter anderem habe auch ich Taekwon-Do trainiert, Tai Chi Chuan und Hung Gar Kung Fu. Und seit einer Weile auch Wen-Do und Krav Maga. Ich war und bin immer offen für ein neues System, für neue Dinge. Ich halte nie an alten Zöpfen fest.

Nun gibt es die Meinung vieler Sensei und Sifu, dass nur der wirklich gut in etwas ist, der sich auf „seine Kunst“ konzentriert. Denen gebe ich durchaus recht! Aber so ganz bin ich dann doch nicht damit einverstanden. Und das hat einen bestimmten Grund. Nehmen wir das traditionelle Chinesische Kung Fu. Schön anzuschauen, mit oft tiefem Stand, imitiert es Tierbewegungen. Als Kung Fu über Okinawa nach Japan kam, hat es sich verändert. Japaner sind wahre Meister darin Dinge anzupassen. Egal, ob es die Kanj-Zeichen, oder eben nun Karate ist. Die verschiedenen Karate-Stile sind nichts anderes, als ein mehr oder weniger um überflüssige Bewegungen reduziertes Kung Fu. Ob die nun wirklich überflüssig sind, darüber lässt sich streiten. Karate ist nicht besser, es ist nur anders. Wirklich vergleichen kann man die Stile nicht.

Aber genau das wird immer wieder gern getan. Auf youtube finden sich unzählige Filmchen, die etwa „Kung Fu vs. Karate“ heißen, oder „Wing Chun vs. Kickboxing – must see!“ Letzteres Video sollte man sich nur anschauen, wenn man Ahnung hat. Sonst glaubt der Zuschauer wirklich, dass Wing Chun schecht ist. Aber schlecht, bzw. unerfahren, war der Mensch! Wing Chun ist Selbstverteidigung, Straßenkampf. Von einer Frau für Frauen entwickelt, unterrichtet es heute vorzugsweise Mann. Und macht gutes Geld damit. Leider. Dazu ein anderes Mal mehr. Jedes System kämpft nach Regeln, die zum Teil völlig unterschiedlich sind. Man kann auch Poker nicht mit Schafskopf vergleichen, das macht ebenfalls null Sinn. Wing Chunler praktizieren selten mit anderen Stilen, oder üben sich im Kampf. Das war nie der Sinn dieses Systems. Lässt ein Wing Chunler sich also auf Kämpfe mit Karate-, oder Taekwon-Do-Regeln ein, kann er nur den kürzeren ziehen. Er ist limitiert, sein Gegner darf aber quasi alles machen. Alles, was er aus seinem System kennt.

Egal, ob Judo, Aikido, oder Kung Fu. Ein Vergleich „Mann gegen Mann“ kann niemals fair ausgehen. Der Judoka ist dem Kung Fu Meister im Nahkampf überlegen. Wenn der clever ist, dann packt der Judoka ihn aber nicht. Und bezieht die Prügel seines Lebens. Auch „Karate gegen Kung Fu“ wird nicht wirklich funktionieren. Es wird schließlich nach irgendwelchen Regeln gekämpft. Vermutlich werden also beide KämpferInnen mehr oder weniger Kickboxing machen und  der, oder die bessere gewinnt. So einfach ist das. Mit einer Ausnahme, auf die ich näher eingehen möchte. Angenommen ein Shaolin Kampfmönch – lassen wir ihn 30 Jahre alt sein – und ein gleichaltriger Deutscher Meister im Karate stehen sich gegenüber. Diese Begegnung wird es im Normalfall nie geben, Mönche kämpfen eigentlich nicht. Wenn man weiß, wann die Ausbildung eines Mönches beginnt, so darf man ihm nun ca. 25 Jahre komplettes körperliches und geistiges Training unterstellen. Kampfmönch wird nur, wer außergewöhnliche Begabung zeigt.

Der Deutsche Meister trainiert vielleicht auch schon seit 10 – 15 Jahren. Aber er ist und bleibt Hobbysportler. Für den Mönch ist es Beruf(ung), den er täglich mehrere Stunden praktiziert. Dieser Kampf muss nicht stattfinden, der Ausgang steht bereits fest. Es sei denn, der Karateka ist ein neuer „Bruce Lee.“ Und das ist unwahrscheinlich. Der Karateka hat keine Chance, er wird gnadenlos vorgeführt und ausgekontert. Und genau an dieser Stelle stehe ich. Ich habe mich schon lange vom Wettampfsport abgewandt und praktiziere quasi eine Art Straßenkampf-System. Unkonventionell und vor allem ohne Regeln. Ich analysiere Gegner und Situationen und setzte instinktiv die richtige Technik ein. Oder bin clever genug, um den Kampf zu vermeiden. Denn unbesiegbar bin ich nicht. Nur schwer auszurechnen. Denn ich bin flink und klein.

„Du kannst niemals einen 100 Kilo Mann besiegen“,  hat man zu mir gesagt. Doch kann und habe ich schon. Wobei das natürlich keine wirklichen Gegner waren, sondern ganz normale Menschen. Dummheit wäre es, mich einem 100 Kilo Kickboxer nach seinen Regeln zu stellen. Da kann ich nur alt aussehen. Genau diesen Fehler sehe ich allzu oft. Was mache ich mit meinen 1,62 Meter und zur Zeit knapp 53 kg gegen einen solchen Mann? Auf Distanz bleiben? Toller Plan! Weglaufen ist eine Option, wenn möglich. Deeskalation ebenso. Geht das alles nicht, so muss ich mich ihm stellen. Aber auf Distanz ist er mir überlegen. Er hat längere Beine und mehr Kraft. Und genau da setze ich dann an. Ich gehe ihm entgegen! Wenn er tritt steht er nur auf einem Bein. Dann bin ich da und er (f)liegt. Wer das nicht glaubt soll sich die von mir sehr verehrte Yoko Okamoto ansehen. Sie ist ein 6. Dan im Aikido und mit der spaßt auch Mann nicht. Oder sucht nach Emi Yamagishi. Sie ist nur 1,49 Meter klein, 48 kg leicht und eine Meisterin im Judo. Sie hat mehrfach demonstriert, wie sie ohne jede Kraft und mit perfekter Technik deutlich schwerere PartnerInnen werfen kann. Auch, den 110 kg schweren Nicholas Pettas, der das kaum glauben konnte.

„Aber Sparring und Straßenkampf haben kaum etwas gemeinsam“, höre ich die Kritiker nun sagen. „Da herrschen andere Regeln.“ Genau richtig, erwidere ich. Nur gibt es auf der Straße keine Regeln. Dort kämpfe ich vielleicht um mein Leben und wende daher, an Wettkampfregeln gemessen, unfaire Mittel an. Unfair heißt, dass ich dem Gegner in die Augen steche, oder in den Unterleib und Kehlkopf schlage. Wenn ich es kann. Und das bringt mich zurück zum „besten System“ und den wahren Meistern. Was ist ein wahrer Meister? Wirklich nur jemand, der z. B. sein Hung Gar Kung Fu perfekt ausüben kann? Klar kann er das! Wer das 30 Jahre und länger täglich macht, der wird darin eine Perfektion entwickelt haben, die ohnegleichen ist. Blickt er aber nicht über den Tellerrand, behält er andere Systeme nicht im Auge, so kann das ein böses Erwachen geben. Und genau das habe ich immer gemacht und mir das Beste der verschiedenen Stile herausgepickt. Vielleicht werde ich dann niemals die Katas so schön laufen, wie ein reiner Karateka, aber ich werde kompletter sein.

Vor vielen Jahren wollte es eine (Jugend)Meisterin im Taekwon-Do genauer wissen. Sie hat mich mehrfach provoziert. Es gab dann einen „Freundschaftskampf“, aber nicht nach ihren Regeln. Im Taekwon-Do sind Schläge zum Kopf nicht erlaubt, was im Wettkampf gut, aber für die Selbstverteidigung totaler Blödsinn ist. Die „Kleine“ war größer und kräftiger als ich, aber eben nicht flinker. Sie hat versucht, die Reichweite ihrer langen Beine gegen mich auszunutzen. Gesprungene Drehkicks waren eine große Gefahr. Dumm nur, dass ich schneller war, höher sprang und ihr vermutlich noch immer das Köpfchen brummt. Ich habe sie mit einem ähnlichen Angriff klassisch ausgekontert. Zuvor hatte ich sie bereits mehrfach von den Beinen geholt. Heute kann ich darüber nur noch lachen. Alle hohen Kicks sind meist pure Show und wenig effektiv, wenn der Gegner schneller ist.

In einem weiteren Beitrag werde ich mehr über Wing Chun erzählen. Nicht über die Geschichte und Legende(n). Es geht mir darum aufzuklären, was alles möglich und was unmöglich ist. Den Grund werdet ihr dann lesen. Gut, besser, Ich! Dazu stehe ich ganz selbstbewusst. Ich habe mich gefunden, meinen Stil. Und das gilt nicht nur für Karate, Aikido und Kung Fu. Das gilt für mein gesamtes Leben und für meine Frau. Sayōnara!

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