Sei stark!

Immer wieder wird mir gesagt, wie stark ich sei. Nun hatte ich nie das Pippi Langstrumpf Syndrom und als Supergirl sehe ich mich nicht. Aber schwach, das sind immer nur die anderen. Ich bin immer ich.

Durch Zufall habe ich Robert wieder getroffen – KLICK MICH, ODER LASS ES –. Auch ein „starker Mann“. Der junge Kickboxer arbeitet nun als Security. (S)Ein Traum? Wir werden sehen.

Er erkennt mich sofort und verbeugt sich leicht. Respekt, den ich erwidere.
„Hallo Sensei“, begrüßt er mich. „Ich habe nun doch einen Job gefunden.“
Der „Job“, wie er ihn nennt, ist Türsteher in einer Nobel-Disco. Robert ist einer von mehreren „Men in Black“, die den Eingangsbereich bewachen. Leider notwendig in diesen Tagen. Die Querulanten werden immer mehr.
„Wie läuft es so, was macht die kämpfende Kunst?“, frage ich. „Was hast du dazugelernt?“
Er zögert mit der Antwort. Nicht jeder wird ein Samurai.

Robert schaut sich schnell um und wechselt einen Blick mit Manfred, seinem Chef. Der winkt nur ab. Wir kennen uns gut.
„Verhau mir nur nicht die Leute“, neckt er mich. „Wenn ihr rein wollt …? Ihr seid drin, okay?“
„Alles gut“, erwidere ich. „Und vielen Dank. Das erspart dir nämlich Ärger mit deiner Frau.“
Manfred lacht, ich muss an unsere erste Begegnung denken. 5 Jahre ist es her, dass ich seiner Frau geholfen habe. Details sind irrelevant, aber es war eine durchaus brenzlige Situation. Seit diesem Tag habe ich einen Stein bei ihm im Brett und nie Probleme, wenn er vor einer Disco steht.
Aber Security sind keine Samurai.

Robert erzählt mir von einer Asien-Reise und dass er dort „Kung Fu“ studiert habe. Das habe er nun mit Kickboxen kombiniert und er sei richtig „powerful.“
„Ich habe sogar ein Turnier gewonnen“, sagt er mit vor Stolz geschwellter Brust. „Und nächsten Monat geht es weiter. Mein Ziel sind die Deutschen Meisterschaften …“
„… im Straßenkampf?“, unterbreche ich. „Ich wusste nicht, dass es die gibt.“
„Was meinst du damit?“, will Robert wissen. Sichtlich verwirrt und nun ohne (Sprach)Konzept.
„Ich meinte, dass Sport-Karate fernab jeglicher Realität ist. Es ist ein sportlicher Wettkampf mit einem Punktesystem. Aber es gibt keine Punkte, wenn dich ein Betrunkener anpöbelt. Oder ein Experte. Was machst du dann?“
Wer nicht fragt bleibt dumm.

Robert versteht (noch immer) nicht, was ich ihm sagen möchte. Er setzt nach wie vor auf körperliche Stärke und vergisst (erneut) den geistigen Aspekt. Seine Welt ist Kraft und Kampf. Aber pure Stärke macht noch keinen Sieger. Normalerweise unterrichte ich keine Männer. Und das hat seinen Grund. Aber Robert braucht noch eine zweite Lektion. Und die will ich ihm geben. Weniger um zu glänzen. Es ist Hilfe, die er braucht. Einsicht ebenfalls. Und so mancher Tritt bringt Mann auf den richtigen Weg.

Ich lade Robert in Lindas kleines Dojo ein. Er kennt das schon und beißt sich auf die Lippen. Ahnt er, was geschehen wird?
Sein Verhalten ist pure Unsicherheit. Das hat auch Manfred erkannt.
„Tu ihm bitte nicht allzu weh“, raunt er, als wir in die Disco gehen. „Der Junge ist okay.“
Und gut wird auch der Abend. Hoch das Bein, Olé!

Zwei Tage später, Manfred begleitet einen bleichen Robert. Linda und er arbeiten oft zusammen und helfen sich gegenseitig aus. Freunde über sexuelle Grenzen. Was zählt ist der Respekt. Ich analysiere Robert. Er ist schwerer geworden, was ihn aber noch langsamer macht. Ein Bündel purer Kraft, die er kaum einsetzen kann. Genau das will ich ihm zeigen.

KritikerInnen werden nun sofort den Finger heben und kopfschüttelnd diese Zeilen lesen.
„Frauen können Männer nicht besiegen“, höre ich. „Ein Mann ist viel stärker als du!“
Ja, das ist er. Aber nur, wenn ich mich auf sein Terrain begebe. Nur, was soll ich da?
Robert kickt und er ist gut. Ich reagiere und er fällt. Jeden Angriff kontere ich aus, bis er keuchend am Boden bleibt.
„Das … das gibts doch nicht“, schnauft er. „Wie hast du das nur gemacht?“
Das Wissen um die eigene Stärke ist die wahre Macht.

Ich rufe Manfred, den 2 Meter Mann.
„Och menno, Mayumi“, stöhnt er sofort. „Immer auf die Großen!“
Manfred ist ein Berg von Mann. 110 kg Muskeln. Da hast du keine Chance. Und doch bringe ich ihn locker auf die Matte. (Klein)Robert ist verblüfft.
„Nicht pure Kraft gewinnt den Kampf“, erkläre ich. „Nutze die Kraft des anderen aus. Erkenne den Schwachpunkt. Und dann sei stark.“
Wann wird Mann je verstehen?

 

Liebe, Krieg und Frieden

Mina lächelte, wie sie es immer tat. Eine weitere Lüge, es war ihr egal. Ein großes „Hallo, schön dich zu sehen“, begrüßte die Heimkehrerin.
Seltsam verloren stand sie zwischen all den Menschen. Fremd in der eigenen Heimat. Sie war so weit entfernt. Die Uniform stand Mina gut, sie war Frau Oberleutnant. Ausgebildet an der Waffe und auch als Technikerin. 2 lange Jahre lang war sie im Krieg gewesen und hatte ihr Land tapfer verteidigt. Ihre Ehe war zerbrochen und Einsamkeit Minas Begleiterin.
Scherben eines Lebens.

Posttraumatisches Stresssyndrom war die Diagnose, die ein Truppenarzt nach dem letzten Einsatz machte. Mina hatte als Einzige überlebt, als ihre Patrouille in einen Hinterhalt geriet. Berge von Leichen umgaben sie, als man sie fand. Ein dunkler Todesengel. Nie hatten die Retter solche Augen gesehen. Man brachte sie in die Heimat zurück. Krank geschrieben auf unbestimmte Zeit. Therapien und Gespräche folgten. Aber in ihrem Kopf war Krieg.
Splitter einer Seele.

„Hey Alte, du gibst uns jetzt sofort dein Geld sonst steche ich dich ab!“
Die Worte des blonden Mädchens klangen rau, Unsicherheit lag in ihrem Blick.
Mina sah auf, sie war von drei Frauen umringt. Punks, Junkies. Sie lachte bitter. Keine Gefahr.
„Geht weg“, sagte sie leise. „Geht, solange ihr noch gehen könnt.“
Worte sind oft nicht einfach zu verstehen.

Die Blonde hörte nicht zu und Mina explodierte. Nie hatte man solche Augen gesehen.
Schreie, als die Finger des Mädchens knackend brachen. Ihre Begleiterinnen flohen entsetzt.
Das wimmernde Mädchen rührte an Minas Herz. Auch Todesengel können barmherzig sein.
„Wie heißt du?“, wollte Mina wissen. „Warum machst du das?“
„Saskia“, erwiderte die Blonde leise. „Ich … ich habe Hunger gehabt.“
Die Leere in dir.

Mina brachte Saskia selbst ins Krankenhaus.
„Es hat einen Unfall gegeben“, sagte sie dem Arzt. „Ich übernehme alle Kosten.“
Nach einer Stunde war Saskia versorgt. Zwei glatt gebrochene Finger, die gut verheilen würden.
„Wieso helfen Sie mir?“, wollte Saskia wissen. „Und wer sind Sie überhaupt?“
Mina blieb die Antwort vorerst schuldig. Aber sie nahm Saskia mit zu sich nach Haus. Das Mädchen hatte keine Unterkunft.
Wann wird man Frauen je verstehen.

Saskia hatte Schmerzen, aber die Finger waren geschient. Einige Wochen Gips und alles war gut.
„Ich war wie du“, sagte Mina leise. „Wild, zornig. Das hat mich zur Armee gebracht. Geh nicht meinen Weg. Gewalt macht einsam. Und Krieg ist niemals gut.“
Mina ließ Saskia duschen und gab ihr frische Kleider anzuziehen.
„Die gehörten meiner Frau“, sagte sie, als Saskia fragte. „Aber die wohnt nicht mehr hier. Der Krieg hat uns getrennt.“
Minas Stimme zitterte bei diesen Worten.
Deine Wahrheit, meine Wahrheit.

Saskia war ein einfaches Mädchen, das einfache Bedürfnisse hatte. Kein Schulabschluss. Leben war heute, wen kümmert schon der nächste Tag.
Aber dumm ist anders, dumm war Saskia nicht. Nur einsam mit viel zu großem Hunger auf ein besseres Leben.
„Ich nehme was ich brauche!“, war ihr Motto.
Mina nickte, als sie es ihr gestand.
„Wenn du diesen Weg gehst musst du entweder besser als alle anderen sein, oder viel Glück haben“, sagte Mina. „Aber zum Glück hast du mich getroffen. Ich werde dir nichts tun.“
Wege entstehen, wenn man sie geht.

Vertrauen ist ein Wort, das manche Menschen niemals kennen. Aber von diesem Tag an wuchs es bei Saskia zögerlich.
Sie blieb und wusste selbst nicht warum. Eine Wildkatze im Tigerkäfig.
Die Krallen beider Frauen blieben ohne Folgen füreinander. Im Gegenteil taten sie sich einfach gut. Saskia erkannte Minas Stärke an und suchte ihre Nähe. Zuerst als große Schwester und voller Unschuld im gleichen Bett. Minas Seele heilte ebenso, wie Saskias Finger. Eine Freundschaft der besonderen Art entstand.
Männer hatten Saskia nie sehr viel gegeben. Drei, vier Stöße und sie war wieder allein.
Aber Minas Wärme blieb.

„Ich war mit einer wunderbaren Frau zusammen“, erzählte Mina eines Tages. „Sie hat sich getrennt, als sie die Einsamkeit befiel. Viele tausend Meilen haben die Liebe zerstört.“
„Du bist also eine Lesbe“, stellte Saskia fest. „Finde ich okay, ist doch nichts dabei.“
Mina lächelte umd strich Saskia einige Haare aus dem Gesicht.
„Bist du dir sicher?“, fragte sie. „Dein Leben ist so schon hart genug … Und wie du weißt bin ich halb verrückt.“
Für Saskia schien ihr altes Leben nun zu enden. Liebesglück im Sommer. Möge er niemals vergehen.

Mit dem Herbst kehrte die Trauer in Minas Seele zurück.
Saskia wich keine Minute von ihrer Seite. Sie kümmerte sich, wie nie ein Mensch zuvor.
Liebe geht oft seltsame Wege. Und manche führen auf die Schule zurück.
Mina brachte ihre Freundin selbst. Danach verschwand sie aus ihrem Leben.
Der Krieg fordert immer seinen Preis.

Mina kämpfte. Gegen sich und die Dämonen ihrer Seele. Und Saskia wieder mit Algebra und Geometrie. Zeit und Entfernung ließen die Liebe fast verblassen. Am Abschlusstag stand Saskia allein. Mit starrem Blick nahm sie die Urkunde in Empfang. Niemand sollte die Trauer ihrer Seele sehen. Ein Schatten, eine hochgewachsene Gestalt. Eine Frau in Uniform bahnte sich einen Weg durch die Menge.
„Oberleutnant Mina Stolte zur Stelle“, sagte sie leise. „Herzlichen Glückwunsch, meine Süße.“
Im Fluss der Tränen.

Mina lächelte, wie sie es immer tat. Und es war keine Lüge mehr. Ein großes „Hallo, schön Sie zu sehen“, begrüßte die Geheilte bei der Truppe.
Die Uniform stand ihr gut, sie war Frau Oberleutnant. Ausgebildet an der Waffe und auch Technikerin in Uniform. 1 Jahr lang war sie im Seelenkrieg gewesen und hatte sich tapfer gegen die Dämonen verteidigt.
„Das ist meine Frau“, stellte sie Saskia vor. „Wir haben gestern geheiratet. Und ich bin nicht mehr im Krieg. Nie wieder.“
„Das stimmt so aber nicht“, flüsterte ihr Saskia frech ins Ohr. „Ich lasse mich gern von dir gefangen nehmen.“
Und das hat Mina auch gemacht.

Warum ich (k)ein Mann sein will!

Viele Menschen haben irgendwann in ihrem Leben den Wunsch verspürt, das jeweils andere Geschlecht zu sein.
Auch klein Mayumi hat diesen Satz gesagt, auch ich habe einst mit dem Schicksal gehadert.
Aber in mir brannte nie ein Feuerwerk der Chromosome, ich war nie im Gender-Wahn.
Manche Menschen sehen das anders und werfen mir eine maskuline Ader vor. Dominant sei ich und überheblich. Selbstgerecht, wie die Spezies Mann.
Aber arrogant ist anders, ich bin einfach selbstbewusst.

Ich habe mir einst die Frage gestellt, ob ich ein Mann im Frauenkörper bin. Das kann ich klar verneinen. Transsexualität ist ein sehr komplexes Thema und zugegeben nicht mein Ding. Ich habe Mitgefühl mit diesen Menschen, aber transsexuell war ich nie.
Mein Wunsch Mann zu sein, hat einen anderen Grund gehabt. Es ging mir um Stärke, oder besser um pure (Körper)Kraft. Und vielleicht um Größe.
Aber was hat wahre Größe mit Zentimetern zu tun?
Mit 1 Meter 62 bin ich für deutsche Maße klein. Und auch in Japan wächst die Jugend.
Klein, aber oho!

Diesen Mangel an Körper, habe ich mit Geist ausgeglichen. Und natürlich mit Kung Fu.
Ja ich weiß, hier sollte eigentlich Karate stehen, aber lautmalerisch klang Kung Fu gleich so viel besser.
Für meine Größe, habe ich ein durchaus gesundes Maß an Körperkraft. Natürlich ist das weniger als bei meinem Vater oder Ken.
Aber mit purer Kraft gewinnen auch „meine Männer“ keinen Kampf.
Kraft nutzen immer nur die anderen.

Als kleines Mädchen war ich von Kraft und Stärke fasziniert. Mein Papa war mein erster Held. Aber im Gegensatz zu anderen Frauen, wollte ich nie ein Junge sein.
Zwar habe ich Mayumi in Kanji-Zeichen absichtlich falsch geschrieben und so den altertümlichen „Bogen“ kreiert, aber scharf geschossen habe ich mit Worten.
Das war mein Weg. Und zur Not gabs noch ein hohes Knie. Dann war Mannes Größe auch meist am Boden.
Darfs noch ein Tritt in den Hintern sein?

Ich bin immer gern Frau gewesen und das ist noch immer so. Gut, auf die Regelschmerzen kann ich verzichten, die fand ich schon immer reichlich doof.
Was mich als Kind ärgerte, war eben der Mangel an Körperkraft und das ich manche Dinge nicht so einfach heben konnte.
Aber ich habe immer tapfer mitgeholfen, mein Papa war schon damals stolz auf mich. Was hätte er auch machen sollen, gegen meinen Dickkopf kam selbst er nicht an.
Und diese Sturheit, diese Energie, hat mir letztlich auch den rechten Weg gewiesen. Den weicheren Weg der Frau und nicht die Härte von Mann.
Nutze die Kraft des anderen! Das ist der Weg, das ist der Sieg.

Als junge Frau war ich ein Pulverfass auf zwei (kurzen) Beinen. Und Karate habe ich mit Leidenschaft gemacht.
„Als Mädchen kannst du keinen Mann mit purer Kraft besiegen“, hat mein Vater einst gesagt.
Und das habe ich am Anfang nicht verstanden. Im Gegenteil habe ich nun noch härter trainiert.
Kein Fehler, aber doch der falsche Weg.
Im Lauf der Zeit habe ich immer mehr verstanden. Und wieder war mein Vater ein Meilenstein auf diesem Weg.
Männer können durchaus weise sein.

Immer wieder habe ich Frauen getroffen, die mit ihrem (weiblichen) Schicksal hadern.
„Ach wäre ich doch nur ein Mann!“, höre ich sie sagen,  „dann wäre alles einfach und gut.“
Auf meine Nachfrage war Frau dann oft verblüfft. Sätze wie diese kommen meist unüberlegt und sind lediglich ein Spruch.
„Ich müsste dann nicht ständig für Verhütung sorgen“, hat Frau verkündet. Und auch „Ich bekäme im Monat mehr Geld“, gesagt.
Aber sind das wirklich alle Gründe, will Frau so einfach auf ihren wunderbaren Körper verzichten? Prompt kommt die „Ich bin zu dick!“, Fraktion ins Spiel. Und die „Männer haben tolle Muskeln“, Truppe. Als Lesbe kann ich darüber nur lachen. Wahre Stärke hat nichts mit dicken Muskeln zu tun.

Als ich noch Wettkämpfe bestritt bin ich auf durchaus muskulöse Frauen getroffen. Die waren mir an Körperkraft deutlich überlegen. Doping im Breitensport, Kontrollen gab es nicht.
Hochaggressive Gegnerinnen zu haben, ist kein Zuckerschlecken. Das gilt auch für den noch aggressiveren Mann. Und manchmal wäre es schon toll gewesen über mehr Kraft und mehr Körpergröße zu verfügen. Aber mit Geduld und guter Technik kommt auch eine (kleine) Frau ans Ziel. Verloren haben immer nur die anderen. Verloren hat die pure Körperkraft.

Ein Argument gibt es, das mich nachdenklich macht: als Frau kann ich keine Kinder zeugen.
Aber ist das der Grund ein Mann zu sein? Sind Männer reine Samenspender?
Für Lesben schon und das ist nun nicht abwertend gemeint. Aber wahre Lesben haben keinen Sex mit Mann. Cousin Ken hat kein Problem uns (Yuki) in der Zukunft auszuhelfen. Und Cousin Ken ist mein zweitliebster Mann. Wären alle Männer wie er und mein Vater, die welt sähe für mich weniger feindlich aus.

Viele Menschen haben irgendwann in ihrem Leben den Wunsch verspürt, das jeweils andere Geschlecht zu sein.  Auch klein Mayumi hat diesen Satz gesagt. Aber diese Tage sind vergangen, heute bin ich gerne Frau. Und meine beste Freundin. Das hat schon Diane von Fürstenberg erkannt:

„Wenn eine Frau sich selbst die beste Freundin ist, wird das Leben einfacher.“

Männer, das sind die anderen. Und die haben keine Macht über mich.
Diese Macht hat nur eine gewisse Elfe, die mich vehement vom Schreibtisch zieht.
Bei ihr mag ich kein Mann sein, bei ihr werde ich zur schwachen Frau.

Das Gender-Paradox

Frauen gelten allgemein als das schwache Geschlecht. Das liegt schon am Erscheinungsbild. Frau ist klein und Mann ist groß. Und damit haben wir ein gängiges Klischee bedient. Leider verhalten sich viele Frauen auch dementsprechend. Ängstlich und geduckt gehen sie durchs Leben. Mann schwingt sich dann sofort zum edlen Ritter auf und beschützt die Herzensdame. Alles super, oder nicht?

An dieser Stelle unterbreche ich die Bilder, die jeder meiner Leser sehen kann. Woher nun stammt das Bild der schwachen Frau? Liegt es wirklich nur an der geringen Größe? An zehn Prozent weniger Muskeln und dem kleineren Herz? Ist Testosteron zum Schutz der Welt wirklich so viel besser?

Es gibt eine kirchliche Studie, die Feministinnen tief Luft holen lässt. Männer sind demnach stark, leistungsbewusst, dominierend und logisch denkend. Frau dagegen ist gefühlvoll, gepflegt, erotisch, und gesellig. Das ist eine solch absurde Charakterisierung, als hätte es die Frauenbewegung nie gegeben.

Zwar fehlen mir die Muskeln, aber die brauche ich zur Stärke nicht. Und leistungsbewusst, dominierend und logisch denkend, war ich schon immer. Was macht das nun aus mir? Trotzdem bin ich ganz Frau, gefühlvoll, gepflegt, erotisch, und gesellig. Und manchmal bin ich eine Zicke. Aber schwach bin ich nie.

Nicht nur mir hat sich die Frage gestellt, wovor Männer (ihre) Frauen eigentlich schützen wollen. Die Antwort ist einfach: vor anderen Männern. Oder sieht das jemand anders? Der Komiker Louis C.K hat es in einem Video gut auf den Punkt gebracht. Viel Spaß dabei. Ich zumindest habe gelacht. Aber ich gehe auch nicht mit Männern aus.

Wenn aus Stärke Schwäche wird

Vor einigen Tagen habe ich mich nach dem Training  mit meiner Freundin Linda getroffen, die zusammen mit ihrer Frau ein kleines Security Büro betreibt. Ja, Linda die Wen-Do Lehrerin. Wir hatten schon mehrfach darüber geredet, ob ich bei ihr als Trainerin arbeiten soll. Nun kann  ich kein Wen-Do. Dafür richtig gut Aikido, Karate und auch Wing Chun.
Linda hat mehrere Angestellte. Eigentlich Selbstständige, denen sie Aufträge vermittelt. Die meisten sind Frauen. Richtig starke Mädels! Von der Jura Studentin bis zur Verkäuferin ist alles dabei. Und wer verdient sich nicht gern noch etwas Geld dazu? Auch einen Mann gibt es. Nun kann sie schlecht einen Mann in einen Club für Frauen schicken, aber sie betreut auch eine Bar für schwule Männer.

In der Auswahl ihrer MitarbeiterInnen ist Linda sehr pingelig. Jede/r wird von ihr genau geprüft, befragt und ausgiebigst durchleuchtet. So auch mit einem zweiten Mann, den sie in ihr Team aufnehmen wollte. Und an der Stelle kam ich ins Spiel. Warum ich? Nun ist Linda Frau genug um Entscheidungen allein zu treffen. Es ging ihr um eine zweite Meinung. Sie stellte mir den potentiellen Mitarbeiter also vor, den ich in diesem Artikel Robert nennen möchte. Robert ist Student, 25 Jahre alt, Kickboxer und sehr von sich überzeugt. Er war um die 1 Meter 80 groß und ich schätzte ihn auf 75 kg.

Robert war nicht unsympathisch, allerdings überheblich.
„Karate ist ein nur ein Sport für alte Männer“, sagte er und lachte. „Das System ist doch schon seit Jahren überholt. Genau wie Judo. Dieses Kittelreißen ist vielleicht für Kinder als Einstiegssport geeignet. Jiu Jitsu und all dieser Kram ist auch nur was für Bodenakrobaten. Das bringt doch alles nix. Kickoxen ist so viel effektiver.“
Er machte eine kurze Pause und wartete auf eine Reaktion. Die kam nicht, Linda und ich schauten uns nur lächelnd an. Das gefiel Robert nicht.
„Ich bin früher Boxer gewesen“, fuhr er fort. „Und ich kann richtig gut schlagen. Schaut her!“
Ich musste lachen, als er uns voller Stolz einige Boxkombinationen zeigte und aufgeregt hin und her tänzelte. Linda schaute mich bezeichnend an, Yuki warf mir einen warnenden Blick zu.
Robert wirkte konsterniert, beleidigt.
„Warum lachst du?“, fragte er. „Ich war Jugendmeister im Boxen, so schnell macht mir keiner etwas vor.“

Dann zeigte er uns, wie gelenkig er war und setzte zu einigen spektakulären High Kicks an.
Sofort fiel mir Film-Karate ein. Die dort gezeigten Schläge und Kicks mögen toll fürs Auge sein. Effektiv sind sie nicht. Sie werden für die Kamera einstudiert, ein Filmkampf ist besserer Tanz.
„So wird das nichts“, erklärte ich ihm. „Boxen oder Kicks helfen dir bei einem Handgemenge auf engstem Raum nicht weiter Was machst du, wenn dich jemand in eine Ecke drängt, oder du beengt durch Tische, Stühle, oder viele Menschen bist?“
Ich ging auf ihn zu und fasste seinen Arm.
„Wir sind umringt von zwei bis drei Dutzend Menschen, sagte ich. „Du hast keinen Platz. Ich bin größer als du, kräftig. Also angenommen, okay? Was machst du?“
Robert dachte nach und nickte dann.
„Soweit lasse ich es nicht kommen“, sagte er. „Ich sorge durch meine reine Präsenz dafür …“
„Ich stehe doch schon direkt vor dir“, unterbrach ich ihn. „Du hast mich nicht kommen sehen und ich mache nun Ärger. Was machst du? Wehr mich ab!“
Robert zögerte und ich hatte meinen ersten Punkt gemacht.
Regel Nr. 1: Verunsichere dein Gegenüber! Wer das als Besucher / Gast mit einem Security macht, hat bereits halb gewonnen.
„Ich will dir jetzt nicht weh tun“, wich Robert aus. „Außerdem bin ich viel stärker als du.“

An dieser Stelle unterbreche ich meinen Bericht und  möchte einiges über die „Roberts“ dieser Welt erzählen. Menschen wie Robert sind selbstbewusst. Aber ihre pure Kraft verleitet sie dazu Situationen falsch einzuschätzen. Natürlich hat Robert Recht wenn er sagt, dass die bloße Anwesenheit eines Security für Ruhe und Sicherheit sorgen sollte. Nur ist dem eben nicht immer so. Und dann gilt es gezielt und ohne viel Reden ein- und auch durchzugreifen. Robert kann das nicht, das war mir schon nach seiner Antwort klar. Aber ich musste es ihm noch beweisen.

Ich ließ Robert los und tat so, als ob ich wieder zu Yuki ginge. Dann drehte ich mich abrupt um und sprang auf ihn zu. Eine kleine Frau, mit etwas über 50 kg Körpergewicht. Und Robert wich zurück! Das war sein zweiter Fehler.
Linda schnaufte, für sie war der Fall bereits gelaufen.
„Ich bin ein Angreifer“, sagte ich zu Robert. „Angetrunken, ich pöbele Gäste an und beleidige sie. Was machst du, wie hinderst du mich daran?“
Robert sah hilfesuchend in die Runde.
Ich schlug gegen seine Brust. Nicht fest, aber er wich weder aus noch sah er den Schlag kommen. Es war ein Klaps mit der flachen Hand.
„Wehr dich“, forderte ich ihn auf. „Wehr mich ab! Vergiss, dass ich eine Frau bin!“
Yuki verdrehte die Augen, sie ahnte was folgen würde.
Innerhalb von einer Minute nahm ich Robert die Hemmungen sich zu wehren. Ich provozierte ihn so lange, bis er seine Zurückhaltung aufgab.

Ich erspare dem Leser Einzelheiten. Wer mag darf sich aber gern bei youtube einige Videos über Aikido anschauen. Obwohl Robert 20 kg schwerer ist als ich, obwohl viel stärker, hat ihm das nicht geholfen. Im Gegenteil hat er sich durch die angewandte Kraft selbst besiegt. Aikido nutzt die Kraft des Gegners auf effektive Weise aus.

Und bevor nun wieder Kommentare kommen, dass eine Frau keinen Mann besiegen kann: Das ist völliger Quatsch! Es kommt immer auf den Mensch an. Wenn ich natürlich nur abwehre und zurückweiche geht das ins Auge. Außerdem habe ich meinen eigenen Stil. Karate ist auf engem Raum ziemlich unbrauchbar. Wing Chun dagegen nicht. Mit Aikido habe ich auch auf engstem Raum alle Trümpfe in der Hand … UND ich kann dank meiner Kenntnisse anderer Sportarten auch einen Mann richtig außer Gefecht setzen.

Robert war verletzt. Nicht körperlich! Aber sein Stolz hatte doch etwas gelitten. Doch er bewies Größe und bedankte sich bei mir für die Lektion. Und damit bestand er zumindest diesen Test! Er nahm die Niederlage an und erkannte seine Fehler. Eingestellt hat ihn Linda aber nicht.

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Dieser Beitrag dient nicht dazu (m)eine Kampfkunst, oder mich als Person zu idealisieren. Es ist lediglich eine wahre Begebenheit aus meinem Leben, die ich mit meinen LeserInnen teilen möchte. Brutale Stärke, Kraft ist niemals der richtige Weg. Auch der scheinbar Schwache kann große Leistungen vollbringen, sofern „er“ nur will. Das möchte ich damit sagen. Und Mut machen. Vor allem Frau. Damit sie ihr Leben nicht in Passivität verbringt, nicht in Angst.

Wen-Do – Der Weg der Frauen

Wen-Do (auch Wendo) heisst übersetzt „der Weg der Frau“ und wurde 1972 in Kanada von Frauen entwickelt, die selbst in Kampfsportarten tätig waren. Lesbischen Frauen für Schwestern, um genau zu sein. Mittlerweile wird Wen-Do aber weltweit für alle Frauen gelehrt. Und das ist gut so. Wen-Do ist kein Kampfsport und will es auch nicht sein.

Wen (Abkürzung des englischen Wort women) und Do (japanisch für Weg) ist ein Kunstwort, trifft es aber sehr genau. Diese Form der Selbstverteidigung soll Mädchen und Frauen jeden Alters helfen, sich gegen (männliche) Gewalt zu behaupten. In einer Zeit zunehmender Gewaltbereitschaft sollten sich Frauen nicht der Illusion hingeben, dass sie kein Opfer werden könnten. Wichtiger als der Kampf ist aber ihn zu vermeiden. Genau das wird von einer Freundin – die ich Linda nennen möchte – gelehrt.

Als ich vor 2 Jahren von Wen-Do erfuhr, war ich skeptisch. Halbherzig angewandte Selbstverteidigung kann mehr Probleme machen, als die Deeskalation mit einem Lächeln. Aber Linda hat mich dann doch überzeugt. Als ich sah wie bereits kleine Mädchen mit lauten Schreien auf Polster einschlugen, war ich zutiefst berührt. Denn genau dieses extrovertierte Verhalten, dieses auf den Gegner zugehen macht den Unterschied aus.

Egal ob nun 6 oder 60, das Alter spielt bei Wen-Do keine Rolle. Selbstverteidigung fängt im Kopf an! Diesen Satz sollte sich jede Frau zu eigen machen. Dabei spielt es keine Rolle, wie man Selbstverteidigung nun definiert. Schon ein lautes „NEIN!“ kann ein klares Zeichen setzen. Linda versteht es wie keine Zweite Stärke zu vermitteln, Mut zu machen. Sie ist eine Seele von Mensch, die am liebsten alle Frauen dieser Welt beschützen würde.

Wie Linda finde ich es wichtig, dass Frauen sich wehren können. Egal ob nun mit der Hand, oder einfach nur dem Wort. Wir müssen weg aus der oft selbst gewählten Opferrolle, der Pasivität. Was wir brauchen ist innere Stärke, Selbtbewusstsein. Nie war das einfacher als heute! Die Welt ist dabei zu begreifen, dass Frauen mehr sind als nur Mütter! Wir sind in der Politik, in immer mehr früher klassisch männlichen Berufen. Unsere Stimme mag noch schwach sein, aber sie wird täglich lauter. Und genau dabei hilft uns auch Wen-Do.

Nein, ich habe nie Wen-Do als Selbstverteidigung gelernt. Mein „Wen-Do“ habe ich mir selber beigebracht. Dabei geholfen haben mir auch meine japanischen Wurzeln, mein Vater und meine Liebe zu Karate und Aikido. Keine Frau muss nun zur Kampfmaus mutieren und laut schreiend Männer schlagen. Wichtig ist es nur den eigenen Weg zu finden. Er reicht nicht ihn nur zu sehen. Lasst ihn uns (zusammen) gehen, den Weg der Frauen.