Die kleine Schwester

„Ich mache dich kaputt!“
Mit jedem Wort traf auch ein Schlag den Kopf des Mannes, der bereits hilflos am Boden lag.
Die Männer lachten, sie hatten ihr Opfer gefunden.
Plötzlich Stimmen, schnelle Schritte. „Stehenbleiben, Polizei!“
In letzter Sekunde konnte der Notarzt den Verletzten retten. Sein Herz stand bereits still.
Aber manche Menschen werden von Engeln beschützt.

Das Surren des Handys riss Hiko aus dem Schlaf. Nur mühsam fand sie in die Realität zurück.
„Mama“, stand auf dem Display und Hiko lächelte. Aber dies war kein Tag für Fröhlichkeit.
„Yoshi liegt im Krankenhaus“, hörte sie ihre Mutter leise sagen. „Böse Menschen haben ihn fast umgebracht.“
Hiko schloss kurz die Augen. Der Schock saß tief, dann kam die Kälte.
„Ich bin auf dem Weg“, sagte sie knapp. „Gib mir eine Stunde. Dann will ich alles wissen. Alles, hörst du?“
Und ein Wesen schwebt vom Himmel herab, dunkel, kalt und fügelschnell.
Wenn Engel hassen.

Hiko Omura war in Japan geboren, lebte aber seit ihrem fünften Lebensjahr in Deutschland. Japan hatte sie seit Jahren nicht gesehen, das Land interessierte sie nicht mehr. Die Menschen dort waren ihr suspekt. Ewig Gestrige, zu klein und zu traditionell.
Hiko war Japan entwachsen und das drückte sich auch bei ihrer Körpergröße aus. Eine Größe von 1 Meter 78 und 75 Kilo Körpergewicht sind für Japanerinnen beachtlich. Aber nicht, wenn man die Weltmeisterin im Jiu-Jitsu ist.
Ein, zwei, drei, es ist vorbei.

Düsseldorf im Regen ist keine schöne Stadt. Und Düsseldorf hat durchaus Schattenseiten. Hiko kannte sie alle, die Dunkelheit war ihr Revier.
Mit unbewegtem Gesicht stand sie neben ihren Eltern, die noch immer fassungslos auf Yoshi sahen. Oder besser auf ein zerschlagenes Bündel Mensch, das nur noch entfernt an den Erstgeborenen der Familie erinnerte.
„Was ist passiert?“, kam Hikos Frage. Aber ihre Eltern hatten keine Worte.
Ein grauer Mann betrat den Raum. Unscheinbar, nur seine Augen lebten. Und die erkannten Hiko sofort.
„Kriminalhauptkommissar Koprowski“, stellte er sich trotzdem vor. „Ich hätte da einige Fragen, Herr und Frau Omura.“
Aber die Antwort kennt oft nur der Wind.

Hiko musterte den alten Polizisten kühl. Sie waren sich schon begegnet. Damals, als sie noch in Düsseldorf lebte. Damals, als sie allein gegen eine Horde Männer stand. Und niemand da war, sie zu schützen. Damals, als er noch ihr Sensei war. Für die Presse war es ein gefundes Fressen. Die Schlagzeile „Karate-Kämpferin mischt Schlägertruppe auf“, machte sie bekannt. Zwar verstand Hiko nicht viel von Karate, aber gut kicken konnte sie. Das und ihre Würfe, waren den Männern weniger gut bekommen.
Zu Boden mit dir du Schuft!

Yoshi Omura konnte kein Karate, jegliche Gewalt war ihm zuwider. Der junge Mann war ein Computer Nerd. Und Kraft gebrauchte er nur gegen die Tastatur, die seiner Meinung nach immer viel zu langsam reagierte. Yoshi war beliebt, immer gut gelaunt und stets hilfsbereit. Streit war nie sein Ding. Aber Umwelt und Politik. Dafür setzte er sich ein.
Yoshi war nur 1 Meter 70 groß. Und doch neckte er Hiko ständig als „kleine Schwester.“ Geschwisterliebe der besonderen Art.
Und es änderte sich auch nichts als Hiko eines Tages verkündete, dass sie Frauen liebe und lesbisch war.
Auch Frauen können Frauen lieben.

„Manchmal müssen wir kämpfen, un den Frieden zu bewahren“, hatte Koprowski einst gesagt. „Aber niemals um des reinen Kampfes willen, niemals nur für einen Sieg.“
Hiko war mit 18 Jahren erstmals Weltmeisterin geworden. Ein Triumph der besonderen Art. Im Finale hatte sie die langjährige japanische Weltmeisterin geschlagen, die diesen Titel viele Jahre trug. Aber Hikos Weg war nicht nur Sport.
Als Studentin jobbte sie in einem Szene-Club und stand dort als Security ihre Frau im Leben. Bis eines Tages diese Männer kamen.
Zu Fünft verlangten sie Zugang, aber Hiko verstellte ihnen den Weg.
„Nur für Frauen“, hatte sie gesagt. „Männer sind hier unerwünscht.“
Aber der Phallus hat immer das letzte Wort.

Koprowski war damals gerufen worden und sah sich die jammernden Männer an.
Hiko stand unverletzt an der Tür, flankiert von nun einem Dutzend anderer Mädels. Und die schauten alle nicht seht nett.
Koprowski hatte sich unwohl gefühlt, als er seine Fragen stellte. Aber der Fall war klar, die Videoüberwachung konnte nicht lügen.
Notwehr gegen stadtbekannte Schläger stand in seinem Bericht. Das war vor nun zehn Jahren.
Hiko war keine Weltmeisterin mehr, sie hatte den Titel schon vor Jahren abgelegt. Heute war sie Sensei mit eigener Jiu-Jitsu-Schule. Und mit einem blonden Engel liiert.
Aber Veronika spielte in dieser Geschichte keine Rolle.

Koprowski hatte ein ungutes Gefühl, als er Hikos eisige Miene sah. Er wusste wozu diese Frau fähig war.
Hikos Eltern konnten nicht viel sagen. Nur, dass Yoshi auf einen Umweltskandal gestoßen war. Zusammen mit Freunden wollte er an die Presse gehen.
Auch Politiker können unehrlich sein.
„Finden Sie diese Menschen, Herr Kommissar“, bat Hikos Vater. „Finden und bestrafen Sie sie!“
Aber das Gesetz hat oft Lücken und Koprowski wusste das.
Manchmal müssen Menschen kämpfen.

„Reden wir draußen kurz“, sagte Hiko und ging mit dem Beamten auf den Flur. „Geben Sie mir einen Namen, Sensei“, verlangte sie knapp. „Sie wissen doch genau, wer das war.“
„Die Täter kennen wir nicht“, wich Koprowski aus. „Dein Bruder war einer großen Sache auf der Spur. Aber das ging auch durch die Presse. Mehr als den Namen des Umweltministers Lindemann habe ich noch nicht. Und der genießt Immunität, aber das weißt du sehr genau.“
Hiko lächelte. Aber mit Freude hatte das nichts zu tun. Sie hatte auch gelächelt, als sie ihre Gegnerin besiegte und Weltmeisterin geworden war.
Auch Koprowski hatte damals gelacht. Er, der nie Weltmeister gewesen war, hatte es als ihr Trainer geschafft. Aber Zeiten ändern sich, die Rollen waren vertauscht.
Hiko hatte noch immer Respekt vor ihrem alten Meister. Aber die wahre Meisterin war nun sie.
Ein Engel mit kalten Augen.

„Pieter van der Valk“, murmelte Koprowski. „Er ist Lindemanns Bodyguard und war früher Söldner in Afrika. Der Mann ist knallhart und weicht Lindemann kaum von der Seite. Ich vermute er hat die Sache eingefädelt. Selbst beteiligt war der nicht.“
Koprowski sah seine ehemalige Schülerin fast flehend an.
„Gegen den kannst du nicht gewinnen“, sagte er. „Der ist gleich mehrere Nummern zu groß für dich. Überlass das der Polizei …“
„Der die Hände gebunden sind“, unterbrach ihn Hiko ruppig. „Mir aber nicht. Daher überlassen Sie ihn besser mir.“
„Manchmal müssen wir kämpfen“, sagte Koprowski leise. „Wir müssen es für andere tun. Weil sie es nicht mehr können.“
Yoshi Omuras Herz blieb noch zweimal stehen in dieser Nacht. Aber manche Menschen werden von Engeln beschützt.

Pieter van der Valk war Geschäftsmann. Zumindest sah er sich selbst als solchen an. Seine Ware war sein Körper und sein pragmatischer Verstand. Einzelkämpfer bei der Armee, Kampfsport-Experte, Scharfschütze, Söldner. Mit seinen 35 Jahren blickte er auf ein bewegtes Leben zurück. Und er hatte mehr als ein Dutzend Leichen im Keller. Aber der Tod war für ihn nur ein Geschäft. Gefühle hatten nur die anderen.
Pieters Unternehmen boomte, Sicherheit stand hoch im Kurs. Und sein Konto auch.
Umso tiefer kam der Fall, als ihn der Stoß in den Rücken traf.
Mit der Eleganz des Panthers kam er auf die Füße, als er eine kräftige Japanerin sah.
„Yoshi Omura ist mein Bruder“, hörte er sie sagen. „Du hast zehn Sekunden, dann wird es bitter für dich.“
Engel lügen nie.

Pieter wusste, wer Yoshi Omura war. Er kannte auch das Feuerkind.
„Hiko Omura“, dehnte er um Zeit zu gewinnen. „Das wird interessant.“
Seine Hand zuckte gedankenschnell zur Waffe und senkte sich langsam wieder.
Der Grund hieß Werner Koprowski. Und der stand mit gezogener Pistole hinter ihm.
„Du hast noch fünf Sekunden“, sagte der Beamte. „Dann schieße ich dir ins Knie.“
Auch Engel schießen blaue Bohnen.

„Was wollt ihr Leute?“, versuchte van der Valk sein Glück. „Ich bin Geschäftsmann und verkaufe …“
„… den Tod“, unterbrach ihn Hiko kalt. „Aber mein Bruder hat es überlebt. Und damit das so bleibt werde ich ihn beschützen. Jetzt rede, oder ich breche dir alle Knochen.“
Koprowski fischte die Pistole aus Pieters Jacke und trat einen Schritt zurück.
„Dein Zeuge, Hiko“, sagte er. „Ich kümmere mich um den Rest.“
Fäuste liegen schwer im Magen.

Pieter van der Valk war ein ausgebuffter Typ. Aber gegen Hiko hatte er keine Chance. Was immer er auch versuchte ging daneben. Es war wenig sportlich, was Hiko zeigte, aber ihre Griffe saßen. Noch schwieg der Söldner und Hiko verlagerte kuz ihr Gewicht. Mit einem hässlichen Geräusch gab Pieters Schulter nach. Ausgekugelt hing der Arm nach unten.
„Ich … ich kann nicht“, presste Pieter hervor. „Sonst bringen sie mich um!“
Hiko lächelte. Ein Ruck, ein Schrei und Pieters Handgegelenk brach wie ein dürrer Zweig.
„Rede, sonst kommem deine Finger einer nach dem anderen dran,“ versprach die Japanerin.
Angst löst oft die Zunge. Und Worte fließen klar wie Wasser.

Das SEK stürmte noch in der gleichen Nacht eine Wohnung im Düsseldorfer Stadtteil Garath und nahm drei Männer fest. Laut Polizeibericht leisteten die Verhafteten erheblichen Wiederstand. Die Beamten mussten Gewalt anwenden. Die Beteiligung von Werner Koprowski und Hiko Omura verschwieg man. Auch, dass sie die Männer allein überwältigt hatte.
Ja, Engel können hassen.
Pieter van der Valk redete auch nach dieser Nacht weiter und Herbert Lindemann setzte sich ins Ausland ab. Er verlor seine Immunität und wurde in Abwesenheit verurteilt. Gefunden hat man ihn nie.

Yoshi Omura lag 2 Monate im künstlichen Koma. Die Knochenbrüche heilten, das Schädel-Hirn-Trauma blieb.
Yoshi brauchte fast ein Jahr, bis er wieder sprechen konnte.
„Wo … wo ist meine kleine Schwester?“, waren seine ersten Worte.
„Hier“, sagte Hiko und nahm seine Hand.
Ein Engel mit nun warmen Augen.

Ein schwarzer Tag in meinem Leben

Mein Leben ist so bunt, wie der Regenbogen Farben hat. Selbst graue Tage gehen spurlos an mir vorbei. In meinem Herzen ist kein Platz für Trauer, oder winterliche Melancholie. Und doch ist am vergangenen Wochenende etwas geschehen, was die Farbe aus meinem Leben genommen hat. Mein Geist ist in die Dunkelheit geglitten. Der Tag war Rabenschwarz.

Es ist Samstag 6:30 Uhr, als der Wecker in meine Ohren summt. Sofort bin ich hellwach und ziehe Elfchen frech die Decke weg. „Biest!“,  ruft sie sofort, das Kopfkissen verfehlt mich um Zentimeter.
Lachend fliehe ich vor ihr und bin als Erste in der Küche.
„Beil dich Schlafmütze!“, rufe ich und beginne mit meinem Werk.
Aber Elfen brauchen immer 5 Minuten länger, als ihr menschliches Pendant.
Der Spaß endet schnell, dieser Tag wird noch ereignisreich.
Yuki ist aufgeregt und ich die Ruhe selbst. Was soll schon groß geschehen?

Es folgt Frühstück und Zähneputzen. Die (Un)Sitte das vor dem Frühstück zu machen werde ich nie verstehen. Gepackt haben wir schon am Abend und geduscht natürlich auch. Auf die Idee ungewaschen ins Bett zu gehen kämen JapanerInnen nie.
Der Audi Q3 hat ausgedient, der Nissan Qashqai ist unser neuer Wagen. Wolf hat ihn kurzerhand für die Firma gekauft, als neues „Biestmobil“, wie er ihn nennt.
Immerhin hat der Audi uns treu gedient und fast störungsfrei durch die Monate begleitet. Aber ein Motorschaden war das Aus. Der Test war trotzdem positiv, die Daten bleiben wichtig.
Aber wir bekommen bald einen neuen Dauertester. Nur was es ist, das will uns Wolf noch nicht verraten. Ich starte den kleinen Diesel, Düsseldorf wir kommen!

Deutlich langsamer als sonst, aber dafür entspannt erreichen wir gegen Mittag mein Elternhaus. Von dort geht die Reise schon bald weiter. Mit meinem Vater im Gepäck.
Wir reden wenig, seine Miene ist grau an diesem Tag. Vielleicht sind es auch nur die Schatten des Winters. Mein Vater ist kein negativer Mann.
Ein flaches Gebäude harrt unserer Ankunft schon. Mit flinken Schritten eilen wir zur Tür. Neonlicht ersetzt das öde Grau.
Unsere Wege trennen sich kurz, Yuki und ich müssen einen anderen Weg gehen. In der Umkleide ziehen wir uns um. Die Haare werden zum Pferdeschwanz gebändigt.
Schweigend gehen wir einen langen Gang entlang.´Es folgt ein schwarzer Tag in meinem Leben, den ich so schnell nicht vergessen kann.
Mein Vater wartet schon. Auch er im Karate-Gi. Was habt ihr denn nun gedacht?

Streng wirkende Männer und eine Frau mustern mich kritisch. Mehr als zehn Jahre ohne jede Praxis ist ihnen suspekt.
Nun mag eine Mayumi vieles sein, aber dumm mit Sicherheit nicht. Und im Karate-Verband bin ich immer Mitglied geblieben.
Trainiert habe ich bekanntlich immer. Auch, wenn mein Fokus auf anderen Dingen lag. Aber Karate bleibt immer ein wichtiger Teil in meinem Leben. Karate liegt mir im Blut.
Schon vor der Karate-WM in Bremen, habe ich intensiv für den 3. Dan geübt. Wobei es nur Wiederholungen waren. Das Programm kann ich im Schlaf.
(M)Ein weiterer Weg zur Meisterschaft, wie mein Vater gern erklärt.

Es ist lange her, dass ich im Karate eine Prüfung machte. Entsprechend hoch ist die Skepsis der Trainer. Aber mein Vater ist auch dabei. Meister unter sich.
Nach dem 2. Dan bin ich eigene Wege gegangen und habe mich umorientiert. Gürtel waren mir plötzlich weniger wichtig. Und ganz ehrlich, im Kumite schlage ich auch einen höheren Dan. Ich habe Yuki auch Karate beigebracht. Sie kann das richtig gut. Ihr Rang ist viele Stufen unter Schwarz. Aber wer will meine Elfe schlagen? In der Liebe zu mir ist sie ohnehin unerreicht, da hält sie alle Gürtel dieser Welt. Entsprechend tapfer steht sie neben mir. Und ich liebe sie dafür.
Die Prüfung beginnt. Lasset die Spiele beginnen. Jetzt wird gekickt.

Viele Menschen haben ein falsches Bild vom Schwarzen Gürtel. Sie glauben, dass man nun ein(e) MeisterIn ist. Natürlich ist das richtig und auch wieder falsch. Großmeister sehen das etwas anders.
In Wahrheit bleibt man bis zum 5. Dan (Meister)SchülerIn. Erst dann folgt die wahre Meisterstufe. Aber schon lange vor dem 1. Dan, habe ich Karate als Weg für mich erkannt.
Dan ist das japanische Wort für Stufe / Rang. Und dort stehe ich Gürtelmäßig auf dem zweiten (Meister)Rang Zwei. Mein Dickkopf hat einst mehr verhindert. Aber das ist nun vorbei.
Elfchen darf auch zeigen was sie kann. Sie beginnt und ich bin wie immer fasziniert.
Yuki tanzt einen Reigen, der aus purer Eleganz geboren worden ist.
Zwar ist es „nur“ Grün, was sie als Farbe erhält. Aber ich weiß, was meine Elfe wirklich kann.
Wie im Aikido, wird sie auch im Karate ihre Frau stehen. Und im Leben steht sie gleichberechtigt neben mir.

Nun geht es los für mich. Hochkonzentriert trete ich nach vorn.
Sie testen mich so hart, wie ich erwartet hatte. So muss ich alle Kata aus dem Schülerbereich zeigen, was kein Problem bedeutet.
Auch Kihon Ido ist gefragt, sie wollen die Grundtechniken sehen. Die Zeit vergeht fast ohne Pause, der Körper ist nun Karate.
Mein Geist ist klar und fokussiert, nichts außer diesem Tag ist wichtig.
Ich muss zwei Kämpfe bestreiten. Zeit mich zu amüsieren.
Ein Mädel mit dem 1. Dan liegt nach 10 Sekunden auf der Matte. Sie hat keine Chance gegen mich. Und sie fällt immer wieder, ein wenig tut sie mir leid.
Der Schwarze Gürtel macht noch keine Kämpferin.

Der deutlich größere Mann ist schwerer zu knacken, er setzt auf Konter und seine langen Beine. Das wird spaßig. Normal bin ich die Konternde. Aber ich kann auch voll auf Angriff gehen. Normalerweise kämen nun Mayumi typisch z. B. Tritte zum Knie. Aber das hier ist Sport. Ich will niemand verletzen.
Mein Karate-Stil ist anders, aber das darf ich in einer Prüfung nicht zeigen. Hier wird auf Tradition geachtet.
Aber 1,62 Meter geballte Energie besiegt auch einen Mann, der sich für überlegen hält. Und so einige Techniken im Goyu-Ryu Stil sind mit dem Aikido verwandt.
Muss ich mehr erzählen?

Aus den Augenwinkeln beobachte ich die Reaktionen der Prüfer, die deutlich überrascht und begeistert sind. Mein Vater gestattet sich ein leichtes Schmunzeln.
Vielleicht noch ein Wort über ihn, der immer auch mein Sensei ist. Bei aller Liebe zu mir bleibt er streng, wenn es um Fragen des Karate geht.
Er hat mich nie bevorzugt. Meine Gürtel sind ehrlich erworben, niemand hat sie mir geschenkt.
Und auch an diesem Tag gibt es kein Pardon. Nach Selbstverteidigung, Kampfrichterwesen, Kata, Erklärung der Techniken und intensiven Fragen zum Karate sehe ich die Farbe Schwarz!
Schwarz ist mehr, als nur eine Farbe. Und Schwarz habe ich mir redlich verdient.

Es ist wieder mein Vater, der mir stolz die Urkunde zum 3. Dan überreicht. Und auch einen neuen Gürtel, der nun drei Streifen hat: Sandan, der Grad des anerkannten Schülers, wie es im Karate heißt. Bis zum 4. Dan muss ich nun vier Jahre warten. Vielleicht drei, bei verkürzter Vorbereitungszeit. Und wenn es nach meinem Vater geht, so müssen weitere Grade her. Mein Leben ist so bunt, wie der Regenbogen Farben hat. Selbst graue Tage gehen spurlos an mir vorbei. Aber dieser 6. Dezember ist (m)ein schwarzer Tag. Und das ist richtig gut.

Wer mehr über die Farbe Schwarz lesen möchte, dem empfehle ich folgende Artikel:

Klick mich: Drei Farben Schwarz und Die Farbe Schwarz

 

Warum ich einfach unschlagbar bin!

Mein Training mit den Drachenzwergen kommt zu kurz in diesen Tagen. Die Kinder sind traurig, sie vermissen mich. Aber selbst meine Energie hat Grenzen und nach einem harten Tag rafft es mich dann auch dahin. Das klingt nun dramatischer, als es wirklich ist. Und mit Lindas Mädels gibt es noch andere Trainerinnen.

Aber gestern Abend gab sich Frau Landar dann die Ehre und hat sich bunt berockt unter die Kleinen gemischt. Leonie, die kleine Judoka, kann sich vor Freude kaum halten.
„Tante Mayumi!“, ruft sie und fällt mir um den Hals. Prompt folgt die ganze Schar der Kinder und begräbt mich förmlich unter sich.
Die Szene gäbe es in Japan nie zu sehen, die Tradition verbietet das. Ich sehe das anders und herze die Kinderschar.
„Aufstellung bitte!“, unterbreche ich dann das Geplapper und folgsam lassen sie von mir ab.
Aufrecht meine Recken!

Yuki und Ken beobachten mich und schmunzeln um die Wette. Auch sie tragen bunte Karate-Gi und sind meine Assistenten.
Da Ken nur einige Worte Deutsch versteht, sprechen wir Japanisch, was die Kinder erneut fasziniert.
Das Training läuft gut, Ken zeigt seine Kyokushin-Karate Kunst. Die Kinder mögen ihn spontan, der Typ ist auch wirklich witzig und lieb.
Der stets neugierige Lars zupft mich irgendwann am Ärmel und stellt mir eine alles entscheidende Frage.
„Tante Mayumi, bist du eigentlich stärker als er?“
Der Kleine deutet auf Ken, der mich an Körpergröße deutlich überragt.
Zwerge werfen lange Schatten.

Yuki feixt und hält sich dann die Hand vor den Mund, ich übersetze Ken die Frage.
Ich rufe die Gruppe zusammmen und lasse sie alle knien. so sind wir fast auf gleicher Höhe.
„Körperkraft und innere Stärke sind zwei verschiedene Dinge“, beginne ich und Yuki übersetzt für Ken. „Mein Cousin hat viel mehr Kraft als ich, das ist bei Männern nun mal so. Aber diese Kraft ist nicht immer entscheidend, um einen Sieg zu erringen. Man muss nicht kämpfen, um zu gewinnen. Einen Gegner kann man auch mit Worten schlagen. Vor allem, wenn man, wie Frauen, körperlich schwächer ist.“
„Aber was, wenn er dich haut?“, hakt Lars nach. „Kannst du ihn dann besiegen?“
Der Sieg in der Niederlage? Nicht mein Ding!

„Ken ist ein Meister im Kyokushin-Karate“, erwidere ich. „Das ist ein völlig anderer Stil. Und Stile kann man sehr schlecht vergleichen. Vor allem, wenn Frauen und Männer die GegnerInnen sind.“
Lars ist nicht zufrieden, das kann ich deutlich sehen. Er kennt und mag mich, aber Ken ist deutlich größer. Das beeindruckt den Kleinen und seine Skepsis wächst. Vor allem, weil ich nun wirklich nicht unschlagbar bin. Nur sehr schwer zu besiegen, denn ich gebe niemals auf! Und das ist der Grund, warum ich gewinne. Verlierer sind dann nur die anderen.
Ken und ich schauen uns kurz an, wir verstehen uns auch ohne Worte.
„Gut“, sagt er und ich übersetze, „Mayumi und ich werden für euch kämpfen. Dann könnt ihr sehen, was sie meint.“
Ich erkenne den Doppelsinn in seinen Worten und auch meine Elfe nickt. Den Kindern entgeht diese Botschaft noch. Für sie zählt nur, was sie sehen.
Yuki gibt die Schiedsrichterin und ich stelle mich meinem Cousin gegenüber. Wer nun glaubt, er sei so einfach zu besiegen, wird eines Besseren belehrt! Ken ist schnell und sehr explosiv, aber sein Nahkampf bleibt grottenschlecht. Er gibt irgendwann lachend auf, als ich Aikido und Wing Chun benutze und ihn mehrfach zu Boden schicke.
Dieses war der erste Streich, doch der zweite folgt sogleich!

„Wie ihr seht, ist Kraft nicht entscheidend bei einem Kampf“, ziehe ich ein erstes Resümee. „Aber warum habe ich Ken besiegt, kann mir das wer sagen?“
„Weil du ihn geworfen hast!“, meldet sich Leonie zu Wort.
„Ja“, sage ich. „Ich habe seine Kraft gegen ihn benutzt. Ken kann weder Aikido noch Wing Chun. Und in einem Straßenkampf gibt es auch keine Regeln. Wenn wir aber nun einen sportlichen Wettkampf machen, so sieht das völlig anders aus. Dort gibt es feste Regeln, so wie überall im Leben. Schaut gut zu.“
Runde Zwei beginnt, diesmal in Kyokushin-Manier. Nun, da ich meine Hebel und Würfe nicht anbringen darf, zeigt sich ein ganz anderes Bild. Ken hat gute Szenen, ist aber zu langsam für mich. Aber wer will schon immer fliehen? Ich gewinne, weil Ken Hemmungen hat Frauen zu schlagen. Dieses Problemchen kenne ich nicht, meine Faust macht sich gut in seinem Magen. Treffer, versenkt!

Die Kinder verstehen und Ken reibt sich grinsend den Bauch. Meinem Cousin ist es gleich, ob ich ihn schlage. Das ist er seit Kindertagen gewohnt. Dafür hat er meine Liebe gewonnen. Und ist damit einer von den wenigen Männern auf dieser Welt, die ich in mein Herz geschlossen habe.
Zum Abschluss des Trainings dürfen auch die Kinder kämpfen, was vor allem Lars immer brennend interessiert. Aber wie immer verliert er gegen Leonie, die zu gut für den Kleinen ist. Ihr Talent ist riesig und ich werde sie entsprechend fördern.
Lars beweist Größe und lacht sie an. So entstehen Freunde fürs Leben. Und das ist gut.

Nachdem die Kinder auf dem Weg nach Hause sind chauffiert uns Yuki im SUV zum Aikido. Ich mache mir auf einem Block Notizen und Ken döst vor sich hin. Im Kreis der Familie zu sein, umgeben von Freunden, zusammen mit der eigenen Frau ist wichtig und gut. Wisst ihr nun warum ich einfach unschlagbar (glücklich) bin?

Wer meine Kindergruppe noch nicht kennt und mehr darüber lesen möchte, der darf gern hier klicken: Von Drachen und Zwergen

 

Wenn Frau Doktor kicken geht

Fitness ist in aller Frauen Munde und Fitness ist mein Job. Egal, ob als Sensei oder Retterin von Firmen, ich mache dabei immer eine gute Figur. Aber es geht ausnahmsweise nicht um mich und auch nicht um Frau Dr. Christine Theiss, die langjährige Kickbox-Weltmeisterin. Es geht um ganz normale Frauen, die nicht ganz zufällig Doktorinnen sind.

Durch Kontakte, bin ich besonderen Menschen begegnet. Und diese Menschen suchen Hilfe. Auch bei der perfekten Ganzkörperfigur.
Alles hat ganz harmlos angefangen mit einem Telefonat von Frau Schmidt.
„Hallo Frau Landar“, begrüßt sie mich. „Wie geht es Ihnen denn, wir haben uns ja schon ewig nicht gesehen!“
Nun ist ewig übertrieben, aber das machen manche Menschen gern. Nur meine Zeit als Privat-Sensei war abgelaufen.
Linda hat bekanntlich übernommen und das macht sie richtig gut.

„Ich hätte da eine Frage an Sie,“ fährt Frau Schmidt schon fort. „Einige Freundinnen haben Interesse an Ihrer Kunst. Wissen Sie, wir haben uns da neulich auf einem Frauenabend über Sie unterhalten. Und meine Freundin Tanja, also eigentlich Frau Dr. Tanja Berghoff, möchte unbedingt Kickboxen lernen. Könnten Sie Tanja unterrichten?“
Frau Schmidt die Unterschiede zwischen Karate, Wing Chun und Kickboxen zu erklären macht wenig Sinn. Sie gibt mir Tanja Berghoffs Nummer und ich ruft selbst dort an.
Und davon handelt dieser Bericht.

„Berghoff“, meldet sich eine forsche Frauenstimme.
„Landar“, erwidere ich. „Sie wollten mit mir sprechen. Ich bin die Trainerin von Frau Schmidt.“
„Ach ja richtig“, höre ich ohne Akzent, was mir die Frau sofort symphatisch macht.
Auch Schwaben können Hochdeutsch lernen.
„Ich bin ein langjähriger Fan von Christine Theiss, Sie wissen doch wer das ist?“
Die Frage kommt unschuldig, aber ist durchaus ernst gemeint.
Ein erster Test, den ich bestehe.

„Ich habe Christine Theiss Karriere genau verfolgt“, antworte ich. „Sie ist eine gute Sportlerin.“
„Weltmeisterin zu werden muss schwer sein“, sagt Frau Berghoff. „Die Frau sieht so fit aus und kann sich bestimmt gut wehren. Genau das möchte ich auch gern können. Aber ohne Weltmeisterin zu sein!“
Bei Titeln flippen manche Menschen aus, das fiel mir schon vor Jahren auf. Aber WeltmeisterIn zu sein bedeutet nicht viel. Es sagt lediglich aus, dass ein Sporler zu einem bestimmten Zeitpunkt in seinem Sport besser als ein anderer Mensch war. Und mit Kickboxen kommt man auf der Straße nicht sehr weit.
Regeln brauchen nur die anderen. Ich habe meinen eigenen Stil.

Immerhin erweist sich Frau Berghoff als Kennerin der Szene, als ich ihr von meinem sportlichen Werdegang erzähle.
„Kickboxen ist nicht meine Sparte“, schließe ich. „Aber ich kann Ihnen eine gute Freundin empfehlen. Die hat auch dafür eine Trainerin.“
„Mir geht es darum, das Ganze privat zu machen“, wirft Frau Berghoff ein. „Unser Haus ist groß genug und wir haben einen eigenen Fitnessraum. In ein Sportstudio gehe ich nicht.“
„Das sollte machbar sein“, erwidere ich und denke kurz nach. Ich nenne ihr Lindas Namen.
„Bei ihr sind Sie gut aufgehoben“, beende ich das Gespräch.
Starke Frauen braucht das Land.

Nachdenklich sitze ich am Schreibtisch und schaue in die andere Woche. Ein Ausdruck, den ich einst als Mädchen lernte.
„Wohin schaust du?“, will Yuki wissen. „Betrügst du mich im Geist mit scharfen Miezen?“
„Frechdachs“, erwidere ich und ziehe sie lachend auf meinen Schoß.
Als ich ihr von dem Angebot erzähle nickt meine Elfe.
„Als Personal Trainerin kann man viel Geld verdienen. Und Lust hättest du doch schon dazu, gibs zu!“
„Wir sprechen von Sport“, sage ich. „Was wir machen ist Kunst. Das kann man reinen Fitness-Sportlern kaum vermitteln. Sie sehen einen muskulösen Körper, ein Titel zieht sie in ihren Bann. Für Menschen wie Frau Berghoff steht der schöne Schein an erster Stelle. Aber Körper UND Geist sollten immer eine Einheit sein. Das ist es, was diese Menschen schlecht begreifen.“

Meine Elfe nickt wissend. Auch sie hat lernen müssen. Für Yuki war Karate lange einfach nur Kampf. Und Gewalt ist nicht ihr Ding.
Ein vermiedener Kampf ist ein gewonnener Kampf. Genau danach handelt sie.
Linda wird die Sache besser regeln. Sie kann auch Menschen wie Frau Berghoff lehren.
Ich bleibe vorerst bei den Kindern. Und die unterrichte ich bekanntlich gern.
Geld ist nicht alles und arm war ich noch nie.

„Hömma Olle“, haucht Yuki mir plötzlich zuckersüß ins Ohr. „Dat is schon wieder spät, wir müssen noch ins Training gehen tun.
Wenn Frau Doktor kicken geht.

Zur Vorgeschichte dieses Beitrags einfach hier klicken: Die Leibwächterin

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne – Teil 2

Japans Zauber muss noch warten. Übermüdet gehen wir zu Bett.
Sanft schlummere ich in Yukis Armen ein und träume klar.
Ich laufe durch einen Kirschblütenhain. Auch Karin und Natalie sind da. Alle meine lieben Menschen und Yuki geht mit mir Hand in Hand.
Klar zu träumen, den Traum selbst zu bestimmen, das ist nicht jedem Mensch gegeben. Ich kann es seit ich bewusst denken kann.
Alpträume haben nur die anderen. Mein Schlaf ist stets erfrischend. Wenn er nur länger gewesen wäre.
Und ich kann ziemlich zicken, wenn man meine Ruhe stört.

Vom Gefühl her sind nur Minuten vergangen, als Ken lautstark ins Zimmer stürmt.
„Aufstehen!“, ruft er immer wieder. „Es ist schon spät!“
Er reißt uns die Decke weg und Tante Kazumi schimpft ihn aus.
Mein Kick trifft ihn leicht in den Bauch und lachend fällt er auf den Hosenboden.
„Raus du Verrückter“, sage ich bestimmt und versuche böse zu schauen. Aber das ist alles Spaß, ein altes Ritual seit Kindertagen.
Er rappelt sich auf und läuft noch immer lachend davon. Ich höre „Schlafmütze!“ und Yuki wirft ein Kissen nach ihm.
Treffer, versenkt. Meine Elfe wirft nie daneben. Das hat er nun davon.

Fukuoka präsentiert sich noch immer europäisch. 27 Grad, bewölkt, Regenrisiko 30 Prozent.
Es ist ein großes Hallo an diesem Tag, wir verteilen die Geschenke. Auch der Onkel ist da und freut sich riesig mit und über uns.
Gefühle zeigen nicht immer nur die anderen. Und das finde ich richtig gut.
Meine Cousinen nehmen mich in Beschlag. Bis auf wenige Mails haben wir kaum Kontakt. Sie haben Familie, sie leben ihr eigenes Leben. Aber Deutschland steht für beide auf dem Reiseplan.
Natürlich haben wir sie eingeladen. Und wenn irgend möglich, werden wir ihnen unsere andere Heimat zeigen.
Ich schmuse mit meiner kleinen Nichte und Yuki schaut mich seltsam an.
Ahnt ihr was sie denkt?

Der Tag vergeht mit viel Reden und noch mehr Neuigkeiten. Irgendwann sehnt sich mein Körper nach Sport.
Ken deutet meinen Blick richtig und rettet unser Leben. Die Sportsachen sind schnell gepackt und gemeinsam verlassen wir das Haus.
Wir fahren in sein Dojo, der Sensei erinnert sich an uns.
„Willkommen“, sagt er. „Ich freue mich sehr. Ihr dürft gern mit uns trainieren.“
Stolz erzählt Ken von meinem 1. Aikido-Dan. Er ist ein kleines Plappermaul.
„Der wahre Meister schweigt von seiner Kunst“, wird er vom Sensei prompt getadelt. „Dann zeig uns bitte, was du dagegen kannst.“
Ken schaut leicht belämmert, stimmt aber zu.
Ich lache. Endlich darf ich meinen Cousin werfen!

Er gibt sich Mühe und Yuki feixt. Auch der Meister schmunzelt. Alle haben Spaß.
Ein Novum im Dojo. Aber der Mann ist wirklich nett und sehr westlich aufgeschlossen. Und auch die Schüler erinnern sich und lachen mit.
„Bleib weg von ihr“, rät der Sensei Ken. Aber der will nicht hören und versucht immer wieder Schläge und Kicks.
Er gibt auf, als ich ihm mehrfach den Schwung nehme. Es macht sich nicht gut am Boden zu sein.
„Du bist gemein“, lässt er mich wissen und macht ein schmollendes Gesicht. Spaß im Übermaß der Gefühle. Ken ist eine Marke für sich.
In Wirklichkeit ist Ken ein Meisterschüler, aber selbst wenn er es könnte, er schlägt seine Cousine nicht.

Der Unterricht wird ernst, ich genieße die Stunde.
Ich mag den Sensei, er ist sehr gut in dem was er tut. Und der Sport bringt mir die Energie zurück.
Wir haben ausgemacht, dass wir zweimal pro Woche in dem Dojo trainieren. Und der Sensei mag gern mein Aikido sehen.
Ich werde die ein oder andere Stunde leiten und meine Kunst vermitteln. Auch das ein Novum, aber der Sensei will es so.
Natürlich sind einige Schüler skeptisch. Aber ohne vorzugreifen, sie haben mich akzeptiert.
Auch das Bild der Frau in Japan ändert sich. Vor allem, wenn sie überzeugen kann.

Für Yuki ist Kyokushin-Karate fremd. Aber Angst hat sie keine. Und die Erinnerung an den Vorfall vor einem Jahr ist lange vergessen.
Und wer mag schon ernsthaft mit einer Elfe kämpfen?
Das mache ich und prompt kitzelt sie mich.
„Du machst dich gut mit einem Kind im Arm“, lässt sie mich plötzlich wissen. „Du solltest das viel öfter tun.“
Ich ahne was sie mir sagen will. Aber bin ich, sind wir wirklich schon dazu bereit?
Frauen sind schon seltsame Wesen, findet ihr nicht?

Entspannt fahren wir nach Hause. Ken plappert unentwegt.
Er erzählt von seiner Arbeit und mag von unserem Studium wissen. Natürlich auch von meiner Selbstständigkeit.
„Ich habe leider wenig Zeit“, lässt er uns wissen. „Sonst wäre ich schon wieder bei euch dort. Die Projekte stapeln sich und das ist gut.“
„Was hast du mit dem Skyline gemacht, dem alten Wagen?“, frage ich. „Den hast du doch nicht etwa verkauft?“
Ken lacht herzlich. „Bin ich denn verrückt? Der steht in der Tiefgarage und wartet auf neue Turbolader. Dann wird er richtig schnell.“
Ich erzähle vom getunten GT-R und seine Augen leuchten.
Auch Ken hat Benzin im Blut.

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, heißt es in einem Gedicht von Hermann Hesse.
Ja, ich fühle mich zu Hause. Ja, ich fühle mich gut. Wir sind in Japan angekommen. Deutschland ist ein Name geworden, ein halb vergessener Traum.
Ich werde meinen Traum von Japan träumen. Zusammen mit meiner Elfe. Zusammen in einem verzauberten Land.
Sayonara!

Von Drachen und Zwergen

Drachen gelten in der westlichen Mythologie als böse und verschlagen. In Japan sieht das anders aus. Zwar sind die Ryu (竜), wie Drachen dort heißen, auch nicht immer nett, aber Glücksdrachen kennt jedes Kind. Apropos Kinder, die natürlich auch an Fabelwesen erinnern. Die Zwerge. Und Drachenzwerge habe ich meine Kindergruppe genannt, die ich nun mit Linda trainiere.

Mein Plan ist einfach, ich werde die Kinder nach Talent fördern und auch den geistigen Aspekt anregen. Leider kann ich das Training nicht jede Woche leiten, 48 Stunden hat mein Tag noch nicht. Die kleine Gruppe ist auch mehr oder weniger privat, alle Familien sind befreundet. Und sobald bei Vanessa die Dinge geregelt sind, werden auch die Zwillinge ins Dojo kommen.

Sechs Mädchen und zwei Jungs, im Alter von fünf bis sieben Jahren, stehen für den Unterricht in Lindas Dojo bereit. Zwei Mädchen haben bereits Erfahrung im Judo, fanden das aber übereinstimmend „doof.“ Der Rest sind Anfänger und total aufgeregt. Einige der Kinder stammen aus Regenbogen Familien, Ein Mädchen und ein Junge haben hetero Eltern.

Von Anfang an ist es mir wichtig, dass Verständnis und Toleranz in der Gruppe herrscht. Und siehe da, es gibt kein Problem. Kinder mögen Uniformen. Und ein Karate-Gi ist etwas besonderes für sie. Bewusst habe ich Wert darauf gelegt, dass Farbe ins Spiel kommt. Schwarz, Blau, Rot und Weiß bunt gemixt. Das mögen die Kleinen. Und die noch weißen Gürtel werden bald anderen Farben weichen.

Auch mein Anzug ist nicht traditionell. Eine weiße Taekwon-Do Jacke und eine dunkle Hose sind mein heutiges Bild. Mein Schwarzer Gürtel fasziniert die Kinder.
„So einen mag ich auch haben“, lässt mich Leonie wissen.
Sie hat bereits zwei Jahre Judo hinter sich und ist die Älteste der Gruppe. Und sie hat Talent.
„Dann werden wir fleißig üben“, erwidere ich. „So ein Gürtel ist doch chic.“

Die erste Stunde dient den Grundlagen. Wie bewegt man sich, der Stand, wie benimmt man sich. Ich erzähle über die Geschichte des Karate, über Aikido und Kung Fu.
„Bringst du uns auch Kung Fu bei, Tante Mayumi?“, fragt mich Lars. „Und wie man richtig haut?“
Nun bin ich keine Tante und Lehrer werden in Japan Sensei genannt. Aber der Kleine ist Fünf und ich sehe das nicht so eng.
Wobei ich schon Wert auf Disziplin lege. Aber alles ganz spielerisch. Mit Zwang erreicht man bei Kindern nichts.

„Warum willst du jemand schlagen?“, frage ich. „Bist du ein böses Kind?“
„Aber nein!“, empört sich Lars sofort. „Ich …, also da gibt es diesen Jungen. Der klaut immer das Pausenbrot von Kindern. Und wenn du es nicht gibst schlägt und beißt er. Der ist voll gemein!“
Wie mein Vater vor Jahren bei mir gehe ich auf die Knie und winke Lars heran. Nun sind wir auf Augenhöhe.
„Wir spielen ein Spiel“, sage ich. „Ich bin der Junge aus der Nachbarklasse, der dein Pausenbrot haben will.“
Lars wirkt verunsichert. Er zögert kurz und nickt.
„Was machst du, wenn er es von dir fordert?“, frage ich.
„Auf die Nase boxen!“, kommt es ganz spontan. „Das bringst du mir doch bei?“
Ich verkneife mir ein Lachen, Lars muss keine Mayumi sein.
„Nein“, erwidere ich. „Gewalt wenden wir nur zur Selbstverteidigung an. Und auch dann möglichst sanft. Du wirst den Jungen fragen, warum er dein Brot haben will. Ob er vielleicht nichts zu essen hat und du mit ihm teilen kannst.“
Lars ist verwirrt, das ist deutlich zu sehen.
„Vielleicht hat der Junge keine Mutter, die ihm Pausenbrote macht. Und vielleicht ist er ganz nett und hat nur einfach keine Freunde.“
Einige Tage später erzählt mir Lars, dass er einen neuen Freund gewonnen hat. Eben jenen Jungen aus der Nachbarklasse, der wirklich nichts zu essen hat.
Gewalt ist keine Lösung.

Viele Menschen haben ein falsches Bild von Karate. Sie stellen das Wort mit meist schlechten Filmen gleich, in denen sich Bösewichte gleich haufenweise auf die Nase geben. Und genau da liegen sie falsch. Karate ist ein Weg, um zu sich selbst zu finden. Vor allem Kinder können das sehr gut. Sie erschaffen oft mit ihrer Fantasie ganze Welten. Und genau da hakt Karate ein.

Karate gibt vor allem schwachen Menschen die Fähigkeit, gegen scheinbar übermächtige Gegner zu bestehen. Nur muss dieser Gegner kein prügelnder Schurke sein. Auch der Alltag bietet allerlei Herausforderungen, die scheinbar übermächtig sind. Denen kann man kaum mit einem Tritt begegnen, aber mit innerer Stärke und Selbstvertrauen. Und das lehre ich.

Die wahre Meisterschaft eines Sensei liegt nicht darin möglichst viele und komplizierte Kampftechniken zu zeigen. Vielmehr geht es darum Schüler sanft auf die Härte des Lebens vorzubereiten und ihnen Stärke durch innere Harmonie zu vermitteln. Dann gewinnt der Schüler auch seine Kämpfe mit sich selbst. Indem er sie nach Möglichkeit vermeidet.

Meine Kinder sind alle noch sehr jung. Bei ihnen wird der Spaß an der Bewegung überwiegen. Der spielerische Aspekt, die Gürtelfarben. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass sie mit und durch Karate, einen besseren Weg durchs Leben gehen.

Ich, mein Selbst und das ständig

Die meisten Menschen bleiben fremdbestimmt. Und das ihr Leben lang. Mein Weg war immer anders. Aber anpassen kann ich mich auch. Es lernt sich im Klassenzimmer einfach besser, als einsam vor der Tür. Aber das nur nebenbei und als Einstieg in diesen Bericht. Bekanntlich habe ich BWL studiert. Und auch ausgezeichnet abgeschlossen. Nur arbeite ich nicht mehr im BWL-Bereich und hatte es auch nie mehr vor. Aber Dinge ändern sich und ich bin aufgeschlossen.

Auch Yuki hat einen Titel. Aber das Lehramt war kein Ziel. Unser Weg zurück auf die Uni war gut. Und er war richtig. Aber eben nicht auf Dauer. In den letzten Monaten ist in mir klar geworden, dass ich keine weiteren Jahre studieren will. Mein Plan, in einem Verlag, oder als Redakteurin zu arbeiten, war lediglich eine Laune von mir. Ich sehe mich einfach nicht berockt und bestrumpft durchs Großraumbüro stöckeln und den News von vorgestern nachjagen. Eingezwängt ins Korsett von Konventionen und Lügen, wäre das mein geistiger Tod. Außerdem lüge ich sehr schlecht.

Im LGBT-Bereich werde ich auch weiterhin aktiv bleiben, das stand niemals zur Debatte. Vielleicht ergeben sich in Zukunft andere Möglichkeiten, um die Regenbogenflagge weiter hoch zu halten. Das werden wir dann sehen. Ob das weiter in BaWü ist muss sich noch erweisen. Zur Zeit denken wir über einen Umzug nach Düsseldorf nach. Ohnehin sind wir in letzter Zeit ständig dort, was meine Eltern freut. Nur die spaßige Frage nach Enkeln bringt mich in Rage. Aber Yuki lacht nur und alles ist gut.

Es fällt mir leicht Entscheidungen zu treffen und meinen Lebensweg zu sehen. Für Visionen bin ich immer zu haben. Also habe ich analysiert, was ich wirklich kann und will. Ich kann Karate, Aikido, Kendo und nun auch Wing Chun. Im Karate bin ich Meisterin, den Rest lasse ich folgen. Ich bin Feministin und ich stehe für die Rechte von Frauen. Ich beschütze Menschen gern und gebe meine Kunst auch weiter. All das befähigt mich zur Sensei, dem japanischen Wort für Lehrer(in). Und ich kann BWL. Aber das schrieb ich bereits. Mehr davon in Kürze, ihr werdet schon sehen.

Nun kann man von Kampfkunst nicht immer leben. Auch, wenn das Sicherheitsbedürfnis in Deutschland steigt. Meine Familie ist nicht ganz arm. Und Immobilien im In- und Ausland helfen, um das Leben angenehmer zu gestalten. Meinen Eltern sozusagen auf der Tasche liegen, das war nie mein Ding. Aber warum Hunger leiden, wenn es auch anders geht? Finanzielle Sicherheit ist eine tolle Sache. Aber ausnutzen ist anders.

Meine Liebe zu schnellen Autos ist dann noch einmal eine ganz andere Sache. Die habe ich nie in dem Maß ausgelebt, wie Töchter und Söhne reicher Eltern. Mein Mittelklasse Toyota war mir lange Zeit genug. Ich musste nie mit einem Porsche protzen. Yukis Vater ist Automobilist mit Leidenschaft. Ein Manager mit innovativen Ideen. Er hat uns den Einstig in die Arbeitswelt ermöglicht und sehr bedauert, dass wir gehen. Aber wir arbeiten wieder für ihn. Wenn auch so völlig anders, als er das gern hätte. Ähnlich wie mein Vater kann er aber Yuki keinen Wunsch abschlagen. Und die Idee uns als Testfahrerinnen zu verpflichten kam von ihm.

Begegnungen mit Menschen, wie Graf Werner und der pensionierten Lehrerin Brigitte, haben mich berührt. Auch der Krav Maga-Experte von der Polizei, hat mit meiner Entscheidung zu tun. Und natürlich meine Freundin Linda, mit der ich stärker zusammenarbeiten will. Aber nicht als Angestellte. Der Entschluss steht fest, ich werde selbstständig sein. Freiberuflerin mit A-Lizenz und Schwarzem Gürtel. Was will Frau noch mehr? Und zu Graf Werner gibt es auch noch viel zu sagen. Aber davon in einem anderen Artikel mehr. Titel adeln sich.

Für die Uni bedeutet das Goodbye. Kein Powerstudium, keine Klausur. Es war schön. Auf Wiedersehen. Leider bedeutet es auch den bisher größten Einschnitt in meinem Leben, die Trennung von meiner Frau. Natürlich nicht für immer, was habt ihr denn nun gedacht? Der Plan ist einfach: Master und Frau Dr. machen. Und dann steigt sie bei mir ein. Bei ihrer Begabung nur ein Klacks. Mit nun zwei Autos gibt es da kein Problem. Zur Not bin ich immer zur Stelle. Und exmatrikuliert bin ich noch nicht. Aber es werden lange Stunden ohne meine Elfe sein. Also muss ich schneller fahren und höher kicken. Und das kann ich bekanntlich gut. Und auch malen nach Zahlen.

Linda und ich werden Seminare und Kurse in Selbstverteidigung geben. Bevorzugt für Frauen und Mädchen. Aber auch für Mann. Dann aber nur für solche, die keine polizeiliche Vorgeschichte haben. Und das können Manager, oder Polizeibeamte sein. Für meinen Schwiegervater werde ich ebenfalls weiter Autos fahren. Aber das nur nebenbei und zu anderen Konditionen. Aber BWL wird vorerst wieder meine Hauptsache sein. Trocken, präzise und analytisch gut.

Was das für meinen Blog bedeutet, steht auf einem anderen Blatt. Schon eine Weile bin ich dort weniger aktiv vertreten, aber immer noch präsent. Zum Glück kann ich meist von zu Hause aus arbeiten. Und das soll auch so bleiben.