Ich bin dann mal (auf dem) Weg

„Eine Reise von tausend Meilen beginnt unter deinem Fuß.“

Mayumi schreibt: Nach der Reise ist vor der Reise heißt es. Und auf genau diese Reise werde ich nun gehen. Japan, Heimat, ich bin auf dem Weg zu dir! Ich freue mich auf meine JapanerInnen und (m)eine Kultur, die so verschieden von Deutschland ist. In Japan werde ich wieder völlig zur Japanerin.

Noch am Flughafen werde ich mich in (m)einen Kimono zwängen, den Schwarzen Karate Gürtel anlegen und ein Ninja Cape. Bewaffnet mit Katana und meinem unwiderstehlichen Lächeln, verbeuge ich mich mehr schlecht als recht. Und statt rechts zu überholen fährt man in Japan links.

Natürlich werden ich mich durch die Lotterbetten lieben. Sex mit Japanerinnen steht hoch im Kurs! Und ich werde die Yakuza besuchen. Schutzgeld von den Massen, die können es nicht lassen.

Um strahlend schön zu bleiben, wird die Reise auch nach Fukushima gehen. Ein Aufenthalt im Kernreaktor frischt kalte Zellkerne wieder auf! Kurze Pause, harter Schnitt. Der Spaß hat ein Ende. Kommt wer auf die echte Reise mit?

Yuki schreibt: Mayumis Cousin Ken, wird uns seinen SUV leihen. Damit können wir durch Japan reisen. Ja, wir werden viel unterwegs sein. Ein Kurztrip nach Korea, ein Flug nach Shanghai oder Hongkong. Meine Süße berichtet dann.

Wie vor jeder Reise bin ich total aufgeregt! Ich kann nicht anders, alles muss genau geplant sein. Sind wir geimpft, haben wir genug Geld? Mayumi lacht sich kaputt, wenn ich zum Nervenbündel werde und flitzeschnell durch die Wohnung jage. Frech ist sie! Aber so liebe ich sie. Ich liebe auch Japan, das ich immer wieder gern neu entdecke.

Mayumi schreibt: Wege entstehen, wenn Frau sie geht. Wohin genau der Weg uns führt, wird vorerst nicht verraten. Auch wenn Elfchen schon so manches angedeutet hat. Pläne können sich ändern, das habe ich schon immer gewusst.

Fukuoka, die Familie wartet schon. Alle sind gespannt auf Neuigkeiten. Wie ist das Leben in Deutschland, wann werden wir Kinder bei euch sehen? Mit wieder gültigem japanischen Pass können Yuki und ich problemlos in Japan bleiben. Und zur Zeit habe wir große Lust auf diese Idee. Vier Monate Japan, drei Monate USA, die Welt liegt uns zu Füßen.

Ich kann aktuell in Deutschland kein Zeichen setzen. In meinem Freundeskreis ist alles befriedet und Karate kann ich problemlos in Japan machen. Auch als Sensei, um Jugendliche auf die nächsten Olympischen Spiele mit (Sport)Karate vorzubereiten. Na, seid ihr überrascht?

Yuki schreibt: „Solange Vater und Mutter leben, sollst du nicht in die Ferne reisen.“

Nicht nur aus diesem Grund kommen unsere Eltern mit. Auch sie vermissen Japan und freuen sich auf die Familie. Und meine Mutter ist mindestens so nervös wie ich. Aber in Japan trennen sich unsere Wege wieder. Jeder geht seinen eigenen Weg.

Ich mag die Idee länger in Japan zu bleiben. Für immer? Das werden wir dann sehen. Es käme unseren Plänen sehr entgegen. Nur die Homophobie hielt uns bisher davon ab. Aber Japan öffnet sich langsam und das finde ich so richtig gut.

Yuki und Mayumi schreiben: Nach der Reise ist vor der Reise heißt es. Und auf genau diese Reise werden wir nun gehen. Japan, Heimat, wir kommen! Vergesst uns nicht. Auf Wiedersehen!

Kommentare werden erst wieder im September freigeschaltet. Ihr versteht das sicher, dass wir im Urlaub nicht an den Computer gehen.

Das ist Karate!

Was Karate wirklich ist, habe ich bereits mehrfach geschrieben. Aber noch immer verstehen viele diese Kunst gern falsch. Also ergänze ich meinen letzten Artikel und möchte Ōyama Masutatsu, den Begründer des Kyokushin-Karate, zitieren. Der Fokus liegt dabei heute auf der körperlichen Seite. Warum erkläre ich noch.

„Karate ist kein Spiel. Es ist kein Sport. Es ist nicht einmal eine Technik der Selbstverteidigung. Karate ist zur Hälfte eine körperliche, zur anderen Hälfte eine spirituelle Disziplin.“

So ganz einverstanden bin ich mit dem großen Meister nicht. Man kann das auch durchaus anders sehen. Karate war und ist durchaus Selbstverteidigung für mich. Dieben meinen Geldbeutel zu überlassen, um sie nicht zu verletzen, käme mir niemals in den Sinn. Wer mir, bildlich gesprochen, an die Wäsche will, hat ein Problem.

„Karate hat eine nicht zu leugnende mystische Qualität. Doch all dies ist das Ergebnis von Durchhaltevermögen und Training. Es ist offen zugänglich und hat nichts mit geheimen esoterischen Schriften zu tun, die manche Karateschulen angeblich besitzen. Selbst wenn solche Bücher existieren, sind sie keine praktischen Erklärungen für die Methoden und Techniken des Karate, sondern abstrakte Erklärungen der geistigen Haltung.“

Ōyama Masutatsu hat recht, es gibt keine geheimen Techniken und keine Super Karateka, die allein mit Blicken einen Vorteil für sich verbuchen. Aber im modernen (Sport)Karate werden all jene Techniken nicht mehr gelehrt, die nach Meinung einiger Meister, eine zu große Verletzungsgefahr bei Wettkämpfen darstellten.

Was aber nicht gelehrt wird, gerät schnell in Vergessenheit. Und plötzlich ist Karate pflegeleicht und seine Schüler taumeln gebückt durchs ganze Leben, statt aufrecht und mit Stolz zu gehen. Mein Vater hat mich traditionelles Karate gelehrt. In all seiner Konsequenz. Das ist ein Grund warum ich Kämpfe gewinne und andere sie verlieren. Was auch für das normale Leben gilt.

„Die Kampfkünste wurden erdacht um Siege zu fördern, daher erfordern sie Rivalität. Doch gleich wie stark der Rivale auch ist, der Gerechte wird immer siegen. Davon bin ich überzeugt. Demzufoge muß Karate eine gerechte Kunst sein. Menschliche Wesen, die diesen Namen auch verdienen, sollten gewillt sein, Gemeinheit durch Gerechtigkeit zu bekämpfen, und dies bis zum Tode, falls es nötig sein sollte.

Ohne diesen Willen, in dieser Weise für die Gerechtigkeit einzustehen, was wäre das Leben noch wert? Die höchsten Dinge, die man aus einem Kampf auf der Grenzlinie zum Tod erfahren kann, sind Gerechtigkeit, Höflichkeit und der WEG. Und das Erreichen dieser drei Dinge bedeutet einen gewissen Sieg. Im Vergleich dazu sind Ruhm und Geld ohne Bedeutung.“

Karate kann zu mehr Gerechtigkeit führen. Davon bin auch ich fest überzeugt. Dabei ist es egal ob ich einen kleinen Jungen oder einen alten Mann vor Schlägern rette. Das Ergebnis ist es, das letztlich zählt. Auch der Sieg über mich selbst, wenn ich lächelnd vor einem Provokateur stehe und sein verbaler Angriff verpufft.

Ōyama Masutatsu war eigentlich Koreaner. Aber das ist nur Nebensache. Und er hat Karate auch nicht revolutioniert. So wenig wie Gichin Funakoshi, der Begründer des modernen Karate, dem Shotokan. Traditionelles Karate ist anders. Gelernt hatten sie es beide. Im Ansatz zumindest. Aber dann nur noch den eigenen Stil praktiziert.

Beide, Kyokushin-Karate und Shotokan sind durchaus gut. Mir sind sie zu einseitig, zu sehr vom eigentlichen Ursprung entfernt. Mein Karate war stets anders. Schon als Kind habe ich gern und oft improvisiert. Instinktiv. Gelernt habe ich andere Techniken erst viel später.

Es ist schwierig bis unmöglich, den geistigen Aspekt im Karate mit Worten abzubilden. Dazu ist (m)ein Blog denkbar ungeeignet. Karate und Zen-Buddhismus sind ein Team. Und das ist absolut kein Widerspruch. Es ist der japanische Weg, der im Westen kaum verstanden wird.

Aber ich kann die absolute Kompromisslosigkeit aufzeigen, wenn es im alten, traditionellen Karate darum ging, einen Angriff abzuwehren. Die Formel lautet krass ausgedrückt: Wer einen Karateka attackierte, war ganz schnell besiegt. Und das ist noch heute so, wenn jemand echtes Karate kann. Wobei besiegt nicht unbedingt wörtlich zu verstehen ist. Man kann mit Karate auch richtige Kämpfe vermeiden.

Und genau das ist der Unterschied zwischen Kampfkunst und -sport. Kickboxer, um das System einfach zu benennen, machen nur noch Spaß. Sie tänzeln, sie prahlen und feuern irgendwelche Tritte und Haken ab. Um im Wettkampf Punkte zu bekommen, was ihnen bei einem echten Angriff kaum hilft.

Schnell macht sich Verwirrung breit, wenn ich die Unterschiede im Dojo lehre. „Aber Sensei“, höre ich dann, „das verstehen wir nicht! Es heißt doch im Karate gibt es keinen Erstangriff.“

Nun hat das wieder Gichin Funakoshi gesagt und hat damit durchaus recht. Aber seine Verwässerung des Karate, der daraus entstandene Wettkampfstil, hat mit zum heutigen Problem geführt. „Funakoshi ist nicht in der Lage, etwas anderes als Gymnastik zu unterrichten“, hat Ōyama Masutatsu gesagt und damit den Nerv getroffen, an dem Karate noch immer krankt.

Aber hat er recht? Ja und nein. Shotokan ist ein durchaus guter Stil und richtig erlernt bis ins hohe Alter ausführbar. Aber das gilt für alle Karate Arten, wie diverse Meister noch immer zeigen. Trotzdem halte ich die Okinawa Stile für besser, wenn es um Traditionen geht. Und um mit einer Legende aufzuräumen, auch im Karate gibt es Hebel und Würfe. Wie im traditionellen chinesischen Wushu (Kung Fu).

Das Wissen um die Gesamtheit von Karate muss zwingend erhalten bleiben. Es geht dabei weniger darum wie man jemand töten kann. Wer das nur denkt, hat nichts verstanden und gehört vermutlich in die Psychiatrie.

Ich habe lange gesucht und ein Video gefunden, dass sich „This is Karate!“ nennt. Zwar wird dort der Shōrin-Ryū Stil gezeigt, aber der „Aha-Effekt“ sollte vorhanden sein. Den beiden Sensei geht es wie meinem Vater und mir darum, das echte Karate zu erhalten. Hauen kann jeder. Richtiges Karate nur wenige.

Sie zeigen einen Stil, den viele Thai- und Kickboxer, sowie die koreanischen Taekwon-Do Schüler, noch nie gesehen haben. Die wären alle ziemlich überrascht, wenn es zu einer Auseinadersetzung käme. „Kannst du das alles?“, höre ich die Frage und muss lächeln. Ja und noch eine ganze Menge mehr.

Ich finde die beiden Sensei gut und authentisch. Daher teile ich gern ihr Video. Und nun viel Spaß beim schauen:

Der Schlangenbiss

Der Schüler eines großen Samurai ging nach dem Training nach Hause. Es war schon spät und der Junge müde. Also beschloss er, die Abkürzung durch den Wald zu gehen. Seine kleine Laterne spendete nur wenig Licht. Bevor er sich versah trat er auf eine Schlange, die ihn prompt biss.

Voller Panik lief der Schüler zu seinem Meister zurück. „Hilf mir, Sensei“, rief er schon von draußen, „eine Schlange hat mich im Wald gebissen!“ Der Samurai sah sich die Wunde an, die zwar schmerzhaft, aber harmlos war. Keine Spur von Gift.

Er behandelte seinen Schüler und gab ihm Medizin. Sofort fühlte der Junge sich besser. Aber die Angst blieb. „Sensei“, bat er, „kannst du mich nicht nach Hause bringen? Ich habe Angst, dass mich die Schlange wieder beißt.“

Der Samurai ging in die Küche und kochte Tee, den er in aller Seelenruhe trank. Als die Tasse leer war sah er seinen Schüler lange an. „Es gibt immer mehrere Wege, die uns ans Ziel führen“, sagte er. Ist es weise in der Finsternis durch den Wald zu gehen?“

Der Schüler schämte sich, als er die Worte hörte und ging den längeren Weg nach Hause. Dort gab es Fackeln und in vielen Häusern brannte noch Licht. Freudestrahlend kam er am nächsten Tag zum Training. „Danke, Sensei“, sagte er und verbeugte sich. „Du hast mein Leben gerettet.“

Aber nach dem Training kam seine Angst zurück und als die anderen Schüler gegangen waren, bat er den Samurai erneut um Rat. „Sensei“, sagte er, „was mache ich, wenn ich noch einmal einer Schlange begegne und die vielleicht giftig ist?“

„Wenn du ihr nicht aus dem Weg gehen kannst“, erwiderte der Samurai, „schlägst du ihr ohne zu zögern den Kopf ab. Aber entscheiden musst du, was besser für dich ist.“

Der Mann, der kein Karate konnte

Lügner und Betrüger hat es schon immer auf der Welt gegeben. Wenn Menschen einen Vorteil wittern, schlagen sie hemmungslos zu. Sinnbildlich versteht sich. Einige auch mit brutaler Gewalt. Aber um Gewalt geht es in diesem Artikel nicht. Auch, wenn sie Teil unseres Lebens ist.

Im Karate gibt es Gürtel, die den Leistungsstand repräsentieren. Schwarz trägt nur der Meister, der bis zum 5. Dan selbst Schüler ist. Schwarz trägt auch ein neuer Schüler, der seit 10 Jahren Meister ist. Sagt er und legt eine Urkunde aus Malaysia vor, die niemand entziffern kann. Gleichzeitig aber auch ein Attest vom Arzt. Bandscheibe kaputt, das tut weh!

Angeblich ist der Mann in Hongkong geboren. Aber Kantonesisch spricht er nicht. Er ist Brite mit deutschem Pass und deutscher Mutter. „James heiße ich“, sagt er locker, „aber ihr könnt mich gern Jimmy nennen. So wie mein großes Vorbild, Jimmy Wang Yu.“

Die wenigsten meiner LeserInnen dürften diesen Namen kennen. Aber Wang Yu, war wirklich einst „Der Mann aus Hongkong.“ Er war auch „Der einarmige Schwerkämpfer“ und hat eine Menge Martial Arts-Filme gedreht. Alle auf seine eigene Art. Ich habe niemals einen schlechteren Martial Artist gesehen. Der Mann konnte nichts, das aber richtig gut.

Wang Yu’s Stärke war sein Charisma. Aber wer ihn ungelenk durch alte Filme hopsen sieht, wird meist laut lachen. Wang Yu konnte weder Karate, noch irgend eine Form des Kung Fu. Nur sein Schwertkampf war passabel. Offenbar hat er darin einst Unterricht gehabt. Der Rest war Straßenkampf und einstudierte Schläge.

Der Sensei akzeptiert Jimmy, aber der steht meist im Hintergrund. So gut wie nie nimmt er richtig am Unterricht teil, spart aber nicht mit klugen Sprüchen. Ich bin damals 19 Jahre alt. Es war meine wilde Zeit. Und doch war ich bereits gut darin Betrüger zu entlarven. Wie Jimmy, der nur ein Schauspieler ist.

Meine Chance kommt nach einigen Wochen, als ich den Sensei wegen Verspätung vertreten darf. Wie immer sitzt Jimmy im hintersten Winkel und feuert die anderen Schüler an. Als ich ihn bitte mir zu assistieren, wird er unruhig und will plötzlich gehen. „Ich habe noch einen Termin“, murmelt er. Was nach 20 Uhr am Abend kaum vorstellbar ist.

„Ich brauche doch nur 5 Minuten“, sage ich lächelnd. „Du würdest mir mit deiner großen Erfahrung sehr helfen.“ Jimmy wird bleich, Schweiß tritt auf seine Stirn. Ich habe ihn und er weiß das ganz genau. „Wenn du uns die Sesan-Kata zeigen könntest, ich werde dann dazu etwas erklären.“

„Ja, aber meine Bandscheibe“, protestiert Jimmy schwach. „Ich weiß nicht, ob mein armes Kreuz hält.“ Ungerührt blicke ich den erbärmlichen Lügner an. Dann trete ich blitzschnell zu. Jimmy macht keinen Versuch auszuweichen, er hat den Kick nicht kommen sehen. Keinem Meister wäre das passiert. Das wars mein Junge, du bist blamiert.

Jimmy sitzt verdattert auf dem Hosenboden und meine Schüler sind fassungslos. Unruhe macht sicht breit. Wütende Rufe, der Zorn regiert. „Zieh diesen Gürtel sofort aus“, sage ich bestimmt. „Du bist nur ein Lügenmeister.“ Unser Sensei rettet die Situation und erspart dem Entlarvten weitere Schmerzen. Körperlich. Sein kleines Ego leidet schwer.

Mit knappen Worten informiere ich den Sensei und er nickt. „Meine Schuld“, sagt er zerknirscht. „Ich habe so etwas schon geahnt und wollte es nur nicht sehen. Aber du leitest heute das Training. Entscheide du.“ Ich nicke und gehe drohend auf Jimmy zu. „Warum“, will ich wissen, „was soll dieses Theater?“

Jimmy geht auf die Knie und verbeugt sich immer wieder. Er stottert, versucht sich zu erklären. Unwirsch nehme ich den Gürtel aus seiner Hand. „Ich … ich habe Karate immer geliebt“, flüstert der Lügner. „Ich wollte doch nur so so sein wie Wang Yu!“ „Ein Mann, der kein Karate konnte“, erwidere ich kalt. „Bravo, das hast du geschafft.“

Abenteuer Japan – Teil 6: Okinawa-Te

Japan ist ein Land voller Mythen und Legenden. Durch Jahrhunderte der Abschottung, hat sich eine einzigartige Kultur entwickelt. Der Rest der Welt steht Japan gespalten gegenüber. Anime und Manga lieben alle. Auch, das aus Japan stammende Karate. An dieser Stelle dann ein harter Schnitt, denn die Wurzeln des Karate liegen anderswo.

Wir sind zuück aus Shanghai. Wieder ist Fukuoka nur Zwischenstation. Die Reise geht weiter nach Okinawa. Dem Ort, an dem man wirklich Karate erfunden hat. Der Legende nach haben Shaolin-Mönche Kung Fu nach Okinawa gebracht. Dort soll sich ihre Kunst mit einheimischen Praktiken vermischt haben und die Urform des Karate war geboren, das „Te.“

In vielen (amerikanischen) Filmen, wird Karate brutal und als Angriff an die Zuschauer gebracht. Hollywood lässt grüßen. Mit dem wahren Geist, hat das wenig zu tun. Und der weht noch immer in Okinawa. Zwei Stunden dauert der Flug von Fukuoka. Mit dem Mietwagen geht es weiter ins Hotel. Davor lagen Mails und Telefonate, die unseren Besuch erst möglich machten.

Aber was unterscheidet Karate in Okinawa vom Rest der Welt? Ist es wirklich so viel anders? Mein Vater ist Meister im Gōjū-Ryū-Karate, dem harten und weichen Stil. Dessen Ursprünge liegen klar im „Weißen Kranich Kung Fu.“ Wir kennen die klebenden Hände, die auch im Wing Chun zun Alltag gehören. Und wir nutzen, Hebel, Würfe und Bodenkampf, wie im Aikijujutsu.

Der elementare Unterschied von Okinawa-Te (Okinawa-Karate) zu anderen Stilen sind die durchgehend defensiven Techniken. Das klingt zwar gut, stellt aber so manchen Schüler vor Probleme. Weniger wegen der Schierigkeit, aber diese Art des Karate ist für Männer gemacht.

Es wäre wenig klug für eine Frau, den harten Okinawa-Stil zu lernen. Die Philosophie von Block und Konter, ist nicht meine Welt. Ich kann als Frau keinen Schlag eines Muskel-Hünen (hart!) blocken und auf Unversehrtheit meiner Unterarme hoffen. Aber ich kann seine Kraft gegen ihn nutzen. Weich und effektiv.

Ein Dojo in Okinawa ist das „Heim“ des Meisters. Er ist hier Vater, Lehrer und ihm gebührt Respekt. Als wir das Dojo betreten und mit Herrn Tetsuhiro (Name geändert) sprechen, überreiche ich einen kleinen Obulus im Briefumschlag, den er natürlich erst viel später öffnet. Es geht um Respekt, der Meister will kein Geld.

Ich kenne mich und meinen rebellischen Geist. Daher habe ich bewusst nach einem Sensei gesucht, der die alte Okinawa-Schule lehrt. Davon, Schienbeine, Unterarme, Genitalien abzuhärten, hält der Sensei wenig. Noch weniger von Bruchtests. Wie mein Vater ist er der Meinung, ein Brett schlage nicht zurück. Was ich unterschreibe.

Wer nun glaubt ich könne keine Ziegel, oder Bretter zerschlagen, der irrt. Aber muss ich es auch machen? Herr Tetsuhiro lehrt einen Stil, der vor einigen hundert Jahren Standard war. Wozu hohe Tritte, fragt er in die Runde. Der Stand werde davon instabil. Angesprochen sind dabei westliche Gäste, die aus dem Kickboxen und Sport-Karate kommen.

Die Hälfte seiner Schüler sind Europäer und Amerikaner. Und alle sind auf der Suche, wie ein lustiger Mexikaner später berichtet. Der Mann ist weit über 60 und seit 40 Jahren in Karate aktiv. Aber in Okinawa war er noch nie. Er habe hier mehr über sich und den Sport gelernt, sagt er, als in all den vergangenen Jahren.

Yuki ist skeptisch. Sie hat Videos vom Okinawa-Karate gesehen und wie hart Mann dort trainiert. Ich kann sie beruhigen. In diesem Dojo zumindest wird nicht geprügelt. Herr Tetsuhiro hat nur eine Frau als Schülerin. Und das ist seine eigene Tochter Hiromi. Sie soll und wird das Dojo später leiten. Und sie ist wirklich gut!

Mit Interesse schaut der Sensei auf meinen 3. Dan. Er will eine Kata von uns sehen und nickt am Ende. Wir sind willkommen. Let the Games begin! Wir trainieren überwiegend mit Hiromi, die sich gern um uns kümmert. Aber sie hat Respekt vor mir, der immer größer wird.

Der Grund ist die rasende Geschwindigkeit, mit der ich die Techniken adaptiere. Vieles kenne ich. Bei einigen Sachen bin ich skeptisch. Gegen westliche Boxer werden die nicht funktionieren. Da ist mein Stil dann effektiver. Aber ich bin hier nur Gast.

Wir bleiben 5 Tage und haben Spaß. Kein Stress, kein böses Wort. Nur Gleichgesinnte, die alle freundlich sind. Am letzten Tag will der Sensei uns testen. Er bittet seinen Sempai (ältester Schüler) das Kumite zu übernehmen. Unter den kritischen Blicken des Sensei fangen wir an. Werden Frauenhände wieder siegen?

Ich kann diesen Kampf nicht gewinnen, wenn ich nach den Regeln meines Kontrahenten gehe. Der wartet ab und überlässt mir den ersten Schlag. Aber ich bin lange genug im Karate, um alle Tricks zu kennen. Auch, dass man ein Duell mental gewinnen kann. Also mache ich so lange nichts, bis der Sensei nickt. „Gut“, sagt er. „Du hast verstanden.“

Was er meinte war, dass Karate niemals als Angriff genutzt werden soll. Er erlaubt aber doch, dass ich meine Kunst zeige. Mit Yuki. Elfchen schnauft gespielt empört und flüstert „Immer ich.“ Aber sie spielt mit und darf mich auch zu Boden werfen. Und dabei hat sie Spaß.

Spaß hatte ich auch, als ich diese Artikel schrieb. Vielleicht sind sie anders ausgefallen, als manche LeserInnen erwartet hatten. Aber es ist schwierig Japans Kultur in reinen Worten zu vermitteln. Wer mehr erleben will, der sollte Land und Leute vor Ort kennenlenen. Japan, ist immer eine Reise wert.

Abenteuer Japan – Teil 1: Der Tokio Deal

Wenn Menschen Urlaub machen, packen sie gern Sonnencreme und Bikinis ein. Wir reisen anders. In Tokio selbst gibt es keinen Strand. Bei der Tante sind wir nur 2 Tage, dann geht die Reise weiter. Per Flugzeug versteht sich. Mit dem Auto sind 1.000 Kilometer viel zu weit.

Der Grund? Neugier, aber auch Business. Ich vertrete meinen Vater bei einer Transaktion, die uns ein gutes Einkommen bringt. Überhaupt hat er mir Vollmacht für seine Geschäfte übertragen. „Ich ziehe mich davon zurück“, erklärt er mir. „Du wirst Oberhaupt der Familie werden. Ich nur ein Sensei und so ist es gut.“

Schon allein dieser Satz sorgt für einen Lachanfall bei mir. Humor made by Papa. Selbst meine Mama schmunzelt. Meine Eltern werden länger in Japan bleiben. Sogar an eine völlige Rückkehr wird gedacht. Aber Deutschland ohne meinen Vater? Das kann nur daneben sein.

Von den Flügen gibt es wenig zu berichten. Stewards und Stewardessen waren vor mir sicher. Ich war so brav, wie Yuki neben mir. Tokio ist toll, es ist mein zweiter Besuch in dieser Stadt. Quirliges Leben und JapanerInnen satt. Wenige Touristen stechen aus der Menge hervor. Wir tauchen ein und schwimmen mit. Kann man als Japanerin eine Fremde sein?

Ein Taxi bringt uns zur Nobeladresse. Nun wird es ernst. Leben, wie ich es mag. Yuki ist aufgeregt. Sie spielt die Assistentin. Chic im sündhaft teuren Kleid, der Hosenanzug steht mir besser. Ein älterer Herr erwartet uns. Umgeben von einem halben Dutzend Typen. Anwälte, Schleimer, ein Bodyguard.

Mein Vater hat mich vor Herrn Haruno (Name geändert) gewarnt. „Er ist ein Schlitzohr, das zu handeln versteht“, hat er gesagt. Aber (ver)handeln kann ich gut, das liegt in meinen Genen. Und ich kann sehr überzeugend sein.

Förmlichkeiten und Etikette bestimmen das Treffen. Es wird Tee gereicht und vom Wetter gesprochen. Nur ernst nimmt mich der alte Knabe nicht. Sein Fehler. Malen nach Zahlen kann ich besser. Sein Angebot ist versuchter Raub. Prompt erhöhe ich die Summe.

Ich schockiere die Runde mit der Zahl, eisiges Schweigen folgt als Antwort darauf. Verwirrt blättern die Männer in den Papieren. Das Biest hat (k)eine falsche Zahl genannt. Wir feilschen wie Pferdehändler auf dem Markt im Mittelalter. Es macht mir Spaß die Typen vorzuführen.

Yuki ist sehr still, sie fühlt sich unwohl in der Runde. Ich trumpfe auf und werde immer besser. Das ist mein Spiel, BWL gemixt mit Persönlichkeit. Aber der graue Mann will eigensinnig bleiben. Kalte Augen mustern mich. Eine Spur von Wut kann ich in darin lesen. Er beherrscht sich, aber auch das kann ich gut.

„Vielleicht rede ich doch besser mit Ihrem Vater“, sagt er und fixiert mich dabei. „Von Mann zu Mann spricht es sich viel besser.“ Die Beleidigung prallt an mir ab, ich schenke dem Rüpel ein zuckersüßes Lächeln. Das verwirrt jeden Mann.

„Ich werde ihm berichten“, sage ich und stehe auf. „Genießen Sie den Tag.“ Meine Worte sitzen, die Botschaft ist angekommen. Ich nicke Yuki zu und langsam gehen wir zur Tür. Taktik, wie ich sie liebe. Auf halbem weg erreicht mich eine Stimme. „So warten Sie doch!“, holen mich Worte zurück. Ein Anwalt wedelt mit Papieren. „Wir akzeptieren!“

Ich unterzeichne. Alles ist gut, der Deal ein Erfolg. „Sie sind die Tochter Ihres Vaters“, gibt mir Herr Haruno zum Abschied mit. Und das bin ich, sonnenklar. Kopfschüttelnd und lachend hängt Yuki in meinem Arm, als wir wieder durch die Straßen gehen. „Wie hast du das nur gemacht?“, will sie wissen. „Ich dachte die fressen uns jeden Moment!“

„Na ja“, erwidere ich. „Niemand, der weiter Geschäfte machen will, mag Ärger mit meinem Papa haben. Auch ein Herr Haruno nicht. Das habe ich ihm zu verstehen gegeben. Er hätte viel Geld verloren, wenn er heute nicht unterzeichnet hätte. Das wusste er und doch hat er den Preis zu drücken versucht.“

„Ich bin dafür, dass du mich jetzt drückst“, sagt Elfchen frech und gibt mir einen Kuss. „Damit unser Urlaub ein echtes Abenteuer wird.“ Und genau das habe ich gemacht.

Der Rest des Artikels ist mein Posting vom Montag. Auf Details verzichte ich. Im zweiten Teil geht es ans Meer. Oben ohne versteht sich … im Cabriolet. Was habt ihr denn nun gedacht?

Mayumi Sensei

Manche Pläne sind die Gedanken nicht wert, die man daran verschwendet. Ich denke immer weiter, logisch und struk­tu­rie­rt. Emotionen, die haben doch nur die anderen. Mayumi Sensei aber nicht. Und mit diesen Worten komme ich zum Punkt und lehne die vermutlich lukrativste Offerte in meinem bisherigen Leben ab. – KLICK MICH –

Was ist geschehen, werden sich nun vielleicht meine LeserInnen fragen. Ist die olle Japanerin komplett verrückt? Ich kann euch beruhigen, nie ging es mir besser. Und daran ist auch wie immer meine Elfe schuld. Im positiven Sinn natürlich. Auch dafür liebe ich sie.

Ich bin immer meinen Weg gegangen. Unangepasst und als Kämpferin für die Rechte von Frau. Das ist mein Ding, da will ich hin. BWL war stets Sicherheit für mich. Nur ein Titel im Sam­mel­su­ri­um des Lebens. Aber soll das schon alles sein?

In meinem Kopf erscheinen die starken Frauen dieser Welt. Und auch ein Mann ist mit dabei. (Yoko) Okamoto Sensei und (Christian) Tissier Sensei möchte ich gern treffen. Die beiden lehren wahre Aikido-Kunst. Bewusst wähle ich die japanische Schreibweise von (Vor)Namen und Titel für diesen Blog. Traditionen sind ebenso wichtig, wie der Blick über den berühmten Tellerrand.

Graf Werner ist enttäuscht, als ich ihm die Absage gebe.
„Überlegen Sie es sich noch einmal“, bittet er.
Aber ich gehöre in kein Büro. Mein Büro, das wird (m)ein Dojo sein. Das ist fest beschlossen. Die nüchterne Frau Dr. Landar wird bald gehen. Mayumi Sensei aber bleibt. Ich werde Mädchen und Frauen meine Kunst vermitteln. Das wollte ich immer schon.

Mein Papa strahlt auf seine Art, als ich ihm davon berichte.
„Kleine Kriegerin“, sagt er leise und macht mich damit stolz.
Klein meint er nicht böse, es ist nur sein Kosewort.

Yuki und ich werden unser Leben leben. Anders und wenig angepasst. Mit unseren Kindern, die noch geboren werden. Beschlossen von uns und verkündet nun von mir. Im feinen Zwirn im Büro? Da sitzen nur die anderen. Mayumi Sensei lehrt.

 

Titel, Thesen, Temperamente

Immer wieder treffe ich auf Menschen, die sich „Experten“ nennen und ihre Kunst als Maß aller Dinge sehen. So wieder vor einigen Tagen geschehen. Ich darf kurz Handlung und Personen benennen, bevor es zum Showdown kommt. Der Ort ist das Aikido-Dojo. Die Beteiligten sind ein Jiu-Jitsu Sensei und ich.

Was nun hat das Eine mit dem Anderen zu tun, werden sich viele LeserInnen fragen. Alles! Unser Aikido-Sensei schaut oft und gern über den Tellerrand seiner Kunst. So hatten wir bereits mehrfach Judoka zu Gast und auch mit Ringern haben wir trainiert. Das bringt Vorteile für alle Beteiligten und macht einen Riesenspaß. Vor allem mir, wenn ich Männer werfen darf. Aber das habt ihr bestimmt gewusst.

Menschen schmücken sich gern mit Titeln, das ist nicht nur bei der Kampfkunst so. Menschen verneigen sich auch oft vor Titeln und nennen das Respekt. Aber was genau ist Respekt und hat ihn jeder „Meister“ auch verdient? Von mir kommt an dieser Stelle ein klares NEIN! Und das hat (s)einen Grund.

Mein Vater ist ein wahrer (Groß)Meister seiner Kunst und hat das über die Jahrzehnte bewiesen. Nicht immer auf die reine Physis bezogen, auch intellektuell ist er ein As. Er weiß viel mehr über Buddha, Zen und Karate, als meine Wenigkeit. Respekt verdient er nicht nur weil er mein Vater und Sensei ist. Es ist seine außergewöhnliche Persönlichkeit, die ihn zum (Groß)Meister macht.

Dem gegenüber stehen nun jene selbstgestrickten Experten, die Ahnungslosen ihr System verkaufen wollen. Ja, verkaufen! Denn bei Selbstverteidigungskursen geht es viel zu oft nur um sehr viel Geld. Ganz gezielt spreche ich dabei die tolle EWTO (Europäische Wing-Tsun-Organisation) mit ihrem adeligen „Großmeister“ an, die kein Wing Chun lehrt sondern Mist. Oder Leute, die ein „System without System“ lehren, das dann doch nur auf alten Hüten basiert.

„Ihr Budoromantiker habt doch alle keine Ahnung“, hat mir ein Selbstgestrickter offenbart. „Niemand lässt im Straßenkampf Bein, oder Arm stehen, so dass ihr eure Techniken zeigen könnt! Im Gegenteil greife ich hochaggressiv an und keine eurer Sachen funktioniert.“

Er durfte mir dann zeigen, was er meinte, ist aber prompt auf dem Hintern gelandet. Mehrfach. Dumm halt, wenn man(n) überheblich ist und seine Zeit im Solarium, oder der Disco verbringt. Echtes Training schaut anders aus. Aber das wissen die meisten Leute nicht und zahlen Pseudo-Experten viel Geld.

Zurück zum Dojo und zu Jochen, dem Experten. Er hat klassisches Jiu-Jitsu gelernt und zeigt Würfe, die ich alle kenne. Mein Aiki-jūjutsu ist mit dem Jiu-Jitsu verwandt.
Kurz zur Erklärung für Nicht-Kampfkünstler: Das heutige Aikido ging aus dem Aiki-jūjutsu hervor. Im normalen Aikido gibt es keine Angriffe, weder Schläge noch Kicks. Im Aiki-jūjutsu-Stil hebeln wir nicht nur aus, wir lassen auch Aktionen folgen. Ich beherrsche beide Arten und habe den 1. Dan. Aiki-jūjutsu ist (für mich) die perfekte Ergänzug zu Gōjū-Ryū Karate. Aber manche Titel sind nichts wert, wie die nächsten Minuten klar beweisen.

Und es kommt nun keine Prügelei. Auch ein Biest hat andere Methoden.
Jochen erzählt von seinem Werdegang, wie und wo er Jiu-Jitsu lernte. Turniere hat er gewonnen und Pokale. Und eine Menge Schüler in der Stadt. Die Aufzählung seiner Erfolge will nicht enden, peinlich berührt schaut mich unser Sensei an. Ist das die Bitte um Hilfe?
„Entschuldigung, wenn ich unterbreche“, sage ich ungewohnt höflich. „Aber darf ich eine Frage stellen?“
„Nur zu!“, ermuntert mich Jochen und stellt sich in Pose.
Und fast wird mir wieder schlecht.
„Welche Erfahrung hast du im Straßenkampf?“, will ich wissen. „Im Clinch Mann gegen Mann.“
Es folgt das Schweigen, das jeder Peinlichkeit voranschreiten wird.

„Ähm … also die Straße ist jetzt nicht so mein Revier“, erwidert Jochen mit gequältem Lächeln. „Das ist auch völlig irrelevant für den heutigen Kurs …“
„Da bin ich anderer Meinung“, unterbreche ich. „Die sportliche Seite von Jiu-Jitsu ist mir bekannt. Ich habe mir so ziemlich alle Kampfsportarten angeschaut und kenne auch die Schwächen. Auf der Straße gelten andere Gesetze. Da gibt es keine Regeln.“
Jochen beißt sich auf die Unterlippe, sichtbares Zeichen seiner Nervosität. Ich habe den wunden Punkt des Mannes getroffen. Er ist reiner Sportler, der vom Straßenkampf keine Ahnung hat. Und das macht ihn untauglich als Lehrer.
Nicht jeder hat mein Talent.

Ich lasse Jochen weiter reden, aber mein Widerwille wächst. Er verkauft sein Jiu-Jitsu als Maß aller Dinge und dass man damit so gut wie unschlagbar ist.
„Jiu-Jitsu ist jedem anderen System überlegen“, erklärt Jochen überzeugt. „Meine Hebel funktionieren besser. Andere rollen die Leute doch nur ab. Und 95 Prozeent aller Kämpfe enden auf dem Boden! Heute muss man also zwigend Jiu-Jitsu können!“
„Einspruch!“, sage ich und fühle mich fast als Advocatus Diaboli.
„Die angesprochenen 95 Prozent Bodenkampf sind lediglich eine Erfindung. Wenn überhaupt, so mögen sie für den sportlichen Wettkampf gelten. Du zeigst mir nun bitte den Straßenkämpfer, der dich auf hartem Asphalt zu Boden zieht. Das wäre Dummheit pur, er würde sich ebenfalls verletzen.“
Meine Wahrheit, deine Wahrheit.

Jochen schüttelt energisch den Kopf und bläst zum Marsch nach vorn. Er argumentiert und demonstriert. In meinen Augen ohne Sinn.
„Weißt du lieber Sensei“, sage ich, „woran es bei der Selbstverteidigung mangelt, sind für diesen Bereich ausgebildete Fachleute. Schau dir als Beispiel Krav Maga an. Das kommt der Realität sehr nahe. Zwar bin ich auch nicht mit allem dort einverstanden, aber die Mädels und Jungs haben was drauf! Jiu-Jitsu, wie wir es heute kennen, ist für den reinen sportlichen Wettkampf gemacht. Besonders deutlich wird das beim brasilianischen Stil. Die machen dort keine Kicks. Selbstverteidigung ist erst einmal Konfliktvermeidungsstrategien zu lernen. Wie verhalte ich mich wo. Vor allem geht es darum den Leuten zu zeigen, wie sie sich mit einfachsten Mitteln wehren können. Und da sind Leute von der Straße prädestiniert. Reine Wettkämpfer völlig fehl am Platz.“
Nach Punkten führe ich. Kommt nun der Konter?

Jochen bleibt vage und ist völlig auf die sportliche Seite von Jiu-Jitsu fixiert. Ich erkenne aber an, dass er etwas von seinem Fach versteht. Nur in realer Selbstverteidigung ist er eine reine Niete. Und das sage ich ihm ins Gesicht.
„Viele Techniken, die von sogenannten Experten gelehrt werden, sind unrealistisch. Ich gehe noch weiter und sage, dass es purer Selbstmord wäre, die auf der Straße anzuwenden. Als Frau deeskaliere ich, rufe um Hilfe und laufe wenn möglich weg. Nur im Notfall wehre ich mich gezielt. Dann durchaus härter. Vermutlich steht meine Unversehrtheit auf dem Spiel. Trainer ohne praktische Erfahrung nehme ich nicht ernst. Im Gegensatz dazu habe ich die und kannn mich auf der Straße wehren. Du gehst dort mit Sicherheit unter.“
Was ich beweisen kann. Aber Jochen kneift.

„Vielleicht magst du dir einen anderen Gesprächspartner suchen“, füge ich milde gestimmt hinzu. „Ich bin auf keinen Fall die Richtige für dich.“
Das ist und bleibt Yuki. Mit dem Titel Elfe und ihrem sanftem Temperament hat sie mindestens den 10. Dan. Und das ist keine These.

Die kleine Schwester

„Ich mache dich kaputt!“
Mit jedem Wort traf auch ein Schlag den Kopf des Mannes, der bereits hilflos am Boden lag.
Die Männer lachten, sie hatten ihr Opfer gefunden.
Plötzlich Stimmen, schnelle Schritte. „Stehenbleiben, Polizei!“
In letzter Sekunde konnte der Notarzt den Verletzten retten. Sein Herz stand bereits still.
Aber manche Menschen werden von Engeln beschützt.

Das Surren des Handys riss Hiko aus dem Schlaf. Nur mühsam fand sie in die Realität zurück.
„Mama“, stand auf dem Display und Hiko lächelte. Aber dies war kein Tag für Fröhlichkeit.
„Yoshi liegt im Krankenhaus“, hörte sie ihre Mutter leise sagen. „Böse Menschen haben ihn fast umgebracht.“
Hiko schloss kurz die Augen. Der Schock saß tief, dann kam die Kälte.
„Ich bin auf dem Weg“, sagte sie knapp. „Gib mir eine Stunde. Dann will ich alles wissen. Alles, hörst du?“
Und ein Wesen schwebt vom Himmel herab, dunkel, kalt und fügelschnell.
Wenn Engel hassen.

Hiko Omura war in Japan geboren, lebte aber seit ihrem fünften Lebensjahr in Deutschland. Japan hatte sie seit Jahren nicht gesehen, das Land interessierte sie nicht mehr. Die Menschen dort waren ihr suspekt. Ewig Gestrige, zu klein und zu traditionell.
Hiko war Japan entwachsen und das drückte sich auch bei ihrer Körpergröße aus. Eine Größe von 1 Meter 78 und 75 Kilo Körpergewicht sind für Japanerinnen beachtlich. Aber nicht, wenn man die Weltmeisterin im Jiu-Jitsu ist.
Ein, zwei, drei, es ist vorbei.

Düsseldorf im Regen ist keine schöne Stadt. Und Düsseldorf hat durchaus Schattenseiten. Hiko kannte sie alle, die Dunkelheit war ihr Revier.
Mit unbewegtem Gesicht stand sie neben ihren Eltern, die noch immer fassungslos auf Yoshi sahen. Oder besser auf ein zerschlagenes Bündel Mensch, das nur noch entfernt an den Erstgeborenen der Familie erinnerte.
„Was ist passiert?“, kam Hikos Frage. Aber ihre Eltern hatten keine Worte.
Ein grauer Mann betrat den Raum. Unscheinbar, nur seine Augen lebten. Und die erkannten Hiko sofort.
„Kriminalhauptkommissar Koprowski“, stellte er sich trotzdem vor. „Ich hätte da einige Fragen, Herr und Frau Omura.“
Aber die Antwort kennt oft nur der Wind.

Hiko musterte den alten Polizisten kühl. Sie waren sich schon begegnet. Damals, als sie noch in Düsseldorf lebte. Damals, als sie allein gegen eine Horde Männer stand. Und niemand da war, sie zu schützen. Damals, als er noch ihr Sensei war. Für die Presse war es ein gefundes Fressen. Die Schlagzeile „Karate-Kämpferin mischt Schlägertruppe auf“, machte sie bekannt. Zwar verstand Hiko nicht viel von Karate, aber gut kicken konnte sie. Das und ihre Würfe, waren den Männern weniger gut bekommen.
Zu Boden mit dir du Schuft!

Yoshi Omura konnte kein Karate, jegliche Gewalt war ihm zuwider. Der junge Mann war ein Computer Nerd. Und Kraft gebrauchte er nur gegen die Tastatur, die seiner Meinung nach immer viel zu langsam reagierte. Yoshi war beliebt, immer gut gelaunt und stets hilfsbereit. Streit war nie sein Ding. Aber Umwelt und Politik. Dafür setzte er sich ein.
Yoshi war nur 1 Meter 70 groß. Und doch neckte er Hiko ständig als „kleine Schwester.“ Geschwisterliebe der besonderen Art.
Und es änderte sich auch nichts als Hiko eines Tages verkündete, dass sie Frauen liebe und lesbisch war.
Auch Frauen können Frauen lieben.

„Manchmal müssen wir kämpfen, un den Frieden zu bewahren“, hatte Koprowski einst gesagt. „Aber niemals um des reinen Kampfes willen, niemals nur für einen Sieg.“
Hiko war mit 18 Jahren erstmals Weltmeisterin geworden. Ein Triumph der besonderen Art. Im Finale hatte sie die langjährige japanische Weltmeisterin geschlagen, die diesen Titel viele Jahre trug. Aber Hikos Weg war nicht nur Sport.
Als Studentin jobbte sie in einem Szene-Club und stand dort als Security ihre Frau im Leben. Bis eines Tages diese Männer kamen.
Zu Fünft verlangten sie Zugang, aber Hiko verstellte ihnen den Weg.
„Nur für Frauen“, hatte sie gesagt. „Männer sind hier unerwünscht.“
Aber der Phallus hat immer das letzte Wort.

Koprowski war damals gerufen worden und sah sich die jammernden Männer an.
Hiko stand unverletzt an der Tür, flankiert von nun einem Dutzend anderer Mädels. Und die schauten alle nicht seht nett.
Koprowski hatte sich unwohl gefühlt, als er seine Fragen stellte. Aber der Fall war klar, die Videoüberwachung konnte nicht lügen.
Notwehr gegen stadtbekannte Schläger stand in seinem Bericht. Das war vor nun zehn Jahren.
Hiko war keine Weltmeisterin mehr, sie hatte den Titel schon vor Jahren abgelegt. Heute war sie Sensei mit eigener Jiu-Jitsu-Schule. Und mit einem blonden Engel liiert.
Aber Veronika spielte in dieser Geschichte keine Rolle.

Koprowski hatte ein ungutes Gefühl, als er Hikos eisige Miene sah. Er wusste wozu diese Frau fähig war.
Hikos Eltern konnten nicht viel sagen. Nur, dass Yoshi auf einen Umweltskandal gestoßen war. Zusammen mit Freunden wollte er an die Presse gehen.
Auch Politiker können unehrlich sein.
„Finden Sie diese Menschen, Herr Kommissar“, bat Hikos Vater. „Finden und bestrafen Sie sie!“
Aber das Gesetz hat oft Lücken und Koprowski wusste das.
Manchmal müssen Menschen kämpfen.

„Reden wir draußen kurz“, sagte Hiko und ging mit dem Beamten auf den Flur. „Geben Sie mir einen Namen, Sensei“, verlangte sie knapp. „Sie wissen doch genau, wer das war.“
„Die Täter kennen wir nicht“, wich Koprowski aus. „Dein Bruder war einer großen Sache auf der Spur. Aber das ging auch durch die Presse. Mehr als den Namen des Umweltministers Lindemann habe ich noch nicht. Und der genießt Immunität, aber das weißt du sehr genau.“
Hiko lächelte. Aber mit Freude hatte das nichts zu tun. Sie hatte auch gelächelt, als sie ihre Gegnerin besiegte und Weltmeisterin geworden war.
Auch Koprowski hatte damals gelacht. Er, der nie Weltmeister gewesen war, hatte es als ihr Trainer geschafft. Aber Zeiten ändern sich, die Rollen waren vertauscht.
Hiko hatte noch immer Respekt vor ihrem alten Meister. Aber die wahre Meisterin war nun sie.
Ein Engel mit kalten Augen.

„Pieter van der Valk“, murmelte Koprowski. „Er ist Lindemanns Bodyguard und war früher Söldner in Afrika. Der Mann ist knallhart und weicht Lindemann kaum von der Seite. Ich vermute er hat die Sache eingefädelt. Selbst beteiligt war der nicht.“
Koprowski sah seine ehemalige Schülerin fast flehend an.
„Gegen den kannst du nicht gewinnen“, sagte er. „Der ist gleich mehrere Nummern zu groß für dich. Überlass das der Polizei …“
„Der die Hände gebunden sind“, unterbrach ihn Hiko ruppig. „Mir aber nicht. Daher überlassen Sie ihn besser mir.“
„Manchmal müssen wir kämpfen“, sagte Koprowski leise. „Wir müssen es für andere tun. Weil sie es nicht mehr können.“
Yoshi Omuras Herz blieb noch zweimal stehen in dieser Nacht. Aber manche Menschen werden von Engeln beschützt.

Pieter van der Valk war Geschäftsmann. Zumindest sah er sich selbst als solchen an. Seine Ware war sein Körper und sein pragmatischer Verstand. Einzelkämpfer bei der Armee, Kampfsport-Experte, Scharfschütze, Söldner. Mit seinen 35 Jahren blickte er auf ein bewegtes Leben zurück. Und er hatte mehr als ein Dutzend Leichen im Keller. Aber der Tod war für ihn nur ein Geschäft. Gefühle hatten nur die anderen.
Pieters Unternehmen boomte, Sicherheit stand hoch im Kurs. Und sein Konto auch.
Umso tiefer kam der Fall, als ihn der Stoß in den Rücken traf.
Mit der Eleganz des Panthers kam er auf die Füße, als er eine kräftige Japanerin sah.
„Yoshi Omura ist mein Bruder“, hörte er sie sagen. „Du hast zehn Sekunden, dann wird es bitter für dich.“
Engel lügen nie.

Pieter wusste, wer Yoshi Omura war. Er kannte auch das Feuerkind.
„Hiko Omura“, dehnte er um Zeit zu gewinnen. „Das wird interessant.“
Seine Hand zuckte gedankenschnell zur Waffe und senkte sich langsam wieder.
Der Grund hieß Werner Koprowski. Und der stand mit gezogener Pistole hinter ihm.
„Du hast noch fünf Sekunden“, sagte der Beamte. „Dann schieße ich dir ins Knie.“
Auch Engel schießen blaue Bohnen.

„Was wollt ihr Leute?“, versuchte van der Valk sein Glück. „Ich bin Geschäftsmann und verkaufe …“
„… den Tod“, unterbrach ihn Hiko kalt. „Aber mein Bruder hat es überlebt. Und damit das so bleibt werde ich ihn beschützen. Jetzt rede, oder ich breche dir alle Knochen.“
Koprowski fischte die Pistole aus Pieters Jacke und trat einen Schritt zurück.
„Dein Zeuge, Hiko“, sagte er. „Ich kümmere mich um den Rest.“
Fäuste liegen schwer im Magen.

Pieter van der Valk war ein ausgebuffter Typ. Aber gegen Hiko hatte er keine Chance. Was immer er auch versuchte ging daneben. Es war wenig sportlich, was Hiko zeigte, aber ihre Griffe saßen. Noch schwieg der Söldner und Hiko verlagerte kuz ihr Gewicht. Mit einem hässlichen Geräusch gab Pieters Schulter nach. Ausgekugelt hing der Arm nach unten.
„Ich … ich kann nicht“, presste Pieter hervor. „Sonst bringen sie mich um!“
Hiko lächelte. Ein Ruck, ein Schrei und Pieters Handgegelenk brach wie ein dürrer Zweig.
„Rede, sonst kommem deine Finger einer nach dem anderen dran,“ versprach die Japanerin.
Angst löst oft die Zunge. Und Worte fließen klar wie Wasser.

Das SEK stürmte noch in der gleichen Nacht eine Wohnung im Düsseldorfer Stadtteil Garath und nahm drei Männer fest. Laut Polizeibericht leisteten die Verhafteten erheblichen Wiederstand. Die Beamten mussten Gewalt anwenden. Die Beteiligung von Werner Koprowski und Hiko Omura verschwieg man. Auch, dass sie die Männer allein überwältigt hatte.
Ja, Engel können hassen.
Pieter van der Valk redete auch nach dieser Nacht weiter und Herbert Lindemann setzte sich ins Ausland ab. Er verlor seine Immunität und wurde in Abwesenheit verurteilt. Gefunden hat man ihn nie.

Yoshi Omura lag 2 Monate im künstlichen Koma. Die Knochenbrüche heilten, das Schädel-Hirn-Trauma blieb.
Yoshi brauchte fast ein Jahr, bis er wieder sprechen konnte.
„Wo … wo ist meine kleine Schwester?“, waren seine ersten Worte.
„Hier“, sagte Hiko und nahm seine Hand.
Ein Engel mit nun warmen Augen.

Ein schwarzer Tag in meinem Leben

Mein Leben ist so bunt, wie der Regenbogen Farben hat. Selbst graue Tage gehen spurlos an mir vorbei. In meinem Herzen ist kein Platz für Trauer, oder winterliche Melancholie. Und doch ist am vergangenen Wochenende etwas geschehen, was die Farbe aus meinem Leben genommen hat. Mein Geist ist in die Dunkelheit geglitten. Der Tag war Rabenschwarz.

Es ist Samstag 6:30 Uhr, als der Wecker in meine Ohren summt. Sofort bin ich hellwach und ziehe Elfchen frech die Decke weg. „Biest!“,  ruft sie sofort, das Kopfkissen verfehlt mich um Zentimeter.
Lachend fliehe ich vor ihr und bin als Erste in der Küche.
„Beil dich Schlafmütze!“, rufe ich und beginne mit meinem Werk.
Aber Elfen brauchen immer 5 Minuten länger, als ihr menschliches Pendant.
Der Spaß endet schnell, dieser Tag wird noch ereignisreich.
Yuki ist aufgeregt und ich die Ruhe selbst. Was soll schon groß geschehen?

Es folgt Frühstück und Zähneputzen. Die (Un)Sitte das vor dem Frühstück zu machen werde ich nie verstehen. Gepackt haben wir schon am Abend und geduscht natürlich auch. Auf die Idee ungewaschen ins Bett zu gehen kämen JapanerInnen nie.
Der Audi Q3 hat ausgedient, der Nissan Qashqai ist unser neuer Wagen. Wolf hat ihn kurzerhand für die Firma gekauft, als neues „Biestmobil“, wie er ihn nennt.
Immerhin hat der Audi uns treu gedient und fast störungsfrei durch die Monate begleitet. Aber ein Motorschaden war das Aus. Der Test war trotzdem positiv, die Daten bleiben wichtig.
Aber wir bekommen bald einen neuen Dauertester. Nur was es ist, das will uns Wolf noch nicht verraten. Ich starte den kleinen Diesel, Düsseldorf wir kommen!

Deutlich langsamer als sonst, aber dafür entspannt erreichen wir gegen Mittag mein Elternhaus. Von dort geht die Reise schon bald weiter. Mit meinem Vater im Gepäck.
Wir reden wenig, seine Miene ist grau an diesem Tag. Vielleicht sind es auch nur die Schatten des Winters. Mein Vater ist kein negativer Mann.
Ein flaches Gebäude harrt unserer Ankunft schon. Mit flinken Schritten eilen wir zur Tür. Neonlicht ersetzt das öde Grau.
Unsere Wege trennen sich kurz, Yuki und ich müssen einen anderen Weg gehen. In der Umkleide ziehen wir uns um. Die Haare werden zum Pferdeschwanz gebändigt.
Schweigend gehen wir einen langen Gang entlang.´Es folgt ein schwarzer Tag in meinem Leben, den ich so schnell nicht vergessen kann.
Mein Vater wartet schon. Auch er im Karate-Gi. Was habt ihr denn nun gedacht?

Streng wirkende Männer und eine Frau mustern mich kritisch. Mehr als zehn Jahre ohne jede Praxis ist ihnen suspekt.
Nun mag eine Mayumi vieles sein, aber dumm mit Sicherheit nicht. Und im Karate-Verband bin ich immer Mitglied geblieben.
Trainiert habe ich bekanntlich immer. Auch, wenn mein Fokus auf anderen Dingen lag. Aber Karate bleibt immer ein wichtiger Teil in meinem Leben. Karate liegt mir im Blut.
Schon vor der Karate-WM in Bremen, habe ich intensiv für den 3. Dan geübt. Wobei es nur Wiederholungen waren. Das Programm kann ich im Schlaf.
(M)Ein weiterer Weg zur Meisterschaft, wie mein Vater gern erklärt.

Es ist lange her, dass ich im Karate eine Prüfung machte. Entsprechend hoch ist die Skepsis der Trainer. Aber mein Vater ist auch dabei. Meister unter sich.
Nach dem 2. Dan bin ich eigene Wege gegangen und habe mich umorientiert. Gürtel waren mir plötzlich weniger wichtig. Und ganz ehrlich, im Kumite schlage ich auch einen höheren Dan. Ich habe Yuki auch Karate beigebracht. Sie kann das richtig gut. Ihr Rang ist viele Stufen unter Schwarz. Aber wer will meine Elfe schlagen? In der Liebe zu mir ist sie ohnehin unerreicht, da hält sie alle Gürtel dieser Welt. Entsprechend tapfer steht sie neben mir. Und ich liebe sie dafür.
Die Prüfung beginnt. Lasset die Spiele beginnen. Jetzt wird gekickt.

Viele Menschen haben ein falsches Bild vom Schwarzen Gürtel. Sie glauben, dass man nun ein(e) MeisterIn ist. Natürlich ist das richtig und auch wieder falsch. Großmeister sehen das etwas anders.
In Wahrheit bleibt man bis zum 5. Dan (Meister)SchülerIn. Erst dann folgt die wahre Meisterstufe. Aber schon lange vor dem 1. Dan, habe ich Karate als Weg für mich erkannt.
Dan ist das japanische Wort für Stufe / Rang. Und dort stehe ich Gürtelmäßig auf dem zweiten (Meister)Rang Zwei. Mein Dickkopf hat einst mehr verhindert. Aber das ist nun vorbei.
Elfchen darf auch zeigen was sie kann. Sie beginnt und ich bin wie immer fasziniert.
Yuki tanzt einen Reigen, der aus purer Eleganz geboren worden ist.
Zwar ist es „nur“ Grün, was sie als Farbe erhält. Aber ich weiß, was meine Elfe wirklich kann.
Wie im Aikido, wird sie auch im Karate ihre Frau stehen. Und im Leben steht sie gleichberechtigt neben mir.

Nun geht es los für mich. Hochkonzentriert trete ich nach vorn.
Sie testen mich so hart, wie ich erwartet hatte. So muss ich alle Kata aus dem Schülerbereich zeigen, was kein Problem bedeutet.
Auch Kihon Ido ist gefragt, sie wollen die Grundtechniken sehen. Die Zeit vergeht fast ohne Pause, der Körper ist nun Karate.
Mein Geist ist klar und fokussiert, nichts außer diesem Tag ist wichtig.
Ich muss zwei Kämpfe bestreiten. Zeit mich zu amüsieren.
Ein Mädel mit dem 1. Dan liegt nach 10 Sekunden auf der Matte. Sie hat keine Chance gegen mich. Und sie fällt immer wieder, ein wenig tut sie mir leid.
Der Schwarze Gürtel macht noch keine Kämpferin.

Der deutlich größere Mann ist schwerer zu knacken, er setzt auf Konter und seine langen Beine. Das wird spaßig. Normal bin ich die Konternde. Aber ich kann auch voll auf Angriff gehen. Normalerweise kämen nun Mayumi typisch z. B. Tritte zum Knie. Aber das hier ist Sport. Ich will niemand verletzen.
Mein Karate-Stil ist anders, aber das darf ich in einer Prüfung nicht zeigen. Hier wird auf Tradition geachtet.
Aber 1,62 Meter geballte Energie besiegt auch einen Mann, der sich für überlegen hält. Und so einige Techniken im Goyu-Ryu Stil sind mit dem Aikido verwandt.
Muss ich mehr erzählen?

Aus den Augenwinkeln beobachte ich die Reaktionen der Prüfer, die deutlich überrascht und begeistert sind. Mein Vater gestattet sich ein leichtes Schmunzeln.
Vielleicht noch ein Wort über ihn, der immer auch mein Sensei ist. Bei aller Liebe zu mir bleibt er streng, wenn es um Fragen des Karate geht.
Er hat mich nie bevorzugt. Meine Gürtel sind ehrlich erworben, niemand hat sie mir geschenkt.
Und auch an diesem Tag gibt es kein Pardon. Nach Selbstverteidigung, Kampfrichterwesen, Kata, Erklärung der Techniken und intensiven Fragen zum Karate sehe ich die Farbe Schwarz!
Schwarz ist mehr, als nur eine Farbe. Und Schwarz habe ich mir redlich verdient.

Es ist wieder mein Vater, der mir stolz die Urkunde zum 3. Dan überreicht. Und auch einen neuen Gürtel, der nun drei Streifen hat: Sandan, der Grad des anerkannten Schülers, wie es im Karate heißt. Bis zum 4. Dan muss ich nun vier Jahre warten. Vielleicht drei, bei verkürzter Vorbereitungszeit. Und wenn es nach meinem Vater geht, so müssen weitere Grade her. Mein Leben ist so bunt, wie der Regenbogen Farben hat. Selbst graue Tage gehen spurlos an mir vorbei. Aber dieser 6. Dezember ist (m)ein schwarzer Tag. Und das ist richtig gut.

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