Die Leibwächterin

Als das Handy an diesem Morgen klingelt weiß ich zuerst nicht wer der Anrufer ist. „Juwelen“ habe ich als Kürzel geschrieben und das kann viel bedeuten. Aber als ein Mann mit schwäbischem Akzent sich meldet, fällt mir der Name wieder ein. Es ist der Juwelier Schmidt, den wir im Wellness-Hotel getroffen haben. Und der hat ein Problem. Und damit das so klein wie möglich bleibt, werde ich weder seinen richtigen Namen, noch den Wohnort nennen. Diskretion ist bei mir Ehrensache. Und aus dem Bericht wird kein böser Bube schlau.

„Hallo, Frau Landar“, beginnt der Mann. „Wissen Sie noch wer ich bin? Ich möchte mich gern mit Ihnen über Personenschutz für meine Familie unterhalten. Hätten Sie vielleicht heute Zeit?“
Zeit haben wir eigentlich nie und dann wieder doch. Kontakte sind wichtig. Und der Mann durchaus nett. Aber an diesem Tag geht es wirklich nicht.
Ich nenne einen Tag und er gibt mir seine Adresse.
„Alles Weitere möchte ich gern vor Ort besprechen“, endet er.
Die Wortwahl fällt mir auf. Der Mann hat das Kommando.
Kann er gern haben, bei mir aber nicht.

Mit dem Namen ausgerüstet rufe ich bei Linda an und erzähle ihr die Sache.
„So, du machst mir also Konkurrenz?“, fragt sie gespielt empört.
„Klaro, erwidere ich. „Und morgen mache ich eine eigene Firma auf, du Nudel. Sag, kannst du mir vielleicht eine Auskunft über den Mann besorgen? Wer er ist, ob seriös?“
Linda war früher bei der Polizei, hat aber noch immer gute Kontakte. Normal, wenn man in ihrer Branche ist.
„Kein Ding“, sagt sie. „Ich rufe gleich an. Spätestens morgen wissen wir mehr.“
Wissen ist nun mal Macht.

Es dauert keine zwei Stunden bis sich Linda wieder meldet. Sie ist tief beeindruckt von dem Mann.
„Mit dem als Klienten hast du einen dicken Fisch an der Angel“, lässt sie mich wissen. Und diese Aussage ist gut genug.
Aus verständlichen Gründen werde ich keine weiteren Details nennen. Nur, dass er ein wirklicher Ehrenmann ist. Und absolut sauber.
Ein Problem gibt es bei der Sache: Selbstständig bin ich zu dem Zeitpunkt noch nicht.
„Wir regeln das schon meine Süße“, neckt mich Linda. „Lieben Gruß an Yuki und bis heute Abend im Dojo dann.“
Für die Frechheit muss ich Linda auf die Matte werfen. Und das kann ich gut.

Am vereinbarten Termin fahren wir zum Schmidtschen Anwesen. Wir sind beeindruckt, aber zeigen das natürlich nicht.
Herr Schmidt samt Frau und Tochter wartet bereits. Sehr nette Leute und kein bisschen homophob. Im Gegenteil hat er uns bewusst ausgewählt.
„Aber nicht, dass sie mir meine Frau verführen“, sagt er und lacht.
„Da hätte meine Frau etwas dagegen“, erwidere ich und schaue Yuki an.
Mit solchen Scherzen kann ich, so lange sie nicht völlig unter der Gürtellinie sind.
Yuki lächelt und mir wird warm.
Liebe, die ich meine.

„Für mein Geschäft in der Stadt habe ich tagsüber einen Sicherheitsdienst“, fährt der Juwelier fort. „Privat habe ich einen Waffenschein. Aber Personenschutz für meine beiden Frauen, das funktioniert irgendwie nicht.“
„Weil sie Männer hatten?“, frage ich nach und treffe genau den Punkt.
„Ja“, sagt er. „So gut die auch für mich und den Laden sind, mit meinen Frauen kamen sie nicht klar.“
„Lassen Sie mich raten“, sage ich. „Der Aufpasser stand mit verschränkten Armen vor der Kaufhaus Umkleidekabine und hat den anderen Kundinnen Angst gemacht?“
„Nicht nur das!“, meldet sich Frau Schmidt zu Wort. „Der ging auch mit auf die Damentoilette!“
„Und im Haus hat er auch überall geschnüffelt“, fügt die Tochter hinzu.
Frauen riechen eben gut.

„Sie suchen also jemanden, der ihre Frau und Tochter täglich, oder nur ab und zu begleitet?“, frage ich.
„Täglich“, erwidert Herr Schmidt. „Aber nur eine Frau! Sie soll meine Tochter zur Schule bringen und wieder abholen. Falls meine Frau in die Stadt, oder zum Arzt muss, oder generell außer Haus, sollte sie bei ihr sein. Diskret versteht sich. Aber ich suche eine Person mit Grips, mit der man sich auch unterhalten kann.“
„Kein Problem“, erwidere ich. „Ich kann Ihnen auch ihre Bilanzen überprüfen und Tipps für neue Werbestrategien geben.“
„Das weiß ich“, eröffnet er mir und schaut mich an. „Natürlich habe ich mich über Sie erkundigt. Ihr Werdegang hat mich beindruckt. Und ihr Kung Fu.“
Starke Frauen braucht das Land.

„Es war Aikido“, korrigiere ich. „Aber Wing Chun Kung Fu kann ich auch.“
Die Tochter sperrt Mund und Augen auf.
„So, wie Ip Man?“, will sie sofort wissen. „Ich habe die Filme gesehen!“
Sie ist ein Teenager und sehr an Sport interessiert. Und Kampfsport fand sie schon immer cool. Aber den durfte sie bisher nicht machen.
„Nicht ganz so gut“, erwidere ich. „Dafür aber noch Karate und Krav Maga. Mehr oder weniger ist es ein eigener Stil, den ich für mich erfunden habe.“
Wieder schaut Herr Schmidt mich an.
„Können Sie das meine Frauen lehren?“
Klar kann ich. Aber auch wieder nicht.

„Was ich Ihnen anbieten kann ist folgendes“, sage ich mit eimem kurzen Blick zu Yuki, die fast unmerklich nickt. „Wir können Ihnen Grundtechniken der Selbstverteidigung beibringen. Auch die Psychologie des Kampfes, wie man sich bei einem Angriff richtig verhält. Der beste Kampf ist immer der, den man nicht führt. Den Job als Personenschützerinnen können wir leider nicht übernehmen. Aber eine Freundin von mir hat eine Security-Firma und meist Frauen angestellt. Sie ist ehemalige Polizistin und sehr kompetent auf dem Gebiet der Sicherheit. Vor allem macht sie das hauptberuflich. Wir nur nebenbei. Die Mädels dort sind alle richtig clever und haben ausgezeichnete Manieren.“
„Verstanden“, sagt Herr Schmidt. „Wann könnten Sie mit dem Unterricht beginnen?“
„Langsam“, sage ich und verkneife mir ein Lachen. „Wir haben schon einen Nebenjob. Und eine zweite Steuerkarte macht nur das Finanzamt reich.“

„Das machen wir ohne Steuern“, beschließt Herr Schmidt sofort. „Ich halte mich normal an Regeln, aber der Staat verdient an mir genug.“
Er reicht mir einen schon ausgestellten Scheck. Und ein wenig fühle ich mich überrumpelt.
„Geht die Summe klar?“, will er wissen. „Sagen Sie es und ich zahle mehr. Hauptsache meine Frauen sind sicher. Geld ist mir egal.“
Ja, die Summe ist wunderbar. Seid umschlungen Millionen!
Auch, wenn das jetzt übertrieben ist.
Und damit niemand auf dumme Gedanken kommt: Ich habe den Betrag mittlerweile legalisiert. Schwarz arbeiten nur die anderen.

Herr Schmidt muss uns verlassen, er hat Termine in der Stadt.
Bei ihm habe ich ein gutes Gefühl.
An diesem Tag reift die Idee der Selbstständigkeit in mir, die ich später mit Yuki kläre.
Aber es bedarf noch eines weiteren Zufalls, um alles klar zu machen. Davon in einem anderen Artikel mehr.
Lets do it my way.

Frau Schmidt samt Tochter bekommt ihre erste Stunde. Und wir alle haben Spaß.
Vor allen die Tochter erweist sich als äußerst begabt. Und sie hat ein kleines Geheimnis parat.
Heimlich hat sie mit youtube Videos seit Monaten geübt. Ich weiß schon jetzt, dass sie eine Meisterin wird.
Die Mutter hat deutlich mehr Probleme. Ihr fällt es schwer zu schlagen.
Aus einer Stunde werden drei, dann müssen wir leider gehen.
Muss i denn zum Städtele hinaus …

Wir vereinbaren, dass wir Frau Schmidt samt Tochter zweimal pro Woche für jeweils 2 Stunden unterrichten. Und zwar für einenn Zeitraum X.
Linda wird den Personenschutz für beide Frauen tagsüber übernehmen, was sie besonders freut. Und auch das Folgetraining.
Die Idee nimmt noch mehr Formen an. Und Formen sind immer gut.
Der Hintergrund ist klar – Weg vom Türsteher Image und in die Welt der echten Bodyguards. Und Lindas Mädels können das. Auch ohne Waffen.
Wer braucht Pistolen, wenn er Fingernägel hat?

Als wir am Abend bei Linda zu Hause sind, gibt es daher Grund zu feiern. Wir stoßen mit Wasser an und Linda plus Frau mit rotem Wein.
„Du wärst bestimmt eine tolle Leibwächterin“, sagt Linda und lacht.
„Die Frage ist nur die, wer passt auf die Dicke auf?“, wirft Yuki ein und zwickt mich frech.
„Na du, Elfchen!“, erwidere ich. „Du bist und bleibst doch meine Leibwächterin.“

Wenn aus Stärke Schwäche wird

Vor einigen Tagen habe ich mich nach dem Training  mit meiner Freundin Linda getroffen, die zusammen mit ihrer Frau ein kleines Security Büro betreibt. Ja, Linda die Wen-Do Lehrerin. Wir hatten schon mehrfach darüber geredet, ob ich bei ihr als Trainerin arbeiten soll. Nun kann  ich kein Wen-Do. Dafür richtig gut Aikido, Karate und auch Wing Chun.
Linda hat mehrere Angestellte. Eigentlich Selbstständige, denen sie Aufträge vermittelt. Die meisten sind Frauen. Richtig starke Mädels! Von der Jura Studentin bis zur Verkäuferin ist alles dabei. Und wer verdient sich nicht gern noch etwas Geld dazu? Auch einen Mann gibt es. Nun kann sie schlecht einen Mann in einen Club für Frauen schicken, aber sie betreut auch eine Bar für schwule Männer.

In der Auswahl ihrer MitarbeiterInnen ist Linda sehr pingelig. Jede/r wird von ihr genau geprüft, befragt und ausgiebigst durchleuchtet. So auch mit einem zweiten Mann, den sie in ihr Team aufnehmen wollte. Und an der Stelle kam ich ins Spiel. Warum ich? Nun ist Linda Frau genug um Entscheidungen allein zu treffen. Es ging ihr um eine zweite Meinung. Sie stellte mir den potentiellen Mitarbeiter also vor, den ich in diesem Artikel Robert nennen möchte. Robert ist Student, 25 Jahre alt, Kickboxer und sehr von sich überzeugt. Er war um die 1 Meter 80 groß und ich schätzte ihn auf 75 kg.

Robert war nicht unsympathisch, allerdings überheblich.
„Karate ist ein nur ein Sport für alte Männer“, sagte er und lachte. „Das System ist doch schon seit Jahren überholt. Genau wie Judo. Dieses Kittelreißen ist vielleicht für Kinder als Einstiegssport geeignet. Jiu Jitsu und all dieser Kram ist auch nur was für Bodenakrobaten. Das bringt doch alles nix. Kickoxen ist so viel effektiver.“
Er machte eine kurze Pause und wartete auf eine Reaktion. Die kam nicht, Linda und ich schauten uns nur lächelnd an. Das gefiel Robert nicht.
„Ich bin früher Boxer gewesen“, fuhr er fort. „Und ich kann richtig gut schlagen. Schaut her!“
Ich musste lachen, als er uns voller Stolz einige Boxkombinationen zeigte und aufgeregt hin und her tänzelte. Linda schaute mich bezeichnend an, Yuki warf mir einen warnenden Blick zu.
Robert wirkte konsterniert, beleidigt.
„Warum lachst du?“, fragte er. „Ich war Jugendmeister im Boxen, so schnell macht mir keiner etwas vor.“

Dann zeigte er uns, wie gelenkig er war und setzte zu einigen spektakulären High Kicks an.
Sofort fiel mir Film-Karate ein. Die dort gezeigten Schläge und Kicks mögen toll fürs Auge sein. Effektiv sind sie nicht. Sie werden für die Kamera einstudiert, ein Filmkampf ist besserer Tanz.
„So wird das nichts“, erklärte ich ihm. „Boxen oder Kicks helfen dir bei einem Handgemenge auf engstem Raum nicht weiter Was machst du, wenn dich jemand in eine Ecke drängt, oder du beengt durch Tische, Stühle, oder viele Menschen bist?“
Ich ging auf ihn zu und fasste seinen Arm.
„Wir sind umringt von zwei bis drei Dutzend Menschen, sagte ich. „Du hast keinen Platz. Ich bin größer als du, kräftig. Also angenommen, okay? Was machst du?“
Robert dachte nach und nickte dann.
„Soweit lasse ich es nicht kommen“, sagte er. „Ich sorge durch meine reine Präsenz dafür …“
„Ich stehe doch schon direkt vor dir“, unterbrach ich ihn. „Du hast mich nicht kommen sehen und ich mache nun Ärger. Was machst du? Wehr mich ab!“
Robert zögerte und ich hatte meinen ersten Punkt gemacht.
Regel Nr. 1: Verunsichere dein Gegenüber! Wer das als Besucher / Gast mit einem Security macht, hat bereits halb gewonnen.
„Ich will dir jetzt nicht weh tun“, wich Robert aus. „Außerdem bin ich viel stärker als du.“

An dieser Stelle unterbreche ich meinen Bericht und  möchte einiges über die „Roberts“ dieser Welt erzählen. Menschen wie Robert sind selbstbewusst. Aber ihre pure Kraft verleitet sie dazu Situationen falsch einzuschätzen. Natürlich hat Robert Recht wenn er sagt, dass die bloße Anwesenheit eines Security für Ruhe und Sicherheit sorgen sollte. Nur ist dem eben nicht immer so. Und dann gilt es gezielt und ohne viel Reden ein- und auch durchzugreifen. Robert kann das nicht, das war mir schon nach seiner Antwort klar. Aber ich musste es ihm noch beweisen.

Ich ließ Robert los und tat so, als ob ich wieder zu Yuki ginge. Dann drehte ich mich abrupt um und sprang auf ihn zu. Eine kleine Frau, mit etwas über 50 kg Körpergewicht. Und Robert wich zurück! Das war sein zweiter Fehler.
Linda schnaufte, für sie war der Fall bereits gelaufen.
„Ich bin ein Angreifer“, sagte ich zu Robert. „Angetrunken, ich pöbele Gäste an und beleidige sie. Was machst du, wie hinderst du mich daran?“
Robert sah hilfesuchend in die Runde.
Ich schlug gegen seine Brust. Nicht fest, aber er wich weder aus noch sah er den Schlag kommen. Es war ein Klaps mit der flachen Hand.
„Wehr dich“, forderte ich ihn auf. „Wehr mich ab! Vergiss, dass ich eine Frau bin!“
Yuki verdrehte die Augen, sie ahnte was folgen würde.
Innerhalb von einer Minute nahm ich Robert die Hemmungen sich zu wehren. Ich provozierte ihn so lange, bis er seine Zurückhaltung aufgab.

Ich erspare dem Leser Einzelheiten. Wer mag darf sich aber gern bei youtube einige Videos über Aikido anschauen. Obwohl Robert 20 kg schwerer ist als ich, obwohl viel stärker, hat ihm das nicht geholfen. Im Gegenteil hat er sich durch die angewandte Kraft selbst besiegt. Aikido nutzt die Kraft des Gegners auf effektive Weise aus.

Und bevor nun wieder Kommentare kommen, dass eine Frau keinen Mann besiegen kann: Das ist völliger Quatsch! Es kommt immer auf den Mensch an. Wenn ich natürlich nur abwehre und zurückweiche geht das ins Auge. Außerdem habe ich meinen eigenen Stil. Karate ist auf engem Raum ziemlich unbrauchbar. Wing Chun dagegen nicht. Mit Aikido habe ich auch auf engstem Raum alle Trümpfe in der Hand … UND ich kann dank meiner Kenntnisse anderer Sportarten auch einen Mann richtig außer Gefecht setzen.

Robert war verletzt. Nicht körperlich! Aber sein Stolz hatte doch etwas gelitten. Doch er bewies Größe und bedankte sich bei mir für die Lektion. Und damit bestand er zumindest diesen Test! Er nahm die Niederlage an und erkannte seine Fehler. Eingestellt hat ihn Linda aber nicht.

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Dieser Beitrag dient nicht dazu (m)eine Kampfkunst, oder mich als Person zu idealisieren. Es ist lediglich eine wahre Begebenheit aus meinem Leben, die ich mit meinen LeserInnen teilen möchte. Brutale Stärke, Kraft ist niemals der richtige Weg. Auch der scheinbar Schwache kann große Leistungen vollbringen, sofern „er“ nur will. Das möchte ich damit sagen. Und Mut machen. Vor allem Frau. Damit sie ihr Leben nicht in Passivität verbringt, nicht in Angst.