Mörderisch

Die Nacht war jung. Susan war noch jünger. Aber Gewalt ist alterlos, sie hat schon immer existiert. Susans Jugend zerbrach in dieser Nacht. Niemand half dem Mädchen, als die Männer sie ins Auto zerrten und in einer abgelegenen Hütte vergewaltigten.

Niemand sah ihre Qual, die Männer lachten nur. Als sie fertig waren verschluckte die Dunkelheit ihre Gestalten. Zurück blieb ein wimmerndes Bündel Mensch, dessen Seele zerbrochen war. Ein Waldarbeiter fand die völlig verstörte Susan, als sie halb nackt zur Straße taumelte. Polizei und Notarzt kümmerten sich um sie.

Edward, ihr Bruder, besuchte sie täglich im Pflegeheim. Aber niemand beantwortete seine Fragen. Susan nicht und die ratlose Polizei noch weniger. Und nach einigen Monaten legten sie den Fall zu den Akten.

„Es tut mir leid“, sagte der zuständige Officer. „Wir haben getan, was wir für ihre Schwester tun konnten. Aber wer immer die Täter waren, die sind längst untergetaucht. Die DNA-Analyse hat keine Treffer gebracht. Die Männer sind uns unbekannt.“

Zehn Jahre war das nun her. Jahre, die Spuren hinterlassen hatten. Edward war Alkoholiker geworden. Der Schnaps half ihm, die leeren Augen seiner kleinen Schwester zu ertragen. Als es passierte, war Susan sechzehn Jahre alt geworden. Und das war sie immer noch.

Heute hatte Edward Geburtstag, er war jetzt Dreißig. Er hatte gefeiert und mehrere Runden spendiert. Betrunken schwankte er von der Bar nach Hause. Der Besitzer hatte ihn an die Luft gesetzt.

„Komm zurück, wenn du wieder Geld hast“, klang es in seinen Ohren. Dann schickte ihn ein Tritt in die Kälte der Nacht. Edward würgte, Übelkeit ließ ihn zittern. Immer wieder übergab er sich.

Er musste eingeschlafen sein, Ein Blick auf die Uhr zeigte kurz nach Mitternacht. Edward lag in seinen eigenen Magensäften. „Fuck!“, fluchte er und rappelte sich auf, aber seine Beine zitterten. Er hielt sich an einem rostigen Tor fest, der Eingang zu einem schon lange verlassenen Haus.

„Das Marston Anwesen!“, zuckte es durch sein vernebeltes Hirn. „Dort spukt es doch, ich muss hier weg!“ Aber ein innerer Zwang trieb ihn in auf das Haus zu. Edward spürte, wie ihm ein Schauer über den Rücken lief. Die fensterlosen Scheiben wirkten wie leere Augenhöhlen, die offene Tür erinnerte an einen zahnlosen Mund.

Der Legende nach, hatte hier einst die Familie Marston gelebt. 1924 hatte Tony Marston seine Ehefrau und deren Geliebten umgebracht, als er sie in flagranti erwischte. Danach, so hieß es, habe sich Marston im Treppenhaus erhängt. Das Haus erbte Tony Marston jr., der Sohn des toten Paares. Der Junge war damals erst Vierzehn und angeblich nicht zu Hause.

Das plötzliche Licht und die angenehme Stimme des Fremden, ließ Edward an seinen Sinnen zweifeln. „Kommen Sie nur, Mr. Dillon. Warten Sie ich helfe Ihnen. So, jetzt wird es gehen.“ Eine kalter Hauch drängte Edward tiefer ins Haus, in dem nun antiquiert wirkende Möbel standen.

Ein Mann unbestimmten Alters stand vor ihm. Seine Augen machten Edward Angst. Er begann zu zittern, aber der Fremde hob beschwichtigend die Hände. „Haben Sie keine Angst, Ihnen zumindest wird heute kein Leid geschehen.“

Die Worte fraßen sich wie Säure in Edwards Kopf und trugen kaum dazu bei, ihn zu beruhigen. „Mein Name ist Marston, Tony Marston. Junior. Sie haben vielleicht schon von der Tragödie in diesem Haus gehört.“

Als Edward nickte ging Tony einen Schritt auf ihn zu. Die Kälte des Todes bohrte sich in Edwards Körper und ließ sein Herz erstarren. „Wie ich es mir dachte“, murmelte Tony. „Eine weitere Seele, die Rache sucht.“ Er lachte, aber in Edwards Ohren klang es mehr wie Donnergrollen.

„Ich habe Neuigkeiten, Mr. Dillon“, fuhr Tony fort, „bei mir sind sie an der richtigen Adresse.“ „Was …, was wollen Sie von mir?“, stammelte Edward. „Wer sind Sie überhaupt? Sie können unmöglich Tony Marston sein, der wäre heute Hundert!“

„Was sind Sie, sollte die Frage sein“, erwiderte Tony. „Ich bin kein Gespenst, aber auch kein Mensch. Wissen Sie, damals als Dad meine Mom erschoss, hat es mich auch erwischt. Also meinen Körper! Aber kann ein Dämon sterben? So bezeichnet man mich landläufig. Und ich und niemand sonst, war Moms Secret Lover.“

Er kicherte und Edwards Magem krampfte sich erneut zusammen. „Marston war nicht mein Dad, das war … NEIN, das ist eine andere Geschichte. Vielleicht fragen Sie sich, wie ich das mit dem Tod verschleierte. Das, ich muss mich wirklich dafür loben, war ein klasse Gag!

Menschen sind leicht zu beeinflussen und sehen nur, was sie sehen wollen. In diesem Fall sollen. Unter günstigen Umständen kann ich Gedanken kontrollieren.“ Er schwieg und sah Edward nachdenklich an. „Ja und lesen. Und ihre sind wirklich interessant!“

Die Kälte war noch intensiver geworden, Edward konnte seinen eigenen Atem sehen. Und dann verschwand seine Angst und er begriff seine Chance. „Warum bin ich hier?“, wollte er wissen. „Sie haben das gemacht, oder?“

„Ich habe lange auf jemand wie Sie gewartet“, erwiderte Tony. „Auf jemand, der, wie Sie, völlig verzweifelt ist und Rache sucht. Hören Sie mir gut zu, ich weiß, wer die Vergewaltiger Ihrer Schwester sind!“

Edward schloss kurz die Augen. Aber der Spuk blieb. Was er sah und fühlte war Realität. „Hilf mir und ich helfe dir!“, hörte Edward. „Gemeinsam könnten wir, nun ja, Bösewichte jagen?“ Tony lachte und Edward begriff, dass sein Gegenüber nur die halbe Wahrheit sagte. Aber es war egal. „Bösewichte, ja?“, fragte er. „Kaufe ich! Und was jetzt?“

„Jetzt“, sagte Tony und schlüpfte in Edwards Körper, „jetzt mein Freund geht es richtig los!“ Und er hielt Wort. In den nächsten Wochen veränderte sich Edwards Leben drastisch. Mit Hilfe seines neuen Freundes, der überraschend passiv blieb und nur als Stimme in seinem Kopf zu hören war, gestaltete er sein Leben völlig um.

Geschäfte gingen stets zu seinen Gunsten aus. Edward fand das anfänglich komisch. Aber er gewöhnte sich schnell an die ängstlichen Blicke seiner Geschäftspartner, wenn sie zitternd die Verträge unterschrieben. Was immer es auch war, das Tony mit ihnen machte, wirkte und war Edward egal.

In einer heißen Sommernacht stellten sie vier Männer, die, so zumindest ließ ihn Tony wissen, Susan auf dem Gewissen hatten. Einer davon war sein Cousin Tom. Edward zog eine Pistole, aber das Quartett lachte nur. Sie lachten immer noch, als er sie mit Susans Schicksal konfrontierte. „Ja, die Bitch hatte Feuer im Hintern“,  sagte Tom.

Edward schoss und erwischte drei der Männer, bevor ihn eine Kugel ins Bein auf die Knie fallen ließ. „Du blöder Idiot!“, schrie Tom. „Was soll das denn? Wegen der Schlampe machst du so ein Theater? Du hast sie doch auch schon gefickt! Wir alle haben, aber an dem Abend zickte sie rum. Na, da hatten wir dann anders Spaß!“

Die Erinnerung  brach wie eine Flutwelle über Edward. Er sah Susan, die sich nackt auf ihrem Kinderbett räkelte. Susan, die ihn lockte, Susan die ihm gehörte! Edward schrie und wollte die Waffe auf Tom richten, aber seine Finger versagten. Das Lachen in seinem Kopf erklärte warum.

Die Schüsse zerfetzten Edwards Brust. Röchelnd ging er zu Boden. „Du bringst niemand mehr um“, sagte Tom und spuckte auf den Sterbenden. Er steckte die Pistole weg und zündete sich eine Zigarette an. „Völlig richtig“, sagte Tony und stand langsam auf. „Aber ich schon.“

Wie ein Schatten in der Nacht

Der Wille zum Bösen, ist oft die treibende Kraft in Menschen. Eri Kisaki hatte genau diesen Weg gewählt. Sie war eine Killerin, ein Monster in Menschengestalt. So zumindest sahen das die Behörden, die die Yakuza seit Jahren suchten.

Saya Kisaki war egal, was andere über ihre große Schwester sagten. Sie hatte Eri immer geliebt und kein Wort von dem geglaubt, was die Polizei ihr sagte. Saya war ein einfaches Mädchen und vom Leben aus der Bahn geworfen. Sie arbeitete als Stripperin und Hure und doch reichte das Geld fast nie.

Sayas Kapital war ihr makelloser Körper. Mit zweiundzwanzig bist du nicht wirklich alt. Aber die Stöße der Männer verletzten ihre Seele. Jeden Tag tiefer, jeden Tag ein bisschen mehr. Saya wollte weg! Nur raus aus diesem Leben. Viele Freier schlugen sie und wollten ungeschützten Sex. Aber wer schützt eine Frauenseele.

Eines Tages schien ihre Chance gekommen. Ein Fremder kam in den Club, ein Europäer. Schwede sollte er angeblich sein, aber das war Saya ganz egal. Nicht egal war ihr sein Angebot sie für einen Film zu engagieren. „Es ist ein besonderer Film“, sagte er. „Aber einer ohne Happy End.“

Die Gage stimmte und das war noch untertrieben. 10.000 US Dollar waren für Saya das Tor zur Welt. Sie unterschrieb den Vertrag, den sie kaum lesen konnte. Zu lange waren die Englischstunden in der Schule her. Aber wer fragt schon nach Details, wenn eine solche Summe lockt.

Saya hatte wenig, aber doch regelmäßig Kontakt zu ihrer Schwester. Eri konnte nicht viel für Saya tun. Ihr Leben war viel zu gefährlich. Und doch wachte sie heimlich über sie. Aber was kannst du tun, wenn du im Schatten lebst? Saya schickte Eri eine SMS. „Ich werde Filmstar“, schrieb sie. „Eine schwedische Firma hat mich engagiert. Du wirst schon sehen, ich werde berühmt!“

„Bestimmt ein Porno“, erzählte Saya einer Freundin und beide lachten. „Pass nur auf, sonst wirst du noch schwanger!“ Und wirklich musste Saya sich nackt ausziehen, aber die Männer hatten kein Interesse an Sex. Kalte Augen musterten ihren Körper. „Kamera läuft, es geht los!“

Ein junger Mann trat vor. Kalte Augen und sehr gut gekleidet. Verunsichert blickte Saya auf das Messer in seiner Hand. Wer schützt Frauen vor wilden Tieren. Der Schitt war tief, dann kam der Schmerz. Saya schrie, sie kämpfte, aber keine Frau kann sich gegen ein halbes Dutzend Männer wehren.

Als Eri die SMS las erwachte sofort das Misstrauen in ihr. Mit dem Instinkt des Raubtiers witterte sie Gefahr. Sofort rief sie Saya an, aber ihre Schwester schwieg. Der Motor des BMW brüllte, als Eri regelrecht über die Straßen flog. Noch im Auto rief sie eine Nummer an, die ihr Auskunft über die dubiose Filmfirma gab. „Snuff-Videos“, sagte die Stimme. „Wenn deine Schwester da mitmacht, ist sie tot.“

Die Männer töteten Saya nicht, es waren immer nur recht harmlose Schnitte. Aber je mehr sie schrie, umso tiefer schnitten sie. Saya weinte, das Blut floss in Strömen. Schwitzende Gesichter, in denen pure Mordlust flackerte, brannten sich in ihren Verstand. „Aufhören, bitte!“, rief sie in purer Verzweiflung. „Eri, so hilf mir doch …!“

„Stop!“, die harte Stimme eines Mannes ließ Sayas Peiniger erstarren. Eisgraue Haare und Augen dominierten nicht nur sein Gesicht. „Wen meinst du mit Eri?“, fragt er und packte Saya hart an den Haaren. „Mei … meine Schwester“, stammelte Saya. „Wer ist deine Schwester, rede!“, forderte der Mann. „Eri … Eri Kisaki!“, flüsterte Saya mit letzter Kraft. „Sie wird euch alle töten!“

„Fuck!“ Der Mann ließ sie los, Panik grub sich tief in sein Gesicht. „Raus hier, alles abbrechen, sofort! Das …“ Weiter kam er nicht. Die Tür des Raumes flog krachend auf. Plopp machte es, als die erste Kugel sein Hirn zerfetzte. Die zweite Kugel traf sein Herz. Wie ein Schatten in der Nacht kam der Tod über die Männer. „Ihr tötet niemand mehr!“

Eri schoß und alle Kugeln trafen ihr Ziel. 7 Männer lagen tot am Boden. Eri hatte keine Blicke mehr für sie. Mit einem Schritt war sie bei ihrer Schwester. Keine Wunde war tödlich, es würden nur kleine Narben bleiben. Eri versorgte ihre Schwester und brachte sie in ein Krankenhaus. An diesem Tag wurde Saya neu geboren.

„Wer hat dich engagiert?“, wollte Eri von Saya wissen, als die Ärzte Entwarnung gaben. „Nenn mir einen Namen, er wird nie wieder Frauen töten!“ „Der Vertrag“, flüsterte Saya. „Er liegt in meiner Wohnung auf dem Küchentisch.“ Wieder glitt ein Schatten durch die Nacht. Ein Engel der Rache stieg vom Himmel herab.

Der Wille zum Bösen, ist oft die treibende Kraft in Menschen. Carl Janson war besessen von dieser Kraft. Er wartete auf Eri. Bewaffnet und entschlossen. Aber wie fängst du die Dunkelheit. Als Eri vor ihm stand, hatte sie 4 weitere Männer getötet. Kurz und schmerzlos. So, wie sie es immer tat. Aber Carl ließ sie leiden. Eine Stunde lang ritzte sie das Kanji für „Schwein“ in seine Haut. Dann schnitt sie ihm die Hoden ab.

PS: Das ist die harmlose Version dieser Geschichte. Für Yuki und alle zarten Seelen. Bedenkt bitte, das ist nur ein Text. Ohne Wertung, ohne Hass.

 

Die kleine Schwester

„Ich mache dich kaputt!“
Mit jedem Wort traf auch ein Schlag den Kopf des Mannes, der bereits hilflos am Boden lag.
Die Männer lachten, sie hatten ihr Opfer gefunden.
Plötzlich Stimmen, schnelle Schritte. „Stehenbleiben, Polizei!“
In letzter Sekunde konnte der Notarzt den Verletzten retten. Sein Herz stand bereits still.
Aber manche Menschen werden von Engeln beschützt.

Das Surren des Handys riss Hiko aus dem Schlaf. Nur mühsam fand sie in die Realität zurück.
„Mama“, stand auf dem Display und Hiko lächelte. Aber dies war kein Tag für Fröhlichkeit.
„Yoshi liegt im Krankenhaus“, hörte sie ihre Mutter leise sagen. „Böse Menschen haben ihn fast umgebracht.“
Hiko schloss kurz die Augen. Der Schock saß tief, dann kam die Kälte.
„Ich bin auf dem Weg“, sagte sie knapp. „Gib mir eine Stunde. Dann will ich alles wissen. Alles, hörst du?“
Und ein Wesen schwebt vom Himmel herab, dunkel, kalt und fügelschnell.
Wenn Engel hassen.

Hiko Omura war in Japan geboren, lebte aber seit ihrem fünften Lebensjahr in Deutschland. Japan hatte sie seit Jahren nicht gesehen, das Land interessierte sie nicht mehr. Die Menschen dort waren ihr suspekt. Ewig Gestrige, zu klein und zu traditionell.
Hiko war Japan entwachsen und das drückte sich auch bei ihrer Körpergröße aus. Eine Größe von 1 Meter 78 und 75 Kilo Körpergewicht sind für Japanerinnen beachtlich. Aber nicht, wenn man die Weltmeisterin im Jiu-Jitsu ist.
Ein, zwei, drei, es ist vorbei.

Düsseldorf im Regen ist keine schöne Stadt. Und Düsseldorf hat durchaus Schattenseiten. Hiko kannte sie alle, die Dunkelheit war ihr Revier.
Mit unbewegtem Gesicht stand sie neben ihren Eltern, die noch immer fassungslos auf Yoshi sahen. Oder besser auf ein zerschlagenes Bündel Mensch, das nur noch entfernt an den Erstgeborenen der Familie erinnerte.
„Was ist passiert?“, kam Hikos Frage. Aber ihre Eltern hatten keine Worte.
Ein grauer Mann betrat den Raum. Unscheinbar, nur seine Augen lebten. Und die erkannten Hiko sofort.
„Kriminalhauptkommissar Koprowski“, stellte er sich trotzdem vor. „Ich hätte da einige Fragen, Herr und Frau Omura.“
Aber die Antwort kennt oft nur der Wind.

Hiko musterte den alten Polizisten kühl. Sie waren sich schon begegnet. Damals, als sie noch in Düsseldorf lebte. Damals, als sie allein gegen eine Horde Männer stand. Und niemand da war, sie zu schützen. Damals, als er noch ihr Sensei war. Für die Presse war es ein gefundes Fressen. Die Schlagzeile „Karate-Kämpferin mischt Schlägertruppe auf“, machte sie bekannt. Zwar verstand Hiko nicht viel von Karate, aber gut kicken konnte sie. Das und ihre Würfe, waren den Männern weniger gut bekommen.
Zu Boden mit dir du Schuft!

Yoshi Omura konnte kein Karate, jegliche Gewalt war ihm zuwider. Der junge Mann war ein Computer Nerd. Und Kraft gebrauchte er nur gegen die Tastatur, die seiner Meinung nach immer viel zu langsam reagierte. Yoshi war beliebt, immer gut gelaunt und stets hilfsbereit. Streit war nie sein Ding. Aber Umwelt und Politik. Dafür setzte er sich ein.
Yoshi war nur 1 Meter 70 groß. Und doch neckte er Hiko ständig als „kleine Schwester.“ Geschwisterliebe der besonderen Art.
Und es änderte sich auch nichts als Hiko eines Tages verkündete, dass sie Frauen liebe und lesbisch war.
Auch Frauen können Frauen lieben.

„Manchmal müssen wir kämpfen, un den Frieden zu bewahren“, hatte Koprowski einst gesagt. „Aber niemals um des reinen Kampfes willen, niemals nur für einen Sieg.“
Hiko war mit 18 Jahren erstmals Weltmeisterin geworden. Ein Triumph der besonderen Art. Im Finale hatte sie die langjährige japanische Weltmeisterin geschlagen, die diesen Titel viele Jahre trug. Aber Hikos Weg war nicht nur Sport.
Als Studentin jobbte sie in einem Szene-Club und stand dort als Security ihre Frau im Leben. Bis eines Tages diese Männer kamen.
Zu Fünft verlangten sie Zugang, aber Hiko verstellte ihnen den Weg.
„Nur für Frauen“, hatte sie gesagt. „Männer sind hier unerwünscht.“
Aber der Phallus hat immer das letzte Wort.

Koprowski war damals gerufen worden und sah sich die jammernden Männer an.
Hiko stand unverletzt an der Tür, flankiert von nun einem Dutzend anderer Mädels. Und die schauten alle nicht seht nett.
Koprowski hatte sich unwohl gefühlt, als er seine Fragen stellte. Aber der Fall war klar, die Videoüberwachung konnte nicht lügen.
Notwehr gegen stadtbekannte Schläger stand in seinem Bericht. Das war vor nun zehn Jahren.
Hiko war keine Weltmeisterin mehr, sie hatte den Titel schon vor Jahren abgelegt. Heute war sie Sensei mit eigener Jiu-Jitsu-Schule. Und mit einem blonden Engel liiert.
Aber Veronika spielte in dieser Geschichte keine Rolle.

Koprowski hatte ein ungutes Gefühl, als er Hikos eisige Miene sah. Er wusste wozu diese Frau fähig war.
Hikos Eltern konnten nicht viel sagen. Nur, dass Yoshi auf einen Umweltskandal gestoßen war. Zusammen mit Freunden wollte er an die Presse gehen.
Auch Politiker können unehrlich sein.
„Finden Sie diese Menschen, Herr Kommissar“, bat Hikos Vater. „Finden und bestrafen Sie sie!“
Aber das Gesetz hat oft Lücken und Koprowski wusste das.
Manchmal müssen Menschen kämpfen.

„Reden wir draußen kurz“, sagte Hiko und ging mit dem Beamten auf den Flur. „Geben Sie mir einen Namen, Sensei“, verlangte sie knapp. „Sie wissen doch genau, wer das war.“
„Die Täter kennen wir nicht“, wich Koprowski aus. „Dein Bruder war einer großen Sache auf der Spur. Aber das ging auch durch die Presse. Mehr als den Namen des Umweltministers Lindemann habe ich noch nicht. Und der genießt Immunität, aber das weißt du sehr genau.“
Hiko lächelte. Aber mit Freude hatte das nichts zu tun. Sie hatte auch gelächelt, als sie ihre Gegnerin besiegte und Weltmeisterin geworden war.
Auch Koprowski hatte damals gelacht. Er, der nie Weltmeister gewesen war, hatte es als ihr Trainer geschafft. Aber Zeiten ändern sich, die Rollen waren vertauscht.
Hiko hatte noch immer Respekt vor ihrem alten Meister. Aber die wahre Meisterin war nun sie.
Ein Engel mit kalten Augen.

„Pieter van der Valk“, murmelte Koprowski. „Er ist Lindemanns Bodyguard und war früher Söldner in Afrika. Der Mann ist knallhart und weicht Lindemann kaum von der Seite. Ich vermute er hat die Sache eingefädelt. Selbst beteiligt war der nicht.“
Koprowski sah seine ehemalige Schülerin fast flehend an.
„Gegen den kannst du nicht gewinnen“, sagte er. „Der ist gleich mehrere Nummern zu groß für dich. Überlass das der Polizei …“
„Der die Hände gebunden sind“, unterbrach ihn Hiko ruppig. „Mir aber nicht. Daher überlassen Sie ihn besser mir.“
„Manchmal müssen wir kämpfen“, sagte Koprowski leise. „Wir müssen es für andere tun. Weil sie es nicht mehr können.“
Yoshi Omuras Herz blieb noch zweimal stehen in dieser Nacht. Aber manche Menschen werden von Engeln beschützt.

Pieter van der Valk war Geschäftsmann. Zumindest sah er sich selbst als solchen an. Seine Ware war sein Körper und sein pragmatischer Verstand. Einzelkämpfer bei der Armee, Kampfsport-Experte, Scharfschütze, Söldner. Mit seinen 35 Jahren blickte er auf ein bewegtes Leben zurück. Und er hatte mehr als ein Dutzend Leichen im Keller. Aber der Tod war für ihn nur ein Geschäft. Gefühle hatten nur die anderen.
Pieters Unternehmen boomte, Sicherheit stand hoch im Kurs. Und sein Konto auch.
Umso tiefer kam der Fall, als ihn der Stoß in den Rücken traf.
Mit der Eleganz des Panthers kam er auf die Füße, als er eine kräftige Japanerin sah.
„Yoshi Omura ist mein Bruder“, hörte er sie sagen. „Du hast zehn Sekunden, dann wird es bitter für dich.“
Engel lügen nie.

Pieter wusste, wer Yoshi Omura war. Er kannte auch das Feuerkind.
„Hiko Omura“, dehnte er um Zeit zu gewinnen. „Das wird interessant.“
Seine Hand zuckte gedankenschnell zur Waffe und senkte sich langsam wieder.
Der Grund hieß Werner Koprowski. Und der stand mit gezogener Pistole hinter ihm.
„Du hast noch fünf Sekunden“, sagte der Beamte. „Dann schieße ich dir ins Knie.“
Auch Engel schießen blaue Bohnen.

„Was wollt ihr Leute?“, versuchte van der Valk sein Glück. „Ich bin Geschäftsmann und verkaufe …“
„… den Tod“, unterbrach ihn Hiko kalt. „Aber mein Bruder hat es überlebt. Und damit das so bleibt werde ich ihn beschützen. Jetzt rede, oder ich breche dir alle Knochen.“
Koprowski fischte die Pistole aus Pieters Jacke und trat einen Schritt zurück.
„Dein Zeuge, Hiko“, sagte er. „Ich kümmere mich um den Rest.“
Fäuste liegen schwer im Magen.

Pieter van der Valk war ein ausgebuffter Typ. Aber gegen Hiko hatte er keine Chance. Was immer er auch versuchte ging daneben. Es war wenig sportlich, was Hiko zeigte, aber ihre Griffe saßen. Noch schwieg der Söldner und Hiko verlagerte kuz ihr Gewicht. Mit einem hässlichen Geräusch gab Pieters Schulter nach. Ausgekugelt hing der Arm nach unten.
„Ich … ich kann nicht“, presste Pieter hervor. „Sonst bringen sie mich um!“
Hiko lächelte. Ein Ruck, ein Schrei und Pieters Handgegelenk brach wie ein dürrer Zweig.
„Rede, sonst kommem deine Finger einer nach dem anderen dran,“ versprach die Japanerin.
Angst löst oft die Zunge. Und Worte fließen klar wie Wasser.

Das SEK stürmte noch in der gleichen Nacht eine Wohnung im Düsseldorfer Stadtteil Garath und nahm drei Männer fest. Laut Polizeibericht leisteten die Verhafteten erheblichen Wiederstand. Die Beamten mussten Gewalt anwenden. Die Beteiligung von Werner Koprowski und Hiko Omura verschwieg man. Auch, dass sie die Männer allein überwältigt hatte.
Ja, Engel können hassen.
Pieter van der Valk redete auch nach dieser Nacht weiter und Herbert Lindemann setzte sich ins Ausland ab. Er verlor seine Immunität und wurde in Abwesenheit verurteilt. Gefunden hat man ihn nie.

Yoshi Omura lag 2 Monate im künstlichen Koma. Die Knochenbrüche heilten, das Schädel-Hirn-Trauma blieb.
Yoshi brauchte fast ein Jahr, bis er wieder sprechen konnte.
„Wo … wo ist meine kleine Schwester?“, waren seine ersten Worte.
„Hier“, sagte Hiko und nahm seine Hand.
Ein Engel mit nun warmen Augen.

Das Mädchen mit den blonden Haaren

Es gibt wenige Menschen, die mich tief beeindruckt haben. Einer davon ist Natalie.
Seit dem Kindergarten sind wir befreundet und haben nicht nur die Schulbank geteilt. Allerbeste Freundinnen nennt sich das.
Richard Stoltzmans Lied „Maid with the flaxen Hair“ hat mich heute wieder an Natalie erinnert und in Gedanken gleite ich in der Zeit zurück.

Ich bin wieder 16 Jahre alt.
Wir haben den Tag am See verbracht. Im Schatten und mit viel Sonnencreme.
Natalies Haare flattern im Sommerwind. Sie tanzt für mich, dreht sich lachend im Sonnenschein. Ein Engel und nicht von dieser Welt. In gewisser Weise eine frühe Yuki.
Alles an ihr ist zart und zerbrechlich. Auch ihre Seele. Vor allem die.
Ich habe Natalie immer beschützen wollen. Vor Jungs, vor eifersüchtigen Mädchen, vor der ganzen Welt. Leider ist mir das nicht völlig gelungen.

Meine Haut mag die Sonne nicht.
Aber Natalie hat Farbe bekommen, sie sieht einfach wunderbar aus. Flachsblonde Haare und himmelblaue Augen. Sie könnte fast eine Schwedin sein. Germanisch ist sie auf jeden Fall.
Sie zieht mich auf, weil ich niemals braun werde.
An diesem Tag habe ich sie geküsst. Spontan und wie es nur Mädchen können.
Nathalie ist verwirrt, aber sie erwidert den Kuss.
Mein Herz rast, ich weiß selbst kaum was ich tue. Nur, dass ich verrückt nach diesem wunderbaren Wesen bin. Nach diesem Moment, nach ihren Lippen.
Der bezaubernde Augenblick schwebt davon und verliert sich in der Zeit.
Natalie steht auf.
„Lass uns nach Hause gehen“, sagt sie leise und schaut mich seltsam an.
Natalie teilt meine Gefühle nicht. Aber wir bleiben einander verbunden. Und das kommt selten vor.

An diesem Tag erwache ich und weiß nun, dass ich Frauen liebe.
Natalie steht zu mir. Auch, wenn sie mir auf diesem Weg nicht folgen kann. Aber es ist gut, so wie es ist.
Sie bleibt eine Mischung aus Schwester und engelsgleichem Wesen. Unerreichbar und doch für immer mein.
Das Abitur, die Uni, wir meistern auch das. Und das Mädchen mit den blonden Haaren wird ein heimlicher Star in der Lesbenwelt.
Aber an Frauen hat sie nie gedacht. Natalie mag nur Männer.
„Du könntest sie alle haben,“ sage ich eines Tages scherzhaft zu ihr.
„Du weißt doch, ich liebe nur dich“, erwidert sie und lacht mich aus. „Und meinen Tom.“

Tom ist Natalies große Liebe. Sie haben noch auf der Uni geheiratet, aber tapfer zu Ende studiert. Er Medizin, sie Psychologie.
Die Hochzeit war rauschend und Natalie atemberaubend schön.
Den Kuss habe ich nie bereut. Aber jene Liebe, die ich für Yuki empfinde, hatte ich für Natalie nicht. Bei ihr war es anders.
Tom steht mir skeptisch gegenüber. Er hat Angst um seine Frau.
„Bleib weg von ihr, bleib weg von uns“, hat er mir einmal gesagt.
Ich habe ihn ausgelacht und weiß, wie ich ihn verletzen kann.
„Wenn ich sie wollte, hättest du keine Chance mehr“, sage ich.
Aber das war gelogen. Zumindest bei ihr.

Die Bilder verblassen und Tränen laufen mir über die Wangen. Ich bemerke es kaum. Es ist weniger Trauer, als vielmehr die schöne Erinnerung. Ich bade nicht im Meer der Tränen.
Yuki nimmt mich in den Arm.
„Was ist denn?“, will sie wissen. „Ist etwas Schlimmes passiert?“
„Ich musste an Natalie denken“, erwidere ich und Yuki nickt.
Sie kennt keine Eifersucht und dazu gibt es auch keinen Grund.
Ich habe ihr schon vor Jahren von Natalie erzählt, sie weiß alles von ihr.

Aus der Tiefe meines Herzens steigen Worte empor, die ich flüsternd mit ihr teile:

Tränen am Abend

Blondes Haar im Sommerwind

Du bist gegangen

Auf ewig dir verbunden

bleibt meine Erinnerung

Natalie ist am 12. August 2011 im Alter von 28 Jahren gestorben. Bei einem mehr als tragischen Verkehrsunfall. Sie hatte Streit mit Tom und ist in die Nacht geflohen. Aber Engel können nicht mehr fliegen, den Wagen sah sie zu spät. Für mich wird sie immer lebendig bleiben, jenes süße Mädchen mit dem blonden Haar. Meine Freundin, meine Schwester.
Ihr habe ich mein Pseudonym Nandalya gewidmet. Das heißt in der Sprache der Aborigines nichts anderes als … Natalie.