Kuro-obi – Black Belt

Auf besonderen Wunsch einer Leserin, aber eigentlich weil ich es so möchte, wird es nun doch diesen Beitrag über meine (unsere!) Dan-Prüfung(en) geben. Er bildet die Ankunft in Japan und die jüngere Vergangenheit ab. Viel Spaß beim lesen.

Japan, Fukuoka, Heimat. Nie zuvor, habe ich das derart intensiv empfunden. Bin ich keine Deutsche mehr? Deutschland hat mich tief geprägt. Dafür werde ich auf ewig dankbar sein. Aber ich bin und bleibe Japanerin. Und so ist es gut.

Die Tante, der Onkel und meine Eltern erwarten uns in Fukuoka. Die Begrüßung ist für japanische Verhältnisse herzlich. „Hallo mein kleines Mädchen“, höre ich meine Mutter sagen. Hat sie etwa Tränen im Gesicht? Mein Papa schmunzelt, als ich „Hast du mich vermisst, Väterchen?“, frage.

Yuki freut sich ebenfalls. Familie ist nun mal wichtig, das habe ich schon immer gesagt. Und Yuki gehört ganz selbstverständlich dazu. Meine Cousine wird sofort von allen bemuttert. Die verlorene Tochter ist heimgekehrt. Wird die Therapie halten? Alle hoffen es.

Die Mädchen sind müde aber glücklich, so viele bekannte Menschen zu sehen. Ken wirkt traurig. Sein Freund hat sich feige per SMS getrennt. Manche Menschen sind einfach nur Idioten. Aber Ken schüttelt den Kopf, als ich meine Hilfe anbiete.

Glück und Tränen

Yuki vermisst ihre Eltern. Das war schon in Santa Barbara so. Was sie nicht weiß, die beiden sind längst in Japan angekommen. Kurz darauf fließen bei Elfchen die Tränen vor Glück und ihre Mutter weint gleich mit. Was die nur immer haben! Ich bin natürlich völlig cool.

Es fühlt sich ungewohnt und doch richtig an, um diese Jahreszeit in Japan zu sein. Ich mache einige schlechte Bilder der vorweihnachtlichen Hakata Station. Die spinnen meine Japaner! Aber so sind wir, traditionsbewusst und doch Neuerungen aufgeschlossen. Und auch Santa Claus habe wir natürlich adoptiert.

Es gibt viel zu erzählen, die Zeit vergeht wie im Flug. Nach einer kleinen Ewigkeit landen wir todmüde im Bett. Ich träume klar und laufe über verschneite Wiesen. Neben mir freut sich die Inari. Auch sie werde ich besuchen. „Du bist zu Hause, Mayumi“, sagt sie leise. „Ich freue mich auf dich.“

Dojo

Die Tage vergehen, im Dojo assistiere ich meinem Vater, der plötzlich die höheren Kata von mir sehen will. Was hat er nun schon wieder vor? Ich tue ihm den Gefallen und laufe sie perfekt. Nur die amtierende Weltmeisterin kann das noch besser.

Aber die, um einen Vergleich mit Autorennen zu ziehen, fährt in der Formel 1. Ich nur in der Oberliga. Die SchülerInnen schauen fast ehrfürchtig zu. „Das ist doch keine Meisterschaft!“, liegt mir auf der Zunge, aber ich verkneife mir den Satz. Manchmal kann auch ich ein Engel sein.

Es macht Spaß in Japan zu trainieren. Alles ist vertraut und doch ganz anders. Disziplin wird hier bewusst gelebt. Im Ausland wird Karate oft mit Kickboxen gleichgesetzt. Ein Fehler, der fatale Folgen haben kann.

Traditionelles Karate kennt keinen Erstangriff, aber die Verteidigung ist effektiv. Der aus dem Karate entstandene Sport lässt den spirituellen Hintergrund vermissen. Salopp ausgedrückt prügelt man sich dort nur.

Der Test

Bekanntlich ist mir ein Teil der Wartezeit zum 4. Dan erlassen worden. Alles ist möglich, wenn man das von offizieller Seite will. Yuki wird für den 1. Dan geprüft. Sie ist ein wenig aufgeregt, aber guter Dinge. Und dann ist es endlich soweit.

Ich verzichte auf die Einzelheiten der Prüfung, die wären nur für wirkliche Kenner interessant. Yuki besteht mit Bravour. Ich habe die Ehre ihr den Schwarzen Gürtel umzubinden. Sie war schon immer (m)eine Meisterin. Nur auf den Kuss muss ich verzichten. Manche Regeln gelten auch für mich.

Dann bin ich an der Reihe. Unter kritischen Blicke zeige ich mein Können, beantworte Fragen und erkämpfe mir den Weg im Kumite. Wie immer muss ich mich zügeln und darf keine fremden Techniken nutzen. Normalerweise mache ich das instinktiv.

Hochkonzentriert beende ich den letzten Prüfungsteil. Plötzlich gibt es eine unerwartete Pause. Ist irgendwas passiert? Man bittet mich um einen Augenblick Geduld, die Prüfer beraten sich.

Kein Zweifel

Ich habe keinen Zweifel, dass ich bestanden habe. Aber etwas geht hier vor, das ich nicht auf der Rechnung habe. Ein älterer Sensei mit freundlichen Augen winkt mich herbei. Neben ihm sitzt mein Vater und der Rest der Kommission.

Japaner haben die Fähigkeit völlig ausdruckslos zu blicken. Das kann ich besser und schaue ungerührt zurück. Bei meinem Vater hat das noch immer in einem Schmunzeln resultiert. Man(n) teilt mir mit, dass ich die Prüfung bestanden habe. Plötzlich kommt ein „Aber …“

„Ihre Leistungen sind außerordentlich“, beginnt der alte Mann. „Wir haben das sehr ausführlich geprüft und auch wenn Sie normalerweise aufgrund ihres noch jungen Alters und der soeben erst bestandenen Prüfung zum 4. Dan, die Voraussetzungen für den 5. Dan nicht erfüllen, wird es, auf Antrag ihres Lehrers, eine Ausnahme geben. Sind Sie bereit?“

Yukis fassungsloses Gesicht werde ich nie vergessen. Für einen Moment spüre ich einen kleinen Stich im Bauch. Dann blicke ich in die Augen meines Vaters. „Du verdienst es!“, lese ich dort und er nickt mir aufmunternd zu. Einige Stunden später erhebt er mich in die Meisterklasse.

Meisterlich

Dan-Grade zu überspringen ist eine absolute Ausnahme und war lange verpönt. In meinem Fall und das erklärt man mir auch, ist es die lange Trainingszeit, meine überzeugende Darstellung der Techniken und mein Wissen, die diesen Schritt erst möglich machen.

Vermutlich liegt es auch daran, dass man Nachwuchs braucht und daher fördert. Und so ein wenig ist es Respekt vor meinem Vater, der immerhin einer Berufung folgte und die Jugendauswahl für Olympia trainiert.

Auch zahlt sich aus, dass ich bei meinen zahlreichen Seminaren immer „Gōjū-Ryū Karate“ unterrichtet habe. Zumindest auf dem Papier. Jetzt verstehe ich endlich, warum Schlitzohr Papa Kopien davon wollte. Diese Seminare werden als außerordentliche Leistung gewertet.

Ich brauche keinen Dan, als Aushängeschild, aber diese Ehrung erfüllt mich mit Stolz. Wer nun glaubt man habe mir diesen Gürtel geschenkt, der hat keine Ahnung von Karate! Die Prüfung war ultrahart, jeder Schritt, jede Antwort musste stimmen.

Eigentlich, das sagt man mir auch, hätte es keiner Prüfung bedurft. Wieder war es mein Vater, der genau darauf bestand. „Um Vorteilnahme auszuschließen“, erklärt er mir später. Das finde ich gut, er hätte mir den Gürtel auch schenken können, Dan Grade können in Ausnahmefällen ohne technische Prüfung vergeben werden.

„Und was erwartest du dafür?“, will ich von meinen Vater wissen, als wir wieder zu Hause sind. „Dass du eine gehorsame Tochter bist“, kommt seine Antwort wie aus der Pistole geschossen. Er flüchtet, als er meine Blicke sieht und meine Mutter lacht. Das ist japanischer Humor, wie ich ihn gern mag.

Der 5. Dan bedeutet für mich, dass ich nicht länger Schülerin bin. Ab dieser Stufe zähle ich zur Meisterklasse, wo mein Vater schon lange zu Hause ist. Er ist mächtig stolz, das kann er kaum verbergen. Auch auf Yuki, die er wie eine zweite Tochter liebt.

Japan, Fukuoka, Heimat. Nie zuvor, habe ich das derart intensiv empfunden. Ich bin zu Hause angekommen. Frohe Weihnachten euch allen. Wir lesen uns, das ist doch klar.

Drei

„Drei sind einer zuviel“, heißt es. Aber ich mochte diese Zahl schon immer. Und das obwohl mir Zweisamkeit über alles geht und ich meist mit 6 Zylindern durch die Gegend brause. Aber in der 6 steckt die Zahl 3 gleich doppelt drin. Soll das ein Zeichen sein?

Drei Freundinnen, die alles teilten, sind durch Düsseldorf und die Universität marschiert. Aber erst im dritten Anlauf bin ich zu BWL gekommen. Die Zahl 3 scheint also ein Teil von mir zu sein.

Drei Schwarze Gürtel im Karate, haben ein erstes Zeichen gesetzt. Auch in der Numerologie hat die Zahl 3 eine besondere Bedeutung. Angeblich haben Menschen mit der Lebenszahl 3 bis zu ihrem 33. Lebensjahr Probleme, den eigenen Weg zu finden.

Mit 3 Berufen und meiner Selbstständigkeit widerlege ich diese These. Auch wenn sich Pläne durchaus ändern können. Aber nur so bleibt das Leben spannend. Wer will schon auf ewig langweilige Runden drehen?

Eine TV-Serie mit mindestens 3 Staffeln darf als durchaus erfolgreich gelten. Gute DrehbuchautorInnen vorausgesetzt, wird daraus dann schnell mehr. Aber nichts ist für die Ewigkeit, nichts bleibt wie es war. Nur das Biest aus Düsseldorf, ist noch lange da.

Genau 3 Jahre gibt es meinen Blog, der am 8, Mai 2013 als „mein Baby“ geboren worden ist. Und es sind deutlich mehr als nur drei Beiträge geworden, die ich in dieser Zeit geschrieben habe. Aufregende Zeiten liegen hinter mir und mein Leben hat sich in diesen Jahren verändert.

Wenn ich heute meine ersten und noch recht flapsig verfassten Texte erneut lese, muss ich schmunzeln. Das ist Chatsprache mit Smilies gespickt, die Generation Internet lässt grüßen. Sehr schnell hat sich mein Stil (wieder) geändert. Von klaren Worten bis hin zur reinen Poesie. Lange Texte sind kurzen Sätzen gewichen.

Kühl, knapp, präzise, das bin ich. Vor mir liegt die Zukunft. Ich schrieb sie auf ein Blatt Papier. Dann habe ich es weggeworfen und sie neu geschrieben. Und ihr seid alle mit dabei. So wie meine Elfe und Ehefrau. Danke für drei Jahre. Sie haben Spaß gemacht.

 

 

 

 

Die Herausforderung

Hideko Matsuyama lächelte, als sie das Dojo betrat. Eingeladen hatte sie der Ju-Jutsu Verband von Deutschland, um eine Rede zu halten. Und so nebenbei sollte es auch Werbung für ihren neuen Film sein, den die Japanerin vor wenigen Wochen abgedreht hatte.

Der wahre Grund waren ihre umfassenden Kenntnisse des japanischen Budo. Seit Kindertagen, hatte sie mit ihrem Bruder trainiert. „Gosuke ist immer mein Vorbild gewesen“, erzählte sie. „Ohne ihn hätte ich niemals damit angefangen.“

Und wirklich war Gosuke Matsuyama kein Unbekannter in der Kampfsport Welt. Mehrere Jahre lang, hatte er die japanischen Karate Meisterschaften gewonnen und sich einen Ruf als Drehbuchautor aufgebaut. Und was lag näher, als auch für seine Schwester zu schreiben.

Hidekos Ruf als Kämpferin, war noch besser als ihr unbestrittenes Filmtalent. Während ihr Bruder bei den Männern dominierte, schlug sie alle guten Frauen dieser Welt. Als ein großer Filmkonzern dann nach Schauspielerinnen mit Kampfsport Erfahrung suchte, war Hidekos Zeit gekommen.

Sie brauchte kein Double und Stuntmänner die mir ihr drehten, taten sich oft selbst sehr leid. Zu der Rede war Hideko in einem traditionellen Karate-Gi gekommen, der Schwarze Gürtel wirkte bereits seltsam verblasst. „Den hat schon mein Vater getragen“, sagte sie und lächelte wieder. „Eigentlich habe ich zwei davon.“

„Ich halte Karate für völlig antiquiert“, meldete sich eine junge Frau zu Wort. Funkelnde Augen musterten die Japanerin, die den Blick sanft erwiderte. „Was ihr da zeigt, hat noch nie wirklich funktioniert. Ein Bodenkampf ist gleich viel ehrlicher.“

Natürlich verstand Hideko kein einziges Wort, aber ihr Blick blieb so sanft wie ihr Lächeln, als man es ihr übersetzte. „Was stört Sie?“, ließ sie fragen, „könnten Sie mir das bitte genau erklären, Frau …?“

„Susanne Langer, Deutsche Meisterin und Europameisterin im Ju-Jutsu“, war die Antwort. Aber ihr blauer Blick hielt dem von Hidekos dunklen Augen nicht sehr lange stand. Ihre Stimme zitterte leicht, als sie zum nächsten verbalen Rundumschlag ausholte.

„Es gibt doch so gut wie keinen Nahkampf im Karate“, sagte Susanne. „Das ist doch hilfloses Kittelreißen, was ihr da zeigt. Am Boden habt ihr null Chancen. Oder trauen Sie sich etwa zu eine Judoka zu schlagen?“

Hidekos Lächeln wurde noch breiter. Schon oft war sie Menschen wie Susanne begegnet, die wenig vom wahren Geist des Karate begriffen hatten. „Karate dient der Selbstverteidigung und wird niemals für einen Angriff genutzt“, erwiderte sie daher sanft und schaute sich ihr Gegenüber nun genauer an.

Schwarzer Gürtel, massive Statur. Im Hintergrund standen Pokale und ein Bild von Susanne hing an der Wand. Hideko begriff, dass Susanne hier die Meisterschülerin sein musste. Was wenig beeindruckend war. In ihrem Haus in Japan häuften sich die Pokale auch.

„Aber ihr habt doch auch Weltmeisterschaften!“, echauffierte sich Susanne. „Und was ich da gesehen habe, ist einfach lächerlich. Da passiert nie etwas! Die hüpfen auf der Stelle und schreien sich nur an. Das kann meine kleine Nichte besser.“

„Sie sprechen von Sportkarate“, erklärte Hideko. „Und ja, im Gegensatz zum koreanischen Taekwon-Do, ist das für Zuschauer oft wenig attraktiv. Was einer der Gründe ist, um Karate noch nicht olympisch zu machen. Aber im Taekwon-Do wird meist nur gekickt. Im Karate bringt oft ein Schlag den Sieg.“

„Das ist doch völliger Käse!“, erwiderte Susanne. „Sobald ein Karateka in meiner Nähe bist, habe ich den am Boden. Und was macht derjenige dann?“ „Ihnen ins Bein beißen“, erwiderte Hideko und hatte die Lacher auf ihrer Seite. „Entschuldigung, aber ich als Karateka würde kaum nach Ju-Jutsu Regeln kämpfen.“

Susannes Mundwinkel zuckten, mit dieser Antwort hatte sie kaum gerechnet. Aber sie hatte noch weitere Argumente. Sie holte ihr Handy und zeigte Hideko einen kurzen Film. Dort stolperten ältere Schwarzgurte umher. Die beleibten Herren waren alle außer Form. Vermutlich trugen sie den Gürtel seit Kindertagen.

„Das ist Taekwon-Do“, sagte Hideko und zeigte auf die Jacke mit V-Ausschnitt. „Vielleicht haben die Männer körperliche Probleme, die hohe Tritte verhindern. Ich kenne einen sehr erfahrenen Trainer, der einen schrecklichen Verkehrsunfall hatte und nun nach seiner Genesung wieder unterrichtet.

Jeder seiner Schüler könnte ihn im Kumite besiegen. Aber das macht natürlich keiner, warum auch? Er ist mein Vater und Sensei und kann noch immer die normalen Techniken zeigen. Und das macht er wirklich gut.“

Vehement schüttelt die Blonde den Kopf. „Typen wie die gibt es viele“, erklärte sie. „Jeder Ju-Jutsu Kämpfer in diesem Alter, wird die locker schlagen. So wie ich Sie problemlos auf die Matte schicken kann. Ist nicht böse gemeint, aber Sie hätten keine Chance gegen mich.“

Die entstehende Unruhe im Publikum sprach Bände. Die Offiziellen bemühten sich um eine Deeskalation, aber die Anwesenden witterten eine kleine Sensation. Hideko blieb auch weiterhin gelassen. Sie schickte einen ihrer Begleiter nach draußen, der mit zwei stumpfen Übungskatana zu ihr eilte.

„Meine Vorfahren waren Samurai aus dem Clan der Takeda“, sagte Hideko und bedeutete ihrem Assistenten sich ihr gegenüber zu stellen. „Vielleicht darf ich  Ihnen zeigen, was Kenjutsu und Daitō-ryū Aiki-jūjutsu ist.“

Susanne rang um ihre Fassung, als die beiden Japaner mit den Katana aufeinander trafen. Ihre Augen konnten die Hiebe kaum erkennen. Plötzlich ließ Hideko ihre Waffe absichtlich fallen und ihr Begleiter lief schreiend auf sie zu. Hidekos blitzartiger Konter ließ ihn hilflos am Boden zurück.

„Altmodischer Quatsch“, murmelte Susanne, „und völlig nutzlos heutzutage. Sie holte tief Luft, als sie der Teufel ritt. „Ich fordere Sie ganz offiziell heraus, Frau Matsuyama! Hier und jetzt ein echter Kampf! Dann werden wir ja sehen, wer und was besser ist.“

„Stop!“, unterbrach ihr Trainer nun. „Frau Matsuyama ist Gast hier und …“ „Ich akzeptiere“, ließ Hideko übersetzen. Sie lächelte schon wieder und verbeugte sich. „Entschuldigung, wie unhöflich von mir Sie nicht ausreden zu lassen.“

„Was ist dieses Daitō-ryū Aiki-jūjutsu überhaupt?“, fragte Susanne in die Runde und ernetete nur Schulterzucken. „Die harte Urform von Aikido“, sagte ein älterer Ju-Jutsu Offizieller. „Und Sie haben sich und uns soeben einen Bärendienst erwiesen!“

„Blödsinn“, grummelte Susanne, „Aikido ist Show und taugt nur als Bewegungstherapie. Und natürlich werden wir ohne diese Schwerter kämpfen. Die Nummer will ich sehen, wie die mich im Bodenkampf schlagen kann!“

„Es wird zu keinem Bodenkampf kommen“, hörte Susanne und sah wieder den älteren Herrn neben sich. „Karl-Josef Wagenbauer“, stellte er sich vor. „Ich habe Ewigkeiten in Japan gelebt und weiß, was diese Menschen können. „Und Sie, Susanne, haben keine Chance.

Daitō-ryū Aiki-jūjutsu ist kein Wettkampfsport! Die Samurai haben das auf dem Schlachtfeld benutzt, wenn sie die Waffe verloren hatten. Das ist kein weiches Aikido, da geht es richtig hart zur Sache. Ein Schlag, ein Tritt, vielleicht ein Haltegriff und der Gegner war am Ende tot.“

Susanne ließ sich nicht beirren. Sie war deutlich größer und schwerer, als ihre Kontrahentin und völlig von ihrer eigenen Technik überzeugt. Und sie hatte einen Plan, der genau in dem Moment scheiterte, als ihr Hideko zum ersten Mal brutal die Hand verbog.

Schreiend ging Susanne zu Boden. Solche Schmerzen hatte sie noch nie gehabt. Die nur angedeutete Handkante zu ihrem Hals, das wusste sie, hätten im Ernstfall und zur Zeit der Samurai den Tod gebracht.

Völlig konsterniert kam Susanne wieder auf die Beine. Die Hand schmerzte höllisch, aber funktionierte noch. „Vermutlich Bänderdehnung“, sagte ein Sanitäter, der sich um sie kümmerte. „Ende, der Tag ist gelaufen.“ „Mach mir einen Verband!“, zischte Susanne. „So einfach gebe ich nicht auf.“

In Runde 2 lief es scheinbar besser und sie konnte Hideko mit einem Hüftwurf zu Boden werfen. Nur um sich selbst ausgekontert und in einem schmerzhaften Armhebel zu finden. Ein Ruck noch und der Ellbogen würde brechen. „Verdammt!“, fluchte Susanne und klopfte ab. Wie hatte die Japanerin das nur gemacht?

„Das war Absicht!“, fauchte sie böse. „Sie … Sie kämpfen unfair!“ „Sie kämpfen“, ließ Hideko erwidern und verbeugte sich schon wieder. „Ich wehre mich bisher nur. Aber vielleicht möchten Sie aufhören?“

In Susannes Augen blitzte die Wut. Aber Wut hat noch nie zum Sieg geführt. Ihr schneller Kick erstarb in einem knallharten Tritt gegen die Innenseite ihres Oberschenkels, der ihr die Tränen in die Augen trieb. Den Tritt in ihren Bauch, der sie zu Boden schickte, bemerkte sie kaum noch.

„Entschuldigung“, sagte Hideko und verbeugte sich, „wollen wir jetzt bitte aufhören? Das ist zu gefährlich für Frau Langer. Ich möchte sie auf keinen Fall ernstlich verletzen. Darf ich ihr bitte helfen?“

Unter dem Beifall des Publikums half Hideko einer noch immer weinenden Susanne auf die Beine und brachte das Häufchen Elend in die Umkleidekabine. Dort zog Susanne ihre Hose aus. „Eis, rasch!“, rief die Japanerin, als sie den riesigen blauen Fleck sah.

Sie scheuchte den Sanitäter weg und versorgte Susanne selbst, die sich sichtlich geborgen fühlte. „Don’t you worry“, sagte Hideko plötzlich in akzentfreiem Englisch. „Everything will be fine. Can we be friends maybe?“

Hideko Matsuyama lächelte, als sie einige Monate später das Haus betrat. Eingeladen hatte sie Susanne Langer, die neue Weltmeisterin im Ju-Jutsu. Aber nicht, um eine Rede zu halten. Es ging mehr um den Austausch von Küssen. Aber geredet haben die beiden danach immer noch.

Der Mann, der kein Karate konnte

Lügner und Betrüger hat es schon immer auf der Welt gegeben. Wenn Menschen einen Vorteil wittern, schlagen sie hemmungslos zu. Sinnbildlich versteht sich. Einige auch mit brutaler Gewalt. Aber um Gewalt geht es in diesem Artikel nicht. Auch, wenn sie Teil unseres Lebens ist.

Im Karate gibt es Gürtel, die den Leistungsstand repräsentieren. Schwarz trägt nur der Meister, der bis zum 5. Dan selbst Schüler ist. Schwarz trägt auch ein neuer Schüler, der seit 10 Jahren Meister ist. Sagt er und legt eine Urkunde aus Malaysia vor, die niemand entziffern kann. Gleichzeitig aber auch ein Attest vom Arzt. Bandscheibe kaputt, das tut weh!

Angeblich ist der Mann in Hongkong geboren. Aber Kantonesisch spricht er nicht. Er ist Brite mit deutschem Pass und deutscher Mutter. „James heiße ich“, sagt er locker, „aber ihr könnt mich gern Jimmy nennen. So wie mein großes Vorbild, Jimmy Wang Yu.“

Die wenigsten meiner LeserInnen dürften diesen Namen kennen. Aber Wang Yu, war wirklich einst „Der Mann aus Hongkong.“ Er war auch „Der einarmige Schwerkämpfer“ und hat eine Menge Martial Arts-Filme gedreht. Alle auf seine eigene Art. Ich habe niemals einen schlechteren Martial Artist gesehen. Der Mann konnte nichts, das aber richtig gut.

Wang Yu’s Stärke war sein Charisma. Aber wer ihn ungelenk durch alte Filme hopsen sieht, wird meist laut lachen. Wang Yu konnte weder Karate, noch irgend eine Form des Kung Fu. Nur sein Schwertkampf war passabel. Offenbar hat er darin einst Unterricht gehabt. Der Rest war Straßenkampf und einstudierte Schläge.

Der Sensei akzeptiert Jimmy, aber der steht meist im Hintergrund. So gut wie nie nimmt er richtig am Unterricht teil, spart aber nicht mit klugen Sprüchen. Ich bin damals 19 Jahre alt. Es war meine wilde Zeit. Und doch war ich bereits gut darin Betrüger zu entlarven. Wie Jimmy, der nur ein Schauspieler ist.

Meine Chance kommt nach einigen Wochen, als ich den Sensei wegen Verspätung vertreten darf. Wie immer sitzt Jimmy im hintersten Winkel und feuert die anderen Schüler an. Als ich ihn bitte mir zu assistieren, wird er unruhig und will plötzlich gehen. „Ich habe noch einen Termin“, murmelt er. Was nach 20 Uhr am Abend kaum vorstellbar ist.

„Ich brauche doch nur 5 Minuten“, sage ich lächelnd. „Du würdest mir mit deiner großen Erfahrung sehr helfen.“ Jimmy wird bleich, Schweiß tritt auf seine Stirn. Ich habe ihn und er weiß das ganz genau. „Wenn du uns die Sesan-Kata zeigen könntest, ich werde dann dazu etwas erklären.“

„Ja, aber meine Bandscheibe“, protestiert Jimmy schwach. „Ich weiß nicht, ob mein armes Kreuz hält.“ Ungerührt blicke ich den erbärmlichen Lügner an. Dann trete ich blitzschnell zu. Jimmy macht keinen Versuch auszuweichen, er hat den Kick nicht kommen sehen. Keinem Meister wäre das passiert. Das wars mein Junge, du bist blamiert.

Jimmy sitzt verdattert auf dem Hosenboden und meine Schüler sind fassungslos. Unruhe macht sicht breit. Wütende Rufe, der Zorn regiert. „Zieh diesen Gürtel sofort aus“, sage ich bestimmt. „Du bist nur ein Lügenmeister.“ Unser Sensei rettet die Situation und erspart dem Entlarvten weitere Schmerzen. Körperlich. Sein kleines Ego leidet schwer.

Mit knappen Worten informiere ich den Sensei und er nickt. „Meine Schuld“, sagt er zerknirscht. „Ich habe so etwas schon geahnt und wollte es nur nicht sehen. Aber du leitest heute das Training. Entscheide du.“ Ich nicke und gehe drohend auf Jimmy zu. „Warum“, will ich wissen, „was soll dieses Theater?“

Jimmy geht auf die Knie und verbeugt sich immer wieder. Er stottert, versucht sich zu erklären. Unwirsch nehme ich den Gürtel aus seiner Hand. „Ich … ich habe Karate immer geliebt“, flüstert der Lügner. „Ich wollte doch nur so so sein wie Wang Yu!“ „Ein Mann, der kein Karate konnte“, erwidere ich kalt. „Bravo, das hast du geschafft.“

Ein schwarzer Tag in meinem Leben

Mein Leben ist so bunt, wie der Regenbogen Farben hat. Selbst graue Tage gehen spurlos an mir vorbei. In meinem Herzen ist kein Platz für Trauer, oder winterliche Melancholie. Und doch ist am vergangenen Wochenende etwas geschehen, was die Farbe aus meinem Leben genommen hat. Mein Geist ist in die Dunkelheit geglitten. Der Tag war Rabenschwarz.

Es ist Samstag 6:30 Uhr, als der Wecker in meine Ohren summt. Sofort bin ich hellwach und ziehe Elfchen frech die Decke weg. „Biest!“,  ruft sie sofort, das Kopfkissen verfehlt mich um Zentimeter.
Lachend fliehe ich vor ihr und bin als Erste in der Küche.
„Beil dich Schlafmütze!“, rufe ich und beginne mit meinem Werk.
Aber Elfen brauchen immer 5 Minuten länger, als ihr menschliches Pendant.
Der Spaß endet schnell, dieser Tag wird noch ereignisreich.
Yuki ist aufgeregt und ich die Ruhe selbst. Was soll schon groß geschehen?

Es folgt Frühstück und Zähneputzen. Die (Un)Sitte das vor dem Frühstück zu machen werde ich nie verstehen. Gepackt haben wir schon am Abend und geduscht natürlich auch. Auf die Idee ungewaschen ins Bett zu gehen kämen JapanerInnen nie.
Der Audi Q3 hat ausgedient, der Nissan Qashqai ist unser neuer Wagen. Wolf hat ihn kurzerhand für die Firma gekauft, als neues „Biestmobil“, wie er ihn nennt.
Immerhin hat der Audi uns treu gedient und fast störungsfrei durch die Monate begleitet. Aber ein Motorschaden war das Aus. Der Test war trotzdem positiv, die Daten bleiben wichtig.
Aber wir bekommen bald einen neuen Dauertester. Nur was es ist, das will uns Wolf noch nicht verraten. Ich starte den kleinen Diesel, Düsseldorf wir kommen!

Deutlich langsamer als sonst, aber dafür entspannt erreichen wir gegen Mittag mein Elternhaus. Von dort geht die Reise schon bald weiter. Mit meinem Vater im Gepäck.
Wir reden wenig, seine Miene ist grau an diesem Tag. Vielleicht sind es auch nur die Schatten des Winters. Mein Vater ist kein negativer Mann.
Ein flaches Gebäude harrt unserer Ankunft schon. Mit flinken Schritten eilen wir zur Tür. Neonlicht ersetzt das öde Grau.
Unsere Wege trennen sich kurz, Yuki und ich müssen einen anderen Weg gehen. In der Umkleide ziehen wir uns um. Die Haare werden zum Pferdeschwanz gebändigt.
Schweigend gehen wir einen langen Gang entlang.´Es folgt ein schwarzer Tag in meinem Leben, den ich so schnell nicht vergessen kann.
Mein Vater wartet schon. Auch er im Karate-Gi. Was habt ihr denn nun gedacht?

Streng wirkende Männer und eine Frau mustern mich kritisch. Mehr als zehn Jahre ohne jede Praxis ist ihnen suspekt.
Nun mag eine Mayumi vieles sein, aber dumm mit Sicherheit nicht. Und im Karate-Verband bin ich immer Mitglied geblieben.
Trainiert habe ich bekanntlich immer. Auch, wenn mein Fokus auf anderen Dingen lag. Aber Karate bleibt immer ein wichtiger Teil in meinem Leben. Karate liegt mir im Blut.
Schon vor der Karate-WM in Bremen, habe ich intensiv für den 3. Dan geübt. Wobei es nur Wiederholungen waren. Das Programm kann ich im Schlaf.
(M)Ein weiterer Weg zur Meisterschaft, wie mein Vater gern erklärt.

Es ist lange her, dass ich im Karate eine Prüfung machte. Entsprechend hoch ist die Skepsis der Trainer. Aber mein Vater ist auch dabei. Meister unter sich.
Nach dem 2. Dan bin ich eigene Wege gegangen und habe mich umorientiert. Gürtel waren mir plötzlich weniger wichtig. Und ganz ehrlich, im Kumite schlage ich auch einen höheren Dan. Ich habe Yuki auch Karate beigebracht. Sie kann das richtig gut. Ihr Rang ist viele Stufen unter Schwarz. Aber wer will meine Elfe schlagen? In der Liebe zu mir ist sie ohnehin unerreicht, da hält sie alle Gürtel dieser Welt. Entsprechend tapfer steht sie neben mir. Und ich liebe sie dafür.
Die Prüfung beginnt. Lasset die Spiele beginnen. Jetzt wird gekickt.

Viele Menschen haben ein falsches Bild vom Schwarzen Gürtel. Sie glauben, dass man nun ein(e) MeisterIn ist. Natürlich ist das richtig und auch wieder falsch. Großmeister sehen das etwas anders.
In Wahrheit bleibt man bis zum 5. Dan (Meister)SchülerIn. Erst dann folgt die wahre Meisterstufe. Aber schon lange vor dem 1. Dan, habe ich Karate als Weg für mich erkannt.
Dan ist das japanische Wort für Stufe / Rang. Und dort stehe ich Gürtelmäßig auf dem zweiten (Meister)Rang Zwei. Mein Dickkopf hat einst mehr verhindert. Aber das ist nun vorbei.
Elfchen darf auch zeigen was sie kann. Sie beginnt und ich bin wie immer fasziniert.
Yuki tanzt einen Reigen, der aus purer Eleganz geboren worden ist.
Zwar ist es „nur“ Grün, was sie als Farbe erhält. Aber ich weiß, was meine Elfe wirklich kann.
Wie im Aikido, wird sie auch im Karate ihre Frau stehen. Und im Leben steht sie gleichberechtigt neben mir.

Nun geht es los für mich. Hochkonzentriert trete ich nach vorn.
Sie testen mich so hart, wie ich erwartet hatte. So muss ich alle Kata aus dem Schülerbereich zeigen, was kein Problem bedeutet.
Auch Kihon Ido ist gefragt, sie wollen die Grundtechniken sehen. Die Zeit vergeht fast ohne Pause, der Körper ist nun Karate.
Mein Geist ist klar und fokussiert, nichts außer diesem Tag ist wichtig.
Ich muss zwei Kämpfe bestreiten. Zeit mich zu amüsieren.
Ein Mädel mit dem 1. Dan liegt nach 10 Sekunden auf der Matte. Sie hat keine Chance gegen mich. Und sie fällt immer wieder, ein wenig tut sie mir leid.
Der Schwarze Gürtel macht noch keine Kämpferin.

Der deutlich größere Mann ist schwerer zu knacken, er setzt auf Konter und seine langen Beine. Das wird spaßig. Normal bin ich die Konternde. Aber ich kann auch voll auf Angriff gehen. Normalerweise kämen nun Mayumi typisch z. B. Tritte zum Knie. Aber das hier ist Sport. Ich will niemand verletzen.
Mein Karate-Stil ist anders, aber das darf ich in einer Prüfung nicht zeigen. Hier wird auf Tradition geachtet.
Aber 1,62 Meter geballte Energie besiegt auch einen Mann, der sich für überlegen hält. Und so einige Techniken im Goyu-Ryu Stil sind mit dem Aikido verwandt.
Muss ich mehr erzählen?

Aus den Augenwinkeln beobachte ich die Reaktionen der Prüfer, die deutlich überrascht und begeistert sind. Mein Vater gestattet sich ein leichtes Schmunzeln.
Vielleicht noch ein Wort über ihn, der immer auch mein Sensei ist. Bei aller Liebe zu mir bleibt er streng, wenn es um Fragen des Karate geht.
Er hat mich nie bevorzugt. Meine Gürtel sind ehrlich erworben, niemand hat sie mir geschenkt.
Und auch an diesem Tag gibt es kein Pardon. Nach Selbstverteidigung, Kampfrichterwesen, Kata, Erklärung der Techniken und intensiven Fragen zum Karate sehe ich die Farbe Schwarz!
Schwarz ist mehr, als nur eine Farbe. Und Schwarz habe ich mir redlich verdient.

Es ist wieder mein Vater, der mir stolz die Urkunde zum 3. Dan überreicht. Und auch einen neuen Gürtel, der nun drei Streifen hat: Sandan, der Grad des anerkannten Schülers, wie es im Karate heißt. Bis zum 4. Dan muss ich nun vier Jahre warten. Vielleicht drei, bei verkürzter Vorbereitungszeit. Und wenn es nach meinem Vater geht, so müssen weitere Grade her. Mein Leben ist so bunt, wie der Regenbogen Farben hat. Selbst graue Tage gehen spurlos an mir vorbei. Aber dieser 6. Dezember ist (m)ein schwarzer Tag. Und das ist richtig gut.

Wer mehr über die Farbe Schwarz lesen möchte, dem empfehle ich folgende Artikel:

Klick mich: Drei Farben Schwarz und Die Farbe Schwarz

 

Von Drachen und Zwergen

Drachen gelten in der westlichen Mythologie als böse und verschlagen. In Japan sieht das anders aus. Zwar sind die Ryu (竜), wie Drachen dort heißen, auch nicht immer nett, aber Glücksdrachen kennt jedes Kind. Apropos Kinder, die natürlich auch an Fabelwesen erinnern. Die Zwerge. Und Drachenzwerge habe ich meine Kindergruppe genannt, die ich nun mit Linda trainiere.

Mein Plan ist einfach, ich werde die Kinder nach Talent fördern und auch den geistigen Aspekt anregen. Leider kann ich das Training nicht jede Woche leiten, 48 Stunden hat mein Tag noch nicht. Die kleine Gruppe ist auch mehr oder weniger privat, alle Familien sind befreundet. Und sobald bei Vanessa die Dinge geregelt sind, werden auch die Zwillinge ins Dojo kommen.

Sechs Mädchen und zwei Jungs, im Alter von fünf bis sieben Jahren, stehen für den Unterricht in Lindas Dojo bereit. Zwei Mädchen haben bereits Erfahrung im Judo, fanden das aber übereinstimmend „doof.“ Der Rest sind Anfänger und total aufgeregt. Einige der Kinder stammen aus Regenbogen Familien, Ein Mädchen und ein Junge haben hetero Eltern.

Von Anfang an ist es mir wichtig, dass Verständnis und Toleranz in der Gruppe herrscht. Und siehe da, es gibt kein Problem. Kinder mögen Uniformen. Und ein Karate-Gi ist etwas besonderes für sie. Bewusst habe ich Wert darauf gelegt, dass Farbe ins Spiel kommt. Schwarz, Blau, Rot und Weiß bunt gemixt. Das mögen die Kleinen. Und die noch weißen Gürtel werden bald anderen Farben weichen.

Auch mein Anzug ist nicht traditionell. Eine weiße Taekwon-Do Jacke und eine dunkle Hose sind mein heutiges Bild. Mein Schwarzer Gürtel fasziniert die Kinder.
„So einen mag ich auch haben“, lässt mich Leonie wissen.
Sie hat bereits zwei Jahre Judo hinter sich und ist die Älteste der Gruppe. Und sie hat Talent.
„Dann werden wir fleißig üben“, erwidere ich. „So ein Gürtel ist doch chic.“

Die erste Stunde dient den Grundlagen. Wie bewegt man sich, der Stand, wie benimmt man sich. Ich erzähle über die Geschichte des Karate, über Aikido und Kung Fu.
„Bringst du uns auch Kung Fu bei, Tante Mayumi?“, fragt mich Lars. „Und wie man richtig haut?“
Nun bin ich keine Tante und Lehrer werden in Japan Sensei genannt. Aber der Kleine ist Fünf und ich sehe das nicht so eng.
Wobei ich schon Wert auf Disziplin lege. Aber alles ganz spielerisch. Mit Zwang erreicht man bei Kindern nichts.

„Warum willst du jemand schlagen?“, frage ich. „Bist du ein böses Kind?“
„Aber nein!“, empört sich Lars sofort. „Ich …, also da gibt es diesen Jungen. Der klaut immer das Pausenbrot von Kindern. Und wenn du es nicht gibst schlägt und beißt er. Der ist voll gemein!“
Wie mein Vater vor Jahren bei mir gehe ich auf die Knie und winke Lars heran. Nun sind wir auf Augenhöhe.
„Wir spielen ein Spiel“, sage ich. „Ich bin der Junge aus der Nachbarklasse, der dein Pausenbrot haben will.“
Lars wirkt verunsichert. Er zögert kurz und nickt.
„Was machst du, wenn er es von dir fordert?“, frage ich.
„Auf die Nase boxen!“, kommt es ganz spontan. „Das bringst du mir doch bei?“
Ich verkneife mir ein Lachen, Lars muss keine Mayumi sein.
„Nein“, erwidere ich. „Gewalt wenden wir nur zur Selbstverteidigung an. Und auch dann möglichst sanft. Du wirst den Jungen fragen, warum er dein Brot haben will. Ob er vielleicht nichts zu essen hat und du mit ihm teilen kannst.“
Lars ist verwirrt, das ist deutlich zu sehen.
„Vielleicht hat der Junge keine Mutter, die ihm Pausenbrote macht. Und vielleicht ist er ganz nett und hat nur einfach keine Freunde.“
Einige Tage später erzählt mir Lars, dass er einen neuen Freund gewonnen hat. Eben jenen Jungen aus der Nachbarklasse, der wirklich nichts zu essen hat.
Gewalt ist keine Lösung.

Viele Menschen haben ein falsches Bild von Karate. Sie stellen das Wort mit meist schlechten Filmen gleich, in denen sich Bösewichte gleich haufenweise auf die Nase geben. Und genau da liegen sie falsch. Karate ist ein Weg, um zu sich selbst zu finden. Vor allem Kinder können das sehr gut. Sie erschaffen oft mit ihrer Fantasie ganze Welten. Und genau da hakt Karate ein.

Karate gibt vor allem schwachen Menschen die Fähigkeit, gegen scheinbar übermächtige Gegner zu bestehen. Nur muss dieser Gegner kein prügelnder Schurke sein. Auch der Alltag bietet allerlei Herausforderungen, die scheinbar übermächtig sind. Denen kann man kaum mit einem Tritt begegnen, aber mit innerer Stärke und Selbstvertrauen. Und das lehre ich.

Die wahre Meisterschaft eines Sensei liegt nicht darin möglichst viele und komplizierte Kampftechniken zu zeigen. Vielmehr geht es darum Schüler sanft auf die Härte des Lebens vorzubereiten und ihnen Stärke durch innere Harmonie zu vermitteln. Dann gewinnt der Schüler auch seine Kämpfe mit sich selbst. Indem er sie nach Möglichkeit vermeidet.

Meine Kinder sind alle noch sehr jung. Bei ihnen wird der Spaß an der Bewegung überwiegen. Der spielerische Aspekt, die Gürtelfarben. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass sie mit und durch Karate, einen besseren Weg durchs Leben gehen.

Die Farbe Schwarz

Schwarz, so heißt es, sei die dunkelste aller Farben. Für viele Menschen gilt Schwarz als Farbe des Todes. Sie steht für die Trauer, das Böse und Bedrohung. Schwarz ist für mich keine negative Farbe. Schwarz steht für Unbezwinglichkeit, Erneuerung, Würde, Macht, Ernsthaftigkeit und Exklusivität.

Schwarz steht auch für den Meistergrad, den 1. Dan im Aikido. Und genau den habe ich am Wochenende erworben. Und das finde ich gut. Die Vorgeschichte finden Interessierte hier KLICK. Schwarz, so heißt es, entstehe beim Fehlen eines Farbreizes im Auge. Warum nur fühlen die sich plötzlich so feucht an? Hat das was mit „Wasserfarben“ zu tun?

Der Schritt war lange überfällig, Techniken und Philosophie habe ich seit Jahren beherrscht. Nur mein Dickkopf hat die Prüfung bisher verhindert. Aber damit ist nun Schluss. Auch ich muss manchmal über meinen Schatten springen. Und auch der ist bekanntlich Schwarz.

Schwarz, so heißt es, sei auch eine Farbe der Macht. Aber ich brauche keine Macht. Wer sich mit Macht und Erfolgen brüstet, der verdient sie nicht. Trotz allem ist der 1. Dan mehr als nur ein Symbol. Für mich ist er Einstieg in die Trainerwelt. Hochoffiziell darf ich nun andere lehren. Und auch das finde ich gut.

Yuki strahlt und fliegt in meine Arme. Auch sie ist geprüft und hat bestanden. Sie trägt nun den braunen Gürtel. Wobei sie gleich mehrere Stufen übersprungen hat. Geht nicht? Geht sehr gut! Der Trainer entscheidet und sie war reif dafür. Auch der ist stolz. Vielleicht hat er auch Angst vor meinem Vater. Der hat sehr ernst geschaut und ist noch viel höher dekoriert.

Stolz hat uns mein Vater Urkunde und Gürtel überreicht. Das hat er sich nicht nehmen lassen. Die Prüfung selbst war kein Problem. Im Gegenteil hat sie richtig Spaß gemacht und ich wieder richtig Lust bekommen, den Weg der Farben zu gehen. Daher ist es entschieden, der 3. Dan im Karate wird dieses Jahr noch folgen. Dann ist es aber gut.

Die Farbe Schwarz, so heißt es, berge Mystisches und Geheimnisvolles in sich. So, wie eine Mondlose Nacht, in der man nicht die Hand vor Augen sehen kann. In gewisser Weise trifft das auch auf die Budo-Welt zu. Mit dem 1. Dan beginnt ein neues Kapitel für den Lernenden. Zwar darf er nun lehren, sein Lernprozess ist aber noch lange nicht zu Ende.

Und lernen will und werde ich. Mein Leben lang. Vielleicht werde ich dann eines Tages auch so gut wie meine Elfe sein, die mir im Kissenwurf und im Lächeln deutlich überlegen ist. Da hat sie mindestens einen 10. Dan. Ob das an ihren schwarzen Haaren liegt?

Schwarz, so heißt es, sei die dunkelste aller Farben.
„Schwarz“, flüstere ich Yuki zu, „ist die schönste aller Farben.“
Sie lacht und sie versteht.

Drei Farben Schwarz

Mit dem Ttel des Artikels lehne ich mich an drei Filme an, die ab 1993 für Furore sorgte. Es sind die Filme „Drei Farben: Blau / Weiß / Rot.“ Aber ich drehe keinen Film. Ich schreibe lediglich über mein Leben. Und dem habe ich beschlossen eine weitere Farbe zu geben. vor mehr als zehn Jahren habe ich mit dem Farbenrausch aufgehört und keine Prüfungen mehr in Karate und Aikido gemacht. Das soll nun wieder anders werden und das hat einen Grund.

Im Karate habe ich den 2. Dan, den zweiten Schwarzen Gürtel. Mehr braucht kein Mensch. Aber mit dem 1. Dan darf ich lehren und das kann ich richtig gut. Vor allem Frauen und Kinder. Im Aikido habe ich keinen Meistergrad. Zumindest nicht auf dem Papier. Aber ich mag auch in dieser Sportart lehren. Und ein 1. Dan gehört dazu.

Yuki wird mich wie immer unterstützen und auch eine Prüfung machen. Aber vom 1. Dan in Karate, oder Aikido ist sie noch ein ganzes Stück entfernt. Aber niemand sollte meine Elfe jemals unterschätzen. Auch ohne Gürtel ist sie gut.

Im Unterschied zu mir ist für sie alles Spaß und Spiel. Sie scheint die Techniken zu tanzen, so zumindest sieht das bei ihr aus. Ich dagegen schlage zu. Dynamik gegen Eleganz. Als Duo unschlagbar. Zwei Seelen, eine Idee. Natürlich ist mein Papa begeistert, als ich ihm die Neuigkeit erzähle. Er wird mich gründlich vorbereiten und bei der Prüfung anwesend sein.

Im Aikido gibt es normalerweise keine Gürtel. Dort trägt man nur Oberteil und Hosenrock. Der 1. Dan wird lediglich symbolisch verliehen. Auch, wenn man das in Europa und Amerika ganz anders sieht. Aber was interessieren mich westliche Neuerungen, wenn ich einen japanischen (Groß)Meister zum Vater habe?

Der Sinneswandel kommt nicht von ungefähr und hat sich schon länger angedeutet. Linda hat Anteil an meinem neuen Denken. Sie braucht eine Trainerin. Und für immer will ich meine freie Zeit nicht in getunten Autos verbringen. Das macht Spaß und auch durchaus Sinn. Nur eben nicht auf Dauer. Da fehlt mir dann der Faktor Mensch.

Um Geld geht es dabei nicht. Das kann ich anders besser verdienen. Aber Frauen und Kindern zu helfen ist mir wichtig. Und da gehört auch Training mit dazu. Es fördert Fitness, aber auch den Geist. Und es ist gut gegen jede Art von Gewalt. Klassisches Aikido werde ich nicht unterrichten. Mein Stil wird angelehnt an Daitō-ryū Aiki-jūjutsu sein. Und das ist mit Jiu Jitsu verwandt.

Nach der Aikido-Tradition wird Kindern Aikido erst ab vierzehn Jahren vermittelt. Und das halte ich für falsch. Aber ich halte so einige Sachen der traditionellen Meister für überholt. Selbstverteidigung hat sich verändert, was zum Glück auch Linda so sieht. Zwar sind Traditionen wie Meditation durchaus wichtig, sie fördern die Konzentration. Aber im Straßenkampf gilt es blitzschnell zu reagieren.

Vielleicht werden sich nun viele LeserInnen fragen, wann ich das alles machen will. Und was aus meinem Wing Chun Training wird. Die Antwort ist so einfach, wie unkompliziert. Zur Zeit haben wir Semesterferien und ein Studium dauert kaum den ganzen Tag. Auch im Wing Chun strebe ich die Lehrerwürde an. Aber bis zu dem Tag ist es noch etwas hin.

Mir ist schon mehrfach die Frage gestellt worden, wie ich die drei Stile kombiniere. Von unmöglich war die Rede und dass ich niemals so gut sein könne, wie ein Meister in nur einer Sportart. Für diese Aussage habe ich nur ein japanisches Lächeln. Denn es geht sehr gut. Nur fehlt vielen Leuten genau dieses Talent.

Drei Schwarze Gürtel sind keine Besonderheit. Mein Papa hat noch einige mehr. Für mich sind sie lediglich Farben. Für ihn ein tieferer Sinn. Den kann ich sehen, mag aber seinen Weg nicht gehen. Aber der Geist des Budo lebt auch in mir. Ich bin eine Regenbogenkriegerin.