Elfen, Kinder und Hormone – Von der Unlust schwanger zu werden

Zwar habe ich versprochen keinen Blog über Schwangerschaft und reine Frauendinge zu schreiben, aber ein kleines Update gibt es doch. Elfchen und ich hatten diese Woche einen Termin bei der Fraunärztin unseres Vertrauens, um Yukis Kinderwilligkeit zu testen. Denn schwanger werden wollen und es auch können, das sind zwei Paar Schuhe. Und bei Yuki passen die nicht.

Ich hatte bereits von meinen Problemen geschrieben, die ich als Teenager hatte. Endometriose, die behandelt worden ist. Kinder werde ich mit diesem Hintergrund keine bekommen. Selbst wenn ich wollte gäbe es vermutlich eine Fehlgeburt. Die Chancen auf eine normale Schwangerschaft sind bei mir sehr gering.

Bekanntlich gleichen sich bei miteinander lebenden Frauen, die Zyklen an. Egal ob hetero, oder lesbisch, wir bluten oft am gleichen Tag. Meine Regel spinnt sowieso schon immer. Bei Stress kann ich an diesen Tagen auch mit Schmerzen rechnen. Ich weiß das, lebe damit, alles gut.

Yuki hat über die letzte 5 Monate akribisch Buch geführt, das Ergebnis ist ernüchternd. Die Lutealphase meiner Süßen ist deutlich zu kurz und liegt im Durchschnitt unter 10 Tagen. Und das ist für eine Schwangerschaft zu kurz.

Unglücklich ist Yuki nicht, sie sieht das japanisch gelassen.
„Du bist schuld“, sagt sie mir frech ins Gesicht und unsere Ärztin schaut entsetzt.
„Alles gut“, beruhige ich die Frau sofort. „Das ist nur unsere Art der Liebe.“
Yuki nickt und drückt meine Hand, die Frauenärztin versteht zum Glück.

„Es könnte durchaus sein“, sagt sie, „dass Ihre Frau nicht so ganz unrecht hat. „Bei Ihnen, Frau Landar, stimmt so gut wie nichts. Einige Endometriose-Herde sind noch immer zu finden und es wundert mich, dass sie keine Schmerzen haben. Und ihre Lutealphase ist definitiv zu kurz.“
Ich zucke mit den Schultern.
„Seit der Hormonbehandlung und OP, hatte ich keine größeren Probleme mehr“, erkläre ich. „Und schwanger wollte ich nie werden.“
Aber Mutter werde ich, das steht felsenfest.

Es folgt ein (wissenschaftlicher) Vortrag über Hormone und Schwangerschaft, den ich, aus Liebe zu meinen LeserInnen, streiche. Lieber streichele ich euch weiter mit Worten und meine Elfe sowieso. Aber das habt ihr bestimmt gewusst.

Progesteron heißt das Zauberwort und Utrogest das Medikament. Skeptisch lesen wir den Beipackzettel, als wir auf dem Weg nach Hause sind. Nun ist Yuki niemals ernsthaft krank gewesen, aber sie verträgt Medikamente sehr schlecht. Schon eine harmlose Aspirin zeigt bei ihr mehr Wirkung, als vom Hersteller vorgegeben ist.

Utrogest ist definitiv kein Medikament, mit dem Frau spaßen sollte. Die häufigen, aber angeblich harmlosen Nebenwirkungen, lassen Yuki das Gesicht verziehen.
„Zwischen- oder Schmierblutungen, Kopfschmerzen, Müdigkeit, leichte Verdauungsbeschwerden, Bauchkrämpfe, Berührungsempfindlichkeit der Brüste“, liest sie vor.
Prompt fühle ich einen Stich im Magen. Was immer meine Frau betrifft, hat auch Auswirkungen auf mich. Und schon liest Yuki weiter.
„Sehr seltene Nebenwirkungen sind Kopfschmerzen, Migräne, starke Depressionen, starke Überempfindlichkeitsreaktionen mit Blutdruckabfall, Kreislaufkollaps oder Herzrhythmusstörungen.“
Und Depressionen braucht (m)eine Elfe nicht!

Wir schauen uns an und müssen nichts sagen. Die spinnen, die Römer, das Zeug kommt uns nicht ins Haus.
„Wollen wir es dann ohne versuchen?“, fragt Yuki. „Vielleicht klappt’s ja doch ohne doofe Chemie.“
„Ich mag dir das auf keinen Fall zumuten sage ich. Kinder um jeden Preis? Nein! Ich mag dich nicht leiden sehen. Und wir wissen beide, dass du wirst. Also lassen wir den Dreck.“
Yuki schenkt mir einen warmen Blick aus ihren wundervollen Mandelaugen.
„Ich liebe dich“, sagt sie und gibt mir einen Kuss. Dann holt sie tief Luft und schließt kurz die Augen. „Lass uns lieber Möbel kaufen gehen“, sagt sie. „Düsseldorf, wir kommen!“
Und genau das haben wir gemacht, wenn auch ohne Hormone. Oder vielleicht doch mit. Shopping liegt Frauen in den Genen. Das habe ich immer schon gewusst.

Dildos, Manager, Geliebte – Mein Weg zu Macht und Ruhm

Das Angebot steht, der Vertrag liegt vor mir auf dem Tisch. Traumjob mit Topgehalt, ihre Hoheit lassen bitten. Yuki blickt fassungslos auf die Zahlen und schüttelt immer wieder den hübschen Kopf. Ich schenke ihr ein Lächeln und einen sanften Kuss. Erfolg kommt manchmal über Nacht. Aber nie ohne Fleiß. Das habe ich immer schon gewusst.

Graf Werners Angebot erreicht mich wenig überraschend. Seit Monaten spricht er davon. Nun hat der alte Herr Nägel mit Köpfen gemacht und ließ den Worten Taten folgen. Natürlich freue ich mich, aber aufgeregt sein ist anders. Entspannt analysiere ich die Situation.

Die puren Fakten: Selbstständige Unternehmensberaterin mit Doktortitel und A-Lizenz, Vertrag mit einer Tuning-Firma. Auch für meine Eltern bin ich tätig. Alles vertraglich abgesichert, alles legal. Nebenbei gebe ich Privatstunden in Selbstverteidigung und lehre Kinder. Mein Einkommen sichert unser Auskommen locker, Geldsorgen hatte ich noch nie.

ManagerInnen haben keine festen Arbeitszeiten. Dafür aber meist ein Traumgehalt. Und sie müssen oft Dinge entscheiden, die nicht immer sofort nachvollziehbar sind. Als Selbstständige habe ich die Freiheit NEIN zu sagen, wenn ich genau diesen Auftrag nicht will. Und das ist richtig gut.

Mein neues Leben soll zwischen Hamburg, Berlin und München sein. Zu Hause wäre ich selten bis nie. Eine Wochenenbeziehung, ein Leben ohne Elfe? Undenkbar für mich. Die Kinderpläne, der Master, werden Yuki an Stuttgart und später Düsseldorf binden. Zeit mir zu assistieren bleibt kaum. Aber der Rubel rollt.

Im Grunde genommen liebe ich mein jetziges Leben. Unabhängig, beraten hier, Auto testen dort. Und nebenbei ein wenig bloggen. Und die große Liebe ist stets dabei. Was will Frau noch mehr? Im Büro gibt’s vermutlich scharfe Miezen und den ein oder anderen Flirt.

Ich sehe Angst in Yukis Gesicht. Auch, wenn sie sich meisterhaft beherrscht. Sofort nehme ich sie in den Arm.
„Alles wird gut mein Schatz!“, sage ich zu ihr und weiß, wie ich sie beruhigen kann.
Lächelnd legen ich den Vertrag zur Seite und hole die Autoschlüssel.
„Lass uns zu den Drachenzwergen fahren“, sage ich gut gelaunt. „Heute sind die Prüfungen dran.“
An das Angebot denke ich keine Sekunde mehr. Andere Dinge sind mir wichtiger.
(Selbst)Disziplin ist alles. Und die ist nicht wirklich schwer. Soll ich sie euch lehren?

Am Abend, auf der Fahrt nach Hause, streichelt Yuki immer wieder meine Hand. So schweigsam ist Elfchen sonst kaum.
„Wie kannst du nur so locker über Dinge hinweg gehen“, sagt sie leise. „Ich kenne dich schon so lange, aber manchmal machst du mir damit Angst. In meinem Kopf schwirrt es. Dabei bin ich noch nicht mal schwanger!“
Sie lacht schon wieder bei den letzten Worten und mir wird sofort warm ums Herz.
„Es ändert doch nichts, wenn ich mir Gedanken um Dinge mache, die weder spruchreif noch zu ändern sind“, erwidere ich. „Im Gegenteil lenken sie mich nur ab. Das Hier und Jetzt ist wichtiger, als ungelegte Eier.“
Gack gack gack, ihr Hühner!

„Aber das Angebot ist schon toll“, fährt Yuki fort. „Der Graf mag dich wirklich. Er hätte auch viel weniger Gehalt einsetzen können. Ich glaube ich bin eifersüchtig!“
Natürlich ist das nur ein Scherz. Eifersucht ist ein Fremdwort für meine Elfe.
„Willst du, dass ich annehme?“, frage ich lässig. „Stell dir das nur vor, ich berockt im Einzelzimmer, mit blonder Assistentin.“
Do you want to go down on me?

Yuki überlegt und nickt nach einer Weile.
„Ja klar, wir halten uns dann auch Geliebte, die uns die langen Nächte versüßen. Vielleicht scharfe Bois (lesbischer Slang KLICK MICH), mit Strapon-Dildo?“
„Super Idee!“, erwidere ich. „Ich kanns kaum erwarten den zu spüren.“
„Du bist so doof“, sagt Yuki und wir fangen beide an zu lachen. Nein, albern sind wir wirklich nicht.

Ich schlafe gut in dieser Nacht. Mein Fokus ist stets auf das Wesentliche gerichtet. Egal ob beim Kochen oder Karate. In beiden Fällen können Fehler schmerzhaft sein. Das Angebot ist nur ein Stück Papier für mich. Eine Entscheidung ist noch nicht getroffen. Aber mein Weg wird stets mit Elfe und ohne Dildo sein. Was habt ihr denn nun gedacht?

September im Elfenland

Ein typischer Morgen im Hause Yuki und Mayumi. Wie fast immer bin ich vor meiner Elfe wach.
Ausgeruht und voller Ideen kann so der neue Tag beginnen.
Zeilen eines Haikus schwirren durch meine Gedanken und sofort schreibe ich sie auf.
Nachts ist es bereits empfindlich kalt geworden. Bald hat es ein Ende mit dem Sommer.
September im Elfenland.

Während ich nachdenke fängt unser Wecker zu piepsen an. 7 Uhr dreißig, Zeit um aufzustehen.
Neben mir regt sich meine Elfe.
„Mach aus!“, murmelt Yuki und zieht sich die Decke über den Kopf.
Frech zwicke ich sie in den süßen Po und bekomme einen Kissenwurf zum Dank.
Auch Elfen können biestig sein.

Irgendwelche Gremlins haben meine Socken versteckt. Barfuß marschiere ich in die Küche.
Die Sonne winkt durchs Fenster, es wird ein schöner Tag.
Frühstück ist angesagt. Ich decke den Tisch und koche frischen Tee.
„Kommst du, Elfchen?“, rufe ich und höre ein „Gleich!“
Können Elfen immer schlafen?

Kurz darauf steht eine verschlafene Yuki hinter mir und schnuppert den frischen Tee.
„Magst du Toast, soll ich vielleicht Brötchen holen, oder wollen wir japanisch essen?“, frage ich gut gelaunt.
Elfchen murmelt etwas und setzt sich an den Tisch.
Ich interpretiere das Wort als „Toast“ und suche nach der Marmelade.
„Bitteschön meine Süße“, necke ich Yuki und sie lacht.
Aber richtig wach ist sie noch immer nicht.

„Summer has come and passed
The innocent can never last
wake me up when September ends“, klingt es aus dem Radio.
Ich greife nach Yukis kleiner Hand und fühle ein Kribbeln in meinem Bauch.
„Habe ich dir heute schon gesagt, dass ich dich liebe?“, frage ich.
„Nö“, erwidert sie frech. „Es wird aber auch Zeit dafür. Schließlich bin ich die Mutter deiner zukünftigen Kinder.“
Können Elfen nur das Eine denken?

Ja, das Thema Kind(er) ist wieder auf dem Tisch. Und nicht nur an diesem Morgen.
Falls wir Japan mit Studium und Arbeit unter einen Hut bekommen, wird Yuki schwanger werden. Ken steht schon bereit dafür.
„Endlich Sex mit Frau“, hat er im Scherz gesagt. „Das wollte ich schon immer testen.“
Zur Strafe haben wir ihn so lange gekitzelt, bis er um Gnade gebettelt hat.
Natürlich wird er nicht mit Yuki schlafen. Schwanger werden geht auch anders.
Unser Glück.

Das Telefon klingelt, meine Mama meldet sich.
„Wir sind zu Hause“, lässt sie mich wissen.
Zu Hause, das bedeutet Düsseldorf. Und ich sehe mich schon auf dem Weg.
Yuki nickt sofort, als ich den Vorschlag mache. Wir müssen nur vorher noch bei Wolf vorbei.
Wagentausch ist angesagt, er hat uns eine Überraschung versprochen. Aber davon ein andermal mehr.
Sweet, sweet September blue.

Tee und Toast wecken Yukis Lebensgeister und fröhlich singend verschwindet sie im Bad.
Ich folge und gemeinsam putzen wir die Zähne. Nun kommt das morgendliche Wiegen-Ritual.
„Boah bist du fett!“, neckt sie mich prompt, als die Waage mehr als 53 kg zeigt.
„Ach ja?“, kontere ich. „Hattest du nicht 54 letzte Woche?“
„Ich habe schwere Knochen“, sagt Elfchen mit Unschuldsmiene.
September, i’ll always remember you.

And i can’t fight it
And i can’t choose
The more she wins me
The less i lose (Lyrics by Chris Rea „September Blue“)

Wenn Frauen hassen

Wie versprochen und nur wenig literatisch aufgearbeitet, die Fortsetzung der „Akte Vanessa.“ Es gibt keine Moral, keine Anschuldigungen. Nur die Wahrheit. Und die tut oft weh. Wen sie nicht interessiert, oder wer zu zart besaitet ist, der darf genau hier aufhören zu lesen. Nur trägt das Leben keine rosa Brille. Das Leben ist hart und es ist anders. Und ich habe den Blick dafür.

Zu Fünft stehen die Männer vor Vanessa. Kalt mustert Bernd seine Frau.
„Die Schlüssel“, verlangt er. „Du kommst nicht mehr in mein Haus!“
„Halt mal die Bälle flach“, sagt Linda. „Wir nehmen mit, was Vanessa gehört. Und du gehst uns besser aus dem Weg.“
„Das wollen wir mal sehen!“, schreit Bernd und sein Gesicht wird rot. „Ihr Dreckslesben glaubt wohl, dass ihr euch alles erlauben könnt? Noch einen Ton und ich rufe die Polizei!“
„Nur zu“, ermutigt ihn Linda ungerührt. „Alternativ kann ich das auch gern für dich machen.“
Eins, zwei, Polizei. Drei, vier, Grenadier.

Vanessa hat noch knapp zwei Wochen bis zur Geburt, Yuki weicht nicht von ihrer Seite.
Ich analysiere die Lage. Fünf Männer stehen sieben Frauen gegenüber. Alle bis auf Vanessa sind Kampfsport erfahren.
Keine zweite Chance, kein Joker. Das gibt auf die Nase. Nur begreift das Bernd nicht sofort.
Vanessa wird von Ilka und Amelie beraten. Und die wälzen zur Zeit Bücher über Familien- und Scheidungsrecht.
In einer Frühmorgenaktion haben wir bereits vor Tagen das Haus durchsucht und Unterlagen gesichtet und kopiert.
Aber heute sollen es einige Möbel und Kleider sein. Die Zwillinge brauchen ihre Sachen.
Heimlich, still und leise.

Juristisch bewegen wir uns dabei in keiner abgesicherten Zone. Aber Vanessa blieb keine andere Wahl. Bernd hatte, nachdem sie den Kontakt verweigerte, das Konto für sie gesperrt. Das galt es anzufechten. Mit Erfolg. Trotzdem braucht Vanessa noch mehr Sachen. Nur blieb unser Besuch nicht unbemerkt. Offenbar haben Nachbarn Bernd verständigt, als unser Rollkommando vorgefahren ist. Und plötzlich standen fünf Männer im Haus. Und alle schauten grimmig.
Aber Hunde die bellen, die beißen nicht. Und einem bösen Hund gibt man gleich zwei Knochen. Oder einen Tritt.
Hunde, wollt ihr ewig leben?

„Bernd“, beginne ich, „lass uns bitte vernünftig sein. Du hast deine Frau betrogen und sie kann das nicht verzeihen. Niemand will dich bestehlen und sie wird auch nur die nötigsten Sachen …“
„Halt dein dummes Maul!“, herrscht Bernd mich an. Er spuckt und geifert, die Emotionen kochen. „Ihr Weiber seid doch schuld, dass meine eigene Frau mich nicht mehr fickt! Was soll ich denn machen, es mir durch die Rippen schwitzen?“
„Das wäre eine Möglichkeit“, erwidere ich sanft. „Deine schwangere Frau zu betrügen, ist das Allerletzte. Aber vermutlich hast du das immer schon gemacht.“
„Ja, na und?“, erwidert Bernd. „Ich hole mir nur das, was sie mir nicht gibt.“
Vanessa wird kreidebleich bei dem Geständnis. Tränen schießen in ihre Augen und Linda faucht. Im letzten Moment hindere ich sie daran auf Bernd loszugehen.
„Cool bleiben“, sage ich leise. „Den packen wir anders.“
Logik kommt vor Emotionen.

Plötzlich kippt die Stimmung und auch Bernd bricht in Tränen aus. Er sieht schlecht aus, übernächtigt.
In der Küche haben wir leere Bierflaschen gefunden. Auch eine Lösung. Aber nicht auf Dauer.
„Komm zu mir zurück“, fleht Bernd und macht einen Schritt auf Vanessa zu. „Ich mache es auch wieder gut. Ich liebe dich doch!“
Vanessa weicht zurück, ihre Tränen versiegen. Ein eisiger Blick trifft ihren Mann.
„Liebe? Du sprichst von Liebe?“, fragt sie und lacht verbittert. „Du liebst doch nur dich und dein Geld. Und ich war dein Vorzeigefrauchen, die dir Kinder schenken durfte. Aber ein Bringer im Bett, das warst du nicht! Da war jeder andere vor dir besser.“
Wenn Frauen hassen.

Die Worte treffen Bermd wie Kugeln und zerfetzen den letzten Rest von klarem Verstand.
Ich ahne was kommt, bin mit einem Satz bei Vanessa und hebele Bernd gekonnt aus.
Krachend lander er auf dem Sofa, meine Mädels machen Front. Aber seine Begleiter rühren sich nicht.
„Unten bleiben!“, herrsche ich Bernd an. „Noch so eine Aktion und du wirst richtige Schmerzen haben. Bis du eigentlich von allen guten Geistern verlassen? Glaubst du deine Frau zu schlagen löst euer Problem? Ihr müsst reden. Daran führt kein Weg vorbei. Aber Vanessa braucht Abstand, das sieht du bestimmt ein. Und die Kinder ihre Sachen. Du willst doch kaum, dass sie in Lumpen gehen.“
Deine Kinder, meine Kinder.

Bernd ist nur noch ein Häufchen Elend. Mindestens zwei seiner Freunde fühlen sich in ihrer Haut nicht wohl. Mit betretenen Gesichtern verlassen die Männer das Haus. Die Solidarität bröckelt. Ein dicker Typ will es dann doch genauer wissen.
„Was Sie hier machen ist illegal“, kräht er mit Fistelstimme. „Ich zeige Sie an! Alle!“
Mein herzliches Lachen verunsichert ihn.
„Und wie lautet die Anschuldigung?“, will ich wissen. „Soweit ich weiß gibt es keinen Ehevertrag, also ist Vanessa die Miteigentümerin dieses Hauses. Und in genau dieser Funktion hat sie uns eingeladen. Wir haben also weder Hausfriedensbruch begangen, noch Gewalt angewendet. Das eben gegen Bernd ist durch den Notwehrparagraph gedeckt. Notwehr ist die Verteidigung, die erforderlich ist, um einen gegenwärtigen rechtswidrigen Angriff von sich oder einem anderen abzuwenden“, zitiere ich.
Das Recht in meiner Hand.

Ein am Boden zerstörter Bernd samt schweigender Freunde, sieht unserem Abzug zu. Beladen mit Kleidern und den abgebauten Kinderbetten. Und allerlei Spielzeug.
Vanessas Eltern haben Platz im Haus, das Dachgeschoss war früher Vanessas erste Wohnung. Dort lebt sie mit den Zwillingen. Ihr altes Bett und Möbel sind noch dort.
Ich habe kein Mitleid mit Bernd, aber Hass ist fehl am Platz. Er bekommt nun das, was er verdient.
Vanessa hat unser aller Mitgefühl. Die Frauen kümmern sich rührend um sie. Von allen Seiten kommt Hilfe.
Solidarität unter Schwestern. So einfach kann Freundschaft sein.

Kindermund tut Wahrheit kund

Die liebe Perlenmama hat mich auf eine grandiose Idee gebracht, die ich sofort in die Tat umgesetzt habe. Ihr Beitrag über die Perle, das Teilzeit-Sensibelchen, ist der Auslöser für ein Telefonat, das einige Zeit gedauert hat und das ich in literarisch aufgearbeiteter Form hier präsentieren werde. Nicht 1:1, aber zumindest sinngemäß. Und nun viel Spaß beim lesen.

„Hallo Mama“, beginne ich, als sich meine Mutter meldet. „Ich störe dich doch nicht?“
Natürlich ist die Frage rhetorisch und in Gedanken sehe ich meine Mutter lächeln.
Ich erkläre ihr kurz den Grund meines Anrufs und das der länger dauern kann. Da wir aber sowieso täglich telefonieren, ist das kein Problem.
„Sag, wie war ich als Kind?“, will ich wissen. „So im Alter von zwei bis drei Jahren.“
„Zappelig“, kommt die Antwort pfeilschnell zurück. „Du konntest niemals still sitzen.“
Auch Mütter können ehrlich sein.

„Hatte ich jemals Angst, oder habe ich viel geweint?“, frage ich weiter. „Erzähl doch einfach bitte.“
„Ja, du hast auch geweint“, erklärt mir meine Mutter. „Immer dann, wenn du etwas durchsetzen wolltest. Aber ängstlich? Das Wort muss für dich erst noch erfunden werden.“
Sie lacht leise und ich gleich mit.
„Du warst ein ungewöhnliches Kind“, fährt sie fort. „Ich habe dich mit einer Katze verglichen. Du hast gern geschmust, aber nur bis zu einem bestimmten Grad. Dann bist du von meinem Schoß gekrabbelt und durchs Haus geflitzt. Und wehe dein Vater war allein im Keller. Du bist sofort auf Knien hinterher. Er hatte keine Chance.“
Kellerkind einmal anders.

Ein Teil des Kellers in meinem deutschen Elternhaus, ist als Dojo ausgebaut. Mein Papa trainiert darin seit vielen Jahren und hat mich dort auch unterrichtet.
„Für mich schwierig war, wie schnell du Deutsch gelernt hast“, erzählt meine Mutter weiter. „Du hast die Sprache aufgesaugt und uns förmlich überrumpelt.“
„Aber ihr habt doch damals schon Deutsch gesprochen“, werfe ich ein.
„Das schon“, erwidert meine Mutter sanft. „Aber nicht wie ein Wasserfall. Du konntest nie ein Ende finden. Und hast du keine Worte gewusst, dann hast du sie erfunden,“
Ein reger Geist in einem regen Körper.

„Du hast beide Sprachen hemmungslos gemischt und uns damit auch oft schockiert.“
„Vor allem mit den Wort „Nein“, unterbreche ich sie lachend. „Das hast du mir zumindest erzählt.“
„Deutschland hat andere Gesetze“, erwidert meine Mutter diplomatisch. „Und hier wird auch anders gesprochen. Wir haben das erkannt.“
Was so viel heißt wie „Wir mögen es nicht.“ Aber das würde meine Mutter niemals sagen.
„Ich war also nie dein süßes, kleines Mädchen?“, will ich mit Piepsstimme wissen.
„Natürlich warst du das“, erwidert meine Mutter. „Auf deine eigene Weise. Und das bist du immer noch.“
Liebe kann so einfach sein.

„Aber sag, wie war ich in Japan? War ich dort noch ein typisches, japanisches Kind?“, will ich nun wissen und bin auf die Antwort gespannt.
„Jeder Mensch ist anders“, erwidert meine Mutter. „Aber typisch? Lass mich dir eine Geschichte erzählen, als wir zu Besuch bei Freunden waren. Du musst etwa drei Jahre alt gewesen sein. Es gab diesen fünf Jahre alten Jungen, Katsu. Er war ziemlich kräftig und auch sehr wild. Er wollte mit dir spielen und hat dich einfach umgestoßen. Er fand das witzig und hat gelacht. Du bist aufgestanden und hast plötzlich sehr böse geschaut. Bevor wir eingreifen konnten, hast du ihn so kräftig getreten, dass nun er auf dem Hintern saß. Und er hat geweint.“
Kindergarten Karate. Leider erinnere ich mich nicht.

„Was ist dann passiert?“, will ich wissen. „Habt ihr mich bestraft?“
„Wozu soll Strafe gut sein?“, erwidert meine Mutter. „Du hast keinen Fehler gemacht. Nur auf deine Weise reagiert. Dein Vater hat dich in den Arm genommen und schon warst du beruhigt.“
„Und ich könnte wetten, dass er stolz auf mich war“, füge ich hinzu.
Aber meine Mutter schweigt. Und das sagt mehr, als tausend Worte.
„Du hast sehr früh und sehr viel gesprochen“, fährt meine Mutter fort. „Und alles was du hörtest oft und gern wiederholt. Meist völlig falsch ausgesprochen, was für viel Heiterkeit sorgte. Und Autos hast du gern gemocht. Wir mussten dich nur ins Auto setzen und schon warst du fasziniert.“
Ich habe Benzin im Blut!

„Wir haben dir dann Spielzeugautos gekauft und du warst Feuer und Flamme. Überall im Haus hast du sie verteilt und bist über Tische und Stühle Rennen gefahren.“
„Und das hast du so einfach zugelassen?“, frage ich. Immerhin ist meine Mutter für ihre Ordnung bekannt.
„So hatte ich dich unter Kontrolle“, sagt sie. „Du warst nie zu überhören und hast die Motorgeräusche imitiert.“
Ich erinnere mich an die Autos, die habe ich vor Jahren wieder entdeckt. Und nun kenne ich ihre Geschichte.
„Wie war das eigentlich mit mir und Puppen? Habe ich wirklich nie damit gespielt?“
„Du hast mich merkwürdig angeschaut und die Puppe dann in eine Ecke gesetzt. Soll schlafen gehen, hast du gesagt. Und dann dein eigenes Ding gemacht.“
Mayumi, die Puppenspielerin.

„Erzähl mir von der Küche“, bitte ich. „Habe ich da wirklich gern gespielt?“
„Mit Leidenschaft“, sagt meine Mutter. „Löffel und Töpfe mussten es immer sein. Damit hast du getrommelt und wehe man hat sie dir abgenommen. Dann gab es Schreie. Aber du hast mir auch ganz brav in der Küche geholfen. Dabei aber immer wieder Unsinn angestellt. Mit Nudelteig gespielt und auch immer alles probiert. Du kennst bestimmt das Bild, als du kopfüber in dem Topf stecktest. Natürlich musste dein Vater das fotografieren. Er fand das witzig. Vermutlich war er ebenso als Kind.“
Kinder haben eigene Ideen.

„Wie war ich denn im japanischen Kindergarten?“, will ich wissen. „Habe ich mich dort gut eingefügt?“
„Du warst die geborene Anführerin“, erwidert meine Mutter. „Und alle Mädchen sind dir bedingungslos gefolgt. Später in Deutschland auch.“
Alphas an die Macht!
„Habe ich jemals Ärger gemacht und andere Kinder geschlagen?“, hake ich nach.
Aber kein Mensch entlockt meiner Mutter jemals ein „Nein.“ Selbst eine Mayumi nicht.
„Du warst die Beste im Kinder-Karate“, lässt mich meine Mutter wissen. „Niemand hat dir etwas vorgemacht. Dein Vater war begeistert. Aber das weißt du vermutlich schon. Und was alle überrascht hat, du warst sehr diszipliniert. Aber kaum war die Stunde vorbei bist du wieder durch den Raum getobt.“
Niemand kann mich stoppen.

„Für uns ungewöhnlich war deine dominante Art“, sagt meine Mutter. „Anfangs war ich damit wirklich überfordert. Frauen vergleichen ihre Kinder gern mit sich selbst und haben eigene Wunschvorstellungen. Aber das wirkliche Leben ist dann so völlig anders.“
„Wildheit gegen Sanftheit“, sage ich. „Du hast es gut gelöst. Und mich vor allem nie geschlagen.“
„Schläge sind Ausdruck von Schwäche“, sagt meine Mutter. „Sie zeigen nur die Hilflosigkeit. Dein Vater und ich haben gemeinsam überlegt und dich dann doch in den Griff bekommen. Und du hast deinen Willen nur scheinbar bekommen. Dein Vater hat dich ausgekontert. Du weißt, das kann er gut. Und ich habe von ihm gelernt. Du natürlich auch. Aber obwohl du oft so zornig warst, bliebst du auch ein sehr liebes Kind. Für mich noch heute faszinierend, ist diese Mischung aus Wildheit und Sensibiltät. Das ist sehr ungewöhnlich.“
Ein Kind zweier Welten.

„Zum Glück seid ihr auch keine konservativen Eltern“, stelle ich fest. „Kaum auszudenken, wie es mir in einer anderen Famile ergangen wäre. Sag, hattest du jemals Angst um mich?“, wechsele ich das Thema und bin auf die Antwort sehr gespannt.
„Ja,“ erwidert meine Mutter. „Mir ist oft genug fast das Herz vor Schreck stehen geblieben. Mir fiel es schwer zu akzeptieren, dass du so zornig gewesen bist. Und dann wieder habe ich dich friedlich lächelnd in deinem Zimmer gefunden, wo du Musik gehört hast. Und manchmal hast du auch ein Kleidchen getragen“, fügt sie hinzu und lacht.
Kleider machen Leute.

„Alle Beweise davon sofort vernichten“, sage ich im Scherz. „Wo kämen wir da hin, wenn das die Nachwelt erfährt.“
„Die Bilder zeige ich natürlich deinen Kindern“, erwidert meine Mutter. „Wie ist das überhaupt, seid ihr nun endlich schwanger?“
„Mama!“, fauche ich in gespielter Rage. „Können wir bitte von etwas anderem sprechen?“
„Nur über die Zahl“, erwidert sie mit lachendem Unterton. „Ich mag gern mindestens zwei Enkelkinder haben. Besser wären natürlich drei, oder vier. Und ihr könntet auch beide gleichzeitig schwanger …“
Mama pur. Und ich habe sie verdient. Mama, ich liebe dich.