Novemberblues

Es ist kälter geworden. Die Tage kürzer und grauer. Nebel liegt über dem Land. Die Menschen wirken bedrückt, viele sind melancholisch. Der Bus zum Düsseldofer Bahnhof ist überfüllt. Ich stehe die ganze Zeit. Niemand schenkt mir einen Blick. Graue Straßen huschen vorbei. Regen peitscht gegen blinde Fenster. Mir ist kalt.

Am Bahnhof treffe ich auf einen alten Mann. Er strahlt über das faltige Gesicht. Muntere Augen schauen voll Neugier. Ich lächle ihn an. Er nickt, freut sich.
Mein Zug hat natürlich Verspätung. Neugierig schaue ich mich um. Menschen am Bahnhof sind immer interessant.
Der Alte trägt einen Hund auf dem Arm. Struppig und grau wie sein Herr. Freundlich wedelt das Tier mit dem Schwanz.
„Darf ich ihn streicheln?“, frage ich den Mann.
„Nur zu“, sagt er. Er mag das sehr.“

Ich streiche über sein Köpfchen und der Hund leckt meine Hand. Es kitzelt und der Hund bellt freudig. Lacht er etwa über mich?
Schatten gleiten vorbei. Den Kopf gesenkt, die Augen leer.
„Was ist mit den Menschen passiert?“, will der Alte wissen. „Ist das Leben wirklich so schwer?“
Ich habe keine Antwort und schaue ihn nur an. Aber ich weiß was er meint.
„Vielleicht drücken die Sorgen des Alltags“, sage ich. „Vielleicht haben sie Liebeskummer.“
Der  Alte lacht. „Ist das ein Grund um zu verzweifeln? Schau mich an. Ich habe kein Zuhause. Und ich lebe schon so lange. Aber jeder neue Tag ist schön.“
Der kleine Hund bellt wieder. Wie ähnlich sich die Beiden sind.

„Sie leben also auf der Straße?“, will ich wissen. „Ist das nicht sehr schwer?“
Der Alte schüttelt den Kopf.
„Nein“, erwidert er. „Ich habe nie etwas anderes gekannt. Mein Leben ist eine einzige Reise. Und mein kleiner Freund hier kommt immer mit“
„Wie heißt er denn“, frage ich und kraule das Tier am Kinn.
Der Alte schmunzelt.
„Ich nenne ihn November. Wegen seines grauen Fells und seiner freuchten Nase.“
„Ich mag den November“, sage ich.  „Aber ich mag alle Jahreszeiten, das ganze Jahr.“

„Woher kommst du Kind?“, will der Alte wissen. Offenbar aus einem weit entfernten Land.“
„Aus Japan“, sage ich. „Ich bin dort geboren.“
„Und bist du nun auf dem Weg zurück?“
Ich muss lachen.
„Nein“, sage ich. „Ich habe meine Eltern besucht und bin nun auf dem Weg zu meiner Frau.“
Der Alte nickt.
„Ich glaube ich kenne sie“, murmelt er. Ist sie nicht auch Japanerin?“
„Sie kennen Yuki?“, will ich wissen. „Aber woher denn?“
Er deutet auf den Hund.
„Herr November kennt sie wenn ich ehrlich bin. Er ist ihr vor langer Zeit an ihrem Geburtstag begegnet.“
Ich will etwas sagen, aber eine Lautsprecherdurchsage lenkt mich kurz ab. Als ich mich wieder zu dem Alten umdrehe ist er weg.

Auf der Fahrt nach Stuttgart geht mir die Begegnung nicht aus dem Sinn.
Wer war der alte Mann?
Ich schließe die Augen, döse vor mich hin. Die Schatten im Abteil bleiben stumm.
Als ich erwache ist Yuki schon nahe. Nur Minuten später fliegt sie in meine Arme.
Auf dem Nachhauseweg erzähle ich ihr von dem alten Mann.
Sie schaut mich seltsam an.
„Wie sah er aus?“, will sie wissen. „Und was war das für ein Hund?“
Ich beschreibe das ungleiche graue Duo.
Yuki nickt.
„Ja“, sagt sie leise. „Ich kann mich erinnern. Aber das ist so lange her, es kann nicht der gleiche Mann sein. Und dann der Hund …“
Sie fasst nach meiner Hand.
„Es war im November vor zwanzig Jahren. An meinem siebten Geburtstag. Es gab ein großes Fest, all meine  Freunde waren da. Meine Eltern schenkten mir diesen kleinen Hund. Ich nannte ihn Shimotsuki.“
„Bitte was?“, pruste ich los. „Du kannst doch einen Hund nicht November nennen!“
„Wohl kann ich!“, protestiert Yuki. „Außerdem bist du doof! Shimotsuki heißt …“
„… Nebeling; Nebelmond; elfter Monat“, unterbreche ich sie. „Ich kann Japanisch, Maus. Und auf Deutsch heißt das …“
„… November“, vollendet Yuki. „Shimotsuki war mein erster Hund und lange Jahre mein treuer Freund. Er ist vor sechs Jahren an Altersschwäche gestorben. Ich habe ihn im Wald unter einem großen Baum beigesetzt. Damals habe ich diesen alten Mann getroffen. Ich dachte er sei vielleicht ein Bauer aus der Gegend. Er war sehr nett, hat mich getröstet.“
Ich erschauere leicht, fühle aber keine Angst. Mehr eine gewisse Ehrfurcht.
„Weißt du wie der Mann hieß“, will ich wissen. „Hat er dir seinen Namen genannt?“
Yuki überlegt nur kurz.
„Ja“, sagt sie. „Und das war ziemlich seltsam. Er nannte sich Hidoi Shimo.“
„Starker Frost? Bist du sicher?“
Yuki nickt.
„Das war vermutlich eine Anspielung, oder?“
„Ja“, sage ich nachdenklich, während erste Schneeflocken durch die Luft tanzen. „Vermutlich meinte er Väterchen Frost.“
Spontan gebe ich meiner Frau einen Kuss.
„Wollen wir nachher eine Schneefrau bauen?“
Yuki strahlt und ich schmelze.

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Diese Geschichte ist natürlich zum größten Teil erfunden. Sie basiert auf Erinnerungen von Yuki und mir, die ich miteinander verwoben habe. Den Hund gab es, die Fahrt(en) mit der Bahn auch. Ich möchte damit ein positives Signal für all jene Menschen setzen, die vom Novemberblues befallen sind.  Jeder Monat, jede Jahreszeit ist schön! Nutzt die grauen Tage zur Besinnung. Lest ein gutes Buch, esst Schokolade. Kuschelt mit euren Liebsten, oder geht einfach zu Fuß durch die Natur. Herr November wird es euch danken. Und wenn ihr Väterchen Frost begegnet, dann grüßt ihn schön. Er hat es verdient.

Auf dem Weg

Es ist kalt geworden. Die Tage kurz und meist düster. Herr Nebel regiert mit klammer Hand. Sein Bruder Frost wird folgen. Sie bereiten den Weg für Herrn Winter und seine Frau Kälte. Meine Schritte stocken. Der Weg scheint zu Ende. Lange, sehr lange bin ich gewandert. Bin ich am Ziel meiner Reise? Ich friere. Tief atme ich ein.

Hohe Berge versperren die Sicht. Meine Hand gleitet über das Schwert. Ich bin müde vom ewigen Kampf. So viele Feinde. Sie jagen mich. Kurz schließe ich die Augen. „Wohin?“, flüstere ich. „Wohin?“ Ich erinnere mich an Gestern. Denke voll Sehnsucht an Morgen. Aber nur das Heute zählt. Dann sind sie da. Sie umzingeln mich. Lachen höhnisch. Verspotten.

Ich öffne die Augen. Es sind Viele. „Du gehörst uns!“, höre ich. „Gib auf!“ Kalter Wind lässt meine Haare flattern. „Nein“, erwidere ich mit fester Stimme. „Ich gebe niemals auf. Kommt und holt mich. Könnt ihr?“ Sie zögern. Ich ziehe das Schwert. Mein Körper spannt sich. „Kommt nur“, sage ich. „Worauf wartet ihr?“

Der Kampf ist kurz und heftig. Die Katana wütet. Dann ist es vorbei. Es beginnt zu schneien. Ein weißes Tuch senkt sich über die Welt. Frieden. Mein Schwert gleitet in die Scheide. Es ist kalt geworden. Ich denke an dich. Langsam gehe ich weiter. Schritt für Schritt. Immer auf dem Weg zu dir.  Zur Liebe.