Elfenwinter

„Winter, das ist wie eine Endzeit. Ohne das Wissen um den Frühling stirbt der Mensch.“

Die Reise nach Sapporo dauert zwei Stunden. Gut gelaunt kommen wir in der Partnerstadt von München an. Vom Herbst in den Winter, auf Japans nördlichster Halbinsel ist es kalt. Natürlich sind wir gerüstet, Yuki hat an alles gedacht. „Sich Schneefest machen“, nennt sie das und lacht, als wir uns in dicke Jacken hüllen. Der Mietwagen ist wintertauglich, ein Subaru mit Allradantrieb muss es sein.

Bild: Sapporo, Airport.

Nach dem Stress der letzten Wochen wollten wir allein sein. Zeit füreinander zu haben ist uns schon immer sehr wichtig. Was viele nicht verstehen, wie wir Beruf und Privates trennen. „Ihr seid doch ständig zusammen!“ Wo ist das Problem?

Yuki und ich beruflich sind ein eingespieltes Team und voll auf die jeweilige Aufgabe konzentriert. Aber wir wissen beide, wie wichtig Abstand vom Alltag ist.

Bild: Winter in Japan (Sapporo)

Diesmal führt uns die Reise in einen Winter, der einzigartig ist. Japan in dieser Jahreszeit zu erleben, ist völlig neu für uns. Aber wir haben diese Chance bekommen und nutzen sie. Wer weiß wo wir das nächste Jahr (er)leben.

Vor dem Sapporo Tourist Center erwartet uns ein Ninja, der allerlei Faxen macht. Der junge Mann imitiert irgendwelche Fantasiegebärden, die er vermutlich in einem Film gesehen hat. Das muss ich natürlich genauer wissen und bleibe kurz stehen.

Ninja

„Original Ninja Kleidung!“, nuschelt er durch seine Maske, „ganz billig und nur hier bei uns!“ Wieder imitiert er etwas, das ihn bedrohlich aussehen lassen soll. Soll ich ihn blamieren?

„Untersteh dich!“, flüstert Yuki und zieht mich weiter. „Lass ihm doch den Spaß.“ Den haben dann einige Amerikaner, die begeistert von seinem Auftritt sind. Vermutlich kaufen sie nun „echte Ninja Kleidung“, um damit zu Hause anzugeben.

Prompt fällt mir Großvater Satoshi ein. Wie es ihm wohl geht? Ich werde ihn anrufen und vielleicht klappt auch noch ein kurzer Besuch. Ob es den Jungen interessiert hätte, dass ich echte „Ninja“ in meiner Familie habe? Aber eigentlich heißen die Shinobi, das hat nur mal wieder keiner gewusst.

Es weihnachtet sehr

Sapporo hat einen deutschen Weihnachtsmarkt, der gut besucht und mit allerlei Köstlichkeiten überladen ist. Wir begegnen KoereanerInnen, die überall in Japan anzutreffen sind. Es gibt keine Vorurteile, aber oft lustige Neckereien. Sapporo im Winter ist schön, Japan hat Weihnachten für sich entdeckt.

„Fast wie in Deutschland“, sagt Yuki und schmiegt sich in meinen Arm. „Ja, aber hier sind zu viele Japaner“, erwidere ich auf Deutsch, was mir ein lachendes „Du bist unmöglich!“ von ihr einbringt. Wie gut dass Frau Spaß versteht.

Zwei junge Japaner suchen auffällig oft Blickkontakt zu einer Gruppe junger Mädchen. Sie sind angetrunken und plappern dummes Zeug. Als wir uns zu den Teenagern gesellen, drehen die Männer ab. Sehe ich so bedrohlich aus?

Die drei Mädchen entpuppen sich als in den USA lebende Japanerinnen, die Verwandte in Sapporo besuchen. „Wir sind Schwestern“, sagen sie und lachen. Die Ähnlichkeit ist verblüffend.

Sie entschuldigen sich für ihr holpriges Japanisch. „Zu Hause sprechen wir fast nur noch Englisch!“ Wir erzählen von Deutschland und sie hören begeistert zu. Sie winken zum Abschied, als ihre Eltern kommen.

(Nicht barfuß!) Im Park

Ein Tag später, der Onuma Quasi-National Park wartet schon auf uns. Auch dort treffen wir auf ein Sammelsurium an Menschen. Mandarin, Englisch, Koreanisch, Deutsch identifiziere ich locker. Wir schweigen und lächeln auf japanisch.

Ich könnte viel erzählen, wie ich etwa die Inari traf. Aber für die meisten Menschen war dort nur ein Fuchs zu sehen. Natürlich weiß ich das alles viel besser. Immerhin bin ich mit der „Yuki-onna“ liiert. Aber das habt ihr schon gewusst.

Die folgenden Bilder sind auf dem Weg durch den Park entstanden. Und wir haben wirklich ein Mädel mit kurzem Rock gesehen! Das ist so typisch japanisch, wie der Gang zum Frauenarzt im Winter.

Ich habe darauf verzichtet Bilder von Menschen zu machen. Wer in dieser Einsamkeit unterwegs ist, der bleibt gern privat. Auch wir. Das ist unser Elfenwinter, von dem ich lediglich Schnappschüsse teile.

Die wenigen Tage vergehen wie im Flug. Aber wir haben neue Kraft und Ruhe mitgenommen. Japan, ich gewöhne mich an dich. Im Traum erscheint mir wieder die Inari und stupst mich mit ihrer feuchten Nase an. Ich folge ihr und Yuki kommt mit.

 

Die Füchsin und das Mädchen – Ein Wintermärchen

Wenn die Nacht am dunkelsten ist, können seltsame Dinge geschehen. Kasumi wusste das. Ihre Großmutter hatte ihr von den Geistern erzählt und wie sie Menschen foppen. Aber das Mädchen kannte keine Angst. Im Gegenteil hoffte sie immer darauf Geister zu sehen. Und eines Tages hat sich dieser Wunsch erfüllt.

In einer bitterkalten Nacht vor einigen Jahren, hatte es zaghaft an ihr Fenster geklopft. Und auch ein achtjähriges Mädchen wusste, wie unwahrscheinlich das war. Lag ihr Zimmer doch direkt unter dem Dach. Im erstem Reflex zog Kasumi die Bettdecke über den Kopf. Aber das Klopfen wiederholte sich. Fordernder wie es schien. Dann hörte Kasumi die Stimme. Was sie sagte konnte das Mädchen nicht verstehen. Die Neugier siegte und auf Zehenspitzen huschte Kasumi durchs Zimmer.

Eine winzige Füchsin saß auf der Fensterbank, die großen Augen schauten Kasumi flehend an.
„Hilf mir“, flüsterte die Kitsune, „sie jagen mich und wollen mir ein Leid antun!“
Ohne nachzudenken öffnete Kasumi das Fenster und die Füchsin schlüpfte ins warme Zimmer.
Das Tier war viel kleiner als alle Füchse, die Kasumi bisher gesehen hatte. Schneeweiß mit einem ungewöhnlichen Schweif. Fast sah er so aus, als ob es mehrere wären.

„Wer bist du?“, wollte Kasumi wissen. „Und wieso kannst du sprechen?“
„Du sprichst doch auch“, erwiderte die Kitsune keck und sprang mit einem Satz auf Kasumis Arm.
„Bist du eine Yokai?“, wollte Kasumi wissen, als die Füchsin sie mit ihrem Köpfchen kitzelte.
„Aber nein“, erwiderte die Kitsune fast beleidigt. „Yokai sind dumme Geister. Ich bin so viel mehr als das.“
„Frech bist du“, stellte Kasumi fest und lachte. „Aber das macht nichts, das bin ich oft auch.“

Ein plötzlicher Windstoß rüttelte am Fenster und erschrocken wich Kasumi zurück.
„Geh vom Fenster weg“, bat die Kitsune. „Der wind darf nicht ins Zimmer. Wenn er kommt holen sie mich fort.“
Kasumi war kein ängstliches Kind, aber die Worte lösten eine Gänsehaut bei ihr aus.
Was war dort draußen außer Eis und Schnee?
Kasumi fröstelte und lief zum Bett zurück.

Mit der Füchsin auf dem Arm schlüpfte das Mädchen unter die warme Decke. Daran, dass die Kitsune böse sein könnte, verschwendete sie keinen Gedanken.
„Danke für die Hilfe“, flüsterte die Füchsin. „Ich werde mich dafür bedanken. Eines Tages, wenn die Dunkelheit dich befällt.“
„Ach schon gut“, wehrte Kasumi verlegen ab. „Ich helfe gern und du bis doch auch so klein.“
Die Füchsin lachte leise und schmiegte sich noch enger in Kasumis Arm.
„Ja, klein sind wir beide. Aber Größe muss kein Vorteil sein. Auch wir Kleinen können Großes vollbringen. Warte nur, du wirst schon sehen.“

„Magst du mir erzählen wer du bist?“, fragte Kasumi. „Ich heiße übrigens Kasumi und bin schon acht Jahre alt!“
„Ich weiß sehr genau wer du bist“, sagte die Kitsune. „Ich kenne dich schon seit deiner Geburt. Und ich bin auch viel älter als du. Ich kannte schon deine Großmutter als Kind.“
Nun war Kasumi doch erstaunt. Älter als Großmutter sollte diese kleine Füchsin sein? Das war kaum zu glauben. Und doch wusste das Mädchen, dass die Kitsune die Wahrheit sprach.
„Dann bist du doch eine Yokai!“, stellte Kasumi fest. „Großmutter sagt immer, Yokai leben viel länger als wir. Wie alt bist du denn?“
„Ich habe das Licht der ersten Sterne erglühen sehen“, erwiderte die Füchsin rätselhaft. „Meine Augen haben geweint, als die Himmel brannten und sie sahen auch die Dunkelheit ewiger Nacht. So alt bin ich und noch viel älter. Hast du das etwa nicht gewusst?“

Sie stupste Kasumi mit ihrer feuchten Nase an und leckte ihr über den Arm.
„Das kitzelt!“, quiekte Kasumi. „Aber ich mag dich, du machst mir Spaß.“
„Spaß sollst du haben, kleine Lebensretterin“, sagte die Füchsin und kitzelte Kasumi erneut. „Und jetzt lass uns schlafen, es ist schon spät.“
„Na gut“, sagte das Mädchen und fühlte, wie ihr die Gedanken entglitten.
Der Schlaf bleibt immer Sieger.

Als Kasumi am nächsten Morgen erwachte, war die Füchsin fort. Verwirrt rieb sich das Mädchen die Augen. Hatte sie alles nur geträumt?
Kasumi lief zum Fenster, das fest verschlossen war. Draußen auf der Fensterbank konnte sie die Pfotenabdrücke der Kitsune sehen. Unmöglich eigentlich. Aber wahr.
Beim Frühstück überlegte sie kurz, ob sie ihren Eltern von der Füchsin erzählen sollte. Aber ihr Vater glaubte nicht an Geister. Und selbst Religion war ihm suspekt. Er war Wissenschafler, Geologe. Ein nüchtern denkender, aber herzensguter Mensch, der Kasumi jeden Wunsch erfüllte. Geld hilft, wenn man genug hat.
Kasumis Mutter war enpfänglicher für die Geschichten, die das Mädchen immer erfand.
„Du bist meine kleine Schriftstellerin“, sagte sie immer, wenn ihr Kasumi neue Zeilen zeigte.

Kasumis Großmutter lebte nur einige Straßen weiter. Und da Wochenende war, lief das Mädchen flugs dorthin. Natürlich dick vermummt gegen Kälte und Wind. Und mit den mahnenden Worten ihrer Mutter versehen, die immer viel zu viel Angst um ihre Tochter hatte.
„Oma, Oma!“, rief Kasumi schon an der Tür. „Du glaubst nicht, was heute Nacht geschehen ist!“
Mit der Macht eines Wasserfalls sprudelten die Worte aus ihr heraus und überschwemmten die Ohren der alten Frau.
„Eine Kitsune sagst du Kind? Eine Kitsune mit komischem Schwanz …? Kann es denn sein? Ist sie wirklich zurück?“
Verblüfft sah Kasumi ihre Großmutter an. „Du kennst sie?“, wollte sie wissen. „Du hast sie also auch gesehen? Aber wie ist das möglich? Bitte, bitte, erzähl mir davon!“
Die Wahrheit liegt in alten Geschichten.

Die Großmutter nahm Kasumis Hand und setzte sich mit ihr an den Kamin.
„Vor langer Zeit habe ich einer kleinen weißen Füchsin das Leben gerettet“, erzählte sie. „Ich muss damals so alt gewesen sein wie du. Die Kitsune war in eine Falle gelaufen und sehr schwer verletzt. Ich glaubte sie würde eine Pfote verlieren. Aber als ich sie befreite, heilte diese über Nacht. Wir haben lange in meinem Zimmer geredet. Das gleiche Zimmer, das nun du bewohnst. Ja, die Füchsin konnte sprechen. Und sie hat meinen Namen gewusst. Du weißt doch, dass ich wie du Kasumi heiße.“
„Wer ist sie?“, fragte Kasumi mit wild klopfendem Herz. „Und wieso ist sie so alt? Und wovor hat sie so große Angst?“
Die Großmutter schmunzelte. „Nicht immer ist alles, wie es scheint. Aber wer sie wirklich ist, weiß ich bis heute nicht.“
Legenden haben viele Namen.

In der kommenden Nacht klopfte es erneut an Kasumis Fenster. Wieder schlüpfte die Füchsin ins warme Mädchenbett. Und so ging es Nacht für Nacht.
Mehr als zwanzig Jahre zogen ins Land, Kasumi war längst eine junge Frau. Die Füchsin war eines Tages fortgeblieben. Was blieb war die Erinnerung, ein Schatten in der Nacht. Mensch und Fuchs hatten lange und oft geredet und die Kitsune hatte ihrer Retterin viel beigebracht. Dinge, die Menschen sonst nicht wissen. Dinge zwischen Morgen und Mitternacht.

In einer bitterkalten Winternacht ging Kasumi allein nach Haus. Die Straßen waren tief verschneit, es gab nur wenig Verkehr.
Eine Gestalt trat aus der Dunkelheit, aber das Licht berührte kaum ihr bleiches Gesicht.
Kasumi erschrak, als ihre Augen sie musterten. Kälter noch als Eis, stechend der Blick. Auch, wenn sie die Frau nie zuvor gesehen hatte, so erkannte sie doch die Gefahr. Was hier vor ihr stand, war kein Mensch. Schon griff grausame Kälte nach ihr.
Wenn der Tod vorüber geht.

Pfeilschnell jagte ein Schatten durch die Nacht. Kleine Pfoten berührten kaum den Schnee.
„Fang mich auf!“, rief die Kitsune mit heller Stimme. „Fang mich kleine Kasumi, diesmal rette ich dich!“
Instinktiv breitete Kasumi ihre Arme aus. So, wie sie es als Mädchen immer tat.
Die Frau wich zurück, als sie die Kitsune sah. Die rieb ihren Kopf kurz an Kasumis Arm. Dann sprang sie auf die Fremde zu.
Wenn Göttinnen kämpfen.

Was geschehen war hat Kasumi nie erfahren. Nur, dass eine Frau sie ins Krankenhaus brachte. Stark unterkühlt und mit einem Schock.
„Die Frau war wunderschön“, erzählte eine Schwester. „Sie trug einen langen weißen Mantel. Fast hat sie mich an die Yuki-onna erinnert, deren Bild ich als Mädchen sah.“
Kasumi lächelte bei diesen Worten. Sie hat es sehr viel besser gewusst.

ENDE

Ich geb Gas – Ich will Spaß! (Teil 3)

Hand in Hand gehen wir in einen neuen Morgen. Symbolträchtig und in trauter Zweisamkeit. Wie Zuckerguss bedeckt der Schnee das Land. Ein Bild des Friedens.
Der gleiche Frieden ist auch in mir. Hier und jetzt muss ich nicht kämpfen.
Wir reden. Über uns und unser Leben. Über Pläne und Ziele, den Weg zum Glück.
Plötzlich lässt mich Yuki los und wirft Schnee nach mir.
Ausgelassen tollen wir durch die weiße Pracht. Es gibt keine Siegerin. Nach wenigen Minuten sehen wir beide wie eine Yuki-onna aus. Der Spaziergang in der Kälte hat uns gut getan. Wir sollten das viel öfter machen. An der frischen Luft denkt es sich viel besser. Worüber wir geredet haben werde ich in einem anderen Beitrag schreiben, der wieder richtig vernünftig wird. Versprochen!
„Ich habe Hunger“, sagt Yuki. „Wollen wir frühstücken gehen?“

Zurück im Hotel treffen wir auf Graf Werner. Er winkt uns freundlich zu
„Wir gehen Skifahren, kommen Sie mit?“
Aber wir haben andere Pläne.
„Schade“, sagt er und verabschiedet sich. „Und denken Sie daran mich zu besuchen, wenn Sie in Hamburg sind.“
Wir zahlen und fahren los. Durch Winter, Sonne und Schnee. Leben pur. Ich liebe es.
Die Reise reißt ein dickes Loch in unser Budget. Vernunft ist anders.
Wie gut, dass es noch meine Eltern gibt und deren finanzielle Hilfe. Ich nutze sie nie aus, das habe ich nie getan. Aber Geld erleichtert viele Dinge. Und ich bin dankbar dafür.

Ich muss an die Bloggerin Charlotte denken. Sie erlebt täglich Natur pur hier in der Schweiz. Fast bin ich neidisch und muss ihr das unbedingt sagen.
Aber ist das Gras auf der anderen Seite des Meeres nicht immer etwas grüner?
Auf youtube habe ich das Lied von Markus gefunden. „Ich will Spaß, ich will Spaß“, krächzt er aus dem Handy.
Wir müssen lachen. Spaß, den haben wir.
Kugelblitze und Raketen heißt das Album.
Steht Golf R für Rakete? Das werden wir dann sehen.

Wir cruisen durch ein von Kälte erstarrtes Land. Malerisch, verzaubert liegen Wald und Flur. Und majestätisch erheben sich die Berge.
Snow Patrol „Chasing Cars“ läuft im Radio. „Let’s waste time“, höre ich.
Nein, wir verschwenden keine Zeit. Zeit ist ein zu kostbares Gut. Zeit wissen wir immer gut zu nutzen. Wichtig ist, dass wir zusammen sind.
Wir fahren zurück nach Deutschland, verlassen die schöne Schweiz.
Der Golf darf endlich zeigen, was wirklich in ihm steckt. Aber R steht nicht für Rakete, bei 250 km/h ist mit dem Vortrieb Schluss. Und doch hat der Wagen Flair. Aber fast 40.000 Euro ist uns der Spaß nicht wert. Woher sollten wir die auch nehmen?
Manchmal heißt es vernünftig sein.

Warum auch immer kommt mir die Ralleyfahrerin Jutta Kleinschmidt in den Sinn. Sie war eine der Heldinnen meiner Teenagerzeit. Eine starke Frau in einer von Männern dominierten Welt. Und die erste Frau, die jemals die Ralley Paris-Dakkar gewonnen hat. Vielleicht steht beim Golf das R für Ralley. Ich sollte das bei Gelegenheit testen. Lust hätte ich dazu.
Noch einmal denke ich an die Schweiz zurück, an den Winter. Wie schön wäre es in einem fremden Land einfach abzutauchen. Eine Weile nichts tun außer Schreiben.
„Bring doch deine Haikus endlich als Buch raus“, sagt Yuki. „Ich helfe dir dabei. Und deine Texte schauen wir auch alle durch. Die kombinieren wir dann mit deinem Blog zu einem Buch mit Kurzgeschichten.“
Vor Jahren hatte ich diese Idee selbst gehabt, aber lange wieder verworfen. Ich bin keine Schriftstellerin, das bilde ich mir nicht ein.
„Stimmt, du bist doof“, sagt Yuki. „Und jetzt gib endlich Gas. Oder lass mich ans Steuer.“
Natürlich höre ich auf sie. Yuki fährt wirklich gut. Nur anders. Vernunft regiert bei ihr.

Yuki schaut mit dem Handy nach Mails.
„Wir bekommen in den nähsten Wochen einen BWM 235i zum Test“. lässt sie mich wissen. „3 Liter Hubraum, 326 PS, 450 Nm, 250 Spitze. In Rot! Wie gefällt dir das?“
Ich bin sofort begeistert und trete spontan das Gaspedal durch.
Der Golf stürmt los und röhrt vor Freude.
Yuki lacht.
Vernunft ist anders.

Wir suchen auch in Deutschland die Natur und parken den Raketengolf am Waldrand. Fuchs und Hase sagen sich hier gute Nacht. Das mögen wir.
Mein Handy klingelt. Es ist mein Lieblingscousin Ken. Er fragt wie es uns geht und ob wir nicht endlich Kinder wollen.
Ich beschimpfe ihn aus Spaß und höre sein Lachen. Er ist wirklich ein verrückter Kerl.
Als ich ihm vom Golf erzähle will er alles wissen. Ich muss Bilder machen und ihm schicken.
Ken ist völlig aus dem Häuschen, aber als er den Preis des Wagens hört schweigt er betroffen.
Unvernunft hat ihren Preis.

Ken kündigt an im März wieder in Deutschland zu sein. Er hat die Bilder seiner letzten Reise gut verkauft und etwas Geld gemacht.
Ich freue mich. Diesmal werden wir auch zusammen ins Training gehen.
Kaum hat Ken aufgelegt, als das Handy wieder klingelt.
Es ist Ilka, die Juristin. Sie lädt uns für kommendes Wochenende zum Abendessen ein, denn sie hat etwas zu feiern. Der Grund heißt immer noch Amelie.
Auch das freut mich und ich gönne ihr das Glück von Herzen.
Ich starte den Golf und gebe Gas. Im Tiefflug nach Hause. Ein letztes Mal Unvernunft, ein letztes Mal Fahrspaß pur.

„Ich geb Gas – Ich will Spaß!“, hat Markus vor mehr als 30 Jahren gesungen. Manchmal können auch Männer ganz (un)vernünftig sein.

Ich geb Gas – Ich will Spaß (Teil 2)

Es ist richtig kalt in Obergoms! Minus 15 Grad verschlagen uns den Atem. Der Golf steht verloren zwischen protzigen Allrad-SUV und fällt trotzdem sofort auf.
„Kann man den schon kaufen?“, spricht uns ein dick vermummter Mann an.
„Weiß ich nicht“, erwidere ich wahrheitsgemäß. Das ist kein Serienwagen.“
Ein Lächeln erscheint auf dem Gesicht des Mannes, eisgraue Haare schauen unter der Mütze hervor.
„Ich hatte vor vielen Jahren einen GTI“, erzählt er uns. „Einen Golf 1 mit 110 PS! Das war 1976, ich glaube da waren Sie noch nicht auf der Welt.“
Das Eis ist gebrochen, der Mann ist keine Gefahr. Er ist schon 75 Jahre alt, wie ich später erfahre und doch noch voller Lebenslust. Aber auf uns steht er nicht.
Er wohnt wie wir im gleichen Hotel und lädt uns auf eine heiße Schokolade ein.
Ich tausche einen Blick mit Yuki. Als sie nickt nehme ich an.
Wir checken zuerst ein und bringen unsere Taschen aufs Zimmer.
Im hoteleigenen Café wartet der Mann auf uns. Neben ihm sitzt eine ältere Frau. Wasserblaue Augen schauen uns neugierig an. Die Frau muss früher wunderschön gewesen sein. Und selbst mit ihren 71 Jahren sieht sie noch immer sehr gut aus. Angelika heißt sie und hat ihrem Mann vier Kinder geboren. Eigentlich ist sie Juristin, aber hat den Beruf nie ausgeübt.
„Werner hat mich von der Universität weg geheiratet“, erzählt sie schmunzelnd. „Damals war ich mit unserem ersten Sohn schwanger.“

Wir unterhalten uns eine Weile. Yuki und ich fühlen uns bei dem Ehepaar wohl. Sie strahlen Ruhe aus, blicken auf ein langes, erfülltes Leben zurück. Werner ist ein Unternehmer aus Hamburg und auch in seinem Alter noch im Geschäft. Adelig. Eigentlich heißt er Werner Graf von … Nein, ich nenne den richtigen Namen nicht. Und Werner ist auch von mir geändert.
Stolz zeigt er uns durchs Fenster seinen Porsche Cayenne.
„550 PS, 283 km/h Spitze. Firmenwagen versteht sich.“
Er zwinkert uns verschwörerisch zu und seine Frau schüttelt den Kopf
„Passen Sie nur auf“, sagt sie. „Sonst erzählt er wieder stundenlang.“
„Ich mag Autos gern“, sage ich. „Privat fahren wir einen normalen Toyota. Aber wer will schon immer nur vernünftig sein?“
„Richtig!“, ruft Werner begeistert und nippt an der heißen Schokolade.
Das Ehepaar ist überraschend normal und aufgeschlossen. Vor allem geistig jung geblieben. Die Zeit vergeht wie im Flug.
Angelika und Yuki sprechen über Kinder, Haushalt und Zukunftspläne.
Ich erzähle Werner von dem Boliden. Ihm kann ich den Namen des Modells nennen, hier im Blog darf ich das nicht. Seine Augen leuchten, als ich die 320 km/h Spitze erwähne.
Dann winkt er ab.
„Ich kann nur noch SUV fahren“, erklärt er mir. Meine Bandscheiben mögen die tiefen Sitze in Sportwagen nicht. Und meine Frau findet den Cayenne auch viel besser.“
Agelika legt ihre Hand auf seine.
„Wie lange sind Sie schon verheiratet?“, will ich wissen.
„Im Sommer werden es 45 Jahre“, sagt Werner stolz.
Er drückt die Hand seiner Frau.
„Im Gegensatz zu den meisten Männern vergesse ich so etwas nicht.“
Plötzlich greift er zum Autoschlüssel.
„Haben Sie Lust den Cayenne zu fahren?“, will er wissen und steht auf. „Kommen Sie, wir drehen eine Runde.“
Yuki nickt mir zu. „Geh nur“, sagt sie leise.

Im Cayenne fühle ich mich sofort an den Boliden erinnert. Kein Wunder, unter der Motorhaube werkelt der gleiche Motor. Aber mehr verrate ich nicht. Im Vergleich zum Porsche ist selbst der Golf R ein Witz. Nicht nur preislich. Den Golf haben sie bei 250 km/h abgeregelt. Aus Gründen der Vernunft.
Graf Werner muss darüber lachen, während  wir durch die winterlichen Straßen fahren.
„Die Sperre kann man entfernen“, lässt er mich wissen. „Das ist kein Problem. Aber VW darf Porsche keine Konkurrenz machen. Kann ja nicht sein, dass der R den S schlägt. Aber die 300 PS reichen bestimmt für 280 km/h.“
Wieder zwinkert er mir verschwörerisch zu. „Wollen Sie es versuchen? Ich zahle den Umbau, eine Werkstatt findet sich bestimmt.“
Ich muss ablehnen. Aus Gründen der Vernunft. Leider.

Der Cayenne fährt sich angenehm und viel entspannter als der Golf. Kraft im Überfluss, Selbstbewusstsein pur. Und dieser nur als martialisch zu bezeichnende Motorklang lässt mein Herz vor Freude hüpfen. 550 PS gelenkt von einer Mayumi-Stärke. Das hat einfach was, das ist stark. Ich fahre zum Hotel zurück und spüre den Wunsch des Grafen. Ausgesprochen hat er ihn nicht. Aber ich kann in seinem Gesicht lesen. Kein Problem, auch der Golf soll nun geadelt werden. Vorsichtig steigt der Unternehmer ein.
„Sagen Sie es bloß nicht meiner Frau“, bittet er. „Sie ist immer so besorgt um mich.“
Wir drehen die gleiche Runde. Altes Herz wird wieder jung. Die Bandscheiben halten. Ich mag den alten Mann, er erinnert mich an meinen Vater. Meine Großeltern habe ich leider nie gekannt. Gas geben kann Graf Werner nicht, aber er hat trotzdem Spaß. Vernünftig sein ist für Spaßbremsen.

Im Hotel verabschieden wir uns, das Ehepaar wünscht uns einen schönen Aufenthalt.
Ich habe Graf Werners Visitenkarte.
„Melden Sie sich, wenn Sie mal in Hamburg sind“, hat er gesagt. „Das ist keine Floskel, ich meine was ich sage.“
Und ich glaube ihm.
Yuki erzählt mir von ihrem Gespräch mit Werners Frau.
„Sie hat nicht gewusst, dass wir zusammen sind. Aber es hat sie nicht gestört.“
„Mich stört es auch nicht, Elfchen“, sage ich und gebe ihr einen Kuss.
Wir verbummeln den Rest des Tages und gehen früh zu Bett. Lange vor Sonnenaufgang stehen wir auf und machen einen Spaziergang im Schnee. Vernunft ist anders. Aber davon berichte ich ein anderes Mal.

Fortsetzung folgt …

Der Wanderer ohne Ziel

Es ist Sonntag. Ich erwache früh. Erst 7 Uhr. Die Welt liegt noch im Dunkel. Yuki blinzelt und lächelt mich an.
„Ich mag spazieren gehen“, sage ich. „Kommst du mit?“
Yuki nickt und wir ziehen uns an. Dicke Kleidung gegen die Kälte, feste Schuhe, Mützen.
Ich starte den Toyota und wir fahren los. Das Betongrau weicht sattem Grün. Bodennebel wallt.
Wir parken und laufen los. Hand in Hand. Yuki schmiegt sich an mich.
„Wohin gehen wir?“, fragt sie leise.
„Ins Morgen, kleine Elfe.“
„Einfach so, ohne jedes Ziel?“
„Nein. Wir haben ein Ziel.“

Mir fällt eine Geschichte ein von dem Wanderer ohne Ziel.
„Vor langer Zeit lebte im Japan der Shogun-Zeit ein junger Mann. Sein Name war Sasuke. Er war der Sohn eines Fürsten. Ein Prinz, ein Samurai. Sein Vater ließ ihn von den besten Lehrern des Landes ausbilden. Der junge Mann konnte Gedichte schreiben, aber auch einen Gegner mit nur einem Schlag besiegen. Aber im  damaligen Japan gab es keine Kriege mehr. So konnte sich der junge Prinz nur in Duellen messen. Dies war natürlich gefährlich. Weniger für ihn, als für den Frieden. Daher gingen die jungen Krieger dazu über sich nur mit Holzschwertern zu bekämpfen.“
„Kendo?“, fragt Yuki.
„Das gab es damals so noch nicht“, erwidere ich. „Aber auch ein Treffer mit einem Holzschwert kann sehr schmerzhaft sein.“
Wir bleiben stehen und atmen tief ein. Die Luft ist klar. Freundlich winkt Amaterasu-ō-mi-kami, die Sonnengöttin vom Himmel.
„Sasuke war schon bald der größte Krieger des Landes. Vom Norden bis Süden gab es keinen Samurai mehr, der ihn hätte besiegen können. Also fing er an sich mit den Schattenkriegern, den Ninja zu messen. Auch diese besiegte er alle und erwarb sich so großen Respekt.“
„Ist das nicht langweilig immer der Beste zu sein?“, will Yuki wissen. „Musste er nicht immer in Angst leben doch auf einen Besseren zu treffen?“
„Ja“, sage ich. „Sein Vater sah das mit Sorge. Er wollte Sasuke verheiraten damit dieser in Zukunft weniger ans kämpfen dachte. Und so fand sich schon bald die passende Frau: Prinzessin Yuki-onna.“
„Hey!“, unterbricht mich Yuki. „Warum muss ich nun wieder in deiner Geschichte sein?“
Ich blinzele Yuki zu und sie lacht.

„Prinzessin Yuki-onna war eine außergewöhnliche junge Frau. Angeblich soll ihre Mutter eine Elfe gewesen sein. Und wirklich sah sie sehr elfenhaft aus. Zart, zerbrechlich mit fast schneeweißer Haut. Es kam wie es kommen musste, die beiden jungen Menschen verliebten sich. Sicher war das bei der arrangierten Heirat nicht gewesen. Aber Sasuke war fasziniert von seiner klugen Frau. Fast zwei Jahre lang dauerte ihr Glück. Zwei Jahre in denen Sasuke nicht ein einziges Mal zum Schwert gegriffen hatte.“
Ich mache eine Pause, als ein älteres Ehepaar mit ihrem Hund vorbeikommt. Sie grüßen uns freundlich, der Hund wedelt mit dem Schwanz.
„Und wie ging es weiter?“, will Yuki wissen. „Hatten sie viele Kinder und lebten glücklich bis an ihr Ende?“
Ich schüttele den Kopf.
„Nein. Die Ehe blieb kinderlos. Sasuke war darüber sehr betrübt. Aber statt bei seiner Frau zu bleiben zog es ihn fort von ihr. Rast- und ruhelos begann er wieder durchs Land zu wandern.“
„Ich bin ein Wanderer ohne Ziel“, sagte er ihr. „Für einen Augenblick glaubte ich angekommen zu sein. Bei dir, mit dir. Aber so wie der Wind die Wolken treibt, treibt es mich durch die Welt. Und es gibt nichts, was mich hält. Ich wollte bei dir sein. Ein Leben lang. Aber wieder muss ich hinaus.“
Yuki-onna war traurig.
„Liebst du mich denn nicht?“, wollte sie wissen. „Bin ich dir nicht genug?“
„Natürlich liebe ich dich“, sagte Sasuke. „Aber ich muss trotzdem immer wieder gehen.“
„Dann lass mich mit dir gehen“, bat Yuki-onna.
Sasuke dachte nach. Er liebte seine Frau wirklich.
„Vielleicht hast du Recht“, sagte er. „Vielleicht sollten wir wirklich gemeinsam auf die Reise gehen.“

Doch das Schicksal hatte andere Pläne. Im Winter wurde Yuki-onna sehr krank und die Ärzte gaben ihr nur noch kurze Zeit zu leben.
Sasuke war verzweifelt. Er betete zu den Göttern, flehte sie um Hilfe an.
Als er aus dem Tempel trat sprach ihn eine Frau an. Sie war ganz in Weiß gekleidet. Augen, dunkel wie Kohle schauten Sasuke freundlich an. Ihre Züge wirkten vertraut.“
„Wer bist du?“, wollte Sasuke wissen. „Wie kommst du hierher? Niemand kann an meinen Wachen  vorbei …“
Die Frau lächelte.
„Ich bin hier um zu helfen“, sagte sie leise.
„Helfen?“
Sasuke lachte bitter.
„Meine geliebte Frau stirbt! Selbst die Götter können ihr nicht helfen. Vielleicht bin ich verflucht.“
„Du bist nicht verflucht“, erwiderte die Frau. „Yuki-onna ebenfalls nicht. Aber du weißt, was man sich über sie und ihre Mutter erzählt?“
„Ihre Mutter soll eine Elfe sein“, murmelte Sasuke. „Ich glaube nicht daran. Elfen gibt es nicht.“
Die Frau lachte silberhell und warf die Kapuze ihres Umhangs zurück.
„Elfen gibt es immer dann, wenn du daran glaubst, junger Prinz. Glaubst du an mich? Glaube und ich kann dir helfen. Und meiner Tochter.“
Sasuke schluckte. Fassungslos starrte er die Frau an. Erst jetzt erkannte er die große Ähnlichkeit mit Yuki-onna. Nur die Haarfarbe unterschied die beiden Frauen. Während Yuki-onnas Haare dunkel wie Ebenholz waren, strahlten die der Frau in sillbrig-weißem Glanz.
Sasukes Knie begannen zu zittern, sein Atem stockte kurz.
„Du …, du bist die wahre Yuki-onna, nicht wahr?“, fragte er leise. „Die Schneefrau der Legenden.“
„Vielleicht bin ich das“, sagte die Frau. „Aber eine Legende bin ich nicht. Legenden sind tot. Ich lebe. Soll also deine Frau auch leben? Bist du bereit sie zu retten?“
„Ja!“, sagte Sasuke mit entschlossener Stimme. „Ich bin bereit, Herrin. Sag mir nur was ich tun muss.“
„Bring sie zu mir“, sagte die Yuki-onna. „Bring sie mir und ich rette sie. Aber du wirst einen Preis dafür zahlen müssen.“
„Was verlangst du, Herrin? Silber, Edelsteine, Gold? Sag es, nenne den Preis und ich zahle ihn!“
Die Augen der Schneefrau drangen tief in Sasukes Seele. Plötzlich fühlte er sich schwach.
„Du warst bisher ein Wanderer ohne Ziel“, sagte sie. „Und ein Wanderer wirst du für alle Zeit sein Aber du wirst nun ein Ziel haben. Nur einmal im Jahr werdet ihr euch sehen. Drei kurze Monate werdet ihr ein Paar sein. Aber ihr werdet Kinder haben, das verspreche ich euch.“
Sasuke holte tief Luft. Er verneigte sich tief vor der Schneefrau.
„So sei es, Herrin. Ich bin bereit jeden Preis zu zahlen. Für die Liebe.“

Yuki seufzt ergriffen und schmiegt sich enger an mich.
„Du und deine Geschichten“, flüstert sie mit feuchten Augen.
„Ich bin noch nicht fertig“, sage ich und lächele ihr zu.
Sasuke brachte seine kranke Frau zu dem Tempel. Kaum dass sie ihre Mutter sah, fiel jede Schwäche von ihr ab. Leichtfüßig lief sie auf sie zu und die beiden Frauen umarmten sich.
„Ich bin wieder gesund!“, rief Yuki-onna. „Nun wird alles wieder gut.“
Sie streckte die Arme nach Sasuke aus und dieser ergriff vorsichtig ihre Hand.
Sie war nicht länger kalt.
Die Schneefrau nickte und legte beide Hände auf die des jungen Paares.
„Lebt meine Kinder. Lebt eure Zeit. Du Sasuke wirst von nun an einen neuen Namen tragen. Er soll Fuyu Shōgun – General Winter – lauten.“
Und so geschah es. General Winter kam jedes Jahr mit seiner Frau zusammen. Gemeinsam hatten sie viele Kinder, die wie Blütenblätter fallenden Schneeflocken.

Yuki bleibt stehen und schaute mich lange an.
„Wirst du auch eines Tages von mir gehen?“, will sie wissen.
„Nein Yuki-onna“, flüstere ich. „Wir haben doch ein Ziel.“
Yuki strahlt und das nicht nur im Winter.

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Ich habe diese Geschichte am Sonntag bei unserem Spaziergang erfunden. Verwoben habe ich darin mehrere Legenden und eine Anime Figur. Die Yuki-onna entspricht der westlichen Schneekönigin, General Winter ist Väterchen Frost, über den ich bereits geschrieben hatte. An dieser Stelle möchte ich mich ganz herzlich bei allen LeserInnen meines Blogs bedanken. Durch Kommentare und eure Blogs habt ihr mich inspiriert und mir den Weg zurück ins Schreiben geebnet.

Novemberblues

Es ist kälter geworden. Die Tage kürzer und grauer. Nebel liegt über dem Land. Die Menschen wirken bedrückt, viele sind melancholisch. Der Bus zum Düsseldofer Bahnhof ist überfüllt. Ich stehe die ganze Zeit. Niemand schenkt mir einen Blick. Graue Straßen huschen vorbei. Regen peitscht gegen blinde Fenster. Mir ist kalt.

Am Bahnhof treffe ich auf einen alten Mann. Er strahlt über das faltige Gesicht. Muntere Augen schauen voll Neugier. Ich lächle ihn an. Er nickt, freut sich.
Mein Zug hat natürlich Verspätung. Neugierig schaue ich mich um. Menschen am Bahnhof sind immer interessant.
Der Alte trägt einen Hund auf dem Arm. Struppig und grau wie sein Herr. Freundlich wedelt das Tier mit dem Schwanz.
„Darf ich ihn streicheln?“, frage ich den Mann.
„Nur zu“, sagt er. Er mag das sehr.“

Ich streiche über sein Köpfchen und der Hund leckt meine Hand. Es kitzelt und der Hund bellt freudig. Lacht er etwa über mich?
Schatten gleiten vorbei. Den Kopf gesenkt, die Augen leer.
„Was ist mit den Menschen passiert?“, will der Alte wissen. „Ist das Leben wirklich so schwer?“
Ich habe keine Antwort und schaue ihn nur an. Aber ich weiß was er meint.
„Vielleicht drücken die Sorgen des Alltags“, sage ich. „Vielleicht haben sie Liebeskummer.“
Der  Alte lacht. „Ist das ein Grund um zu verzweifeln? Schau mich an. Ich habe kein Zuhause. Und ich lebe schon so lange. Aber jeder neue Tag ist schön.“
Der kleine Hund bellt wieder. Wie ähnlich sich die Beiden sind.

„Sie leben also auf der Straße?“, will ich wissen. „Ist das nicht sehr schwer?“
Der Alte schüttelt den Kopf.
„Nein“, erwidert er. „Ich habe nie etwas anderes gekannt. Mein Leben ist eine einzige Reise. Und mein kleiner Freund hier kommt immer mit“
„Wie heißt er denn“, frage ich und kraule das Tier am Kinn.
Der Alte schmunzelt.
„Ich nenne ihn November. Wegen seines grauen Fells und seiner freuchten Nase.“
„Ich mag den November“, sage ich.  „Aber ich mag alle Jahreszeiten, das ganze Jahr.“

„Woher kommst du Kind?“, will der Alte wissen. Offenbar aus einem weit entfernten Land.“
„Aus Japan“, sage ich. „Ich bin dort geboren.“
„Und bist du nun auf dem Weg zurück?“
Ich muss lachen.
„Nein“, sage ich. „Ich habe meine Eltern besucht und bin nun auf dem Weg zu meiner Frau.“
Der Alte nickt.
„Ich glaube ich kenne sie“, murmelt er. Ist sie nicht auch Japanerin?“
„Sie kennen Yuki?“, will ich wissen. „Aber woher denn?“
Er deutet auf den Hund.
„Herr November kennt sie wenn ich ehrlich bin. Er ist ihr vor langer Zeit an ihrem Geburtstag begegnet.“
Ich will etwas sagen, aber eine Lautsprecherdurchsage lenkt mich kurz ab. Als ich mich wieder zu dem Alten umdrehe ist er weg.

Auf der Fahrt nach Stuttgart geht mir die Begegnung nicht aus dem Sinn.
Wer war der alte Mann?
Ich schließe die Augen, döse vor mich hin. Die Schatten im Abteil bleiben stumm.
Als ich erwache ist Yuki schon nahe. Nur Minuten später fliegt sie in meine Arme.
Auf dem Nachhauseweg erzähle ich ihr von dem alten Mann.
Sie schaut mich seltsam an.
„Wie sah er aus?“, will sie wissen. „Und was war das für ein Hund?“
Ich beschreibe das ungleiche graue Duo.
Yuki nickt.
„Ja“, sagt sie leise. „Ich kann mich erinnern. Aber das ist so lange her, es kann nicht der gleiche Mann sein. Und dann der Hund …“
Sie fasst nach meiner Hand.
„Es war im November vor zwanzig Jahren. An meinem siebten Geburtstag. Es gab ein großes Fest, all meine  Freunde waren da. Meine Eltern schenkten mir diesen kleinen Hund. Ich nannte ihn Shimotsuki.“
„Bitte was?“, pruste ich los. „Du kannst doch einen Hund nicht November nennen!“
„Wohl kann ich!“, protestiert Yuki. „Außerdem bist du doof! Shimotsuki heißt …“
„… Nebeling; Nebelmond; elfter Monat“, unterbreche ich sie. „Ich kann Japanisch, Maus. Und auf Deutsch heißt das …“
„… November“, vollendet Yuki. „Shimotsuki war mein erster Hund und lange Jahre mein treuer Freund. Er ist vor sechs Jahren an Altersschwäche gestorben. Ich habe ihn im Wald unter einem großen Baum beigesetzt. Damals habe ich diesen alten Mann getroffen. Ich dachte er sei vielleicht ein Bauer aus der Gegend. Er war sehr nett, hat mich getröstet.“
Ich erschauere leicht, fühle aber keine Angst. Mehr eine gewisse Ehrfurcht.
„Weißt du wie der Mann hieß“, will ich wissen. „Hat er dir seinen Namen genannt?“
Yuki überlegt nur kurz.
„Ja“, sagt sie. „Und das war ziemlich seltsam. Er nannte sich Hidoi Shimo.“
„Starker Frost? Bist du sicher?“
Yuki nickt.
„Das war vermutlich eine Anspielung, oder?“
„Ja“, sage ich nachdenklich, während erste Schneeflocken durch die Luft tanzen. „Vermutlich meinte er Väterchen Frost.“
Spontan gebe ich meiner Frau einen Kuss.
„Wollen wir nachher eine Schneefrau bauen?“
Yuki strahlt und ich schmelze.

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Diese Geschichte ist natürlich zum größten Teil erfunden. Sie basiert auf Erinnerungen von Yuki und mir, die ich miteinander verwoben habe. Den Hund gab es, die Fahrt(en) mit der Bahn auch. Ich möchte damit ein positives Signal für all jene Menschen setzen, die vom Novemberblues befallen sind.  Jeder Monat, jede Jahreszeit ist schön! Nutzt die grauen Tage zur Besinnung. Lest ein gutes Buch, esst Schokolade. Kuschelt mit euren Liebsten, oder geht einfach zu Fuß durch die Natur. Herr November wird es euch danken. Und wenn ihr Väterchen Frost begegnet, dann grüßt ihn schön. Er hat es verdient.