Die Akte Vanessa

Vanessa strahlt, als wir sie besuchen. Ihr Elternhaus ist zur Babykrippe umfunktioniert.
Die Zwillinge sind völlig aus dem Häuschen, seit sie ein Brüderchen haben.
Kevin ist der Star und wirklich süß. Pausbäckig kräht er in die Runde und lässt die Frauenherzen schmelzen.
Wie machen Kinder das?

Alle meine Mädels sind da, auch Karin mit Frau und Kindern. Volles Haus, volles Programm. Aber Spaß ist anders, das ist ein Arbeitsbesuch.
Ilka, Amelie und Jo(hanna), die Expertin für Familienrecht, besprechen sich in einer Ecke. Und sie wissen was sie tun.
Linda gibt Vanessa ungefragt Tipps zur Babypflege, aber die verdreht nur die Augen und lacht.
„Ich habe schon zwei Kinder“, amüsiert sie sich.
Linda stört das wenig. Einmal in Fahrt ist sie kaum zu bremsen.
„Du bist viel zu schwach, um klar zu denken“, erklärt sie Vanessa.
Das ist Humor, wie ich ihn mag.

Kevin ist 6 Wochen alt, ein süßer Wonneproppen. Jede der Frauen will ihn halten und der Kleine findet das gut.
Auch ich darf und prompt grinst Yuki mich frech an.
„Mama M“, sagt sie leise und ich fühle, wie gut das tut. Aber Gefühle kann ich kontrollieren und nicht sie mich.
Ein eiskalter Engel und das ist kein leerer Spruch.
Kevins blaue Augen scheinen mir in die Seele zu blicken. Er ist seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Und der ist kein netter Mann.
Morgen Kinder wird’s was geben!

Yuki und Vanessa sprechen lange und meine Elfe hält Kevin im Arm.
Der Kleine kräht und strampelt. Beruhigt wird er dann an Vanessa Brust.
Ich gestatte mir ein Lächeln. Mama Yuki, das steht ihr gut.
Aber wollen wir wirklich Kinder haben?
Selbst Yuki zweifelt noch. Aber ich sehe den Wunsch in ihren Augen.
Ihr Kinderlein kommet.

Vanessa und Bernd haben gesprochen. Mehrfach. Aber es gab keinen Konsens.
Bernd will das Sorgerecht für die Kinder, das hat er Vanessa angedroht.
„Oder du kommst zu mir zurück“, hat er ihr angeboten. „Dann bleibt alles, wie es ist.“
„Ja, du gehst fremd und ich bin dein Frauchen“, kontert Vanessa. „Die Mutter deiner Kinder. Nein danke, das hatten wir schon, damit bin ich durch!“
Als Bernd laut wird, hat Linda ihn freundlich nach draußen geführt. Linda als Bodyguard, das kann sie gut.
Ob Bernds Arm noch immer schmerzt?

Vanessas Eltern werden ihr jegliche Hilfe geben. Was nicht nötig ist, die Juristinnen wollen kein Geld. Selbst die Unkosten will Jo nicht haben. Sie hat nur abgewunken und „Wozu hat man Freunde?“, gesagt. „Der Typ hat keine Chance“, erklärt uns Jo. „Wir sind dabei eine Verfügung zu erwirken, so dass er sich Vanessa nicht mehr nähern darf.“
„Ich hätte große Lust ihn zu besuchen“, sage ich. „Kein Mann greift eine Freundin an! Auch wenn es nur Worte waren.“
Eiskalt, wie das Schweigen.

In meinem Leben habe ich schon einige Dramen erlebt, aber „Die Akte Vanessa“ schlägt dem Fass den Boden aus.
Wie Bernd, haben sich bisher nur wenige Männer benommen.
„Nicht selten verursacht der Rosenkrieg einen markanten Rückgang des Lebensstandards und führt einen oder beide Partner in den finanziellen Ruin“, hat ein Experte gesagt.
Und dann sind da immer noch die Kinder. Die verstehen die Situation noch nicht. Nur, dass Papa „böse“ ist.
(Wie) Lieben Männer ihre Kinder?

Die Zwillinge leiden. Bernd mag alles sein, aber er ist kein wirklich schlechter Vater. Nur wird ihm das kaum helfen.
Gut für Vanessa, wir Frauen halten zusammen. Solidarität und Freundschaft hat nichts mit sexueller Orientierung zu tun. Und nicht alle in unserem Kreis sind Lesben.
Es vergeht kein Tag an dem nicht eine Frau bei Vanessa ist. Einkäufe macht, sie fährt, oder die Zwillinge hütet. Das alles damit Vanessa schlafen kann.
Meist ist es eins von Lindas Mädels, das quasi als Aufpasserin agiert.
Traurig, aber wahr.

Rosenkriege sind nicht schön. Ich muss sie nicht erleben.
Bei dieser Schlacht führe ich kein Kommando und überlasse den Juristinnen das Feld.
Jo ist ein guter General und Linda Frau genug, um für Vanessas Sicherheit zu sorgen.
Aber ich bleibe die Regenbogenkriegerin. Ein falsches Wort von Bernd und ich bin da.
Auf der Heimfahrt habe ich das Thema mit Yuki besprochen und sie gefragt was sie über Scheidung denkt.
„Wenn du mich verlässt kratze ich dir natürlich die Augen aus“, antwortet sie mit sanftem Lächeln. „Und jetzt mach die Akte Vanessa zu und gib mir einen Kuss.“
Elfenakte(n) können so einfach sein.

Wer die Vorgeschichte lesen mag:

Teil 1 – Lebe deinen Traum

Teil 2 – Wenn Frauen hassen

Wenn Frauen hassen

Wie versprochen und nur wenig literatisch aufgearbeitet, die Fortsetzung der „Akte Vanessa.“ Es gibt keine Moral, keine Anschuldigungen. Nur die Wahrheit. Und die tut oft weh. Wen sie nicht interessiert, oder wer zu zart besaitet ist, der darf genau hier aufhören zu lesen. Nur trägt das Leben keine rosa Brille. Das Leben ist hart und es ist anders. Und ich habe den Blick dafür.

Zu Fünft stehen die Männer vor Vanessa. Kalt mustert Bernd seine Frau.
„Die Schlüssel“, verlangt er. „Du kommst nicht mehr in mein Haus!“
„Halt mal die Bälle flach“, sagt Linda. „Wir nehmen mit, was Vanessa gehört. Und du gehst uns besser aus dem Weg.“
„Das wollen wir mal sehen!“, schreit Bernd und sein Gesicht wird rot. „Ihr Dreckslesben glaubt wohl, dass ihr euch alles erlauben könnt? Noch einen Ton und ich rufe die Polizei!“
„Nur zu“, ermutigt ihn Linda ungerührt. „Alternativ kann ich das auch gern für dich machen.“
Eins, zwei, Polizei. Drei, vier, Grenadier.

Vanessa hat noch knapp zwei Wochen bis zur Geburt, Yuki weicht nicht von ihrer Seite.
Ich analysiere die Lage. Fünf Männer stehen sieben Frauen gegenüber. Alle bis auf Vanessa sind Kampfsport erfahren.
Keine zweite Chance, kein Joker. Das gibt auf die Nase. Nur begreift das Bernd nicht sofort.
Vanessa wird von Ilka und Amelie beraten. Und die wälzen zur Zeit Bücher über Familien- und Scheidungsrecht.
In einer Frühmorgenaktion haben wir bereits vor Tagen das Haus durchsucht und Unterlagen gesichtet und kopiert.
Aber heute sollen es einige Möbel und Kleider sein. Die Zwillinge brauchen ihre Sachen.
Heimlich, still und leise.

Juristisch bewegen wir uns dabei in keiner abgesicherten Zone. Aber Vanessa blieb keine andere Wahl. Bernd hatte, nachdem sie den Kontakt verweigerte, das Konto für sie gesperrt. Das galt es anzufechten. Mit Erfolg. Trotzdem braucht Vanessa noch mehr Sachen. Nur blieb unser Besuch nicht unbemerkt. Offenbar haben Nachbarn Bernd verständigt, als unser Rollkommando vorgefahren ist. Und plötzlich standen fünf Männer im Haus. Und alle schauten grimmig.
Aber Hunde die bellen, die beißen nicht. Und einem bösen Hund gibt man gleich zwei Knochen. Oder einen Tritt.
Hunde, wollt ihr ewig leben?

„Bernd“, beginne ich, „lass uns bitte vernünftig sein. Du hast deine Frau betrogen und sie kann das nicht verzeihen. Niemand will dich bestehlen und sie wird auch nur die nötigsten Sachen …“
„Halt dein dummes Maul!“, herrscht Bernd mich an. Er spuckt und geifert, die Emotionen kochen. „Ihr Weiber seid doch schuld, dass meine eigene Frau mich nicht mehr fickt! Was soll ich denn machen, es mir durch die Rippen schwitzen?“
„Das wäre eine Möglichkeit“, erwidere ich sanft. „Deine schwangere Frau zu betrügen, ist das Allerletzte. Aber vermutlich hast du das immer schon gemacht.“
„Ja, na und?“, erwidert Bernd. „Ich hole mir nur das, was sie mir nicht gibt.“
Vanessa wird kreidebleich bei dem Geständnis. Tränen schießen in ihre Augen und Linda faucht. Im letzten Moment hindere ich sie daran auf Bernd loszugehen.
„Cool bleiben“, sage ich leise. „Den packen wir anders.“
Logik kommt vor Emotionen.

Plötzlich kippt die Stimmung und auch Bernd bricht in Tränen aus. Er sieht schlecht aus, übernächtigt.
In der Küche haben wir leere Bierflaschen gefunden. Auch eine Lösung. Aber nicht auf Dauer.
„Komm zu mir zurück“, fleht Bernd und macht einen Schritt auf Vanessa zu. „Ich mache es auch wieder gut. Ich liebe dich doch!“
Vanessa weicht zurück, ihre Tränen versiegen. Ein eisiger Blick trifft ihren Mann.
„Liebe? Du sprichst von Liebe?“, fragt sie und lacht verbittert. „Du liebst doch nur dich und dein Geld. Und ich war dein Vorzeigefrauchen, die dir Kinder schenken durfte. Aber ein Bringer im Bett, das warst du nicht! Da war jeder andere vor dir besser.“
Wenn Frauen hassen.

Die Worte treffen Bermd wie Kugeln und zerfetzen den letzten Rest von klarem Verstand.
Ich ahne was kommt, bin mit einem Satz bei Vanessa und hebele Bernd gekonnt aus.
Krachend lander er auf dem Sofa, meine Mädels machen Front. Aber seine Begleiter rühren sich nicht.
„Unten bleiben!“, herrsche ich Bernd an. „Noch so eine Aktion und du wirst richtige Schmerzen haben. Bis du eigentlich von allen guten Geistern verlassen? Glaubst du deine Frau zu schlagen löst euer Problem? Ihr müsst reden. Daran führt kein Weg vorbei. Aber Vanessa braucht Abstand, das sieht du bestimmt ein. Und die Kinder ihre Sachen. Du willst doch kaum, dass sie in Lumpen gehen.“
Deine Kinder, meine Kinder.

Bernd ist nur noch ein Häufchen Elend. Mindestens zwei seiner Freunde fühlen sich in ihrer Haut nicht wohl. Mit betretenen Gesichtern verlassen die Männer das Haus. Die Solidarität bröckelt. Ein dicker Typ will es dann doch genauer wissen.
„Was Sie hier machen ist illegal“, kräht er mit Fistelstimme. „Ich zeige Sie an! Alle!“
Mein herzliches Lachen verunsichert ihn.
„Und wie lautet die Anschuldigung?“, will ich wissen. „Soweit ich weiß gibt es keinen Ehevertrag, also ist Vanessa die Miteigentümerin dieses Hauses. Und in genau dieser Funktion hat sie uns eingeladen. Wir haben also weder Hausfriedensbruch begangen, noch Gewalt angewendet. Das eben gegen Bernd ist durch den Notwehrparagraph gedeckt. Notwehr ist die Verteidigung, die erforderlich ist, um einen gegenwärtigen rechtswidrigen Angriff von sich oder einem anderen abzuwenden“, zitiere ich.
Das Recht in meiner Hand.

Ein am Boden zerstörter Bernd samt schweigender Freunde, sieht unserem Abzug zu. Beladen mit Kleidern und den abgebauten Kinderbetten. Und allerlei Spielzeug.
Vanessas Eltern haben Platz im Haus, das Dachgeschoss war früher Vanessas erste Wohnung. Dort lebt sie mit den Zwillingen. Ihr altes Bett und Möbel sind noch dort.
Ich habe kein Mitleid mit Bernd, aber Hass ist fehl am Platz. Er bekommt nun das, was er verdient.
Vanessa hat unser aller Mitgefühl. Die Frauen kümmern sich rührend um sie. Von allen Seiten kommt Hilfe.
Solidarität unter Schwestern. So einfach kann Freundschaft sein.