Die Zehn Gebote des Miyamoto Musashi

Die Zehn Gebote des Miyamoto Musashi

Die japanische Geschichte ist voller Grausamkeit und Gewalt. Zumindest nach dem heutigen Verständnis. Aber für meine Vorfahren war der Tod ein Teil ihres Lebens. Die Geschichte Japans ist in gewisser Weise die Geschichte aller Länder. Auch Deutschland hat eine kriegerische Vergangenheit. Vielleicht liegt in der Gewalt der Schlüssel zu jener Weisheit, die Dichter und Denker den Menschen später offenbarten.

Musashi

Miyamoto Musashi, Japans berühmtester Ronin / Samurai, war Mitglied einer Generation, die oft schon in jungen Jahren auf dem Schlachtfeld verblutet ist. Musashi hat überlebt und keinen seiner vielen Zweikämpfe verloren. Nach damaligen Maßstäben hat er sich dabei unehrenhafter Mittel bedient. Aber wer war dieser Mann wirklich, der zur Legende in Japan geworden ist?

Musashi war kein primitiver Schläger. Sein Nachlass, das Buch Gorin no Sho (Buch der fünf Ringe), dient noch heute als Quelle für Lebensweisheiten und Managementstrategien. Musashis Jugend war hart, der Überlieferung nach, hat ihm sein Vater wenig Liebe entgegengebracht. Dafür hat er ihn im Kenjutsu / Schwertkampf und Jittejutsu unterrichtet. Letzteres ist interessant und erklärt möglicherweise Musashis für damalige Verhältnisse spektakuläre Schwertkampftechnik.

Die Kunst des Kriegers

Jittejutsu ist die japanische Kampfkunst, die japanische Waffe Jitte einzusetzen. Jittejutsu wurde hauptsächlich für die Strafverfolgungsbeamten der Edo-Zeit entwickelt, um eine nicht tödliche Abrüstung und Festnahme von Kriminellen zu ermöglichen, die normalerweise ein Schwert trugen. (Quelle Wikipedia)

Jitte ist keine Waffe im eigentlichen Sinn. Dabei handelt es sich um einen mit einem Griff versehenen Metallstab, der noch einen Haken hat. Ein Bild findet sich bei Wikipedia.

Ich habe das ausprobiert und bin der Meinung, dass Muashis ursprüngliche Schwerttechnik aus Jitte und Katana bestand. Mit der Jitte hat er vermutlich (tödliche) Schläge geblockt und ist dann selbst mit dem Schwert zum (tödlichen) Angriff übergegangen. In späteren Jahren hat er dann ein Kurz- und ein Langschwert eingesetzt.

Die Zehn Gebote

Mein Vater kennt die Niten-Ichiryū-Schwertkampfschule Musashis und hat mir die Techniken beigebracht. Im Unterschied zu normalem Kenjutsu werden zwei Schwerter benutzt. Das kleinere kann man auch werfen.

Ich habe das als Kind gemacht, was meinen Vater zum Schmunzeln brachte. Mayumi „wütend“ war offensichtlich spaßig. Glück für ihn, es handelte sich um ein Plastikschwert. Ein echtes hätte ich ohnehin nicht geworfen. Hier nun Musashis Gebote:

  1. Habe nie arglistige Gedanken.
  2. Übe dich unablässig darin, deinem Weg zu folgen.
  3. Mache dich vertraut mit allen Techniken und Künsten.
  4. Studiere die Wege und Tätigkeiten vieler Berufe.
  5. Lerne in allen Dingen Gewinn und Verlust zu unterscheiden.
  6. Entwickle deine Fähigkeit, Dinge auf den ersten Blick zu durchschauen.
  7. Bemühe dich, das Wesen auch dessen zu erkennen, das unsichtbar bleibt.
  8. Vernachlässige nie deine Aufmerksamkeit, auch gegenüber den kleinsten Dingen.
  9. Halte dich nicht mit nutzlosen Beschäftigungen auf.
  10. Wenn es einen Weg gibt, der zu unbesiegbarem Selbstvertrauen führt, dem Einzelnen alle Schwierigkeiten überwinden hilft und ihm Ruhm und Ehre einbringt, so ist es der Weg des Kampfes.

Rückblick

Meine Vorfahren waren Vasallen des Tokugawa-Clans, der letztlich gegen den Toyotomi-Clan siegreich war. Tokugawa Ieyasu wurde nach dem Sieg zum berühmtesten Shogun Japans. Musashi, der für den Toyotomi-Clan kämpfte, stand also meinen Vorfahren gegenüber.

Vermutlich haben sie sich nicht persönlich getroffen sonst hätte vielleicht keiner überlebt. Musashi ist damals vom Schlachtfeld geflohen und begann seine Wanderung durch Japan. Meine Vorfahren haben weiter dem Shogun gedient. Relativ unspektakulär, wie ich vermute. Wer auffiel, verlor schnell den Kopf.

Ich denke, also bin ich

Vor einigen Jahren habe ich bereits den Beitrag „Das ist Kenjutsu!“ verfasst. Dort findet sich mehr über die japanische Art zu fechten. Noch schwieriger als den Weg der Samurai zu verstehen, ist für Europäer offensichtlich wie Japaner denken. Vielleicht helfen Musashis Zehn Gebote, die auch noch in der heutigen Zeit ihre Berechtigung haben.

Das ist Kenjutsu!

Japan, die Samurai und ihre Schwertkunst, sind vielen Menschen ein Begriff. Die scheinbar unschlagbare Technik der Samurai, hat schon immer fasziniert. Aber was genau ist diese Kunst. Das soll dieser Artikel klären.

Samurai beherrschten die Kunst des Kenjutsu. Aber Kenjutsu ist nur der Oberbegriff aller Formen der japanischen Schwertkunst, insbesondere jener Disziplinen, welche vor der Meiji-Zeit (1868 bis 1912) entstanden sind. Die heutigen Formen des modernen Kendō und Iaidō, die im 20. Jahrhundert entstanden, haben ebenfalls ihren Ursprung zu dieser Zeit. (Quelle Wikipedia)

Schon sehe ich große Fragezeichen in den Augen meiner LeserInnen leuchten. „Ist Kendō keine Kunst?“ Wie schon in meinen Artikeln über Karate und Aikido, gibt es auch beim Schwertkampf den gleichen Unterschied. Kendō ist quasi die Sportvariante des alten Stils.

Wie beim chinesischen Wushu (Kung Fu) und dem Karate, steht Kenjutsu nicht nur für einen Stil. Auf Anhhieb fallen mir locker zwei Dutzend Schulen ein, die miteinander konkurrieren. Keine ist besser oder schlechter als die andere. Jede ist auf ihre Weise gut. Und bei Vergleichen gewinnt immer nur der besser trainierte Kämpfer. Und das kann auch ein HEMA Fechter sein.

HEMA ist der Oberbegriff der Historical European Martial Arts. Aber davon vielleicht ein andermal mehr. Erwähnt habe ich HEMA lediglich, um die immer aufkommenden Diskussionen, wer bei einem Zweikampf (europäischer) Ritter gegen einen Samurai gewinnt, kurz anzusprechen.

Die Antwort ist ganz einfach. In voller Montur (Rüstung) bei gleichen Fähigkeiten, wird der Ritter gewinnen. Im Gegensatz zu anderen Experten sage ich, dass es nicht am Waffenstahl liegt, einzig die bessere Rüstung macht den Unterschied. Bei einem Kampf ohne Rüstung, ist der Sieger nicht vorauszusagen. Vielleicht hätte der Samurai gewonnen, wenn er noch in Aikijujutsu ausgebildet war.

Als ich vor einigen Jahren meinen Blog erstellte, hatte ich bewusst nur meine Ausbildung in Kendō erwähnt. Ich wollte Leser nicht mit Details verwirren. Nun reicht der Stammbaum meiner Familie bis in die Zeit Oda Nobunagas und weiter zurück. Sie war allerdings dem Tokugawa Clan verpflichtet, aus dem der legendäre Shogun Ieyasu Tokugawa hervorgegangen ist.

Vielleicht Schicksal, mit Sicherheit aber ein Glücksfall. Auf der Gegenseite hätten meine Vorfahren nicht überlebt. Aufzeichnungen belegen, dass meine Familie unter anderem im Yagyū Shinkage-ryū Stil unterrichtet worden ist, aber auch andere Schulen kannte. Yagyū Muneyoshi, der Namensgeber, hat diesen Stil am Hof des Shoguns etabliert.

Wenn ich unter anderem schreibe, muss ich auch Miyamoto Musashis Niten ichi-ryu Stil nennen, in dem Kurzschwert Langschwert gleichzeitig zum Einsatz kamen. Zwar wird gern behauptet, dass Musashi diese Form erfunden hat, so ganz richtig ist das aber nicht. Einen ähnlichen Stil gab es schon früher und auch die legendären Ninja haben ihn zum Teil benutzt.

Als Mädchen, habe ich die Zweischwerttechnik gern benutzt.  Der Grund war simpel, ich konnte dabei schummeln. Wenn ich am verlieren war, habe ich einfach das Kurzschwert geworfen. „Wie kannst du nur, Mayumi!“ Ich konnte, das habe ich von Musashi gelernt. Sieger: Ich.

Mein Vater hat mich gern im Schwertkampf unterrichtet. Scherzhaft habe ich als Teenager gesagt, dass er mich da endlich mal verhauen kann. Es fällt schwer meinem Vater aus der Reserve zu locken, aber mit dem Satz habe ich ihn zum Lachen gebracht.

Kann nun, bei gleichen Fähigkeiten, ein Kendō Fechter einen Kenjutsu Meister schlagen? Die Antwort ist ein klares Nein. Im Kendō sind nur noch wenige Angriffe und Formen zugelassen. Kenjutsu ist die komplette Kunst, die bitte nicht wörtlich zu nehmen ist.

Kenjutsu ist eine effektive Art den Gegner zu besiegen. Und das endete meist mit dem Tod. Katana schlagen schreckliche Wunden. Die Samurai haben das meist an Bambus geübt, der die gleiche Konsistenz wie menschliche Knochen hat. Aber auch an Verbrechern. Und das war nicht besonders nett.

Vergleiche mit anderen Fechtstilen fallen immer schwer. Auch in China gab es gute Kämpfer. So war ein im Wudang Schwertstil ausgebildeter Chinese einem Samurai zumindest ebenbürtig. Und die chinesischen Jian Schwerter sind ebenfalls sehr gut. Ich werde das eines Tages testen.

In verschiedenen Martial Arts Filmen werden gern Kämpfer gezeigt, die mit Kurzwaffen gegen einen Samurai antreten, diesem minutenlang Paroli bieten und letztlich besiegen. Das sollte man besser als das sehen, was es auch ist: ein Film.

Es mag durchaus Menschen gegeben haben, die einen nur mäßig begabten Samurai entwaffnen und besiegen konnten. Allein schon von der Länge der Klinge sollte jedem der Sieger eines solchen Duell klar sein. Der Samurai hätte seinem Gegner die Hand abgehackt und ihn dann lässig aufgeschlitzt.

Eine kurze Erwähnung verdient auch noch Iaidō, das sich aus dem Iaijutsu oder Battōjutsu entwickelt hat. Ich habe so meine Probleme damit, es als eigenen Stil zu sehen. Iaijutsu / Iaidō ist nichts anderes als die Kunst des Schwertziehens und dieses noch in der Bewegung zu nutzen. Japanische Regisseure haben das gern in ihren Werken gezeigt.

Unter anderem wird Iaijutsu auch in den Zatoichi Filmen präsentiert. Der blinde Held zieht dort meist blitzartig sein Schwert und tötet Gegner noch in der Bewegung. Kenjutsu dagegen sind alle Techniken, die mit bereits gezogener Waffe ausgeführt werden.

Ich habe lange auf youtube gesucht und mich dann für ein Video entschieden, das die effektive Art des Kenjutsu auch für Laien deutlich macht. Auf Show wird dabei verzichtet. Was in dem Video gezeigt wird, wäre im Ernstfall tödlich.

 

Der Schlangenbiss

Der Schüler eines großen Samurai ging nach dem Training nach Hause. Es war schon spät und der Junge müde. Also beschloss er, die Abkürzung durch den Wald zu gehen. Seine kleine Laterne spendete nur wenig Licht. Bevor er sich versah trat er auf eine Schlange, die ihn prompt biss.

Voller Panik lief der Schüler zu seinem Meister zurück. „Hilf mir, Sensei“, rief er schon von draußen, „eine Schlange hat mich im Wald gebissen!“ Der Samurai sah sich die Wunde an, die zwar schmerzhaft, aber harmlos war. Keine Spur von Gift.

Er behandelte seinen Schüler und gab ihm Medizin. Sofort fühlte der Junge sich besser. Aber die Angst blieb. „Sensei“, bat er, „kannst du mich nicht nach Hause bringen? Ich habe Angst, dass mich die Schlange wieder beißt.“

Der Samurai ging in die Küche und kochte Tee, den er in aller Seelenruhe trank. Als die Tasse leer war sah er seinen Schüler lange an. „Es gibt immer mehrere Wege, die uns ans Ziel führen“, sagte er. Ist es weise in der Finsternis durch den Wald zu gehen?“

Der Schüler schämte sich, als er die Worte hörte und ging den längeren Weg nach Hause. Dort gab es Fackeln und in vielen Häusern brannte noch Licht. Freudestrahlend kam er am nächsten Tag zum Training. „Danke, Sensei“, sagte er und verbeugte sich. „Du hast mein Leben gerettet.“

Aber nach dem Training kam seine Angst zurück und als die anderen Schüler gegangen waren, bat er den Samurai erneut um Rat. „Sensei“, sagte er, „was mache ich, wenn ich noch einmal einer Schlange begegne und die vielleicht giftig ist?“

„Wenn du ihr nicht aus dem Weg gehen kannst“, erwiderte der Samurai, „schlägst du ihr ohne zu zögern den Kopf ab. Aber entscheiden musst du, was besser für dich ist.“

Die Nebel von Iga – Teil 3

Ein Anruf im November hat uns überrascht. Großvater Satoshis Enkel hat sich bei meinem Vater gemeldet und ist nun zu Gast in Düsseldorf. Es ist Kens letztes Wochenende in Deutschland, das er gern mit uns verbringt. Auf der Fahrt rätseln wir, wie der Besucher ist. Wer er ist, das wissen wir. Und meine LeserInnen gleich auch.

Wir treffen auf einen jungen Japaner, der kaum älter ist als ich. Die Ähnlichkeit mit Satoshi ist offensichtlich, er hat die gleichen Augen.
Wir dürfen ihn Cousin nennen, er hört das gern. Und meinen Vater nennt er respektvoll Onkel. Japaner unter sich.
Cousin Naoki ist höflich und offener, als ich erwartet hatte. Er ist oft in Europa und den USA. Dort betreut er Kunden.
„Großvater lebt in einer Welt, die die Jahrhunderte überdauert hat“, sagt er. „Traditionen bedeuten ihm sehr viel. Und Familie ist ihm wichtig.“
„Du siehst deinem Großvater sehr ähnlich“, sage ich. „Bist du es auch?“
Der Pfeil ist auf den Weg gebracht.

Ken grinst bei meinen Worten. Diesmal hat er sie verstanden.
„Ich bin kein Shinobi“, erwidert Naoki amüsiert. „Das sind nur alte Geschichten, die einen Kern Wahrheit in sich tragen. Die Wirklichkeit sieht ganz anders aus.“
Er trinkt einen Schluck Tee und schaut mich an. Ein kurzer Zweikampf der Blicke, den ich für mich entscheide. Aber Naoki ist keine Gefahr, das kann ich spüren.
„Der Ahn hat damals in Iga gelebt“, beginnt Naoki zu erzählen. „In einer Region, die unabhängig war. Dort gab es keine Killer. Die Clans waren einfach nur selbstbewusst. Man lebte von Ackerbau, Viehzucht und Handwerk. Und einen Tempel gab es auch. Die Menschen waren Bauern, einfache Leute, die ihren Frieden gefunden hatten.“
Deine Wahrheit, meine Wahrheit.

„So einfach können sie nicht gewesen sein“, stelle ich fest. „Immerhin haben sie Oda Nobunagas Sohn in einer Schlacht geschlagen.“
„Ja“, sagt Naoki. „Die Clans sind unbequem gewesen. Stehst du auf keiner Seite, so wird die Seite zu deiner gemacht. Und Oda Nobunaga hatte große Macht. Die Shinobi waren ein Dorn im Auge der Mächtigen. Zu selbstbewusst, zu gefährlich durch ihre Kunst. Auch ein Karate-Meister bildet keine Mörder aus. Aber der Schüler kann Karate zum töten nutzen.“
Und damit hat er recht.

„Ninja, Shinobi waren Menschen ihrer Zeit, die politischen Interessen dienten“, erklärt uns Naoki. „Vieles ist Legende. Aber wir glauben, dass sie Spezialisten waren. Einige auch für Morde, aber hauptsächlich haben sie Informationen beschafft. Und ganz gewiss nicht in dunkler Kleidung und bei Nacht.“
„Ich finde es zum schreien, wenn Ninjas in Hollywood-Filmen Tritte benutzen, die zumindest in Japan keiner kannte“, sage ich. „Und Chinesen haben auch kaum hoch gekickt.“
Naoki nickt und ein erstes Geheimnis lüftet sich.

„Es gibt von dem Ahn Dokumente, die von den Ninja und Iga berichten. Er schreibt von der Harmonie zwischen Mensch, Buddha und der Natur.“
„Was beweist, dass er kein Bauer war“, sage ich. „War er ein Samurai?“
„Er war ein Ronin (herrenloser Krieger)“, erwidert Naoki, „der eine neue Heimat in Iga fand. Auch Freunde und Familie. Seine erste Frau und seine Tochter sind bei dem Massaker umgekommen. Wir entstammen der zweiten Verbindung mit einer jungen Witwe, die noch keine Kinder hatte.“
Liebe besiegt immer Hass.

„Unser Vorfahr hat viel von den Ninja gelernt“, fährt Naoki fort. „Und zumindest eine Form des Taijutsu (japanische Bezeichnung für waffenlose Kampfkünste) hat er perfekt beherrscht. Er hat diese Kunst an seine Söhne und Enkel vermittelt und die immer weiter, bis zum heutigen Tag.“
Er lacht, als ich ihm die alles entscheidende Frage stelle.
„Kannst du diese Kunst?“
„Ja“, erwidert er. „Aber die hat wenig mit dem Bujinkan von Masaaki Hatsumi zu tun.“
„Der Oberninja“, stelle ich respektlos fest. „Immerhin hat er die Kunst bekannt gemacht.“
Aber war das auch gewollt?

Naokis Gesicht spricht eine ganz andere Sprache und wie wenig er von dem Bujinkan-Großmeister hält.
„Im Gegensatz zu Großvater bin ich durchaus dafür, dass unsere Kunst auch von Fremden erlernt werden kann“, fährt er fort. „Der Mythos Ninja sollte entzaubert werden. Aber manche Legenden leben ewig. Nur bin ich gegen diese totale Kommerzialisierung. Das, was Ninjutsu wirklich ist, beherrschen nur noch wenige Menschen auf der Welt. Der Rest macht Jiu Jitsu und Sport-Karate.“
„Der spirituelle Aspekt geht immer mehr verloren“, stimmt mein Vater zu. „Mayumi und ich versuchen ihn zu vermitteln, aber das ist in Europa sehr schwer.“
Es kribbelt in meinem Bauch. Er hat meinen Namen an erster Stelle genannt und mich damit geadelt.
Meisterliche Worte. Auch dafür liebe ich ihn.

„Wir haben lange gebraucht, um einen Hinweis auf diesen Ahn zu finden“, sagt mein Vater. „Fast hätte ich den Eintrag übersehen. Wer war er, was ist mir ihm geschehen?“
„Soweit wir wissen, ist ihm damals als Frau verkleidet die Flucht gelungen“, erwidert Naoki und bestätigt damit meine Theorie. „Oda Nobunaga hat ein Massaker angerichtet und Tausende sind erschlagen worden. Die Übermacht war 10:1, was viel über Nobunagas Charakter sagt.“
„Er hat seine Ehre wiederhergestellt“, werfe ich ein.
„Und Unschuldige getötet“, gibt Naoki zurück. „Frauen und ihre Kinder.“
Der Sieger macht die Regeln, das war schon immer so.

Ob wir nun wirklich einen Ninja in der Familie haben, darüber ist sich selbst Naoki nicht schlüssig. Selbst Großvater Satoshi hat ihn nur einen Bauern genannt.
Aber er war ein Ronin, ein herrenloser Krieger. Kampf war also sein Beruf. Zumindest hat der Ahn in Iga gelebt. Das sagt alles und nichts.
Naokis Besuch war aufschlussreich. Als er geht verspricht er in Kontakt zu bleiben. Und das glauben wir ihm.
Für einen kurzen Augenblick, haben sich die Nebel von Iga noch einmal gelüftet. Wir sind eingetaucht in eine Welt, die vor vielen Jahren vergangen ist.
Aber manche Dinge wollen verborgen bleiben.

Auch echtes (Familien)Ninjutsu habe ich gesehen. Und das fand ich wunderbar.
Im Endeffekt ist es mit meinem Aiki-Jujutsu verwandt. Was vielleicht bedeutet, dass ich wirklich eine Kunoichi bin.
Als ich das sage, hat Naoki herzlich gelacht. Es ist keine Arroganz, er versteht den Spaß.
Die Chronik meiner Familie ist vollständiger geworden. Und das nächste Kapitel schreiben Yuki und ich.

Die Nebel von Iga – Teil 1

Wir schreiben das Jahr 1581. Der Daimyo Oda Nobunaga ist auf dem Höhepunkt seiner Macht. Aber nicht nur militärisches Geschick hat ihm dabei zu seinen Siegen geholfen. Er und die anderen Daimyo, haben sich dabei Menschen bedient, die zur Legende geworden sind. Die Rede ist von den Ninja, den Schattenkriegern, auch Shinobi genannt. Und von denen mag ich heute erzählen.

Japan im Mittelalter war keine einheitliche Nation. Verschiedene Fraktionen buhlten um die Macht. Nicht immer war offener Kampf die beste Lösung. Spionage stand damals hoch im Kurs. Wann die Ninja genau entstanden sind, das weiß heute keiner mehr. Und was sie waren, ist von Hollywood verwässert worden.

Seit vielen Jahren betreibt mein Vater Ahnenforschung. Unser Stammbaum ist lückenlos und reicht bis weit ins Mittelalter zurück. Die Namen der Ahnen klingen gut, aber nicht alle waren Samurai. Und zumindest ein Ahn war ein richtig Schwarzes Schaf. Zumindest seiner Kleidung nach. Dumm nur, dass die auch von Hollywood erfunden worden ist. Ein echter Ninja hat anders ausgesehen.

Die Reise meiner Eltern im Sommer war nicht nur rein geschäftlicher Natur. Sie hat auch zu einem Zweig der Familie geführt, den es offiziell nie gegeben hat. Oda Nobunaga ist damals mit seiner Armee nach Iga marschiert, um die dortigen Ninja-Clans zu vernichten. Sie waren zu mächtig geworden und wurden nicht mehr gebraucht. Außerdem erkannten die Clans seine Vorherrschaft nicht an. Ein weiterer Grund, sie vom Angesicht der Erde zu tilgen. Und genau das hat er getan. Auch galt es die Schmach zu tilgen, die seinem Sohn widerfahren war. Der hat beim Iga-Aufstand 1579 gegen die Ninja-Clans verloren.

Tausende lagen nach der Schlacht erschlagen umher. Die Samurai und ihre Helfer waren nach heutigen Maßstäben gemessen sehr grausame Krieger. Egal ob Kind, Greis, oder Frau, der Tod hat damals in Iga gewütet. Aber nicht alle Ninja sind umgekommen. Und auch nicht unser Ahn.

Wir wissen nicht wie er entkommen ist. Aber im Geist sehe ich einen Mann gehetzt durch die Wälder laufen. Immer im Dunkel der Bäume, unsichtbar für Tageslicht. Vielleicht haben ihn Samurai verfolgt, vielleicht hat er auch kämpfen müssen. Aber als Meister der Tarnung bekamen die ihn vermutlich nie zu Gesicht.

Sein Name tut nichts zu Sache. Aber wir wissen nun ganz sicher, dass es ihn gegeben hat. Und wir wissen auch, dass ihm als einer der wenigen Überlebenden des Massakers von Iga, die Flucht gelungen ist. Der Mann war kein einfacher Soldat. Die Chroniken sprechen von einem Bauern, der sehr wehrhaft gewesen sein soll. Aber war er wirklich ein Meister des Ninjutsu? Und was ist das überhaupt?

Hollywood hat aus den Ninja die unbesiegbaren Schattenkrieger und gedungenen Killer gemacht. Ausgestattet mit zum Teil übermenschlichen Fähigkeiten, schnetzeln sie sich durch blödsinnige Filme. Die Ninja / Shinobi waren alles andere als reine Mörder. Und Ninjutsu ist weit mehr als bloßer Kampf. Unwissende Autoren, aber auch Geschäftemacher, haben den Fokus stets auf diesen Aspekt gelegt.

Aber so wie Karate weit mehr als die Kunst ist sich selbst verteidigen zu können, so viel mehr ist das legendäre Ninjutsu. Ninja waren nicht nur Meister im Umgang mit Waffen, sie waren auch spirituell geschult. Und sie waren Strategen, Heilkundige, Schwimmer, Reiter und hatten Kenntnisse in Meteorologie und Geografie. Als Allrounder waren sie so universell einsetzbar. Und was sie nicht wussten, das haben sie sich beigebracht.

Ninjutsu bedeutete auch, die Kampfkunst des Gegners zu studieren und für die eigenen Zwecke zu gebrauchen. Ja, Ninja konnten Menschen mit einem, oder wenigen Schlägen töten. Aber wenn, so haben sie Gift, Pfeile, oder Messer benutzt. Primär waren Ninja Spione, die Informationen sammelten. Agenten, eine Art mittelalterlicher Geheimdienst. Aber der maskierte Attentäter sieht in Filmen gleich viel besser aus.

Die Samurai sahen in den Ninja Krieger ohne Ehre, da sie meist den Kampf Mann gegen Mann gemieden haben. Vielleicht steckte in dieser Verachtung aber auch eine Portion Angst. Trotz kürzerer Schwerter waren die Ninja gefürchtete Kämpfer, die so manchen Samurai zu Boden schlugen. Aber so, wie heutige Spione und Spezialkommandos, agierten die Ninja im Verborgenen. Warum also die offene Feldschlacht suchen, wenn du allein gegen hundert Krieger stehst.

Oda Nobunaga hat seinen Sieg nicht lange überlebt. Die Ninja aber sind in den Nebeln verschwunden, die Überlebenden haben sich gut getarnt. Aber Ninjutsu ging nicht völlig verloren, die Meister haben die unterschiedlichen Stile mündlich übermittelt. Aber jener vollkommene Schattenkrieger vergangener Tage, ist wohl für immer verschwunden.

Wie es weitergeht erfahrt ihr im zweiten Teil. Auch, ob wir einen Ninja gefunden haben. Oder er vielleicht uns.

Karate, Kids und Disziplin

Kinder lernen Dinge spielerisch. Das war schon immer so. Und Kinder lernen auch Karate. Vor allem, wenn sie Japaner sind. Auch Japaner haben einen Kindergarten. Und klein Mayumi war natürlich dort. Eine Erinnerung daran habe ich keine, aber ich soll schon damals wild gewesen sein. Gelehrt hat man dort Shotokan-Karate und das war klein Mayumis Ding.

Nun sehe ich schon besorgte Eltern die Stirn in Falten legen und voller Abscheu auf Japan blicken. „Gewalt schon im Kindergarten? Da geht mein Kind nicht hin!“ Und genau da liegt der Fehler. Karate dient nicht der Gewalt. Es ist Sport, Philosophie und eiserne Disziplin. Karate kennt keinen ersten Angriff, das haben uns nur schlechte Filme gelehrt. Und dumme Menschen, die diesen Sport verachten. „Karate beginnt mit Respekt und endet mit Respekt.“ Das ist die erste Regel und sie bedeutet viel. Respekt dem Sensei, den Eltern und anderen Menschen gegenüber. Respekt auch vor sich selbst.

Regel zwei habe ich bereits genannt: „Im Karate gibt es keinen ersten Angriff.“ Karate ist immer Selbstverteidigung. Schutz für das eigene Leben und das Leben anderer. Das aber effektiv. „Karate ist ein Helfer der Gerechtigkeit.“ Der Satz ist selbsterklärend.  „Die Kunst des Geistes kommt vor der Kunst der Technik.“ Und genau hier liegt der Fehler, den Europäer und Amerikaner machen. Sie sehen nur den Kampf, den physischen Aspekt. In einem guten Dojo ist das anders, was mich zu den nächsten Regeln bringt.

„Denke nicht, das Karate nur im Dojo stattfindet. Verbinde dein alltägliches Leben mit Karate, dann wirst du geistige Reife erlangen.“ Im deutschen Kindergarten gab es 1987 kein Karate. Aber Privatstunden von meinem Papa für mich. Ohne Karate, Aikido und Meditation wäre ich vermutlich ein noch schwierigeres Kind gewesen. Aber statt Ritalin bekam ich Liebe und lernte Disziplin. Und das tat ich richtig gut. Meine Wut war kanalisiert und ich habe den Sandsack drangsaliert. Mit Inbrunst und Leidenschaft. Gewalt ist anders.

Das lebenslange Training macht den Unterschied zwischen Hobbysportler und Profi aus. Und das möchte ich heute gern als Video zeigen. Leider gibt es keine von mir, youtube war noch nicht erfunden. Aber ich soll gut gewesen sein. Und das bin ich heute noch, was mich zur nächsten Regel bringt. „Karate ist wie heißes Wasser, das abkühlt, wenn du es nicht ständig warm hältst.“

Auch, wenn ich heute meist Aikido, Wing Chun und Krav Maga trainiere, so ist Karate ein Teil von mir und wird es immer sein. Es ist mein Leben, wie auch das Buch von Japans größtem Samurai. „Denke nicht an das Gewinnen, doch denke darüber nach, wie man nicht verliert“, hat Gichin Funakoshi, der Begründer des Shotokan-Karate gesagt. Wer das verinnerlicht und fleißig übt, der braucht keinen Gegner mehr zu fürchten.

„Wandle dich abhängig vom Gegner.“ Ein Gegner kann auch der Alltag sein. Wobei ich den mehr als Herausforderung sehe. Vor allem für hyperaktive Kinder kann Karate also ein Segen sein. Ich kenne so einige Fälle, die das positiv belegen. Und damit ihr besser versteht, was Kindern Karate bedeutet, schaut euch folgendes Video an. Klein Mayumi war übrigens doppelt so dynamisch. Und das bin ich heute noch. Sayonara!

Filmkritik: 47 Ronin – Die Ritter von der traurigen Gestalt

Es gibt Legenden, die überdauern Zeit und Raum. Die der 47 Ronin gehört dazu. Jedes Kind in Japan kennt ihre Geschichte, die viel vom Geist des alten Japan zeigt. Nun ist es oft Sitte alte Legenden auf Zelluloid zu bannen, oder besser als digitale Kopie. So auch mit dieser alten Legende geschehen. Und davon mag ich nun erzählen.

Bekanntlich bin ich ein großer Fan solcher Filme, ich habe bestimmt hunderte gesehen. Wirklich gut waren nur wenige. Ein schlechtes Drehbuch, magere Kulissen, fehlendes Budget ist oft der Tod von großen Filmen. Und das hätte 47 Ronin werden können. Aber die allzu wirre Story hat das verhindert. Auch Keanu Reeves hat einmal mehr versagt. Mit ausdrucksloser Mine kämpft er sich durch den mit allerlei CGI-Effekten gespickten Film.

In dem werden munter alle Legenden bedient. Müde Kulissen, denen man das Studio ansah, falsch dargestellte Tengu, eine Kitsunehexe, schräge Monster und die üblichen magischen Schwerter. Alle sind sie da. Den Zuschauer lassen sie allein. Dem Film gelingt es nie in Fahrt zu kommen und irgendwelche Symppathie zu wecken. Chemie zwischen Keanu Reaves (dem Halb-Japaner Kai) und Kô Shibasaki (als Fürstentochter Miko)? Keine Spur. Fast hatte man das Gefühl, das Gegenteil sei der Fall.

Reeves war einmal mehr die absoluter Fehlbesetzung eines Films. Seit Matrix, Constantine und Haus am See, habe ich kaum brauchbares von dem Mann ohne Mimik gesehen. Mit dem Regiedebut „Man of Tai Chi“, lag er ebenfalls daneben. Wobei der dank des Hauptdarstellers Chen Lin-Hu zumindest in den Kampfszenen um Welten besser war. Das Swordplay in 47 Ronin ist lächerlich. Große Kampfkunst? Fehlanzeige! Den Fight Choreographen hätte ich sofort gefeuert.

Stimmung kommt bei der mageren Handlung niemals auf, die nie die Richtung beibehält. Sie schlingert zwischen Fantasy, flachem Humor und Drama. Dazwischen beschwört sie händeringend eine fast vergessene Welt. Ehre, um die soll es in dem Streifen gehen. Aber allenfalls Langeweile wird darin vermittelt. Wir haben den Film in Original gesehen, was nicht minder schrecklich ist. Viele der japanischen Darsteller sprechen ein furchtbares Englisch und sind schwer zu verstehen. Auch Hiroyuki Sanada kann da wenig retten. Was soll der Mann auch machen, wenn Drehbuch und Regisseur versagen?

Woher der Film die guten Kritiken bekommt ist mir nicht klar. Sehen Männer mit anderen Augen? Oder hat der Kritik-Verstand bereits rituellen Selbstmord begangen, wie so mancher Samurai im Film? Im Abspann wird noch einmal die alte Legende beschworen und wie unvergessen die 47 Ronin auch heute noch sind. Für mich sind diese 47 Ronin nur Ritter von der traurigen Gestalt und ich empfehle den Film sofort wieder aus dem Gedächtnis zu streichen, oder ihn sich niemals anzusehen. Allenfalls für absolute Fans mag er taugen. Dazu gehöre ich nicht. Ich warte dann lieber auf Filme mit Donnie Yen (Ip Man) aus China, der das alles tausendmal besser kann. Oder vielleicht auf weitere starke Frauen, die in solchen Filmen meist Mangelware sind.

Gar lustig ist das Studentenleben

Als ich nach dem Abitur zur Uni ging war alles anders. Neue Menschen, neue Eindrücke, ein völlig neues Leben. Und doch zum Teil vertraut. Da ich in Düsseldorf studierte brauchte ich keine Wohnung. Und Geld war nie ein Problem. Ich konnte also ganz entspannt lernen. Aber wilde Partys, ein lustig-lockeres Studenleben, habe ich gemieden. Wozu hätte das gut sein sollen? Ich bin durchaus zielorientiert. Was ich erreichen möchte, das gehe ich ohne Umschweife an. Wenn auch auf meine eigene Weise.

Wer nun glaubt ich habe keinen Spaß gehabt, der irrt sich gewaltig. Aber bei mir kam vor dem Vergnügen immer die Arbeit. Ganz klassisch, habe ich nur am Wochenende Party gemacht. Gute Klausuren waren mein Dank. Auch, wenn ich vielleicht einige Jahre länger studierte. Das lag aber weniger an schlechten Noten. Vielmehr fing ich damals dreimal von vorn an. Psychologie, Germanikstik, BWL. Nun habe ich immer schon viel gelesen und Psychologie hat mir am Anfang Spaß gemacht. Aber all diese Theorie, all diese endlosen Stunden vor Büchern, haben mir die Augen geöffnet. Ich habe analysiert und erkannt, dass das kein Weg zum Erfolg für mich wird. Ich denke anders, als viele Menschen. Eine tiefere Beschäftigung mit Depressionen, Borderline und Narzissmus liegt mir nicht. Das liegt weniger an mangelnder Sensibilität, als an meinem unbedingten Lebenswillen. Und der verbietet mir im Meer der Tränen zu schwimmen.

Schon als Teenager habe ich Haikus geschrieben und viel gelesen. Lust auf Literatur, auf Sprache(n), hatte ich schon immer. Germanistik war also meine zweite Wahl. Wie funktionieren Texte, wie funktioniert Sprache? Das hat mich interessiert. Vor allem neuere Deutsche Literaturwissenschaft. Die Idee war damals, Journalistin zu werden, oder in die Werbebranche zu gehen. Auch Rundfunk und Fernsehen standen zur Wahl. Aber nach zwei Semestern habe ich wieder aufgehört. Es lag an der engen Vernetzung der Universität mit der Wirtschaft. Plötzlich hatte ich meine Chance erkannt. Vor allem die Chance auf Sicherheit. Und die hat in unserer Familie große Tradidtion. Was lag also näher, als auf BWL zu schwenken. Und genau das habe ich getan.

Vielleicht war es in gewisser Weise auch Neugier, die mich so handeln ließ. Trotz einer zum Teil konservativen Einstellung, bin ich vielen Dingen gegenüber aufgeschlossen. Tradition bedeutet mir viel, aber auch die Veränderung. Wie im Karate, habe ich mich weiterentwickelt. Komplexe Zusammenhänge zu analysieren, war für mich kein Problem. Das mache ich ohnehin den ganzen Tag. Ich analysiere Menschen, Texte, Situationen. Selbst meinen Blog. BWL hat mir dabei geholfen diese Fähigkeit noch zu meistern. Aber Spaß sieht anders aus. Dazu gleich mehr.

Vielleicht ist dem einen oder anderen Leser der Name Miyamoto Musashi ein Begriff. Musashi war der vermutlich beste Samurai aller Zeiten, der perfekte Krieger. Er hat unter anderem die Zweischwerttechnik entwickelt und in seinem Leben jedes Duell gewonnen. Und davon hatte er er sehr viele. Musashi war nach heutigen Maßstäben ein wilder Kerl. Ein Killer, ein Kämpfer. Im Alter von dreizehn Jahren, hatte er sein erstes Duell. Siebzehn Jahre lang zog er durch Japan und forderte die Besten der Besten heraus. Mit Ende Zwanzig war er unschlagbar. Und doch verbrachte er sein ganzes Leben damit, seine Technik weiter zu verbessern. Musashi ist für damalige Verhältnisse sehr alt geworden. Und es war eine Krankheit, die ihn besiegte. Kein Mensch hat das jemals vollbracht.

Musashi hat das mit dem besiegen wohl anders gesehen. Er hat, den Tod vor Augen, sein berühmtes Werk „Das Buch der fünf Ringe“ geschrieben. Dieses Werk hat ihn unsterblich gemacht. Auch wenn sein Name einige Zeit in Vergessenheit geriet, so wurde er letztlich wiederentdeckt. Seine Schüler haben Musashis Tradition und Schwertkunkst bewahrt. Einer davon ist mein Vater. Er beherrscht sowohl Kendo, wie auch klassisches Kenjutsu, die alte Schwertkunst. Was hat das nun mit BWL zu tun? Nun, das Buch der fünf Ringe kenne ich seit ich ein kleines Mädchen bin. Ehrfürchtig habe ich es gelesen. Auch, wenn mir damals noch das tiefe Verständnis für die Zeilen fehlte. Nun muss man wissen, dass dieses Werk für japanische Manager so etwas wie Pflichtlektüre ist. Sein Inhalt macht selbst nach vielen hundert Jahren noch Sinn. Zwar werden in der Neuzeit keine Schwerter mehr benutzt, aber der Überlebenskampf in Wirtschaftsunternehmen hat viel mit Schlachten und Duellen zu tun.

Durch Yukis Eltern, haben wir sehr gute Kontakte in die Automobilbranche. So gut, dass wir nach Ende des Studiums sofort in den Beruf eingestiegen sind. Drei lange Jahre habe ich als Assistentin gearbeitet. Zahlen, Statistiken, Bewertungen, Analysen, das war nun meine Welt. Kaffee gekocht haben andere, dafür hatte ich nicht studiert. Zicke und Biest, hat nicht nur Mann mich genannt. Dabei wusste ich nur, was ich wollte. Und wie Musashi, so bin ich zielorientiert meinen Weg gegangen. Vielleicht weniger rücksichtslos. Aber auch mit weniger Regeln behaftet. In gewisser Weise war Musashi vermutlich eine Art von Ninja. Er hat sich wenig an die klassischen Samurai-Regeln gehalten. Hatte er ein Duell, so kam er absichtlich zu spät. Er provozierte sein Gegenüber damit und konnte seine Kämpfe so gewinnen. Nutzte sein Gegner ein Langschwert, benutzte Musashi ein noch längeres Schwert. Oder er setzte zusätzlich ein Kurzschwert ein. Der Kampf mit zwei Schwertern war den Samurai damals noch unbekannt.

BWL hat mir selbst als Berufsanfängerin viel Geld eingebracht. Aber auch meine Kreativität in einem Maß eingeschränkt, die mich erschreckt hat. Meine Liebe zu Kunst, zu Musik und Literatur, haben mich gerettet. BWL war plötzlich nur noch ein Meilenstein auf meinem Weg zur Perfektion. Ein gewonnenes Duell. Nun brauchte ich einen neuen und noch besseren Gegner. Und im Spiegel sah ich mich selbst. Yuki und ich sind im Herbst 2013 zurück auf die Universität gegangen. Auch sie wollte eine Veränderung. Da wir fast alles gemeinsam machen, war das nur die logische Wahl. Ich werde auch dieses Duell meistern und meinen Weg gehen. Bis zur Perfektion. Und irgendwann werde ich die perfekte Kriegerin sein, ein weiblicher Musashi. Mein Kenjutsu werden Worte sein, meine Katana die Feder. Und über allem wird der Regenbogen leuchten.