Maskenball des Lebens

Die Zeit der Narren ist vorbei, der graue Alltag hat uns wieder. Die Masken werden gut verstaut und gegen das normale Gesicht getauscht. Die oft aufgesetzte Fröhlichkeit weicht bitterernster Mine. Auffällig für mich ist, wie wenig Humor Narren oft im normalen Leben haben.

Die Miesepetrigkeit ist zurück, wenn der Weingeist weicht und die Cognacröte staubiger Blässe Platz machen muss. Die Büttenreden sind vergessen. Nun wird wieder im normalen Jargon geätzt.
Ich schaue Yuki an. Sie wirkt verschlafen, aber gut gelaunt. So, wie immer. Schlechte Laune? Fehlanzeige! „Mit der Zeit wird die Maske zum Gesicht“, lautet ein Zitat. Aber bei vielen Menschen stimmt das nicht. Ihre Fröhlichkeit ist aufgesetzt, Teil eines immerwährenden Spiels.

In Japan hat man das bis zur Perfektion entwickelt. Das Land des Lächelns zeigt wenig Gefühl. Aber das hat einen anderen Grund. Yuki und ich brauchen keine Drogen, um fröhlich, um positiv zu sein. Aber tragen wir nicht auch manchmal Masken? Das gilt es zu erforschen und ich interviewe meine Frau.

„Sag Elfchen“, beginne ich. „Warum tragen Menschen im Alltag Masken?“
Yuki weiß sofort, was ich sagen will.
„Aus Angst und Unsicherheit“, erwidert sie. „Sie verbergen ihr wahres Gesicht, um unangreifbar zu sein.“
„Und was ist mit den Arroganten?“, will ich wissen. „Oder den Karnevalsnarren, die nur wenige Wochen aufgesetzt fröhlich sind.“
„Ich glaube Menschen haben generell ein Problem damit Gefühle zu zeigen“, sagt Yuki. „Denk nur an das maskenhafte Lächeln von Models. Oder nimm Tom Cruise. Schau ihm in die Augen und du weißt, was er denkt und ist.“

Nun mag ich Tom nicht wirklich, weiß aber was Yuki meint.
„Das sind nun Extrembeispiele“, sage ich. „Aber warum haben die Menschen verlernt freundlich und fröhlich zu sein? Warum müssen sie immer Masken tragen?“
„Aber wir tragen doch alle eine Maske“, wirft Yuki ein. „Zumindest ab und zu.“
„Dir stand die Gesichtsmaske gestern wirklich gut“, hänsele ich sie. „Du sahst so lecker aus mit den Gurkenscheiben.“
Prompt werde ich mit einigen japanischen Schimpfwörtern bedacht, die ich mir an dieser Stelle spare.

Ich muss an eine Kollegin denken, die  ich Heike nennen möchte.
Heike war stets gut gelaunt und immer für andere da. Niemand ahnte, was sie wirklich dachte. Vor einem Jahr kam der Zusammenbruch. Eines Morgens fanden wir Heike bewusstlos im Büro. In ihrer Handtasche war ein halbes Arzneilabor versteckt. Aufputschmittel und Anditdepressiva. Und als Krönung Ritalin. Im Schreibtisch dann noch Alkohol.

Heike hatte oft die Nacht zum Tag gemacht, um ihr Arbeitspensum zu schaffen. So rekonstruierte es die Polizei.
„Erinnerst du dich an meine Kollegin Heike?“, will ich wissen. „Ich hatte dir von ihr erzählt.“
Yuki nickt. „Die Frau der tausend Masken“, fällt ihr dazu ein. „Die Frau, die privat niemals lachte.“
Heikes Schicksal war tragisch. Sie war nicht nur außergewöhnlich hübsch sondern auch überdurchschnittlich intelligent. Aber ihre Schönheit half ihr nichts im Leben. Männer benutzten sie als Vorzeiegobjekt und ließen sie danach links liegen.
Wer will schon eine clevere Frau?

Heike lernte Masken zu tragen. Sie funktionierte im Beruf und suchte sich per Internet Männer fürs Bett. Das Ritalin half ihr dabei. Kurz zur Erklärung: Ritalin wird normal bei hyperaktiven Kindern angewandt, um ihre Konzentration und Aufmerksamkeit zu stärken. Es dämpft die Unruhe.
Bei Erwachsenen steigert es die Leistungsfähigkeit enorm. Heike hat zum Schluss 4 Ritalin pro Tag genommen. Und als die Nebenwirkungen begannen, mit Antidepressiva gegengesteuert. Als studierte Medizinerin kannte sie sich aus. Nur nicht mit der eigenen Seele.

Heike ist nie mehr aufgewacht aus ihrem Traum. Mit leeren Augen sitzt sie am Fenster und blickt in eine andere Welt. Spricht man sie an, so erscheint oft mechanisch ein Lächeln auf ihrem Gesicht. So will niemand enden.

„Vielleicht sollten wir alle mehr unser wahres Gesicht zeigen“, sagt Yuki. „Als wir uns noch nicht kannten, habe ich mich auch oft verstellt. Heute kann ich dir problemos sagen, dass du doof bist und muss dich nicht belügen.“
Sie lacht bei diesen Worten. Yuki live, Humor der besonderen Art.
„Ich weiß, was du meinst“, erwidere ich. „Freundlichkeit und falsches Lachen sind zwei verschiedene Dinge. Aber irgendwann vermischen die sich. Da bleibe ich lieber das Biest.“
„So biestig bist du gar nicht mehr“, meint Yuki. „Das muss mein guter Einfluss sein.“
Eingebildet ist meine Elfe nicht.

„Maskenball des Lebens“, denke ich laut nach. „Den finde ich nicht wirklich toll.“
„Dann lass uns in die Sonne gehen“, schlägt Yuki vor. „Die zeigt immer ihr wahres Gesicht. Und ich dir meins auch.“
Muss ich sagen, wie sehr ich diese unmaskierte Elfe liebe?

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