Das Mädchen mit den blonden Haaren

Es gibt wenige Menschen, die mich tief beeindruckt haben. Einer davon ist Natalie.
Seit dem Kindergarten sind wir befreundet und haben nicht nur die Schulbank geteilt. Allerbeste Freundinnen nennt sich das.
Richard Stoltzmans Lied „Maid with the flaxen Hair“ hat mich heute wieder an Natalie erinnert und in Gedanken gleite ich in der Zeit zurück.

Ich bin wieder 16 Jahre alt.
Wir haben den Tag am See verbracht. Im Schatten und mit viel Sonnencreme.
Natalies Haare flattern im Sommerwind. Sie tanzt für mich, dreht sich lachend im Sonnenschein. Ein Engel und nicht von dieser Welt. In gewisser Weise eine frühe Yuki.
Alles an ihr ist zart und zerbrechlich. Auch ihre Seele. Vor allem die.
Ich habe Natalie immer beschützen wollen. Vor Jungs, vor eifersüchtigen Mädchen, vor der ganzen Welt. Leider ist mir das nicht völlig gelungen.

Meine Haut mag die Sonne nicht.
Aber Natalie hat Farbe bekommen, sie sieht einfach wunderbar aus. Flachsblonde Haare und himmelblaue Augen. Sie könnte fast eine Schwedin sein. Germanisch ist sie auf jeden Fall.
Sie zieht mich auf, weil ich niemals braun werde.
An diesem Tag habe ich sie geküsst. Spontan und wie es nur Mädchen können.
Nathalie ist verwirrt, aber sie erwidert den Kuss.
Mein Herz rast, ich weiß selbst kaum was ich tue. Nur, dass ich verrückt nach diesem wunderbaren Wesen bin. Nach diesem Moment, nach ihren Lippen.
Der bezaubernde Augenblick schwebt davon und verliert sich in der Zeit.
Natalie steht auf.
„Lass uns nach Hause gehen“, sagt sie leise und schaut mich seltsam an.
Natalie teilt meine Gefühle nicht. Aber wir bleiben einander verbunden. Und das kommt selten vor.

An diesem Tag erwache ich und weiß nun, dass ich Frauen liebe.
Natalie steht zu mir. Auch, wenn sie mir auf diesem Weg nicht folgen kann. Aber es ist gut, so wie es ist.
Sie bleibt eine Mischung aus Schwester und engelsgleichem Wesen. Unerreichbar und doch für immer mein.
Das Abitur, die Uni, wir meistern auch das. Und das Mädchen mit den blonden Haaren wird ein heimlicher Star in der Lesbenwelt.
Aber an Frauen hat sie nie gedacht. Natalie mag nur Männer.
„Du könntest sie alle haben,“ sage ich eines Tages scherzhaft zu ihr.
„Du weißt doch, ich liebe nur dich“, erwidert sie und lacht mich aus. „Und meinen Tom.“

Tom ist Natalies große Liebe. Sie haben noch auf der Uni geheiratet, aber tapfer zu Ende studiert. Er Medizin, sie Psychologie.
Die Hochzeit war rauschend und Natalie atemberaubend schön.
Den Kuss habe ich nie bereut. Aber jene Liebe, die ich für Yuki empfinde, hatte ich für Natalie nicht. Bei ihr war es anders.
Tom steht mir skeptisch gegenüber. Er hat Angst um seine Frau.
„Bleib weg von ihr, bleib weg von uns“, hat er mir einmal gesagt.
Ich habe ihn ausgelacht und weiß, wie ich ihn verletzen kann.
„Wenn ich sie wollte, hättest du keine Chance mehr“, sage ich.
Aber das war gelogen. Zumindest bei ihr.

Die Bilder verblassen und Tränen laufen mir über die Wangen. Ich bemerke es kaum. Es ist weniger Trauer, als vielmehr die schöne Erinnerung. Ich bade nicht im Meer der Tränen.
Yuki nimmt mich in den Arm.
„Was ist denn?“, will sie wissen. „Ist etwas Schlimmes passiert?“
„Ich musste an Natalie denken“, erwidere ich und Yuki nickt.
Sie kennt keine Eifersucht und dazu gibt es auch keinen Grund.
Ich habe ihr schon vor Jahren von Natalie erzählt, sie weiß alles von ihr.

Aus der Tiefe meines Herzens steigen Worte empor, die ich flüsternd mit ihr teile:

Tränen am Abend

Blondes Haar im Sommerwind

Du bist gegangen

Auf ewig dir verbunden

bleibt meine Erinnerung

Natalie ist am 12. August 2011 im Alter von 28 Jahren gestorben. Bei einem mehr als tragischen Verkehrsunfall. Sie hatte Streit mit Tom und ist in die Nacht geflohen. Aber Engel können nicht mehr fliegen, den Wagen sah sie zu spät. Für mich wird sie immer lebendig bleiben, jenes süße Mädchen mit dem blonden Haar. Meine Freundin, meine Schwester.
Ihr habe ich mein Pseudonym Nandalya gewidmet. Das heißt in der Sprache der Aborigines nichts anderes als … Natalie.