Wenn einer eine Reise tut

Mit nun immerhin 31 Jahren bin ich recht tolerant geworden. Aber es gibt noch immer Dinge, mit denen ich nicht kann. Und negative Reiseberichte über mein Japan gehören definitiv dazu. Nun ist es eine Sache sich freundlich über die Eigenarten der Japaner zu unterhalten. Aber die ganze Reise „Scheiße“ zu finden, zeugt von keinem guten Stil. Und klar, immer waren die Japaner schuld. Wer macht schon eigene Fehler?

Wir sind auf der Rückreise aus Japan. Zum Glück haben wir auch in diesem Urlaub wieder Business-Class gewählt. So reist es sich besser und Geld ist nicht alles. Aber ich habe die Reise ohnehin nicht bezahlt. Ein Vorteil, wenn man erfolgreiche Eltern hat, die das dann unter Geschäftsausgaben buchen können. Oder besser gesagt ich. Immerhin berate ich meinen Vater ja nun. Aber selbst Mehrwert schützt vor Dummheit nicht, wie wir bemerken dürfen.

Schräg vor uns sitzt ein älterer Herr. Bewusst verzichte ich auf die Nationalität. Aber der Mann spricht Deutsch, wenn auch mit starkem Akzent.
„So eine Scheiße“, hat er gesagt und uns direkt angesprochen. „Die wollten bei der Einreise wissen, was ich an Geld mitführe. Das geht die doch nichts an!“
„Die“, das ist der japanische Zoll und „der“ hat nur seine Pflicht getan. Höflich wie immer, aber ihm Rahmen der Gesetze. Auch wir mussten Rede und Antwort stehen. Was ist schon dabei?

Der Mann sieht das anders und lässt sich weiter negativ darüber aus. Einige deutsche Worte haben uns verraten. Im Normalfall sprechen wir auf Flügen nur Japanisch. Kein Fehler, aber wir werden in Zukunft wieder darauf achten. Inkognito reist es sich oft besser.
„Es geht um Devisenkontrolle und Geldwäsche“, erkläre ich ihm. „Und das ist nicht nur in Japan so.“
„Alles Käse!“, regt der Mann sich weiter auf. Er ordert Nachschub an Wein bei der Stewardess und prostet uns dann zu. „Wie kommen Sie denn mit den Japanern klar?“, will er wissen und mustert uns gierig. „Sind Sie aus Thailand? Ich finde ja Thais unheimlich hübsch! Ich muss da mal wieder Urlaub machen …“
Er lacht bei diesen Worten und leckt sich die feisten Lippen.
„Wir sind in Japan geboren“, erwidere ich beherrscht. „Man könnte also durchaus sagen, dass wir Japanerinnen sind.“
Seine Kinnlade klappt nach unten. Clever sein ist anders.

„Auch gut“, erwidert der Mann dann lapidar. „Was haben Sie denn da gemacht?“
„Das nennt sich Urlaub“, sage ich und lächle ihn an. „Und den haben wir immer noch.“
Demonstrativ setze ich mir die Kopfhörer auf. Yuki schaut schon komisch.
Trotz der Musik höre ich die Stimme des Mannes, der nun über das japanische Wetter schimpft.
Natürlich war es entweder zu kalt, zu regnerisch, oder viel zu warm. Und das ist dem Mann aus den Bergen angeblich fremd.
Lügen haben kurze Beine. Und seine sind nicht sonderlich lang.

Yuki schaut mich fragend an, aber ich schüttele nur leicht den Kopf.
Aber Hilfe kommt von anderer Seite, von einem jungen Mann.
„Könnten Sie bitte leise sein?“, sagt er in akzentfreiem Deutsch.
Auch er ist Japaner, das erkenne ich sofort.
Seine Augen funkeln, er ist sichtlich genervt.
„Man wird sich doch noch unterhalten dürfen“, poltert der Angetrunkene. „Ich …“
„Niemand möchte ihre schlechte Laune hören“, wird er von dem Japaner unterbrochen. „Behalten Sie die für sich!“
Ich bin erstaunt. Endlich klare Worte!

Der Mann murmelt etwas und ordert das nächste Glas Wein.
In Vino Veritas. Aber wer will schon seine Wahrheit hören?
Eine Weile herrscht Ruhe. Yuki blättert in einem Buch und ich döse vor mich hin.
Der Urlaub war toll und leider viel zu kurz. Wie immer, wenn ich aus Japan komme, fühle ich eine Art Leere in mir.
Meine Eltern bleiben noch länger. Sie haben uns die Reise bezahlt, die Geschäfte liefen gut. Damit das so bleibt, muss mein Vater sich eine Weile in Japan darum kümmern. Aber den 370 Z in Rot hat er versprochen. Natürlich als Tuning-Modell. Und nein, ich habe nicht danach gefragt. Schuld ist mein Schwiegervater. Unsere Väter haben sich das fein ausgedacht.
„Damit ihr immer schnell bei uns seid“, war ihr gemeinsamer Kommentar.
Humor, den Männer meinen.

„Das muss man sich mal vorstellen“, beginnt der Mann erneut seine Litanei. „Da habe ich diesen Termin mit dem Japaner und dann lässt der Kerl mich einfach warten! So eine Frechheit gäbe es in Europa nicht, ich habe meine Zeit doch nicht gestohlen!“
Unaufgefordert erzählt er das seinem Nachbarn, der ihn gekonnt ignoriert.
Der junge Japaner presst die Lippen zusammen. Ich kann das Zeichen deuten. Das riecht nach Ärger und den muss ich nicht haben. Aber scheinbar ziehe ich ihn magisch an.
Das Essen wird serviert und der Mann schimpft nun über japanische Tischsitten und wie ekelhaft er die doch fände. Fleischbrocken fallen dabei aus seinem Mund und beschmutzen seine Hose.
„Bisher wusste ich nicht, dass Schweine auch fliegen können“, sage ich auf japanisch. „Aber heute, werde ich eines Besseren belehrt.“
Yuki feixt und knufft mich in die Seite. Auch der junge Japaner lacht.
Der Pöbler hat nichts verstanden. Streit suchen immer nur die anderen.

„Diese Stäbchen in Japan sind einfach nur daneben!“, wettert der Mann bereits weiter. „Wie soll man da seine Mahlzeit essen?“
„Indem man weniger schimpft und die Sitten lernt“, sage ich scharf. „Mit Stäbchen zu essen ist nun wirklich nicht schwer. Aber manche Leute können das nicht einmal mit Messer und Gabel.“
Der Mann schweigt verblüfft. Das hat er nicht erwartet. Stumm stopft er sich sein Essen in den Mund und ordert noch mehr Wein.
Der löst schon bald seine Zunge wieder und das Gemotze geht weiter.
Nun ist ihm auch der Flug zu lang. „Nie wieder reise ich nach Japan“, tobt er. „Die sollen ihre Geschäfte in Zukunft ohne mich machen. Mein Geld ist viel zu schade für dieses Volk.“
Taler, Taler du musst wandern!

Als der Mann sich wieder seinem Wein hingibt stehe ich auf und gehe zur Stewardess.
Die Frau ist besorgt, sie hat das Problem erkannt. Ärger im Flugzeug muss niemand haben.
Sie ruft nach einer Kollegin, die hier das Sagen hat. Die Frau hört zu und nickt.
Situationen wie diese kommen selten vor. Aber es gibt sie leider immer wieder.
„Wir kümmern uns darum“, sagt die Stewardess und verbeugt sich vor mir. „Vielen Dank für die Hilfe.“
Muss ich immer alles machen?

Auf dem Weg zu Yuki höre ich den Mann bereits wieder lamentieren. Nun hat er den japanischen Verkehr im Visier und dass Japaner auf der „falschen Straßenseite“ fahren.
„Ich würde das sofort ändern“, tönt er. „Wie funktioniert das überhaupt?“
„Indem man es versucht“, unterbreche ich ihn und bedeute dem jungen Japaner sich nicht weiter einzumischen.
„Ruhig bleiben“, sage ich leise. „Wir dürfen uns nicht provozieren lassen.“
Er ballt die Fäuste. Etwas sagt mir, dass er Kampfsport macht. Aber eine Prügelei im Flieger wird ihm zum Nachteil gereichen, auf keinen Fall darf er sie beginnen.
„Er hat Japan schon wieder beleidigt“, sagt er. „Das kann ich nicht ertragen!“
„Der Mund ist das Tor des Unglücks, die Zunge seine Wurzel“, zitiere ich. „Aber es liegt nicht an uns, diese Wurzel auszureißen.“
Verblüfftes Schweigen schaut mich an und Yuki drückt meine Hand.
Im Alter werde ich noch weise.

Ich spreche auf Deutsch weiter und fange ein Gespräch über die Schönheit Japans an.
Der junge Mann versteht und schlägt in die gleiche Kerbe. Er stellt sich als Daisuke vor und ist in Deutschland geboren.
„Ich lebe in Düsseldorf“, sagt er. „Kennen Sie die Stadt?“
„Da bin ich aufgewachsen“, erwidere ich. „Aber jetzt lebe ich in Stuttgart bei meiner Frau.“
Daisuke verzieht keine Miene, er nickt Yuki nur freundlich zu. Homophob ist er zumindest nicht.
„Ich habe meinen Onkel besucht“, erzählt er weiter. „Der ist ein Meister im Karate. Er sagt ich sei schon richtig gut!“
Was zu beweisen wäre.

Der Betrunkene brabbelt etwas vor sich hin. Ich verstehe „Schlitzaugen und Lesben“ und hole tief Luft. Aber eingreifen muss ich nicht.
Wie aus dem Nichts steht ein Mann in Uniform neben uns und spricht den Pöbler auf Englisch an.
Der wird sehr schnell sehr still, als er den Kapitän erkennt. Die Androhung der Notlandung mit voller Kostenübernahme hat gefruchtet.
Der Kapitän wendet sich noch kurz an den jungen Japaner, der noch immer zornig ist. Auch er wird beruhigt, dann spricht der Kapitän mit mir.
„Vielen Dank für die Hilfe,“, sagt er auf Japanisch. „Aber lassen Sie sich bitte nicht weiter provozieren und ignorieren Sie den Mann. Man wird sich bei der Landung um ihn kümmern.“
Ich deute aus dem Fenster.
„Auf die Notlandung wäre ich gespannt.“
Der Kapitän deutet ein Lächeln an.
Wir haben uns verstanden.

Der Rest der Reise verläuft ruhig. Der Wüterich ordert nur noch Kaffee und schweigt eisern.
Wir unterhalten uns ein wenig mit Daisuke. Er ist erst 19 Jahre alt und wirklich nett. Und eine deutsche Freundin hat er auch.
„Leider konnte sie nicht mit nach Japan“, sagt er traurig. „Ich vermisse sie sehr.“
Noch einmal fängt er mit Karate an und wie sehr er diesen Sport liebt. Wettkämpfe will er machen und Deutscher Meister werden.
Yukis schelmisches Lächeln kann er nicht deuten.
„Es ist nur ein Titel“, sage ich. „Und der bedeutet nichts. Karate hat nichts mit Wettkämpfen zu tun, der Geist dahinter ist so völlig anders.“
Engeistert schaut er mich an.

„Das hat mein Onkel auch gesagt“, sagt er betroffen. „Aber woher wissen Sie das?“
„Ach ich mache auch so ein bisschen Karate“, erwidere ich. „Die Wettkampfbühne habe ich in Ihrem Alter verlassen. Damit habe ich den wahren Sieg errungen, über die Eitelkeit und den Stolz.“
Daisuke ist erstaunt, aber wenig überzeugt. Die Ungeduld der Jugend brennt lichterloh in ihm.
Ich kann mich gut erinnern.
Im Verlauf des Gesprächs kommen meine Gürtel auf den Tisch und Daisuke sinkt förmlich im Sitz zusammen.
Er wird sehr still und beißt sich auf die Lippen.
Yuki zwickt mich, sie hat sichtlich Spaß.
Hat Daisuke etwa Angst vor mir?

Eigentlich wäre die Geschichte nun hier zu Ende. Aber in jedem Drama gibt es einen zweiten Akt.
Bei der Landung in Frankfurt verlässt der Pöbler wortlos die Maschine und wird noch auf der Gangway von zwei Beamten in Empfang genommen. Damit hat er nicht gerechnet.
Auch Daisuke verlässt den Flieger und verbeugt sich vor mir.
Seine Form der Entschuldigung.
„Auf Wiedersehen“, sagt er leise. „Ich habe wieder etwas gelernt. Vielen Dank dafür.“
Japaner haben einfach die besseren Manieren.

Hier endet die Reise nach Japan nun für den Moment. Ich hoffe, dass sie meinen LeserInnen gefallen hat. Es war ein etwas anderer Reisebericht. Ohne Fotos und ohne die üblichen Beschreibungen der Natur. Dafür mit Bildern, die ich vermitteln wollte. Und das ist mir hoffentlich gelungen.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne – Teil 2

Japans Zauber muss noch warten. Übermüdet gehen wir zu Bett.
Sanft schlummere ich in Yukis Armen ein und träume klar.
Ich laufe durch einen Kirschblütenhain. Auch Karin und Natalie sind da. Alle meine lieben Menschen und Yuki geht mit mir Hand in Hand.
Klar zu träumen, den Traum selbst zu bestimmen, das ist nicht jedem Mensch gegeben. Ich kann es seit ich bewusst denken kann.
Alpträume haben nur die anderen. Mein Schlaf ist stets erfrischend. Wenn er nur länger gewesen wäre.
Und ich kann ziemlich zicken, wenn man meine Ruhe stört.

Vom Gefühl her sind nur Minuten vergangen, als Ken lautstark ins Zimmer stürmt.
„Aufstehen!“, ruft er immer wieder. „Es ist schon spät!“
Er reißt uns die Decke weg und Tante Kazumi schimpft ihn aus.
Mein Kick trifft ihn leicht in den Bauch und lachend fällt er auf den Hosenboden.
„Raus du Verrückter“, sage ich bestimmt und versuche böse zu schauen. Aber das ist alles Spaß, ein altes Ritual seit Kindertagen.
Er rappelt sich auf und läuft noch immer lachend davon. Ich höre „Schlafmütze!“ und Yuki wirft ein Kissen nach ihm.
Treffer, versenkt. Meine Elfe wirft nie daneben. Das hat er nun davon.

Fukuoka präsentiert sich noch immer europäisch. 27 Grad, bewölkt, Regenrisiko 30 Prozent.
Es ist ein großes Hallo an diesem Tag, wir verteilen die Geschenke. Auch der Onkel ist da und freut sich riesig mit und über uns.
Gefühle zeigen nicht immer nur die anderen. Und das finde ich richtig gut.
Meine Cousinen nehmen mich in Beschlag. Bis auf wenige Mails haben wir kaum Kontakt. Sie haben Familie, sie leben ihr eigenes Leben. Aber Deutschland steht für beide auf dem Reiseplan.
Natürlich haben wir sie eingeladen. Und wenn irgend möglich, werden wir ihnen unsere andere Heimat zeigen.
Ich schmuse mit meiner kleinen Nichte und Yuki schaut mich seltsam an.
Ahnt ihr was sie denkt?

Der Tag vergeht mit viel Reden und noch mehr Neuigkeiten. Irgendwann sehnt sich mein Körper nach Sport.
Ken deutet meinen Blick richtig und rettet unser Leben. Die Sportsachen sind schnell gepackt und gemeinsam verlassen wir das Haus.
Wir fahren in sein Dojo, der Sensei erinnert sich an uns.
„Willkommen“, sagt er. „Ich freue mich sehr. Ihr dürft gern mit uns trainieren.“
Stolz erzählt Ken von meinem 1. Aikido-Dan. Er ist ein kleines Plappermaul.
„Der wahre Meister schweigt von seiner Kunst“, wird er vom Sensei prompt getadelt. „Dann zeig uns bitte, was du dagegen kannst.“
Ken schaut leicht belämmert, stimmt aber zu.
Ich lache. Endlich darf ich meinen Cousin werfen!

Er gibt sich Mühe und Yuki feixt. Auch der Meister schmunzelt. Alle haben Spaß.
Ein Novum im Dojo. Aber der Mann ist wirklich nett und sehr westlich aufgeschlossen. Und auch die Schüler erinnern sich und lachen mit.
„Bleib weg von ihr“, rät der Sensei Ken. Aber der will nicht hören und versucht immer wieder Schläge und Kicks.
Er gibt auf, als ich ihm mehrfach den Schwung nehme. Es macht sich nicht gut am Boden zu sein.
„Du bist gemein“, lässt er mich wissen und macht ein schmollendes Gesicht. Spaß im Übermaß der Gefühle. Ken ist eine Marke für sich.
In Wirklichkeit ist Ken ein Meisterschüler, aber selbst wenn er es könnte, er schlägt seine Cousine nicht.

Der Unterricht wird ernst, ich genieße die Stunde.
Ich mag den Sensei, er ist sehr gut in dem was er tut. Und der Sport bringt mir die Energie zurück.
Wir haben ausgemacht, dass wir zweimal pro Woche in dem Dojo trainieren. Und der Sensei mag gern mein Aikido sehen.
Ich werde die ein oder andere Stunde leiten und meine Kunst vermitteln. Auch das ein Novum, aber der Sensei will es so.
Natürlich sind einige Schüler skeptisch. Aber ohne vorzugreifen, sie haben mich akzeptiert.
Auch das Bild der Frau in Japan ändert sich. Vor allem, wenn sie überzeugen kann.

Für Yuki ist Kyokushin-Karate fremd. Aber Angst hat sie keine. Und die Erinnerung an den Vorfall vor einem Jahr ist lange vergessen.
Und wer mag schon ernsthaft mit einer Elfe kämpfen?
Das mache ich und prompt kitzelt sie mich.
„Du machst dich gut mit einem Kind im Arm“, lässt sie mich plötzlich wissen. „Du solltest das viel öfter tun.“
Ich ahne was sie mir sagen will. Aber bin ich, sind wir wirklich schon dazu bereit?
Frauen sind schon seltsame Wesen, findet ihr nicht?

Entspannt fahren wir nach Hause. Ken plappert unentwegt.
Er erzählt von seiner Arbeit und mag von unserem Studium wissen. Natürlich auch von meiner Selbstständigkeit.
„Ich habe leider wenig Zeit“, lässt er uns wissen. „Sonst wäre ich schon wieder bei euch dort. Die Projekte stapeln sich und das ist gut.“
„Was hast du mit dem Skyline gemacht, dem alten Wagen?“, frage ich. „Den hast du doch nicht etwa verkauft?“
Ken lacht herzlich. „Bin ich denn verrückt? Der steht in der Tiefgarage und wartet auf neue Turbolader. Dann wird er richtig schnell.“
Ich erzähle vom getunten GT-R und seine Augen leuchten.
Auch Ken hat Benzin im Blut.

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, heißt es in einem Gedicht von Hermann Hesse.
Ja, ich fühle mich zu Hause. Ja, ich fühle mich gut. Wir sind in Japan angekommen. Deutschland ist ein Name geworden, ein halb vergessener Traum.
Ich werde meinen Traum von Japan träumen. Zusammen mit meiner Elfe. Zusammen in einem verzauberten Land.
Sayonara!

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne – Teil 1

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, heißt es in einem Gedicht von Hermann Hesse. so auch in diesem Fall. Der Flug ist zu Ende, aber die Reise hat erst begonnen. Und davon mag ich nun erzählen. Aber wer nun einen klassischen Reisebericht erwartet, der wird enttäuscht. Ich habe noch immer (m)einen eigenen Stil. Und ja, dem bleibe ich treu.

Wir sind in Japan angekommen. Fukuoka präsentiert sich vom Wetter her fast europäisch. 24 Grad sind nicht wirklich viel. Nur die Luftfeuchtigkeit ist anders. 96 Prozent rauben mir den Atem. Regenrisiko bei null Prozent. Auch eine Regenzeit in Japan ist nicht mehr das, was sie einst war. Aber genug der Zahlen und zurück zur Realität. Ein einsamer Ken zeigt Gefühle und läuft lachend auf uns zu. Selbst meine Mutter erlaubt sich ein Lächeln, als er uns so ganz unjapanisch in die Arme schließt. Immerhin verbeugt er sich dann lediglich vor meinem Vater, vor dem hat er Respekt.

„Alle warten und freuen sich schon“, lässt Ken uns wissen. „Lasst mich bitte mit den Koffern helfen.“
Ken wirkt müde, übernächtigt. So kenne ich ihn nicht.
„Alles gut bei dir?“, frage ich besorgt.
Nur kurz zeigt er ein Lächeln, aber er jammert nicht.
„Dir kann man nichts vormachen“, sagt er leise. „Die Kamera ging kaputt. Ich habe alle Bilder verloren und sie noch einmal gemacht. Das editieren hat die ganze Nacht gedauert.“
„Dann fahre ich den Wagen“, bestimmt mein Vater sofort. „Du ruhst dich aus.“
Ahnt ihr nun warum auch ich so dominiere?

Ken hat dann doch eine Überraschung bereit. Der neue SUV bietet viel Platz für Menschen und Gepäck.
„Der alte Wagen war für Kameras und Assistenten zu klein geworden“, erklärt er uns. „Und der Mazda bietet eine Menge mehr.“
Ken ist Fotograf und ein richtiger Könner. Bilder machen nur die anderen. Ken schießt Kunst.
Wir Frauen sitzen hinten, Ken vorn neben meinem Vater. Der hat sichtlich Spaß am japanischen Verkehr und keine Probleme mit dem fahren. Kaum zu glauben, dass er Jahre nicht in Japan war.
Stolz erklärt Ken die Extras des Wagens. Yuki schläft in meinen Armen ein.
Auch ich bin von der langen Reise müde. Die Zeitumstellung macht mir zu schaffen. Lächelnd legt meine Mutter den Arm um mich.
„Wie in den alten Tagen“, sage ich leise und lehne den Kopf an ihre Schulter.
„Ja, kleines Mädchen“, erwidert meine Mutter sanft.
(Er)Kennt ihr die Ironie?

Ich bin ein wahres Kind meiner Eltern, daran gibt es keinen Zweifel. Yuki hat das schon vor Jahren erkannt.
Die Dominanz meine Vaters, die Sanftheit meiner Mutter, haben eine besondere Mischung geformt.
Aufgeregt wie ein Schulmädchen ist Yuki beim ersten Besuch gewesen und meine Eltern haben gestrahlt. Auf ihre Weise versteht sich. Gefühle zeigen nur die anderen.
„Das ist Yukiko-chan, meine Elfe“, habe ich gesagt. „Sagt Hallo zu ihr und seid nett.“
Ja, ich habe Yuki damals verlegen gemacht. Aber sie war tapfer und das ist sie noch.
Es ist nicht einfach als Japanerin lesbisch zu sein.
Aber schwer war es auch für meine Mutter. Und doch hat sie Yuki als Tochter akzeptiert und mag sie nicht mehr missen.
„Du bist verändert“, ließ sie mich damals in einer ruhigen Minute wissen. „Ich sehe Liebe in deinem Blick.“
Liebe und Yuki, das ist das gleiche Wort. Und das wird sich niemals ändern.

Tante Kazumi wartet schon auf uns, das Wiedersehen ist herzlich. Wir sind angekommen. Und das ist gut.
Sie schickt Ken sofort ins Bett und da gehört er auch hin.
Schmollend fährt er davon, ganz das große Kind.
„Ich komme wieder!“, verspricht er und lacht. Aber auch mit Dreißig hört Mann auf seine Mutter, das ist nun mal so.
Meine Eltern werden nur einen Tag bei meiner Tante bleiben, sie haben geschäftlich zu tun. Besser gesagt mein Vater, den meine Mutter natürlich begleiten wird.
Aber sie kommen natürlich wieder, die Schwestern haben sich drei Jahre nicht gesehen.
Und Familie ist wichtig. Sehr sogar.
Yuki und ich werden bei Tante Kazumi wohnen, die Geschenke gibt es am nächsten Tag. Und wir haben ihr eine Menge mitgebracht. Und für Onkel und Cousinen auch.
Heimat, die ich meine. Japan, ich bin da!

Ich gehe lächelnd auf die Reise

Japan wird auch das Land des Lächelns genannt. Und lächelnd gehe ich auf die lange Reise. Japan ist Heimat für mich. So fremd und doch so vertraut. Aber im Gegensatz zu Japanern ist mein Lächeln echt. Es drückt Freude aus, ich zeige Gefühle. Auch meine Elfe ist fröhlich. Aufgeregt wuselt sie im Wohnzimmer umher. Und als ich lache fliegt prompt ein Kissen.

Die Koffer sind gepackt, die Reise kann beginnen. Japan ruft und wir folgen gern. Aber es sind weniger die Sehenswürdigkeiten, die uns nach Jaoan ziehen. Meine Eltern haben mir bei früheren Besuchen viel von Japan gezeigt. Und auch mit Yuki war ich schon im Land unterwegs. Mindestens einmal im Jahr müssen wir nach Japan fliegen. Das ist wie ein innerer Zwang. Und unsere Familien freuen sich dann auch.

Meine Eltern werden uns auf dem Flug begleiten. Sie verbinden den Urlaub mit Geschäften, die man vor Ort besser regeln kann. Cousin Ken steht schon bereit, um uns am Flughafen abzuholen. Natürlich hat der Verrückte wieder Urlaub in dieser Zeit. Seine Lieblingscousinen zu sehen, das lässt er sich nicht nehmen. Yuki hat er schon vor Jahren als neue Cousine „adoptiert.“ Damit hat er kein Problem.

Die Reise wird lang sein. Und nicht immer ist der Weg auch das Ziel. Aber die Strapazen lohnen sich, wir werden nette Menschen treffen. Familie ist wichtig. Auch Yukis Eltern werden nächste Woche nach Japan nachkommen. Ihr Vater hat noch in Deutschland zu tun. Ja, es wird ein großes Familientreffen geben. Der Grund bleibt privat und gehört nicht in diesen Blog.

Beide Familien mögen sich sehr gern. Und Feste sind in Japan einmalig. Auch ohne Alkohol. Den können andere trinken, Tee ist mir Droge genug. Und meine Elfe nach der ich bekanntlich süchtig bin. Leider ist aus unserer geplanten buddhistischen Heirat im Shunkō-in Tempel nichts geworden. Immer im Juni werden dort lesbische und schwule Paare von den Mönchen getraut. Vielleicht klappt es nächstes Jahr.

Mit etwas Wehmut verlasse ich nun diesen Blog. Vermutlich werde ich von Japan aus nicht online gehen. Auch ich brauche Ferien. Und die mag ich ohne Internet genießen. Was den Reisebericht betrifft, den viele LeserInnen nach unserer Rückkehr erwarten, so habe ich mir darüber noch keine Gedanken gemacht. Es gibt nur eine vage Idee.

Ich wünsche allen meinen LeserInnen den tollsten Sommer der Welt. Genießt ihn, habt Spaß und seid lieb zueinander. Wir lesen uns dann wieder im August.

Bis bald ihr da draußen.

Mayumi

(M)Eine Reise nach Paris

Paris ist immer eine Reise wert. Yuki und ich waren schon vor Jahren in der Stadt der Liebe. Damals noch mit dem Auto und entsprechend langer Fahrt. Gestört hat das nicht. Wir sind nicht sonderlich ungeduldig und haben uns beim Fahren abgewechselt. Heute wollten wir aber nicht mit dem Auto, sondern mit dem Zug fahren. Meine Mama hatte die Tickets schon reserviert. Erneut fühlte ich mich fremdbestimmt. Aber selbst ich kann manchmal eine brave Tochter sein.

Abfahrt war um 6 Uhr 55 am Stuttgarter Hauptbahnhof. Entsprechend früh begann unser Tag. Ken hat uns mit meinem Auto gefahren und grinsend viel Spaß gewünscht. Und den hatten wir! Vier Japanerinnen in einem Abteil haben immer Spaß 😀 Auch, wenn es Mütter und Töchter sind. Yukis und meine Mama konnten schon immer gut miteinander. Und Gesprächsthemen gab es eine Menge. Auch über Enkel … Ich glaube die würden uns am liebsten sofort und beide schwanger sehen.

Ich mag nun die Reise im Detail nicht beschreiben, aber nach knapp 4 Stunden sind wir am Bahnhof Paris Est angekommen. Ein Taxi zu finden ist nicht schwer, dem Fahrer klar zu machen wohin man will dann schon. Da hilft es, wenn man die Adresse vorher aufgeschrieben hat. Unser Französisch ist einfach zu lange her, um noch wirklich flüssig reden zu können.

Die Rue Cambon 26 war nach etwa 10 Minuten erreicht. Sie liegt nur ungefähr 3 km vom Bahnhof entfernt. Aber in einer fremden Stadt zu Fuß unterwegs muss nun nicht unbedingt sein. Außerdem ist Taxi fahren spannender. Der freundliche Franzose gab sich alle Mühe uns zu verstehen, er sprach sogar etwas Englisch! Frech parkte er dann direkt vor der Filiale von Yumi Katsura und wünschte uns noch einen schönen Tag. Und dann begann das eigentliche Abenteuer …

Schon am Eingang wurden wir herzlich von einer Japanisch sprechenden Französin begrüßt, deren Akzent allerliebst war. Ihre Mama ist Japanerin, ihr Papa Franzose. Aber sie spricht nur noch selten Japanisch und schon ihre Mama ist eigentlich in Frankreich aufgewachsen. Ich fand sie echt süß und war froh, dass wir uns nicht auf französisch unterhalten mussten. Dass Yuki und ich ein Paar sind hat sie sehr schnell mitbekommen und sich dann sogar noch mehr Mühe gegeben. Sie hat einen französischen Namen und ich nenne sie in meinem Blog Sophie.

Meine Mama ist übrigens eine absolute Wucht! Sie hatte schon vor einer Woche in Paris angerufen um sicher zu gehen, dass dort auch die Yumi Kimono Line vorhanden ist und dort zumindest Englisch gesprochen wird. Nach einer guten Stunde hatten wir das Richtige gefunden. Vielleicht ist es eher unüblich, dass Frau nun bereits das Kleid der anderen kennt. Aber hallo, was ist daran so schlimm? 😛 Ich hätte Yuki am liebsten sofort geheiratet, so vernarrt war ich von ihrem Kleid. Um Schmuck müssen wir uns nicht kümmern. Unsere Mamas haben Tonnen davon. Auch Erbstücke aus Japan.

Um meinen Leserinnen eine Idee zu geben:

http://www.katsura-yumi.co.jp/lineup/kimono/page.html

Nein, ich verrate nicht welche Kleider wir ausgesucht haben. Aber sie sind nicht weiß!

Sophie hat uns dann sogar noch in ein Restaurant begleitet. Ja, sie ist eine Schwester, wie sie leicht errötend zugab als ich sie fragte. Das hat mir einen strafenden Blick meiner Mama eingebracht und einen Knuffer von Yuki. Dabei habe ich noch nicht einmal geflirtet! 😀 Aber ich erkenne eine Schwester meist sofort. Und sie hatte noch nicht lange ihr Coming Out und ist sich ihrer noch nicht wirklich sicher. Single ist sie auch. Würde sie in Deutschland leben wüsste ich die eine oder andere Freundin. Sie ist erst 23, also noch sehr jung. Aber sehr liebenswert und hat großen Spaß an ihrem Beruf.

Nach dem Mittagessen hat sich Sophie von uns verabschiedet. Wir haben uns herzlich bei ihr bedankt. Trinkgeld wollte sie nicht nehmen. Aber Yuki hatte mich kurz vorher auf die Toilette entführt und wir haben Sophie dann unsere e-Mail Adresse gegeben. Sie hatte uns erzählt, dass sie Freunde in Deutschland hat und wir wollen in Kontakt bleiben. Wir hatten aber nun noch fast 1 ½ Stunden bis zur Rückfahrt Zeit. Also sind wir doch etwas durch die Straßen gebummelt. Paris gefällt mir sehr. Nur schade, dass die dort so komisch sprechen 😉

Um 15 Uhr 19 war dann die Abfahrt und kurz nach 19 Uhr hat uns Ken wieder vom Bahnhof abgeholt. Yuki sind unterwegs schon die Augen zugefallen und unsere Mamas waren auch überraschend still. Ich weiß nicht was die haben, ich wollte eigentlich noch ins Training gehen … 😉