Elfenwinter

„Winter, das ist wie eine Endzeit. Ohne das Wissen um den Frühling stirbt der Mensch.“

Die Reise nach Sapporo dauert zwei Stunden. Gut gelaunt kommen wir in der Partnerstadt von München an. Vom Herbst in den Winter, auf Japans nördlichster Halbinsel ist es kalt. Natürlich sind wir gerüstet, Yuki hat an alles gedacht. „Sich Schneefest machen“, nennt sie das und lacht, als wir uns in dicke Jacken hüllen. Der Mietwagen ist wintertauglich, ein Subaru mit Allradantrieb muss es sein.

Bild: Sapporo, Airport.

Nach dem Stress der letzten Wochen wollten wir allein sein. Zeit füreinander zu haben ist uns schon immer sehr wichtig. Was viele nicht verstehen, wie wir Beruf und Privates trennen. „Ihr seid doch ständig zusammen!“ Wo ist das Problem?

Yuki und ich beruflich sind ein eingespieltes Team und voll auf die jeweilige Aufgabe konzentriert. Aber wir wissen beide, wie wichtig Abstand vom Alltag ist.

Bild: Winter in Japan (Sapporo)

Diesmal führt uns die Reise in einen Winter, der einzigartig ist. Japan in dieser Jahreszeit zu erleben, ist völlig neu für uns. Aber wir haben diese Chance bekommen und nutzen sie. Wer weiß wo wir das nächste Jahr (er)leben.

Vor dem Sapporo Tourist Center erwartet uns ein Ninja, der allerlei Faxen macht. Der junge Mann imitiert irgendwelche Fantasiegebärden, die er vermutlich in einem Film gesehen hat. Das muss ich natürlich genauer wissen und bleibe kurz stehen.

Ninja

„Original Ninja Kleidung!“, nuschelt er durch seine Maske, „ganz billig und nur hier bei uns!“ Wieder imitiert er etwas, das ihn bedrohlich aussehen lassen soll. Soll ich ihn blamieren?

„Untersteh dich!“, flüstert Yuki und zieht mich weiter. „Lass ihm doch den Spaß.“ Den haben dann einige Amerikaner, die begeistert von seinem Auftritt sind. Vermutlich kaufen sie nun „echte Ninja Kleidung“, um damit zu Hause anzugeben.

Prompt fällt mir Großvater Satoshi ein. Wie es ihm wohl geht? Ich werde ihn anrufen und vielleicht klappt auch noch ein kurzer Besuch. Ob es den Jungen interessiert hätte, dass ich echte „Ninja“ in meiner Familie habe? Aber eigentlich heißen die Shinobi, das hat nur mal wieder keiner gewusst.

Es weihnachtet sehr

Sapporo hat einen deutschen Weihnachtsmarkt, der gut besucht und mit allerlei Köstlichkeiten überladen ist. Wir begegnen KoereanerInnen, die überall in Japan anzutreffen sind. Es gibt keine Vorurteile, aber oft lustige Neckereien. Sapporo im Winter ist schön, Japan hat Weihnachten für sich entdeckt.

„Fast wie in Deutschland“, sagt Yuki und schmiegt sich in meinen Arm. „Ja, aber hier sind zu viele Japaner“, erwidere ich auf Deutsch, was mir ein lachendes „Du bist unmöglich!“ von ihr einbringt. Wie gut dass Frau Spaß versteht.

Zwei junge Japaner suchen auffällig oft Blickkontakt zu einer Gruppe junger Mädchen. Sie sind angetrunken und plappern dummes Zeug. Als wir uns zu den Teenagern gesellen, drehen die Männer ab. Sehe ich so bedrohlich aus?

Die drei Mädchen entpuppen sich als in den USA lebende Japanerinnen, die Verwandte in Sapporo besuchen. „Wir sind Schwestern“, sagen sie und lachen. Die Ähnlichkeit ist verblüffend.

Sie entschuldigen sich für ihr holpriges Japanisch. „Zu Hause sprechen wir fast nur noch Englisch!“ Wir erzählen von Deutschland und sie hören begeistert zu. Sie winken zum Abschied, als ihre Eltern kommen.

(Nicht barfuß!) Im Park

Ein Tag später, der Onuma Quasi-National Park wartet schon auf uns. Auch dort treffen wir auf ein Sammelsurium an Menschen. Mandarin, Englisch, Koreanisch, Deutsch identifiziere ich locker. Wir schweigen und lächeln auf japanisch.

Ich könnte viel erzählen, wie ich etwa die Inari traf. Aber für die meisten Menschen war dort nur ein Fuchs zu sehen. Natürlich weiß ich das alles viel besser. Immerhin bin ich mit der „Yuki-onna“ liiert. Aber das habt ihr schon gewusst.

Die folgenden Bilder sind auf dem Weg durch den Park entstanden. Und wir haben wirklich ein Mädel mit kurzem Rock gesehen! Das ist so typisch japanisch, wie der Gang zum Frauenarzt im Winter.

Ich habe darauf verzichtet Bilder von Menschen zu machen. Wer in dieser Einsamkeit unterwegs ist, der bleibt gern privat. Auch wir. Das ist unser Elfenwinter, von dem ich lediglich Schnappschüsse teile.

Die wenigen Tage vergehen wie im Flug. Aber wir haben neue Kraft und Ruhe mitgenommen. Japan, ich gewöhne mich an dich. Im Traum erscheint mir wieder die Inari und stupst mich mit ihrer feuchten Nase an. Ich folge ihr und Yuki kommt mit.

 

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Lichter der Großstadt – Teil 7: Eiskalt

„Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert“, hat Colonel John „Hannibal“ Smith vom A-Team einst gesagt. Auch in meinem Leben spielen Pläne eine Rolle. Ohne Konzept geht eine Mayumi nie aus dem Haus. Und doch habe ich mir meine Spontanität erhalten, die Yuki oft wahnsinnig macht. Sie ist der stabile Faktor meines Lebens. Ohne sie flöge ich davon.

Deutsche und JapanerInnen können ohne Visa bis zu drei Monaten in den USA bleiben. Wir haben noch in Deutschland einen Antrag gestellt, um unseren B2-Visa Aufenthalt auf sechs Monate auszudehnen. Nach einem kurzen Gespräch im Konsulat, das reine Formsache ist, haben wir diese Bewilligung auch bekommen.

Nach dieser Zeit sollte man wissen, ob man in einem anderen Land „zu Hause“ ist. Zur Not hätte das sonst Onkel Jiro für uns geregelt. Es ist erstaunlich, welchen Einfluss (japanische) Diplomaten haben.

The Drift

Wolfs Anruf erreicht uns kurz vor Mitternacht. „Hallo Yumi“, sagt er“, tut mir leid zu stören, aber ich habe ein Problem.“ Das Problem heißt (echte) Grippe und hat die halbe Mannschaft dahin gerafft. Zumindest ins Bett, sonst geht’s den Jungs ganz gut. Aber der Abflug nach Schweden, der dieses Jahr früher als gewöhnlich ist, wird ohne Fahrer nicht funktionieren.

„Ich brauche Hilfe! Ohne euch platzt der ganze Plan. Könntet ihr euch vorstellen von Los Angeles direkt nach Schweden zu fliegen? Am besten schon gestern? Die Tickets buche ich natürlich, ihr müsstet sie nur am Schalter holen.“

Meine (kaum vorhandenen) Nackenhaare sträuben sich, wenn andere über mich bestimmen wollen. In diesem Fall höre ich einfach zu. Ich mag Wolf, er ist eine Art Onkel für mich. Und er hat wirklich Ahnung von seinem Job.

Yuki verzieht keine Miene, als ich sie kurz informiere. „Geht’s Papa gut?“, fragt sie nach und Wolf kann sie beruhigen. „Er wird dich noch gesondert informieren.“ Ich vereinbare mit Wolf, dass wir ihn am nächsten Morgen anrufen. Die USA schon nach einem Monat wieder zu verlassen stand auf keinem Plan.

Plan B

„Was denkst du?“, frage ich Yuki und plane schon. „Wir machen die zwei Wochen Schweden, nehmen in Deutschland noch den Fasching mit und fliegen pünktlich zum Dinah Shore zurück nach Los Angeles. Was hältst du davon?“ „Und wann machen wir unsere Arbeit für die Firma? (Gemeint ist die deutsch-japanische Kooperation)“, stellt sie die Gegenfrage.

Das ist leider ein Problem, das wir nur schwer lösen können. Der Auftrag bietet finanzielle Sicherheit, auf die wir nicht verzichten können. Und es gibt Termine, die einzuhalten sind. Unmöglich, wenn wir täglich viele Stunden auf dem Eis driften. Aber wir können Wolf und Yukis Vater unmöglich die kalte Schulter zeigen.

„Wir könnten halbe Tage vereinbaren“, schlage ich vor. „Oder uns abwechseln. Ein Tag fahre ich, den anderen du. Oder ich fliege allein und du bleibst in Los Angeles …“ „Spinnst du?“, fragt Yuki und fasst mir an die Stirn. „Du verhungerst doch ohne mich!“

„Ach was“, wehre ich ab. „Ich vernasche dann die Zimmermädchen.“ „Klassischer Fall von Selbstüberschätzung“, kontert Yuki. „Aber dich Flirtliese lasse ich keinen Moment allein. Sonst gehst du wieder mit wilden Kerlen fremd.“ Sie lacht über diesen Insider Witz. (Nachzulesen HIER, falls jemand den Artikel noch nicht kennt.)

„Wir können morgen weiter reden“, schlage ich vor und marschiere Richtung Bett. „Nix da!“, erwidert Yuki. „Wir klären das hier und jetzt. Sonst kann ich wieder die ganze Nacht nicht schlafen. Halbe Tage sagst du? Das wäre immerhin eine Option. Die Korrespondenz zu übersetzen ist recht einfach und dein Konzept steht doch soweit. Okay, ich bin dabei.“

In the cold light of day

Während ich meine Träume selbst bestimmen kann, macht sich Yuki gern Sorgen, die ihr den Schlaf rauben können. Dann nehme ich sie in den Arm und beruhige sie. Auch das ist Liebe, auch das kann ich gut.

Ally und Heather sind traurig, als wir sie am nächsten Morgen informieren. Aber sie haben Verständnis und freuen sich auf ein Wiedersehen im März. Auch Fan Fan und Feng sagen wir noch Goodbye. „Danke, dass du mir geholfen hast!“, sagt er und verbeugt sich vor mir. Zur Info, ich habe ihm „echtes Karate“ beigebracht.

Der Flug nach Schweden dauert einige Stunden. Yukis Vater bringt warme Kleidung für uns mit. Und, da bin ich mir sicher, eine dicke Entschuldigung, in Form eines Geschenks. Ich kenne meinen Schwiegervater gut. Für meinen Blog heißt das eine Pause von zwei Wochen. Ich glaube kaum, dass wen Eisdriften interessiert.

„Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert“, hat Colonel John „Hannibal“ Smith vom A-Team einst gesagt. Aber den alten Plan habe ich eiskalt abserviert. Nur, um neu zu planen. Stay tuned, the Beast will be back soon!

Wenn dieser Artikel erscheint sind wir entweder noch in Holland oder bereits in Schweden. Im Gegensatz zu den letzten Jahren muss ich auch dort ins Internet. Ihr dürft also gern kommentieren. 

Absolut Miami – Teil 1: Über den Wolken

Wir lernen die Menschen nicht kennen, wenn sie zu uns kommen. Wir müssen zu ihnen gehen, um zu erfahren, wie es mit ihnen steht. (Johann Wolfgang von Goethe)

Ich mag dieses Zitat und habe mich stets danach gerichtet. Witzigerweise habe ich so meine japanischen Landsleute in Japan kennengelernt. Als Kind versteht sich. Japaner in Deutschland sind etwas anders. Zumindest was meine Eltern und mich selbst betrifft. Ich habe noch nie einem Klischee entsprochen.

Wir sind einmal mehr auf der Reise. Yuki ist wie immer aufgeregt. Haben wir auch alles? „Double check it“, habe ich gesagt und Elfchen damit fast wahnsinnig gemacht. Aber sie freut sich total auf diesen Urlaub. Miami wir kommen, das wird Sonne pur!

Als das Flugzeug startet und der Schub uns in die Sitze drückt, fällt mir das Lied „Über den Wolken“ ein. Der Liedermacher Reinhard Mey hat es gesungen, als meine Eltern noch Teenager waren. Ich habe es erst vor einer Weile für mich entdeckt. Die Zeilen sind gut, der Sänger ist ein (angepasster) Poet.

Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Alle Ängste, alle Sorgen sagt man, blieben darunter verborgen. Und dann würde was uns groß und wichtig erscheint plötzlich nichtig und klein.

Die Gedanken der letzten Wochen fallen von mir ab. Ich lasse los, wie ich das immer auf einer Reise mache. Deutschlands Enge bleibt zurück, wir starten in einen neuen Morgen. Ursprünglich wollten wir schon vor einigen Wochen zum Dinah Shore Event nach Palm Springs fliegen. Aber Pläne ändern sich.

Dinah Shore ist das lesbische Event in den USA. Tausende von Mädels kommen um (sich) zu feiern. Da darf natürlich meine Biestigkeit nicht fehlen. Begleitet von (m)einer Elfe, das ist doch klar.

Der Flug ist lang, es gibt wenig zu berichten. Wir schauen Filme, lesen und dösen vor uns hin. Das Essen ist einigermaßen genießbar. Ich habe schon schlechteres erlebt. Aber Alkohol sollten man auf solchen Flügen doch verbieten. Er enthemmt Menschen und das macht wenig Sinn.

Ein untersetzter Mann  buhlt um meine Aufmerksamkeit. Er trinkt (zu viel) Wein und sucht immer wieder Blickkontakt. Ich schenke ihm ein eisiges Lächeln. Ob Mann je versteht?

Als er aufstehen will greife ich nach meinem Essbesteck und lasse das Messer durch die Finger wirbeln. Der Mann schluckt und hat es endlich kapiert. Yuki zwinkert mir zu und gibt mir auch ihr Messer in die Hand. Prompt habe ich doppelten Spaß. Botschaften können so einfach sein.

Das Messer blitzt, die Schweine schrein,
Man muß sie halt benutzen,
Denn jeder denkt: »Wozu das Schwein,
Wenn wir es nicht verputzen?«
(Wilhelm Busch)

Endlich in Miami angekommen passieren wir problemlos den Zoll. Überall sehen wir ernste, aber freundliche Gesichter. Einreise in die USA ist immer speziell. „Yumi, Yuki, hier …!“, erklingt eine bekannte Stimme. Freudestrahlend laufen Ally und Heather auf uns zu.

Unser Kontakt mit den California Girls ist nie abgerissen und ihr Besuch in Deutschland fest eingeplant. Als ich Ally von Reiseplänen nach Miami erzähle, hat sie uns spontan eingeladen. „Wir besuchen meine Tante Ende Mai“, schrieb sie mir. „Tante Dakota hat drei Töchter, aber die sind alle schon ausgezogen.“

Ganz unjapanisch lassen wir die Umarmungen zu. Wer mich kennt weiß, wie wenig ich das mag. Aber die beiden Mädels habe ich spontan ins Herz geschlossen. Und vielleicht wird daraus noch viel mehr.

Wer nun den Beginn einer Affäre mit Frauentausch wittert, den kann ich beruhigen. Gemeint ist ein – zeitlich begrenzter – Umzug nach Amerika. Vermutlich gegen Ende des Jahres, oder im Januar 2017. Mit oder ohne Blog werde ich dann sehen. 9 Stunden Zeitunterschied sind doch recht viel.

Urlaub in Miami zu machen ist anders, Urlaub in Miami ist wirklich „heiß!“ Außerhalb des Flughafens schlägt uns drückende Schwüle ins Gesicht und Elfchen ringt nach Atem. „Krass!“, sagt sie leise. „Das ist schlimmer als Japan hier!“

Noch mehr krasse Zeilen werden schon bald in eure Pupillen eilen. Fortsetzung folgt …

Reise

Das Reisefieber hat uns gepackt. Yuki flitzt auf Elfenart durchs Zimmer. Warme Socken, Sport-BH und Slipeinlagen, wohl der Elfe die nie etwas vergisst. Prompt streckt mir meine Süße die Zunge entgegen. Ahnt sie meine frechen Zeilen?

Ein Tor, wer immer stille steht,
drum lebewohl, und reisen wir!
Ich lobe mir, ich lobe mir, die Liebe,
die auf Reisen geht!
Drum säume nicht und träume nicht,
wer meinen Wink versteht.
(August Graf von Platen)

Ich habe einen sechsten Sinn, ein Gespür für Dinge und Personen. Manchmal kann ich ein Stück weit in die Zukunft sehen. Und diese nahe Zukunft ist schneebedeckt.

Hier, wo von Schnee der Berge Gipfel glänzen,
Gedenk ich still vergangner Mißgeschicke,
Zurück nach Deutschland wend ich kaum die Blicke,
Ja, kaum noch vorwärts nach des Nordens Grenzen.
(Frei nach August Graf von Platen)

Yukis Gespür für meinen Humor ist meisterlich. Aber auch das gehört zu unserem vertrauten Spiel. Schweden ruft, die Turbo-Elfen folgen. Das Land der tausend Seen wartet winterlich.

Es scheint, dass das Reisen für mich eigentlich die zuträglichste Lebensart ist.
(August Graf von Platen)

Die dichterischen Worte treffen und meine Seele jubiliert. Zeig mir, oh Welt, diesen, meinen Weg.

Reise Reise Seemann Reise
Jeder tut’s auf seine Weise
(Rammstein)

Wie im vergangenen Jahr, werden wir in Schweden Urlaub mit Arbeit verbinden, um zu driften auf zugefrorenen Seen. Dieser Blog hat daher Pause. Im März gibt es (vielleicht) ein Wiedersehen.

So laß uns noch einmal vereint
Die vollen Gläser schwingen;
Der Abschied werde nicht geweint,
Den Abschied sollt ihr singen
(August Graf von Platen)

Doch soll nicht Trauer nun das Herz erfüllen. Auch wenn sich alles ändert, so bleibt der Elfen heller Schein.

Die Stadt der Engel – Teil 5: Elend

Los Angeles ist toll, daran gibt es keine Zweifel. Sonne, Hochglanz und Meer. Aber wir haben bei unserem Besuch genauer hingeschaut. Kaputte Straßen fallen auf. Mit Rissen, die schon fast lebensgefährlich sind. So toll der Walk of Fame sein mag, nur einige Blocks weiter sieht LA so völlig anders aus.

Ich bin nicht verrückt, daher meide ich die Ghettos. Das ist weniger Angst, pure Vernunft regiert. Aber was wir in Deutschland als Mittelschicht kennen, lebt in den USA nicht wirklich glamourös. Die Häuser wirken nicht nur klein, sie sind oft auch von den Erdbeben beschädigt. Hier fehlt Farbe, dort ist ein Dach kaputt. Und der Pontiac davor ist locker 10 Jahre alt.

Hollywood, Beverly Hills, hat andere Qualitäten. Hier lebt die High Society. Oder was sich dafür hält. Ja, alles in LA ist größer als anderswo. Aber auch das Elend. Und dafür habe ich schon immer ein Auge gehabt. So war das auch in Düsseldorf und anderen Städten. Ich schaue hin, nur die anderen schauen weg.

In einem Buchladen in Ost-Hollywood treffen wir auf einen jungen Amerikaner. Er lebt einige Straßen weiter und schläft mit seinen Brüdern in einer kleinen Wohnung, die 500 Dollar im Monat kostet. Josh(uah) ist clever und in Jamaica geboren. „Aber ich kam schon mit 15 Jahren nach LA“, verrät er uns. Heute ist er 25 und verkauft Bücher. Und einen High School Abschluss hat er auch. „Nur kein Geld“, lacht er. „Aber hey, das ist doch egal! Das ist Kalifornien, das ist mein Traum!“

So wie er denken viele Menschen, die hier ihr Glück suchen und scheitern. Der amerikanische Traum ist viel zu oft in den Hinterhöfen geplatzt. Ich wage eine kurze Vision. Blüht uns dieses Schicksal auch? Selbst wenn wir hier leben wollten, finanziell stehen wir nicht auf tönernen Füßen. Aber die Preise sind doch sehr hoch. Außerhalb der Stadt wird es wieder besser.

Amerika, Los Angeles, hat Schattenseiten. Hollywood überstrahlt die nur sehr gern. Aber selbst die Ärmsten lieben ihre Stars, die tollen Filme, die sie niemals (legal) sehen können. Josh bietet uns unter der Hand Kopien von Blockbustern an. „Super DVD-Qualität“, sagt er und grinst.

Ob er keine Angst hat erwischt zu werden, will ich von ihm wissen. Aber er winkt nur ab. „Was sollen die Cops mir tun?“, fragt er. „Ich habe nichts und die Gefängnisse sind voll. Außerdem schauen die auch gern solche Filme.“ Ich lasse das so stehen und lehne dankend ab. Dieser Urlaub ist unser ureigenster Film. Und wir die Hauptdarstellerinnen.

Als wir am nächsten Tag die Strecke noch einmal fahren, ist der Laden zu. Polizeiabsperrband gibt uns eine Ahnung. Was geschehen ist erfahren wir nie. Ein Junge den wir fragen zuckt die Schultern und geht seiner Wege. Auch dieses Desinteresse ist Amerika. Vielleicht gab es einen Überfall, vielleicht andere Gründe. Und vielleicht ist ein weiterer Traum von Amerika geplatzt.

Mein Interesse an diesem Land ist ungebrochen. Aber das gilt für einen großen Teil der Welt. Ich bedanke mich bei allen LeserInnen für das Interesse an meinen Artikeln und hoffe, dass auch eine Fortsetzung gefällt.

Urlaub zu Hause

„Ich bin dann mal weg“, oder „Schöne Ferien“, könnte der Titel dieses Beitrags sein. Aber kann ich meinen LeserInnen wirklich mehr als 4 Wochen Mayumilose Zeit zumuten? Einige werden froh darüber sein, dass die „olle Japanerin“ Ruhe gibt. Endlich keine (kritischen) Fragen. Freut euch. Alles gut.

Aber was ist Urlaub, was bedeutet uns diese „schönste Zeit des Jahres?“ Erholung, Entspannung vom Alltag, werden viele sagen. Endlich mal kein Stress! Nur um dann auf extreme Bergtouren zu gehen, Tiefsee Tauchurlaub zu machen, oder abenteuerliche Segelfahrten. Andere liegen träge in der Sonne, oder saufen am Ballermann. Ist das Urlaub? Kaum!

Yuki und ich verwirklichen uns über das tägliche Leben, den Alltag. Kurztrips in andere Städte inbegriffen. In den letzen Monaten sind wir quer durch die Republik gedüst. Rostock, Kiel und München sind 3 Stationen unserer Fahrt. Wir hatten Spaß, haben nebenbei (viel) Geld verdient und Menschen in Not (damit) geholfen.

Japan ist Heimat für uns. Urlaub machen dort nur die anderen. Wir aber kehren zu unseren Wurzeln zurück und tanken Kraft für neue Abenteuer. Vielleicht erleben wir sie auch. Dieser Blog hat nun Sommerpause und wird (vielleicht) wieder Ende August seine Pforten öffnen. Vielleicht bleiben wir auch länger, das werden wir noch sehen.

Daher an dieser Stelle (k)ein „Sayonara!“

Liebe auf Eis – Teil 1

Wir fliegen! Und das nun schon seit Stunden. Yuki schläft in meinem Arm, wie sie das auf Flügen immer macht. Die Reise geht in den hohen Norden der Welt, zu Lapplands vereisten Seen. Aber wir sind nicht allein auf diesem Flug. Frau Dr. Karin Sommer mit Frau und Töchtern ist ebenfalls dabei. Auch Linda darf nicht fehlen. Und natürlich Ilka und Amelie.

Umringt von wild-verrückten Mädels kann dieser Flug nur Spaß bedeuten. Aber die habe ich alle im Griff. Und mich die Vorfreude auf Vilhelmina. Schräg vor mir sitzt Wolf mit seinen Ingenieuren. Auch Yukis Eltern sind dabei. Nur meine haben abgewunken. Eisdriften im Norden ist nicht ihr Ding.

Einen kleinen Fehler muss ich mir eingestehen, ich habe mich im Land geirrt. Vilhelmina liegt in Schweden. Irrtümlich hatte ich den Ort in Norwegen gesehen. Wobei das ehrlich gesagt wenig Unterschiede macht. Da oben ist immer alles weiß. Zumindest im Winter. Und die Sprache ist sowieso fast gleich.

Geplant ist die Reise schon seit einer Weile. Kein anderer Termin war möglich. Es ist fast noch Vorsaison. Der gute Rutsch ins neue Jahr wird wörtlich werden. Wenn auch etwas spät. Und im Wort stand auch Graf Werner, der ebenfalls mitgekommen ist. Mit Frau und Enkelin versteht sich. Und zum Teil hat er das finanziert. Eine Kooperation der Firmen. Herr Graf haben investiert.

Mit Zwischenstops in Amsterdam und Stockholm erreichen wir Vilhelmina nach 8 Stunden. Wir haben die schnelle Variante gewählt. Nur Touristen fliegn länger. Winter im Norden hat eine andere Qualität. Da braucht es dicke Kleidung und keine sexy Unterwäsche. Eingemummt in dickste Daunen, die Köpfe durch Mützen geschützt, geht es zum Charterbus. Das Gepäck wird ins Hotel geliefert. Service, der besonderen Art.

„Ich freue mich wie ein kleiner Junge“, lässt der Graf mich wissen.
„Er redet seit Wochen von nichts anderem mehr“, sagt seine Frau. Und Enkelin Simone lacht.
Während Yuki auspackt muss ich mich dehnen. Ich laufe eine Kata und übe Spagat.
„Elfchen, ich mag dir was zeigen“, sage ich. „Die Technik hast du noch nicht gesehen.“
„Klar, du willst mich wieder hauen“, bekomme ich frech zu hören. Aber sie kommt dann doch und lacht.
Prompt albern wir durchs Zimmer. Yuki wehrt sich tapfer und gibt dann auf. Und ich ihr einen Kuss. Liebe ist, wenn man sich küssen muss.

„Ist gut jetzt“, beendet sie den Spaß und japst nach Luft. „Wart’s nur ab, nach dem Essen räche ich mich!“
„Wie denn?“, will ich wissen.
„So!“, sagt sie und klatscht mir auf den Po.
Liebe auf Elfenart. Ich muss die Süße einfach lieben.
Es klopft und Karin steckt den Kopf ins Zimmer.
„Seit ihr endlich fertig, oder wie lange dauert das noch?“, fragt sie im Scherz. „Eure Liebesspiele könnt ihr später machen.“
Lachend läuft sie davon, als ich einen Schuh nach ihr werfe.
Freundschaft kann auch das ertragen.

Nur wenige Gäste sind in dem Hotel. Auch Auto-Enthusiasten, die auf Abstand bleiben. Wolfs Team hat dafür gesorgt. Und Linda nur kurz böse geschaut, als ein Holländer zu flirten beginnt. Nun sind die Fronten abgesteckt und wir können ungestört zu Bett. Manchmal muss selbst ich nicht kämpfen. Nur mit dem Veranstaltungsplan.
4 Tage wird der Spaß dauern. Und für die meisten Teilnehmer kostenlos sein.
„Ich habe genug Geld“, hat der alte Graf gesagt. „Also bringen Sie Freunde mit.“
Und das habe ich gemacht.

Einige Mädels waren skeptisch bei der Sache. Karin sofort mit dabei. Sie und ich haben uns von jeher gut verstanden. Nur geprügelt hat Karin sich nie. Und bekanntlich habe ich mich immer nur gewehrt. Provokationen inklusive. Ich war ein kleines Biest.

Eine aufgeregte Hühnerschar ist nichts gegen das Geschnatter, das sich am nächsten Morgen abspielt. Ein Bus bringt uns zum See, die Wagen stehen bereit. Ich setze mich locker durch und dirigiere die Gruppe. Auch Yuki macht eine gute Figur. Liebe auf Eis. Aber im positiven Sinn.

Und eisig wird es auch im zweiten Teil. Vielleicht gibt es auch eine Antwort auf die Frage, wie unsere Zukunft aussehen wird. Das könnte durchaus sein.

Fortsetzung folgt …

 

Wenn einer eine Reise tut

Mit nun immerhin 31 Jahren bin ich recht tolerant geworden. Aber es gibt noch immer Dinge, mit denen ich nicht kann. Und negative Reiseberichte über mein Japan gehören definitiv dazu. Nun ist es eine Sache sich freundlich über die Eigenarten der Japaner zu unterhalten. Aber die ganze Reise „Scheiße“ zu finden, zeugt von keinem guten Stil. Und klar, immer waren die Japaner schuld. Wer macht schon eigene Fehler?

Wir sind auf der Rückreise aus Japan. Zum Glück haben wir auch in diesem Urlaub wieder Business-Class gewählt. So reist es sich besser und Geld ist nicht alles. Aber ich habe die Reise ohnehin nicht bezahlt. Ein Vorteil, wenn man erfolgreiche Eltern hat, die das dann unter Geschäftsausgaben buchen können. Oder besser gesagt ich. Immerhin berate ich meinen Vater ja nun. Aber selbst Mehrwert schützt vor Dummheit nicht, wie wir bemerken dürfen.

Schräg vor uns sitzt ein älterer Herr. Bewusst verzichte ich auf die Nationalität. Aber der Mann spricht Deutsch, wenn auch mit starkem Akzent.
„So eine Scheiße“, hat er gesagt und uns direkt angesprochen. „Die wollten bei der Einreise wissen, was ich an Geld mitführe. Das geht die doch nichts an!“
„Die“, das ist der japanische Zoll und „der“ hat nur seine Pflicht getan. Höflich wie immer, aber ihm Rahmen der Gesetze. Auch wir mussten Rede und Antwort stehen. Was ist schon dabei?

Der Mann sieht das anders und lässt sich weiter negativ darüber aus. Einige deutsche Worte haben uns verraten. Im Normalfall sprechen wir auf Flügen nur Japanisch. Kein Fehler, aber wir werden in Zukunft wieder darauf achten. Inkognito reist es sich oft besser.
„Es geht um Devisenkontrolle und Geldwäsche“, erkläre ich ihm. „Und das ist nicht nur in Japan so.“
„Alles Käse!“, regt der Mann sich weiter auf. Er ordert Nachschub an Wein bei der Stewardess und prostet uns dann zu. „Wie kommen Sie denn mit den Japanern klar?“, will er wissen und mustert uns gierig. „Sind Sie aus Thailand? Ich finde ja Thais unheimlich hübsch! Ich muss da mal wieder Urlaub machen …“
Er lacht bei diesen Worten und leckt sich die feisten Lippen.
„Wir sind in Japan geboren“, erwidere ich beherrscht. „Man könnte also durchaus sagen, dass wir Japanerinnen sind.“
Seine Kinnlade klappt nach unten. Clever sein ist anders.

„Auch gut“, erwidert der Mann dann lapidar. „Was haben Sie denn da gemacht?“
„Das nennt sich Urlaub“, sage ich und lächle ihn an. „Und den haben wir immer noch.“
Demonstrativ setze ich mir die Kopfhörer auf. Yuki schaut schon komisch.
Trotz der Musik höre ich die Stimme des Mannes, der nun über das japanische Wetter schimpft.
Natürlich war es entweder zu kalt, zu regnerisch, oder viel zu warm. Und das ist dem Mann aus den Bergen angeblich fremd.
Lügen haben kurze Beine. Und seine sind nicht sonderlich lang.

Yuki schaut mich fragend an, aber ich schüttele nur leicht den Kopf.
Aber Hilfe kommt von anderer Seite, von einem jungen Mann.
„Könnten Sie bitte leise sein?“, sagt er in akzentfreiem Deutsch.
Auch er ist Japaner, das erkenne ich sofort.
Seine Augen funkeln, er ist sichtlich genervt.
„Man wird sich doch noch unterhalten dürfen“, poltert der Angetrunkene. „Ich …“
„Niemand möchte ihre schlechte Laune hören“, wird er von dem Japaner unterbrochen. „Behalten Sie die für sich!“
Ich bin erstaunt. Endlich klare Worte!

Der Mann murmelt etwas und ordert das nächste Glas Wein.
In Vino Veritas. Aber wer will schon seine Wahrheit hören?
Eine Weile herrscht Ruhe. Yuki blättert in einem Buch und ich döse vor mich hin.
Der Urlaub war toll und leider viel zu kurz. Wie immer, wenn ich aus Japan komme, fühle ich eine Art Leere in mir.
Meine Eltern bleiben noch länger. Sie haben uns die Reise bezahlt, die Geschäfte liefen gut. Damit das so bleibt, muss mein Vater sich eine Weile in Japan darum kümmern. Aber den 370 Z in Rot hat er versprochen. Natürlich als Tuning-Modell. Und nein, ich habe nicht danach gefragt. Schuld ist mein Schwiegervater. Unsere Väter haben sich das fein ausgedacht.
„Damit ihr immer schnell bei uns seid“, war ihr gemeinsamer Kommentar.
Humor, den Männer meinen.

„Das muss man sich mal vorstellen“, beginnt der Mann erneut seine Litanei. „Da habe ich diesen Termin mit dem Japaner und dann lässt der Kerl mich einfach warten! So eine Frechheit gäbe es in Europa nicht, ich habe meine Zeit doch nicht gestohlen!“
Unaufgefordert erzählt er das seinem Nachbarn, der ihn gekonnt ignoriert.
Der junge Japaner presst die Lippen zusammen. Ich kann das Zeichen deuten. Das riecht nach Ärger und den muss ich nicht haben. Aber scheinbar ziehe ich ihn magisch an.
Das Essen wird serviert und der Mann schimpft nun über japanische Tischsitten und wie ekelhaft er die doch fände. Fleischbrocken fallen dabei aus seinem Mund und beschmutzen seine Hose.
„Bisher wusste ich nicht, dass Schweine auch fliegen können“, sage ich auf japanisch. „Aber heute, werde ich eines Besseren belehrt.“
Yuki feixt und knufft mich in die Seite. Auch der junge Japaner lacht.
Der Pöbler hat nichts verstanden. Streit suchen immer nur die anderen.

„Diese Stäbchen in Japan sind einfach nur daneben!“, wettert der Mann bereits weiter. „Wie soll man da seine Mahlzeit essen?“
„Indem man weniger schimpft und die Sitten lernt“, sage ich scharf. „Mit Stäbchen zu essen ist nun wirklich nicht schwer. Aber manche Leute können das nicht einmal mit Messer und Gabel.“
Der Mann schweigt verblüfft. Das hat er nicht erwartet. Stumm stopft er sich sein Essen in den Mund und ordert noch mehr Wein.
Der löst schon bald seine Zunge wieder und das Gemotze geht weiter.
Nun ist ihm auch der Flug zu lang. „Nie wieder reise ich nach Japan“, tobt er. „Die sollen ihre Geschäfte in Zukunft ohne mich machen. Mein Geld ist viel zu schade für dieses Volk.“
Taler, Taler du musst wandern!

Als der Mann sich wieder seinem Wein hingibt stehe ich auf und gehe zur Stewardess.
Die Frau ist besorgt, sie hat das Problem erkannt. Ärger im Flugzeug muss niemand haben.
Sie ruft nach einer Kollegin, die hier das Sagen hat. Die Frau hört zu und nickt.
Situationen wie diese kommen selten vor. Aber es gibt sie leider immer wieder.
„Wir kümmern uns darum“, sagt die Stewardess und verbeugt sich vor mir. „Vielen Dank für die Hilfe.“
Muss ich immer alles machen?

Auf dem Weg zu Yuki höre ich den Mann bereits wieder lamentieren. Nun hat er den japanischen Verkehr im Visier und dass Japaner auf der „falschen Straßenseite“ fahren.
„Ich würde das sofort ändern“, tönt er. „Wie funktioniert das überhaupt?“
„Indem man es versucht“, unterbreche ich ihn und bedeute dem jungen Japaner sich nicht weiter einzumischen.
„Ruhig bleiben“, sage ich leise. „Wir dürfen uns nicht provozieren lassen.“
Er ballt die Fäuste. Etwas sagt mir, dass er Kampfsport macht. Aber eine Prügelei im Flieger wird ihm zum Nachteil gereichen, auf keinen Fall darf er sie beginnen.
„Er hat Japan schon wieder beleidigt“, sagt er. „Das kann ich nicht ertragen!“
„Der Mund ist das Tor des Unglücks, die Zunge seine Wurzel“, zitiere ich. „Aber es liegt nicht an uns, diese Wurzel auszureißen.“
Verblüfftes Schweigen schaut mich an und Yuki drückt meine Hand.
Im Alter werde ich noch weise.

Ich spreche auf Deutsch weiter und fange ein Gespräch über die Schönheit Japans an.
Der junge Mann versteht und schlägt in die gleiche Kerbe. Er stellt sich als Daisuke vor und ist in Deutschland geboren.
„Ich lebe in Düsseldorf“, sagt er. „Kennen Sie die Stadt?“
„Da bin ich aufgewachsen“, erwidere ich. „Aber jetzt lebe ich in Stuttgart bei meiner Frau.“
Daisuke verzieht keine Miene, er nickt Yuki nur freundlich zu. Homophob ist er zumindest nicht.
„Ich habe meinen Onkel besucht“, erzählt er weiter. „Der ist ein Meister im Karate. Er sagt ich sei schon richtig gut!“
Was zu beweisen wäre.

Der Betrunkene brabbelt etwas vor sich hin. Ich verstehe „Schlitzaugen und Lesben“ und hole tief Luft. Aber eingreifen muss ich nicht.
Wie aus dem Nichts steht ein Mann in Uniform neben uns und spricht den Pöbler auf Englisch an.
Der wird sehr schnell sehr still, als er den Kapitän erkennt. Die Androhung der Notlandung mit voller Kostenübernahme hat gefruchtet.
Der Kapitän wendet sich noch kurz an den jungen Japaner, der noch immer zornig ist. Auch er wird beruhigt, dann spricht der Kapitän mit mir.
„Vielen Dank für die Hilfe,“, sagt er auf Japanisch. „Aber lassen Sie sich bitte nicht weiter provozieren und ignorieren Sie den Mann. Man wird sich bei der Landung um ihn kümmern.“
Ich deute aus dem Fenster.
„Auf die Notlandung wäre ich gespannt.“
Der Kapitän deutet ein Lächeln an.
Wir haben uns verstanden.

Der Rest der Reise verläuft ruhig. Der Wüterich ordert nur noch Kaffee und schweigt eisern.
Wir unterhalten uns ein wenig mit Daisuke. Er ist erst 19 Jahre alt und wirklich nett. Und eine deutsche Freundin hat er auch.
„Leider konnte sie nicht mit nach Japan“, sagt er traurig. „Ich vermisse sie sehr.“
Noch einmal fängt er mit Karate an und wie sehr er diesen Sport liebt. Wettkämpfe will er machen und Deutscher Meister werden.
Yukis schelmisches Lächeln kann er nicht deuten.
„Es ist nur ein Titel“, sage ich. „Und der bedeutet nichts. Karate hat nichts mit Wettkämpfen zu tun, der Geist dahinter ist so völlig anders.“
Engeistert schaut er mich an.

„Das hat mein Onkel auch gesagt“, sagt er betroffen. „Aber woher wissen Sie das?“
„Ach ich mache auch so ein bisschen Karate“, erwidere ich. „Die Wettkampfbühne habe ich in Ihrem Alter verlassen. Damit habe ich den wahren Sieg errungen, über die Eitelkeit und den Stolz.“
Daisuke ist erstaunt, aber wenig überzeugt. Die Ungeduld der Jugend brennt lichterloh in ihm.
Ich kann mich gut erinnern.
Im Verlauf des Gesprächs kommen meine Gürtel auf den Tisch und Daisuke sinkt förmlich im Sitz zusammen.
Er wird sehr still und beißt sich auf die Lippen.
Yuki zwickt mich, sie hat sichtlich Spaß.
Hat Daisuke etwa Angst vor mir?

Eigentlich wäre die Geschichte nun hier zu Ende. Aber in jedem Drama gibt es einen zweiten Akt.
Bei der Landung in Frankfurt verlässt der Pöbler wortlos die Maschine und wird noch auf der Gangway von zwei Beamten in Empfang genommen. Damit hat er nicht gerechnet.
Auch Daisuke verlässt den Flieger und verbeugt sich vor mir.
Seine Form der Entschuldigung.
„Auf Wiedersehen“, sagt er leise. „Ich habe wieder etwas gelernt. Vielen Dank dafür.“
Japaner haben einfach die besseren Manieren.

Hier endet die Reise nach Japan nun für den Moment. Ich hoffe, dass sie meinen LeserInnen gefallen hat. Es war ein etwas anderer Reisebericht. Ohne Fotos und ohne die üblichen Beschreibungen der Natur. Dafür mit Bildern, die ich vermitteln wollte. Und das ist mir hoffentlich gelungen.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne – Teil 2

Japans Zauber muss noch warten. Übermüdet gehen wir zu Bett.
Sanft schlummere ich in Yukis Armen ein und träume klar.
Ich laufe durch einen Kirschblütenhain. Auch Karin und Natalie sind da. Alle meine lieben Menschen und Yuki geht mit mir Hand in Hand.
Klar zu träumen, den Traum selbst zu bestimmen, das ist nicht jedem Mensch gegeben. Ich kann es seit ich bewusst denken kann.
Alpträume haben nur die anderen. Mein Schlaf ist stets erfrischend. Wenn er nur länger gewesen wäre.
Und ich kann ziemlich zicken, wenn man meine Ruhe stört.

Vom Gefühl her sind nur Minuten vergangen, als Ken lautstark ins Zimmer stürmt.
„Aufstehen!“, ruft er immer wieder. „Es ist schon spät!“
Er reißt uns die Decke weg und Tante Kazumi schimpft ihn aus.
Mein Kick trifft ihn leicht in den Bauch und lachend fällt er auf den Hosenboden.
„Raus du Verrückter“, sage ich bestimmt und versuche böse zu schauen. Aber das ist alles Spaß, ein altes Ritual seit Kindertagen.
Er rappelt sich auf und läuft noch immer lachend davon. Ich höre „Schlafmütze!“ und Yuki wirft ein Kissen nach ihm.
Treffer, versenkt. Meine Elfe wirft nie daneben. Das hat er nun davon.

Fukuoka präsentiert sich noch immer europäisch. 27 Grad, bewölkt, Regenrisiko 30 Prozent.
Es ist ein großes Hallo an diesem Tag, wir verteilen die Geschenke. Auch der Onkel ist da und freut sich riesig mit und über uns.
Gefühle zeigen nicht immer nur die anderen. Und das finde ich richtig gut.
Meine Cousinen nehmen mich in Beschlag. Bis auf wenige Mails haben wir kaum Kontakt. Sie haben Familie, sie leben ihr eigenes Leben. Aber Deutschland steht für beide auf dem Reiseplan.
Natürlich haben wir sie eingeladen. Und wenn irgend möglich, werden wir ihnen unsere andere Heimat zeigen.
Ich schmuse mit meiner kleinen Nichte und Yuki schaut mich seltsam an.
Ahnt ihr was sie denkt?

Der Tag vergeht mit viel Reden und noch mehr Neuigkeiten. Irgendwann sehnt sich mein Körper nach Sport.
Ken deutet meinen Blick richtig und rettet unser Leben. Die Sportsachen sind schnell gepackt und gemeinsam verlassen wir das Haus.
Wir fahren in sein Dojo, der Sensei erinnert sich an uns.
„Willkommen“, sagt er. „Ich freue mich sehr. Ihr dürft gern mit uns trainieren.“
Stolz erzählt Ken von meinem 1. Aikido-Dan. Er ist ein kleines Plappermaul.
„Der wahre Meister schweigt von seiner Kunst“, wird er vom Sensei prompt getadelt. „Dann zeig uns bitte, was du dagegen kannst.“
Ken schaut leicht belämmert, stimmt aber zu.
Ich lache. Endlich darf ich meinen Cousin werfen!

Er gibt sich Mühe und Yuki feixt. Auch der Meister schmunzelt. Alle haben Spaß.
Ein Novum im Dojo. Aber der Mann ist wirklich nett und sehr westlich aufgeschlossen. Und auch die Schüler erinnern sich und lachen mit.
„Bleib weg von ihr“, rät der Sensei Ken. Aber der will nicht hören und versucht immer wieder Schläge und Kicks.
Er gibt auf, als ich ihm mehrfach den Schwung nehme. Es macht sich nicht gut am Boden zu sein.
„Du bist gemein“, lässt er mich wissen und macht ein schmollendes Gesicht. Spaß im Übermaß der Gefühle. Ken ist eine Marke für sich.
In Wirklichkeit ist Ken ein Meisterschüler, aber selbst wenn er es könnte, er schlägt seine Cousine nicht.

Der Unterricht wird ernst, ich genieße die Stunde.
Ich mag den Sensei, er ist sehr gut in dem was er tut. Und der Sport bringt mir die Energie zurück.
Wir haben ausgemacht, dass wir zweimal pro Woche in dem Dojo trainieren. Und der Sensei mag gern mein Aikido sehen.
Ich werde die ein oder andere Stunde leiten und meine Kunst vermitteln. Auch das ein Novum, aber der Sensei will es so.
Natürlich sind einige Schüler skeptisch. Aber ohne vorzugreifen, sie haben mich akzeptiert.
Auch das Bild der Frau in Japan ändert sich. Vor allem, wenn sie überzeugen kann.

Für Yuki ist Kyokushin-Karate fremd. Aber Angst hat sie keine. Und die Erinnerung an den Vorfall vor einem Jahr ist lange vergessen.
Und wer mag schon ernsthaft mit einer Elfe kämpfen?
Das mache ich und prompt kitzelt sie mich.
„Du machst dich gut mit einem Kind im Arm“, lässt sie mich plötzlich wissen. „Du solltest das viel öfter tun.“
Ich ahne was sie mir sagen will. Aber bin ich, sind wir wirklich schon dazu bereit?
Frauen sind schon seltsame Wesen, findet ihr nicht?

Entspannt fahren wir nach Hause. Ken plappert unentwegt.
Er erzählt von seiner Arbeit und mag von unserem Studium wissen. Natürlich auch von meiner Selbstständigkeit.
„Ich habe leider wenig Zeit“, lässt er uns wissen. „Sonst wäre ich schon wieder bei euch dort. Die Projekte stapeln sich und das ist gut.“
„Was hast du mit dem Skyline gemacht, dem alten Wagen?“, frage ich. „Den hast du doch nicht etwa verkauft?“
Ken lacht herzlich. „Bin ich denn verrückt? Der steht in der Tiefgarage und wartet auf neue Turbolader. Dann wird er richtig schnell.“
Ich erzähle vom getunten GT-R und seine Augen leuchten.
Auch Ken hat Benzin im Blut.

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, heißt es in einem Gedicht von Hermann Hesse.
Ja, ich fühle mich zu Hause. Ja, ich fühle mich gut. Wir sind in Japan angekommen. Deutschland ist ein Name geworden, ein halb vergessener Traum.
Ich werde meinen Traum von Japan träumen. Zusammen mit meiner Elfe. Zusammen in einem verzauberten Land.
Sayonara!