Sexismus und mein radikales Ich

„Na, kleine Frau? Kann ich Sie auf einen Drink einladen?“
Die Stimme gehört Mann. Typ Handelsvertreter. Schwitzige Achseln und so riecht er auch.
Dunkle Knopfaugen dominieren ein feistes Gesicht. Rotbäckchen im Wohlstandsüberfluss.
Der Mann mag um die vierzig sein. Übergewicht regiert.
Ich sehe ihn betont mitleidig an.
„Falsche Baustelle“, sage ich. „Und die falsche Bar.“

„Ach kommen Sie schon, lässt er nicht locker und geht näher auf mich zu.
„Abstand halten!“, sage ich bestimmt und hebe die rechte Hand.
Wie ein Tanzbär tappst er auf mich zu. Wer hat den hier reingelassen?
Der Queer-Club ist für alle Menschen offen. Aber Heterosexuelle kommen kaum.
Ich bin 19 und nicht gut auf Mann zu sprechen. Vor allem nicht auf den.
Schon der sexistische Spruch „kleine Frau“ macht mich aggressiv.
Mit solchen Sprüchen kann ich nicht.

Dümmlich lächelnd blubbert er mich weiter an und greift nach meiner Hand.
Ein Fehler, den er sofort bereut.
Der Kick in die Kronjuwelen lässt diese klingeln. Ächzend geht er in die Knie.
Die Türsteherinnen eilen herbei und schauen belämmert.
„Sorry“, sagt Ronja. „Kommt nicht wieder vor.“
Muss ich immer alles selber machen?

Zwei Wochen später bin ich auf einer Feier. Die Tante meiner Freundin Silvia hat geladen.
Vierzig ist eine runde Sache. Die Menge lacht und ist vergnügt.
Ich verliere Silvia aus den Augen und unterhalte mich gut.
Plötzlich erklingt ein spitzer Schrei.
Silvia!
Der Weltrekord im Raum durchqueren fällt, als ich nach 2 Sekunden die Szene betrete.
Mit offener Hose steht Silvias Onkel vor ihr. Angetrunken, aber hart.
Nur Silvias Tränen retten ihn an diesem Tag vor mir.
Aber er hat seine Strafe noch bekommen.

Im gleichen Jahr, der Sommer.
Eine Runde aus verschiedenen Leuten. Freunde, Bekannte, Männer und Frauen. Lesben, Schwule, ein heterosexuelles Paar.
Sex ist das Thema des hetero Mannes, der gierig alle Mädels mit den Blicken verschlingt.
Wer hat den nun wieder eingeladen? Ich mag ihn nicht.
Als er darüber spricht, wie er seiner Freundin ins Gesicht ejakuliert und wie „geil“ sie das findet, wird es mir zuviel.
Ansatzlos und ohne Warnung trifft ihn das Wasser aus meinem Glas.
„Wie fühlt sich das an?“, frage ich. „Stehst du drauf? Ist das geil für dich?“
Er wird wütend.
Diesmal hält mich keiner auf.

Drei Beispiele, drei Situationen aus meinem Leben. Das war mein radikales, mein jüngeres Ich. Wenig damenhaft, ich weiß. Aber wer will schon einem Klischee entsprechen?
Und mit Sexismus kann ich einfach nicht. Egal ob offen, oder versteckt. Oder verborgen jovial. Und das hat nichts mit lesbisch zu tun. Nur mit dem Selbstbewusstsein von Frau.
Und daran scheint es vielen zu mangeln. Daher werden sie betatscht, belabert und mit dümmlichen Werbesprüchen eingelullt.

Ihr wahres Potential erreicht Frau oft nicht. Statt Doktorandin zu werden bricht Frau lieber das Studium ab. Statt für ihre Rechte einzustehen zerfleischt sie sich in Selbstmitleid, wenn Mann sie links liegen lässt. Oder jammert, wie schlecht es ihr doch geht, wenn sie keinen hat. Damals bin ich zur Feministin geworden, damals habe ich meinen Weg gefunden.
Aber wenigstens wehre ich mich und nehme nicht alles hin. Damals waren es Kicks. Heute sind Worte mein Kick. Hat wer Lust mit mir zu „kicken“?