Olympisches Karate: Gegen jede Regel

Olympisches Karate: Gegen jede Regel

Bereits vor einigen Wochen hatte ich damit begonnen diesen Beitrag zu schreiben, der aus privaten Gründen nur halb fertig geworden ist. Die Antwort auf einen Leserkommentar hat ihn schließlich möglich gemacht.

Stolz

Als Japanerin bin ich stolz darauf, dass wir wenigstens einmal Karate bei Olympia sehen konnten. Leider steht Karate 2024 nicht mehr im Programm. Der aus der Kampfkunst entstandene Sport, ist und bleibt ganz offensichtlich für ein Massenpublikum unattraktiv.

Vor einigen Jahren, als bekannt wurde dass Karate olympisch wird, war die Freude in Japan groß. Mein Vater hat sogar bei der Vorauswahl von Athleten mitgewirkt. Er hat das gegen seine Überzeugung, aber für Japan getan. Als Vertreter des traditionellen Karate, ist ihm der daraus entstandene Sport suspekt. Trotzdem hat er auch mich für Wettkämpfe trainiert.

Karate

Karate ist lediglich ein Oberbegriff für mehrere Stile, von denen der relativ junge Shōtōkan-Stil der weltweit bekannteste ist. Gefolgt allerdings von dem traditionsreichen Gōjū-Ryū. Die von manchen Shōtōkan-Anhängern propagierte Überlegenheit ihres Stils endet meist dort, wo alles seinen Anfang nahm, auf Okinawa. Die dortigen Meister sind und bleiben eine Klasse für sich. Das hat man mittlerweile auch wieder in Japan verstanden und besinnt wieder auf die alten Traditionen.

Es ist dieser scheinbare Widerspruch, der die Weiterentwicklung von Sportkarate blockiert. Als ehemalige Wettkämpferin wusste ich, wie unattraktiv Sportkarate bei Olympia aussehen kann. Meinen ersten Kampf habe ich als Teenager durch Disqualifikation verloren. Ich hatte die Regeln verletzt, als ich meine Gegnerin „illegal“ zu Boden brachte. Gōjū-Ryū kombiniert mit Daitō-ryū Aiki-jūjutsu Techniken, war leider nicht erlaubt.

Regeln!?

Aber genau diese starren Regeln sind es, die Karate quasi kastrieren. Zwei Sportler stehen sich lauernd gegenüber, keiner will die erste Bewegung machen. Die meisten hüpfen auf der Stelle, wirkliche Aktionen sind kaum zu sehen. Die Handschuhe tragen ebenfalls dazu bei, dass Techniken schwierig bis unmöglich sind.

Die angesprochene Unterbrechung des Kumite nach einem Treffer ist der Tradition geschuldet. Traditionelles Karate dient der Selbstverteidigung, ein Angreifer wird durch einen Konter außer Gefecht gesetzt. Für den Sport bedeutet das die Vergabe von Punkten. (M)Eine Idee um Sportkarate attraktiver zu machen, wären drei Runden ohne Unterbrechung bei Treffern. Analog zum Taekwondo oder Amateurboxen. Dann würde man mehr Dynamik sehen.

Falsche Bilder 

Eine weiteres Problem von Karate ist die vor allem im Westen falsche Sicht auf diese Kunst. Eine Mitschuld daran haben die „Chinafilme“, die in den 1970er Jahren gedreht worden sind. Hongkongs Filmindustrie hat die fernöstlichen Kampfkünste mit spektakulären Szenen auf die Leinwand gebracht, die Zuschauer haben das für bare Münze genommen.

Auch in Hollywood wurden ähnliche Filme gedreht, das Missverständnis nahm seinen Lauf. Das aus dem Karate entstandene Kickboxen, ist für Zuschauer wesentlich attraktiver. Ob es jemals seinen Weg nach Olympia findet, ist ungewisss.

The Winner takes it all

Mein Vater hatte mich bereits vor mehr als einem Jahr gefragt, ob ich bei den nationalen Ausscheidungen mitmachen möchte. Papa liebt solche Scherze. „Nee, Väterchen“, habe ich gesagt, „das wäre unfair den anderen Mädels gegenüber.“ Wer hinter meinen Worten Arroganz vermutet, hat keine Ahnung von japanischem Humor.

Zwar würde ich mir auch mit Mitte Dreißig eine Teilnahme zutrauen, was mir jedoch fehlt ist Wettkampferfahrung. Ich habe seit fast zwanzig Jahren auf keinem Turnier gekämpft. Andere im sportlichen Wettkampf zu besiegen, war mir nach einigen gewonnenen Kämpfen nicht mehr wichtig.

Die Enttäuschung

Nicht nur in Japan, weltweit ist bei vielen Karateka die Enttäuschung darüber zu spüren, dass Karate nun doch wieder aus dem Programm gestrichen worden ist. Aber die Sportler trifft keine Schuld. Sie haben alles gegeben, was innerhalb der Regeln möglich ist. In Japan selbst zählt oft nur der Sieg. Darauf werden die Sportler seit sie Kinder sind gedrillt.

Die Japan Times berichtet relativ neutral über Karate. Trotzdem glaube ich zumindest zwischen den Zeilen eine gewisse Enttäuschung zu lesen, wobei es aber um die wenigen Medaillen geht. Siege sind in Asien wichtiger, als die reine Teilnahme an einem großen Event. Ich werde eine mögliche Diskussion über die Zukunft von (Sport)Karate beobachten.

Taekwondo vs Karate

Das unter anderem aus den japanischen Shōtōkan-Karate entstandene koreanische Taekwondo, ist durch seine hohe Dynamik und die vielen Tritte für Zuschauer attraktiv und daher fraglos ein Gewinn für das olympische Programm. Über einige Wettkampfregeln kann man allerdings geteilter Meinung sein.

Die Enttäuschung über das schnelle Aus für Karate, wird mit Sicherheit Grundlage vieler Diskussionen sein. Weder mein Vater noch ich werden uns darum kümmern. Wir leben unser Karate und unterrichten es so, wie es gut und richtig ist.

Mutter, Mutter, Kind

Mutter, Mutter, Kind

Yuki und ich sind nun schon einige Jahre liiert. Als verheiratet gelten wir nur in Deutschland und den USA. In Japan ignoriert man außerhalb der Familie unsere Beziehung, was zumindest mir schon immer herzlich egal gewesen ist. Ansatzweise störend war es, als wir Aiko im Waisenhaus fanden. Aber obwohl sie lediglich meine Adoptivtochter ist, spielt das für Yuki keine Rolle.

Mütter

Zwei Mütter zu haben mag merkwürdig für manche Kinder sein. Aiko, die ihren Vater nie kannte und nur bei ihrer verstorbenen Mutter aufgewachsen ist, hat kein Problem damit. Allerdings waren wir lange Tante Yuki und Tante Yumi, das Wort Mama blieb für ihre tote Mutter reserviert. Vor einigen Wochen hat sich das geändert und sie hat (zaghaft) Mama Yuki und Mama Yumi zu uns gesagt. Danach musste Yuki dringend nach einem Taschentuch suchen. Keine Ahnung was die immer hat.

„Bist du sicher, dass du ein Mensch bist?“, will Yuki später wissen. „Oder habe ich einen Frosch als Frau?“ Ihre Anspielung zielt auf die Redewendung „Froschblut in den Adern haben“ ab, was so viel bedeutet wie „keine Gefühle zu zeigen.“ Natürlich ist das blanker Unsinn, bekanntlich bin ich (k)ein emotionales Nervenbündel. Yukis (frecher) Kommentar zum Titelbild: „Passt!“ 

Väter

Cousin Ken ist eine Art Ersatzvater für Aiko. Vielleicht auch nur ein großer Spielkamerad. Aber die Kleine liebt ihn, also spielt das keine Rolle. Vor meinem Vater hat sie Respekt, aber wagt trotzdem charmant gewählte Widerworte. Das macht sie gut und Papa schmunzelt. Von der Uniform meines Polizisten-Onkels ist sie stets fasziniert. So sehr, dass sie später auch Verbrecher jagen will. Männer gibt es in ihrem Leben also mehr als genug.

Yukis Vater, hat sie den Mann mit den vielen Autos genannt. Schließlich „zwingt“ er uns (nicht!) ständig neue zu testen. Aktuell haben wir einen Nissan GT-R vor der Tür. Leider hat sich Nissan für einen Hybrid entschieden, der Nachfolger des aktuellen Modells wird also kein Wasserstoffauto sein. Den Testwagen dürfen wir also (vorerst) behalten. Auf zum Tokyo Drift!

Gewinner

Die Verlegung der deutschen Tuning-Firma nach Schweden hat Arbeitsplätze gerettet, was uns zu „Gewinnern“ der Corona-Krise macht. Yukis Blick ist sehenswert. „Soll ich packen, wann geht es los?“, will sie wissen. Prompt klatscht Aiko in die Hände und ruft „Reise, Reise, ja!“ Typisch! Dabei gelte doch eigentlich ich als Reisetante.

Zugegeben hat Schweden einen gewissen Reiz. Die Menschen sind freundlich und doch wieder anders, als ich es von Deutschland kenne. Wer sich nun die Frage stellt, wie Aiko in Schweden zur Schule gehen soll, den kann ich beruhigen. Aiko wird von uns zu Hause unterrichtet. Trotzdem hat sie Kontakt zu Nachbarkindern.

Kinder

Einige Kinder fanden es seltsam, dass Aiko nicht zur Schule geht. Einem Jungen, der sie dafür hänselte, hat sie eine Ohrfeige verpasst. „Typisch deine Tochter!“, hat Yuki gesagt und ein Schmunzeln unterdrückt. Nicht erwartet hätten wir, dass die beiden nun dicke Freunde sind. Der Kleine steht fast täglich vor unserer Tür. Aber Aiko ist kein prügelndes Monster. Sie wehrt sich nur wann immer sie kann.

Aikos Talent für Karate ist wirklich sensationell. Mein Vater ist begeistert von ihr und würde sie gern Tag und Nacht unterrichten. Natürlich ist das nur Spaß, aber aktuell bringt er ihr außer Karate auch schon erste Kanji bei. Ohnehin wechseln wir uns in der Familie beim Unterricht ab, Aikos Leistungen sind trotzdem gut. Zu Beginn war es schwierig sie aufmerksam zu halten, aber niemand kann gegen eine freundliche Ansprache von Sensei Mayumi bestehen.

Sensei

Keine Männer zu unterrichten, hat nur zum Teil etwas mit Abneigung zu tun. Für mich ist wichtiger, dass Frau sich verteidigen kann. Die Ausnahme ist Cousin Ken, den ich (nicht!) regelmäßig verprügele. Unsere (Show!)Zweikämpfe sehen so realistisch aus, dass wir damit Unerfahrene täuschen können. Selbst Yuki zuckt manchmal noch zusammen, wenn wir uns mit „bösen Blicken“ gegenüber stehen.

„Onkel Ken macht Spaß“, war Aikos Kommentar, als sie uns zusehen durfte. Lustig wurde es, als sie mitmachen wollte und Ken lachend zu Boden ging. Ihre Siegespose hätte Rocky Balboa stolz gemacht.

Olympia

Mein Vater hatte mich vor einigen Monaten gefragt, ob ich bei den nationalen Karate-Ausscheidungen mitmachen möchte. Papa liebt solche Scherze. „Nee, Väterchen“, habe ich mit todernstem Gesichtsausdruck gesagt, „das wäre unfair den anderen Mädels gegenüber.“ Humor ist, wenn zwei Japaner lachen.

Als Teenager habe ich Sportkarate kurz getestet und außer meinem ersten Kampf alle anderen gewonnen. Wobei in meinen Augen die Disqualifikation keine Niederlage war. Was kann ich dafür, wenn meine Gegnerin so empfindlich ist. Im Gegensatz zu ihr, hatte ich klassisches Karate und Aikijujutsu gelernt und auch genutzt.

Geister

Sportkarate trägt viel zur Verbreitung von Karate bei, hat aber mit der Grundidee herzlich wenig zu tun. Klassisches Karate kennt nun mal keinen Erstangriff. Salopp ausgedrückt geht dort der „Geist“  verloren. Schlecht ist Sportkarate auf keinen Fall! Wer wirklich möchte, kann und wird es lernen.

Meine Geister, besser gesagt meine beiden Elfen, rufen nun nach mir. Bekanntlich darf man solche entzückenden Wesen auf keinen Fall warten lassen, sonst wird ihre „Rache“ ganz fürchterlich sein. Außerdem muss ich meine neue Rolle als Mama Yumi genießen, das könnt ihr doch bestimmt verstehen.

 

 

Starke Frauen: Rika Usami und Kiyou Shimizu

Freundinnen, die seit Jahren meinen Blog verfolgen, haben mir zum 5. Dan gratuliert. Leider konnte ich bisher keine dazu bewegen, auch einen Kommentar zu schreiben. Haben die etwa Angst?

„Ich erstelle mir doch keinen Blog!“, ist der einhellige Tenor, „es reicht doch, wenn ich dir eine Mail / SMS schicke!“ Das sehe ich natürlich anders und drohe scherzhaft Konsequenzen an. Aber die Mädels fühlen sich sicher, schließlich lebe ich weit entfernt.

Linda, mit der ich lange in Stuttgart Kurse gab, erinnert mich in einem Telefongespräch an zwei Videos, die ich schon lange mit meinen LeserInnen teilen wollte. Die beiden Filme zeigen die Japanerinnen Rika Usami und Kiyou Shimizu, die eine Kata in Reinkultur vorführen.

Eine Kata im Karate ist eine Übungsform, die aus stilisierten Kämpfen besteht, welche jedoch im Karate meist gegen imaginäre Gegner geführt werden. Ich kenne viele davon und kann sie auch gut laufen. Aber gegen die beiden Mädels aus dem Video, hat auch eine Mayumi keine Chance. Schon sehe ich Unverständnis auf den Gesichtern meiner LeserInnen und höre die Frage „Warum ist das so?“

Die Antwort ist einfach, Kata zu laufen ist für die beiden ein Beruf. Während ich mich auf reine Kampfkunst und Selbstverteidigung konzentriere, die Kata nur als Pflicht im Training zeige, ist sie für diese beiden die Kür.

Wer sich nun vielleicht die Frage stellt, ob ich die beiden bei einem Zweikampf – Kumite – schlagen könnte, der hat Karate noch immer nicht verstanden. Sportkarate hat Regeln, ich lehre pure Selbstverteidigung.

Ich bin stolz auf die Leistungen der beiden jungen Frauen, die fast wie Schwestern wirken. Niemand präsentiert eine Kata besser als sie. Das erste Video zeigt Rika Usami, die 2013 ihre Goldmedaille gewann und danach (fast!) Tränen zeigte. Dieser emotionale Ausbruch, hat ihr damals die Herzen zufliegen lassen.

Auch das Herz einer Kiyou Shimizu, die nun ihre Nachfolgerin ist. “I wish that my Kata will impress many people“, hat sie vor einigen Jahren in einem Interview gesagt. Und dann ist ihre Zeit angebrochen, nachdem Rika ihren Rücktritt erklärte. Nun ist sie die Königin.

 

Über Lindas Frage „Bist du bei den Spielen in Japan dabei?“ musste ich schmunzeln. Selbstverständlich werde ich dann in Japan sein und mir so viel wie möglich von Olympia und seinen starken Frauen ansehen.

 

Damals in Japan – Teil 4: Olympia

Karate wird olympisch! Zumindest einmalig bei den Spielen 2020. Das klingt nun wie ein großer Sieg und jeder wird glauben, dass maßgeblich Japaner dafür verantwortlich sind. Aber in Japan gab es niemals das große Interesse an olympischem Karate.

Wer meine Artikel über Karate gelesen hat, wird die Gründe vielleicht ahnen. Tradition und Moderne kommen sich ins Gehege. Auch ich bin zwiegespalten, als ich mit meinem Vater nach Tokio fliege. Wir haben das Angebot Jugendliche für Olympia zu trainieren zwar überraschend erhalten, aber mein Vater ist kein Unbekannter und sein Wort hat deutliches Gewicht.

Er hat meine Artikel gelesen und sich lobend geäußert. Aber er glaubt nicht daran, dass alle LeserInnen sie verstanden haben. „Es ist sehr schwer einem Europäer das Wort Kampfkunst richtig zu vermitteln“, sagt er. „Sie glauben Karate sei nur ein Spiel, eine Show.“ Und da hat mein Vater recht.

Worte wie „nutzloser Kram“ und „überholte Techniken“, begleiten dieses pure Unverständnis gern. Bis die Maulhelden am Boden liegen. Dann haben sie die Lektion gelernt.

Zurück auf dem Boden der Tatsachen erwartet uns ein Gremium älterer Herren. Höflichkeiten werden ausgetauscht, es folgen die üblichen Floskeln bevor es zur Sache geht.

Vielleicht noch ein Wort zu Karate, das in meinen anderen Artikeln fehlte. In Japan betreiben hauptsächlich Kinder und Jugendliche Karate. Natürlich auch Studenten, die nach dem Studium oft damit für viele Jahre aufhören müssen. Der Grund sind die Arbeitszeiten Japans. Die Firma geht über alles.

Natürlich gibt es auch normale Bürger, die ihren Sport betreiben und das oft schon sehr früh vor der Arbeit machen. Aber der Prozentsatz ist deutlich geringer, als in Deutschland. Dafür gibt es in Japan viele SeniorInnen, die wieder damit beginnen.

Ich für meinen Teil würde mir wünschen, dass Karate Nationalsport wird und jeder Japaner darin unterrichtet wird. Nicht um zu kämpfen, es geht dabei vielmehr um Tradition, um die Rückbesinnung auf alte Werte und um Gesundheit. Vielleicht primär um genau die.

Kumite, der Zweikampf, steht auch auf dem olympischen Programm, das die Offiziellen zeigen. Sie erwarten Unterricht in Sportkarate und den lehnt mein Vater schon immer ab. Zwar hat er mich vor Jahren für Wettkämpfe trainiert, aber das war die Ausnahme pur.

Aber er ist klug genug nicht sofort abzulehnen. Schon vor der Reise, haben wir über eine mögliche Rückkehr nach Japan gesprochen. Und der Trainerposten wäre die ideale Grundlage dafür. Primär für mich. Mein Vater hat keine Probleme sofort wieder heimisch zu werden. Aber will ich nur die Assistentin meines Vaters sein?

So sehr ich ihn auch liebe, ich habe meinen eigenen Kopf. Mein Karate ist an die Neuzeit angepasst, ohne dabei den Blick auf die alten Formen zu verlieren. Was bedeutet, dass ich meinen Weg bei den Frauen sehe und sie Selbstverteidigung lehren möchte. Für mehr Selbstbewusstsein und Durchsetzungsvermögen im Leben. Auch gegen Mann.

Das Angebot ehrt uns. Mein Vater ist stolz mich an seiner Seite zu wissen. Aber das können nur ich und meine Mama sehen. Die einer Rückkehr nicht im Wege stehen wird. Aber wir haben uns noch nicht entschieden. Was auch mit einem Besuch im Waisenhaus zu tun hat, der noch keine Früchte trug.

Wir wollen nicht irgendein Kind aussuchen, das Kind muss uns finden. Wie, darüber werde ich dann vielleicht berichten. Aber nicht mehr heute oder morgen. Und eigentlich ist das absolut privat.

Ich bedanke mich an dieser Stelle für das Interesse an meinen Artikeln, die diesmal anders als sonst ausfallen. Distanzierter vielleicht. Es fällt mir schwer jene Distanz zu überwinden, die sich zu Deutschland aufgebaut hat. Mehr darüber beim nächsten Mal.

Warum Karate nicht bei Olympia ist

Seit einigen Jahren liegt mir ein Thema am Herz, das in der Sportwelt höchst umstritten ist. Karate soll olympischer Sport werden, das ist das erklärte Ziel. Und darüber streiten mein Vater und ich. Antonio Espinos, der Präsident des Weltverbandes kämpft seit Jahren für dieses Ziel. Leider auch gegen Traditionalisten, wie meinen Vater.

Nun haben mein Vater und ich nicht wirklich Streit, wir sind nur anderer Meinung. In der Öffentlichkeit wird kaum Notiz vom Bestreben der Karateka genommen, die sich selbst nicht einig sind. Und ich werde auch erklären warum.

Klassisches Karate ist kein Wettkampf Sport. Klassisches Karate ist Kunst, Philosophie und reine Selbstverteidigung. Ich behaupte an dieser Stelle, dass die wenigsten Menschen jemals echtes Karate gesehen haben. Bei der WM in Bremen gab es Sport-Karate zu sehen. So, wie es auch Sport-Judo gibt. Und Sport-Taekwon-Do. Mit der wahren Kunst hat das wenig zu tun.

Aber was genau ist echtes Karate, was macht die Unterschiede aus? Im Sport geht es um Punkte. Der Punktbeste gewinnt. Selbst im Vollkontakt-Karate oder MMA gibt es Regeln. Die gibt es im Karate nicht. Ein Schlag, ein Tritt, der Gegner liegt. Und richig geschlagen steht er niemals wieder auf.

Aber Karateka werden das nicht machen. Nur in allerhöchster Not. Karate ist ein Lebensstil, Karate ist pure Disziplin. Kämpfen lernen, um nicht kämpfen zu müssen. Aber jeder Mensch geht seinen eigenen Weg. Genau an dieser Stelle scheiden sich dann auch die Geister. Tradition steht gegen Fortschritt.

Ich kenne beide Seiten. Im Olymppischen Kommitee ist man seit Jahren zwigespalten. Sport-Karate wirkt oft wenig attraktiv. Das daraus abgeleitete Kickboxen ist moderner, aber alles andere als Kunst. Ein Dilemma, wie man schnell erkennt. Wer will schon prügelnde Kickboxer bei Olympia sehen.

Ich bin dafür Sport-Karate zu Olympia zu bringen. Dann aber mit anderen Regeln, als sie bisher üblich sind. Und genau davor hat man beim IOC auch Angst. Was die Welt oft vergisst, auch im Judo gibt es Tritte. Nur werden die im Wettkampf nie gezeigt. So gibt es auch im Karate Hebel und Würfe, die dem Judo und Jiu-Jitsu sehr ähnlich sind.

Karate könnte also Judo die Show stehlen. Und Sport-Taekwon-Do ist ohnehin ein schlechter Witz. Nur auf Kicks zu setzen kann niemals funktionieren. Aber den Menschen gefällt das, also bleibt man auch dabei. Die Karate-Stile sind anders. Und sie unterscheiden sich auch stark.

In Deutschland ist das Shotokan-Karate weit verbreitet, aber Goyu-Ryu holt stark auf. Shotokan setzt viel zu sehr auf Kraft und das ist niemals gut. Für Männer mag das funktionieren, aber Frauen haben deutlich weniger Körpergewicht. Goyu-Ryu ist hart und weich. Wir müssen keinen Kick zum Kopf zeigen, der Gegner fällt auch so.

Aus meinen Worten mögen aufmerksame LeserInnen erkennen, wo ein weiteres Problem beim Karate ist. Es gibt kein einheitliches Karate! Außerhalb von Prüfungen, ist mein Stil ein richtig bunter Mix. Munter vermische ich Tai Chi, Hung Gar, Wing Chun (chinesiche Stile), mit Krav Maga (Israel), Karate und Aikido. Aber alles instinktiv.

Dieser Mix zeigt meine Meinung zu olympischem Karate. Ich stehe für Fortschritt und wahre trotzdem die Tradition. Und damit das so bleibt muss ich nun zu meiner Elfe und sie traditionell bekochen. Oder sie mich. Das diskutieren wir ganz fortschrittlich aus.

Ringe, Macht und Winterspiele

Es ist Sonntagabend. Der Film ist zu Ende und nachdenklich spiele ich mit meinem Ehering.
Yuki schaut mich fragend an.
„Was ist denn?“, will sie wissen.
Wir haben „Der Herr der Ringe geschaut. Und wieder hat uns dieses Meisterwerk verzaubert.
„Ist es nicht seltsam, dass immer wieder Ringe ein Symbol von Macht und Stärke sind?“, frage ich. „Momentan ist doch auch wieder die Ringzeit angebrochen. Aber nicht die der Neun und auch nicht die der Drei. Fünf farbige Ringe beherrschen  die Welt.“
„Ja, stimmt“, erwidert Yuki. „Und das finde ich super. Auch, wenn die Olympischen Spiele einen homophoben Schatten haben.“
„Leider“, stimme ich ihr zu.
Die Medien waren voll von Russlands Anti-Homo-Politik. Und die kann und soll niemand gut heißen.

Einen Tag später haben wir Grund zum Jubel, Maria Höfl-Riesch holt Olympiagold.
Ich bin keine Freundin russischer Politik. Aber für Yuki und mich steht der Sport im Vordergrund. Und der ist richtig gut! Unsere Freundinnen und wir selbst sind regelrecht aus dem Häuschen, wenn wir uns die deutsche Goldbilanz anschauen. Aber wirklich begeistert, hat uns wieder einen Tag später, der Goldsprung von Carina Vogt. Da kommt diese fast unbekannte Springerin und fliegt allen anderen einfach davon. Und das ist für uns die wahre Sensation. Eine absolute Meisterleistung von Frau.
Vielleicht werden sich manche LeserInnen etwas wundern. Zwei in Japan geborene Mädels jubeln für Deutschland und nicht für die favorisierte Japanerin Sara Takanashi.
Aber wo ist das Problem?
Wir sind Deutsche, daran führt kein Weg vorbei. Wir werden keine japanische Flagge aus dem Schrank holen. Und Sara Takanashi kennen wir nicht.

„Vielleicht trägt Carina auch einen Ring der Macht“, scherze ich, während mir die Tränen in den Augen stehen.
Yuki lacht und wischt sich übers Gesicht.
„Ich dachte den hast du“, sagt sie frech. „Immerhin hast du mich doch verhext.“
„Überhaupt nicht wahr!“, protestiere ich. „Du und nur du allein hast doch deinen Zauber spielen lassen. Vermutlich bist du die in Japan wiedergeborene Galadriel.“
„Nee, ist klar“, sagt Yuki und fasst mir an die Stirn.
„Fieber, ich wusste es. Los, ab ins Bett!“
Diesmal werfe ich ein Kissen nach ihr.