Ich geb Gas – Ich will Spaß (Teil 2)

Es ist richtig kalt in Obergoms! Minus 15 Grad verschlagen uns den Atem. Der Golf steht verloren zwischen protzigen Allrad-SUV und fällt trotzdem sofort auf.
„Kann man den schon kaufen?“, spricht uns ein dick vermummter Mann an.
„Weiß ich nicht“, erwidere ich wahrheitsgemäß. Das ist kein Serienwagen.“
Ein Lächeln erscheint auf dem Gesicht des Mannes, eisgraue Haare schauen unter der Mütze hervor.
„Ich hatte vor vielen Jahren einen GTI“, erzählt er uns. „Einen Golf 1 mit 110 PS! Das war 1976, ich glaube da waren Sie noch nicht auf der Welt.“
Das Eis ist gebrochen, der Mann ist keine Gefahr. Er ist schon 75 Jahre alt, wie ich später erfahre und doch noch voller Lebenslust. Aber auf uns steht er nicht.
Er wohnt wie wir im gleichen Hotel und lädt uns auf eine heiße Schokolade ein.
Ich tausche einen Blick mit Yuki. Als sie nickt nehme ich an.
Wir checken zuerst ein und bringen unsere Taschen aufs Zimmer.
Im hoteleigenen Café wartet der Mann auf uns. Neben ihm sitzt eine ältere Frau. Wasserblaue Augen schauen uns neugierig an. Die Frau muss früher wunderschön gewesen sein. Und selbst mit ihren 71 Jahren sieht sie noch immer sehr gut aus. Angelika heißt sie und hat ihrem Mann vier Kinder geboren. Eigentlich ist sie Juristin, aber hat den Beruf nie ausgeübt.
„Werner hat mich von der Universität weg geheiratet“, erzählt sie schmunzelnd. „Damals war ich mit unserem ersten Sohn schwanger.“

Wir unterhalten uns eine Weile. Yuki und ich fühlen uns bei dem Ehepaar wohl. Sie strahlen Ruhe aus, blicken auf ein langes, erfülltes Leben zurück. Werner ist ein Unternehmer aus Hamburg und auch in seinem Alter noch im Geschäft. Adelig. Eigentlich heißt er Werner Graf von … Nein, ich nenne den richtigen Namen nicht. Und Werner ist auch von mir geändert.
Stolz zeigt er uns durchs Fenster seinen Porsche Cayenne.
„550 PS, 283 km/h Spitze. Firmenwagen versteht sich.“
Er zwinkert uns verschwörerisch zu und seine Frau schüttelt den Kopf
„Passen Sie nur auf“, sagt sie. „Sonst erzählt er wieder stundenlang.“
„Ich mag Autos gern“, sage ich. „Privat fahren wir einen normalen Toyota. Aber wer will schon immer nur vernünftig sein?“
„Richtig!“, ruft Werner begeistert und nippt an der heißen Schokolade.
Das Ehepaar ist überraschend normal und aufgeschlossen. Vor allem geistig jung geblieben. Die Zeit vergeht wie im Flug.
Angelika und Yuki sprechen über Kinder, Haushalt und Zukunftspläne.
Ich erzähle Werner von dem Boliden. Ihm kann ich den Namen des Modells nennen, hier im Blog darf ich das nicht. Seine Augen leuchten, als ich die 320 km/h Spitze erwähne.
Dann winkt er ab.
„Ich kann nur noch SUV fahren“, erklärt er mir. Meine Bandscheiben mögen die tiefen Sitze in Sportwagen nicht. Und meine Frau findet den Cayenne auch viel besser.“
Agelika legt ihre Hand auf seine.
„Wie lange sind Sie schon verheiratet?“, will ich wissen.
„Im Sommer werden es 45 Jahre“, sagt Werner stolz.
Er drückt die Hand seiner Frau.
„Im Gegensatz zu den meisten Männern vergesse ich so etwas nicht.“
Plötzlich greift er zum Autoschlüssel.
„Haben Sie Lust den Cayenne zu fahren?“, will er wissen und steht auf. „Kommen Sie, wir drehen eine Runde.“
Yuki nickt mir zu. „Geh nur“, sagt sie leise.

Im Cayenne fühle ich mich sofort an den Boliden erinnert. Kein Wunder, unter der Motorhaube werkelt der gleiche Motor. Aber mehr verrate ich nicht. Im Vergleich zum Porsche ist selbst der Golf R ein Witz. Nicht nur preislich. Den Golf haben sie bei 250 km/h abgeregelt. Aus Gründen der Vernunft.
Graf Werner muss darüber lachen, während  wir durch die winterlichen Straßen fahren.
„Die Sperre kann man entfernen“, lässt er mich wissen. „Das ist kein Problem. Aber VW darf Porsche keine Konkurrenz machen. Kann ja nicht sein, dass der R den S schlägt. Aber die 300 PS reichen bestimmt für 280 km/h.“
Wieder zwinkert er mir verschwörerisch zu. „Wollen Sie es versuchen? Ich zahle den Umbau, eine Werkstatt findet sich bestimmt.“
Ich muss ablehnen. Aus Gründen der Vernunft. Leider.

Der Cayenne fährt sich angenehm und viel entspannter als der Golf. Kraft im Überfluss, Selbstbewusstsein pur. Und dieser nur als martialisch zu bezeichnende Motorklang lässt mein Herz vor Freude hüpfen. 550 PS gelenkt von einer Mayumi-Stärke. Das hat einfach was, das ist stark. Ich fahre zum Hotel zurück und spüre den Wunsch des Grafen. Ausgesprochen hat er ihn nicht. Aber ich kann in seinem Gesicht lesen. Kein Problem, auch der Golf soll nun geadelt werden. Vorsichtig steigt der Unternehmer ein.
„Sagen Sie es bloß nicht meiner Frau“, bittet er. „Sie ist immer so besorgt um mich.“
Wir drehen die gleiche Runde. Altes Herz wird wieder jung. Die Bandscheiben halten. Ich mag den alten Mann, er erinnert mich an meinen Vater. Meine Großeltern habe ich leider nie gekannt. Gas geben kann Graf Werner nicht, aber er hat trotzdem Spaß. Vernünftig sein ist für Spaßbremsen.

Im Hotel verabschieden wir uns, das Ehepaar wünscht uns einen schönen Aufenthalt.
Ich habe Graf Werners Visitenkarte.
„Melden Sie sich, wenn Sie mal in Hamburg sind“, hat er gesagt. „Das ist keine Floskel, ich meine was ich sage.“
Und ich glaube ihm.
Yuki erzählt mir von ihrem Gespräch mit Werners Frau.
„Sie hat nicht gewusst, dass wir zusammen sind. Aber es hat sie nicht gestört.“
„Mich stört es auch nicht, Elfchen“, sage ich und gebe ihr einen Kuss.
Wir verbummeln den Rest des Tages und gehen früh zu Bett. Lange vor Sonnenaufgang stehen wir auf und machen einen Spaziergang im Schnee. Vernunft ist anders. Aber davon berichte ich ein anderes Mal.

Fortsetzung folgt …