Mein Weg ohne Zweifel

Die Bemerkung einer anderen Bloggerin hat mich zu diesem Beitrag (an)getrieben. Sie schrieb mir als Antwort auf einen Kommentar, dass ich scheinbar immer alles richtig mache. Man könne meinen, in meinem Leben gehe es nur aufwärts und kein Wölkchen trübe meinen Himmel. Manchmal frage sie sich, wie das sein müsse. Und da sitze ich nun auf dem Sofa, mit Laptop richtig auf dem Bauch. In der Küche stapelt sich richtig viel Geschirr, Yuki singt im Bad. Falsch und zwar richtig. Zweifel an diesem Bild habe ich keine. Auch, wenn ich eigentlich richtig viel Hausarbeit machen müsste. Sollte. Könnte. Hausarbeit nicht nur um richtig den Besen zu schwingen. Auch für die Uni. Aber ich habe mich anders entschieden. Und das ist richtig so.

Vielleicht versteht meine mir hoffentlich noch immer gewogene Leserschaft, was ich mit diesen Zeilen sagen will. Nein? Nun gut, so lasst mich weiter ausholen und kurz zurück in die Vergangenheit eilen. Ursprünglich wollte ich Psychologie studieren. Das war mein Traum.  Als Alpha weiß ich immer, was richtig für mich ist. Also fing ich gegen jeden Rat damit an. Nach einem Semester war mir klar, dass ich mit Psychologie nie glücklich werde. Aber ich habe den Schritt nicht bereut sondern den nächsten Schritt gemacht. Hin zum sicheren Hafen BWL. Und wieder hatte ich keinerlei Zweifel. Ich zog es durch und zu meiner Freundin. Nach drei Jahren als Assistentin gab ich auf. Den Job. Nicht sie und nicht mich. Denn weder habe ich den Schritt bereut noch hege ich Zweifel am nächsten Schritt. Wieder weiß ich, was ich will. Warum soll ich an mir zweifeln?

Und genau diese Sichtweise versuche ich seit einer Weile mit meinem Blog zu vermitteln. Leider gelingt mir das nicht immer. In diesen Tagen werde ich bei WordPress mit düster-traurig-melancholischen Blogeinträgen überhäuft. Die Menschen baden in ihrem scheinbaren Leid. Und bei allem Verständnis: Damit kann ich nicht auf Dauer! Es fällt mir zunehmend schwer immer wieder aufmunternde Worte zu finden. Wobei ich diese nicht finde, sondern empfinde! Ich meine wirklich, was ich sage. Für mich sind Gläser NIE halb leer. Ein halbvolles Glas hat übrigens entscheidende Vorteile. Ich verschütte den Inhalt nicht und bin nach dem Genuss nicht übersättigt. Nehmen wir die scheinbar so düsteren Wolken am Sommerhimmel. Sie schützen mich vor der grellen Sonne, die sonst meine Haut verbrennt. Das Bild eines Sees im Morgennebel ist magisch für mich. Mir zeigt er den Eingang in eine andere Welt. Den meisten Menschen nur Tristesse. Und genau das verstehe ich nicht.

Menschen können sich oft nicht für einen Weg entscheiden. Egal, ob im Beruf oder der Liebe. Vor allem bei Gefühlen sind sie überfordert. Da wird gezweifelt und nachgedacht, abgewägt, gegengerechnet, die beste Freundin kontaktiert und endlose Diskussionen geführt. Und genau das ist „Bullshit!“, um es mit einem Lieblingswort von Doris Lessing zu sagen. Wenn ich etwas wollte, habe ich es mir genommen. Oder zumindest versucht es zu bekommen. Was sollten mir Selbstzweifel auch helfen? Mit 20 habe ich aufgehört Gürtelprüfungen im Karate und Aikido zu machen. Ich sah keinen Sinn mehr darin altbackene Übungen vor noch älteren Männern zu laufen. Auch mit Wettkämpfen habe ich von einem Tag auf den nächsten aufgehört. Bereut habe ich das nie. Ich habe die so gewonnene Zeit einfach sinnvoll genutzt.

Wie war das mit der Liebe, mögen sich nun vielleicht einige Leser fragen? Hat Mayumi je bereut? Eine kleine Anekdote aus meinen wilden Jahren: Ich war keine „Shane“ aus „The L-Word“, aber auch kein Kind von Traurigkeit. Es war mein erstes Semester auf der Uni. Ich hatte einige lockere Beziehungen zu anderen Mädchen. Nichts Ernstes. Wir sahen uns, wir gingen aus. Wir küssten uns. Und nein, wir schlugen uns nicht. Eines Tages besuchte ich eine Kommilitonin zu Hause. Wir wollten zusammen eine Referat erarbeiten. Ihre Mutter öffnete die Tür und es war mich um mich geschehen. Sie mochte Anfang bis Mitte 40 sein. Eine sehr attraktive Frau, deren Lächeln, deren Augen mich sofort faszinierten. Ich sah sie und wollte sie.

War ich nun wie gelähmt, schlug mein Herz bis zum Hals? Zumindest hat es mich nicht aufgehalten. Mein Lächeln war entwaffnender als das ihre. Und sie wurde rot. Um es kurz zu machen: Ich hatte eine kurze Affaire mit der Frau. Zweifel weil sie verheiratet und die Mutter einer Kommilitonin war, hatte ich nicht. Ich habe es nach einigen Wochen beendet. Ohne jeden Zweifel. Es war besser so.

Habe ich nun jemals Zweifel an meinem bisherigen Leben, meinem Weg? Hadere ich mit mir? Ich müsste lügen, wenn ich nicht über meine Entscheidungen nachdenken würde. Aber mit einem großen Unterschied. Solche Gedanken beschäftigen mich nie sehr lange, oder auf negative Weise. Jene Frau, die Mutter der Kommilitonin, habe ich ihr Herz gebrochen? Nein. Sie wollte es, ich wollte sie. Alles gut. Ich erinnere mich gern, aber ich verliere mich niemals in diesen Erinnerungen. Ein Blick zurück und dann wieder nach vorn. So soll es sein.

Manche Leute scheinen gern in ihrem Leid zu baden. Ich spreche nun nicht von Menschen, die eine wirkliche Krankheit haben. Die nämlich kennen ihr Problem und gehen meist tapfer dagegen an. Aber der Herbst, der oft trübe November, selbst die Medien tragen alle ihren Teil zur Missstimmug der Menschen bei. Bleibe ich unbeeinflusst vom November? Nein! Aber ich nutze diese Tage um zu schreiben, um nachzudenken. Aber mit einem Ziel. Treiben lasse ich mich nicht. Schwimmt kurz in der Melancholie, aber nutzt sie als Welle, die euch ans nächste Ufer spült. Das ist Teil meiner Philosophie.

Yuki singt immer noch richtig falsch. Das trübe Wetter ist ihr egal. Wir werden es später gemeinsam nutzen, um unsere Wohnung richtig auf Hochglanz zu bringen. Ganz ohne jeden Zweifel.

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Novemberblues

Es ist kälter geworden. Die Tage kürzer und grauer. Nebel liegt über dem Land. Die Menschen wirken bedrückt, viele sind melancholisch. Der Bus zum Düsseldofer Bahnhof ist überfüllt. Ich stehe die ganze Zeit. Niemand schenkt mir einen Blick. Graue Straßen huschen vorbei. Regen peitscht gegen blinde Fenster. Mir ist kalt.

Am Bahnhof treffe ich auf einen alten Mann. Er strahlt über das faltige Gesicht. Muntere Augen schauen voll Neugier. Ich lächle ihn an. Er nickt, freut sich.
Mein Zug hat natürlich Verspätung. Neugierig schaue ich mich um. Menschen am Bahnhof sind immer interessant.
Der Alte trägt einen Hund auf dem Arm. Struppig und grau wie sein Herr. Freundlich wedelt das Tier mit dem Schwanz.
„Darf ich ihn streicheln?“, frage ich den Mann.
„Nur zu“, sagt er. Er mag das sehr.“

Ich streiche über sein Köpfchen und der Hund leckt meine Hand. Es kitzelt und der Hund bellt freudig. Lacht er etwa über mich?
Schatten gleiten vorbei. Den Kopf gesenkt, die Augen leer.
„Was ist mit den Menschen passiert?“, will der Alte wissen. „Ist das Leben wirklich so schwer?“
Ich habe keine Antwort und schaue ihn nur an. Aber ich weiß was er meint.
„Vielleicht drücken die Sorgen des Alltags“, sage ich. „Vielleicht haben sie Liebeskummer.“
Der  Alte lacht. „Ist das ein Grund um zu verzweifeln? Schau mich an. Ich habe kein Zuhause. Und ich lebe schon so lange. Aber jeder neue Tag ist schön.“
Der kleine Hund bellt wieder. Wie ähnlich sich die Beiden sind.

„Sie leben also auf der Straße?“, will ich wissen. „Ist das nicht sehr schwer?“
Der Alte schüttelt den Kopf.
„Nein“, erwidert er. „Ich habe nie etwas anderes gekannt. Mein Leben ist eine einzige Reise. Und mein kleiner Freund hier kommt immer mit“
„Wie heißt er denn“, frage ich und kraule das Tier am Kinn.
Der Alte schmunzelt.
„Ich nenne ihn November. Wegen seines grauen Fells und seiner freuchten Nase.“
„Ich mag den November“, sage ich.  „Aber ich mag alle Jahreszeiten, das ganze Jahr.“

„Woher kommst du Kind?“, will der Alte wissen. Offenbar aus einem weit entfernten Land.“
„Aus Japan“, sage ich. „Ich bin dort geboren.“
„Und bist du nun auf dem Weg zurück?“
Ich muss lachen.
„Nein“, sage ich. „Ich habe meine Eltern besucht und bin nun auf dem Weg zu meiner Frau.“
Der Alte nickt.
„Ich glaube ich kenne sie“, murmelt er. Ist sie nicht auch Japanerin?“
„Sie kennen Yuki?“, will ich wissen. „Aber woher denn?“
Er deutet auf den Hund.
„Herr November kennt sie wenn ich ehrlich bin. Er ist ihr vor langer Zeit an ihrem Geburtstag begegnet.“
Ich will etwas sagen, aber eine Lautsprecherdurchsage lenkt mich kurz ab. Als ich mich wieder zu dem Alten umdrehe ist er weg.

Auf der Fahrt nach Stuttgart geht mir die Begegnung nicht aus dem Sinn.
Wer war der alte Mann?
Ich schließe die Augen, döse vor mich hin. Die Schatten im Abteil bleiben stumm.
Als ich erwache ist Yuki schon nahe. Nur Minuten später fliegt sie in meine Arme.
Auf dem Nachhauseweg erzähle ich ihr von dem alten Mann.
Sie schaut mich seltsam an.
„Wie sah er aus?“, will sie wissen. „Und was war das für ein Hund?“
Ich beschreibe das ungleiche graue Duo.
Yuki nickt.
„Ja“, sagt sie leise. „Ich kann mich erinnern. Aber das ist so lange her, es kann nicht der gleiche Mann sein. Und dann der Hund …“
Sie fasst nach meiner Hand.
„Es war im November vor zwanzig Jahren. An meinem siebten Geburtstag. Es gab ein großes Fest, all meine  Freunde waren da. Meine Eltern schenkten mir diesen kleinen Hund. Ich nannte ihn Shimotsuki.“
„Bitte was?“, pruste ich los. „Du kannst doch einen Hund nicht November nennen!“
„Wohl kann ich!“, protestiert Yuki. „Außerdem bist du doof! Shimotsuki heißt …“
„… Nebeling; Nebelmond; elfter Monat“, unterbreche ich sie. „Ich kann Japanisch, Maus. Und auf Deutsch heißt das …“
„… November“, vollendet Yuki. „Shimotsuki war mein erster Hund und lange Jahre mein treuer Freund. Er ist vor sechs Jahren an Altersschwäche gestorben. Ich habe ihn im Wald unter einem großen Baum beigesetzt. Damals habe ich diesen alten Mann getroffen. Ich dachte er sei vielleicht ein Bauer aus der Gegend. Er war sehr nett, hat mich getröstet.“
Ich erschauere leicht, fühle aber keine Angst. Mehr eine gewisse Ehrfurcht.
„Weißt du wie der Mann hieß“, will ich wissen. „Hat er dir seinen Namen genannt?“
Yuki überlegt nur kurz.
„Ja“, sagt sie. „Und das war ziemlich seltsam. Er nannte sich Hidoi Shimo.“
„Starker Frost? Bist du sicher?“
Yuki nickt.
„Das war vermutlich eine Anspielung, oder?“
„Ja“, sage ich nachdenklich, während erste Schneeflocken durch die Luft tanzen. „Vermutlich meinte er Väterchen Frost.“
Spontan gebe ich meiner Frau einen Kuss.
„Wollen wir nachher eine Schneefrau bauen?“
Yuki strahlt und ich schmelze.

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Diese Geschichte ist natürlich zum größten Teil erfunden. Sie basiert auf Erinnerungen von Yuki und mir, die ich miteinander verwoben habe. Den Hund gab es, die Fahrt(en) mit der Bahn auch. Ich möchte damit ein positives Signal für all jene Menschen setzen, die vom Novemberblues befallen sind.  Jeder Monat, jede Jahreszeit ist schön! Nutzt die grauen Tage zur Besinnung. Lest ein gutes Buch, esst Schokolade. Kuschelt mit euren Liebsten, oder geht einfach zu Fuß durch die Natur. Herr November wird es euch danken. Und wenn ihr Väterchen Frost begegnet, dann grüßt ihn schön. Er hat es verdient.