Wenn Frauen hassen

Wie versprochen und nur wenig literatisch aufgearbeitet, die Fortsetzung der „Akte Vanessa.“ Es gibt keine Moral, keine Anschuldigungen. Nur die Wahrheit. Und die tut oft weh. Wen sie nicht interessiert, oder wer zu zart besaitet ist, der darf genau hier aufhören zu lesen. Nur trägt das Leben keine rosa Brille. Das Leben ist hart und es ist anders. Und ich habe den Blick dafür.

Zu Fünft stehen die Männer vor Vanessa. Kalt mustert Bernd seine Frau.
„Die Schlüssel“, verlangt er. „Du kommst nicht mehr in mein Haus!“
„Halt mal die Bälle flach“, sagt Linda. „Wir nehmen mit, was Vanessa gehört. Und du gehst uns besser aus dem Weg.“
„Das wollen wir mal sehen!“, schreit Bernd und sein Gesicht wird rot. „Ihr Dreckslesben glaubt wohl, dass ihr euch alles erlauben könnt? Noch einen Ton und ich rufe die Polizei!“
„Nur zu“, ermutigt ihn Linda ungerührt. „Alternativ kann ich das auch gern für dich machen.“
Eins, zwei, Polizei. Drei, vier, Grenadier.

Vanessa hat noch knapp zwei Wochen bis zur Geburt, Yuki weicht nicht von ihrer Seite.
Ich analysiere die Lage. Fünf Männer stehen sieben Frauen gegenüber. Alle bis auf Vanessa sind Kampfsport erfahren.
Keine zweite Chance, kein Joker. Das gibt auf die Nase. Nur begreift das Bernd nicht sofort.
Vanessa wird von Ilka und Amelie beraten. Und die wälzen zur Zeit Bücher über Familien- und Scheidungsrecht.
In einer Frühmorgenaktion haben wir bereits vor Tagen das Haus durchsucht und Unterlagen gesichtet und kopiert.
Aber heute sollen es einige Möbel und Kleider sein. Die Zwillinge brauchen ihre Sachen.
Heimlich, still und leise.

Juristisch bewegen wir uns dabei in keiner abgesicherten Zone. Aber Vanessa blieb keine andere Wahl. Bernd hatte, nachdem sie den Kontakt verweigerte, das Konto für sie gesperrt. Das galt es anzufechten. Mit Erfolg. Trotzdem braucht Vanessa noch mehr Sachen. Nur blieb unser Besuch nicht unbemerkt. Offenbar haben Nachbarn Bernd verständigt, als unser Rollkommando vorgefahren ist. Und plötzlich standen fünf Männer im Haus. Und alle schauten grimmig.
Aber Hunde die bellen, die beißen nicht. Und einem bösen Hund gibt man gleich zwei Knochen. Oder einen Tritt.
Hunde, wollt ihr ewig leben?

„Bernd“, beginne ich, „lass uns bitte vernünftig sein. Du hast deine Frau betrogen und sie kann das nicht verzeihen. Niemand will dich bestehlen und sie wird auch nur die nötigsten Sachen …“
„Halt dein dummes Maul!“, herrscht Bernd mich an. Er spuckt und geifert, die Emotionen kochen. „Ihr Weiber seid doch schuld, dass meine eigene Frau mich nicht mehr fickt! Was soll ich denn machen, es mir durch die Rippen schwitzen?“
„Das wäre eine Möglichkeit“, erwidere ich sanft. „Deine schwangere Frau zu betrügen, ist das Allerletzte. Aber vermutlich hast du das immer schon gemacht.“
„Ja, na und?“, erwidert Bernd. „Ich hole mir nur das, was sie mir nicht gibt.“
Vanessa wird kreidebleich bei dem Geständnis. Tränen schießen in ihre Augen und Linda faucht. Im letzten Moment hindere ich sie daran auf Bernd loszugehen.
„Cool bleiben“, sage ich leise. „Den packen wir anders.“
Logik kommt vor Emotionen.

Plötzlich kippt die Stimmung und auch Bernd bricht in Tränen aus. Er sieht schlecht aus, übernächtigt.
In der Küche haben wir leere Bierflaschen gefunden. Auch eine Lösung. Aber nicht auf Dauer.
„Komm zu mir zurück“, fleht Bernd und macht einen Schritt auf Vanessa zu. „Ich mache es auch wieder gut. Ich liebe dich doch!“
Vanessa weicht zurück, ihre Tränen versiegen. Ein eisiger Blick trifft ihren Mann.
„Liebe? Du sprichst von Liebe?“, fragt sie und lacht verbittert. „Du liebst doch nur dich und dein Geld. Und ich war dein Vorzeigefrauchen, die dir Kinder schenken durfte. Aber ein Bringer im Bett, das warst du nicht! Da war jeder andere vor dir besser.“
Wenn Frauen hassen.

Die Worte treffen Bermd wie Kugeln und zerfetzen den letzten Rest von klarem Verstand.
Ich ahne was kommt, bin mit einem Satz bei Vanessa und hebele Bernd gekonnt aus.
Krachend lander er auf dem Sofa, meine Mädels machen Front. Aber seine Begleiter rühren sich nicht.
„Unten bleiben!“, herrsche ich Bernd an. „Noch so eine Aktion und du wirst richtige Schmerzen haben. Bis du eigentlich von allen guten Geistern verlassen? Glaubst du deine Frau zu schlagen löst euer Problem? Ihr müsst reden. Daran führt kein Weg vorbei. Aber Vanessa braucht Abstand, das sieht du bestimmt ein. Und die Kinder ihre Sachen. Du willst doch kaum, dass sie in Lumpen gehen.“
Deine Kinder, meine Kinder.

Bernd ist nur noch ein Häufchen Elend. Mindestens zwei seiner Freunde fühlen sich in ihrer Haut nicht wohl. Mit betretenen Gesichtern verlassen die Männer das Haus. Die Solidarität bröckelt. Ein dicker Typ will es dann doch genauer wissen.
„Was Sie hier machen ist illegal“, kräht er mit Fistelstimme. „Ich zeige Sie an! Alle!“
Mein herzliches Lachen verunsichert ihn.
„Und wie lautet die Anschuldigung?“, will ich wissen. „Soweit ich weiß gibt es keinen Ehevertrag, also ist Vanessa die Miteigentümerin dieses Hauses. Und in genau dieser Funktion hat sie uns eingeladen. Wir haben also weder Hausfriedensbruch begangen, noch Gewalt angewendet. Das eben gegen Bernd ist durch den Notwehrparagraph gedeckt. Notwehr ist die Verteidigung, die erforderlich ist, um einen gegenwärtigen rechtswidrigen Angriff von sich oder einem anderen abzuwenden“, zitiere ich.
Das Recht in meiner Hand.

Ein am Boden zerstörter Bernd samt schweigender Freunde, sieht unserem Abzug zu. Beladen mit Kleidern und den abgebauten Kinderbetten. Und allerlei Spielzeug.
Vanessas Eltern haben Platz im Haus, das Dachgeschoss war früher Vanessas erste Wohnung. Dort lebt sie mit den Zwillingen. Ihr altes Bett und Möbel sind noch dort.
Ich habe kein Mitleid mit Bernd, aber Hass ist fehl am Platz. Er bekommt nun das, was er verdient.
Vanessa hat unser aller Mitgefühl. Die Frauen kümmern sich rührend um sie. Von allen Seiten kommt Hilfe.
Solidarität unter Schwestern. So einfach kann Freundschaft sein.