Im Tal der Mitternacht

Ein Augenblick, ein Lächeln und schon ist es um Frau geschehen. So zumindest das Klischee. Aber das trifft wohl eher Mann. Frauen flirten anders. Besonders wenn sie lesbisch sind.

Ich bin 23 und auf Shopping Tour. Reduzierte Ware, halbe Preise. Ein Fest der Sinne.
Wie immer bin ich wenig fraulich gekleidet. Wo sollen auch all meine Sachen hin?
Ich liebe Cargohosen!
Bunte Socken wecken mein Interesse. Sie gehören einer Frau.
Shorts, T-Shirt, kein BH und Sommersprossen. Vor allem aber riecht sie gut.
Englische Worte, irischer Akzent. Sie ist mit einer Freundin da.
Der Trubel macht ihr zu schaffen.

Ich suche ihren Blick und schenke ihr ein Lachen.
„Das ist normal um diese Zeit“, sage ich zu ihr. „Düsseldorf pur.“
„Das haben wir auch in Irland“, sagt sie mir und schon sind wir im Gespräch.
Sie heißt Shaylee. Und das ist gälisch ausgesprochen fast ein Zungenbrecher.
Sie ist 20 Jahre jung und mit ihrer deutschen Cousine unterwegs.
Und die mag ich nicht.

„Ich spreche auch etwas deutsch“, sagt Shaylee betont langsam und freut sich über mein Lob.
Ihre Cousine erdolcht mich derweil mit Blicken. Das ist Eifersucht pur.
Shaylee freut sich mich zu treffen, eine andere Seite von Deutschland zu sehen.
Die Cousine stört den Frieden. An diesem Tag wird nichts geschehen.
Wir reden eine Weile. Ich mag Shaylee wiedersehen.
Genau das sage ich ihr auch und sie ist offen dafür.
Ahnt sie, was ich möchte?

Wir treffen uns zwei Tage später.
Wieder trägt sie bunte Socken und wieder keinen BH.
Wir bummeln durch den Sommertag. Lachen, haben Spaß.
Unsere Einkaufstaschen füllen sich, längst gehen wir Arm in Arm. Das fühlt sich super an.
Mein Gaydar hat mich nicht getäuscht, schon zwei Tage vorher nicht.
Shaylee ist lesbisch. Single wie ich.
Offen, anders, aber weniger selbstbewusst.

Shaylee studiert Medizin. Sie will Ärztin werden.
„Magst du mich untersuchen?“, frage ich frech und sie wird rot.
Ich zeige ihr mein Düsseldorf. Orte, die der Fremde so nie kennt.
Sie bringt mir etwas Gälisch bei und ich ihr japanische Worte.
Verständnis über Landesgrenzen.

Der Tag endet, wie er begann. Gemeinsam verbringen wir auch den Abend.
Shaylee mag sich nicht trennen und ich nehme sie mit nach Hause.
Meine Eltern sind das gewohnt, ich habe mein eigenes Leben.
Wir reden viel in dieser Nacht. Erst mein Kuss verschließt ihr die Lippen.
Der Sommer wird lang und heiß.

Shaylee bleibt von Juni bis September. Und diese Zeit verbringt sie mit mir.
Wir haben geflirtet uns geliebt und gelacht.
Von Sonnenaufgang bis ins Tal der Mitternacht.