Von mitleidlosen Japanern und gefühlskalten Deutschen

Geschichten über Japan werden meist von Westeuropäern verbreitet, die wenig von der asiatischen Seele verstehen. Geprägt von westlicher Kultur und christlichem Glauben maßen sich diese Japan-Kenner Verständnis an. Und liegen oft völlig daneben.

Immer wieder weise ich auf die großen Unterschiede hin, die zwischen Japan und Deutschland (Europa) bestehen. Und auch in China, oder Korea, ist das kaum anders. Am Beispiel „Mitleid“ möchte ich eine Sichtweise zeigen, die Westeuropäer so völlig anders sehen.

Angeblich zeigen Asiaten kaum Mitleid, wenn ihnen von Unfällen berichtet wird. Das Schicksal des Einzelnen scheint sie nicht zu interessieren. Und hier haben wir schon jenen Unterschied, den ich bereits angesprochen habe.

Die empathische Bindung gegenüber der eigenen Nation hat in Japan und ganz Asien oft einen höheren Stellenwert als im Westen. Anders ist die Opferbereitschaft der Helfer im Atomkraftwerk Fukushima kaum zu erklären. Die Helfer handelten zum Wohl der Nation. Und sind dafür gestorben.

Japaner zeigen wenig Gefühle, das gehört sich einfach nicht. Kawaisou – Du Armer!, wird in Japan ungern gesagt. Das Wort wird meist als arrogant empfunden. Und Japaner sind sehr empfindlich und auch sehr schnell verletzt. Um das zu vermeiden schweigen sie oft und zeigen das berühmte Lächeln, was oft als grausam und mitleidlos bezeichnet wird.

In Asien gibt es noch weitaus tiefere familiäre Bindungen, als es in Deutschland der Fall ist. Dort kümmert man sich um bedürftige Angehörige. In Deutschland kommen sie ins Altersheim. Und Besuch gibt’s einmal im Jahr. Wie war das mit dem Mitleid noch?

Als gefühlskalt und wenig empathisch werden Japaner gern bezeichnet. Dabei ist das genaue Gegenteil der Fall. Japaner empfinden Europäer oft als ebenso wenig empathisch. Zumindest bei Erstbegegnungen. Wie der Japaner denkt soll ein Beispiel zeigen, das meine Mutter mir erzählte.

Als junges Mädchen hatte sie einen Studentenjob und eines Tages fürchterliche Rückenschmerzen. Trotzdem ging sie pflichtbewusst zur Arbeit, bis die Schmerzen unerträglich wurden. Sie ging zum Chef, um sich für den Tag krank zu melden. Aber statt Verständnis zu zeigen reagierte der ungehalten.

Ihr Verhalten sei inakzeptabel bekam sie zu hören. Und sie solle mit ihrem Vater sprechen, der ihr korrektes Benehmen beibringen solle. Und wer nun ihre Arbeit machen solle, er habe sonst niemanden mehr. Sie bekam zwar frei, musste den Tag aber nacharbeiten. Unmenschlich, mitleidlos?

Auf den ersten Blick ist der Chef ein Monster, ein herzloser Kerl. Aber meine Mutter war am Vortag Schlittschuhe laufen und hat sich dort die Bandscheibe verrenkt. Das hatte sie in ihrer Naivität noch kommuniziert. Und deshalb war der Chef ungehalten. In Japan wird von Arbeitnehmern erwartet, dass sie an ihren freien Tagen auf ihre Gesundheit zum Wohl der Firma achten. Ist das falsch?

Zugegeben ist der Kerl für mich ein Arsch, das kann ich hier ganz deutlich sagen. Von mir hätte er den Mittelfinger bekommen und den verbalen Tritt ans Knie. Aber es geht um kulturelle Unterschiede. Und auch in Deutschland reagieren Chefs ungehalten, wenn sich der Prokurist in seiner Freizeit betrinkt und dabei die Finger bricht.

Das Bild vom mitleidlosen Japaner ist so falsch, wie das des Deutschen in Lederhosen. In beiden Fällen ist es ein dummes Klischee. Aber wer weiß, vielleicht wollten die Japaner nur kein Mitleid zeigen, wenn sie närrische Jodel-Bayern sehen.

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