Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Meine Zeit ist weg! Verschwunden, einfach so. Nein, ich spreche nicht von der gleichnamigen Zeitung. Gemeint ist die richtige Zeit.
Ich überlege, was passiert sein könnte. Habe ich sie vielleicht nur verlegt?
Hektisch düse ich durch die Wohnung. Im Badezimmer ist sie nicht. Da ist nur Yuki, die sich die Zähne putzt.
„Weißt du wo die Zeit geblieben ist?“, will ich wissen.
„Es ist doch erst 8 Uhr“, murmelt Yuki noch leicht verschlafen.
Ich gerate in leichte Panik. Da ich nie etwas verliere muss mir die Zeit gestohlen worden sein!
Die Kriminalistin in mir erwacnt. Zeugen sind wichtig. In meinem Fall wären das also Zeitzeugen. Aber die einzige Person weit und breit ist meine Frau. Und die hat jede Menge Zeit.
Ich flitze ins Wohnzimmer.
Das Sofa sticht mir ins Auge. Leider antwortet es auf keine meiner Fragen. Dabei bin ich mir ziemlich sicher, dass ich dort schon eine Menge Zeit verbracht habe.
Die Zeitumstellung im Oktober fällt mir ein. Ist sie die Diebin?
Ich denke kurz nach.
Nein, die Zeitumstellung war es nicht. Sie hat mir eine Stunde mehr Zeit gegeben. Ohnehin vermute ich den Täter im männlichen Bereich. Welche Frau würde es schon wagen mir Zeit zu stehlen? Das grenzt meine Suche zwar ein, macht sie aber nicht einfacher.
Gibt es da nicht dieses Buch von Michael Ende? Darin bringt das Mädchen Momo den Menschen die gestohlene Zeit zurück. Aber weder gibt es graue Herren in unserer Wohnung, noch rieche ich Zigarrenrauch. Und Zeit ist nicht unbedingt Geld. Das wüsste ich, sonst hätte ich mehr davon.
Mein Cousin Ken kommt mir in den Sinn. Aber Ken ist kein Dieb.
Hast er die Zeit vielleicht versehentlich nach Japan mitgenommen? Immerhin ist es in Japan schon fast Abend.
Spontan rufe ich ihn an. Er freut sich und fragt wie es uns geht. Nein, so reagiert kein Dieb.
Wir reden fast zwanzig Minuten dann lege ich auf. Ich weiß zwar nun von seinem neuen Projekt, aber mehr Zeit habe ich noch immer nicht.
Mein Gehirn arbeitet auf Hochtouren. Immer wieder geht das Wort Zeit durch meinen Kopf.
Da gibt es die Seite eines befreundeten Bloggers. „Es ist Zeit,“ prangt es dort in großen Lettern.
War er vielleicht der Täter?
Ich überfliege seine Beiträge und entdecke viele Kommentare von mir. Das ist immerhin ein erster Hinweis, dass ich dort Zeit verbracht habe. Aber der Dieb war er nicht.
Das Telefon klingelt.
„Immer wenn ich keine Zeit habe“, seufze ich und hebe ab.
Es ist eine alte Freundin von der Uni. Sie studiert jetzt Zeitbasierte Medien. Völlig begeistert erzählt sie mir davon. Als sie nach mehr als einer halben Stunde endlich auflegt brummt mir der Kopf. So wird das nichts mit meinen Recherchen. Ich verschwende nur Zeit und darf mich nicht länger ablenken lassen.
Yuki schwebt mit halbnassen Haaren vorbei und strahlt mich an.
„Was machst du?“, will sie wissen.
„Na ich suche immer noch nach der Zeit.“
Sie winkt ab und verschwindet im Schlafzimmer.
Ich brauche die Hilfe eines Profis, das wird mir nun klar. Detektiv Google fällt mir ein. Zusammen haben wir schon so manchen hoffnungslosen Fall gelöst.
Zeitverschiebung, Zeittunnel, Zeitliches Auflösungsvermögen und noch mehr lese ich. Dann wird der Bildschirm schwarz.
Erschrocken schaue ich auf den fast neuen Laptop. Hat er etwa das Zeitliche gesegnet? Das wäre fatal! Ich drücke alle Tasten. Nichts. Dann die Entwarnung, nur der Akku ist leer. Wird Zeit den wieder aufzuladen.
War das nun ein erster Hinweis?
Bewaffnet mit Netzstecker und einer Tasse Tee starte ich in die zweite Runde.
Eine Webseite zum Thema Zeitbewusstsein weckt mein Interesse. Ich erfahre, dass man unter Zeitbewusstsein das subjektive Erleben der Gegenwart als einheitliche Periode von Vergangenheit und Zukunft versteht. Es gründet sich auf drei Vergegenwärtigungen und zwar in Form von Erinnerungen, der Erfassung der gegenwärtigen Ereignisse und in Form von Vermutungen über die Zukunft. Es wird von Bewusstseinswachheit, Menge und Bewertung der Erlebnisinhalte beeinflusst. Abhängig von Interesse oder Langeweile wird Zeit als gerafft oder gedehnt wahrgenommen.
Mir fällt es wie Schuppen von den Augen. Langsam beginne ich zu verstehen, was mir passiert sein muss.
„Ich habe ein gestörtes Zeitbewusstsein!“, rufe ich Yuki zu.
„Was ist passiert?“, ruft sie zurück. „Wer ist gestört?“
Ich seufze und lese weiter, vergesse die Zeit.
Fertig angezogen steht Yuki irgendwann neben mir.
„Wieso sitzt du eigentlich noch auf dem Sofa?“, will sie wissen. „Schau mal auf die Uhr. Wir haben doch um 11 Uhr den Termin an der Uni! Es wird Zeit, dass wir losfahren! Also los beeil dich!“
Panik überkommt mich. Hat jemand etwas Zeit für mich?