Absolut Miami – Teil 4: Hitzig

Dakota hat uns ein Cabrio besorgt. „Supersonderpreis“, hat sie schmunzelnd gesagt, als wir das Auto mieten. Wobei mieten nur ein Gag von ihr ist. Wir müssen nur eine Kaution hinterlegen, die wir am Ende des Urlaubs zurück bekommen.

„Der Wagen läuft auf das Autohaus“, sagt Dakota. „Den kauft keiner. Ihr werdet schon sehen warum.“ Das Hellcat-Zeichen verrät das Biest. Der Dodge hat mehr als 700 PS! Yuki lacht silberhell, als der V8 in unseren Ohren dröhnt.

„Ich geb Gas, ich will Spaß!“, singe ich und trete aufs Gaspedal. Vier Frauen auf dem Weg in die Everglades. Mit diesem Wagen fällst du auf. Auch in den USA, dem Land der Superlativen. Was mehr Interesse weckt, das Auto oder wir, ist schwer zu sagen. Mannes Blicke (ver)folgen uns.

Wir fahren nach Naples und von dort in die Mangrovensümpfe. Ally hat eine Cousine dort, die ganz praktisch einen Airboat-Verleih betreibt. „Eigentlich gehört die Firma meinem Vater“, sagt Rose. „Aber der behauptet mittlerweile zu alt dafür zu sein.“

Wir treffen George, den Bruder von Allys Vater. Auch er war in der Army und hat es bis zum Colonel gebracht. „Die Familie meines Vaters stammt ursprünglich aus Florida“, hat Ally uns schon in Los Angeles erzählt. Aber ich finde Kalifornien besser. Es ist weniger tropisch dort.“

George lässt es sich dann doch nicht nehmen, den Erklärbär zu geben. Akribisch zählt er alle Details und Vorzüge eines Airboats auf. Als wir nach dem Preis für ein Mietboot fragen, ist er fast beleidigt. „Ihr seid natürlich eingeladen!“

Mit viel guter Laune, Baseballkappen und noch mehr Sonnencreme auf der Haut, fliegen wir durch die Everglades. Erschrocken flüchten zwei Alligatoren. Der Fahrtwind lässt die Schwüle milder wirken. Aber auch wenn Japanerinnen weniger schwitzen, unsere T-Shirts sind ziemlich feucht.

Yuki ist begeistert. Sie hat sich den Urlaub auch verdient. Die letzten Monate waren stressig. Viel mehr, als ich im Blog geschrieben habe. Aber hier und heute sind wir wenn überhaupt im Liebesstress, wie sie schelmisch flüstert. Das ist meine Elfe pur.

Gegen Abend sitzen wir im Kreis von Allys Familie. Rose, ihr Mann und zwei süße Kinder. Natürlich auch George mit Ehefrau. Wir haben zumindest Gastgeschenke besorgt, die gern angenommen werden. „Nach Japan wollte ich immer zurück“, schwärmt George, „um dort wieder die Tempel zu besuchen.“

Mit der US-Army war George ein Weltreisender. „Ich glaube ich war irgendwie schon überall. Aber meist in Korea. Dort habe ich sogar etwas Taekwon-Do gelernt!“ Er lacht, als er meinen Blick bemerkt. „Ja, ich weiß, das ist nur die koreanische Kopie von Karate.“

Auch Deutschland kennt er. „Aber ich war nur ein Jahr dort“, erzählt er. „Heidelberg, das kennst du bestimmt. Ich kann auch noch einige Worte.“ Er überlegt kurz. „Guten Tag. Ein Bier bitte!“ Prompt reicht ihm Ally eine Flasche, die er begeistert leert.

Der Abend dauert fast bis Mitternacht. Geschlafen wird in einem Motel. Und das wie immer gut. Am nächsten Morgen geht der Höllenritt weiter. Die Katze faucht und schnurrt die Meilen ab. Benzin ist zum Glück nicht wirklich teuer. Aber die Amerikaner müssen trotzdem meckern.

Es folgt noch eine Woche Erlebnisreise in denen sich unsere Freundschaft mit Ally und Heather vertieft. Selten haben ich Menschen getroffen, die so offen und herzlich sind. Leider können die beiden nicht länger bleiben. Urlaub gibt es wenig in den USA. Aber ihr Besuch in Deutschland ist für September geplant, das zumindest machen wir fest.

„Zu unserer Heirat kommt ihr aber!“, beschließt Ally beim Abschied. Und Heather bricht in Tränen aus. Wie immer, wenn das Thema angesprochen wird. Sie ist die Romantische und hat ein Herz aus Gold. Wir drücken sie fest und für einen Moment fühle ich Trauer. Müssen Abschiede wirklich sein?

Für Elfchen und mich geht es danach weiter. Wir klappern (fast!) alle Sehenswürdigkeiten ab. Das Training kommt etwas zu kurz. Aber diese Reise ist uns eine Auszeit wert. Das lockere amerikanische Leben hat uns fest im Griff. Und wir genießen jeden Tag in vollen Zügen.

Schnell(e) Entscheidungen zu treffen gehört zu meinem Leben. Yuki protestiert zwar immer, aber kommt dann lachend mit. Die Höllenkatze schnurrt uns nach Daytona. Dank eingebautem Radarwarner kein Problem. Dakota hat uns das augenzwinkernd erzählt. „Ich zahle doch keine Strafe!“

Das Wetter bleibt sonnig, unsere Haare wehen im Wind. Einmal Daytona selbst fahren bleibt leider ein Traum. Aber für 135 Dollar plus Steuern dürfen wir zumindest Beifahrerinnen sein. Nervenkitzel inklusive.

Florida, Miami hat viel zu bieten und selbst nach Monaten gibt es noch neue Dinge zu sehen. Wir aber haben nur zwei kurze Wochen. Schon jetzt steht fest, dass wir diese Stadt und die USA wiedersehen. Wir haben dort Freunde gewonnen und Spaß gehabt. So und nicht anders soll es sein.

Bewusst verzichte ich auf (m)einen kritischen Blick. Ich habe die Schattenseiten Amerikas gesehen. Aber hier und heute schalte ich mein Radar ab. Ich registriere, aber schweige meist. Damit Urlaub immer Urlaub bleibt.

Das war mein (etwas anderer) Reisebericht über Florida und Miami. Ich hoffe, dass er euch gefallen hat. Es gäbe noch mehr zu berichten. Aber zu den absoluten Exhibitionistinnen gehöre ich nun mal nicht.

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Absolut Miami – Teil 3: Pink

Miami hat die Farbe Pink für mich. Das war schon immer so und wird sich niemals ändern. Vielleicht ist daran ein gewisser Don Johnson schuld und die Kult Serie „Miami Vice.“ Vor einigen Jahren bekam ich die Serie auf DVD geschenkt. Interessante Musik, tolle Bilder und schnelle Wagen. Nur die Männer haben mich wenig interessiert.

Miami Beach am nächsten Tag verlangt nach sehr viel Sonnencreme und Schatten. Irgendwie ist ganz Florida dort. Wir toben durchs Meer, lachen und haben einen Riesenspaß. Und wir trinken literweise Wasser, das spurlos zu verschwinden scheint.

Wir fallen auf. Weniger wegen unserem asiatischen Look. Aber neun Frauen und drei Männer, dazu ein Gewirr von gleich drei Sprachen, scheint selbst für die USA besonders interessant zu sein. Als ich zum Spaß eine Kata laufe, bildet sich eine kleine Menschentraube.

Ich lächele nur, als Mann mir Avancen macht. „Ich bin schon vergeben“, sage ich und nehme Yuki an die Hand. Diskussion beendet, will noch wer irgendwas? Aber Amerikaner, das merke ich schnell, sind anders als deutsche Männer. Wesentlich höflicher zu Frauen und zum Teil schüchterner.

„Das war toll!“, lobt mich eine sehr schlanke, ältere Frau mit rosa Haaren. „Als ich jung war habe ich auch Karate gemacht.“ Sie stellt sich uns als Theodora vor und möchte, dass wir sie Dora nennen. „Und sagen Sie bloß nicht Mrs. Panagiotou!“

Dora ist als junge Frau in die USA gekommen. Aus Griechenland, wie sie stolz erzählt. „Ich habe Kickboxen schon vor 50 Jahren gemacht“, sagt sie. „Damals hieß das noch anders.“ Selbst heute trainiert Dora noch. Aber anders. „Senioren-Karate“, schmunzelt sie.

Als die Hitze unerträglich wird lädt uns Dora zu sich nach Hause ein. „Ich würde mich wirklich freuen!“, sagt sie. „In meinem Alter hat man wenig Besuch von jungen Leuten.“ Dora ist 68, topfit und genießt ihr Leben in den USA. Dakota und ihre Töchter haben keine Zeit. Aber Ally und Heather kommen mit.

„Mein Mann ist leider schon früh gestorben“, sagt Dora leise und bietet uns Eistee mit Früchten an. „Selbstgemacht! Versuchen Sie mal, ich hoffe dass er schmeckt.“ Wir sehen Bilder von Dora als junge Frau. Auf einem Seminar hat sie Chuck Norris getroffen. Und eine Menge andere Karate Champions ihrer Zeit.

„Im Training haben mich Männer oft belächelt“, lässt sie uns wissen. Das haben die aber immer sehr schnell bereut. Meine fehlende Kraft habe ich mit Schnelligkeit und Technik ausgeglichen. Bei einem Sparring habe ich sogar meinen Partner KO gekickt. Unabsichtlich!“, wie sie betont.

Dora weiß, dass wir alle lesbisch sind. Sie hat es sofort bemerkt und akzeptiert. „Ihre Frau …“, hat sie gleich mehrfach gesagt. Normalität, wie ich sie meine. So sollte das überall sein. Die Zeit vergeht im Flug und gegen Abend müssen wir weiter. Dora verabschiedet uns. „Vielen Dank für diesen schönen Nachmittag.“

Wieder fällt mir auf, wie einfach man in den USA Menschen kennenlernen kann. Der Kontakt mag oberflächlich wirken, aber wenigstens redet man hier. In manchen Teilen Deutschlands scheint die Steifheit zu regieren. Weiblein und Männlein starren. Geredet wird dann nie.

„Ich besuche Tante Dakota schon seit vielen Jahren“, erzählt uns Ally im Auto. „Sie hat mir damals bei meinem Coming Out geholfen. Ich habe immer wieder mit ihr telefoniert und als ich es meinen Eltern sagte, war sie mit dabei. Zum Glück gab es keine Probleme, das einzige Problem war meine Angst.“

„Bei mir war das schwieriger“, sagt Heather. „Ich hatte einen langen, harten Kampf. Meine Mutter ignoriert selbst heute noch, dass ich lesbisch bin. Wir reden kaum noch miteinander. Und das tut mir schon sehr weh.“

Kaum bei Tante Dakota angekommen gehen wir auch schon wieder aus. Dakota kennt ein wunderbares Restaurant in dem wir mexikanisch essen. Danach besuchen wir reinen Club, tanzen und machen die Nacht zum Tag. Irgendwann gegen Morgen fallen wir wie tot ins Bett.

Wieder träume ich und wie immer kann ich meinen Traum selbst bestimmen. Sonne, Meer und eine Regenbogenflagge bilden einen seltsamen Kontrast. Können wir wirklich hier leben, werden die USA unser neues Zuhause sein? Im Traum ist das wahr geworden. Und ein Traum zeigt oft die Realität.

Noch mehr reale Dinge gibt es in der nächsten Folge. Lest wieder mit wenn es erneut „Absolut Miami“ heißt.

Absolut Miami – Teil 2: Born in the USA

Die Fahrt nach Coral Gables verläuft ereignislos. Im Radio läuft „Born in the USA.“ Etwas müde, aber glücklich, sitzen wir im klimatisierten SUV. Miami zieht ohne Eindruck zu hinterlassen an uns vorbei. Unsere Augen sind offen, aber wir sind ziemlich ausgelaugt.

Wir werden herzlich aufgenommen. Dakota, die Schwester von Allys Vater, erwartet uns mit ihrer Frau Susan. „Herzlich willkommen“, sagt sie auf Deutsch und lacht, als ich sie dafür lobe. „That’s pretty much all I can say“, erklärt sie mir. „Thank you for having us“, erwidere ich. „Das ist wirklich lieb.“

Dakota muss früher eine bildhübsche Frau gewesen sein. Selbst heute, mit 54 Jahren, ist sie noch attraktiv. „Die blonden Haare sind gefärbt“, verrät sie uns und zwinkert. „Grau steht mir so schlecht.“ Susan lacht und nickt. Die Afro-Amerikanerin ist Friseurin und hat einen wunderbaren Kurzhaarschnitt.

„Wir sind seit mehr als 25 Jahren zusammen“, erzählt sie stolz. „Als ich diese Frau damals sah wusste ich, die oder keine!“ „Voll das Klischee“, stichelt Dakota und gibt ihrer Frau einen Kuss. „Ihr wollt doch alle blonde Frauen.“

Susan, das merken wir schnell, ist für jeden Spaß zu haben. „Rassistin!“, ruft sie und wir müssen alle lachen. „Schwarz zu sein und lesbisch macht dich zum doppelten Außenseiter“, sagt sie. „Die Zeiten waren nicht immer und überall rosig. Ihr lebt als Japanerinnen in Deutschland, wie ist das dort?“

Wir erzählen von Deutschland und Europa, die Unterschiede sind wirklich groß. Vor allem im LGBT-Bereich. Da ist Deutschland um Welten hinter den USA zurück. Ally und Heather schauen sich verliebt an, als wir von unserer Heirat sprechen. „Eingetragene Lebenspartnerschaft“, heißt das nur.

„Ihr könnt doch in den USA heiraten!“, schlägt Dakota vor. „Wir haben das endlich letzes Jahr gemacht, als das Verbot gefallen ist. Jetzt kann diese Süße mein Vermögen erben.“ Susan lacht schon wieder. „Die hat doch keinen Penny“, lästert sie und wird von ihrer Frau gezwickt. Liebe kann so einfach sein.

Dakota verkauft Autos. Ein eher ungewöhnlicher Beruf für Frauen, wie ihr Chef einst sagte. „Ich habe mehr Abschlüsse, als meine männlichen Kollegen“, sagt Dakota. „Die lügen zu viel. Ich verkaufe Autos mit Gefühl und versuche nie Kunden übers Ohr zu hauen. Wer zufrieden ist kommt wieder. Auch zur Inspektion.“

Ich zeige Bilder von meinem 370Z und sofort sind alle total begeistert. Auch von den über 600 PS des Wagens. „Der ist schneller, als der Serien GT-R“, sage ich. Aber das kann ich so gut wie niemals fahren.“ Die umgebauten Audi kommen ebenfalls gut an. „Den RS-6 kenne ich“, sagt Dakota.

Sie hat Ally ihren Dodge SUV geliehen. „Den fahren wir viel zu selten, ich habe einen Firmenwagen.“ Damit ist ein Porsche 911 gemeint, den ich schon bei der Ankunft bewundert habe. Schnelle Frauen braucht das (amerikanische) Land.

Die Zeit vergeht, wir trinken leckeren Tee und erzählen immer weiter. Unser Englisch kommt wie von selbst zurück. Irgendwann schläft Yuki in meinen Armen ein. Dakota springt auf und entschuldigt sich betroffen. „Die Zeitumstellung, um Himmels Willen, warum habt ihr nichts gesagt?“

Ohne eine Widerrede gelten zu lassen, packt sie uns ins Bett. An der Wand hängen Bilder ihrer Töchter. Sie ist die leibliche Mutter, Susan konnte keine Kinder bekommen. „Die drei kommen auch noch zu Besuch“, verrät sie uns. „Und jetzt schlaft ihr Süßen. Wir sehen uns morgen.“

6 Stunden Zeitunterschied sind einfacher zu verkraften, als die 9 Stunden von L.A. Aber die Müdigkeit trifft uns dann doch mit einem dicken Hammer. Wir schlafen im klimatisierten Zimmer. Und die Träume nehmen uns mit.

Am nächsten Tag weichen Ally und Heather keinen Schritt von unserer Seite. Aber sie gehören zu jenen Menschen, die das zu keinem unangenehmen Erlebnis machen. Noch in Deutschland habe ich Kontakt zu einem Karate Dojo in Miami aufgenommen. Geleitet wird es von einem Japaner, den ich Sensei Iwasaki nennen möchte und den wir Montags besuchen.

Sensei Iwasaki hat den 5. Dan und freut sich bekannte Laute zu hören. Seine SchülerInnen sind überwiegend weiße Amerikaner. Ich sehe viele Schwarze Gürtel, aber wenig Talent. Das hier sind fast alles Kickboxer. Richtiges Karate ist ihnen fremd.

Der Sensei scheint meine Gedanken zu lesen. Nach dem Training kommt er zu mir und entschuldigt sich. „Ich musste meinen Stil komplett ändern, wenn ich mit meinem Dojo überleben wollte“, sagt er traurig. „Hier in Amerika geht es immer nur um Kampf und Stärke.“

„Das ist leider auch in Deutschland so“, erzähle ich. „Auch ich unterrichte einen eigenen Stil, der mehr auf Selbstverteidigung ausgerichtet ist.“ Der Sensei zeigt sich interessiert an meinem Aiki-jūjutsu. „Ich lerne noch Brasilian Jiu-Jitsu“, verrät er mir. Ich nicke, auch dieser Sport ist gut.

Für unsere Begleiterinnen war das die allererste Karate Stunde. Immerhin sind sie einigermaßen fit und hatten Spaß. „Aber mir tun die Beine weh!“, stöhnt Heather. „Wollen wir noch an den Beach?“ Aber Allys Handy ruft uns zu ihrer Tante zurück. „Meine Cousinen sind da!“, freut sie sich.

Vor mir sitzen „Drei Engel von Dakota“, alle sehen wie Kopien ihrer Mutter aus. Und keine ist lesbisch. So viel zu homophoben Vorurteilen. Sie haben ihre Freunde mitgebracht, die mich angenehm überraschen. Kein dummer Spruch, kein Gestarre, einfach nur drei nette (große) Jungs.

Wir unterhalten uns prima, alle sind an unserem Leben interessiert. Oberflächlich sind nur die anderen. Diese Menschen haben eine gesunde Neugier bewahrt und das Interesse an fremden Ländern und deren Kultur.

Wie kulturell es weitergeht erfahren Interessierte im nächsten Artikel. Bis dahin sage ich danke fürs lesen.

Absolut Miami – Teil 1: Über den Wolken

Wir lernen die Menschen nicht kennen, wenn sie zu uns kommen. Wir müssen zu ihnen gehen, um zu erfahren, wie es mit ihnen steht. (Johann Wolfgang von Goethe)

Ich mag dieses Zitat und habe mich stets danach gerichtet. Witzigerweise habe ich so meine japanischen Landsleute in Japan kennengelernt. Als Kind versteht sich. Japaner in Deutschland sind etwas anders. Zumindest was meine Eltern und mich selbst betrifft. Ich habe noch nie einem Klischee entsprochen.

Wir sind einmal mehr auf der Reise. Yuki ist wie immer aufgeregt. Haben wir auch alles? „Double check it“, habe ich gesagt und Elfchen damit fast wahnsinnig gemacht. Aber sie freut sich total auf diesen Urlaub. Miami wir kommen, das wird Sonne pur!

Als das Flugzeug startet und der Schub uns in die Sitze drückt, fällt mir das Lied „Über den Wolken“ ein. Der Liedermacher Reinhard Mey hat es gesungen, als meine Eltern noch Teenager waren. Ich habe es erst vor einer Weile für mich entdeckt. Die Zeilen sind gut, der Sänger ist ein (angepasster) Poet.

Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Alle Ängste, alle Sorgen sagt man, blieben darunter verborgen. Und dann würde was uns groß und wichtig erscheint plötzlich nichtig und klein.

Die Gedanken der letzten Wochen fallen von mir ab. Ich lasse los, wie ich das immer auf einer Reise mache. Deutschlands Enge bleibt zurück, wir starten in einen neuen Morgen. Ursprünglich wollten wir schon vor einigen Wochen zum Dinah Shore Event nach Palm Springs fliegen. Aber Pläne ändern sich.

Dinah Shore ist das lesbische Event in den USA. Tausende von Mädels kommen um (sich) zu feiern. Da darf natürlich meine Biestigkeit nicht fehlen. Begleitet von (m)einer Elfe, das ist doch klar.

Der Flug ist lang, es gibt wenig zu berichten. Wir schauen Filme, lesen und dösen vor uns hin. Das Essen ist einigermaßen genießbar. Ich habe schon schlechteres erlebt. Aber Alkohol sollten man auf solchen Flügen doch verbieten. Er enthemmt Menschen und das macht wenig Sinn.

Ein untersetzter Mann  buhlt um meine Aufmerksamkeit. Er trinkt (zu viel) Wein und sucht immer wieder Blickkontakt. Ich schenke ihm ein eisiges Lächeln. Ob Mann je versteht?

Als er aufstehen will greife ich nach meinem Essbesteck und lasse das Messer durch die Finger wirbeln. Der Mann schluckt und hat es endlich kapiert. Yuki zwinkert mir zu und gibt mir auch ihr Messer in die Hand. Prompt habe ich doppelten Spaß. Botschaften können so einfach sein.

Das Messer blitzt, die Schweine schrein,
Man muß sie halt benutzen,
Denn jeder denkt: »Wozu das Schwein,
Wenn wir es nicht verputzen?«
(Wilhelm Busch)

Endlich in Miami angekommen passieren wir problemlos den Zoll. Überall sehen wir ernste, aber freundliche Gesichter. Einreise in die USA ist immer speziell. „Yumi, Yuki, hier …!“, erklingt eine bekannte Stimme. Freudestrahlend laufen Ally und Heather auf uns zu.

Unser Kontakt mit den California Girls ist nie abgerissen und ihr Besuch in Deutschland fest eingeplant. Als ich Ally von Reiseplänen nach Miami erzähle, hat sie uns spontan eingeladen. „Wir besuchen meine Tante Ende Mai“, schrieb sie mir. „Tante Dakota hat drei Töchter, aber die sind alle schon ausgezogen.“

Ganz unjapanisch lassen wir die Umarmungen zu. Wer mich kennt weiß, wie wenig ich das mag. Aber die beiden Mädels habe ich spontan ins Herz geschlossen. Und vielleicht wird daraus noch viel mehr.

Wer nun den Beginn einer Affäre mit Frauentausch wittert, den kann ich beruhigen. Gemeint ist ein – zeitlich begrenzter – Umzug nach Amerika. Vermutlich gegen Ende des Jahres, oder im Januar 2017. Mit oder ohne Blog werde ich dann sehen. 9 Stunden Zeitunterschied sind doch recht viel.

Urlaub in Miami zu machen ist anders, Urlaub in Miami ist wirklich „heiß!“ Außerhalb des Flughafens schlägt uns drückende Schwüle ins Gesicht und Elfchen ringt nach Atem. „Krass!“, sagt sie leise. „Das ist schlimmer als Japan hier!“

Noch mehr krasse Zeilen werden schon bald in eure Pupillen eilen. Fortsetzung folgt …