Heldinnen wie wir

„Sei die Heldin deines Lebens, nicht das Opfer“, hat die US-amerikanische Schriftstellerin und Bloggerin Nora Ephron einmal gesagt. Und damit hat sie recht. Viele Frauen leben quasi in der Deffensive, vertrauen auf Mann und warten ab. Worauf, das habe ich nie verstanden. Das Leben verteilt keine Geschenke und Wunder sind selten geworden.

Saskia war ein solches Frauchen, sie war unsere Schönheitskönigin. Die Barbie im rosa Kleid. Schon in jungen Jahren umgarnte sie die Jungs, die ihr scharenweise zu Füßen lagen. Ich gebs zu, auch ich mochte ihren Hintern, ihr durchaus süßes Gesicht. Weniger die giftigen Worte, die sie anderen Mädchen gern vor die Füße spie.

Saskias Eltern hatten Geld. Sogar eine ganze Menge davon. Wir nannten sie „Prinzessin S“ und lachten über sie. Sie revanchierte sich mit billigen Intrigen. Nein, so eine Freundin braucht Frau nicht. Und irgendwie konnte ich sie auch nicht wirklich riechen. Und das lag mit an ihrem teuren, aber doch aufdringlichen Parfüm.

Ihre schulischen Leistungen waren nicht besonders. Saskia war schön. Eine blonde Göttin. Aber eine Göttin ohne Verstand. Dumm im klassischen Sinn war sie nicht. Sie hatte zum lernen nur einfach keine Zeit. Tennis, Lover und Friseur. Schöne Frauen habens schwer.

Das Abitur hat sie irgendwie geschafft und danach tapfer BWL studiert. Allerdings nicht in Düsseldorf, dort hat sie den Numerus Clausus (NC) weit verfehlt. Aber mit reichen Eltern findet sich immer eine Uni, die selbst bei einem NC von 3,x freudig nickt.

Saskia war alles, aber keine Heldin. Sie war feige, arrogant und zu gut für unsere normale Welt. Aber sie war auch eine arme Person, die kein eigenes Leben hatte. Sie musste schön sein, sie musste anderen gefallen, das war ihr ganzes Lebensziel. Wie sie den Bachelor in BWL machte, ist mir bis heute nicht klar. Kann man Titel kaufen?

Ihr Leben verlief nach Schema F. Schön sein, Studium, Heirat, Kinder. Und natürlich die Firma ihrer Eltern erben, als diese vor einigen Jahren bei einem Unfall starben. Geleitet hat sie die aber nie. Das hat ihr Mann gemacht und sie nach Strich und Faden betrogen. Nicht nur mit anderen Frauen. Auch um ihr ganzes Geld.

Saskia blieb das Armenhaus erspart. Aber es geht ihr schon lange nicht mehr gut. Ich war heute in Düsseldorf und habe sie dort getroffen. Zufall, oder Schicksal? Wer vermag das zu sagen. Keine Spur von Arroganz, war bei ihr zu finden. Im Gegenteil freute sie sich mich und Yuki zu sehen.

Auch von Homophobie keine Spur. Das war keine Show, kein schlangenhaftes Spiel. Ich kann gut in Menschen lesen. Auch und vor allem in solch megaschönen Wesen. Saskia sieht noch immer sehr gut aus. Aber sie ist ein anderer Mensch. Zwei Kinder hat sie und ist geschieden. Die Firma insolvent.

Wir sitzen in einem Stra­ßen­ca­fé. Saskia trinkt Cappuccino, wir grünen Tee.
Saskia streicht sich eine Locke aus der Stirn. Ein bitterer Zug liegt um ihren Mund. Das macht sie älter, als sie wirklich ist.
Gezeichnet vom Leben. Sie hat alles verloren.

Genau das sagt sie uns, aber Mitleid will sie nicht. Es ist nur ihre Art Dinge zu sehen.
„Du hast deine Kinder und du hast dich“, versuche ich ihre Perspektive zu ändern. „Ihr habt euch. Ihr lebt und es geht euch gut.“
„Wir leben in einer kleinen Mietwohnung“, sagt Saskia leise. „Mein Elternhaus ist weg. Zwangsversteigert. Ich habe einen Offenbarungseid leisten müssen und kann froh sein nicht im Gefängnis zu sitzen. Mein Mann ist weg, lebt irgendwo in Südamerika. Die Scheidung war schon letztes Jahr. Und ich bin nur noch Tippse mit Halbtagsjob.“
Yuki schaut mich an. Sie hat verstanden wer hier vor uns sitzt.
„Du bist nicht das Opfer“, sage ich. „Du hast dich selbst dazu gemacht.
Saskia nickt. Es ist kaum zu glauben, aber Barbie gibt mir recht.

„Wie habt ihr mich immer genannt? Prinzessin S?“, fragt sie amüsiert. Galgenhumor der besonderen Art, das ist deutlich zu sehen.
„Das passte gut zu dir“, erwidere ich. „Wir nannten dich auch Prinzessin auf der Erbse.“
„Empfindlich, giftig und voll von falscher Moral“, sagt sie mir. „Ich weiß das alles. Jetzt. Damals war ich nur ein Mädchen. Heute bin ich ein Nichts.“
„Du bist nur dann ein Nichts, wenn du dich selbst dazu machst“, entgegne ich. „Wann stehst du endlich auf und nimmt dein Leben selbst in die Hand?“
„Wie denn?“, will sie von mir wissen. „Mit zwei Kindern, die ich kaum ernähren kann? Mit Offenbarungseid und Schulden?“
Sie winkt ab, als ich etwas sagen will.
„Ich hatte meine Chance“, fährt sie fort. „Aber ich habe mich immer auf andere verlassen. Auf meine Eltern, meinen Mann. Jetzt bin ich am Boden. Und mir fehlt einfach die Kraft aufzustehen. Du hast sie immer gehabt, Mayumi. Und dafür bewundere ich dich. Ehrlich.“

„Sei die Heldin deines Lebens, nicht das Opfer“, hat die US-amerikanische Schriftstellerin und Bloggerin Nora Ephron einmal gesagt. Und damit hat sie recht.
Das Gespräch mit Saskia hat mich an diese Worte erinnert. Helfen kann ich ihr leider nicht. Sie ist ihres eigenen Glückes Schmied, sie allein hält alle Fäden in der Hand. Aber sie muss auch daran ziehen, darf nicht die Marionette anderer sein.