Wenn die Nachbarschaft zur Hölle wird

Die lieben Nachbarn sind ein oft leidiges Thema in diesem Land. Überlaute Musik, wilde Partys, Möbelrücken sind nur einige Punkte deutscher Wirklichkeit. Vor einigen Jahren, ich wohnte noch in Düsseldorf bei meinen Eltern, rief mich eine gute Freundin an. Sie war völlig aufgelöst und mit den Nerven am Ende. Der Grund war ein jüngeres Ehepaar, das schon beim Einzug die Nacht zum Tag machte. Stundenlanges Poltern wechselte sich mit Hammer und Bohrgeräuschen und das bis spät in die Nacht. Das Ordnungsamt musste schließlich für Ruhe sorgen, ein Novum in diesem bisher so ruhigen Haus.

Tanja, meine Freundin, wohnte seit 2 Janren dort. Sie studierte Mathematik und tat sich äußerst schwer. Ich sah sie nicht sehr oft, meist brütete sie über ihren Büchern. In gewisser Hinsicht habe ich ein Helfersyndrom. Wobei ich das eher Kämpfersyndrom nenne. Ich setze mich ins Auto und fuhr zu ihrer Wohnung, die in einem durchaus noblen Düsseldorfer Viertel lag. Eigentumswohnungen, 8 Parteien. Nur 2 Wohnungen waren vermietet. Die meiner Freundin und eben jene des Ehepaars.

Meine Freundin sah bleich aus, übernächtigt.
„Das geht jetzt schon seit fast 2 Wochen so“, klagte sie ihr Leid. „Reden mit den Leuten bringt nichts, dem Vermieter ist es egal. Er will lediglich seine Miete, um den Rest soll sich die Hausgemeinschaft kümmern.“
Noch während wir sprachen, wummerte irgendwo im Haus eine Stereoanlange und Tanja zuckte erschrocken zusammen.
„Es geht schon wieder los“, seufzte sie und schaute auf die Uhr. „21 Uhr. Die treiben das jetzt wieder so lange, bis ich das Ordnungsamt anrufe.“
„Was ist denn mit der Polizei?“, wollte ich wissen. „Wieso rufst du die nicht und die kümmern sich darum?“
„Die kommen nicht“, sagte Tanja. „Das habe ich schon versucht.“
Verzweifelt schaute sie mich an.
„Ich habe am Mittwoch eine wichtige Klausur. Wenn ich die verhaue kann ich das Semester vergessen.“
„Was sind das denn für Typen?“, wollte ich von Tanja wissen. „Arbeiten die denn nicht?“
Sie lachte bitter.
„Arbeiten? Die schlafen bis Mittags, hat mir Frau Jankiewvicz gesagt. Angeblich bekommen die Hartz IV. Und hast du den dicken BMW vor der Tür gesehen? Der gehört diesem sauberen Paar!“
Ich hatte und auch eine Idee.
„Warte hier“, sagte ich. „Ich regele das jetzt. Aber du kommst danach mit zu mir. Keine Wiederrede. Ich kläre das mit meinen Eltern, du kannst bis zur Klausur im Gästezimmer schlafen. Und danach wird sowieso hier Ruhe sein.“
Tanja sah mich mit einer Mischung aus Angst und Ehrfurcht an. Ich wusste schon lange, dass sie mich bewunderte. Aber sie war hetero und ich mit einem anderen Mädchen liiert.
Ich marschierte also in den zweiten Stock und klingelte an der Tür. Die laute Musik setzte fast sofort aus. Dann öffnete eine dunkelhaarige Frau, bei der es mir fast den Atem verschlug. Nicht wegen dem Anblick. Die dicke Schminke, die schrillen Klamotten und Stöckelschuhe, waren nicht mein Ding. Es war die Wolke aus billigem Parfüm und Schweiß, die mir den Atem raubte. Sie quoll aus der Wohnung und zerfetzte meine Nase. Zumindest empfand ich das so.

„Jaaa?“, dehnte sie. „Was ist los?“
Eine Alkoholfahne wehte mir ins Gesicht.
Instinktiv wich ich einen Meter zurück, dann ertönte eine barsche Männerstimme.
Die Quelle des intensiven Geruchs trug lediglich Boxershorts und baute sich vor mir auf.
„Was willsten?“, herrschte er mich an. „Wir haben doch nur …“
„Ihr“, unterbrach ich ihn, „habt heute zum letzten Mal diesen Lärm verursacht. Meine Freundin hat eine wichtige Klausur zu schreiben und konnte wegen diesem Lärm nicht lernen.“
„Dann soll sie sich Kopfhörer anziehen“, erwiderte er feixend. „Und wer bist du überhaupt? Dich habe ich noch nie gesehen.“
Er musterte mich von Kopf bis Fuß und hielt sich leicht schwankend am Türrahmen fest.
„Komm wieder rein, Frank“, sagte seine Frau und wollte ihn in die Wohnung ziehen.
Unwirsch wehrte er ihre Hand ab.
„Halts Maul“, lallte er und wandte sich dann mir wieder zu. „Und du Tussi verziehst dich besser wieder. Sonst bekommst du Ärger mit mir.“
Ich musste lachen.
„Bist ein harter Mann, wie?“, ging ich auf seinen Tonfall ein. „Ein harter Mann, der gern Frauen schlägt.“
Er starrte mich an und in seinem Gesicht arbeitete es.
„Nicht, Frank. Bitte komm …“, flehte seine Frau. Aber diesmal schlug er ihr ins Gesicht.
Wenn ich eins nicht leiden kann, so ist das Gewalt gegen Frauen. Und das in jeglicher Form. Bevor der Mann überhaupt wusste, wie ihm geschah, hatte ich seinen Arm gepackt und ihn aus dem Gleichgewicht gebracht. Er landete auf dem Hosenboden und glotzte mich verständnislos an. Aikido in Reinform. Das kannte er nicht.
„Pass gut auf, was ich dir jetzt sage, harter Mann,“ sagte ich. „Wir haben zwei Möglichkeiten. Eine Strafanzeige bei der Polizei mit anschließender Unterschriftenaktion für den Vermieter. Dann seid ihr im Handumdrehen wieder draußen. Oder wir klären das auf der Stelle. Wie liegt an dir.“
„Dir haue ich aufs Maul du Tussi!“, brüllte er und kam wieder auf die Beine. „Was glaubst du, wer du bist“, fuhr er fort und holte aus. „Ich werde …“
Mein ansatzloser Tritt traf ihn in den Magen und raubte ihm die Luft. Ächzend ging er in die Knie.
„Was wirst du?“, fragte ich freundlich. „Mich schlagen? Ich warne dich hiermit! Mit deiner Frau kannst du das Spiel vielleicht machen, mit mir dagegen nicht.
Besagte Frau sand stocksteif neben ihm und starrte mich nur an.

Überraschend schnell kam der Pöbler wieder auf die Beine.
„Das bereuste!“, geiferte er. „Ich mach dich platt!“
Ich lächelte nur, als er wie ein wilder Stier auf mich zu stürmte. Ausweichen, Kraft umlenken, Armhebel waren eins. Er landete sehr unsanft mit dem Gesicht voran auf dem Boden, wo er stöhnend liegenblieb.
„Tja harter Mann“, spottete ich. „Bist offenbar doch nicht so hart. Der Boden ist härter. Gibst du jetzt Ruhe?“
„Bitte, wir wollen keinen Ärger“, sprach die Frau mich an. „Mein Mann hat seine Arbeit verloren. Die Firma ist in Konkurs gegangen. Seitdem trinkt er. Bitte, schlagen Sie ihn nicht. Er ist kein schlechter Kerl.“
„Nur er trinkt?“, wollte ich wissen? Aber sie sah nur zu Boden und antwortete nicht.
Ich trat zu ihr und nahm ihre Hand.
„Schauen Sie mich bitte an,“ sagte ich. „Schlägt er sie oft?“
Die Frau fing an zu weinen. Das war mir Antwort genug. Nun bin ich keine Sozialarbeiterin, aber anderen Menschen helfe ich gern.
„Sie sind nicht aus Düsseldorf?“, wollte ich wissen. Der Dialekt der Beiden klang nämlich völlig anders.
Sie verneinte.
„Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf“, fuhr ich fort, „dann gehen Sie zu einer Beratungsstelle, oder ins Frauenhaus. Dort bekommen Sie Schutz und Hilfe. Allein schaffen Sie das nicht. Glauben Sie mir bitte. Ich möchte Ihnen wirklich helfen.“
Sie biss sich auf die Lippen. Beschämt, ängstlich und doch hoffnungsvoll.
„Danke“, flüsterte sie. „Vielen Dank.“

„Komm hoch“, wandte ich mich weniger freundlich an den Mann. „Und benimm dich! Sonst wird es richtig bitter.“
Ächzend kam er auf die Beine, seine Nase blutete stark. Er wich vor mir zurück, sein Wille war gebrochen.
„Bringen Sie ihn rein“, forderte ich die Frau auf. „Und versorgen Sie ihn. Aber sorgen Sie bitte auch dafür, dass ab sofort Ruhe herrscht. Und nicht nur heute. Schaffen Sie das? Ich mag nicht wiederkommen müssen.“
Sie nickte schnell und nahm den Mann am Arm.
„Moment noch“, sagte ich und wandte mich an ihn.
„Haben Sie mich auch verstanden?“
Sein „Ja“ war kaum zu verstehen. Dann schloß sich die Wohnungstür.
Normalerweise bin ich nicht so aggressiv. Aber ich hatte instinktiv gespürt, dass Diskussionen hier fehl am Platz waren. Und wer mich kennt weiß, dass ich nicht mal Ernst gemacht habe an jenem Abend.

Wieder bei meiner Freundin angekommen schaute sie mich mit großen Augen an. Neben ihr stand eine kleine Reisetasche.
„Was hast du gemacht?“, fragte sie. „Du hast die Beiden doch nicht etws verpügelt?“
„Nein“, sagte ich wahrheitsgemäß. „Nur ihn. Er hat auch versprochen in Zukunft brav zu sein. Trotzdem kommst du bis zur Klausur mit zu mir nach Hause. Danach sollte das Problem im Haus gelöst sein. Ich glaube nicht, dass du noch mal Ärger mit den Leuten habwn wirst.“

Und genau so war es auch. Das Ehepaar zog überraschend schnell wieder aus und bemühte sich dabei keinen großen Lärm zu machen. Ob die Frau ins Frauenhaus ging weiß ich leider nicht. Auch nicht, was aus den Beiden wurde. Aber nicht alle Fälle haben eine Kampfsporterfahrene Freundin, oder gehen so glimpflich aus. Ich kann mich vermutlich glücklich schätzen, immer im Haus meiner Eltern gelebt zu haben. Die einzigen Geräusche machte ich selbst, wenn ich durch die Zimmer tobte. Eine höllische Nachbarschaft, die hatte ich noch nicht. Aber selbst wenn, ich trete auch einem Teufel in den Hintern.