Olympisches Karate: Gegen jede Regel

Olympisches Karate: Gegen jede Regel

Bereits vor einigen Wochen hatte ich damit begonnen diesen Beitrag zu schreiben, der aus privaten Gründen nur halb fertig geworden ist. Die Antwort auf einen Leserkommentar hat ihn schließlich möglich gemacht.

Stolz

Als Japanerin bin ich stolz darauf, dass wir wenigstens einmal Karate bei Olympia sehen konnten. Leider steht Karate 2024 nicht mehr im Programm. Der aus der Kampfkunst entstandene Sport, ist und bleibt ganz offensichtlich für ein Massenpublikum unattraktiv.

Vor einigen Jahren, als bekannt wurde dass Karate olympisch wird, war die Freude in Japan groß. Mein Vater hat sogar bei der Vorauswahl von Athleten mitgewirkt. Er hat das gegen seine Überzeugung, aber für Japan getan. Als Vertreter des traditionellen Karate, ist ihm der daraus entstandene Sport suspekt. Trotzdem hat er auch mich für Wettkämpfe trainiert.

Karate

Karate ist lediglich ein Oberbegriff für mehrere Stile, von denen der relativ junge Shōtōkan-Stil der weltweit bekannteste ist. Gefolgt allerdings von dem traditionsreichen Gōjū-Ryū. Die von manchen Shōtōkan-Anhängern propagierte Überlegenheit ihres Stils endet meist dort, wo alles seinen Anfang nahm, auf Okinawa. Die dortigen Meister sind und bleiben eine Klasse für sich. Das hat man mittlerweile auch wieder in Japan verstanden und besinnt wieder auf die alten Traditionen.

Es ist dieser scheinbare Widerspruch, der die Weiterentwicklung von Sportkarate blockiert. Als ehemalige Wettkämpferin wusste ich, wie unattraktiv Sportkarate bei Olympia aussehen kann. Meinen ersten Kampf habe ich als Teenager durch Disqualifikation verloren. Ich hatte die Regeln verletzt, als ich meine Gegnerin „illegal“ zu Boden brachte. Gōjū-Ryū kombiniert mit Daitō-ryū Aiki-jūjutsu Techniken, war leider nicht erlaubt.

Regeln!?

Aber genau diese starren Regeln sind es, die Karate quasi kastrieren. Zwei Sportler stehen sich lauernd gegenüber, keiner will die erste Bewegung machen. Die meisten hüpfen auf der Stelle, wirkliche Aktionen sind kaum zu sehen. Die Handschuhe tragen ebenfalls dazu bei, dass Techniken schwierig bis unmöglich sind.

Die angesprochene Unterbrechung des Kumite nach einem Treffer ist der Tradition geschuldet. Traditionelles Karate dient der Selbstverteidigung, ein Angreifer wird durch einen Konter außer Gefecht gesetzt. Für den Sport bedeutet das die Vergabe von Punkten. (M)Eine Idee um Sportkarate attraktiver zu machen, wären drei Runden ohne Unterbrechung bei Treffern. Analog zum Taekwondo oder Amateurboxen. Dann würde man mehr Dynamik sehen.

Falsche Bilder 

Eine weiteres Problem von Karate ist die vor allem im Westen falsche Sicht auf diese Kunst. Eine Mitschuld daran haben die „Chinafilme“, die in den 1970er Jahren gedreht worden sind. Hongkongs Filmindustrie hat die fernöstlichen Kampfkünste mit spektakulären Szenen auf die Leinwand gebracht, die Zuschauer haben das für bare Münze genommen.

Auch in Hollywood wurden ähnliche Filme gedreht, das Missverständnis nahm seinen Lauf. Das aus dem Karate entstandene Kickboxen, ist für Zuschauer wesentlich attraktiver. Ob es jemals seinen Weg nach Olympia findet, ist ungewisss.

The Winner takes it all

Mein Vater hatte mich bereits vor mehr als einem Jahr gefragt, ob ich bei den nationalen Ausscheidungen mitmachen möchte. Papa liebt solche Scherze. „Nee, Väterchen“, habe ich gesagt, „das wäre unfair den anderen Mädels gegenüber.“ Wer hinter meinen Worten Arroganz vermutet, hat keine Ahnung von japanischem Humor.

Zwar würde ich mir auch mit Mitte Dreißig eine Teilnahme zutrauen, was mir jedoch fehlt ist Wettkampferfahrung. Ich habe seit fast zwanzig Jahren auf keinem Turnier gekämpft. Andere im sportlichen Wettkampf zu besiegen, war mir nach einigen gewonnenen Kämpfen nicht mehr wichtig.

Die Enttäuschung

Nicht nur in Japan, weltweit ist bei vielen Karateka die Enttäuschung darüber zu spüren, dass Karate nun doch wieder aus dem Programm gestrichen worden ist. Aber die Sportler trifft keine Schuld. Sie haben alles gegeben, was innerhalb der Regeln möglich ist. In Japan selbst zählt oft nur der Sieg. Darauf werden die Sportler seit sie Kinder sind gedrillt.

Die Japan Times berichtet relativ neutral über Karate. Trotzdem glaube ich zumindest zwischen den Zeilen eine gewisse Enttäuschung zu lesen, wobei es aber um die wenigen Medaillen geht. Siege sind in Asien wichtiger, als die reine Teilnahme an einem großen Event. Ich werde eine mögliche Diskussion über die Zukunft von (Sport)Karate beobachten.

Taekwondo vs Karate

Das unter anderem aus den japanischen Shōtōkan-Karate entstandene koreanische Taekwondo, ist durch seine hohe Dynamik und die vielen Tritte für Zuschauer attraktiv und daher fraglos ein Gewinn für das olympische Programm. Über einige Wettkampfregeln kann man allerdings geteilter Meinung sein.

Die Enttäuschung über das schnelle Aus für Karate, wird mit Sicherheit Grundlage vieler Diskussionen sein. Weder mein Vater noch ich werden uns darum kümmern. Wir leben unser Karate und unterrichten es so, wie es gut und richtig ist.