Kindermund tut Wahrheit kund

Die liebe Perlenmama hat mich auf eine grandiose Idee gebracht, die ich sofort in die Tat umgesetzt habe. Ihr Beitrag über die Perle, das Teilzeit-Sensibelchen, ist der Auslöser für ein Telefonat, das einige Zeit gedauert hat und das ich in literarisch aufgearbeiteter Form hier präsentieren werde. Nicht 1:1, aber zumindest sinngemäß. Und nun viel Spaß beim lesen.

„Hallo Mama“, beginne ich, als sich meine Mutter meldet. „Ich störe dich doch nicht?“
Natürlich ist die Frage rhetorisch und in Gedanken sehe ich meine Mutter lächeln.
Ich erkläre ihr kurz den Grund meines Anrufs und das der länger dauern kann. Da wir aber sowieso täglich telefonieren, ist das kein Problem.
„Sag, wie war ich als Kind?“, will ich wissen. „So im Alter von zwei bis drei Jahren.“
„Zappelig“, kommt die Antwort pfeilschnell zurück. „Du konntest niemals still sitzen.“
Auch Mütter können ehrlich sein.

„Hatte ich jemals Angst, oder habe ich viel geweint?“, frage ich weiter. „Erzähl doch einfach bitte.“
„Ja, du hast auch geweint“, erklärt mir meine Mutter. „Immer dann, wenn du etwas durchsetzen wolltest. Aber ängstlich? Das Wort muss für dich erst noch erfunden werden.“
Sie lacht leise und ich gleich mit.
„Du warst ein ungewöhnliches Kind“, fährt sie fort. „Ich habe dich mit einer Katze verglichen. Du hast gern geschmust, aber nur bis zu einem bestimmten Grad. Dann bist du von meinem Schoß gekrabbelt und durchs Haus geflitzt. Und wehe dein Vater war allein im Keller. Du bist sofort auf Knien hinterher. Er hatte keine Chance.“
Kellerkind einmal anders.

Ein Teil des Kellers in meinem deutschen Elternhaus, ist als Dojo ausgebaut. Mein Papa trainiert darin seit vielen Jahren und hat mich dort auch unterrichtet.
„Für mich schwierig war, wie schnell du Deutsch gelernt hast“, erzählt meine Mutter weiter. „Du hast die Sprache aufgesaugt und uns förmlich überrumpelt.“
„Aber ihr habt doch damals schon Deutsch gesprochen“, werfe ich ein.
„Das schon“, erwidert meine Mutter sanft. „Aber nicht wie ein Wasserfall. Du konntest nie ein Ende finden. Und hast du keine Worte gewusst, dann hast du sie erfunden,“
Ein reger Geist in einem regen Körper.

„Du hast beide Sprachen hemmungslos gemischt und uns damit auch oft schockiert.“
„Vor allem mit den Wort „Nein“, unterbreche ich sie lachend. „Das hast du mir zumindest erzählt.“
„Deutschland hat andere Gesetze“, erwidert meine Mutter diplomatisch. „Und hier wird auch anders gesprochen. Wir haben das erkannt.“
Was so viel heißt wie „Wir mögen es nicht.“ Aber das würde meine Mutter niemals sagen.
„Ich war also nie dein süßes, kleines Mädchen?“, will ich mit Piepsstimme wissen.
„Natürlich warst du das“, erwidert meine Mutter. „Auf deine eigene Weise. Und das bist du immer noch.“
Liebe kann so einfach sein.

„Aber sag, wie war ich in Japan? War ich dort noch ein typisches, japanisches Kind?“, will ich nun wissen und bin auf die Antwort gespannt.
„Jeder Mensch ist anders“, erwidert meine Mutter. „Aber typisch? Lass mich dir eine Geschichte erzählen, als wir zu Besuch bei Freunden waren. Du musst etwa drei Jahre alt gewesen sein. Es gab diesen fünf Jahre alten Jungen, Katsu. Er war ziemlich kräftig und auch sehr wild. Er wollte mit dir spielen und hat dich einfach umgestoßen. Er fand das witzig und hat gelacht. Du bist aufgestanden und hast plötzlich sehr böse geschaut. Bevor wir eingreifen konnten, hast du ihn so kräftig getreten, dass nun er auf dem Hintern saß. Und er hat geweint.“
Kindergarten Karate. Leider erinnere ich mich nicht.

„Was ist dann passiert?“, will ich wissen. „Habt ihr mich bestraft?“
„Wozu soll Strafe gut sein?“, erwidert meine Mutter. „Du hast keinen Fehler gemacht. Nur auf deine Weise reagiert. Dein Vater hat dich in den Arm genommen und schon warst du beruhigt.“
„Und ich könnte wetten, dass er stolz auf mich war“, füge ich hinzu.
Aber meine Mutter schweigt. Und das sagt mehr, als tausend Worte.
„Du hast sehr früh und sehr viel gesprochen“, fährt meine Mutter fort. „Und alles was du hörtest oft und gern wiederholt. Meist völlig falsch ausgesprochen, was für viel Heiterkeit sorgte. Und Autos hast du gern gemocht. Wir mussten dich nur ins Auto setzen und schon warst du fasziniert.“
Ich habe Benzin im Blut!

„Wir haben dir dann Spielzeugautos gekauft und du warst Feuer und Flamme. Überall im Haus hast du sie verteilt und bist über Tische und Stühle Rennen gefahren.“
„Und das hast du so einfach zugelassen?“, frage ich. Immerhin ist meine Mutter für ihre Ordnung bekannt.
„So hatte ich dich unter Kontrolle“, sagt sie. „Du warst nie zu überhören und hast die Motorgeräusche imitiert.“
Ich erinnere mich an die Autos, die habe ich vor Jahren wieder entdeckt. Und nun kenne ich ihre Geschichte.
„Wie war das eigentlich mit mir und Puppen? Habe ich wirklich nie damit gespielt?“
„Du hast mich merkwürdig angeschaut und die Puppe dann in eine Ecke gesetzt. Soll schlafen gehen, hast du gesagt. Und dann dein eigenes Ding gemacht.“
Mayumi, die Puppenspielerin.

„Erzähl mir von der Küche“, bitte ich. „Habe ich da wirklich gern gespielt?“
„Mit Leidenschaft“, sagt meine Mutter. „Löffel und Töpfe mussten es immer sein. Damit hast du getrommelt und wehe man hat sie dir abgenommen. Dann gab es Schreie. Aber du hast mir auch ganz brav in der Küche geholfen. Dabei aber immer wieder Unsinn angestellt. Mit Nudelteig gespielt und auch immer alles probiert. Du kennst bestimmt das Bild, als du kopfüber in dem Topf stecktest. Natürlich musste dein Vater das fotografieren. Er fand das witzig. Vermutlich war er ebenso als Kind.“
Kinder haben eigene Ideen.

„Wie war ich denn im japanischen Kindergarten?“, will ich wissen. „Habe ich mich dort gut eingefügt?“
„Du warst die geborene Anführerin“, erwidert meine Mutter. „Und alle Mädchen sind dir bedingungslos gefolgt. Später in Deutschland auch.“
Alphas an die Macht!
„Habe ich jemals Ärger gemacht und andere Kinder geschlagen?“, hake ich nach.
Aber kein Mensch entlockt meiner Mutter jemals ein „Nein.“ Selbst eine Mayumi nicht.
„Du warst die Beste im Kinder-Karate“, lässt mich meine Mutter wissen. „Niemand hat dir etwas vorgemacht. Dein Vater war begeistert. Aber das weißt du vermutlich schon. Und was alle überrascht hat, du warst sehr diszipliniert. Aber kaum war die Stunde vorbei bist du wieder durch den Raum getobt.“
Niemand kann mich stoppen.

„Für uns ungewöhnlich war deine dominante Art“, sagt meine Mutter. „Anfangs war ich damit wirklich überfordert. Frauen vergleichen ihre Kinder gern mit sich selbst und haben eigene Wunschvorstellungen. Aber das wirkliche Leben ist dann so völlig anders.“
„Wildheit gegen Sanftheit“, sage ich. „Du hast es gut gelöst. Und mich vor allem nie geschlagen.“
„Schläge sind Ausdruck von Schwäche“, sagt meine Mutter. „Sie zeigen nur die Hilflosigkeit. Dein Vater und ich haben gemeinsam überlegt und dich dann doch in den Griff bekommen. Und du hast deinen Willen nur scheinbar bekommen. Dein Vater hat dich ausgekontert. Du weißt, das kann er gut. Und ich habe von ihm gelernt. Du natürlich auch. Aber obwohl du oft so zornig warst, bliebst du auch ein sehr liebes Kind. Für mich noch heute faszinierend, ist diese Mischung aus Wildheit und Sensibiltät. Das ist sehr ungewöhnlich.“
Ein Kind zweier Welten.

„Zum Glück seid ihr auch keine konservativen Eltern“, stelle ich fest. „Kaum auszudenken, wie es mir in einer anderen Famile ergangen wäre. Sag, hattest du jemals Angst um mich?“, wechsele ich das Thema und bin auf die Antwort sehr gespannt.
„Ja,“ erwidert meine Mutter. „Mir ist oft genug fast das Herz vor Schreck stehen geblieben. Mir fiel es schwer zu akzeptieren, dass du so zornig gewesen bist. Und dann wieder habe ich dich friedlich lächelnd in deinem Zimmer gefunden, wo du Musik gehört hast. Und manchmal hast du auch ein Kleidchen getragen“, fügt sie hinzu und lacht.
Kleider machen Leute.

„Alle Beweise davon sofort vernichten“, sage ich im Scherz. „Wo kämen wir da hin, wenn das die Nachwelt erfährt.“
„Die Bilder zeige ich natürlich deinen Kindern“, erwidert meine Mutter. „Wie ist das überhaupt, seid ihr nun endlich schwanger?“
„Mama!“, fauche ich in gespielter Rage. „Können wir bitte von etwas anderem sprechen?“
„Nur über die Zahl“, erwidert sie mit lachendem Unterton. „Ich mag gern mindestens zwei Enkelkinder haben. Besser wären natürlich drei, oder vier. Und ihr könntet auch beide gleichzeitig schwanger …“
Mama pur. Und ich habe sie verdient. Mama, ich liebe dich.

Karate, Kids und Disziplin

Kinder lernen Dinge spielerisch. Das war schon immer so. Und Kinder lernen auch Karate. Vor allem, wenn sie Japaner sind. Auch Japaner haben einen Kindergarten. Und klein Mayumi war natürlich dort. Eine Erinnerung daran habe ich keine, aber ich soll schon damals wild gewesen sein. Gelehrt hat man dort Shotokan-Karate und das war klein Mayumis Ding.

Nun sehe ich schon besorgte Eltern die Stirn in Falten legen und voller Abscheu auf Japan blicken. „Gewalt schon im Kindergarten? Da geht mein Kind nicht hin!“ Und genau da liegt der Fehler. Karate dient nicht der Gewalt. Es ist Sport, Philosophie und eiserne Disziplin. Karate kennt keinen ersten Angriff, das haben uns nur schlechte Filme gelehrt. Und dumme Menschen, die diesen Sport verachten. „Karate beginnt mit Respekt und endet mit Respekt.“ Das ist die erste Regel und sie bedeutet viel. Respekt dem Sensei, den Eltern und anderen Menschen gegenüber. Respekt auch vor sich selbst.

Regel zwei habe ich bereits genannt: „Im Karate gibt es keinen ersten Angriff.“ Karate ist immer Selbstverteidigung. Schutz für das eigene Leben und das Leben anderer. Das aber effektiv. „Karate ist ein Helfer der Gerechtigkeit.“ Der Satz ist selbsterklärend.  „Die Kunst des Geistes kommt vor der Kunst der Technik.“ Und genau hier liegt der Fehler, den Europäer und Amerikaner machen. Sie sehen nur den Kampf, den physischen Aspekt. In einem guten Dojo ist das anders, was mich zu den nächsten Regeln bringt.

„Denke nicht, das Karate nur im Dojo stattfindet. Verbinde dein alltägliches Leben mit Karate, dann wirst du geistige Reife erlangen.“ Im deutschen Kindergarten gab es 1987 kein Karate. Aber Privatstunden von meinem Papa für mich. Ohne Karate, Aikido und Meditation wäre ich vermutlich ein noch schwierigeres Kind gewesen. Aber statt Ritalin bekam ich Liebe und lernte Disziplin. Und das tat ich richtig gut. Meine Wut war kanalisiert und ich habe den Sandsack drangsaliert. Mit Inbrunst und Leidenschaft. Gewalt ist anders.

Das lebenslange Training macht den Unterschied zwischen Hobbysportler und Profi aus. Und das möchte ich heute gern als Video zeigen. Leider gibt es keine von mir, youtube war noch nicht erfunden. Aber ich soll gut gewesen sein. Und das bin ich heute noch, was mich zur nächsten Regel bringt. „Karate ist wie heißes Wasser, das abkühlt, wenn du es nicht ständig warm hältst.“

Auch, wenn ich heute meist Aikido, Wing Chun und Krav Maga trainiere, so ist Karate ein Teil von mir und wird es immer sein. Es ist mein Leben, wie auch das Buch von Japans größtem Samurai. „Denke nicht an das Gewinnen, doch denke darüber nach, wie man nicht verliert“, hat Gichin Funakoshi, der Begründer des Shotokan-Karate gesagt. Wer das verinnerlicht und fleißig übt, der braucht keinen Gegner mehr zu fürchten.

„Wandle dich abhängig vom Gegner.“ Ein Gegner kann auch der Alltag sein. Wobei ich den mehr als Herausforderung sehe. Vor allem für hyperaktive Kinder kann Karate also ein Segen sein. Ich kenne so einige Fälle, die das positiv belegen. Und damit ihr besser versteht, was Kindern Karate bedeutet, schaut euch folgendes Video an. Klein Mayumi war übrigens doppelt so dynamisch. Und das bin ich heute noch. Sayonara!