Das Kind in mir

Kluge Menschen, Psychologen genannt, haben die These vom „inneren Kind“ erschaffen. Transpersonale Psychologie heißt der Begriff, der den Menschen getrennt von seiner Persönlichkeit sieht. Roberto Assagoli ging davon aus, dass der Mensch in seiner Essenz eine Seele ist und eine Persönlichkeit mit vielen Teilen, auch Teilpersönlichkeiten genannt, hat.

Spontanität, Begeisterungsfähigkeit, Staunen, Neugier, Lebendigkeit sind jene positiven Aspekte von Kindern, die wir als Erwachsene immer mehr verlieren. Vor allem dann, wenn wir sie als Kind nie richtig ausleben durften. An ihre Stelle treten oft andere Aspekte, die wir als Kinder nur zu gut kannten: die Angst verletzt zu werden, Zurückweisung und die Sehnsucht nach Liebe.

Der Erwachsene sehnt sich, wie schon als Kind, nach Anerkennung und bekommt sie doch meist nicht. In einer kalten Welt bleibt er allein und seine Seele friert. Ohne Liebe, ohne Anerkennung, entwickelt der Erwachsene ein oft geringes Selbstwertgefühl. Diese Menschen haben einen immensen Nachholbedarf, was zu Problemen in Partnerschaften führt. Und zu Psychosen.

Kinder, die von anderen Menschen oft verletzt worden sind, gehen als Erwachsene meist dünnhäutig durchs Leben. Die geringste Kritik reißt schnell alte Wunden wieder auf, mit allen negativen Konsequenzen. Der Gang zum Psychologen ist dann vorprogrammiert. Mehr noch der Griff zu Alkohol und Drogen.

Leider sind es häufig Frauen, die unter diesen Problemen leiden. Nach außen hin stehen sie „ihre Frau“, aber zu Hause sind sie nur Mäuschen. Sie suchen nach Anerkennung beim Partner und vermeiden jede Konfrontation. Schnell entwickelt sich daraus eine Abhängigkeit, die bis zur Hörigkeit ausufern kann.

Gewissenlose Subjekte verstehen es meisterhaft diese Menschen sexuell auszunutzen. Auf der Suche nach Liebe werden sie dann zum Sklaven ihrer Triebe. Und das ist nicht okay. Vermutlich muss man „Täter“ wie auch „Opfer“, als problembehaftet bezeichnen. Beide Seiten stehen den negativen Aspekten ihres inneren Kindes gegenüber.

Lieben und geliebt zu werden trägt ganz entscheidend zum Glücklichsein im Leben bei. Aber dieses Glaubensmuster sollte niemals vorherrschend sein. „Ich muss geliebt werden, sonst kann ich nicht mehr existieren“, ist ein Satz, den sich diese schwer gestörten Menschen zu eigen machen. Dem Partner völlig ergeben werden sie von ihm abhängig und manipulierbar. Auch beim Sex.

Das innere Kind sehnt sich also nach Liebe und sieht den Partner als Ersatzelternteil an. Wie lange das funktioniert, wird sich jeder denken können. Auch, was daraus resultiert. Kluge Menschen, Psychologen genannt, haben ihre eigenen Thesen entwickelt, wie Menschen erwachsen werden sollen und sich doch das innere Kind bewahren. Zumindest jene positiven Aspekte.

„Andere sind für meine Gefühle verantwortlich und ich bin für ihre Gefühle verantwortlich“, sagen viele Menschen. „Es ist egoistisch, mich selbst glücklich zu machen“, sagen Frauen oft und verzichten zum Wohl des Partners auf Dinge. Andere verdrängen einen Schmerz, der einst dem „Kind“ zugefügt worden ist. Und Riskiken gehen diese Menschen sowieso nie ein.

Menschen sind für ihr Glück allein verantwortlich. Nur sie bestimmen was geschieht. Sie sollten lernen Schmerz, Freude, Tränen, Zorn richtig wahrzunehmen. Vor allem anzunehmen. Weinen, Lachen, Lebensfreude und auch ein Kick in den Hintern, ist Leben. Ebenso gelebte Kreativität. Veränderung nein danke? Genau das Gegenteil ist wichtig.

Menschen haben die Macht sich selbst anzunehmen und Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen. Wer das nicht kann, ist tot. All das ist unser Weg zum positiven inneren Kind. Und den können wir auch als Erwachsene gehen. Spontan, albern und manchmal auch verspielt.

Zwei Frauen und ein Baby

„Da da da!“, kräht Kevin fröhlich und spuckt mir seinen Brei ins Gesicht.
Yuki feixt und fliegt mit Handtuch und Lappen herbei.
„Gewöhn dich dran“, sagt sie frech und mach uns sauber.
Ja, wir haben heute Besuch von einem kleinen Wonneproppen. Vanessas kleiner Sohn, den wir nur zu gern hüten.
Übung macht die Mutter aus.

„Bu bu da da na na“, plappert der Kleine munter und zieht an meinen Haaren. Babysprache, die ich noch nicht näher kenne.
Vanessa hat einen Termin, den sie ungestört wahrnehmen muss. Die Zwillinge sind bei ihren Eltern, wir dürfen uns um Kevin kümmern. Auf eigenen Wunsch, den jeder versteht.
Eltern auf Probe sozusagen. Kevin findet das vermutlich gut.

Das Handy klingelt, ein Auftraggeber nervt.
„Die Zahlen, Frau Dr. Landar, die Zahlen!“
Schweren Herzens überlasse ich Yuki die Mutterrolle, was Kevin mit einem Blubbern quittiert.
Nun wird Yuki vollgesabbert. Sind Kinder nicht allerliebst?

Mit flinken Fingern addiere ich Zahlenkolonnen und tippsele einen Text dazu.
Kevin entwischt Yuki kurz, als sie in die Küche geht. Prompt patscht er mit beiden Händchen auf die Tastatur.
DELETE, ENTER … alles noch mal.
Wie war das mit der Geduld?

Ich kitzele den Kleinen, was er zum Quietschen findet. Fröhlich krähend schmatzt er mich ab. Ich brauche dringend frische Sachen.
Die Zeit fliegt, der Morgen geht zu Ende. Das Konzept steht und muss gegen Mittag in Pforzheim sein.
Ich werfe mich in Schale, Hose, Bluse und Jacket. Frau Dr. in Reinkultur und Mama Yuki kommt auch mit.
Zwei Frauen mit Kind, eilen gar geschwind!

Kevin jauchzt, als der V8-Sound an seine Ohren dringt. Der Kleine mag Autos, das steht für mich fest.
Wir haben Glück und kommen ohne Stau durch den Verkehr. Verwirrte Blicke, als wir den Glaspalast betreten.
„Dr. Landar“, sage ich knapp zur Sekretärin. „Ich habe einen Termin.“
Titel machen Leute. Und meiner zieht (noch) immer.

Die Sekretärin telefoniert noch, als eine blonde Frau das Büro betritt. Sie ist schwanger, das ist deutlich zu sehen.
„Beate Finkenau (Name geändert)“, stellt sie sich vor und kann den Blick kaum von Kevin lösen.
Eine stumme Frage liegt in ihren Augen.
„Nein“, sage ich, „das ist leider noch nicht unser Kind. Wir sind nur Mütter für einen Tag.“
Sie lacht und versteht. „Bei mir ist es in 3 Monaten soweit. Dann habe ich lebenslänglich.“
Ein Satz, der mir gefällt.

Die werdende Mutter bittet uns beide wie selbstverständlich nach oben.
„Mischen wir die Männerunde auf“, sagt sie im Scherz, was Kevin mit einem „ja ja ja!“, quittiert.
Ich tausche einen BLick mit Yuki und Elfchen nickt verhalten.
„Alles im Griff“, heißt das. Aber Kevin hat andere Pläne.
Aus heiterem Himmel plärrt er los. Aufregung pur, das Chaos ist groß.

Gelassen betrete ich das Büro des Chefs, der sichtlich nervös auf mich wartet.
Draußen laufen einige Frauen zusammen, die sich alle um Kevin kümmern.
„Lu lu lu wääääh!“, höre ich noch, dann hat die schalldichte Tür Erbarmen mit dem Mann.
Immerhin findet mein Konzept Gefallen. Und mir gefällt der Scheck.
Ob ich den Job doch nicht sausen lasse?

Mit diesem humorvollen Gedanken geht es auf den Gang zurück, wo Kevin der Star in der Runde ist. Lachend und schmusend verzaubert er die Frauen.
Und Beate Finkenau hat eine Brünette im Arm. Ich liebe meine Sinne.
Apropos Frau. Auf dem Weg nach Hause erreicht uns Vanessa per Handy.
„Alles gut!“, vekündet sie.
„Auch mit Jo?“, will ich wissen und Yuki nickt sofort. Die Anwältin hat sich mit Vanessa angefreundet. Die zögert zwar noch, aber ihre Augen haben sie längst verraten.
Vanessa war nie offen lesbisch. Hat aber nie ein Hehl daraus gemacht, wie sie zu Frauen steht.

Leider müssen wir Kevin dann bei seiner Mama abliefern, die er freudig, aber müde begrüßt.
Jo strahlt, wie ich selten einen Menschen habe strahlen sehen. Da läuft was, mit ihr und Vanessa. Und wenn ich nachhelfen muss!
Im verkuppeln war ich schon immer gut. Spontan lade ich beide zum Abendessen ein.
Yuki schmunzelt und Vanessa wird wirklich rot.
Das wird ein Spaß, das kann nur Liebe sein!

Wer Vanessa ist, ihre (Vor)Geschichte, können Interessierte hier nachlesen:

Teil 1 – Lebe deinen Traum 

Teil 2 – Wenn Frauen hassen 

Teil 3 – Die Akte Vanessa

Elfen, Kinder und Hormone – Von der Unlust schwanger zu werden

Zwar habe ich versprochen keinen Blog über Schwangerschaft und reine Frauendinge zu schreiben, aber ein kleines Update gibt es doch. Elfchen und ich hatten diese Woche einen Termin bei der Fraunärztin unseres Vertrauens, um Yukis Kinderwilligkeit zu testen. Denn schwanger werden wollen und es auch können, das sind zwei Paar Schuhe. Und bei Yuki passen die nicht.

Ich hatte bereits von meinen Problemen geschrieben, die ich als Teenager hatte. Endometriose, die behandelt worden ist. Kinder werde ich mit diesem Hintergrund keine bekommen. Selbst wenn ich wollte gäbe es vermutlich eine Fehlgeburt. Die Chancen auf eine normale Schwangerschaft sind bei mir sehr gering.

Bekanntlich gleichen sich bei miteinander lebenden Frauen, die Zyklen an. Egal ob hetero, oder lesbisch, wir bluten oft am gleichen Tag. Meine Regel spinnt sowieso schon immer. Bei Stress kann ich an diesen Tagen auch mit Schmerzen rechnen. Ich weiß das, lebe damit, alles gut.

Yuki hat über die letzte 5 Monate akribisch Buch geführt, das Ergebnis ist ernüchternd. Die Lutealphase meiner Süßen ist deutlich zu kurz und liegt im Durchschnitt unter 10 Tagen. Und das ist für eine Schwangerschaft zu kurz.

Unglücklich ist Yuki nicht, sie sieht das japanisch gelassen.
„Du bist schuld“, sagt sie mir frech ins Gesicht und unsere Ärztin schaut entsetzt.
„Alles gut“, beruhige ich die Frau sofort. „Das ist nur unsere Art der Liebe.“
Yuki nickt und drückt meine Hand, die Frauenärztin versteht zum Glück.

„Es könnte durchaus sein“, sagt sie, „dass Ihre Frau nicht so ganz unrecht hat. „Bei Ihnen, Frau Landar, stimmt so gut wie nichts. Einige Endometriose-Herde sind noch immer zu finden und es wundert mich, dass sie keine Schmerzen haben. Und ihre Lutealphase ist definitiv zu kurz.“
Ich zucke mit den Schultern.
„Seit der Hormonbehandlung und OP, hatte ich keine größeren Probleme mehr“, erkläre ich. „Und schwanger wollte ich nie werden.“
Aber Mutter werde ich, das steht felsenfest.

Es folgt ein (wissenschaftlicher) Vortrag über Hormone und Schwangerschaft, den ich, aus Liebe zu meinen LeserInnen, streiche. Lieber streichele ich euch weiter mit Worten und meine Elfe sowieso. Aber das habt ihr bestimmt gewusst.

Progesteron heißt das Zauberwort und Utrogest das Medikament. Skeptisch lesen wir den Beipackzettel, als wir auf dem Weg nach Hause sind. Nun ist Yuki niemals ernsthaft krank gewesen, aber sie verträgt Medikamente sehr schlecht. Schon eine harmlose Aspirin zeigt bei ihr mehr Wirkung, als vom Hersteller vorgegeben ist.

Utrogest ist definitiv kein Medikament, mit dem Frau spaßen sollte. Die häufigen, aber angeblich harmlosen Nebenwirkungen, lassen Yuki das Gesicht verziehen.
„Zwischen- oder Schmierblutungen, Kopfschmerzen, Müdigkeit, leichte Verdauungsbeschwerden, Bauchkrämpfe, Berührungsempfindlichkeit der Brüste“, liest sie vor.
Prompt fühle ich einen Stich im Magen. Was immer meine Frau betrifft, hat auch Auswirkungen auf mich. Und schon liest Yuki weiter.
„Sehr seltene Nebenwirkungen sind Kopfschmerzen, Migräne, starke Depressionen, starke Überempfindlichkeitsreaktionen mit Blutdruckabfall, Kreislaufkollaps oder Herzrhythmusstörungen.“
Und Depressionen braucht (m)eine Elfe nicht!

Wir schauen uns an und müssen nichts sagen. Die spinnen, die Römer, das Zeug kommt uns nicht ins Haus.
„Wollen wir es dann ohne versuchen?“, fragt Yuki. „Vielleicht klappt’s ja doch ohne doofe Chemie.“
„Ich mag dir das auf keinen Fall zumuten sage ich. Kinder um jeden Preis? Nein! Ich mag dich nicht leiden sehen. Und wir wissen beide, dass du wirst. Also lassen wir den Dreck.“
Yuki schenkt mir einen warmen Blick aus ihren wundervollen Mandelaugen.
„Ich liebe dich“, sagt sie und gibt mir einen Kuss. Dann holt sie tief Luft und schließt kurz die Augen. „Lass uns lieber Möbel kaufen gehen“, sagt sie. „Düsseldorf, wir kommen!“
Und genau das haben wir gemacht, wenn auch ohne Hormone. Oder vielleicht doch mit. Shopping liegt Frauen in den Genen. Das habe ich immer schon gewusst.

Liebe kennt kein Geschlecht – Teil 1

Vor etwa 1 1/2 Jahren hatte ich über eine Hetero-Frau geschrieben, die sich in eine Lesbe verliebt hat. Bei den beiden hatte der berühmte Blitz eingeschlagen und sie wurden sehr schnell ein Paar. Sabine ist jetzt 39 und ihre Partnerin 44 Jahre jung. Sie leben im schönen Hessen, die Stadt ist aus Diskretionsgründen egal.

Sabine hat eine mittlerweile 14 Jahre alte Tochter, die einfach süß und zum knuddeln ist. Mit damals noch kindlicher Unschuld, hat sie die neue Beziehung ihrer Mutter nicht nur akzeptiert, sondern drollig kommentiert. „Ich habe jetzt zwei Mütter, das ist voll cool!“, waren ihre Worte.

Sabine und Heike ergänzen sich ideal. Sabine ist Beamtin, Heike verkauft Häuser. Dank Heimarbeit ist immer eine Frau zu Hause und kann sich um Frechdachs Kerstin kümmern. Die übrigens total auf Jungs steht und gleich mehrere Verehrer hat. Aber alles noch kindlich harmlos. Da wird nicht mal gefummelt, aber schon geküsst.

Die Kleine ist recht zierlich, aber wehe jemand wagt es über Lesben zu lästern. Laut Sabine wird Kerstin dann richtig wild! Ihr Vater ist ein Schwarzgurt im Taekwon-Do und unterrichtet sie seit vielen Jahren. Er war kein guter Ehemann, wie mir Sabine gesteht. Er ging stets fremd und hat vier (un)eheliche Kinder. Aber Kerstin liebt er wirklich. Er kann also kein so schlechter Vater sein. Aber ein Idiot.

Wir haben Sabine schon öfer besucht. Und letzte Woche hat sie einem Interview zugestimmt, das ich mit ihr und ihrer Partnerin führen möchte.
„Wann und wo habt ihr euch kennengelernt?“, will ich wissen. „Und war es wirklich Liebe auf den ersten Blick?“
Sabine streicht sich fast verlegen durch die blonden Haare und Heike schaut sie liebevoll an. Sie ist dunkel, mit grünen Katzenaugen. Treu wie Gold und Kinderlieb.
„Es war auf der Hochzeit einer Bekannten“, beginnt Sabine. „Ich war ebenfalls eingeladen und wollte ursprünglich nicht mal gehen.“
„Warum das denn?“, frage ich sofort nach, obwohl ich die Antwort bereits kenne.“
„Weil es mich traurig machte, wenn andere Menschen glücklich waren“, sagt Sabine mit ernstem Blick. „Mein Ex-Mann hat mich nach Strich und Faden betrogen. Es hat 3 Jahre gedauert, bis ich wieder vertrauen konnte. Und dann hat mich mein neuer Freund auch verlassen. Wegen eines Motorrades, dem er verfallen war. Er wollte mich immer mitnehmen, aber ich hatte einfach Angst. Was wenn wir einen Unfall hätten? Ich muss doch an meine Tochter denken. Aber er hat das nicht kapiert.“
Manche lernen’s nie.

Das Interview wird kurz unterbrochen, denn Wildfang Kerstin stürmt in den Raum. Aufgeregt winkt sie uns zu.
Im Gefolge hat sie ein asiatisches Mädchen, das mich sofort verzaubert.
„Tante Mayumi, Tante Yuki, schaut wen ich mitgebracht habe! Das ist Mamiko!“ (Tochter von Mami)
„Mamiko-chan“, sage ich leise auf Japanisch und ernte ein scheues Lächeln. „Wir haben fast die gleichen Namen. Ich bin Mayumi. Du weißt doch, was das heißt?“
Die Kleine nickt und strahlt. Wir wechseln einige Worte, dann laufen die Mädchen nach draußen. Ich wechsele einen Blick mit Yuki und Elfchen nickt. Ihr Kinderlein kommet.

Nun ist Heike an der Reihe. Nun muss sie gestehen. Und das macht sie gern.
„Kanntest du Sabine schon?“, frage ich.
„In einer Kleinstadt kennt man sich eher“, ist die lächelnde Antwort. „Ich hatte sie schon gesehen. Ein Gesicht in der Menge, das Frau schwer vergisst. Da bin ich ehrlich.“
„Ach?“, empört sich Sabine gespielt. „Das hast du mir noch nie gesagt!“
„Du musst nicht alles wissen meine Süße“, erwidert Heike lachend. „Frau darf auch so ihre kleinen Geheimnisse haben. Stimmt’s Yuki?“
Elfchen nickt bezeichnend und schaut mich frech an.
Verschwörung der Elfen? Das wird interessant!

„Und  sie fiel dir dann gleich auf dieser Feier auf?“, frage ich weiter. „Und warum warst du eigentlich dort?“
„Das ließ sich kaum vermeiden“, sagt Heike. „Die Braut ist meine Schwester.“
Alles lacht und ich notiere, dass Frauen meist zu albern sind. Ich natürlich auch.
„Sabine fiel mir sofort auf“, fährt Heike fort. „Sie hat so zerbrechlich und verloren gewirkt.“
„Mama Butch“, necke ich Heike und sie lacht.
„Ja“, sagt sie. „So bin ich. Ich muss auch immer helfen.“
„Und du kanntest Heike auch?“, richte ich das Wort an Sabine.
„Jein“, erwidert sie. „Ja, ich hatte sie bereits gesehen. Aber ohne mir viel dabei zu denken. Du siehst Menschen, aber du kommst nie in Kontakt.“
„Was ich an diesem Tag geändert habe“, gesteht Heike.
Mutige Frauen braucht das Land.

„Du hast sie einfach so angesprochen?“, will ich wissen. „Ich dachte immer, das sei mein Part.“
„Wer hat denn wen bitte angesprochen?“, fragt Yuki mich prompt. „Ich dich, falls du dich erinnerst.“
„Ach ja?“, necke ich sie. „Eigentlich ging es dir ja um meine Hose. Das Gespräch habe ich in Gang gebracht.“
„Ihr seid echt der Wahnsinn“, sagt Sabine und schaut uns abwechselnd an. „Wenn man euch zuhört könnte man an Streit denken. Aber ich weiß, es ist nur Spiel.“
Elfchen lacht und schmiegt sich in meinen Arm.
„Ja“, sagt sie. „Die Dicke ist wirklich eine Puppenspielerin.“
Dabei bin ich nur Yukis Marionette. Aber das habt ihr euch bestimmt schon so gedacht.

Fortsetzung folgt …

Warum ich (k)ein Kind sein will!

Kinder sehen die Welt mit anderen Augen, für Kinder ist die Welt spannend und bunt. Aber Kinder haben auch den Wunsch erwachsen zu sein.
Ich war gern Kind, Erwachsene fand ich komisch. Klar, da waren meine Eltern, diverse Tanten und Onkel. Aber Familie und Freunde zählen nicht.
Es gibt Menschen die trauern ihrer verlorenen Jugend hinterher. Ihr Leben dreht sich stets im Kreis. Immer nur ein Blick zurück.
Kinderzeit, verlorenes Glück?

Für manche Menschen scheint die Zeit zu rasen, hiflos sehen sie dem Uhrenzeiger zu. Und die Sekunden ticken, das Leben zieht vorbei.
„Ach und könnt‘ ich doch nur ein einz’ges Mal die Uhren rückwärts dreh’n“, hat Wolfsheim einst gesungen.
Aber ganz ehrlich, warum sollte man das tun? Das Leben spielt im Hier und Jetzt und nie im Gestern.  Kinder, das sind die anderen. Aber Kinder sind auch wir. Tief in unserem Inneren lebt das ewige Kind, jenes unbeschwerte Glück.
Mag jemand mit mir lachen?

„Denn wie viel von dem, was ich heute weiß, hätt‘ ich lieber nie geseh’n“, heißt es bei Wolfsheim.
Und schon flüchtet der Mensch in (s)eine eigene Welt, vielleicht sogar in eine Depression.
Aber was schließt uns von der Welt der Kinder eigentlich aus, warum können Erwachsene sie nicht sehen? Die Logik, der Verstand tötet oft das Spiel. Und unsere Herzen werden kalt.
Das Feuer der Jugend macht der Weisheit des Alters Platz. Träume verpuffen und bleiben nur noch Träume.
Ich habe das immer anders gesehen.

Als Kind war ich anders, als andere Kinder. Viel disziplinierter, aber auch unglaublich wild.
Und dann wieder verträumt im Reich der Bücher. Geschichten, ach wie wunderbar.
Mir lief die Zeit niemals davon, ich habe immer intensiv gelebt. Und das in meiner bunten Welt, im zauberhaften Feenreich.
Aber auch Feen müssen manchmal kämpfen. Genau das habe ich dann auch getan. Ich habe meine Welt verteidigt, mich und mein kleines Herz geschützt.
Feuer und Eis, beides ist in meiner Seele.

Meine Kindheit war behütet. Aber die eigentliche Wächterin war ich. Ich habe jeden Tag genossen. Intensiv und voller Mädchenglück.
Musik, Poesie und auch Karate, haben einen besonderen Menschen geformt. Und der Zen-Buddhismus hat ein übriges getan.
Es waren immer spannende Tage und keiner war ein Klischee. Statt den Regen zu meiden bin ich lieber in Pfützen gehüpft.
Angst hatten immer nur die anderen. Der Angst lache ich fröhlich ins Gesicht.
Unbeschwerte Jugend, unbeschwertes Glück.

Das Kind in mir ist stets lebendig und das wird niemals anders sein. Aber dieses Kind hat manchmal Pause. Und doch gibt es immer den Weg zurück.
Vielen Menschen gelingt das nicht. Sie entfernen sich von ihrer Kinderseele. Ich habe die meine immer behütet, wie einen kostbaren Schatz gehegt.
Geholfen dabei haben mir auch andere Menschen. Oder besser gesagt haben sie mich unterstützt.
Der wichtigste Mensch ist dabei meine Elfe. Obwohl erwachsen, ist sie auch ein großes Kind.
Vielleicht ist das eins der Geheimnisse unserer Liebe: wir nehmen uns an, wie wir sind.
Ändern wollen uns immer nur die anderen.

Kinder sehen die Welt mit anderen Augen, für Kinder ist die Welt aufregend und bunt. Aber Kinder haben auch den Wunsch erwachsen zu sein.
Ich bin gern erwachsen und ich bin noch immer gern ein Kind. Kein Widerspruch, nur mein Weg zu leben.
Und genau das ist der ganze Trick. Zu leben und nicht zu warten bis die flüchtige Zeit vergeht.
„Immer vorwärts, Schritt um Schritt es gibt keinen Weg zurück“, singt Wolfsheim und das Kind in mir schüttelt leicht den Kopf.
Es gibt immer einen Weg zurück! Mag ihn jemand mit mir gehen?

Wenn Träume nur Schäume sind

Hallo Welt, hier schreibt Yuki!

Ich habe Mayumis Blog gekapert und sie in die Küche verbannt. Und den Z habe ich ihr auch gemopst und war damit schon beim Bäcker. Aber eigentlich durfte sie kein Frühstück haben, wenn ich mir ihren dicken Hintern anschaue. Und dick ist sie wirklich geworden mit nun über 53 Kilogramm …

Okay, das war jetzt nur Spaß und ist unsere Form von Humor. Und eigentlich wollten wir keine allzu privaten Details mehr bloggen. Aber in gewisser Weise ist dieser Artikel ein Reisebericht. Also passt er sehr gut. Und Mayumi hat auch momentan weniger Zeit. Worüber ich schreiben möchte sind gelebte Träume, geplatzte Hoffnungen und das ganze Elend eines zehnjährigen Mädchens, dessen Eltern in die USA gezogen sind.

Das Ende der Schulferien im Jahr 1996, stellte gleich einen neuen Anfang dar. Unser Umzug in die USA. Genauer gesagt Chicago. Noch genauer nach Schaumburg. Schaumburg ist eine Gemeinde mit 75.000 Einwohnern im Cook County und im DuPage County in Illinois, USA. Sie liegt an der Frankfurt Road, einem amerikanischen Highway Richtung Chicago. (Quelle Wikipedia) Aber Schaumburg ist nicht Stuttgart. Die USA sind anders. Groß vor allen Dingen. Und ein Mädchen wie ich ist dort allein verloren. SO zumindest kam es mir vor.

Mit Zehn sprichst du noch kein Wort Englisch. Dafür war mein Deutsch aber schon sehr gut. Wie bei Mayumi ohne jeden Akzent. Darauf haben schon meine Eltern geachtet. Da ähneln sich beide Familien doch sehr. Wir hatten damals noch kein Haus und die Mietwohnung war schnell gekündigt. Meine Eltern hatten sehr gute Jobs in Chicago bekommen. Auf Details möchte ich aber verzichten, die gehören nicht in diesen Blog. Nach sieben Jahren Deutschland bist du Deutsche geworden, daran führt kein Weg vorbei. Und eine todunglückliche Yuki verlor erneut ihre Wurzeln. Wobei ich mich an Japan nicht erinnern kann. Wie meine Frau kenne ich das Land nur aus Urlauben. Ich bin so deutsch wie jeder hier. Auch mit Mandelaugen.

Ich habe viel geweint in dieser Zeit. Und alles in den USA fand ich schlecht. Egal ob Wetter, Schule, oder Essen. Und viel verstanden habe ich ebenfalls nicht. Das hat eine Weile gedauert. Zum Glück gibt es auch in Chicago eine japanische Gemeinde. Die Kinder, haben mich mehr oder weniger aufgefangen und meine Trauer war vergessen. Aber ich bin dort niemals heimisch geworden. Dafür habe ich recht gut Englisch gelernt, was mir dann später zurück in Deutschland half. Nur nicht der amerikanische Akzent, den musste ich wieder verlernen.

Im Gegensatz zu Mayumi, war ich ein eher stilles Mädchen. Nicht unbedingt ängstlich, aber doch so, wie viele japanische Mädchen sind. In langen Briefen, habe ich Kontakt mit deutschen Freundinnen gehalten. Internet war 1996 in Deutschland noch wenig verbreitet, in den USA war es damals schon normal. In den USA fällst du als Asiatin nicht weiter auf. Anders als in Deutschland, ist eine Vielfalt der Rassen dort normal. Japanerin bist du? Cool! In Germany hast du gelebt? „Ich sprechen auch klein Deutsch.“ So in etwa liefen erste Kontakte mit Amerikanern ab.

Natürlich war ich auf keiner Öffentlichen Schule. Wie hätte das ohne Sprachkenntnisse funktionieren sollen? Zusammen mit mehr als einem Dutzend anderer Japaner, habe ich eine Privatschule besucht. Englisch war ab sofort unsere Zweitsprache, der Unterricht selbst wurde auf Japanisch gehalten. Das war neu für mich, hat aber meine kleinen Lücken in der Sprache geschlossen. Und die Alphabete habe ich dort auch besser gelernt. Selbst eine Schuluniform haben wir getragen, was damals in den USA eine Seltenheit war.

Ich werde immer wieder gefragt, wie das denn funktionieren soll, in Deutschland leben und die japanische Sprache in Wort und Schrift erlernen. Während es bei Mayumi ihr Vater war, hat mich meine Mutter darin unterrichtet. Und mir hat es großen Spaß gemacht diese für Deutsche unlesbare Schrift zu meistern. Wenn du das täglich übst, so ist die auch nicht wirklich schwer. Und was ich nicht konnte, hat man mir damals in den USA beigebracht. Übrigens auch ein wenig Karate, das gehörte zum Schulsport dazu. Wirklich gut darin war ich damals nicht. Ich hielt das für einen Männersport.

Anders als Mayumi, hatte ich wenig Probleme mit Jungs. Ich wusste immer, wie ich die um den Finger wickeln konnte. Darin war ich ein Naturtalent. Das funktioniert auch bei meinem Vater. Aber bei ihm würde ich das natürlich niemals tun. Vielleicht so ein wenig. Also so ein ganz kleines bisschen. Minimal. Winzig eigentlich. Leider haben damals weder meine Tränen noch meine Bitten gefruchtet. Und wirklich gebettelt habe ich auch nie. Aber dass ich unglücklich war, ist meinen Eltern natürlich nicht entgangen. Aber was sollten sie tun? Ein Job ist ein Job. Und der war wirklich gut.

Ich erinnere mich nur an Fragmente aus dieser Zeit. Daran, dass mir Chicago Angst einflößte, an den schrecklichen Verkehr. Auch an die eisigen Winter, die ich so nicht kannte. Und dass man in den USA sehr oberflächlich ist. Kontakte mit amerikanischen Kindern blieben eine Seltenheit. Deren, in meinen Augen „lautes Benehmen“, war mir zuwider. Aber auch Freundschaften mit den anderen Japanern funktionierten kaum. Ich blieb „die Deutsche“ und war oft allein. Bis Takashi kam. Takashi heißt soviel wie Überlegenheit, Respekt. Und genau das verdiente er auch.

Takashi war der geborene Anführer. Älter, größer als wir, sah er auch noch super aus. Er riss im Handumdrehen die Führung der Gruppe an sich. Und bei aller Dominanz, hatte er trotzdem ein sanftes Wesen. In gewisser Weise war er die frühe Form von Mayumi und wurde so etwas wie der große Bruder für mich. Takashi war damals bereits Fünfzehn und seit zwölf Jahren im Karate aktiv. Leider hat ihm seine Arroganz viel geschadet in dieser Zeit. Er war dem schon älteren Sensei um Welten überlegen und hat es ihn deutlich spüren lassen. Die Unvernunft der Jugend kann man dazu sagen.

Vermutlich war ich damals in ihn verliebt. Zumindest für ihn geschwärmt habe ich aber. Takashi hat Leben in unsere Gemeinschaft gebracht. Und plötzlich war das Leben in der Fremde erträglicher geworden. Immer wieder habe ich meinen Entschluss bekräftigt zurück nach Deutschland zu gehen. Aber meine Volljährigkeit lag ein ganzes Lebensalter in der Zukunft. So habe ich das damals empfunden. Zum Glück haben mich meine besten Freundinnen nie vergessen. Eine davon hat Mayumi euch hier vorgestellt. KLICK. Ohne Vanessa wäre ich damals vermutlich verzweifelt. Aber ihre Briefe kamen treu und brav. Auch sie haben mich gerettet. Und nicht nur dafür haben wir uns revanchiert.

Drei Jahre vergehen niemals im Flug. Drei Jahre können für ein Kind sehr lange sein. Die ersten Ferien verbrachten wir in Japan. Dann kippte die Stimmung meiner Eltern. Im zweiten Jahr ging es völlig überraschend für mich nach Deutschland zurück. Und auch im dritten Jahr verbrachten wir die Ferien dort. Meine Eltern bei Freunden, ich bei Vanessa. Ein kurzer Einschub von Mayumi: Es wird in Kürze ein Update zu Vanessa geben. Ein Gruß und ein Danke an dieser Stelle an Sir Alec und waldstern, eure Tipps waren Gold (Geld) wert.

Der Vertrag meines Vaters ging über drei Jahre, die Option auf Verlängerung hat er ausgeschlagen. Aber schon im zweiten Jahr USA war klar, dass wir zurück nach Deutschland gehen. Das Angebot eines deutschen Autokonzerns war dann einfach besser. Ein Jahr lang habe ich die Tage gezählt und konnte es kaum erwarten. Schulisch habe ich in Deutschland nur ein Jahr versäumt. Das brauchte ich, um die Wissenslücken aufzuholen. Danach habe ich, wie Mayumi sagen würde, richtig Gas gegeben und konnte nach dem zweiten Jahr wieder eine Klasse überspringen und bei meinen alten SchulkameradInnen sein.

Meine Träume haben sich in Schaumburg also auf keinen Fall in Schäume verwandelt. Zurück in Deutschland war dann wieder alles gut. Auch die Sprache. Nur Takashi habe ich vermisst. Ich habe nie erfahren, was aus ihm geworden ist und wo er heute lebt. Ob angepasst in Japan und mit einem krummen Rücken, oder ob er als Yakuza geendet ist. Er war der Bruder, den ich niemals hatte. Der (Lebens)Retter für ein japanisches Kind. Aber das wird ein gesonderter Artikel werden. Falls ihn wer lesen mag.

Mein Beitrag ist bestimmt weniger spannend, als die tiefschürfenden Erörterungen meiner Frau. Aber dafür länger. Und größer, ja größer bin ich auch! Dankeschön fürs lesen. Habt alle einen wunderschönen Tag.

Kindermund tut Wahrheit kund

Die liebe Perlenmama hat mich auf eine grandiose Idee gebracht, die ich sofort in die Tat umgesetzt habe. Ihr Beitrag über die Perle, das Teilzeit-Sensibelchen, ist der Auslöser für ein Telefonat, das einige Zeit gedauert hat und das ich in literarisch aufgearbeiteter Form hier präsentieren werde. Nicht 1:1, aber zumindest sinngemäß. Und nun viel Spaß beim lesen.

„Hallo Mama“, beginne ich, als sich meine Mutter meldet. „Ich störe dich doch nicht?“
Natürlich ist die Frage rhetorisch und in Gedanken sehe ich meine Mutter lächeln.
Ich erkläre ihr kurz den Grund meines Anrufs und das der länger dauern kann. Da wir aber sowieso täglich telefonieren, ist das kein Problem.
„Sag, wie war ich als Kind?“, will ich wissen. „So im Alter von zwei bis drei Jahren.“
„Zappelig“, kommt die Antwort pfeilschnell zurück. „Du konntest niemals still sitzen.“
Auch Mütter können ehrlich sein.

„Hatte ich jemals Angst, oder habe ich viel geweint?“, frage ich weiter. „Erzähl doch einfach bitte.“
„Ja, du hast auch geweint“, erklärt mir meine Mutter. „Immer dann, wenn du etwas durchsetzen wolltest. Aber ängstlich? Das Wort muss für dich erst noch erfunden werden.“
Sie lacht leise und ich gleich mit.
„Du warst ein ungewöhnliches Kind“, fährt sie fort. „Ich habe dich mit einer Katze verglichen. Du hast gern geschmust, aber nur bis zu einem bestimmten Grad. Dann bist du von meinem Schoß gekrabbelt und durchs Haus geflitzt. Und wehe dein Vater war allein im Keller. Du bist sofort auf Knien hinterher. Er hatte keine Chance.“
Kellerkind einmal anders.

Ein Teil des Kellers in meinem deutschen Elternhaus, ist als Dojo ausgebaut. Mein Papa trainiert darin seit vielen Jahren und hat mich dort auch unterrichtet.
„Für mich schwierig war, wie schnell du Deutsch gelernt hast“, erzählt meine Mutter weiter. „Du hast die Sprache aufgesaugt und uns förmlich überrumpelt.“
„Aber ihr habt doch damals schon Deutsch gesprochen“, werfe ich ein.
„Das schon“, erwidert meine Mutter sanft. „Aber nicht wie ein Wasserfall. Du konntest nie ein Ende finden. Und hast du keine Worte gewusst, dann hast du sie erfunden,“
Ein reger Geist in einem regen Körper.

„Du hast beide Sprachen hemmungslos gemischt und uns damit auch oft schockiert.“
„Vor allem mit den Wort „Nein“, unterbreche ich sie lachend. „Das hast du mir zumindest erzählt.“
„Deutschland hat andere Gesetze“, erwidert meine Mutter diplomatisch. „Und hier wird auch anders gesprochen. Wir haben das erkannt.“
Was so viel heißt wie „Wir mögen es nicht.“ Aber das würde meine Mutter niemals sagen.
„Ich war also nie dein süßes, kleines Mädchen?“, will ich mit Piepsstimme wissen.
„Natürlich warst du das“, erwidert meine Mutter. „Auf deine eigene Weise. Und das bist du immer noch.“
Liebe kann so einfach sein.

„Aber sag, wie war ich in Japan? War ich dort noch ein typisches, japanisches Kind?“, will ich nun wissen und bin auf die Antwort gespannt.
„Jeder Mensch ist anders“, erwidert meine Mutter. „Aber typisch? Lass mich dir eine Geschichte erzählen, als wir zu Besuch bei Freunden waren. Du musst etwa drei Jahre alt gewesen sein. Es gab diesen fünf Jahre alten Jungen, Katsu. Er war ziemlich kräftig und auch sehr wild. Er wollte mit dir spielen und hat dich einfach umgestoßen. Er fand das witzig und hat gelacht. Du bist aufgestanden und hast plötzlich sehr böse geschaut. Bevor wir eingreifen konnten, hast du ihn so kräftig getreten, dass nun er auf dem Hintern saß. Und er hat geweint.“
Kindergarten Karate. Leider erinnere ich mich nicht.

„Was ist dann passiert?“, will ich wissen. „Habt ihr mich bestraft?“
„Wozu soll Strafe gut sein?“, erwidert meine Mutter. „Du hast keinen Fehler gemacht. Nur auf deine Weise reagiert. Dein Vater hat dich in den Arm genommen und schon warst du beruhigt.“
„Und ich könnte wetten, dass er stolz auf mich war“, füge ich hinzu.
Aber meine Mutter schweigt. Und das sagt mehr, als tausend Worte.
„Du hast sehr früh und sehr viel gesprochen“, fährt meine Mutter fort. „Und alles was du hörtest oft und gern wiederholt. Meist völlig falsch ausgesprochen, was für viel Heiterkeit sorgte. Und Autos hast du gern gemocht. Wir mussten dich nur ins Auto setzen und schon warst du fasziniert.“
Ich habe Benzin im Blut!

„Wir haben dir dann Spielzeugautos gekauft und du warst Feuer und Flamme. Überall im Haus hast du sie verteilt und bist über Tische und Stühle Rennen gefahren.“
„Und das hast du so einfach zugelassen?“, frage ich. Immerhin ist meine Mutter für ihre Ordnung bekannt.
„So hatte ich dich unter Kontrolle“, sagt sie. „Du warst nie zu überhören und hast die Motorgeräusche imitiert.“
Ich erinnere mich an die Autos, die habe ich vor Jahren wieder entdeckt. Und nun kenne ich ihre Geschichte.
„Wie war das eigentlich mit mir und Puppen? Habe ich wirklich nie damit gespielt?“
„Du hast mich merkwürdig angeschaut und die Puppe dann in eine Ecke gesetzt. Soll schlafen gehen, hast du gesagt. Und dann dein eigenes Ding gemacht.“
Mayumi, die Puppenspielerin.

„Erzähl mir von der Küche“, bitte ich. „Habe ich da wirklich gern gespielt?“
„Mit Leidenschaft“, sagt meine Mutter. „Löffel und Töpfe mussten es immer sein. Damit hast du getrommelt und wehe man hat sie dir abgenommen. Dann gab es Schreie. Aber du hast mir auch ganz brav in der Küche geholfen. Dabei aber immer wieder Unsinn angestellt. Mit Nudelteig gespielt und auch immer alles probiert. Du kennst bestimmt das Bild, als du kopfüber in dem Topf stecktest. Natürlich musste dein Vater das fotografieren. Er fand das witzig. Vermutlich war er ebenso als Kind.“
Kinder haben eigene Ideen.

„Wie war ich denn im japanischen Kindergarten?“, will ich wissen. „Habe ich mich dort gut eingefügt?“
„Du warst die geborene Anführerin“, erwidert meine Mutter. „Und alle Mädchen sind dir bedingungslos gefolgt. Später in Deutschland auch.“
Alphas an die Macht!
„Habe ich jemals Ärger gemacht und andere Kinder geschlagen?“, hake ich nach.
Aber kein Mensch entlockt meiner Mutter jemals ein „Nein.“ Selbst eine Mayumi nicht.
„Du warst die Beste im Kinder-Karate“, lässt mich meine Mutter wissen. „Niemand hat dir etwas vorgemacht. Dein Vater war begeistert. Aber das weißt du vermutlich schon. Und was alle überrascht hat, du warst sehr diszipliniert. Aber kaum war die Stunde vorbei bist du wieder durch den Raum getobt.“
Niemand kann mich stoppen.

„Für uns ungewöhnlich war deine dominante Art“, sagt meine Mutter. „Anfangs war ich damit wirklich überfordert. Frauen vergleichen ihre Kinder gern mit sich selbst und haben eigene Wunschvorstellungen. Aber das wirkliche Leben ist dann so völlig anders.“
„Wildheit gegen Sanftheit“, sage ich. „Du hast es gut gelöst. Und mich vor allem nie geschlagen.“
„Schläge sind Ausdruck von Schwäche“, sagt meine Mutter. „Sie zeigen nur die Hilflosigkeit. Dein Vater und ich haben gemeinsam überlegt und dich dann doch in den Griff bekommen. Und du hast deinen Willen nur scheinbar bekommen. Dein Vater hat dich ausgekontert. Du weißt, das kann er gut. Und ich habe von ihm gelernt. Du natürlich auch. Aber obwohl du oft so zornig warst, bliebst du auch ein sehr liebes Kind. Für mich noch heute faszinierend, ist diese Mischung aus Wildheit und Sensibiltät. Das ist sehr ungewöhnlich.“
Ein Kind zweier Welten.

„Zum Glück seid ihr auch keine konservativen Eltern“, stelle ich fest. „Kaum auszudenken, wie es mir in einer anderen Famile ergangen wäre. Sag, hattest du jemals Angst um mich?“, wechsele ich das Thema und bin auf die Antwort sehr gespannt.
„Ja,“ erwidert meine Mutter. „Mir ist oft genug fast das Herz vor Schreck stehen geblieben. Mir fiel es schwer zu akzeptieren, dass du so zornig gewesen bist. Und dann wieder habe ich dich friedlich lächelnd in deinem Zimmer gefunden, wo du Musik gehört hast. Und manchmal hast du auch ein Kleidchen getragen“, fügt sie hinzu und lacht.
Kleider machen Leute.

„Alle Beweise davon sofort vernichten“, sage ich im Scherz. „Wo kämen wir da hin, wenn das die Nachwelt erfährt.“
„Die Bilder zeige ich natürlich deinen Kindern“, erwidert meine Mutter. „Wie ist das überhaupt, seid ihr nun endlich schwanger?“
„Mama!“, fauche ich in gespielter Rage. „Können wir bitte von etwas anderem sprechen?“
„Nur über die Zahl“, erwidert sie mit lachendem Unterton. „Ich mag gern mindestens zwei Enkelkinder haben. Besser wären natürlich drei, oder vier. Und ihr könntet auch beide gleichzeitig schwanger …“
Mama pur. Und ich habe sie verdient. Mama, ich liebe dich.