Die Zehn Gebote des Miyamoto Musashi

Die Zehn Gebote des Miyamoto Musashi

Die japanische Geschichte ist voller Grausamkeit und Gewalt. Zumindest nach dem heutigen Verständnis. Aber für meine Vorfahren war der Tod ein Teil ihres Lebens. Die Geschichte Japans ist in gewisser Weise die Geschichte aller Länder. Auch Deutschland hat eine kriegerische Vergangenheit. Vielleicht liegt in der Gewalt der Schlüssel zu jener Weisheit, die Dichter und Denker den Menschen später offenbarten.

Musashi

Miyamoto Musashi, Japans berühmtester Ronin / Samurai, war Mitglied einer Generation, die oft schon in jungen Jahren auf dem Schlachtfeld verblutet ist. Musashi hat überlebt und keinen seiner vielen Zweikämpfe verloren. Nach damaligen Maßstäben hat er sich dabei unehrenhafter Mittel bedient. Aber wer war dieser Mann wirklich, der zur Legende in Japan geworden ist?

Musashi war kein primitiver Schläger. Sein Nachlass, das Buch Gorin no Sho (Buch der fünf Ringe), dient noch heute als Quelle für Lebensweisheiten und Managementstrategien. Musashis Jugend war hart, der Überlieferung nach, hat ihm sein Vater wenig Liebe entgegengebracht. Dafür hat er ihn im Kenjutsu / Schwertkampf und Jittejutsu unterrichtet. Letzteres ist interessant und erklärt möglicherweise Musashis für damalige Verhältnisse spektakuläre Schwertkampftechnik.

Die Kunst des Kriegers

Jittejutsu ist die japanische Kampfkunst, die japanische Waffe Jitte einzusetzen. Jittejutsu wurde hauptsächlich für die Strafverfolgungsbeamten der Edo-Zeit entwickelt, um eine nicht tödliche Abrüstung und Festnahme von Kriminellen zu ermöglichen, die normalerweise ein Schwert trugen. (Quelle Wikipedia)

Jitte ist keine Waffe im eigentlichen Sinn. Dabei handelt es sich um einen mit einem Griff versehenen Metallstab, der noch einen Haken hat. Ein Bild findet sich bei Wikipedia.

Ich habe das ausprobiert und bin der Meinung, dass Muashis ursprüngliche Schwerttechnik aus Jitte und Katana bestand. Mit der Jitte hat er vermutlich (tödliche) Schläge geblockt und ist dann selbst mit dem Schwert zum (tödlichen) Angriff übergegangen. In späteren Jahren hat er dann ein Kurz- und ein Langschwert eingesetzt.

Die Zehn Gebote

Mein Vater kennt die Niten-Ichiryū-Schwertkampfschule Musashis und hat mir die Techniken beigebracht. Im Unterschied zu normalem Kenjutsu werden zwei Schwerter benutzt. Das kleinere kann man auch werfen.

Ich habe das als Kind gemacht, was meinen Vater zum Schmunzeln brachte. Mayumi „wütend“ war offensichtlich spaßig. Glück für ihn, es handelte sich um ein Plastikschwert. Ein echtes hätte ich ohnehin nicht geworfen. Hier nun Musashis Gebote:

  1. Habe nie arglistige Gedanken.
  2. Übe dich unablässig darin, deinem Weg zu folgen.
  3. Mache dich vertraut mit allen Techniken und Künsten.
  4. Studiere die Wege und Tätigkeiten vieler Berufe.
  5. Lerne in allen Dingen Gewinn und Verlust zu unterscheiden.
  6. Entwickle deine Fähigkeit, Dinge auf den ersten Blick zu durchschauen.
  7. Bemühe dich, das Wesen auch dessen zu erkennen, das unsichtbar bleibt.
  8. Vernachlässige nie deine Aufmerksamkeit, auch gegenüber den kleinsten Dingen.
  9. Halte dich nicht mit nutzlosen Beschäftigungen auf.
  10. Wenn es einen Weg gibt, der zu unbesiegbarem Selbstvertrauen führt, dem Einzelnen alle Schwierigkeiten überwinden hilft und ihm Ruhm und Ehre einbringt, so ist es der Weg des Kampfes.

Rückblick

Meine Vorfahren waren Vasallen des Tokugawa-Clans, der letztlich gegen den Toyotomi-Clan siegreich war. Tokugawa Ieyasu wurde nach dem Sieg zum berühmtesten Shogun Japans. Musashi, der für den Toyotomi-Clan kämpfte, stand also meinen Vorfahren gegenüber.

Vermutlich haben sie sich nicht persönlich getroffen sonst hätte vielleicht keiner überlebt. Musashi ist damals vom Schlachtfeld geflohen und begann seine Wanderung durch Japan. Meine Vorfahren haben weiter dem Shogun gedient. Relativ unspektakulär, wie ich vermute. Wer auffiel, verlor schnell den Kopf.

Ich denke, also bin ich

Vor einigen Jahren habe ich bereits den Beitrag „Das ist Kenjutsu!“ verfasst. Dort findet sich mehr über die japanische Art zu fechten. Noch schwieriger als den Weg der Samurai zu verstehen, ist für Europäer offensichtlich wie Japaner denken. Vielleicht helfen Musashis Zehn Gebote, die auch noch in der heutigen Zeit ihre Berechtigung haben.

Karate, Kicks und Kumite

Karate, Kicks und Kumite

Dieser Beitrag ist zum größten Teil zwischen dem Herbst 2019 und Frühling 2020 entstanden. Durch „Corona“ und unseren Aufenthalt in Schweden, hatte sich die Fertigstellung verzögert. Aktuell trainiere ich natürlich wieder mit meinem Vater. Ohne Maske versteht sich, um unsere finsteren Blicke zu sehen. Das war natürlich Spaß. Aber Papa behauptet stets, dass ich unlautere Mittel anwende und ihn zum Schmunzeln bringen kann. Meine Schilderung mag scheinbar disziplinlos sein, das Gegenteil ist der Fall. Karate ist Disziplin in Vollendung.

Mein Vater war sieben Jahre alt, als sein Vater begann ihn in Gōjū-Ryū-Karate zu unterrichten. Gōjū-Ryū ist ein Karate-Stil mit lang zurückreichender Tradition, der besonders viele Elemente des ursprünglichen chinesischen Boxens des 17. bis 19. Jahrhunderts enthält und auf den sogenannten Kranich-Stil aus China zurückgeht. (Daitō-ryū) Aikijūjutsu, die Urform des Aikido, lernte er einige Jahre später. Ebenso Kenjutsu, den Schwertkampf. Wie mein Vater mich, hat auch mein Großvater ihn in Zen unterrichtet. Aber still zu sitzen und zu meditieren, war schwierig für mich. Musik half. Papa hatte mich unruhigen Geist „besiegt.“ Zumindest für einige Minuten. Danach soll ich ihm angeblich wieder Löcher in den Bauch gefragt haben.

Aikijūjutsu diente als waffenlose Selbstverteidigung der Samurai und war für das Schlachtfeld gedacht. Entsprechend hart sind seine Techniken. Verlor der Samurai sein Katana, wurde er durch einen Schlag entwaffnet, hat er sich natürlich zu verteidigen versucht. Dafür war Aikijūjutsu gedacht. Wie sinnvoll oder effektiv es ist sich unbewaffnet gegen einen Schwertkämpfer zu stellen, steht auf einem anderen Blatt. In Filmen geht das, in der Realität verliert man mindestens die Finger oder Hand.

Mein Vater hat mir viel von meinem Großvater erzählt, der leider viel zu früh gestorben ist. Das Schicksal geht oft eigene Wege, aber vermutlich hätte ich den Mann gemocht. „Dich nicht zu mögen ist schwer“, hat mein Vater mir einmal gesagt. „Auch wenn du alles dafür tust.“ Meine Antwort ist wenig druckreif, aber Papa hat auf sehr japanische Art gelacht. Für Japaner ist Karate viel mehr als „Prügel“ und „Gewalt.“ Leider scheint man das im Westen kaum zu verstehen. Viele verschwenden ihr Leben mit einer Suche, um die allerletzte Weisheit im (Stil der eigenen Wahl einsetzen) zu erlangen. Sie suchen den Zweikampf, die Auseinandersetzung und glauben, dass der „Sieg“ über einen Kontrahenten Ruhm und Ehre bringt.

Das Gegenteil ist der Fall. Ich lehne Gewalt ab und wollte mich als Kind niemals prügeln. Und doch habe ich die eine oder andere Auseinandersetzung gehabt. Eine ist mir ganz besonders in Erinnerung geblieben, der ich den Titel „Wer die Nachtigall stört“ gab. Vielleicht zeigt diese Szene ansatzweise, wie ich wirklich bin. Teenager zu sein, hat mich zum Agent Provocateur werden lassen. Ich habe keinen Streit gesucht, aber auch keinen vermieden. Heiße Ohren hatte ich stets im Sonderangebot. Meist blieb es bei scharfen Worten, die auch heute noch hilfreich sein.

Mein Vater hat mich in einer Mischform aus Karate und Aikido unterrichtet hat. Anfangs spielerisch sind die Techniken im Lauf der Zeit härter und komplexer geworden. Aus dem eher sanften Aikido, das lediglich freundschaftliche Partnerübungen kennt, ging es nahtlos in die zum Teil schmerzhaften Techniken des Aikijūjutsu über. Wer nun glaubt mein Vater habe mir Schmerzen zugefügt, der kennt ihn schlecht. Andererseits bin ich wenig empfindlich, wenn es im Training zu Kontakten kommt. Schon als Kind habe ich dadurch meinen Körper abgehärtet. Mein Vater ist ein Vertreter des klassischen Karate. Er lebt und atmet diese Kunst. Trotzdem wagt er den Blick über den Tellerrand, hat aber, im Gegensatz zu mir, keine anderen Kampfkünste aktiv trainiert. Überrascht bin ich immer, wenn er doch Antworten auf Techniken anderer Stile kennt. Auch mit fast Sechzig, ist er immer noch sehr gut und ein ausgezeichneter Lehrer.

Leider erinnere ich mich nicht mehr an die unzähligen Stunden in Keller-Dojo. Lediglich Einzelheiten tauchen aus dem Nebel der Erinnerung auf. Ab und zu waren auch andere Kinder zu Besuch, dann wurden wir gemeinsam unterrichtet. Es muss wohl durchaus spaßig gewesen sein, wenn wir mit einem Schaumstoff-Katana aufeinander losgegangen sind. Eine Szene ist mir im Gedächtnis geblieben, als wir Kinder meinen Vater „verprügeln“ durften. Wir haben so laut gelacht, dass auch meine Mutter in den Keller kam und ihn vor uns „gerettet“ hat. Hinterher gab es leckeren Kuchen. Läuft das eigentlich unter Bestechung?

Im Normalfall wird Aikido erst ab dem 14. Lebensjahr gelehrt, was durchaus sinnvoll ist. Mein Karate kennt Nah- und Bodenkampf. Das habe ich mit Aikijūjutsu kombiniert und meinen eigenen Stil entwickelt. Kyokushin-Karate, Taekwondo, Tai Chi, Hung Gar und Wing Chun, habe ich später gelernt. Ein Ausflug in den Kranich-Stil wird folgen. Um jedem Missverständnis vorzubeugen und die Frage zu beantworten, ob es einen „besten Stil“ gibt, werde ich es noch einmal erklären. Jeder Stil ist gut. In jedem Stil wird es hervorragende Kampfkünstler oder -sportler geben.

Im Schwertkampf ist mir mein Vater ab und zu noch überlegen. Als Kind hatte ich so meine Probleme damit. Ich erinnere mich an eine Szene, als wir die Zweischwert-Techniken übten. Ich hatte zwei Plastikschwerter, auf die ich mächtig stolz gewesen bin. Aber mein Vater schlug sie mir stets aus der Hand. Mayumi „wütend“ ist kein Spaß. Mit einem lauten Schrei habe ich das kürzere Schwert nach ihm geworfen. Miyamoto Musashi, Japans größter Samurai, hat das bei einem seiner legendären Zweikämpfe ebenfalls gemacht. Papa war überrascht und mir tat es sofort wieder leid. Ich habe mich danach doppelt angestrengt.

Aikijujutsu kennt kein Sparring. Wie in dem daraus entstandenen Aikido, werden dort lediglich Partnerübungen ausgeführt. Alles andere wäre viel zu gefährlich. Statt der weit ausholenden Aikido-Bewegung, wird eine Aktion im Aikijujutsu „kurz“ ausgeführt, was im Ernstfall zu Verletzungen bei einem Angreifer führt. Spaßig wird es, wenn wir eine Mischung aus Judo und JiuJitsu trainieren. Dabei geht es nie darum wer gewinnt oder verliert. Allerdings ärgert er mich gern, was meine Gegenreaktion provoziert. Aber egal wer zum Schluss am Boden liegt, im Endeffekt gewinnen wir beide.

Außenstehende verwechseln oft Kampfkunst und -sport. Im Sport geht es um Punkte, um den Sieg, um Preisgelder und Medaillen. Ein Sieg in der Auseinandersetzung zweier Kampfkünstler wäre eine Niederlage für beide. Der Gewinner würde sein Gesicht verlieren, der Verlierer wäre „tot.“ Sich aber auf freundschaftlicher Ebene auszutauschen, dem anderen Respekt zu zollen, ist legitim. Es sollte niemals so enden, wie das Erlebnis mit einem Karateka aus Okinawa zeigt.

Dazu noch ein Hinweis. Wer ursprüngliches Karate lernen möchte, der geht ohnehin nach Okinawa. Die dortigen Meister sind eine Klasse für sich, haben aber manchmal auch verschrobene Ideen. Wir hatten ein solches Exemplar vor einigen Monaten zu Gast. Der Mann ist über 70 Jahre alt und lehrt seinen eigenen Stil, den er vermutlich mit ins Grab nehmen wird. „Karate sollte man erst mit zwanzig Jahren lernen“, sagt er im Brustton der Überzeugung, als er uns mit Aiko trainieren sieht. „Sollten nicht schon Kinder Disziplin und Ausdauer lernen?“, kontere ich. „Genau dafür bietet sich Karate an.“

Der Meister, den ich Sensei Masada nennen möchte, schaut mich mit ausdruckslosen Augen an. In Aikos Gesicht lese ich Widerwillen. Tapfer bringt sie das Training zu Ende und geht dann mit Yuki nach Hause. Europäische Kinder hätten dem Sensei zum Abschied vielleicht die Zunge gezeigt, Aiko belässt es bei ihrem finstersten Blick. Mein Vater erzählt Sensei Masada stolz von meinen sportlichen Erfolgen und warum ich den 5. Dan bekommen habe. „Sportkarate verwässert die Tradition“, meint der alte Mann. Er deutet auf ein Bild von mir, das mich bei einem gesprungenen Drehkick zeigt.

„Ohne Kickboxen und Sportkarate, wäre das klassische Karate längst tot“, erwidere ich. „Vielleicht nicht ausgestorben, aber es hätte sich nie weltweit verbreitet.“ „Ist es erstrebenswert, dass die ganze Welt nun falsches Karate kann?“, will der Sensei wissen. „Sportkarate hat doch erst die Neugier auf die Tradition geweckt“, gebe ich zu bedenken. Japan, die ganze Karate-Welt besinnt sich zurück, der alte Weg wird wiederkommen. Ich stimme jedoch zu, dass klassisches Karate einer gewissen geistigen Reife bedarf. Wenn es an der Zeit ist, werden wir Aiko auch in Zen unterrichten.“

„Karate ist für Kinder zu gefährlich“, widerspricht der Sensei. „Sie haben noch keine Kontrolle über sich, wie leicht könnten sie andere verletzen. Ihnen fehlt der eiserne Wille, der zur Meisterung von Karate wichtig ist. Die Gefahr, dass sie das Erlernte falsch einsetzen ist groß.“ „Was wäre die Alternative?“, frage ich.Judo wäre für Kinder die bessere Wahl“, höre ich. Womit Sensei Masada durchaus recht hat. Was er nicht weiß, dass wir auch Würfe unterrichten. Noch weniger weiß er allerdings, dass unser Frechdachs jeden Wurf perfekt ausführen kann. Einige Jungs haben das schon am eigenen Leib erlebt.

Der Sensei hat einen Schüler mitgebracht, den ich Sasuke nennen möchte. Seine überhebliche Art weckt sofort meinen Widerwillen. Wir laufen einige Kata, es folgt das unvermeidliche Kumite. Sasuke ist größer und schwerer als ich. Ich ahne mehr als ich weiß, dass er seine körperliche Überlegenheit ausspielen will. Wir beginnen mit Sport Kumite. Dort werden Treffer lediglich angedeutet. Aber Sasuke will davon nichts wissen und sucht absichtlich den Kontakt.

Einen Zweikampf nur mit Worten zu beschreiben kann schwierig sein. Selbst im Video sieht er wesentlich schlechter aus, als in diversen Filmen. Dort wird ohnehin nur eine Art „Ballett“ gezeigt. Auf der Straße entscheiden etwa 9 Sekunden über „Leben und Tod“, um es salopp auszudrücken. Sasuke erweist sich als regelrechte Kampfmaschine. Unaufhörlich marschiert er nach vorn, es hagelt Tritte und Schläge, denen ich kaum ausweichen kann.

Als Frau bin ich gegenüber der Physis eines Mannes natürlich im Nachteil. Pure Kraft kann ich nur mit Schnelligkeit ausgleichen. Trifft mich ein harter Tritt, gehe ich zu Boden und / oder bin (schwer) verletzt. Hollywood- oder sogenannte „China-Filme“ zeigen nicht die Realität, wenn weibliche Hauptdarstellerinnen brutale Schläge von Männern verkraften können. Allerdings kann man durch Körperkontrolle, die Wucht eines Treffers abmildern.

Sasukes Grinsen verstärkt sich, als ein zu harter Tritt meine Bauchmuskeln trifft. Als Antwort kicke ich im Reflex ebenso hart in die Innenseite seines Oberschenkels, was ihm überhaupt nicht gefällt. Das versteinerte Gesicht meines Vaters spricht Bände. Ich sehe, wie sich seine Hände zu Fäusten ballen. Fast unmerklich schüttele ich den Kopf und provoziere Sasuke mit Worten. Seine Antwort ist ein sogenannter „Roundhouse-Kick“, der jedem anderen vermutlich die Rippen gebrochen hätte. Dieser Mann ist nicht reif für Karate, das beweise ich ihm sofort.

Ich bin im (Sport)Karate, was man beim Boxen eine Konterboxerin nennt. Meine Antwort auf Sasukes Tritt, ist ein gesprungener (Kyokoshin)Drehkick zu seinem Kopf, der das Duell abrupt beendet. Sasuke liegt benommen am Boden, Sensei Masadas Lippen werden schmal. Er ringt mit sich, der Vorfall ist ihm sichtlich unangenehm. „Das hätte auf keinen Fall geschehen dürfen“, sagt er. Wortlos geht er auf den noch immer benommenen Sasuke zu und hilft ihm auf die Beine zu kommen. Dann verlässt er mit ihm den Raum.

Sensei Masada hat meinem Vater später einen langen Brief geschrieben und sich in aller Form entschuldigt. Auch bei mir. „Geistige Reife“, schrieb er, „hat offensichtlich doch weniger mit dem Alter zu tun, als ich bisher angenommen habe. Das Verhalten meines ehemaligen Schülers fällt auf mich zurück, ich habe als Lehrer versagt.“ Soweit ich informiert bin, hat der Sensei sein Dojo mittlerweile geschlossen. Sasuke hat er noch am Tag des Vorfalls verstoßen.

Um ansatzweise deutlich zu machen wovon ich schrieb, habe ich ein Video aus dem Netz gesucht, das Kyokushin-Kicks in Vollendung zeigt. Diese Tritte habe ich vor Jahren beim Training mit meinem Cousin gelernt. Zarte Gemüter seien gewarnt. Solche Treffer können schmerzhaft für Leib und Seele sein.

 

 

Das ist Kenjutsu!

Japan, die Samurai und ihre Schwertkunst, sind vielen Menschen ein Begriff. Die scheinbar unschlagbare Technik der Samurai, hat schon immer fasziniert. Aber was genau ist diese Kunst. Das soll dieser Artikel klären.

Samurai beherrschten die Kunst des Kenjutsu. Aber Kenjutsu ist nur der Oberbegriff aller Formen der japanischen Schwertkunst, insbesondere jener Disziplinen, welche vor der Meiji-Zeit (1868 bis 1912) entstanden sind. Die heutigen Formen des modernen Kendō und Iaidō, die im 20. Jahrhundert entstanden, haben ebenfalls ihren Ursprung zu dieser Zeit. (Quelle Wikipedia)

Schon sehe ich große Fragezeichen in den Augen meiner LeserInnen leuchten. „Ist Kendō keine Kunst?“ Wie schon in meinen Artikeln über Karate und Aikido, gibt es auch beim Schwertkampf den gleichen Unterschied. Kendō ist quasi die Sportvariante des alten Stils.

Wie beim chinesischen Wushu (Kung Fu) und dem Karate, steht Kenjutsu nicht nur für einen Stil. Auf Anhhieb fallen mir locker zwei Dutzend Schulen ein, die miteinander konkurrieren. Keine ist besser oder schlechter als die andere. Jede ist auf ihre Weise gut. Und bei Vergleichen gewinnt immer nur der besser trainierte Kämpfer. Und das kann auch ein HEMA Fechter sein.

HEMA ist der Oberbegriff der Historical European Martial Arts. Aber davon vielleicht ein andermal mehr. Erwähnt habe ich HEMA lediglich, um die immer aufkommenden Diskussionen, wer bei einem Zweikampf (europäischer) Ritter gegen einen Samurai gewinnt, kurz anzusprechen.

Die Antwort ist ganz einfach. In voller Montur (Rüstung) bei gleichen Fähigkeiten, wird der Ritter gewinnen. Im Gegensatz zu anderen Experten sage ich, dass es nicht am Waffenstahl liegt, einzig die bessere Rüstung macht den Unterschied. Bei einem Kampf ohne Rüstung, ist der Sieger nicht vorauszusagen. Vielleicht hätte der Samurai gewonnen, wenn er noch in Aikijujutsu ausgebildet war.

Als ich vor einigen Jahren meinen Blog erstellte, hatte ich bewusst nur meine Ausbildung in Kendō erwähnt. Ich wollte Leser nicht mit Details verwirren. Nun reicht der Stammbaum meiner Familie bis in die Zeit Oda Nobunagas und weiter zurück. Sie war allerdings dem Tokugawa Clan verpflichtet, aus dem der legendäre Shogun Ieyasu Tokugawa hervorgegangen ist.

Vielleicht Schicksal, mit Sicherheit aber ein Glücksfall. Auf der Gegenseite hätten meine Vorfahren nicht überlebt. Aufzeichnungen belegen, dass meine Familie unter anderem im Yagyū Shinkage-ryū Stil unterrichtet worden ist, aber auch andere Schulen kannte. Yagyū Muneyoshi, der Namensgeber, hat diesen Stil am Hof des Shoguns etabliert.

Wenn ich unter anderem schreibe, muss ich auch Miyamoto Musashis Niten ichi-ryu Stil nennen, in dem Kurzschwert Langschwert gleichzeitig zum Einsatz kamen. Zwar wird gern behauptet, dass Musashi diese Form erfunden hat, so ganz richtig ist das aber nicht. Einen ähnlichen Stil gab es schon früher und auch die legendären Ninja haben ihn zum Teil benutzt.

Als Mädchen, habe ich die Zweischwerttechnik gern benutzt.  Der Grund war simpel, ich konnte dabei schummeln. Wenn ich am verlieren war, habe ich einfach das Kurzschwert geworfen. „Wie kannst du nur, Mayumi!“ Ich konnte, das habe ich von Musashi gelernt. Sieger: Ich.

Mein Vater hat mich gern im Schwertkampf unterrichtet. Scherzhaft habe ich als Teenager gesagt, dass er mich da endlich mal verhauen kann. Es fällt schwer meinem Vater aus der Reserve zu locken, aber mit dem Satz habe ich ihn zum Lachen gebracht.

Kann nun, bei gleichen Fähigkeiten, ein Kendō Fechter einen Kenjutsu Meister schlagen? Die Antwort ist ein klares Nein. Im Kendō sind nur noch wenige Angriffe und Formen zugelassen. Kenjutsu ist die komplette Kunst, die bitte nicht wörtlich zu nehmen ist.

Kenjutsu ist eine effektive Art den Gegner zu besiegen. Und das endete meist mit dem Tod. Katana schlagen schreckliche Wunden. Die Samurai haben das meist an Bambus geübt, der die gleiche Konsistenz wie menschliche Knochen hat. Aber auch an Verbrechern. Und das war nicht besonders nett.

Vergleiche mit anderen Fechtstilen fallen immer schwer. Auch in China gab es gute Kämpfer. So war ein im Wudang Schwertstil ausgebildeter Chinese einem Samurai zumindest ebenbürtig. Und die chinesischen Jian Schwerter sind ebenfalls sehr gut. Ich werde das eines Tages testen.

In verschiedenen Martial Arts Filmen werden gern Kämpfer gezeigt, die mit Kurzwaffen gegen einen Samurai antreten, diesem minutenlang Paroli bieten und letztlich besiegen. Das sollte man besser als das sehen, was es auch ist: ein Film.

Es mag durchaus Menschen gegeben haben, die einen nur mäßig begabten Samurai entwaffnen und besiegen konnten. Allein schon von der Länge der Klinge sollte jedem der Sieger eines solchen Duell klar sein. Der Samurai hätte seinem Gegner die Hand abgehackt und ihn dann lässig aufgeschlitzt.

Eine kurze Erwähnung verdient auch noch Iaidō, das sich aus dem Iaijutsu oder Battōjutsu entwickelt hat. Ich habe so meine Probleme damit, es als eigenen Stil zu sehen. Iaijutsu / Iaidō ist nichts anderes als die Kunst des Schwertziehens und dieses noch in der Bewegung zu nutzen. Japanische Regisseure haben das gern in ihren Werken gezeigt.

Unter anderem wird Iaijutsu auch in den Zatoichi Filmen präsentiert. Der blinde Held zieht dort meist blitzartig sein Schwert und tötet Gegner noch in der Bewegung. Kenjutsu dagegen sind alle Techniken, die mit bereits gezogener Waffe ausgeführt werden.

Ich habe lange auf youtube gesucht und mich dann für ein Video entschieden, das die effektive Art des Kenjutsu auch für Laien deutlich macht. Auf Show wird dabei verzichtet. Was in dem Video gezeigt wird, wäre im Ernstfall tödlich.

 

Gar lustig ist das Studentenleben

Als ich nach dem Abitur zur Uni ging war alles anders. Neue Menschen, neue Eindrücke, ein völlig neues Leben. Und doch zum Teil vertraut. Da ich in Düsseldorf studierte brauchte ich keine Wohnung. Und Geld war nie ein Problem. Ich konnte also ganz entspannt lernen. Aber wilde Partys, ein lustig-lockeres Studenleben, habe ich gemieden. Wozu hätte das gut sein sollen? Ich bin durchaus zielorientiert. Was ich erreichen möchte, das gehe ich ohne Umschweife an. Wenn auch auf meine eigene Weise.

Wer nun glaubt ich habe keinen Spaß gehabt, der irrt sich gewaltig. Aber bei mir kam vor dem Vergnügen immer die Arbeit. Ganz klassisch, habe ich nur am Wochenende Party gemacht. Gute Klausuren waren mein Dank. Auch, wenn ich vielleicht einige Jahre länger studierte. Das lag aber weniger an schlechten Noten. Vielmehr fing ich damals dreimal von vorn an. Psychologie, Germanikstik, BWL. Nun habe ich immer schon viel gelesen und Psychologie hat mir am Anfang Spaß gemacht. Aber all diese Theorie, all diese endlosen Stunden vor Büchern, haben mir die Augen geöffnet. Ich habe analysiert und erkannt, dass das kein Weg zum Erfolg für mich wird. Ich denke anders, als viele Menschen. Eine tiefere Beschäftigung mit Depressionen, Borderline und Narzissmus liegt mir nicht. Das liegt weniger an mangelnder Sensibilität, als an meinem unbedingten Lebenswillen. Und der verbietet mir im Meer der Tränen zu schwimmen.

Schon als Teenager habe ich Haikus geschrieben und viel gelesen. Lust auf Literatur, auf Sprache(n), hatte ich schon immer. Germanistik war also meine zweite Wahl. Wie funktionieren Texte, wie funktioniert Sprache? Das hat mich interessiert. Vor allem neuere Deutsche Literaturwissenschaft. Die Idee war damals, Journalistin zu werden, oder in die Werbebranche zu gehen. Auch Rundfunk und Fernsehen standen zur Wahl. Aber nach zwei Semestern habe ich wieder aufgehört. Es lag an der engen Vernetzung der Universität mit der Wirtschaft. Plötzlich hatte ich meine Chance erkannt. Vor allem die Chance auf Sicherheit. Und die hat in unserer Familie große Tradidtion. Was lag also näher, als auf BWL zu schwenken. Und genau das habe ich getan.

Vielleicht war es in gewisser Weise auch Neugier, die mich so handeln ließ. Trotz einer zum Teil konservativen Einstellung, bin ich vielen Dingen gegenüber aufgeschlossen. Tradition bedeutet mir viel, aber auch die Veränderung. Wie im Karate, habe ich mich weiterentwickelt. Komplexe Zusammenhänge zu analysieren, war für mich kein Problem. Das mache ich ohnehin den ganzen Tag. Ich analysiere Menschen, Texte, Situationen. Selbst meinen Blog. BWL hat mir dabei geholfen diese Fähigkeit noch zu meistern. Aber Spaß sieht anders aus. Dazu gleich mehr.

Vielleicht ist dem einen oder anderen Leser der Name Miyamoto Musashi ein Begriff. Musashi war der vermutlich beste Samurai aller Zeiten, der perfekte Krieger. Er hat unter anderem die Zweischwerttechnik entwickelt und in seinem Leben jedes Duell gewonnen. Und davon hatte er er sehr viele. Musashi war nach heutigen Maßstäben ein wilder Kerl. Ein Killer, ein Kämpfer. Im Alter von dreizehn Jahren, hatte er sein erstes Duell. Siebzehn Jahre lang zog er durch Japan und forderte die Besten der Besten heraus. Mit Ende Zwanzig war er unschlagbar. Und doch verbrachte er sein ganzes Leben damit, seine Technik weiter zu verbessern. Musashi ist für damalige Verhältnisse sehr alt geworden. Und es war eine Krankheit, die ihn besiegte. Kein Mensch hat das jemals vollbracht.

Musashi hat das mit dem besiegen wohl anders gesehen. Er hat, den Tod vor Augen, sein berühmtes Werk „Das Buch der fünf Ringe“ geschrieben. Dieses Werk hat ihn unsterblich gemacht. Auch wenn sein Name einige Zeit in Vergessenheit geriet, so wurde er letztlich wiederentdeckt. Seine Schüler haben Musashis Tradition und Schwertkunkst bewahrt. Einer davon ist mein Vater. Er beherrscht sowohl Kendo, wie auch klassisches Kenjutsu, die alte Schwertkunst. Was hat das nun mit BWL zu tun? Nun, das Buch der fünf Ringe kenne ich seit ich ein kleines Mädchen bin. Ehrfürchtig habe ich es gelesen. Auch, wenn mir damals noch das tiefe Verständnis für die Zeilen fehlte. Nun muss man wissen, dass dieses Werk für japanische Manager so etwas wie Pflichtlektüre ist. Sein Inhalt macht selbst nach vielen hundert Jahren noch Sinn. Zwar werden in der Neuzeit keine Schwerter mehr benutzt, aber der Überlebenskampf in Wirtschaftsunternehmen hat viel mit Schlachten und Duellen zu tun.

Durch Yukis Eltern, haben wir sehr gute Kontakte in die Automobilbranche. So gut, dass wir nach Ende des Studiums sofort in den Beruf eingestiegen sind. Drei lange Jahre habe ich als Assistentin gearbeitet. Zahlen, Statistiken, Bewertungen, Analysen, das war nun meine Welt. Kaffee gekocht haben andere, dafür hatte ich nicht studiert. Zicke und Biest, hat nicht nur Mann mich genannt. Dabei wusste ich nur, was ich wollte. Und wie Musashi, so bin ich zielorientiert meinen Weg gegangen. Vielleicht weniger rücksichtslos. Aber auch mit weniger Regeln behaftet. In gewisser Weise war Musashi vermutlich eine Art von Ninja. Er hat sich wenig an die klassischen Samurai-Regeln gehalten. Hatte er ein Duell, so kam er absichtlich zu spät. Er provozierte sein Gegenüber damit und konnte seine Kämpfe so gewinnen. Nutzte sein Gegner ein Langschwert, benutzte Musashi ein noch längeres Schwert. Oder er setzte zusätzlich ein Kurzschwert ein. Der Kampf mit zwei Schwertern war den Samurai damals noch unbekannt.

BWL hat mir selbst als Berufsanfängerin viel Geld eingebracht. Aber auch meine Kreativität in einem Maß eingeschränkt, die mich erschreckt hat. Meine Liebe zu Kunst, zu Musik und Literatur, haben mich gerettet. BWL war plötzlich nur noch ein Meilenstein auf meinem Weg zur Perfektion. Ein gewonnenes Duell. Nun brauchte ich einen neuen und noch besseren Gegner. Und im Spiegel sah ich mich selbst. Yuki und ich sind im Herbst 2013 zurück auf die Universität gegangen. Auch sie wollte eine Veränderung. Da wir fast alles gemeinsam machen, war das nur die logische Wahl. Ich werde auch dieses Duell meistern und meinen Weg gehen. Bis zur Perfektion. Und irgendwann werde ich die perfekte Kriegerin sein, ein weiblicher Musashi. Mein Kenjutsu werden Worte sein, meine Katana die Feder. Und über allem wird der Regenbogen leuchten.