Warum man in Japan nicht Chinesisch spricht

Für die meisten Menschen bleiben Japan und China ewig fremde Länder. Das liegt vor allem an der Schrift, die Europäer in den Wahnsinn treiben kann. Gemeint ist Kanji und nicht noch Japans Kana, die sowieso nur wir verstehen. Schaut man sich die Kanji in beiden Ländern an, so wirken sie auf den ersten Blick gleich. Ein Irrtum, wie wir gleich bemerken.

Japan hat als Schrift einst die chinesischen Kanji übernommen und auch lange 1:1 genutzt. Nun sind Japaner dafür bekannt, Dinge gern zu ändern. Aber eigentlich haben das die Chinesen getan. Die Reform der Kanji hat Japan so nicht übernommen und bereits 1946 eine eigene gemacht. Nur in Taiwan, Korea und Hongkong blieb die Langschrift Maß aller Dinge, was für weitere Verwirrung sorgt. Und im Lauf der Zeit haben sich auch Bedeutungen verändert, wie ich noch zeigen werde.

Ein Wort zu Koreanern, die nun wirklich Probleme mit Chinesen haben. Dort hat man sogar eine eigene Schrift erfunden, um den Kanji zu entgehen. Was ich schade finde und mittlerweile viele Koreaner auch. Daher ist es verständlich, wenn das Interesse an Kanji neu erwacht.

Und dann gibt es noch die Kokuji-Zeichen, die eigens für Japan geschaffen worden sind. Auf den ersten Blick sind das auch nur normale Kanji. Nur bezweifle ich stark, dass die in China jemand lesen kann. Ebenso habe ich meine Probleme mit Zeichen, die eine völlig andere Bedeutung haben. Aber beim Schwein – 猪 – ist es fast kein Problem. Wir sagen Wildschwein / Wildsau dazu. Aber Wild mag ich nicht essen. Das bin ich lieber, wenn auch gezähmt durch meine Elfe.

Das Zeichen 手紙 ist ein perfektes Beispiel für einen großen Unterschied. Ulrike vom bambooblog wird nun vermutlich lachen und das „Klopapier / Toilettenpapier“ erkennen. Aber in Japan heißt das auch Brief. Gut, aus Papier sind die beide. Und mit so manchem Brief kann Frau sich den Hintern wischen. Witzig ist das Zeichen auf jeden Fall.

Chinesen und Japaner können sich durchaus noch mit Kanji unterhalten. Auch, wenn es zunehmend schwieriger wird. Das liegt mit daran, dass nicht alle Japaner alle Kanji lesen können. Und auch ich bin nicht perfekt. Trotzdem traue ich mir zu in China meine Frau zu stehen und zumindest den Sinn von Worten zu erkennen. Und einige Mandarin-Worte kann ich schon. China, wir kommen! Zumindest irgendwann.

Die ganz alten Kanji sind kaum noch in Gebrauch. Die braucht keiner mehr und niemand mag sie nutzen. Aber mein Papa hat darauf geachtet, dass ich sehr viele neue Kanji lesen kann. Aber noch besser kann ich die beiden Kana. Vielleicht sollte ich den Blog doch auf Japanisch …? Ich meine ja nur, das wäre Fun.

Nein, in Japan kann man kein Chinesisch. Daher hat man auch die eigene Schrift erschaffen. Wo käme der stolze Japaner da auch hin, wenn die chinesischen Schwestern und Brüder, die auch noch erfunden hätten. Dass die Kana auch nur reduzierte Kanji sind, das haben viele vergessen.

Out with Dad

Es gibt eine kanadische Webserie, von der ich den Titel dieses Beitrags stibizt habe. Wer sie sehen mag, hier ist der Link: Out with Dad.  Out with Dad handelt von Rose Miller und ihrem Coming-out als Lesbe. Aber ich mag keine Geschichten über andere Menschen schreiben, ich schreibe selbst Geschichte(n über mich).

Wieder bin ich auf Zeitreise. Mayumi vor fünfzehn Jahren, einige Zeit nach meinem Coming Out. Der Ort ist unser Keller-Dojo in Düsseldorf, die Akteure mein Vater und ich. Nichts hat sich geändert seit ich meine Eltern schockte. Vielleicht geben sie mir nun noch mehr Aufmerksamkeit. Meine Mutter wirkt hilflos, verunsichert. Aber sie ist tapfer und mein Ego kann sie trösten. Verkehrte Welt.

Mein Vater ist wie immer, er bringt mir weiter Karate und Aikido bei. Natürlich hat er Fragen, natürlich ist es schwer für ihn. Aber im Gegensatz zu vielen anderen Eltern, haben meine nicht mit Unverständnis reagiert. Ich bin erleichtert. Aber Leidensdruck hat sich bei mir nie aufgebaut. Vom Moment der eigenen Erkenntnis und dem Coming Out gegenüber meinen Eltern, ist nur wenig Zeit vergangen. Das ist wichtig, das ist gut.

„Männer wollen Söhne haben“, sagt mein Vater unvermittelt. „Ein Sohn schreibt die Geschichte der Familie fort. Töchter verschlingt die Zeit. Von ihnen bleiben meist nur Kinder.“
Viele Frauen haben das Talent Worte falsch aufzufassen. Und vermutlich wären meines Vaters Worte ein Affront für sie.
Ich verstehe ihn besser, ich verstehe ihn gut.
Im Dojo gibt es auch Papier und Stifte, dort üben wir oft Kanji-Zeichen.
Lächelnd male ich Mayumi auf das Papier und reiche es meinem Vater.
Auch Töchter können schreiben. Und er versteht.

Ich kenne meinen Vater und weiß wie er denkt. Was er sagte ist nicht die Information. Es sind die unausgesprochenen Gedanken, der Ausdruck in seinem Gesicht.
„Ich würde dich um keinen Preis der Welt hergeben“, steht da. Und „Ich bin stolz auf dich.“
Ja, er hat mir das schon oft gesagt. Auf seine Weise. Männer können seltsam sein. Vor allem, wenn sie aus Japan sind.
„Hast du Angst mich zu verlieren?“, frage ich direkt.
„Ja“, sagt er nach kurzem Zögern. „Wir haben diese Angst. Ich weiß sie ist unbegründet. Wir wussten immer, dass du ein besonderer Mensch bist.“
„Ich bin immer noch ich“, sage ich. „Nichts hat sich geändert. Auch wenn ich nun weiß, was ich bin.“
Wissen ist Macht.

„Wir formen Kinder nach unserem Bild“, fährt mein Vater fort. „Wir erwarten, dass sie so sind wie wir. Oder noch ein Stück besser.“
„Bringst du mir deshalb Karate bei?“, erwidere ich im Scherz.
„Du wirst immer eine Rebellin sein und gegen etwas kämpfen“, sagt mein Vater. „Auch gegen die Dämonen in dir. Karate und Zen-Buddhismus werden dir helfen, um Ruhe zu finden.“
Mein unruhiger Geist hat in den Jahren des Trainings viel gelernt. Noch immer bin ich wilder, als die meisten Menschen. Und doch hat mir Budo viel gebracht.
Mein Coming Out war keine große Sache für mich. Kurz nachgedacht und dann nach vorn marschiert. Diplomatie ist anders, aber es war der richtige Schritt.

„Ich werde also keinen Schwiegersohn haben“, sagt mein Vater. „Das ist schon ärgerlich. Ich hoffte so, auch deinen Mann im Dojo zu begrüßen.“
Schalk blitzt in seinen Augen. Nur ich kann ihn sehen.
„Pech gehabt, lieber Papa“, erwidere ich frech.
„Dann werde ich deine Kinder trainieren“, beschließt er. „Du willst doch welche haben?“
„Papa!“, entfährt es mir empört. „Die Kinder bekommt natürlich meine Frau. Und du wirst dann zwei Töchter haben. Das ist doch kein Problem für dich?“
„Wenn ich sie auch unterichten darf“, sagt er augenzwinkernd. „Und nun konzentrier dich wieder. Es gibt noch viel zu tun.“
„Ja, Chef“, sage ich.
Und das habe ich nur zu ihm gesagt.

Die Beziehung zu meinen Eltern ist von Liebe und Respekt geprägt. Und auch, wenn ich meist von meinem Vater schreibe, sind die Gefühle für meine Mutter ebenso tief. Sie hat mich Sanftheit gelehrt, das liegt in ihren Genen. Dabei kann sie trotzden bestimmend sein. Meine Mutter hat mich wie Kuchenteig geformt. Nie mit Gewalt, immer mit einem Lächeln und sanfter Hand. Und nicht nur dafür liebe ich sie.

Mein Vater konnte durchaus etwas ruppiger sein. Im Nachhinein betrachtet, hat er mich oft wie einen Jungen behandelt. Aber mit Engelsgeduld, hat er mir immer wieder die Techniken des Karate und Aikido gezeigt. Auch den Schwertkampf und die Kanji-Zeichen.
„Du bist besser als jeder Junge, den ich mir vielleicht gewünscht hätte“, sagt er unvermittelt.
Und das ist das höchste Lob von seiner Seite. An diesem Tag wachse ich auf zwei Meter. Aber sofort stutzt mein Vater mich mit Würfen auf meine wahre Größe.
Wisst ihr nun warum ich so klein geblieben bin?

Von Freund und Feind

FreundInnen fragen mich immer wieder, wie mein Verhältnis zu China und Korea ist. Diese Frage mutet vielleicht seltsam an, macht aber für Japaner durchaus Sinn. Die Geschichte der drei Völker ist von Hass und Gewalt geprägt, was ich leider nicht verstehen kann. Und damit habe ich vermutlich vorab jene Frage schon geklärt. Aber ich möchte noch mehr zu dem Thema sagen.

China ist für mich ein faszinierendes Land. Die Geschichte, die Kultur, ist einzigartig. Die Japaner haben viel von China übernommen, aber auf japanische Bedürfnisse angepasst. Ob das nun immer besser war, ist schwer zu sagen. Kanji-Zeichen funtionieren in China sehr gut. Chinesen brauchen keine zweite, oder gar dritte Schrift. Nur die Japaner hatten eigene Ideen und das Hiragana und Katakana erfunden. Und an den Kanji-Zeichen haben sie auch gebastelt, was zu einigen Verwirrungen führen kann.

Die alten Japaner waren nicht immer sehr nett zu anderen Völkern. Daran führt kein Weg vorbei. Schuldig an Kriegen fühle ich mich nicht. Warum sollte das so sein? Ich lebe im „Hier und Jetzt“ und nicht vor tausend Jahren. Irgendwann werden wir China besuchen und auf den Spuren von Kaisern und Philosophen wandeln.

Das Talent der Japaner Dinge zu übernehmen ist unbestritten. So auch geschehen mit Kung Fu. Das heißt heute in Japan Karate. Wirklich besser ist es nicht. Nun kann ich den Aufschrei in Japan förmlich hören und auch bei glühenden Karate-Verfechtern in aller Welt. Aber das ist mir egal. Ich kenne beide Welten sehr gut. Letztlich kommt es immer auf den Menschen an. Ein schlecht trainierter Karate-Schüler, wird einem Meister des Kung Fu immer unterliegen. Und umgekehrt. Das wars. Ein ultimatives System gibt es in der Kampfkunst nicht.

Von Korea weiß ich nicht sehr viel. Nur, dass dort nette Menschen leben, die tolle Filme machen. Und ich kenne Taekwon-Do. Gespanntes Verhältnis meinerseits zu Koreanern? Fehlanzeige. Sieht man von den beiden jungen Koreanern ab, die Yuki und mich im Asia-Shop angemacht haben. Aber das war ein Einzelfall und meine harten Worte eine typische Mayumi Anti-Mann-Reaktion.

Für mich gibt es keine „bösen“ Nachbarn, oder gar verhasste Völker. Mein Feindbild war lange ausschließlich Mann. Aber der hatte keine Nationalität. Heute sind es meist PolitikerInnen und JournalistInnen. Und alle homophoben Menschen. Gegen die stehe ich auf. Zur Not mit Wort und Tat.

Für mich sind Chinesen und Koreaner Freunde. Aber Franzosen und Engländer auch. Auch Polen, oder Russen. Wo ist das Problem? Gemeinsam können wir so viel mehr erreichen, als wenn wir uns bekriegen. Ich stehe lieber im friedlichen Wettstreit um die schönsten Worte, als einen Krieg mit Fäusten zu beginnen.

Die wahre Schönheit

Wahre Schönheit kommt von innen heißt es. Wissenschaftliche Untersuchungen haben dieses Klischee bestätigt. Die Bewertung von Fotos fiel bei den Probanden anders aus, wenn sie die betreffenden Personen kannten. Das (gute) Aussehen spielte dann eine weniger große eine Rolle. Als typisch japanische Schönheit, habe ich all diese Probleme nicht. Vor allem nicht mit meinem (guten) Namen. Aber dazu später mehr.

Wie nehmen wir anderen Menschen eigentlich wahr? Was gilt als schön und was nicht? Als Frau, die selbst nur Frauen liebt, sehe ich viele Dinge anders. Und auch wieder nicht. Aber immerhin muss ich keinem Mann gefallen. Viele Frauen glauben, dass es eine Pflicht zur Schönheit gibt. Mit allerlei Cremes und Gels wird der Körper malträtiert. Auch diverse Färbemittel dürfen nicht fehlen. Wollte die Frau von Welt nicht immer schon ein süßes Blondchen sein? Nagellack und Mascara sind der Alltag. Das lebenswichtige Lipgloss nicht zu vergessen. Hüftspeckig zwängt sich die so verschönte Dame dann gern in viel zu enge Jeans, die ihr nicht nur während der Regel arge Probleme bereiten. Und das Prinzessinnen Füßchen muss natürlich in genau jenen schmalen Schuh, auf dem sie dann stöckelnd zu ihrem Prinzen eilt. Und meist doch fällt. Herein. Aber lassen wir das.

Ich kenne fast keine Frau, die sich dem Schön- und Schlankheitswahn entziehen kann. Selbst bei Lesben ist das oft der Fall. Abgesehen von einigen eher fragwürdigen Frauen, die das Wort Deo, oder Achselhaarrasur vermutlich nur vom Hörensagen kennen. Die finden sich vielleicht dufte, ich ihren Duft dagegen nicht. Dank asiatischer Gene bin ich zwar keine Miss World, aber ich sehe deutlich jünger aus. Selbst mit meinen stolzen 30 Jahren habe ich noch keine Falten. Das wird dank dickerer Oberhaut auch noch eine ganze Weile so bleiben. Forschungen haben ergeben, dass Asiatinnen bis zum 50. Lebensjahr um mindestens 10 Jahe jünger aussehen und auch kaum Falten haben. Angeblich kehrt sich dann das Bild um und wir altern schneller. Meine Mutter beweist das Gegenteil. Klar hat sie einige Falten, ein Runzelgesicht noch lange nicht.

Auch mir fiel es schwer, mich dem Schönheitswahn zu entziehen. Dank modernster Lasertechnik, habe ich schon lange keine Achselhaare mehr. Die waren zum Glück eher spärlich vorhanden. Auf diese Weise spare ich mir aber eine hautreizende (Nass)Rasur. Und nein, ich bin kein bisschen eitel. Vor allem bei (überflüssiger) Körperbehaarung ergreift der Wahn schnell Besitz von Frau. Da wird gezupft und epiliert, getrimmt und kahl geschoren. Aus den Badezimmern dieser Welt erklingen täglich die Schreie von Frauen. Weniger lustbedingt, als schmerzgeplagt. Wer schön sein will, muss leiden. Frei nach dem Motto: Rasierst du noch, oder wachst du schon?

Aber was hat das alles nun mit meinem (guten) Namen zu tun? Immer wieder fragen mich Menschen, was Mayumi genau bedeutet. In der Regel antworte ich darauf, dass man ihn mit „wahrer Bogen“ übersetzen kann. Kann, ja. Aber nicht muss. Japanisch ist als Sprache etwas verrückt, immerhin haben wir mehrere Alphabete. Und  die werden zum Teil auch fleißig gemischt, was Lernende oft zur Verzweiflung bringt. Und zu allem Überfluss kann Mayumi in Kanji Zeichen auch auf verschiedene Art geschrieben werden. Wie eigentlich alle Namen. Und jedes Mal bedeuten die etwas anderes. Die für eine Frau richtige Übersetzung meines Namens lautet „Wahre (sanfte) Schönheit.“ Aber wozu soll das gut sein? Ich brauche keine Komplimente. Den japanischen Namen Mami kann man übrigens auch mit „Wahre Schönheit“ übersetzen. Kann. Ich sage doch, Japanisch ist verrückt.

Süß und sanft wollte ich schon als Kind nie sein. Lieber wild und ungestüm. Gemocht aber schon. Also habe ich mich für den Bogen entschieden und für meinen Namen andere Kanji-Zeichen benutzt. Bekanntlich kämpfe ich gern. In Wort und Tat. Und ich sehe mich als eine Art Kriegerin. Wem das nun spanisch, oder besser chinesich vorkommt, dem muss ich widersprechen. In Japan benutzt man zum Teil andere Kanji-Zeichen. Ganz verloren wäre ich in China aber nicht. Nur bei der Sprache. Die richtigen Zeichen meines Namens lauten 真優美. Und so, haben mich meine Eltern auch genannt. Meine Leser bitte nicht. Sonst fange ich an mit Worten zu schießen. Oder verstecke mich im マユミ (まゆみ). Und das ist ein japanischer Strauch. Die Zeichen stehen aber auch für Mayumi. Alles klar?