Lichter der Großstadt – Teil 6: Dunkel war die Nacht

Wir verbringen einige Tage in Los Angeles, Venice Beach ist unser Ziel. Dort wissen wir auch die Büros von Google, auf den krassen Gegensatz sind wir weniger gefasst. Obdachlose campieren am Straßenrand, ein Mann schiebt seine ganze Habe in einem Einkaufswagen vor sich her.

Auch das sind die USA, extremer Reichtum und bittere Armut gehen Hand in Hand. Compton, Watts und South Central sind jene Viertel der Millionenstadt, die der normale Amerikaner kaum betritt. Von Doris weiß ich, dass eine nächtliche Autopanne dort lebensgefährlich ist.

The Fall

Wir treffen Doris wieder und tauschen Neuigkeiten aus. „Trump macht mir Sorgen“, sagt sie, „ich hoffe er weiß was er da macht.“ Sie ist in Uniform und sitzt im Streifenwagen. „Na, Lust auf eine Tour?“, fragt sie und lacht, als wir begeistert nicken. „Dann rein mit euch, ich zeige euch mein L.A.“

Es ist nach 18 Uhr, aber der Verkehr ist noch immer dicht. Wir fahren nach East Los Angeles, die Gegend dort ist einigermaßen sicher. „Ich will euch jemanden vorstellen“, sagt Doris. „Sein Name ist Alberto, er war früher ein Gangmitglied und hat einige Jahre im Gefängnis gesessen. Heute ist er sauber und kümmert sich um Obdachlose. Er kann euch mehr von der dunklen Seite erzählen.“

Alberto ist Mitte Vierzig, beide Arme sind schwer tätowiert. Sein Gesicht ist ein Buch aus Narben, sein Lächeln ist echt. Wache Augen mustern mich. „Hallo, Lieutenant“, begrüßt er Doris, wen haben Sie heute mitgebracht?“ Doris stellt uns vor und Alberto deutet eine Verbeugung an. „Das macht man doch in Japan so, ja?“

Doris und er reden dann über Menschen, deren Schicksal und Namen keinen Platz in diesem Artikel haben. Aber ihre Geschichten sind krass. So, wie Albertos.“ „Ich war Gangmitglied seit ich denken kann“, erzählt er. „Du wirst in den Slums geboren und kommst dort kaum jemals raus. Mein Glück, ich habe keinen umgebracht. Und im Gefängnis hast du jede Menge Zeit.“

Alberto war an einem schweren Raubüberfall beteiligt, der seiner Bande fast 50.000 Dollar einbrachte. „Wir dachten damals wirklich, das große Los gezogen zu haben“, sagt er. „Wie konnten wir auch wissen, dass wir gefilmt worden sind?“ Er grinst. „Mein Gesicht war auf dem Video deutlich zu sehen. Zwei Tage später war ich verhaftet.“

„War das deine erste Haftstrafe?“, will ich wissen und Alberto schüttelt den Kopf. „Als Jugendlicher war ich einige Monate in einem sogenannten Bootcamp. Dort haben sie uns mit militärischem Drill auf den rechten Weg gebracht. Es gab dort diesen Trainer, der uns Boxen lehren wollte. Keiner hat damals begriffen, welche Chance er uns geboten hat.“

Alberto schaut mich an, plötzlich liegt ein Schatten auf seinem Gesicht. „Was ich lernte habe ich dann auf der Straße eingesetzt und den Mann damit enttäuscht. Ich wusste es damals nicht besser, Gewalt gehörte zu meinem Leben.“

Er schaut nachdenklich auf seine Hände. „Hätte ich die Disziplin, die ich heute habe, ich hätte den Wachmann nicht ins Koma geprügelt. Im Knast habe ich auch geboxt. Zu Beginn war es Selbstverteidigung, so habe ich mir Respekt verschafft. Mit der Zeit begriff ich, dass ich mich entweder ändere oder mein Leben im Knast enden wird.

Resurrection

Ich begann Bücher zu lesen und vertraute mich einem Psychologen an. Ohne ihn wäre ich vermutlich längst gestorben. Ich verdanke es seiner Fürsprache, dass ich an Kursen und Programmen teilnehmen durfte, die mir den Zugang zu meinem jetzigen Job ermöglicht haben.“

Alberto hat einen Abschluss als Sozialarbeiter gemacht und lebt diesen Beruf mit wahrer Leidenschaft. „Ich kenne die Gangs“, sagt er und sie respektieren mich jetzt.“ Ob er keine Angst habe, will ich wissen und wieder schaut Alberto auf seine Hände.

„Weißt du“, erwidert er, „ich kann wirklich ausgezeichnet boxen. Einige wollten das testen, heute sind wir Freunde.“ Er schaut mich bezeichnend an und ich verstehe. „Bei einigen führt der Weg nur über Härte“, sage ich.

„Alberto ist eine große Hilfe, wenn wir Gangmitglieder verhören“, sagt Doris. „Sie trauen uns nicht und sprechen wirklich nur mit ihm. Er packt sie bei der Ehre und sie beginnen zu reden. Nicht immer, aber oft.“

Ich kenne Slums. Irgendwie ähneln die sich alle. Robert’s Market ist noch nicht im Gangland. Ich kaufe für mehr als siebzig Dollar Lebensmittel ein und schenke sie Alberto.

„Danke! Damit retten wir Leben“, sagt er. „Ich verteile das Zeug und ihr wartet bitte im Wagen! Steiget auf keinen Fall aus, egal was passiert!“

The Dark

Wir drehen eine Runde durch Inglewood. Alberto fährt uns in seinem alten Ford. Er zeigt auf Häuser und nennt Namen. „Hier bin ich aufgewachsen“, erklärt er uns. Doris hat das Funkgerät in der Hand und sich beim Revier gemeldet. Ein Funkspruch von ihr und die Kavallerie reitet los. Aber alles bleibt friedlich.

Die Szene wirkt wie in einem Film. Eine Seitenstraße ist die Kulisse, die Lichter der Großstadt sind verblasst. Das Viertel wirkt wenig einladend auf mich. Alberto spricht mit einer Gruppe Jugendlicher, die am Straßenrand stehen.

„Yo wassup man“, höre ich und ein Afroamerikaner baut sich vor Alberto auf. Er überragt ihn locker, aber unser Guide zeigt keine Angst. Das ist auch kaum nötig, Alberto wird von allen respektiert. Ich erkenne es an der Haltung des jungen Mannes, der unseren Fahrer als höhergestellt ansieht. Als er ihm dann noch einige Lebensmittel gibt, ist die Stimmung fast ausgelassen gut.

„Das ist Aaron“, stellt ihn Alberto vor. „Ein, wie ich hoffe, bald guter Boxer im Halbschwergewicht. Ich trainiere die ganze Bande.“ Später erzählt uns Alberto, dass Sport oft die einzige Chance für solche Jugendliche ist. „Denen gibt niemand einen Job oder eine Chance. Wer aus gewissen Vierteln stammt, wird zum Aussätzigen.“

Die Nacht gibt den Straßen eine besondere Note. Gnädig verhüllt sie sie dunklen Seiten der Stadt. Unsere kleine Tour dauert knapp zwei Stunden, dann haben wir genug gesehen. Auch das sind die USA, wie sie nur wenige kennen. Alberto fährt uns zurück. „Hattest du Angst?“, will er wissen und ich schüttele den Kopf.

„Ich habe das Gefühl, dass du dich wehren kannst“, sagt er zum Abschied. „Aber komm nie auf die Idee allein in diese Gegend zu fahren!  Dort herrschen andere Gesetze. Die falsche Straße zur falschen Zeit und Los Angeles hat wieder einen neuen Toten. Frage den Lieutenant, sie weiß mehr davon.“

Keinen Toten, aber eine Art Begräbnis gibt es in der nächsten Folge, die eisig werden wird.

Lichter der Großstadt – Teil 2: Hass

Sich in der Fremde heimisch zu fühlen, ist für viele schwer. Wir sind gut darauf vorbereitet. Ein Hausmeister Service hat sich bisher um die Wohnung gekümmert. Die Möbel sind einfach, aber funktional. Telefon, Internet und Kabelfernsehen sind geschaltet. Ein kleiner Schreibtisch steht auch bereit.

„Fett wie du bist passen wir da nicht beide dran“, lästert Yuki und strahlt, als ich „Ich liebe dich auch“ sage. Wir rufen unsere Eltern an und bedanken uns (un)artig für den BMW. Unser Lachen überwindet alle Grenzen. „Immer fleißig trainieren, Tochter“, gibt mir mein Papa noch mit. „Aber verprügele nicht wieder alle Männer!“ Der Satz spielt auf einen Vorfall an, als ich einen älteren Herrn vor einem aggressiven Autofahrer rettete.

Was kann ich dafür, wenn der über seine Füße stolpert? Okay, ich gebe zu, ich habe nachgeholfen. „Halb zog sie ihn, halb sank er hin“, heißt es. Immer wieder lustig, wie sehr sich Männer überschätzen. Der alte Herr hat sich bei mir bedankt.

Die Einladung

Die Klingel reißt mich aus meinen Gedanken. Freundlich lächelnd steht Ellie vor der Tür. „Ob Sie vielleicht Lust hätten mit uns zu Abend zu essen?“, fragt sie. „Unsere Tochter kommt auch und wir würden uns wirklich freuen.“ Ich wechsele einen Blick mit Yuki und sage zu, als Elfchen nickt.

Der Tag vergeht, wir richten uns ein, die Zeitumstellung ist noch immer heftig. Auch das Wetter ist so völlig anders, als wir es von Deutschland im Winter kennen. Aber wer nun glaubt, es herrsche eitel Sonnenschein, der hat Los Angeles noch nie im Winter besucht.

Extreme Hitze? Fehlanzeige! Die Durchschnittstemperatur liegt bei circa 19 Grad. Celsius versteht sich, was habt ihr denn nun gedacht? Aber Herbst in dieser Stadt ist weitaus angenehmer, als Nebel und heftiger Wind, den Deutschland dann zu bieten hat.

Ich schaue auf meinen Blog und finde die Weihnachtswünsche. Soll ich einen neuen Artikel schalten? Vorbereitet ist er. Und mein Zorn (auf deutsche Politik) sowieso grenzenlos. Also auf ins Gefecht! Aber mir bleibt wenig Zeit zum lesen anderer Blogs.

Ohnehin habe ich mich noch in Deutschland von einigen getrennt. Verwaiste Blogs verstopfen nur den Reader. Und manche (Themen) interessieren mich nicht mehr. Normalerweise ist Internet im Urlaub tabu. Aber diese Reise ist kein Urlaub im klassischen Sinn.

Hass

Gegen 20 Uhr geht es in Richtung Nachbarwohnung. Wir haben einen Kalender mit Düsseldorfer Motiven als Gastgeschenk dabei. Davon habe ich ein Dutzend nach Amerika gebracht. Ellie hat uns gebeten auf keinen Fall Abendkleider anzuziehen. „Wir sind hier in Kalifornien“, hat sie gesagt, „da ist alles weniger formell.“

Eine blonde Frau mit harten Augen, wird uns als „Tochter Doris“ vorgestellt. „Ich bin Lieutenant“, stellt sie klar. Ihr Blick verrät sie, diese Frau hat ein Problem. „Aus Deutschland kommen Sie, ist ja interessant“, höre ich. „Ich wusste bisher nicht, dass dort auch Asiaten leben.“

„Wir sind Japanerinnen mit deutscher Staatsbürgerschaft“, stelle ich richtig, was Doris mit abfälligem Lächeln quittiert. „Es gibt doch auch viele Japaner in den USA“, setze ich nach und schaue sie freundlich lächelnd an. Das Duell der Augenblicke.

„Leider“, höre ich und Ellie wird blass, „wir haben viel zu viele Kriminelle.“ „Japanische Yakuza in Los Angeles?“, frage ich amüsiert. „Das ist kaum vorstellbar. Aber bekanntlich sehen wir alle gleich aus, bestimmt haben Sie das verwechselt.“

Yuki schaut mich warnend an und Frank ringt um seine Fassung. „Doris“, sagt er, „ich glaube kaum, dass unsere beiden Gäste das jetzt hören möchten. Hattest du nicht versprochen, die Arbeit zu Hause zu lassen?“

„Ist ja schon gut“, wehrt Doris ab und mustert mich intensiv. „Was machen Sie beruflich, wenn ich fragen darf?“ Ihre Augen werden schmal, als ich von meinem Tätigkeiten spreche und dass ich auch Karate unterrichte. „Karate, hm? Das ist doch dieser altmodische Kram, den heute niemand mehr braucht. In Los Angeles nennen wir das Kickboxen!“

„Doris hat mehrfach die Meisterschaft gewonnen“, erzählt uns Ellie stolz. „Ich war erst dagegen, dass sie trainiert. Aber Frank hat mich überzeugt. Warten Sie, ich hole schnell die Bilder!“ Bevor ich etwas sagen kann, ist sie verschwunden und kommt mit einem riesigen Fotoalbum zurück.

Karate-Kid

„Schaut ihr nur“, ruft sie und verschwindet in der Küche. „Ich muss jetzt das Essen holen gehen.“ Frank zeigt uns die entsprechenden Bilder. Wir sehen eine junge Doris, die riesige Pokale hält. „Ist eine Weile her“, ergänzt Doris meine Gedanken. „Aber ich mache das immer noch.“

Herausfordernd sieht sie mich an. Sucht sie etwa Streit mit mir? Ich weiß genau, wie tief die Worte treffen, als ich „Kickboxen ist ein guter Freizeitsport“, sage. „Ich lehre traditionelles Karate“, füge ich hinzu. „Sie kennen den Unterschied bestimmt.“

Doris Gesichtsausdruck zeigt mir, dass sie keinen blassen Schimmer hat. Zeit um aufzuklären. „Kickboxen, wie auch Sportkarate, ist lediglich die abgemilderte Wettkampf Form“, erkläre ich freundlich.“ Und das tut Doris richtig weh.

„Wie jetzt?“, will sie wissen, „glauben Sie wir machen da nur Spaß?“ „Darum geht es nicht“, erwidere ich. „Traditionelles Karate ist reine Selbstverteidigung und wird auf keinen Fall für Wettkämpfe genutzt. Das würde auch kaum funktionieren. Im Ernstfall ist der Gegner tot.“

„So ein Unsinn“, poltert Doris los. „Sie haben doch echtes Kickboxen noch nie gesehen!“ „Was ist echtes Kickboxen?“, will ich wissen. „Sprechen wir von Leichtkontakt, Vollkontakt oder Pointfighting? Welche Form haben Sie gemacht?“

„Vollkontakt natürlich!“, erklärt mir Doris mit veränderter Stimme fest. Meine Kenntnisse haben sie überrascht. Aber noch glaubt sie sich auf der Siegerstraße.“Die meisten Kämpfe habe ich gewonnen“, lässt sie mich wissen und schaut mich durchdringend an.

Ich nicke und schenke ihr ein weiteres Lächeln. „Ihr Fokus liegt also auf dem Kampf. Das genau meinte ich vorhin, Kickboxen ist weit von echtem Karate entfernt. Der Geist ging verloren, die spirituelle Seite. Echte Karateka suchen keinen Kampf, sie verteidigen sich und andere.“

Gegen jede Regel

„Haben Sie schon mal gekämpft?“, will Doris wissen. Ihre Augen werden noch härter, als ich eher beiläufig von meinen Wettkämpfen spreche. „Bis auf mein erstes Turnier, habe ich nie verloren. Und das war keine Niederlage im klassischen Sinn. Ich wurde wegen Regelverstoß disqualifiziert.“

„Tiefschlag?“, will Doris wissen und lächelt spöttisch. „Die Regeln muss man natürlich kennen!“ „Klassisches Karate kennt keine Regeln“, erwidere ich. „Das habe ich versucht zu erklären. Als Kind habe ich nur das gemacht, was ich lernte und instinktiv auf einen Angriff reagiert. Ich hatte vergessen, dass Hebel verboten sind.“

„Natürlich!“, empört sich Doris. „Wir haben feste Regeln und …“ „Verlieren deshalb eine echte Auseinandersetzung“, unterbreche ich ihr Argument. „Ich habe aus dieser ersten Erfahrung gelernt und beim nächsten Turnier gewonnen. Und auf der Straße gibt es keine Regeln.“

Ich erzähle von einigen Vorfällen und dass auch Yuki fleißig übt. Dass wir ein Paar sind interessiert hier niemand. Die Stimmung entspannt sich merklich, aber Doris ist weiter skeptisch.

Vehement versucht sie mich von (ihrem) Kickboxen zu überzeugen. Ich stoppe ihren Redefluss mit der Bemerkung „Alle, die mir bisher echtes Kickboxen zeigen wollten, habe ich zu Boden geschickt.“ Auf den Zusatz „Ich zeige es Ihnen gern“ verzichte ich. Aber die Spitze sitzt.

Manche mögens heiß

Ellie hat Truthahn auf mexikanische Art serviert. Eine Eigenkreation, die köstlich schmeckt. Wirklich scharf ist anders, mein Gaumen ist mit Wasabi gestählt. Doris ist recht schweigsam, aber in ihr brodelt es. Als sie kurz ins Bad geht raunt mir Ellie die Wahrheit zu. „Ein guter Freund und Kollege ist vor einem Jahr von einer koreanischen Gang erschossen worden. Ich hatte das vergessen.“

Doris (aufgesetztes) Lächeln, als sie wieder zu uns kommt, lässt mich Gefahr ahnen. Lächeln kann ich besser, das liegt mir im Blut. Will sie mich nur provozieren oder ist es ehrlich gemeint?

„Ich habe mich schlecht benommen“, beginnt sie. „Meine bisherigen Erfahrungen mit Asiaten sind eher negativ, das habe ich auf Sie übertragen. Ich entschuldige mich dafür. Aber vielleicht hätten sie Lust den Polizeisportverein zu besuchen und uns ihre Kunst vorzuführen?“

Meine Fähigkeiten Menschen zu durchschauen und ihnen stets einen Schritt voraus zu sein, hat mir schon oft den Hintern gerettet. Doris will mit mir kämpfen . Aber Menschen wie Doris besiegen sich selbst durch unbedachte Aktionen. Ich muss dann nur kontern. Und das mache ich hart und effektiv.

„Ob es so klug von mir wäre einen Officer zu schlagen?“, erwidere ich diplomatisch. Doris zuckt leicht zusammen. Plötzlich sieht sie nachdenklich aus. Das Handy rettet sie vor der Antwort und einer Blamage. „Ein Notfall“, entschuldigt sie sich. „Ich muss leider gehen.“

Auch wir verabschieden uns. „No hard feelings“, überrascht mich Doris und reicht mir die Hand. „Ich bin manchmal etwas forsch“, fügt sie hinzu. Haben Sie eine schöne Zeit in Los Angeles.“ Das hat sie ehrlich gemeint. Ich kann in Augen lesen.

Ehrlich sind auch die verlegenen Blicke ihrer Eltern, die ich schnell beruhigen kann. „Danke!“, flüstert mir Ellie zu. Dann entschweben wir ins in unsere Wohnung. „Ich dachte schon du verhaust die jetzt“, sagt Yuki und wirkt erleichtert. „Sie hat verstanden“, erwidere ich und gebe Elfchen einen Kuss.

Dein Freund und Helfer

Der nächste Tag beginnt viel zu schnell. Sind wir nicht eben erst zu Bett? Als wir ins Auto steigen, versperrt uns ein Polizeiwagen den Weg. Der Beamte ist zwar freundlich, aber will unsere Papiere sehen. „Wo ist das State Test Certificate (Eine Bescheinigung für den Abgastest)?“, will er wissen und runzelt die Stirn, als ich es ihm zeige.

„Gibt es ein Problem, Officer?“, frage ich. „Ist etwas nicht in Ordnung?“ „Bleiben Sie beim Wagen“, verlangt er und ruft über Funk die Zentrale. Ich kann nur die Hälfte verstehen, ahne aber, dass er uns ein Ticket schreiben will. Der Grund? Vermutlich keiner, er hat vielleicht nur sein Soll für diesen Monat nicht erfüllt.

Vielleicht liegt es auch am Wagen, ein neben uns parkender Mercedes hat auch ein Ticket bekommen. Diese Unsitte Autofahrer abzuzocken, ist leider auch in Deutschland Alltag geworden. Den Ländern fehlt Geld, das sie sich auf diese Weise holen. In unserem Fall zu Unrecht, daher will ich keine Strafe zahlen.

Auch seine Drohung, den Wagen stillzulegen beeindruckt mich wenig. Ich weiß, dass alles in Ordnung ist. Bevor die Sache eskaliert steht Frank neben mir. Er habe den Beamten schon eine Weile vom Fenster aus beobachtet, erzählt er später. Der sei bekannt für solche Sachen.

„Ich habe meine Tochter informiert“, sagt er. „Bleiben Sie ganz ruhig, sie war sowieso auf dem Weg hierher. Plötzlich grinst er. „Zufällig ist sie sein Boss“, fügt er hinzu. Der Officer zuckt zusammen, als er Franks Worte hört. „Der Lieutenant ist ihre Tochter?“

Als Doris im Freizeitlook auftaucht, versinkt er fast im Boden. Noch kleiner wird der Hüne, als sie ihn zurück auf Streife schickt. Vorher hat sie die Papiere kontrolliert, die sie in Ordnung fand. Im Wagen warten zwei blonde Mädchen, die Doris wie aus dem Gesicht geschnitten sind. Ihre Töchter, die noch zur Schule gehen.

„Alles gut“, sagt Doris, die wie ausgewechselt ist. „Noch mal sorry für gestern“, fügt sie leise hinzu. „Ich hatte einen wirklich miesen Tag. Wir wollen mit der ganzen Familie shoppen gehen. Wollen Sie vielleicht mit?“

Wir hatten andere Pläne, aber sagen spontan zu. Was uns neue FreundInnen bringt. Doris ist wirklich okay, wenn man sie näher kennt. Das hat nur seine Zeit gedauert.

Fun, fun, fun

Mit Einheimischen auf Tour zu gehen, ist in jeder fremden Stadt okay. Doris kennt viele Läden, die günstiger als der Durchschnitt sind. Ihre Töchter sind liebenswerte Kopien der dominanten Mutter. Wer hier wen im Griff hat, wird schnell klar.

Wir finden einen Laden mit queerer Mode, die Verkäuferin sieht absolut stylish aus. Um mehrere T-Shirts reicher geht es zum Walk of Fame. Zwar kennen wir den schon, aber Doris besteht darauf. In einer ruhigen Minute erzählt sie mir von ihrem Mann. Den sie rausgeworfen hat, als er sie betrog.

„Das mit der Liebe war sowieso vorbei“, sagt sie. „Wir haben nur noch zusammen gelebt. Aber mich betrügt man nicht!“ Ich muss schmunzeln, als sie mir von einem Verhältnis erzählt, das sie mit einem Kollegen hat. „Aber ich bin noch sehr unsicher, wie es weitergeht und ob.“

Sie zwinkert mir verschwörerisch zu. „Vielleicht hätte ich die Liga wechseln sollen“, sagt sie. „In Kalifornien ist das ja schon normal.“ „Du bist nicht lesbisch“, erwidere ich. „Glaub mir, ich kann das fühlen.“ Wir verstehen uns und sie lacht.

Aus Spaß und wirklich ohne Hintergedanken, habe ich sie doch im Polizeisportverein besucht und so lange über die Matte gewirbelt, bis sie lachend aufgegeben hat. Darauf mir „ihr Kickboxen“ zu zeigen, hat sie verzichtet. Sport verbindet über Landesgrenzen. Und ich bin nur manchmal ein Biest.

Kurz vor dem Jahreswechsel, haben wir uns bei Ally und Heather einquartiert. Sie und ihre Eltern wären sonst tödlich beleidigt gewesen. Außerdem haben sie viel Platz und wir waren im Handumdrehen Teil der Familie. Mit Privatsphäre, das ist klar.

Über unser (fast) normales Leben in Kalifornien, werde ich im nächsten Artikel schreiben. Und wie ich wieder zum „Tai Chi Girl“ geworden bin.

Lichter der Großstadt – Teil 1: Ankunft

Mit „Lichter der Großstadt“ starte ich eine lockere Reihe, die unser Leben in Los Angeles zeigen wird. Locker deshalb, da ich auch über andere Dinge schreibe und immer einen Blick auf Deutschland habe und die Entwicklung dort genau verfolge.

Wir haben schon vor einem Jahr Zeit in Los Angeles verbracht. Darüber gibt es fünf Artikel. Wer sie nicht kennt oder nachlesen mag, dem seien die Links unter diesem Beitrag ans Herz gelegt. Und jetzt viel Spaß beim lesen.

Salopp habe ich vor einem Jahr unsere Einreise in die USA abgehandelt. „Die Einreise ist Routine, wir zeigen die deutschen Pässe vor. Ein kritisch-freundlicher Blick des Beamten. „Welcome to Los Angeles, Welcome to the USA!“ Aber ganz so einfach war es nicht.

Deutsche und JapanerInnen können ohne Visa in die USA reisen. Das klingt gut, ist aber keine Garantie. Wer die Grenze wirklich passieren darf, darüber entscheidet ein Grenzbeamter. Und manchmal verweigert der die Weiterreise. Um Ärger zu vermeiden, hatten wir uns 2015 für ein sogenanntes B2-Visum beworben und es auch bekommen.

Visa – Die Freiheit nehm‘ ich mir

B-Visa ermöglichen den Aufenthalt als Geschäftsreisender (B-1 Business Visitor) oder als Tourist (B-2 Tourist Visa) für bis zu 180 Tage oder für mehrere Einreisen innerhalb eines Jahres. Variierend nach Staatsangehörigkeit, werden diese Visa für bis zu zehn Jahre erteilt.

Natürlich dürfen wir in den USA keiner Tätigkeit nachgehen. Selbst der mit einem warmen Essen entlohnte Auftritt eines Studenten und Hobbymusikers kann zur Verweigerung der Einreise führen. Der Fall hat vor Jahren für Schlagzeilen gesorgt.

Als Millionenschwere Erbin eines gigantischen Finanzimperiums, werde ich natürlich keiner Arbeit nachgehen. Stattdessen werde ich fröhlich Geld ausgeben und fette, amerikanische Autos kaufen! Wo kämen wir da auch sonst hin! Haben alle die Ironie erkannt?

Die Welt (Firmen) retten kann ich auch aus Amerika. Es geht ohnehin meist nur um Zahlen und Konzepte, die ich auch per Mail übermitteln kann. Momentan machen wir das für eine deutsch-japanische Kooperation, die Hilfe bei Sprache und Gepflogenheiten brauchte.

Während Yuki die komplette Korrespondenz erledigt, habe ich der deutschen Chefin „japanisch“ beigebracht. Im Klartext heißt das Regeln und Gesetze zu beachten, die den Geschäftsverkehr verbessern.

Shuttle Service

Tante Makiko holt uns vom Flughafen ab. Sie freut sich uns zu sehen. Müde, aber glücklich, genießen wir ihren Shuttle Service. Los Angeles begrüßt uns mit dem üblichen Stau, der zum Alltag der Millionenstadt gehört. Wir fühlen uns fast heimisch, Stuttgart hat das gleiche Problem.

Natürlich müssen wir Tante Makiko und Onkel Jiro zu Hause besuchen, ein Gästezimmer steht für uns bereit. Sie haben Freunde und Familie eingeladen. „Schaut nur, die beiden Deutschen sind da!“

Natürlich sagen JapanerInnen solche Dinge nicht, aber so habe ich es empfunden. Entsprechend unjapanisch fallen meine Antworten aus, was für ein Schmunzeln bei Elfchen sorgt. Die Gäste sehen das locker, die USA hat sie bereits geprägt. Unhöflich sind bekanntlich nur die anderen. Ich bin immer nett.

Trotz Müdigkeit und Party, ist vor der Flucht ins Bett Gymnastik angesagt. Zwar mault die arme Yuki, aber sie macht tapfer mit. Lebenslanges Training ist wichtig. Wer faul ist, der wird fett. Den Spagat zu machen kommt auch im wahren Leben gut. Im Training ist er unverzichtbar.

„Du hast zugenommen!“, lästert Yuki prompt und zeigt lachend auf meine Oberschenkel, die wirklich etwas kräftiger als ihre sind. Aber das ist nur Spaß und gehört schon fast zu unserer Routine.

„Muskeln, meine Süße“, kommt mein Konter und lässig hebele ich sie aus. „Menno, du bist doof!“, höre ich sofort, als sie auf den Hintern plumpst. Spielerisch beißt sie mir ins Bein. Aber genug ist genug und schon bald versinken wir im Reich der Elfenträume.

Das Geschenk

Neun Stunden Zeitunterschied sind heftig. Es dauert eine gute Woche, um sich zu akklimatisieren. Tante Makiko hat ein Einsehen und weckt uns daher spät. Und nach dem Frühstück, das eigentlich ein Mittagessen ist, überreicht sie uns schmunzelnd einen handgeschriebenen Brief samt Autoschlüssel.

Natürlich stecken unsere Väter und Onkel Jiro dahinter, wer sonst käme auf eine solche Idee. „Liebe Tochter“, lese ich und muss sofort lachen. Nur mein Papa nennt mich so. „Um euch auch im fernen Land mobil zu halten, haben wir euch eine kleine Freude gemacht.“

Yuki schüttelt das hübsche Köpfchen, als sie den Autoschlüssel sieht. „Da hat doch bestimmt auch mein Papa die Hand im Spiel“, sagt sie leise. „Ja“, erwidere ich und deute auf die Unterschriften, wo deutlich sein Name steht. Und der von Wolf!

Ich ahne etwas und flitzeschnell jage ich aus dem Haus. Der 3er BMW ist kein neues Modell, das erkennt mein Kennerauge sofort. Aber er ist rot, was mich sofort strahlen lässt. „Schlüssel!“, verlangt Yuki und nimmt ihn mir aus der Hand. Mein kleines Herz hüpft noch mehr, als ich den sonoren Klang des Auspuffs höre.

„Klappenanlage“, murmele ich und hüpfe auf Yukis Schoß. „Geh weg!“, kreischt sie und versucht mich zu kitzeln. Tante Makiko hält sich die Hand vors Gesicht und lacht. Ich gebe nach, als Elfchen mir einen zweiten Brief vor die Nase hält, den ich brav auf der Beifahrerseite lese. Liebe kann so einfach sein.

Töchter und Väter

„Liebste Töchter“, steht dort nun, „wir wissen, wie sehr ihr Geschwindigkeit liebt. Zwar habt ihr uns noch immer keine Enkel geschenkt, aber vielleicht wird 2017 das dafür entscheidende Jahr. Bis dahin viel Spaß mit dem BMW. Fahrt nicht zu schnell und kommt bald zurück.

Das PS versetzt mich in Entzücken: „Wolf hier“, steht dort. „Der Wagen hat einige PS mehr und ein Sportfahrwerk. Der Motor hat erst 20.000 Meilen auf dem Buckel und ist generalüberholt. Bitte fahrt ihn nicht kaputt.“ Es folgen einige technische Details, auf die ich an dieser Stelle verzichte. Aber sie sind mehr als nett.

„Boah!“, kommt es von Yuki, als sie die Worte hört. „Na warte, wenn ich Papa in die Finger kriege!“ Elfchens Verhältnis zu ihrem Vater ist mindestens so lustig, wie die Wortduelle, die ich mit meinem führe. Noch witziger sind unsere Väter im Duett, die wir locker um den Finger wickeln. Frauen wissen, wie das geht.

Wir verbringen den Tag bei Tante Makiko und melden uns telefonisch bei Heather und Ally an. Die beiden freuen sich auf uns und deutsche Schokolade, die ich gegen jede Regel im Koffer habe. Plus einiger Geschenke. Miss Santa eben. Ho! Ho! Ho!

Am nächsten Tag geht es zuerst in unsere eigene Wohnung. Eigentlich war der Plan sie zu vermieten, aber nun werden wir sie vorerst selbst beziehen. Yuki will mich chauffieren, was ich lächelnd akzeptiere.

„Wehe du rast!“, sage ich und prompt streckt sie mir die Zunge raus. Freeway, wir kommen! Cabrio zu fahren macht wenig Sinn, der Dezember in Los Angeles ist recht kühl. Vermutlich war das der Grund für den normalen BMW, der zumindest genug „Horsepower“ hat. Aber rasen, das machen nur die anderen. Wir kommen auch so ans Ziel.

Das Wetter hält

Aber lieber 19 Grad, als eklige Kälte und Schnee. Und wer braucht schon 40 Grad Hitze im Dezember? Es ist Abend und die Lichter der Großstadt funkeln wie Sterne am Horizont. Los Angeles bei Nacht, hat (s)einen ganz besonderen Reiz.

Die Menschen in Kalifornien leben anders. Leichter und scheinbar oberflächlich. Das mag für viele Bereiche stimmen. Immerhin sitzt die Stadt quasi auf einem Pulverfass. Kleinere Erdbeben sind an der Tagesordnung. Schon lange sagen Experten „The Big One“ voraus.

Permanent daran zu denken bringt niemand weiter. Daher gleiten wir entspannt durch den Verkehr zu dem Appartement-Komplex, in dem unsere Wohnung liegt. Ein Parkplatz ist kein Problem, der ist für uns reserviert.

„Fast wie zu Hause“, sage ich. Nur die neugierige Nachbarin fehlt, die gern die Testwagen bewundert und uns noch immer für Schwestern hält. Wir haben sie nie aufgeklärt. Die Frau ist über Siebzig und hatte nur ihren Mann im Sinn.

Ein älterer Amerikaner nickt uns freundlich zu, als wir das Haus betreten. „Hey there“, höre ich, „are you the new Owners of Apartment B?“ Er heißt Frank und ist eine Art Hausmeister. „Eigentlich ist das nur ein Nebenjob“, gesteht er uns. „Ich war früher Bankdirektor und habe sonst nicht mehr viel zu tun.“

Wir lernen seine Frau Ellie kennen. Beide sind über Siebzig und noch richtig fit. „Wir wohnten früher in Santa Barbara“, erzählt sie uns. „Aber meine Tochter lebt in der Stadt. Sie ist bei der Polizei und hat selbst zwei Töchter.“

Dass die USA und ihre Menschen auch andere Gesichter haben, wird im nächsten Teil beleuchtet. Hier geht es zu den alten Artikeln:

Die Stadt der Engel – Teil 1: Weltreise

Die Stadt der Engel – Teil 2: Atemlos

Die Stadt der Engel – Teil 3: Heilig

Die Stadt der Engel – Teil 4: Rot

Die Stadt der Engel – Teil 5: Elend