Die Frau und die Kitsune

Die Frau und die Kitsune

Im alten Japan gab es einst eine Frau, die jeden Tag voller Sehnsucht aufs weite Meer blickte. Oft liefen Tränen über ihr Gesicht und nässten ihren Kimono. Was war geschehen? Ihr geliebter Mann hatte auf der Nachbarinsel eine andere Frau gefunden und sie allein zurückgelassen. Ihre Freunde klopften vergeblich an ihre Tür, die Frau wollte sie nicht sehen. Stattdessen badete sie im Meer der Tränen.

Eines Tages, der kalte Winterwind pfiff um das kleine Haus, klopfte es wieder an der Tür. Eine schwache Stimme drang an das Ohr der Frau. „Bitte hilf mir, es ist bitterkalt und ich friere sehr.“ Sofort lief die Frau zur Tür und fand dort eine halb erfrorene weiße Kitsune, die sich zitternd in ihre Arme schmiegte. „Wer bist du?“, fragte die Frau erstaunt. „Du kannst mich Inari nennen“, flüsterte die Kitsune mit schwacher Stimme.

Von diesem Tag an teilte die Frau ihr weniges Essen mit der Kitsune, die nun jede Nacht an ihrer Seite schlief. Der Winter verging, die Frau vergaß ihren Kummer und freute sich über die Genesung der Kitsune. Diese wurde jeden Tag munterer und sprang vergnügt durch das kleine Haus. Zwar wunderte sich die Frau wieso eine Kitsune sprechen konnte, aber sie genoss die Unterhaltungen sehr. Ihre Trauer hatte sie fast vergessen.

Als der Frühling kam klopfte es erneut an der Tür. Diesmal öffnete sie und sah ihre Freunde dort stehen, die sich Sorgen um sie machten. Das Wiedersehen war herzlich, man hatte sich viel zu erzählen. Die Frau wollte die Kitsune rufen, um sie ihren Freunden vorzustellen. Aber die kleine Füchsin war und blieb verschwunden. Mit ihr war auch die Trauer der Frau gegangen, die nie wieder voller Sehnsucht aufs weite Meer geblickt hat. Aus Dankbarkeit hat sie einen Schrein für die Inari gebaut, der noch heute existiert.

The Winter Girl

The Winter Girl

Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten. (August Bebel)

Die folgende Geschichte ist eine Mischung aus Traumsequenzen und der Realität. Zum besseren Verständnis der Figuren, habe ich ihre Wikipedia-Einträge beigefügt.

Frostharter Boden, winterlich verzaubert ist das Land. Nachtschwarz bedeckt ein Mantel aus Träumen die Welt. Schneeflocken tanzen, Kälte streichelt mein Gesicht. Ich schlafe, aber ist das mein Traum? Jemand hat die Regie übernommen, was selten bis nie geschieht. Aus dem Nichts taucht eine junge Frau vor mir auf. Ihr Blick ist wild, das Katana in ihrer Hand trieft vor Blut.

Ihr Schrei gellt in meinen Ohren, als sie nach mir schlägt. Ich weiche aus und bemerke, dass auch ich ein Katana trage. Ihre Hiebe prasseln auf mich ein, Miamoto Musahis Schwertkunst rettet mich. Instinktiv weiß ich, wer hier vor mir steht. Es ist Tomoe Gozen, Japans berühmteste Kriegerin.

Ich hole tief Luft und konzentriere mich. Wie lange kann ich gegen sie bestehen? Meine Hände brennen, als ich zum Gegenangriff übergehe, der keine Wirkung zeigt. Nie zuvor habe ich das Katana im Ernstfall eingesetzt. Genau das macht letztlich den Unterschied aus, im Gegensatz zu ihr bin ich keine Kriegerin. Trotzdem halte ich sie auf Distanz, kann aber keinen eigenen Angriff mehr starten. Tomoe, da bin ich ehrlich, ist zu gut für mich.

Ich kämpfe um mein Leben, doch ihr Angriff entwaffnet mich. Wird der nächste Schlag mein Ende sein? Ich reagiere und als ich in den Nahkampf gehe lässt auch Tomoe ihr Katana zu Boden fallen. Egal was ich versuche, Tomoe neutralisiert meine Attacken. Umgekehrt ist das ebenso. Erst ein Drehkick schickt sie zu Boden. Nur eine Sekunde später ist sie wieder auf den Beinen. Trotzdem habe ich die Zeit mir Tomoe näher anzusehen.

Die Rüstung verbirgt ihre weiblichen Formen. Nur ihre Haare flattern offen im Wind. Augen, so dunkel wie Kohle, scheinen in die Tiefen meiner Seele zu blicken. Ihre Haut ist heller als meine, Blutspritzer zieren sie als tödliches Make-Up. Ja, diese Frau ist hübsch und einzigartig. Wird sie mein Schicksal sein? Als habe sie meine Gedanken gelesen schnellt sie nach vorn und will meine Beine attackieren. Diesen Fehler haben schon andere gemacht.

Mein Ellbogen landet krachend in ihrem Rücken, nur die Lederrüstung verhindert einen Rippenbruch. Ich packe ihren Arm und versuche einen Hebel. Wieder kontert mich Tomoe aus. Woher kennt sie meine Technik? Mir wird klar, dass Tomoe zumindest eine ähnliche Nahkampf Ausbildung hat. So kann ich sie nicht besiegen. Plötzlich weicht sie zurück, in ihrem Gesicht erscheint eine Mischung aus Überraschung und kalter Wut. „Wie kannst du gegen mich zu bestehen?“, steht dort geschrieben.

Nun ich kann und meine Tritte finden problemlos ihr Ziel. Tomoe bekommt die Prügel ihres Lebens. Jede andere wäre nun am Boden geblieben, aber die Kriegerin steht immer wieder auf. Sie ruft mir etwas zu, was unverständlich für mich bleibt. Zu ihrer Zeit sprach man das längst vergessene Mitteljapanisch. Ich begreife, dass ich ernst machen muss. Aber kann, ja soll ich eine Legende töten?

Sie gibt die Antwort selbst und macht einen Hechtsprung nach vorn, um nach dem im Schnee liegenden Katana zu greifen. Lasse ich das zu, habe ich ein Problem. Brutal landet mein Knie in ihrem Rücken, als mein Sprung sie hart auf den Boden drückt. Sie schreit vor Schmerz und kann sich doch befreien. Ihr Ellbogen trifft meine Magengrube. Nun ist es an mir nach Luft zu ringen. „Miststück“, presse ich hervor, „das wirst du bereuen.“

Natürlich versteht Tomoe kein modernes Japanisch. So wenig, wie ich sie verstehen kann. Ich vermute, dass sie mich wenig Ladylike ebenfalls verflucht. Schimpfen können Japaner wirklich gut. Auch wenn es nur ein Traum ist, muss ich Tomoe besiegen. Sie nutzt ihren Vorteil und hält nun doch das Katana in der Hand. Sie deutet auf meine Waffe. „Heb sie auf“, soll mir das sagen.

Ich habe keine Chance, aber genau die nutze ich. Fair zu sein wird mir kaum helfen. Als Tomoe angreift werfe ich Schnee in ihr Gesicht. Musashi, das weiß ich, hätte ohne zu zögern ein Messer benutzt. Diesmal sitzt mein Armhebel perfekt, stöhnend lässt Tomoe das Katana fallen. Noch ein Ruck und der Arm wird brechen. Aber es kommt anders, eisige Finger öffnen meinen Griff.

„Hört auf zu kämpfen!“, erklingt eine Frauenstimme. Tomoe duckt sich, dann entspannt sich ihr Körper. Die Kriegerin fällt auf die Knie, sie hat ihre Meisterin erkannt. Die tödliche Schönheit der Yuki-Onna zieht auch mich in ihren Bann. Ich tue es Tomoe gleich und sinke vor der Schneefrau auf den Boden. Niemals zuvor, habe ich solche Augen gesehen. Hier steht eine Yokai und kein Mensch vor mir. Was wird sie mit uns machen?

Ihre Aura ist eisig, das kalte Licht des Todes umgibt sie wie ein seidiger Schleier. Eine Handbewegung und wir sind nicht mehr. Mein Magen krampft sich zusammen, die Kälte scheint mich zu verschlingen. Plötzlich taucht eine zweite Frau aus der Dunkelheit auf. Wir sind gerettet, in einen weißen Pelz gehüllt steht nun die Inari vor mir. Die Yuki-Onna weicht zurück und lächelt. Jeder Mann wäre nun vor Schreck tot umgefallen.

„Ihr seid Schwestern und keine Feinde“, höre ich die Stimme der Inari. „So, wie die Yuki-Onna meine Schwester ist. Steht auf Tomoe und Mayumi.“ Wie in Trance gehorche ich. Die Inari greift nach unseren Händen. „Die Vergangenheit trifft auf die Zukunft“, sagt sie leise. „Erkennt euch und sprecht.“ Ihre Worte verhallen als Schneeflocken im kalten Winterwind. Sowohl die Inari wie auch die Yuki-Onna sind verschwunden. Habe ich sie wirklich gesehen?

Tomoe schaut mich an und ich schaue zurück. Ein kurzes Augenduell, dem unser beider Lächeln folgt. „Ich bin Tomoe“, glaube ich zu verstehen. Aber die Worte sind in meinem Kopf, Tomoes Mitteljapanisch bleibt unverständlich. Und doch können wir dank der Inari miteinander reden. „Ich bin Mayumi“, erwidere ich und male mit dem Finger das Kanji in den Schnee. „Bitte entschuldige Yumi-Chan“, sagt Tomoe. „Ich habe dich falsch eingeschätzt. Wir müssen schnell gehen oder meine Gegner töten dich.“

Tomoes Verhalten ist anders, als ich es von heutigen Japanerinnen kenne. Um in einer rauen Männerwelt zu bestehen, hat sie ihre weibliche Seite abgelegt. Und doch weiß ich, dass sie Kontakt zu Männern hatte. Ihr Yumi-Chan amüsiert mich. Hat sie wirklich Yumilein zu mir gesagt? Es zeugt von ihrem Selbstbewusstsein und dass sie mich als Freundin sieht.

Wir laufen durch Nacht und Wind, grausame Stimmen umkreisen uns wie Schatten. Mehrfach werden wir attackiert, Tomoes Katana schlägt eine blutige Schneise, aber den Krieger mit der Teufelsmaske hat sie übersehen. Ich werfe mich in den Schlag, mein Katana zittert unter der Wucht des Hiebes. Blut spritzt, als der Kopf des Samurai zu Boden fällt. Tomoe nickt mir zu, gut gemacht soll mir das sagen. Aber sie hat den tödlichen Schlag geführt.

Die Zeit verrinnt. Sind es nur Minuten oder Stunden die vergehen? Ein neunschwänziger Fuchs erscheint und führt uns in eine Höhle, deren Eingang die Verfolger übersehen. Plötzlich gellen Todesschreie durch die Nacht, als die Männer auf die Yuki-Onna treffen. Das Lachen der Schneefrau lässt die Erde beben. „Was geschieht hier?“, flüstert Tomoe. „Was bedeutet das?“ Ich habe keine Antwort auf ihre Fragen. Die Inari selbst löst das Rätsel auf. Sie erscheint in der Höhle und hält zwei kleine Mädchen in den Armen, in denen ich Tomoe und mich selbst erkenne.

In dieser Nacht erfahre ich viel, was in keinem Buch geschrieben steht. So wie die Nebel von Iga die Geschichte der Shinobi (Ninja) verborgen halten, wird Tomoes Geheimnis für immer bei mir sicher sein. Dass sie eine ungewöhnliche Frau gewesen ist, steht außer Frage. Die Szene verschwimmt, ich sehe mich mit Yuki und der kleinen Aiko durchs winterliche Japan gehen. Das ist wieder mein Traum, den ich täglich lebe.

„Weißt du was, Tante Yumi?“, sagt Aiko, „in der Nacht hat mich eine Winterfee besucht! Die war so weiß wie der Schnee und hat mich holen wollen. Aber dann kam ein Fuchs und hat sie weggeschickt.“ „Du solltest damit aufhören ihr Geistergeschichten zu erzählen“, schimpft Yuki. „Jetzt sieh nur, was du wieder angerichtet hast!“ „Wieso denn, meine liebste Yuki-Onna“, empöre ich mich gespielt. „Immerhin haben wir beide von dir geträumt.“

Yukis Elfenlachen steckt an. Wir verbringen eine wunderbare Zeit im Schnee. Als wir wieder im Hotel sind und Aiko eingeschlafen ist, erzähle ich Yuki von meinem Traum. Sie hört aufmerksam zu und nickt dann wissend. Ihre Mundwinkel zucken verräterisch. „Du träumst also von anderen Frauen“, sagt sie. „Ich will die Scheidung hier und jetzt!“ „Kannste vergessen“, erwidere ich und nehme sie in den Arm. „Selbst im Traum wirst du immer mein einziges Wintermädchen sein.“

Wikipedia Einträge:

Tomoe Gozen

Yuki-Onna

Yokai

Inari

 

Photo by Mengliu Di from Pexels

Elfenwinter

„Winter, das ist wie eine Endzeit. Ohne das Wissen um den Frühling stirbt der Mensch.“

Die Reise nach Sapporo dauert zwei Stunden. Gut gelaunt kommen wir in der Partnerstadt von München an. Vom Herbst in den Winter, auf Japans nördlichster Halbinsel ist es kalt. Natürlich sind wir gerüstet, Yuki hat an alles gedacht. „Sich Schneefest machen“, nennt sie das und lacht, als wir uns in dicke Jacken hüllen. Der Mietwagen ist wintertauglich, ein Subaru mit Allradantrieb muss es sein.

Bild: Sapporo, Airport.

Nach dem Stress der letzten Wochen wollten wir allein sein. Zeit füreinander zu haben ist uns schon immer sehr wichtig. Was viele nicht verstehen, wie wir Beruf und Privates trennen. „Ihr seid doch ständig zusammen!“ Wo ist das Problem?

Yuki und ich beruflich sind ein eingespieltes Team und voll auf die jeweilige Aufgabe konzentriert. Aber wir wissen beide, wie wichtig Abstand vom Alltag ist.

Bild: Winter in Japan (Sapporo)

Diesmal führt uns die Reise in einen Winter, der einzigartig ist. Japan in dieser Jahreszeit zu erleben, ist völlig neu für uns. Aber wir haben diese Chance bekommen und nutzen sie. Wer weiß wo wir das nächste Jahr (er)leben.

Vor dem Sapporo Tourist Center erwartet uns ein Ninja, der allerlei Faxen macht. Der junge Mann imitiert irgendwelche Fantasiegebärden, die er vermutlich in einem Film gesehen hat. Das muss ich natürlich genauer wissen und bleibe kurz stehen.

Ninja

„Original Ninja Kleidung!“, nuschelt er durch seine Maske, „ganz billig und nur hier bei uns!“ Wieder imitiert er etwas, das ihn bedrohlich aussehen lassen soll. Soll ich ihn blamieren?

„Untersteh dich!“, flüstert Yuki und zieht mich weiter. „Lass ihm doch den Spaß.“ Den haben dann einige Amerikaner, die begeistert von seinem Auftritt sind. Vermutlich kaufen sie nun „echte Ninja Kleidung“, um damit zu Hause anzugeben.

Prompt fällt mir Großvater Satoshi ein. Wie es ihm wohl geht? Ich werde ihn anrufen und vielleicht klappt auch noch ein kurzer Besuch. Ob es den Jungen interessiert hätte, dass ich echte „Ninja“ in meiner Familie habe? Aber eigentlich heißen die Shinobi, das hat nur mal wieder keiner gewusst.

Es weihnachtet sehr

Sapporo hat einen deutschen Weihnachtsmarkt, der gut besucht und mit allerlei Köstlichkeiten überladen ist. Wir begegnen KoereanerInnen, die überall in Japan anzutreffen sind. Es gibt keine Vorurteile, aber oft lustige Neckereien. Sapporo im Winter ist schön, Japan hat Weihnachten für sich entdeckt.

„Fast wie in Deutschland“, sagt Yuki und schmiegt sich in meinen Arm. „Ja, aber hier sind zu viele Japaner“, erwidere ich auf Deutsch, was mir ein lachendes „Du bist unmöglich!“ von ihr einbringt. Wie gut dass Frau Spaß versteht.

Zwei junge Japaner suchen auffällig oft Blickkontakt zu einer Gruppe junger Mädchen. Sie sind angetrunken und plappern dummes Zeug. Als wir uns zu den Teenagern gesellen, drehen die Männer ab. Sehe ich so bedrohlich aus?

Die drei Mädchen entpuppen sich als in den USA lebende Japanerinnen, die Verwandte in Sapporo besuchen. „Wir sind Schwestern“, sagen sie und lachen. Die Ähnlichkeit ist verblüffend.

Sie entschuldigen sich für ihr holpriges Japanisch. „Zu Hause sprechen wir fast nur noch Englisch!“ Wir erzählen von Deutschland und sie hören begeistert zu. Sie winken zum Abschied, als ihre Eltern kommen.

(Nicht barfuß!) Im Park

Ein Tag später, der Onuma Quasi-National Park wartet schon auf uns. Auch dort treffen wir auf ein Sammelsurium an Menschen. Mandarin, Englisch, Koreanisch, Deutsch identifiziere ich locker. Wir schweigen und lächeln auf japanisch.

Ich könnte viel erzählen, wie ich etwa die Inari traf. Aber für die meisten Menschen war dort nur ein Fuchs zu sehen. Natürlich weiß ich das alles viel besser. Immerhin bin ich mit der „Yuki-onna“ liiert. Aber das habt ihr schon gewusst.

Die folgenden Bilder sind auf dem Weg durch den Park entstanden. Und wir haben wirklich ein Mädel mit kurzem Rock gesehen! Das ist so typisch japanisch, wie der Gang zum Frauenarzt im Winter.

Ich habe darauf verzichtet Bilder von Menschen zu machen. Wer in dieser Einsamkeit unterwegs ist, der bleibt gern privat. Auch wir. Das ist unser Elfenwinter, von dem ich lediglich Schnappschüsse teile.

Die wenigen Tage vergehen wie im Flug. Aber wir haben neue Kraft und Ruhe mitgenommen. Japan, ich gewöhne mich an dich. Im Traum erscheint mir wieder die Inari und stupst mich mit ihrer feuchten Nase an. Ich folge ihr und Yuki kommt mit.

 

Damals in Japan – Teil 3: Inari

Wie bei den meisten JapanerInnen, wird bei mir fröhlich Shintoismus und Buddhismus vermischt. Diese japanische Eigenart, habe ich bereits in diesem Artikel vorgestellt, den einige LeserInnen vielleicht noch nicht kennen: Japan, deine Religionen!

Wir sind in Kyoto. 650 Kilometer im SUV und eine Menge Eindrücke liegen hinter uns. Die eigene Heimat als Touristin zu erleben, ist einzigartig für mich. Ich tauche in mein Japan ein. Ein fremdes Land und doch wunderbar vertraut.

Wir machen uns auf den Weg zum Fushimi-Inari-Schrein und wandern durch unzählige Tempeltore, die von Privatpersonen oder Unternehmen gespendet worden sind. Man stelle sich diesen Brauch in anderen Religionen vor. Undenkbar vermutlich.

Yuki lacht, als ich ihr vorschlage auch ein Tor zu spenden. „Und demnächst wirst du noch Kaiserin von Japan werden“, sagt sie frech. „Ministerpräsidentin reicht“, kontere ich gelassen. „Dann erlaube ich die Ehe für alle.“

Ich mag Tempel sehr. Die einzigartige Atmosphäre zieht mich immer wieder in ihren Bann. Hier werde ich wieder völlig zur Japanerin und Deutschland zur fernen Erinnerung.

Yuki kauft zwei Amulette. Auch sie wirkt verändert, ihr Lächeln ist tiefer als sonst. Spürt auch sie die Verbundenheit mit Japan, die ich fühle? Sie nickt, als ich sie frage. Ein Schwobamädle auf den Spuren der Samurai.

Fuchsstatuen am Wegrand wechseln sich mit Teichen ab. Der Aufstieg zum Tempel dauert mehr als eine Stunde. Ich sehe es als Training, das natürlich ebenfalls auf dem Programm steht. Ein Dojo zu finden ist nicht schwer. Wir haben auch in Japan trainiert.

Im Tempel angekommen, werden wir mit einem Ausblick auf Kyoto belohnt, der einzigartig ist. Eine Familie mit zwei kleinen Mädchen kommt vorbei. Die beiden winken uns zu und Yuki knufft mich leicht.

Wir mögen Kinder, das ist keine Frage. Aber wir werden unser Leben nicht nach ihnen richten. Eigene zu bekommen, ist für uns ausgeschlossen. Ich habe schon berichtet warum.

Eine Adoption steht noch im Raum, aber vorher müssen wir noch viele Dinge klären. Weder Yuki noch ich werden jemals die klassische Frauenrolle übernehmen. Aber ein „Karate Kid“ wäre durchaus cool.

Auf dem Rückweg besuchen wir ein Restaurant und stärken uns mit Nudeln und Tee. Wieder sehen wir die Familie, die beiden Mädchen sehen nun müde aus. Aber es gibt kein Geschrei, keine Tränen. Tapfer essen sie und machen sich wieder auf den Weg.

Kinder in Japan wachsen anders auf. Disziplinierter und zum Teil unter hartem Leistungsdruck. Meine Eltern haben mich niemals bevormundet und mir scheinbar immer meinen Willen gelassen. In Wirklichkeit haben sie mich nur geschickt gelenkt, was ich ihnen gern verzeihe.

Es ist bereits Abend, als wir wieder im Hotel ankommen. Yuki ist müde, aber duschen muss noch sein. Die Klimaanlage sorgt für eine angenehme Temperatur und prompt schläft meine Elfe ein.

Als der Schlaf mich kitzelt ergebe ich mich auch. Schon ziehen erste Traumbilder in mir auf. Ich lenke sie und bin wieder im Tempel. Neben mir, als Füchsin, die Inari.

„Du warst lange weg“, sagt sie leise. „Hast du mich vermisst?“, will ich wissen und die kleine Füchsin lacht. „Ich bin immer bei dir“, erwidert sie rätselhaft. „Aber das hast du doch bestimmt gewusst.“

Das Leben ist ein Fluss

Seit Stunden laufe ich umher. Ohne Ziel, ohne Plan. Ich weiß nicht wo ich bin. Meine Füße schmerzen, aber ich bleibe nicht stehen. Schritt für Schritt gehe ich weiter. So weit bin ich noch nie gegangen. Aber ich habe keine Angst!

Ich treffe eine weiße Kitsune. Sie bleibt stehen und schaut mich freundlich an.

Was machst du hier, will sie wissen. Hast du dich verlaufen? Soll ich dir den Weg zeigen?

Ich muss lachen und setze mich für einen Moment ins hüfthohe Gras. Es wiegt sich leise im Sommerwind. Die Kitsune kommt näher und rollt sich in meinem Schoß zusammen. Erst jetzt fällt mir auf, dass sie neun Schwänze hat. Ich weiß wer sie ist.

Hallo Inari, sage ich und streiche über ihren Kopf.

Hally Mayumi, erwidert Inari. Du bist weit weg von zu Hause. Ich habe mir Sorgen um dich gemacht.

Bist du deshalb hier, frage ich.

Inari nickt. Ja, sagt sie. Ich wollte dich zum Fluss begleiten. Magst du ein Stück des Weges mit mir gehen?

Ein Vogel fliegt vorbei, lacht leise. Kommt zum Fluss … zum Fluss, ruft er und verschwindet in der Ferne.

Ich stehe auf und Inari läuft voran. Das Gras weicht einem endlosen Reisfeld. Ich bin nicht überrascht. Zwei weitere weiße Kitsune gesellen sich zu uns. Ich kenne ihre Namen. Sie begleiten uns ein Stück, weisen den Weg. Dann laufen sie davon, schauen nicht zurück.

Ich unterhalte mich mit Inari. Sie erzählt mir von ihrem Leben, fragt ob ich glücklich bin.

Ja, sage ich. Und es ist nicht gelogen.

Nach einer Weile erreichen wir den Fluss. Inari erhebt sich und nimmt die Gestalt (m)einer Frau an. Sie ist wunderschön, wie Göttinnen eben sind.

Der Fluss des Lebens, sagt sie und deutet auf die blauen Wellen. Wohin wirst du gehen? Zurück zur Quelle, dorthin wo alles begann? Oder nach vorn, weiter und immer weiter. Zu jenen unbekannten Orten und auf Wegen, die nur du sehen und gehen kannst?

Ich schaue in Inaris dunkle Augen. Die Weisheit von Äonen liegt darin.

Die Abendsonne winkt mir Lebewohl, versinkt hinter den Hügeln. Das Leben ist ein Fluss ruft sie noch.

Ich greife nach Yukis Hand und schaue nach vorn.