Wenn Engel reisen

Statt 80 brauchen wir nur knappe 2 Tage, um die (halbe) Welt zu umfliegen. Das ist (m)eine persönliche olympische Disziplin. Die wir natürlich mit der Goldmedaille beschließen. Los Angeles – Hongkong – Fukuoka. Japan ist immer das Ziel. Aber 15 Stunden Flugzeit nach Hongkong werden lang.

Immerhin habe ich gleich mehrere Artikel für den Blog geschrieben. Ob ihr sie lesen dürft? Das werden wir noch sehen. Die Reise hat mehrere Gründe, olympisches Karate ist nur einer davon. Auch ich muss Geld verdienen, auf zum „New Japan Deal.“

In Hongkong waren wir auch des lieben Geldes wegen. Asien hat davon viel zu bieten, das ist nun mal so. Ich bin gespannt und habe einige (wenige) Bilder gemacht. Die Einreise ist als Japanerin problemlos möglich. Offiziell sind wir Touristinnen. Der Beamte lächelt und alles ist gut.

Hongkong ist ein Meer aus Farben und schwüler Hitze, mit viel zu vielen Menschen, die alle „komisch reden.“ Meine paar Worte Mandarin helfen kaum weiter, hier ist Kantonesisch angesagt. Wer sich nun fragt wie Chinesen sich verständigen, den verweise ich auf die Schriftzeichen. Genau so. Die haben in ganz China die gleiche Bedeutung.

„JapanerInnen können doch auch Kanji lesen“, werden sich nun einige LeserInnen denken. Klar können wir, wenn es die japanischen sind. Dass es zum Teil erhebliche Unterschiede gibt, habe ich bereits mehrfach erklärt. Aber ich bin ehrlich, wir kamen gut klar. Nur bei langen Texten wären wir überfordert.

In Hongkong spricht man ein sehr gutes Englisch, die Verständigung ist also kein Problem. Natürlich habe ich alle Kung Fu Meister der Stadt herausgefordert und locker besiegt. Ihr wisst doch nur zu gut, dass ich unschlagbar … lustig bin. Um in Form zu bleiben, habe ich die arme Yuki (mit einem Lächeln) umgehauen. Oder sie mich?

Auf den Besuch eines Dojos mussten wir leider verzichten. Der Zeitplan war eng, schon am Dienstag ging es weiter. Aber vorher war ein Treffen mit mehreren Geschäftsleuten angesagt, die alle Meister des Buisiness sind.

Wobei man das durchaus als Kampf der Nationen bezeichnen kann. Chinesen sind schon zähe Verhandlungspartner und können mindestens so gut lächeln wie wir. Der Erfolg gab uns allen recht. Mehr muss niemand wissen.

Von Hong Kong nach Fukuoka sind es noch einmal knapp dreieinhalb Stunden Flugzeit. Heimat Japan, ich grüße dich! Aber die Reise hat Spuren hinterlassen, unsere Energie schwindet schnell. Eine Gruppe Europäer fällt mir auf. Ich höre spanische und französische Worte.

Cousin Ken holt uns vom Flughafen ab und freut sich uns zu sehen. Er hat tausend Neuigkeiten zu erzählen. Das Highlight kommt mit „Ich besuche euch in den USA!“

„Und wer sagt dir, dass wir dort noch länger leben?“, will ich von ihm wissen. „Eigentlich hatten wir einen Umzug nach Japan geplant.“ Warum Yuki und Ken dann im Chor „Du bist so doof!“, zu mir sagen hätte ich wirklich gern gewusst.

Die Zeitumstellung besiegen wir mit Grünem Tee. Gefühlt trinken wir den nun literweise. Mein Vater hat sein Elternhaus als neue Residenz gewählt. Bisher stand es meist leer. Einige Jahre haben Verwandte dort gewohnt. Aber er hat sich den Luxus gegönnt es zu behalten und ein Hausmeister Service hat sich monatlich darum gekümmert.

Meine Mutter schließt uns in die Arme. Ihre Augenwinkel zucken verräterisch. Nur ich bin natürlich vollkommen cool. „Das Biest“ hat noch niemand zum weinen gebracht. Aber warum klopft mein Herz nun schneller? Das muss am Tee liegen, ist doch klar.

Mein Vater ist in Sachen Karate unterwegs. Also besichtigen wir das Haus. Es ist groß genug für uns alle und Ken will aus Spaß gleich mit einziehen. „Als Dummy für meine Kicks?“, will ich wissen und er schnauft empört. „Ich bin viel besser geworden!“, behauptet er. „Ja klar“, erwidere ich trocken, „vor allem im Fußboden küssen.“ Sogar meine Mutter hat darüber gelacht.

Leider können wir nur einige Tage in Japan bleiben. Immerhin Zeit genug, um mir ein Bild von der Arbeit meines Vaters zu machen. Er bleibt skeptisch und das bin ich auch. Aber es ist eine Ehre für Japan tätig zu sein.

Für einen Abend, habe ich die Assistentin gegeben und durfte Teenager trainieren. Der Unterschied zu Deutschland ist gewaltig. In japanischen Dojos herrscht eiserne Disziplin. Das muss auch ich mir für diesen Tag auf die Fahne schreiben und nur Yuki hat darüber zu Hause gelacht.

Auf vielfachen Wunsch einer einzelnen Leserin, habe ich einige (schlechte) Bilder in den Beitrag eingefügt. Ich habe nun wirklich einige Talente, Bilder mit einem Smartphone zu machen gehört nicht dazu. Dabei gäbe es eine Menge über meine Heimatstadt zu berichten. Dort leben schließlich nette Menschen, aber das habt ihr bestimmt gewusst.

In der Reihenfolge zeigen sie den Flughafen und die Innenstadt von Hongkong. Die Bilder von Fukuoka sind selbsterklärend. Wobei es eine Menge über meine Heimatstadt zu erzählen gäbe. Aber vielleicht mache ich das ein andermal.

Wie es weitergehen wird? Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich gezögert und noch keine Entscheidung getroffen. Deutschland, die USA oder Japan, haben alle ihre speziellen Reize. Leben kann ich überall. Aber nur mit meiner Elfe, was habt ihr denn nun gedacht.

Nach Deutschland müssen wir auf jeden Fall im Sommer, wir haben uns um einige Dinge zu kümmern. Und auch nach Los Angeles führt unser Weg zurück. Dort haben wir noch eine Menge persönlicher Sachen. Ohnehin sind wir nur mit leichtem Gepäck unterwegs. Kleidung und Unterwäsche lagern immer bei meiner Tante.

Eigentlich wäre am Wochenende schon der Rückflug in die USA gewesen, aber ich kann und will zur Zeit nicht aus Japan weg. Das hat auch mit Müdigkeit zu tun. Fliegt ihr mal einen solchen Marathon. Immerhin leiht Ken uns seinen Wagen. Bekanntlich hat er zwei davon und ist gern mit dem alten Turbo unterwegs.

Ich werde (vermutlich) für eine weitere Woche in Japan bleiben, aber in dieser Zeit keinen weiteren Beitrag schreiben. Das ist auch dem Fakt geschuldet, dass wir kaum zu Hause sind und ich eine kleine Auszeit brauche. Wir lesen uns dann Mitte Juni wieder. Bleibt gesund und auf Wiedersehen.

 

Der Mann, der kein Karate konnte

Lügner und Betrüger hat es schon immer auf der Welt gegeben. Wenn Menschen einen Vorteil wittern, schlagen sie hemmungslos zu. Sinnbildlich versteht sich. Einige auch mit brutaler Gewalt. Aber um Gewalt geht es in diesem Artikel nicht. Auch, wenn sie Teil unseres Lebens ist.

Im Karate gibt es Gürtel, die den Leistungsstand repräsentieren. Schwarz trägt nur der Meister, der bis zum 5. Dan selbst Schüler ist. Schwarz trägt auch ein neuer Schüler, der seit 10 Jahren Meister ist. Sagt er und legt eine Urkunde aus Malaysia vor, die niemand entziffern kann. Gleichzeitig aber auch ein Attest vom Arzt. Bandscheibe kaputt, das tut weh!

Angeblich ist der Mann in Hongkong geboren. Aber Kantonesisch spricht er nicht. Er ist Brite mit deutschem Pass und deutscher Mutter. „James heiße ich“, sagt er locker, „aber ihr könnt mich gern Jimmy nennen. So wie mein großes Vorbild, Jimmy Wang Yu.“

Die wenigsten meiner LeserInnen dürften diesen Namen kennen. Aber Wang Yu, war wirklich einst „Der Mann aus Hongkong.“ Er war auch „Der einarmige Schwerkämpfer“ und hat eine Menge Martial Arts-Filme gedreht. Alle auf seine eigene Art. Ich habe niemals einen schlechteren Martial Artist gesehen. Der Mann konnte nichts, das aber richtig gut.

Wang Yu’s Stärke war sein Charisma. Aber wer ihn ungelenk durch alte Filme hopsen sieht, wird meist laut lachen. Wang Yu konnte weder Karate, noch irgend eine Form des Kung Fu. Nur sein Schwertkampf war passabel. Offenbar hat er darin einst Unterricht gehabt. Der Rest war Straßenkampf und einstudierte Schläge.

Der Sensei akzeptiert Jimmy, aber der steht meist im Hintergrund. So gut wie nie nimmt er richtig am Unterricht teil, spart aber nicht mit klugen Sprüchen. Ich bin damals 19 Jahre alt. Es war meine wilde Zeit. Und doch war ich bereits gut darin Betrüger zu entlarven. Wie Jimmy, der nur ein Schauspieler ist.

Meine Chance kommt nach einigen Wochen, als ich den Sensei wegen Verspätung vertreten darf. Wie immer sitzt Jimmy im hintersten Winkel und feuert die anderen Schüler an. Als ich ihn bitte mir zu assistieren, wird er unruhig und will plötzlich gehen. „Ich habe noch einen Termin“, murmelt er. Was nach 20 Uhr am Abend kaum vorstellbar ist.

„Ich brauche doch nur 5 Minuten“, sage ich lächelnd. „Du würdest mir mit deiner großen Erfahrung sehr helfen.“ Jimmy wird bleich, Schweiß tritt auf seine Stirn. Ich habe ihn und er weiß das ganz genau. „Wenn du uns die Sesan-Kata zeigen könntest, ich werde dann dazu etwas erklären.“

„Ja, aber meine Bandscheibe“, protestiert Jimmy schwach. „Ich weiß nicht, ob mein armes Kreuz hält.“ Ungerührt blicke ich den erbärmlichen Lügner an. Dann trete ich blitzschnell zu. Jimmy macht keinen Versuch auszuweichen, er hat den Kick nicht kommen sehen. Keinem Meister wäre das passiert. Das wars mein Junge, du bist blamiert.

Jimmy sitzt verdattert auf dem Hosenboden und meine Schüler sind fassungslos. Unruhe macht sicht breit. Wütende Rufe, der Zorn regiert. „Zieh diesen Gürtel sofort aus“, sage ich bestimmt. „Du bist nur ein Lügenmeister.“ Unser Sensei rettet die Situation und erspart dem Entlarvten weitere Schmerzen. Körperlich. Sein kleines Ego leidet schwer.

Mit knappen Worten informiere ich den Sensei und er nickt. „Meine Schuld“, sagt er zerknirscht. „Ich habe so etwas schon geahnt und wollte es nur nicht sehen. Aber du leitest heute das Training. Entscheide du.“ Ich nicke und gehe drohend auf Jimmy zu. „Warum“, will ich wissen, „was soll dieses Theater?“

Jimmy geht auf die Knie und verbeugt sich immer wieder. Er stottert, versucht sich zu erklären. Unwirsch nehme ich den Gürtel aus seiner Hand. „Ich … ich habe Karate immer geliebt“, flüstert der Lügner. „Ich wollte doch nur so so sein wie Wang Yu!“ „Ein Mann, der kein Karate konnte“, erwidere ich kalt. „Bravo, das hast du geschafft.“