Unverhofft kommt oft

Es ist Samstag, 25.Oktober. Wochenende, Hochzeitstag. Ich verwüste die Küche und Yuki hält sich entsetzt die Augen zu. Aber ich habe mir nun mal in den Kopf gesetzt zu kochen. Auch, weil ich das wirklich kann. Gut, auf Kleinigkeiten, wie Ordnung halten, wird dann nicht geachtet. Aufräumen kann Frau immer noch. Yuki und ich streiten nie. Nur in der Küche versteht sie keinen Spaß, die bleibt meist ihr Revier. Ich darf dann auch alle fünf Minuten mit ihr rechnen, mit neugierigen Blicken und einem frechen Kommentar. Aber das Essen schmeckt ihr doch.

Schön wie die Wange glühet
Am Hochzeitstag der Braut.
(Aus „Heidelieder“, von Hoffmann von Fallersleben)

Ich habe ein Gespür für Situationen. Und an diesem Tag liegt etwas in der Luft. Es ist zu still, das Telefon bleibt tot. Haben die Freunde uns vergessen? Und auch meine Eltern schweigen. Normal ist anders. Dann klingelt es Sturm an unserer Tür. Noch im Flur höre ich eine bekannte Stimme rufen.
„Aufmachen, Barbie-Cousinchen, der beste aller Kens ist da!“
Fassungslos schließe ich meinen Lieblings-Cousin in die Arme, der über beide Backen grinst.
„Überraschung!“, ruft er immer wieder und Yuki bekommt auch einen familiären Kuss.
Der verrückte Kerl hat sich Urlaub genommen, um uns zu besuchen. Als Selbstständiger für ihn kein Problem.

An jede fernste Türe
muss der Wanderer klopfen,
bis er zur eigenen gelangt,
durch alle äußeren Welten muss man ziehn,
zuletzt zum Allerheiligsten zu kommen.
(Rabindranath Thakur, „Die Zeit, die meine Reise braucht“)

Irgendwie ist mir die Sache nicht geheuer. Ich kenne Ken und bei Lügen war er niemals gut. Etwas verbirgt er noch vor mir.
Es sind keine zwanzig Minuten vergangen, Kens Bestechung mit Schokolade hat wenig eingebracht, als es erneut bei uns klingelt.
Linda samt Frau und einer ganze Horde Mädels stürmt unser Heim. Sie wirken wenig überrascht, als sie Ken bemerken.
Und wieso grinst der so? Dem Typ trete ich gleich ans Bein!
Auch Yukis Eltern geben sich die Ehre, nur meine bleiben unsichtbar.
Und das kommt mir sehr unjapanisch vor.

In des Ozeanes Ferne,
Nur von Träumen überbrückt,
Unerreichbar wie die Sterne,
Schienest du der Welt entrückt.

Eine Mythe, eine Sage,
Klang dein Name unsrem Ohr,
Und ein Rätsel, eine Frage,
War verriegelt uns dein Thor.
(Josephine von Knorr, „Japan“)

Linda improvisiert lässig eine Party, Essen und Getränke hat sie mitgebracht.
Mein Schwiegervater fühlt sich sichtlich wohl mit all den Frauen. Dass die lesbisch sind interessiert ihn nicht. Prompt hält er eine seiner Reden und alles lauscht gebannt.
Und reden kann der Mann! Er ist ein Großmeister mit seinen Worten, ein Rhetoriker der besonderen Art.
„Ken!“, rufe ich nach meinem Cousin, der sich erfolglos zu verstecken sucht. „Was ist hier los?“, will ich wissen. „Wo sind meine Eltern hin?“
Aber mein Cousin hält sich den Mund zu und wehrt mit der anderen Hand schnell ab.
„Ich weiß von nichts, mich darfst du auf keinen Fall fragen“, nuschelt er. „Ich habe versprochen …“
Ein Versprecher der besonderen Art.

Heil Dir, geliebtes Paar! Du hast errungen,
Was inenschlich schön nur Wenigen gelungen,
Und reich beglückt des Himmels Huld erfahren.
(Rudolf von Reibisch, „Hochzeitsgedicht“)

Als das Handy klingelt denke ich an meine Eltern. Aber es ist nur Wolf, der uns ebenfalls gratuliert. Übergangslos erzählt er mir von einem Test, den wir am Wochenende machen. Die Details klingen wirklich gut, ich werde bei Gelegenheit berichten. „Und Mayumi“, fügt er noch hinzu. „Du solltest in fünf Minuten aus dem Fenster schauen.“ Dann lacht er und legt auf. Aber warum ich schauen soll, das verschweigt er mir, der Wicht!

Wieder klingelt das Handy und mein Vater ist am Rohr.
„Tochter“, verkündet er, „alles Gute zu eurem ersten Hochzeitstag! Und wenn du die Güte hättest deinen alten Eltern die Tür zu öffnen?“
Yukis Schrei reißt mich vom Handy weg. Ich fliege durchs Zimmer und neben sie ans Fensterle.
„Da, da … schau doch nur!“, stammelt sie voller Freude und deutet auf einen roten Flitzewagen.
Die Runde ist verstummt, ich blicke in erwartungsvolle Gesichter.
„Ihr habt mich alle verladen“, sage ich gespielt eisig. „Das schreit nach fürchterlicher Rache!“
Warum lachen die nun alle? Sehe ich etwa so wenig gefährlich aus?

Es gibt kein halten mehr für mich, im Sauseschritt geht es die Treppe herab. Schon stehe ich vor Tür. Und mit mir, die ganze Bande.
Rot, breit und böse fauchend rollt der Roadster auf mich zu. Am Steuer … meine Mutter! Und mein Papa nebenan.
„Alles Liebe für euch“, wünschen meine Eltern. „Das da“, sie deuten auf den Wagen, „ist euer Geschenk zum ersten Hochzeitstag.“
„Und wir alle natürlich“, verkündet Ken nun ohne Lüge und mit Stolz. „Wir haben das von langer Hand geplant.“
Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert.

Durch das große Weltgetriebe
Klingt ein hoher Gotteslaut:
Elternliebe, Elternliebe!—
Selig, wer ihr stets vertraut!
(Karl Hermann Schauenburg, „Die besten Eltern“)

Ein Zeitsprung, der Samstag ist Geschichte. Es ist der Sonntag nach der improvisierten Feier.
Ja, die war lustig, laut und schrill. Alle meine Lieben um mich versammelt. Was will Frau noch mehr in diesem Leben?
Ken wird bei meinen Schwiegereltern wohnen. Die haben Platz und mögen den Kerl.
Und einen neuen Kerl habe ich auch, oder besser wir. Unser neuer Z, der wieder auf die Firma von Yukis Vater läuft. Ein Testwagen der besonderen Art. Langsam sind jetzt nur die anderen, dieser Nissan ist teuflisch schnell. Und auch, wenn ich schon längst die Langsamkeit für mich entdeckte, dieser rote Z ist immer eine Sünde wert.
Unverhofft kommt eben oft.

Es kummt offt über Nacht, was sonst kam kaum auffs Jahr;
Es brachte heut ein Kind, die gestern Braut noch war.
(Friedrich von Logau, „Unverhofft kummt offt“)

Das erste Jahr

Mayumi schreibt:

Yuki und ich pflegen kleine Traditionen. Unser heutiger, erster Hochzeitstag ist nur eine davon. Noch viel wichtiger ist jener Tag, an dem wir uns einst trafen. Biest und Elfe: aus einem Blick ward Liebesglück. Mehr als sechs Jahre sind seitdem vergangen. Die Liebe blieb und auch das Glück.

„Bewahre die Liebe in Deinem Herzen. Ohne sie ist das Leben wie ein Garten ohne Sonne, aus dem die Blumen verschwunden sind“, hat Oscar Wilde der Menschheit hinterlassen. Mit Yuki ist Liebe zu leben niemals schwer. Yuki und Liebe, das ist für mich das gleiche Wort. Aber gab es wirklich nie Probleme? Haben wir uns niemals richtig gefetzt?

Wenn Menschen sich verlieben ist alles bunt und schön. Dunkle Wolken verschwinden, man sieht Liebende sogar lachend durch den Regen gehen. Oft tötet dann der Alltag die Gefühle. Stinkesocken und Abwasch, finanzielle Sorgen. Bei Yuki und mir ist das so völlig anders. Sie hat einfach die Tür ins Elfenreich aufgemacht.

Da stand ich nun und staunte, ihre kleine Hand berührte meine. Langsam bin ich erste Schritte gegangen, fand meinen Weg durchs grüne Gras. Yukis Welt war leise, hauchzart und sehr bunt. Dort gab es jenen Frieden, den ich niemals hatte. Kein Feind, keine falschen Schlangen. Nur Yukis Reinheit pur.

Ich habe viele Menschen mit meiner wilden Art erschreckt. Ein lächelner Engel, der ohne Warnung explodiert. Mein Zorn hat sich oft bei Mann entladen, er war ein dankbares Ventil. Angst haben nur die anderen, ich habe mich einfach angelegt.

Yuki mag meine forsche Art. Und doch habe auch ich von meiner Elfe gelernt. Sie hat das Talent mich in Sekunden zu beruhigen. Ein Blick, ein Kuss und ich bin zahm. Zorn empfinden nun die anderen. Ich bin bei dir mein Schatz und das nicht nur in diesem Jahr. Alles Gute zu unserem ersten Hochzeitstag! Ich liebe dich.

Yuki schreibt:

Mein Leben vor Mayumi war gewissermaßen eine Achterbahn, ein auf und ab von Gefühlen. Ich hatte Zweifel an mir und meinem Leben. Auch Angst davor, wie ich für Frauen empfand. Mayumi kennt keine Zweifel. Sie schaut kurz und dann macht sie die Dinge. Und sie reißt mich immer mit. Gut, ich muss sie dann schon manchmal etwas bremsen. Eine muss ja vernünftig sein.

Natürlich geschieht das alles spielerisch, wir kennen keinen Streit. Es gab in sechs Jahren niemals böse Worte. Aber geschmollt habe ich am Anfang dann schon ab und zu. Nur kann ich Mayumi niemals böse sein. Durch sie habe ich viel über mich gelernt, durch sie kann ich viele Dinge anders sehen. Und wenn sie frech zu mir ist, so bin ich eben frecher. Das ist mein Weg, die Liebe zu sehen.

„Liebe ist ein ewiges Geschenk“, hat Monika Minder gesagt. Und dieses Geschenk habe ich bekommen. Und ich gebe es gern zurück. Täglich und immer wieder. Unsere Liebe wird niemals enden. Nur dieser Text. Daher: Mayumi, ich liebe dich!

Mayumi und Yuki schreiben:

Hauchzarte Lippen
So süß ist dein Liebeskuss
Hand in Hand mit dir

Vor uns der Regenbogen
Unsere Brücke ins Glück