Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne – Teil 2

Japans Zauber muss noch warten. Übermüdet gehen wir zu Bett.
Sanft schlummere ich in Yukis Armen ein und träume klar.
Ich laufe durch einen Kirschblütenhain. Auch Karin und Natalie sind da. Alle meine lieben Menschen und Yuki geht mit mir Hand in Hand.
Klar zu träumen, den Traum selbst zu bestimmen, das ist nicht jedem Mensch gegeben. Ich kann es seit ich bewusst denken kann.
Alpträume haben nur die anderen. Mein Schlaf ist stets erfrischend. Wenn er nur länger gewesen wäre.
Und ich kann ziemlich zicken, wenn man meine Ruhe stört.

Vom Gefühl her sind nur Minuten vergangen, als Ken lautstark ins Zimmer stürmt.
„Aufstehen!“, ruft er immer wieder. „Es ist schon spät!“
Er reißt uns die Decke weg und Tante Kazumi schimpft ihn aus.
Mein Kick trifft ihn leicht in den Bauch und lachend fällt er auf den Hosenboden.
„Raus du Verrückter“, sage ich bestimmt und versuche böse zu schauen. Aber das ist alles Spaß, ein altes Ritual seit Kindertagen.
Er rappelt sich auf und läuft noch immer lachend davon. Ich höre „Schlafmütze!“ und Yuki wirft ein Kissen nach ihm.
Treffer, versenkt. Meine Elfe wirft nie daneben. Das hat er nun davon.

Fukuoka präsentiert sich noch immer europäisch. 27 Grad, bewölkt, Regenrisiko 30 Prozent.
Es ist ein großes Hallo an diesem Tag, wir verteilen die Geschenke. Auch der Onkel ist da und freut sich riesig mit und über uns.
Gefühle zeigen nicht immer nur die anderen. Und das finde ich richtig gut.
Meine Cousinen nehmen mich in Beschlag. Bis auf wenige Mails haben wir kaum Kontakt. Sie haben Familie, sie leben ihr eigenes Leben. Aber Deutschland steht für beide auf dem Reiseplan.
Natürlich haben wir sie eingeladen. Und wenn irgend möglich, werden wir ihnen unsere andere Heimat zeigen.
Ich schmuse mit meiner kleinen Nichte und Yuki schaut mich seltsam an.
Ahnt ihr was sie denkt?

Der Tag vergeht mit viel Reden und noch mehr Neuigkeiten. Irgendwann sehnt sich mein Körper nach Sport.
Ken deutet meinen Blick richtig und rettet unser Leben. Die Sportsachen sind schnell gepackt und gemeinsam verlassen wir das Haus.
Wir fahren in sein Dojo, der Sensei erinnert sich an uns.
„Willkommen“, sagt er. „Ich freue mich sehr. Ihr dürft gern mit uns trainieren.“
Stolz erzählt Ken von meinem 1. Aikido-Dan. Er ist ein kleines Plappermaul.
„Der wahre Meister schweigt von seiner Kunst“, wird er vom Sensei prompt getadelt. „Dann zeig uns bitte, was du dagegen kannst.“
Ken schaut leicht belämmert, stimmt aber zu.
Ich lache. Endlich darf ich meinen Cousin werfen!

Er gibt sich Mühe und Yuki feixt. Auch der Meister schmunzelt. Alle haben Spaß.
Ein Novum im Dojo. Aber der Mann ist wirklich nett und sehr westlich aufgeschlossen. Und auch die Schüler erinnern sich und lachen mit.
„Bleib weg von ihr“, rät der Sensei Ken. Aber der will nicht hören und versucht immer wieder Schläge und Kicks.
Er gibt auf, als ich ihm mehrfach den Schwung nehme. Es macht sich nicht gut am Boden zu sein.
„Du bist gemein“, lässt er mich wissen und macht ein schmollendes Gesicht. Spaß im Übermaß der Gefühle. Ken ist eine Marke für sich.
In Wirklichkeit ist Ken ein Meisterschüler, aber selbst wenn er es könnte, er schlägt seine Cousine nicht.

Der Unterricht wird ernst, ich genieße die Stunde.
Ich mag den Sensei, er ist sehr gut in dem was er tut. Und der Sport bringt mir die Energie zurück.
Wir haben ausgemacht, dass wir zweimal pro Woche in dem Dojo trainieren. Und der Sensei mag gern mein Aikido sehen.
Ich werde die ein oder andere Stunde leiten und meine Kunst vermitteln. Auch das ein Novum, aber der Sensei will es so.
Natürlich sind einige Schüler skeptisch. Aber ohne vorzugreifen, sie haben mich akzeptiert.
Auch das Bild der Frau in Japan ändert sich. Vor allem, wenn sie überzeugen kann.

Für Yuki ist Kyokushin-Karate fremd. Aber Angst hat sie keine. Und die Erinnerung an den Vorfall vor einem Jahr ist lange vergessen.
Und wer mag schon ernsthaft mit einer Elfe kämpfen?
Das mache ich und prompt kitzelt sie mich.
„Du machst dich gut mit einem Kind im Arm“, lässt sie mich plötzlich wissen. „Du solltest das viel öfter tun.“
Ich ahne was sie mir sagen will. Aber bin ich, sind wir wirklich schon dazu bereit?
Frauen sind schon seltsame Wesen, findet ihr nicht?

Entspannt fahren wir nach Hause. Ken plappert unentwegt.
Er erzählt von seiner Arbeit und mag von unserem Studium wissen. Natürlich auch von meiner Selbstständigkeit.
„Ich habe leider wenig Zeit“, lässt er uns wissen. „Sonst wäre ich schon wieder bei euch dort. Die Projekte stapeln sich und das ist gut.“
„Was hast du mit dem Skyline gemacht, dem alten Wagen?“, frage ich. „Den hast du doch nicht etwa verkauft?“
Ken lacht herzlich. „Bin ich denn verrückt? Der steht in der Tiefgarage und wartet auf neue Turbolader. Dann wird er richtig schnell.“
Ich erzähle vom getunten GT-R und seine Augen leuchten.
Auch Ken hat Benzin im Blut.

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, heißt es in einem Gedicht von Hermann Hesse.
Ja, ich fühle mich zu Hause. Ja, ich fühle mich gut. Wir sind in Japan angekommen. Deutschland ist ein Name geworden, ein halb vergessener Traum.
Ich werde meinen Traum von Japan träumen. Zusammen mit meiner Elfe. Zusammen in einem verzauberten Land.
Sayonara!

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne – Teil 1

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, heißt es in einem Gedicht von Hermann Hesse. so auch in diesem Fall. Der Flug ist zu Ende, aber die Reise hat erst begonnen. Und davon mag ich nun erzählen. Aber wer nun einen klassischen Reisebericht erwartet, der wird enttäuscht. Ich habe noch immer (m)einen eigenen Stil. Und ja, dem bleibe ich treu.

Wir sind in Japan angekommen. Fukuoka präsentiert sich vom Wetter her fast europäisch. 24 Grad sind nicht wirklich viel. Nur die Luftfeuchtigkeit ist anders. 96 Prozent rauben mir den Atem. Regenrisiko bei null Prozent. Auch eine Regenzeit in Japan ist nicht mehr das, was sie einst war. Aber genug der Zahlen und zurück zur Realität. Ein einsamer Ken zeigt Gefühle und läuft lachend auf uns zu. Selbst meine Mutter erlaubt sich ein Lächeln, als er uns so ganz unjapanisch in die Arme schließt. Immerhin verbeugt er sich dann lediglich vor meinem Vater, vor dem hat er Respekt.

„Alle warten und freuen sich schon“, lässt Ken uns wissen. „Lasst mich bitte mit den Koffern helfen.“
Ken wirkt müde, übernächtigt. So kenne ich ihn nicht.
„Alles gut bei dir?“, frage ich besorgt.
Nur kurz zeigt er ein Lächeln, aber er jammert nicht.
„Dir kann man nichts vormachen“, sagt er leise. „Die Kamera ging kaputt. Ich habe alle Bilder verloren und sie noch einmal gemacht. Das editieren hat die ganze Nacht gedauert.“
„Dann fahre ich den Wagen“, bestimmt mein Vater sofort. „Du ruhst dich aus.“
Ahnt ihr nun warum auch ich so dominiere?

Ken hat dann doch eine Überraschung bereit. Der neue SUV bietet viel Platz für Menschen und Gepäck.
„Der alte Wagen war für Kameras und Assistenten zu klein geworden“, erklärt er uns. „Und der Mazda bietet eine Menge mehr.“
Ken ist Fotograf und ein richtiger Könner. Bilder machen nur die anderen. Ken schießt Kunst.
Wir Frauen sitzen hinten, Ken vorn neben meinem Vater. Der hat sichtlich Spaß am japanischen Verkehr und keine Probleme mit dem fahren. Kaum zu glauben, dass er Jahre nicht in Japan war.
Stolz erklärt Ken die Extras des Wagens. Yuki schläft in meinen Armen ein.
Auch ich bin von der langen Reise müde. Die Zeitumstellung macht mir zu schaffen. Lächelnd legt meine Mutter den Arm um mich.
„Wie in den alten Tagen“, sage ich leise und lehne den Kopf an ihre Schulter.
„Ja, kleines Mädchen“, erwidert meine Mutter sanft.
(Er)Kennt ihr die Ironie?

Ich bin ein wahres Kind meiner Eltern, daran gibt es keinen Zweifel. Yuki hat das schon vor Jahren erkannt.
Die Dominanz meine Vaters, die Sanftheit meiner Mutter, haben eine besondere Mischung geformt.
Aufgeregt wie ein Schulmädchen ist Yuki beim ersten Besuch gewesen und meine Eltern haben gestrahlt. Auf ihre Weise versteht sich. Gefühle zeigen nur die anderen.
„Das ist Yukiko-chan, meine Elfe“, habe ich gesagt. „Sagt Hallo zu ihr und seid nett.“
Ja, ich habe Yuki damals verlegen gemacht. Aber sie war tapfer und das ist sie noch.
Es ist nicht einfach als Japanerin lesbisch zu sein.
Aber schwer war es auch für meine Mutter. Und doch hat sie Yuki als Tochter akzeptiert und mag sie nicht mehr missen.
„Du bist verändert“, ließ sie mich damals in einer ruhigen Minute wissen. „Ich sehe Liebe in deinem Blick.“
Liebe und Yuki, das ist das gleiche Wort. Und das wird sich niemals ändern.

Tante Kazumi wartet schon auf uns, das Wiedersehen ist herzlich. Wir sind angekommen. Und das ist gut.
Sie schickt Ken sofort ins Bett und da gehört er auch hin.
Schmollend fährt er davon, ganz das große Kind.
„Ich komme wieder!“, verspricht er und lacht. Aber auch mit Dreißig hört Mann auf seine Mutter, das ist nun mal so.
Meine Eltern werden nur einen Tag bei meiner Tante bleiben, sie haben geschäftlich zu tun. Besser gesagt mein Vater, den meine Mutter natürlich begleiten wird.
Aber sie kommen natürlich wieder, die Schwestern haben sich drei Jahre nicht gesehen.
Und Familie ist wichtig. Sehr sogar.
Yuki und ich werden bei Tante Kazumi wohnen, die Geschenke gibt es am nächsten Tag. Und wir haben ihr eine Menge mitgebracht. Und für Onkel und Cousinen auch.
Heimat, die ich meine. Japan, ich bin da!