Der Besuch der alten Dame

Als Ursel an diesem Morgen aufstand tat ihr jeder Knochen weh. Mit 60 Jahren ist das Leben oft weniger beschwingt. Barfuß schlich sie ins Badezimmer, sie spürte die kalten Fliesen kaum. Ein Blick in den Spiegel zeigte die Realität, die Jahre waren nicht spurlos vergangen.

„Zum Friseur müsste ich“, murmelte sie. „Ich sehe ja schrecklich aus mit diesen Fransen!“ Sie liebte es, wieder in der alten Heimat zu leben. 40 Jahre war sie weg gewesen. In Kanada, um genau zu sein. Dort hatte sie mit ihrem John gewohnt.

John war vor einem Jahr gestorben. Friedlich eingeschlafen, ohne Grund. Herzversagen meinte der Arzt und hatte die Schultern gezuckt. Vermutlich angeboren, das passiert. Ursels Tochter war schon als Teenager ausgeflogen. Sie hatte nie wieder etwas von ihr gehört. Schuld war John gewesen, der ihr „das lesbisch sein aus dem Leib prügeln wollte.“

Ursel hatte viel geweint in dieser Zeit, der Verlust von Maria traf sie tief. Aber sie liebte John und so verging ihr Leben im fremden Land. Ursel war lange nicht in Deutschland gewesen. Ihr Elternhaus war auf lange Zeit verpachtet. Aber vor einigen Monaten gaben die Mieter auf.

In Ursels Kopf legte sich ein Schalter um. Sie verkaufte Hab und Gut und eilte nach Deutschland zurück. Kaum angekommen überschwemmten sie Erinnerungen an damals, als alles anders war. Erneut schaute Ursel in den Spiegel. Dann rief sie im Friseursalon an. „14:30 Uhr haben wir noch einen Termin frei, Frau McAllister“, hörte sie die Inhaberin sagen. Und natürlich ging Ursel hin.

Besuche beim Friseur sind auf der ganzen Welt die gleiche Prozedur. Schwatzen und Neuigkeiten tauschen. „Aus Kanada kommen Sie! Das ist aber toll! Wie, Sie stammen aus … das ist ja hochinteressant. Meine Schwester lebt in München. Das ist auch irgendwie Ausland, wissen Sie,“ plapperte die Friseurin munter.

„Entschuldigen Sie bitte“, störte eine Frauenstimme den frisierenden Redefluss. Ursel hielt die Luft an, als sie in warme Augen blickte. „Kann es sein, dass wir uns von früher kennen?“, fragte die Frau. Ursels Bauch kribbelte, ihr Herz hüpfte wie verrückt. Und die Schleusen öffneten sich zum Tränenfluss.

„Tinchen …, bis du das?“, flüsterte Ursel. „Was …, wie, ich kann’s nicht fassen!“ Ein herzliches Lachen, eine alte Dame schwebte durch den Raum. Pure Eleganz, die Augen schimmerten feucht. „Guten Tag Frau Dr. Hallstein“, beeilte sich die Friseurin zu sagen und strahlte die alte Dame freundlich an. „Sie kennen sich wohl von früher …“

Ja, Ursel und Martina kannten sich. Sie waren zusammen aufgewachsen. Beste Freundinnen, die alles geteilt hatten. Auch den allerersten Kuss. „Mit 16 weißt du nicht, was Liebe ist“, sagte Martina später. Die Frauen schlenderten durch den Park. Fast so, wie früher.

Ursel nickte und schaute verlegen auf die Zehenspitzen. „Ich habe mich nie wieder mit einer anderen Frau getraut“, gab sie zu. „Und wie war das bei dir?“ Martina lächelte und holte ein Bild aus der Tasche. „Das ist Maria“, sagte sie. „Wir haben 20 glückliche Jahre verbracht. Gegen alle Regeln, gegen Homophobie. Der Tod hat sie mir genommen.“

Ursel taumelte, der Stich ins Herz konnte kaum heftiger sein. Das Bild zeigte das Gesicht ihrer Tochter! Was Ursel nie erfahren hatte, Maria war damals mit 18 nach Deutschland geflohen. In die Heimat ihrer Mutter. Dort lief ihr Martina über den weg. Es war Liebe auf den ersten Blick. Ein Klischee vielleicht, aber wahr.

„Maria ist an Herzversagen gestorben“, erzählte Martina später, als Ursel im Krankenhaus wieder zu sich kam. „Der Arzt sagte, das sei vermutlich angeboren und passiere irgendwann. „Aber dass sie deine Tochter ist …! Ich wusste deinen neuen Namen nicht, du hattest dich nie wieder gemeldet.“

Ursel brauchte eine Weile, um sich wieder zu erholen. Martina kam jeden Tag nach der Praxis. Sie war Frauenärztin, die beste in der Stadt. „Ich habe eine Menge Mädels aus der Szene“, erzählte Martina stolz. „Sie vertrauen mir und ich kann helfen. Auch mit Adressen von Samenspendern. Kinder wollen die fast alle.“

In Ursels Kopf kreisten die Gedanken. Und immer wieder tauchte jene Szene im Umkleideraum auf, als Martina sie küsste. Nein, mit 16 weißt du nicht, was Liebe ist. Oder war es doch nur Feigheit gewesen? Eine Flucht in die Sicherheit. Unfähig den Zeigefinger der Menschen zu ertragen.

Ursel hatte diesen Kuss niemals vergessen. Auch nicht, wenn sie mit John zusammen war. Sie hatte seine Härte genossen. Aber Zärtlichkeit ist anders. Eines Tages wurde John impotent und Ursel blieb allein.

„Ich habe dir Marzipankugeln mitgebracht“, durchbrachen Martinas Worte die Mauern der Erinnerung. „Die mochtest du doch früher immer gern.“ Schon schmeckte Ursel die Süße in ihrem Mund. „Jetzt oder nie!“, durchzuckte ein Gedanke ihren Kopf. Und ehe sie wieder klar denken konnte, hatte sie Martina marzipansüß geküsst.

„Das fühlt sich gut an“, flüsterte Martina und holte tief Luft. „Ich sollte dich öfter besuchen. Und du mich.“

Die Reise zu den Inseln

Die heißen Tage sind Geschichte, ein frischer Wind kühlt das Gemüt. Ein Jahr des Aufbruchs geht vorbei und Japans Sommer lockt. Die Familien werden wieder gemeinsam fliegen. Und wieder gibt es mehr als nur den einen Grund. Vorfreude lässt meine Seele hüpfen. Fast unmerklich verändere ich mich. Die Deutsche geht, die Japanerin tritt aus dem Schatten.

Der August muss ohne meinen Blog auskommen. Ich hoffe meine LeserInnen auch. Bestimmt bringe ich neue Eindrücke von einem Land zurück, das für viele Menschen ein ewiges Rätsel bleibt. Ebenso die Menschen, die mir so vertraut und doch so fremd geworden sind.

Ken freut sich bereits riesig uns zu sehen. Auch der Rest der Familie wartet. Ich warte auf ein Signal, das mich auch offiziell wieder zur Japanerin macht. Das wird kein leichter Weg. Aber er ist machbar, bin ich doch in Japan geboren. Der abgelaufene Pass sorgt nur für einen kritischen Blick. Ein Zweitwohnsitz bei der Tante ist kein Problem.

Wer meinen Blog aufmerksam verfolgt wird gelesen haben, dass wir Kinder wollen. Endometriose und die Gefahr einer Fehlgeburt verhindert eine Schwangerschaft bei mir. Bei Yuki ist es ihr zu kurzer Zyklus. Ohne Hormone macht es keinen Sinn.

Wir haben darüber gesprochen. Mit Ärzten, Freunden, Familie. Fazit: Yuki als Hormonbombe wird es niemals geben. Sie weiß, wie sie auf Medikamente reagiert. Aber es gibt immer andere Wege, um ans Ziel zu kommen. Nur wie, das wissen wir noch nicht. Eine Adoption soll es werden. Leider verhindert das die homophobe Welt.

4 Wochen Japan werden ihre Spuren hinterlassen. Schon jetzt ist meine Seele fern. Yuki ist so aufgeregt wie immer, wenn es auf die Reise zu den Inseln geht. Dies und das muss noch mit. Und Geschenke! Natürlich (gute!) deutsche Schokokade. Wer wollte noch die Kuckucksuhr? Ich beruhige Elfchen in Sekunden. Eigentlich ihr Job bei mir.

Großvater Satoshi hat uns geschrieben. Der alte Mann möchte uns gern wiedersehen. Besonders gefreut habe ich mich über einen Satz, den er ans Ende seines Briefes schrieb. „Es gibt zu wenig Kunoichi in dieser Zeit.“ Ich habe verstanden. Yuki nicht.

„Großvater Satoshi möchte dich kennenlernen“, übersetze ich den kryptischen Satz. „Er weiß von dir. Cousin Naoki hat bestimmt von dir erzählt.“ „Heißt das wir werden nach Iga reisen?“, will Elfchen wissen?“ „Buddha erleuchte mich, was soll ich dem alten Herrn denn kaufen?“ „Pack eine Tafel Schokokade mehr ein“, necke ich sie. „Aber vermutlich schmilzt er sowieso, wenn er dich Süße sieht.“

Wer mehr über mein Japan, meine Reisen und Iga lesen möchte, der darf gern auf folgende Links klicken:

Japan Reise 2014 Teil 1

Japan Reise 2014 Teil 2

Die Nebel von Iga 1

Die Nebel von Iga 2

Die Nebel von Iga 3

Auslaufmodell Ehe

Dieser Artikel ist nach dem Kommentar einer Leserin entstanden, die sich über die konservative Haltung gleichgeschlechtlicher Paare wunderte, wenn es um die Ehe geht. Und wirklich, hat die Ehe an Bedeutung verloren. Aber was ist die Ehe überhaupt, wer hat sie erfunden?

Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Ehe zunächst eine Art Friedens- und Bündnisvertrag zwischen Sippen war. Sie verband unterschiedliche Clans oder Familien und sicherte so beiderseitiges Überleben. Promimente Beispiele sind die miteinander verwandten Königshäuser auf der Welt. So hat man (noch mehr) Kriege verhindert.

Mit dem aufkommenden Christentum und dem immer stärkeren Einfluss der katholischen Kirche, hat die Ehe eine andere Bedeutung bekommen. Plötzlich standen Monogamie, Unauflöslichkeit und der eigentliche Zweck der Ehe, die Zeugung von Kindern im Vordergrund.

„Bis dass der Tod euch scheidet“, ist keine romantische Liebeserklärung. Auch dieser Spruch stammt von der Kirche, die ihn mal eben so erfunden hat. Die Ehe war nun der kirchlichen Gerichtsbarkeit unterstellt. Frauen blieben Mittel zum Zweck, um die Erbfolge zu sichern.

Seit dem 12. Jahrhundert gibt es das kirchliche Eherechtsmonopol. Damit setzte sich die christliche Heirat gegen lokale Traditionen durch. Eine schöne Umschreibung für Heiden, die es immer weniger gab. Gleichzeitig wandelte sich das Gesicht der Ehe. Ihr Fokus lag auf der Zweierbeziehung zwischen den Eheleuten und nicht mehr auf der Beziehung zum Clan.

Mit Liebe hatte diese Ehe wenig zu tun. Liebe und Sexualität, waren außereheliche Angelegenheiten. Erst die Romantik und das aufkommende Bürgertum des 18. Jahrhunderts, haben die Liebesehe erschaffen. Womit ich einen Bogen zu meinem Artikel der Gleichberechtigung von Frauen schlage. Die Zwangsheirat wich langsam der Liebesehe. Auch das ist Fakt.

Als Niedergang der Ehe kann die sexuelle Revolution im späten 20. Jahrhundert angesehen werden. Außereheliche Lebensgemeinschaften standen nun im Vordergrund. In Deutschland nimmt die Zahl der Scheidungen zu, bei gleichzeitig immer weniger Eheschließungen. Hat die Ehe ausgedient?

Vielleicht hat sie das. Wenn es da nicht ein kleines Häuflein regenbogenbunter Menschen gäbe, das gegen diesen Trend marschiert. Vehement kämpft die LGBT-Gemeinde für die Gleichstellung der Ehe und erringt Sieg um Sieg. Gleichzeitig sind viele lesbische Frauen überzeugte Feministinnen, die für Frauenrechte kämpfen. Ein widerspruch?

Immerhin hat die Gesellschaft lange von einer Frau erwartet, dass sie verheiratet war, Kinder hatte und dem Ehegatten treu. Kuckuckskinder haben doch immer nur die anderen. Warum also nun machen Homosexuelle diesen Schritt zurück? Die Antwort ist einfach und auch wieder nicht.

Die Gleichstellung der Ehe gilt uns als Signal für Anerkennung. Endlich werden wir nicht mehr ausgegrenzt. Kein Gott hat jemals verlangt, dass Frauen nur Männer heiraten. Die Ehe ist aber auch eine Art von offenem Protest gegen eine noch immer homophobe Gesellschaft. Wir zeigen Flagge! Wir sind wie ihr! Wir können auch heiraten!

Auch, wenn es nach dem Gesetz nur eine eingetragene Lebensgemeinschaft ist, so bleibt Yuki doch was sie schon immer ist: meine Frau! Und sie ist kein Auslaufmodell. Liebe und Yuki, ist das gleiche Wort. Und wenn in einigen Jahren die Gleichstellung der Ehe kommt, werde ich meine Elfe noch einmal heiraten. Und so ist es gut.

Frauen damals und heute – Der lange Weg zur Gleichberechtigung

Feministinnen sind den meisten Männern ein Dorn im Auge. Mann denkt sofort an Suffragetten, ein abwertender Begriff für engagierte Frauenrechtlerinnen. Dabei geht es Frauen weniger darum, den Männern etwas wegzunehmen. Es geht um mehr Rechte für Frauen, um Gleichberechtigung.

Die (westliche) Frau von heute sieht ihre Freiheit als selbstverständlich an. Immer wieder wird erzählt, dass schon deren Vorfahrinnen freie Frauen waren. Frauen, die ihren Männern im Leben zur Seite standen und die Existenz gesichert haben. Aber das ist nur schöngeredet. Die Wahrheit sieht völlig anders aus.

Wenn Feministinnen von (fehlender) Gleichberechtigung sprechen, haben sie tausend Jahre und mehr im Visier. Und plötzlich sieht auch für die moderne Frau alles anders aus. Keine heute lebende Frau wäre entzückt, wenn sie als Magd für eine Weile im finsteren Mittelalter lebte und mal „eben so“ vom Bauern, oder Knecht … Legende, Lüge? Das ist Fakt!

Sex im Mittelalter war etwas, das der Mann mit der Frau tat. Er war aktiv, dominant und nahm sich, was sein Recht war. Die Frau war nur Mittel zum Zweck. Eine Gebärmaschine für Kinder, ein Jungbrunnen für Mannes Fleischeslust. Von Liebe reden wir später. Aber Sexualität im Mittelalter hatte ein ganz anderes Bild, das nicht Thema dieses Artikels ist.

Der „Herr Vater“, war wie der Name schon sagt, uneingeschränkter Herrscher im Haus. Er bestimmte was Frau und Töchter taten. Morgens ging Frau zur Maloche, am Abend machte sie die Beine breit. Die Töchter möglichst reich vermählt an den Nachbarsbauern. Um den Wohlstand zu mehren und zu wahren. Tod im Kindbett inklusive.

Apropos Kinder. Die hatten es nicht einfach in jener Zeit. Dafür waren sie aufgeklärter und weniger naiv. Keine Playstation, aber mit 12 bereits schwanger. Vom erst 14 Jahre alten Fürstensohn. Auch ein Spiel für den edlen Herrn.

Was hat nun die Legende von gleichberechtigten Frauen geschaffen? Verklärte Romantik, Hollywood-Filme zum großen Teil. Auch die Selbstverständlichkeiten des Lebens im 21. Jahrhundert, die viele Frauen träge machen. Es geht den meisten gut, die wenigsten hinterfragen ihre Rolle. Im Bestreben um Harmonie und Glück, haben sie sich angepasst. Nur Alice kämpft immer noch.

Witzigerweise stehen viele Lesben mehr für Frauenrechte ein, als ihre heterosexuellen Schwestern. Wir, die wir zwar Väter und Brüder haben, stehen Männern oft kritischer gegenüber. Das ist kein Hass. Aber wir sprechen Dinge an, die Heten gern übersehen. Und werden dafür noch angefeindet. „Du blöde Lesbe, du!“

Natürlich sagt Frau solche Worte kaum. Frauen beleidigen meist subtil. Krasse Sprüche kommen gern von Mann, wenn wir mit dem Finger auf ihn zeigen. Sein Recht auf Sex, sein Recht auf Dominanz, das ihm vom lieben „Herrgott“ in die Wiege gelegt worden ist. (R)Eine Erfindung alter Patriarchen. Die „große Mutter Erde“ gibt es viel länger, als jede andere Religion.

Die Diskussion um das Verbot der Prostitution, ist ein weiteres Reizthema für Mann. Er vergisst, dass die meisten Frauen dazu gezwungen werden. Absurde und haarsträubende Beispiele werden angeführt, um die „naturgeilen Nymphen“ zu zeigen, die sich willig stöhnend im Lotterbettchen wälzen. Mal ehrlich, glaubt das wirklich wer?

„Liebe ist ein Geschäft“, ist ein anderes Argument. „Warum also Sex nicht kaufen?“ Liebe mag für manche Frauen eine Ware sein. Blickt man genauer hin, werden die Hintergründe schnell klar. Freiwillig, aus „Geilheit“, verkauft sich keine Frau für Geld. Es sei denn, dass auch die Ehe als Geschäft gesehen wird.

Feministinnen von heute geht es vor allem um Gleichberechtigung in allen Lebenslagen. Um gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Auch um mehr Rechte in der Ehe. Das Recht auf Beischlaf ist zum Glück gestrichen und Vergewaltigung in der Ehe endlich strafbar.

Frauen im 21. Jahrhundert sind auf dem Weg etwas zu erreichen, wovon die Frau im Mittelalter träumte. Aber Mannes Traum scheint nun geplatzt. Diese Denkweise ist so absurd, wie falsch. Und leider wird sie von vielen Frauen noch gefördert.

Ja, Mütter sind komisch, wenn es um ihre Söhne geht. Die dürfen auch die arme Nachbarstochter schwängern. Aus Spaß versteht sich. Geheiratet wird „die Schlampe“ aber nicht! Standesgemäß muss der Sohnemann sich vermählen. Am liebsten mit Frau Dr. Mehrwert. Sonst wird das (Lotter)Leben ach so teuer.

Urlaub, Elfen, Meeresrauschen – Eine Turbofahrt ins Glück

Die ganz Welt ist verrückt geworden. So zumindest scheint es. Frau Sonne sendet Hitzewellen und religiöse Fanatiker haben „das Ende“ im Blick. Ein Ende gibt es zumindest für einen Macho-Finanzminister, der nun vermutlich in die frühe Rente geht. Wer die zahlen soll ist fraglich. Vielleicht hat Yanis Varoufakis einen besonderen Deal.

Die USA fegen Japan vom künstlichen Rasen. (Überlegene) Kraft gegen Charme. Und die deutschen Mädels trauern sind aber noch immer besser als die Herren. Deren Weltmeisterschaft ist nur noch schöner Schein. „Es war einmal …“, werden sie den Enkeln noch erzählen. Ich blicke lieber nach vorn.

Auch auf den geplatzten Reifen. Zum Glück ist nicht wirklich viel passiert. Der Z hat also Pause. Oben ohne macht keinen Sinn bei 40 Grad. Der Norden lockt, das Meer kühlt die erhitzten Körper. Wir albern am Strand umher, Liebesglück im Sommer. Mannes Blick folgt uns voll Gier. Lachend laufen wir Hand in Hand.

Turbo-Motoren mögen kühle Luft. Erst dann kommen sie auf Touren. In der Liebe sieht das anders aus. Im Herbst der Gefühle herrscht Dauerfrost. „Nicht schon wieder Autos!“, höre ich meine LeserInnen stöhnen. Aber Autos habe ich keine im Sinn. Nur (m)eine hitzige Elfe.

Am Strand steigen die Temperaturen und verwirren Mannes Sinn. 2 Holländer steuern grinsend auf uns zu. Ein Blick zu Yuki und Elfchen nickt. Lässig lege ich ein Bein auf ihre Schulter. Die Männer zögern, als ich spielerisch gegen imaginäre Feinde kicke. „Dat werkt niet“, höre ich und muss lachen. Gut erkannt meine Herren.

Wir werden oft nach dem Geheimnis unserer Liebe gefragt und wie wir so harmonisch miteinander leben können. Warum gibt es bei uns niemals Streit? Die Antwort ist einfach und auch wieder kompliziert. Ein Erklärversuch von (m)einer Elfe:

Yuki schreibt: Hoffnungslos romantisch zu sein halte ich für sehr naiv. Kein Mensch ist so, wie ich ihn (sie) gern hätte. Mayumi verkörpert Stärke für mich. Die Schulter in der Not. Wobei „Not“ nur ein Sinnbild für das ganze Leben ist. Es sind oft Kleinigkeiten, die unsere Beziehung so einfach machen. Das fängt schon beim Haushalt an.

Ich mag es zu kochen und kreative Ideen umzusetzen. Da kann ich dann richtig bestimmend werden und übernehme das Kommando. In Wirklichkeit ist das ein Spiel. Meine Süße hilft mir, wo sie kann. Und um mit einer Legende aufzuräumen: Ja, sie kann gut kochen!

Immer ehrlich zu sein, ist ein weiterer und wichtiger Faktor. Wir teilen Dinge. Schokolade, wie auch Neuigkeiten. Geheimnisse voreinander? Wozu? Und doch haben wir Freiräume, die wir auch brauchen. Aber wir gehen niemals ohne die andere aus.

Mayumi schreibt: Der Kurzurlaub am Meer tut gut. Eisgekühlt schlafen wir in der Nacht. Auf Eis liegen (leider) auch unsere Kinder. Die Frauenärztin macht uns wenig Hoffnung. „Ohne Hormone wird das nichts“, erklärt sie immer wieder. Aber sie versteht die Abneigung. Alles gut.

Yuki schreibt: Ich mag noch immer Kinder haben. Aber enttäuscht, am Boden zerstört? Warum sollte ich das sein? Ich höre auf meinen Körper und der ist für ein Baby nicht bereit. Nun richte ich den Blick auf Berlin und hoffe auf die Ehe-Öffnung. Vielleicht können wir dann ein Baby adoptieren, das keine Mutter hat.

Mayumi schreibt: Yuki und ich sind wie zwei Seiten einer Medaille. Oder das Yin und das Yang. Wir ergänzen uns und treiben die andere zu Höchstleistungen an. Dabei geht es weniger um Rekorde, als vielmehr um Spaß. Langweile haben nur die anderen. Wir sind immer auf Tour(en), wir sind Aufputschmittel pur.

All about Anna

„All about Anna“, ist ein Film, den ich vor einigen Jahren sah. All about Anna, ist aber noch viel mehr. Dabei geht es weniger um den Film, als um eine Frau, deren Name Annalena ist. Ich habe Anna vor fast 15 Jahren auf einem Karate-Turnier getroffen, das sie in ihrer Gewichtsklasse locker gewann. Dabei kann sie überhaupt kein Karate. Aber Krav Maga und das richtig gut.

Anna ist lesbisch, das war sie immer schon. Geboren und aufgewachsen in Berlin, hat sie ihr Weg quer durch Deutschland geführt. Ein Weg, den wenige Frauen gehen. Ein Weg, den ich gut nachvollziehen kann. Anna ist Jüdin und kam schon als junges Mädchen zum Krav Maga. Wie ich lebt sie für ihren Sport, mit dem sie tief verwurzelt ist.

Anna hat meine Kämpfe damals ebenfalls gesehen und war tief beeindruckt.
„Du bist echt gut für so ne Kleene“, hat sie mich gelobt. Und ich habe nur gelacht.
Wir haben uns sofort als Schwestern erkannt, aber es gab niemals mehr als reines Interesse am anderen Mensch. Zu verschieden waren unsere Persönlichkeiten. Während Anna eher grüblerisch und in sich gekehrt durchs Leben geht bin ich Miss Extrovertiert.

Aus dieser kurzen Begegnung, ist eine Freundschaft entstanden, die die Jahre überdauert hat. Anna hat sogar eine Weile in Düsseldorf gelebt und dort als Security gearbeitet. Ich musste immer frech grinsen, wenn sie Männern den Einlass in Clubs verwehrte und uns Mädels nicht.

Vor 5 Jahren traf sie die Liebe ihres Lebens. Eine bisexuelle Frau aus Frankfurt, eine sehr hübsche Lehrerin. Corinna hat die rotesten Haare, die ich jemals gesehen habe auf dieser Welt. Eine Haut, so zart und weiß wie Alabaster. Und im Gegensatz zur burschikosen Anna, ist sie fast zu feminin. Eine Göttin unter Butches.

Corinna hat Anna wieder auf die Uni gebracht. Dort hat sie zu Ende studiert, was sie damals in Berlin begann. Aus der Wildkatze Anna, ist über die Jahre eine wundervolle Frau geworden, die ihre Corinna glühend liebt. Aber es gibt Menschen, die haben wenig Glück im Leben. Und irgendwie gehört Anna mit dazu. Corinna will Kinder, Anna ist noch nicht bereit. Die beiden streiten sich, es kommt zum Eklat. Eine Trennung scheint unvermeidlich. Corinna lernt Gerd kennen und verliebt sich Hals über Kopf. Zumindest wird sie das so Anna sagen. Zwei Monate später ist sie schwanger und Anna am Boden zerstört
Und das Schicksal geht eigene Wege.

Der Anruf erreicht mich gegen 23 Uhr. Ich bin schon im Bett und auch Yuki schläft. Eine leise Stimme flüstert mir Worte ins Ohr, die jede Müdigkeit vergessen machen.
„Ich … kann nicht mehr.“
Mein Gedächtnis für Stimmen war schon immer gut. Und auch Anna erkenne ich prompt.
„Anna, was ist los?“, will ich wissen. „Geht’s dir nicht gut?“
„Pillen“, lallt Anna. „30 Stück … schlafen …“ Dann bricht die Verbindung ab.
Ich rufe zurück, aber Anna meldet sich nicht. Sofort informiere ich die Polizei. Man verspricht mir in Frankfurt anzurufen und dort die Kollegen zu informieren.
„Machen Sie sich keine Sorgen, das kriegen wir schon hin“, höre ich nur.
Aber warum warten?

Ich wecke Yuki und erzähle ihr von Anna. Elfchen nickt und wir ziehen uns an.
Der Z erwacht zum Leben, brüllend, laut und ungestüm. Nach Frankfurt sind es 200 Kilometer und zum Glück ist Nachts wenig Verkehr. Aber wir brauchen trotzdem mehr als eine Stunde. Wie schnell ich war bleibt mein Geheimnis. Aber langsam ist anders. Noch auf der Autobahn informiere ich Corinna.
Eine geschockte Corinna mit Babybauch wartet in Anna Wohnung. Notarzt und Polizei sind ebenfalls vor Ort.
Anna kotzt sich die Seele aus dem Leib, aber es geht ihr schon wieder besser. Bleibende Schäden – Fehlanzeige. Glück im Unglück, alles wird gut.

„Das …, das wollte ich doch alles nicht!“, stammelt Corinna und schaut uns flehend an. „Ich habe sie doch immer noch lieb!“
„Vielleicht hättest du ihr das sagen sollen“, sage ich. „Aber es ist ja offensichtlich, auf wen du wirklich stehst.“
Yuki schüttelt fast unmerklich den Kopf, aber noch bin ich mit Corinna nicht fertig. Einmal in Rage stoppt mich niemand mehr.
„Du kennst sie doch besser und weißt, wie sensibel sie in Wirklichkeit ist. Hat sich der Suizid nicht angedeutet?“
„Sie hat immer wieder angerufen“, murmelt Corinna. „Aber ich habe mich so geschämt! Was soll ich denn machen? Ich wollte doch ein Kind! Und Gerd, der perfekte Spender.“ Tränen sagen oft mehr als Worte. Und davon hat Corinna viel.

Ich muss nicht Mayumi Holmes und Yuki nicht Frau Dr. Watson sein, wir haben Corinnas Botschaft klar verstanden. Aber für die Wahrheit ist es noch zu früh.
Eine bleiche, zitternde Anna liegt in unseren Armen. Auch sie fängt an zu weinen, als sie Corinna sieht.
Der Notarzt hat ihr eine Spritze gegeben. Mit ins Krankenhaus will Anna nicht. Aber sie muss. Wir fahren mit, die Nacht weicht bald dem Morgen.
Auch Corinna ist dabei, der es prompt übel wird. Wir kümmern uns um sie, bis eine Schwester kommt.
Aber hier sind wir vorerst fehl am Platz, die Pflicht ruft uns nach Stuttgart zurück. Diesemal fahre ich gemäßigt. Ich muss nicht immer Erste sein.

Das alles ist vor einigen Monaten geschehen und Anna geht es wieder gut. Wir haben sie vor einigen Tagen besucht. Noch immer ist sie bleich und jetzt ohne ihre langen Haare. Die sind einer Kurzhaarfrisur gewichen. Die Augen sind dunkel geschminkt und blicken kalt. Die Liebe scheint erloschen.
„Corinna hat mich gestern angerufen“, sagt sie leise. „Sie hat sich von diesem Gerd getrennt. Und …“, ihre Stimme bricht ab und sie schluckt. „Sie hat gesagt, dass sie Gerd nur benutzt hat. Aus Wut und als Samenspender. Glaubst du das stimmt?“
„Ja“, erwidere ich. „Das habe ich schon seit einer Weile vermutet. Aber okay war das nicht.“
Wer soll Frauen je verstehen. Gerd ist nämlich schwul.

„Und wie geht’s weiter?“, will ich wissen. „Kommt Corinna zu dir zurück? Und willst du sie überhaupt noch?“
Anna steht auf und tigert wie eine Raubkatze im Käfig durch die Wohnung.
„Damit sie mich wieder verlässt? Ich ertrage das kein zweites Mal!“
Anna bricht erneut in Tränen aus, als ich den Arm um sie lege. Mit ihren 1,76 Meter ist sie fast eine Riesin gegen mich.
Harte Schale, weicher Kern.

„Los, wir fahren hin!“, bestimme ich, als ich das ganze Elend sehe. „Du fährst selbst, im Z haben nicht alle Platz.“
Eine überraschte Corinna öffnet uns die Tür. Auf ihrem Arm kräht fröhlich ein Kind.
„Das ist Annalena“, murmelt sie und schaut Anna dabei fast flehend an. „Magst du sie mal halten?“
Und genau das hat die große Anna dann getan.

Ich weiß nicht, ob es ein Happy End geben wird. Anna ist noch immer tief und schwer verletzt. Aber die kleine Anna hat ihr Herz bereits im Sturm gewonnen.
Die Frauen wollen sich wiedersehen, soviel steht fest. Ob sie es schaffen wird die Zukunft zeigen und wie groß ihr beider Herz wirklich ist.
„Verlässt du mich auch wegen einer blonden Mieze wenn ich schwanger bin?“, will Yuki auf dem Weg nach Hause wissen.
„Nein“, erwidere ich. „Die halten wir uns nur zum putzen. Aber das hast du bestimmt gewusst.“
Der Spruch war „All about Mayumi.“ Mag noch wer was ergänzen, hat jemand Lust?

The Girls of Tai-Chi

Düsseldorf im Sommer vor einigen Jahren, mein jüngeres Ich ist auf Studienreise durch die Dojos der Stadt. Ich übe Kung Fu und das macht mir großen Spaß. Instinktiv setze ich neue Dinge um und erschaffe die Grundlagen meines Stils. Dann treffe ich auf Sifu Betty Wu, eine chninesische Tai-Chi-Meisterin. Die Frau ist wunderbar!

Tai-Chi gilt als weicher Stil, als inneres Kung Fu. Es dient der Gesundheit, der Balance von Körper und Geist. Sifu Wu kommt aus Taiwan, hat aber auch schon in Hongkong gelebt. Sie ist 40 Jahre jung. Alt sehen nur andere aus, die diese Frau nicht ernst nehmen wollen.

Tai-Chi-Chuan gibt es in verschiedenen Formen und es kann auch schnell angewendet werden. Zur Selbstverteidigung, zum Kampf. Auch das wird mich die Meisterin lehren. Ihre beste Schülerin ist stets mit dabei. Ihr Name ist Lia und Sifu Wus Nichte.

Ich habe wenig Mühe, die Bewegungen zu lernen. Meine Form des Karate kennt auch den weichen Stil. Und doch bin ich überrascht, als mir die Meisterin Dinge zeigt, die ich sofort verinnerlicht habe. Mein Papa schmunzelt, als ich ihm davon erzähle. „Auch andere Meister können gut lehren“, sagt er rätselhaft. „Und Tai-Chi ist durchaus gut.“

Mein unruhiger Geist rebelliert, als Tai-Chi dann doch nicht schneller wird. Mir fehlt jene Dynamik, die mich schon immer ausgezeichnet hat. Sifu Wu weiß um meine Klasse. Aber Girls of Tai-Chi kämpfen nicht, sagt sie mir Und genau das ändert sich an einem besonderen Tag.
Lia spricht nur Englisch und Kantonesisch. Aber wir verstehen uns trotzdem sehr gut. Sie ist so alt wie ich, aber fast noch zierlicher. Dass ich auf Frauen stehe stört sie wenig.

Ich nehme Lia in eine Lesben-Bar mit, was sie äußerst witzig findet. Sie ist sehr westlich aufgeschlossen, hat aber keinen Blick für Frauen. Kein Problem für mich, eine kleine Geliebte ist stets zur Hand. So auch an diesem Abend.
Ich tanze eng umschlungen und bin kurz von meiner Begleiterin abgelenkt. Eine angetrunkene Lesbe reagiert aggressiv, als sie von Lia abgewiesen wird.
Freundlich, wie Lia später erzählt.

Ein Handgemenge an unserem Tisch, ich bin mit einem Schritt am Platz. Aber ich bin nur Zeugin, wie Lia ihre Kunst anwendet. Der Begriff „auflaufen lassen“ bekommt bei ihr einen neuen Sinn. Fassunglos sitzt das angetrunkene Mädel am Boden und reibt sich den hübschen Po. Nur noch ein Häufchen Elend, dem ich einige nette Worte stecke. Dann befördere ich sie höchstpersönlich aus dem Club.
Lia ist der Vorfall unangenehm. „Ich mag eigentlich nicht kämpfen“, sagt sie. Aber sie hat es perfekt getan.
Tai-Chi ist mehr als nur Gesundheitssport.

Der Abend wird doch noch lustig und wir haben eine Menge Spaß. Lia ist fröhlich und gewinnt zwei weitere Schülerinnen für ihre Tante.
„Als meine Eltern starben, hat mich Tante Betty aufgenommen“, erzählt mir Lia. „Und seit ich Fünf bin trainiere ich Tai-Chi.“
„Hast du keinen Freund?“, will ich prompt wissen? Die Jungs stehen doch bestimmt Schlange bei dir.“
Lias Lachen verzaubert mich. Sie ist ein Engel, das ist klar.
„Ich bin nicht so eine Art Mädchen“, sagt sie leise. „Männer wollen mich nicht.“
Nur kurz bin ich verwirrt. Mein Gaydar hat sich nie geirrt und Lia ist absolut hetero.
Was mag ihr Geheimnis sein?

Die wochen vergehen, Lia und ich unternehmen viel. Als der Herbst kommt muss sie gehen.
„Tante Betty hat ein Angebot aus England“, sagt sie mir. „Sie wird in London unterrichten.“
„London?“, sage ich und runzele die Stirn. „Die reden da immer so komisch.“
„Du bist immer so direkt, Mayumi“, erwidert Lia und lacht. „Aber die netteste Japanerin, die ich kenne.“
Sie zögert kurz und gibt sich einen Ruck.
„Was ich dir nun erzähle wissen nur wenige Menschen“, fährt sie fort. „Aber ich vertraue dir.“
Sie schaut mich tapfer an und gibt sich einen Ruck. „Ich … ich bin keine richtige Frau“, sagt sie leise. „Ich kann keine Kinder bekommen.“
Die Wahrheit tut oft weh.

Regungslos verdaue ich die Neuigkeit. Ist Lia etwa intersexuell? Was da vor mir steht, ist eindeutig Frau. Weder Stimme, Gesicht, Kehlkopf, Hände, oder Füße sind anders. Alles ist fraulich klein. Und doch kommt es noch schlimmer.
„Ich habe keine Eierstöcke“, fährt Lia fort. Und mein Busen wuchs erst durch Hormone, die ich seit einigen Jahren nehmen muss.“
Lias Stimme zittert leicht, als sie mir alles gesteht. Aber ich verurteile nicht. Und doch will ich etwas wissen.
Neugier, die ich meine.

„Fühlst du dich denn von Männern angezogen?“, frage ich.
„Lia schüttelt leicht den Kopf, sie wirkt verlegen. „Ich mag gern Freunde haben“, erwidert sie. „Sex hatte ich noch nie. Weder Frauen noch Männer ziehen mich an. Und doch kann ich lieben. Aber auf meine eigene Art.“
Was Lia mir sagen will: sie ist asexuell. Und das ist keine Seltenheit. Lia weiß, was Liebe ist. Vielleicht kann sie den richtigen Menschen küssen. Aber sie wird niemals Sex haben, was schwer zu begreifen ist.

Lia hat mein Mitgefühl, ihr Schicksal hat mich tief berührt. Sie sieht es locker, Mitleid ist bei ihr fehl am Platz. Bevor sie geht erfüllt sie mir noch einen letzten Wunsch. Ein sportlicher Wettkampf unter Mädchen. Und Sifu Betty hat die Augen verdreht.

Auch als Siegertyp bin ich niemals überheblich. Meine scheinbare Arroganz ist meist nur Ironie. Ich weiß, was Lia kann. Und doch bin ich von mir überzeugt. Aber zum  ersten Mal in meinem Leben treffe ich auf einen Menschen, der mir zumindest ebenbürtig ist. Egal was ich versuche, Lia weicht mir lächelnd aus. Doch ihre Konter laufen auch ins Leere. Der Kampf, der keiner ist, endet unentschieden. Meisterinnen unter sich.
Sifu Betty nimmt uns beide in den Arm. Ein Lob, das ich genieße.

Lia lebt noch immer in England. Über die Jahre halten wir sporadisch Kontakt. Vor einigen Tagen dann die Nachricht, dass sie Düsseldorf besucht. Und Sifu Betty ist auch dabei. Das Wiedersehen ist herzlich. Die Zeit hat kaum Spuren bei den beiden hinterlassen. Aber Lia hat noch eine Überraschung bereit, die selbst mir die Sprache verschlägt. Zwei kleine Mädchen, die sie liebvoll Mama nennen. Ihre eigenen „Girls of Tai-Chi.“

Lea und Mia sind Zwillinge, die früh ihre Eltern verloren haben. Lia hat die beiden adoptiert, wenn auch nicht allein.
„Ich habe geheiratet“, verrät sie mir lachend. „Er heißt Peter und ist ein schwuler Mann. Und mein allerbester Freund. Naürlich ist die Ehe nur Schein. Aber die Mädchen mögen ihn. Ich habe die beiden in einem Heim gefunden, als wir in Liverpool einen Auftritt hatten. Der Rest war Formsache.“
Mehr verrate ich euch nicht.

„Lehrst du sie?“, will ich wissen und mein Herz scheint zu hüpfen, als mir die Kinder ihre Fähigkeiten zeigen. In Yukis Augen schimmern Tränen und spontan greift sie nach meiner Hand. Frauen sind komisch! Und Elfen sowieso. Was die nur immer haben! Ich bin völlig cool.
„Wir bekommen auch unsere „Karate-Kids“, sage ich überzeugt. „Und wenn ich dafür auswandern muss.“

 

Monday, Monday – Alltag einer Bloggerin

Das liebliche Geräusch meines Smartphones lässt die Traumbilder langsam verblassen. „Oh happy day!“, dröhnt es und ich bin wach.
„Mach aus!“, beschwert sich Yuki und kuschelt sich tiefer in die Decken.
Natürlich ist mir der Wunsch meiner Elfe auch Befehl und gut gelaunt suche ich nach meinen Socken. Flinkfüßig eile ich in die Küche, heute steht leckeres Müsli auf dem Programm. Ich lasse Elfchen schlafen, sie braucht diese fünf Minuten mehr.
Liebe ist auch, auf die Liebste kurz zu verzichten. Ob sie das auch so sieht?

Am Laptop rufe ich die schillernde Playlist ab. Ja, Schiller steht zur Zeit wieder hoch im Kurs und gemeinsam gehen wir auf eine Reise um die Welt.
Weit komme ich nicht, zwei weiche Arme umfassen mich sanft und eine verschlafene Yuki schmust mit mir.
Frech stibitzt sie mir das Müsli, was sie eigentlich immer so macht.
„Ist der Tee schon fertig?“, will sie wissen. „Und was schreibst du heute in den Blog?“
„Den Beitrag über das aussterbende Europa!“, rufe ich ihr auf dem Weg in die Küche zu. „Wenn du magst kannst du ihn online stellen.“
„Na gut“, höre ich während ich zwei große, dampfende Tassen Tee bereite. Grün versteht sich, mit viel leckerem Zucker drin.
Süßes für die Süße.

Mit den Tassen und noch mehr Müsli gehe ich ins Wohnzimmer zurück. Elfchen döst schon wieder auf der Couch und sieht einfach entzückend aus.
Wir frühstücken in Ruhe, der Tee weckt unsere Lebensgeister. Treibstoff für die Seele. Elfenliebe wärmt das Herz.
„Ich muss heute eine Menge schreiben“, meint Yuki. „Die eine oder andere Fomulierung für den Master gefällt mir noch nicht.“
„Wenn du magst schaue ich nachher drüber“, biete ich ihr an. „Ich verspreche auch dich nicht zu kritisieren.“
„Weil ich dich sonst verlasse, ist klar“, stichelt Elfchen prompt und lacht mir frech ins Gesicht.
Liebesglück am Montagmorgen. So schön kann Alltag sein.

Meine Mama ruft an, es folgt unser Morgengespräch. Auch Yuki telefoniert mit ihren Eltern, die Zeit vergeht im Flug.
Gegen 9 Uhr trotten wir gemeinsam ins Badezimmer. Zähne putzen, kurz gekämmt. Kritisch betrachtet Yuki ihre Achseln. Noch einmal lasern und da wächst nichts mehr. Ein Vorteil, wenn man dunkle Haare hat. Deo, etwas Parfum, dann finden wir uns dufte. Und einen Kuss gibts auch.
Aber die Haare könnten wir wieder mal schneiden lassen. Damit wir noch hübscher sind. Nur nicht zu kurz, das steht uns beiden nicht.
Noch immer in sexy Pyjamahosen und Shirts, geht’s ins warme Wohnzimmer zurück.
09:30 Uhr, der Tag kann nun beginnen.

Was folgt ist eine Reise durch Blogs, Online-Nachrchten und youtube-Channels, die gegen 15:20 Uhr ihr Ende findet. Dazwischen liegen unzählige Kommentare und Berichte, die mich zur Frau für gewisse Stunden machen. Mit der Lust am Wort. Was habt ihr denn nun gedacht?
In diesen Stunden kommt auch Vanessa zu Besuch. Mit Superstar Kevin, der sofort in meine Arme will.
Vanessa schüttet uns ihr Herz aus. Über Jo(hanna) und was sie fühlt. Und klein Kevin plappert fröhlich mit.
Als Vanessa geht, gibt sie Wolf die Klinke in die Hand.
Während andere Frauentausch machen, gibt’s bei uns den Wagentausch.
Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert. Dazu ein andermal mehr.

„Arbeitet die Japanerin eigentlich nicht?“, höre ich meine LeserInnen fragen.
Doch mache ich. Oft sogar am Wochenende, wenn andere ihre freie Zeit genießen. Aber die Montage sind (meist) frei.
Alltag mit Elfe. Und der ist gut.

(Dieser Beitrag bildet den Montag vor einer Woche ab. Das nur zur Info, um Fragen zu vermeiden.)

Homophobes Deutschland: Lesben sind Mütter zweiter Klasse

Deutschland lebt noch in der Steinzeit, was Regenbogenfamilien angeht. Das dürfen wir bei der Planung zum Wunschkind erleben. Obwohl ich Yuki als meine Frau bezeichne, wird das vom Gesetz her anders gesehen. Gleiches gilt für Kinder. Im Fall von Yukis Schwangerschaft, wird sie die leibliche Mutter sein. Ich habe erst einmal keinerlei Rechte.

Dank Ken wäre ich zwar die Großcousine, aber für ein Sorgerecht ist das unerheblich. Ich muss eine Stiefkindadoption beantragen, die vom Jugendamt und Familiengericht genauestens geprüft werden wird. Und wie in den meisten Fällen (absichtlich) verzögert. Es kann bis zu 1 1/2 Jahre dauern bis eine Entscheidung getroffen wird.

Ein Grund, der ein Schlag ins Gesicht für jede nicht biologische Mutter ist, das Neugeborene soll sich an die andere Partnerin gewöhnen. Ein klarer Fall von Diskriminierung. Und die Stiefkindadoption ist ohnehin der falsche Weg.

Muffig-konservative Kreise, die sich auf des Kindes Wohl berufen, verhindern bisher eine völlige Gleichstellung von homosexuellen Paaren und den damit verbundenen Eintrag zweier Mütter in die Geburtsurkunde. Aber sind zwei Frauen schlechte Eltern? Es gibt eine Menge Regenbogenfamilien in ganz Deutschland, die das genaue Gegenteil beweisen.

Unsere Eltern sind fassungslos, als wir ihnen die rechtliche Situation erläutern. In einigen europäischen Staaten sieht das anders aus. Vielleicht sollten wir besser in Holland leben, so schwer ist die Sprache nicht. Selbst das erzkatholische Spanien hat schon vor Jahren die Wende geschafft. Nur (mein) Deutschland bleibt in Teilen homophob.