Patriotismus, ein deutsches Problem

Deutschland 2006, die Fußball WM im eigenen Land mutiert zum sogenannten Sommermärchen. Deutsche Fahnen wohin das Auge blickt. Eine ganze Nation im Freudentaumel. Auch wenn später Italien Weltmeister wird. Plötzlich sind die Deutschen wieder Patrioten, auch wenn es lediglich dem Fußball geschuldet ist.

Wir sind wieder wer!

Zwei Stimmen sollen stellvertretend für all die positiven Kommentare stehen, die in Deutschland und der ganzen Welt für positive Schlagzeilen sorgten.

Angela Merkel: „Ich bin sicher: Dieser Sommer 2006 wird uns noch lange im Gedächtnis und in den Herzen bleiben. Wir werden uns an schöne Stunden erinnern, an große Spiele und an Menschen aus der ganzen Welt, die wir als Freunde gewonnen haben. Möge die Stimmung, mit der wir uns als Deutsche der Welt präsentiert haben, weit über diesen Sommer hinausreichen!“

Horst Köhler: „Nicht zu vergessen all jene, ohne deren unermüdliches Engagement im WM-Stab und den Projekten des Gastgeberkonzeptes der Bundesregierung sowie im Organisationskomitee des DFB eine Großveranstaltung wie die WM nicht möglich gewesen wäre. Ich finde gut, dass ich nicht mehr der einzige bin mit einer Flagge am Auto.“

Aber kaum sind die Flaggen eingerollt, kaum hat sich die Euphorie gelegt, kehrt wieder der (politische) Alltag in Deutschland ein. Nur verschämt schaut man noch auf die Fahne und duckt sich wieder vor dem Rest der Welt.

Nationalismus vs Patriotismus Teil 1

Die Antifaschisten nehmen Fahrt auf und linke Ideologie breitet sich weiter aus. Es gründen sich „Netzwerke gegen Rechts“ und Webseiten gegen Nazis werden erstellt. Das ist gut, auch ich unterstütze den Kampf gegen Idioten. Warum allerdings eine vermummte Masse „Deutschland verrecke!“ schreit, wird mir ein Rätsel bleiben.

Deutschland 2008, Professor Hans Vorländer, der Politische Theorie und Ideengeschichte an der TU Dresden lehrt, schreibt (s)einen Artikel „Was unterscheidet Nationalismus von Patriotismus?“ Er erklärt darin sehr gut, was jeder Deutsche wissen sollte, aber oft nicht wahrhaben will.

Ich möchte den letzten Abschnitt des Artikels zitieren, der beachtenswert ist:

„Deutschland kann kein unbefangenes, ungebrochenes Verhältnis des Stolzes zu seiner Geschichte haben. Das unterscheidet Deutschland von anderen demokratischen Staaten und erklärt, warum die Deutschen weniger stolz auf ihre historischen und politischen Errungenschaften sind als die Angehörigen anderer Nationen. Und doch gäbe es Grund, etwas selbstbewusster und stolzer auf die Leistungen der letzten Jahrzehnte zu blicken: auf die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, auf den Aufbau einer freiheitlichen Ordnung, auf einen hohen Lebensstandard, Wohlstand und soziale Absicherung, auf eine kulturelle Infrastruktur, die ihresgleichen sucht. Und auf die friedliche Revolution von 1989/90 in der DDR und die Vereinigung beider deutscher Staaten. Ohne die Mobilisierung großer humaner und finanzieller Ressourcen und ohne das Gefühl der Verbundenheit und das nachhaltige Moment der Solidarität wäre das Zusammenwachsen Deutschlands nicht möglich gewesen. Gründe für einen ‚entspannten‘ Patriotismus also gibt es.“

Nationalismus vs Patriotismus Teil 2

Das Sprachverständnis vieler Menschen, wird leider viel zu oft durch die Medien in die Irre geführt. Ich möchte das am Beispiel „Rechte“ im Sinn politischer Gesinnung und den Wörtern „Rechtsextremist“, „Rechtsradikal“, sowie „Rechtspopulist“ aufzeigen.

Auch hier zeigt sich der Kardinalfehler deutscher Diskussionskultur. Rechte, wozu ich auch die CDU/CSU zähle, sind in erster Linie demokratische Parteien, die im Fall der NPD, allerdings verfassungsfeindliche Ziele hat, aber zu unbedeutend ist, um verboten zu werden.

Ihr nun die Parteienfinanzierung zu entziehen ist ein längst überfälliger Schritt. Warum hat man das nicht schon vor Jahrzehnten gemacht? Aber vielleicht liege ich damit falsch, denn dieser kleine Haufen ist kein Problem. Ein Land wie Deutschland sollte auch mit diesen Wirrköpfen können.

Auch Rechtsradikale sind anders, als das Wort vermuten lässt, keine Gewalttäter. Per Definition stehen sie lediglich rechts der Mitte des politischen Spektrums, bleiben allerdings im Rahmen der Gesetze. Der freiheitlich-demokratischen Grundordnung steht Rechtsradikalismus in der Regel nicht feindlich gegenüber.

Rechtsextremisten haben eine andere Qualität. Dabei handelt es sich um etwa 10.000 Gewaltbereite, die es bundesweit gibt. Eine Zahl, die sich fast 1:1 mit den gewaltbereiten Linken deckt. Der Fokus liegt aber fast nur auf „Rechts“, wenn irgendwo etwas passiert. Von linken Gewalttaten spricht man nur verschämt.

Die Presse setzt nun das Empörungs- und Meinungsmanagement dazu ein, um der Öffentlichkeit die Gefährlichkeit der durch Sprachvermischung gebrandmarkten Rechtsradikalen und Rechtspopulisten deutlich zu machen. Alles was also rechts der CDU/CSU ist, wird zu „Rechtsextremistisch“ und ist damit böse.

Nationalismus vs Patriotismus Teil 3

Die bewusste Stigmatisierung von Parteien, der bewusste und falsch eingesetzte Gebrauch von Worten, aber auch die geistige Trägheit vieler Menschen, das alles trägt zum falschen Verständnis und der dadurch resultierenden Abgrenzung von der eigenen Geschichte und ihre daraus resultierende Nichtverarbeitung mit bei.

Daher wird es immer Menschen geben, die mit glühendem Eifer und Anti-Nazi-Parolen, in die wörtliche Bresche springen und vehement gegen jedes ihrer Meinung nach falsche „Deutschtum“ sind. Stichwort „Antifa.“ Und diese Truppe wird zum Teil vom Staat gelenkt.

Diesen Menschen empfehle ich einen Aufenthalt in Japan oder den USA. Dort werden sie vielleicht ansatzweise lernen, was gesunder Patriotismus ist und geheilt wiederkehren. Falls nicht, so wäre ein permanenter Aufenthalt außerhalb Deutschlands vielleicht die bessere Wahl. Für sie, für uns alle.

Aber eine Demokratie lebt vom Diskurs. Nun diskutiere ich für mein Leben gern. Dabei zeige ich gern vorherrschende Defizite auf.  Ich sehe Dinge sehr oft anders. Gesunder Patriotismus ist ein Gewinn für alle. „Nazi-Parolen“ und Nationalismus dagegen nicht.

Zwischen Schuld und Zorn

In einigen Kommentaren zu meinem Artikel „Deutschlands verleugnete Identität“, wird ein Teil des Problems deutlich, das viele Deutsche mit der eigenen Geschichte haben. Ich habe keins und ich erkläre gern (noch einmal) warum.

Nehmen wir das Beispiel Auschwitz, ein Vernichtungslager für Juden. Als Teenager war ich mit der Schule dort und habe mich genau umgesehen. Aber statt Schuld oder Betroffenheit zu empfinden, habe ich die Fäuste geballt und Zorn auf die feigen Mörder gefühlt. So denke ich.

Nun könnte man sagen „Aber du bist Japanerin!“, was natürlich richtig ist. Auch im alten Japan hat man Menschen umgebracht, was mich zu keiner Schuldigen macht. Jede Nation hat dunkle Kapitel. Und hat nicht der Cro-Magnon-Mensch den Neandertaler quasi, wenn auch nicht im wörtlichen Sinn, ausgerottet? So viel zum Thema Völkermord.

Nachtragend zu sein und Hass auf alle AmerikanerInnen zu empfinden, deren Vorfahren für Hiroshima und Nagasaki sorgten, hat so wenig Sinn, wie die Glorifizierung von Massakern der japanischen Armee. Beides war falsch. Was mich trotzdem weiterhin stolz darauf macht Japanerin zu sein.

Diese Einstellung, diesen Stolz lasse ich mir von niemand nehmen. Wer nun mit den Finger auf mich zeigen möchte, lenkt meist nur von eigenen Defiziten ab und benutzt andere als Ventil.

Die Scham

Die Vergangenheit im Fokus zu haben, aber aufrecht nach vorn zu schauen, wäre ein erster Schritt zur Verarbeitung eines Traumas, das noch immer durch viele Köpfe spukt. Ich halte mich für gesund.

Wie wäre es statt Scham eben jene Wut auf Mörder und Regime zu empfinden, die wirklich schuldig sind. Wäre es nicht besser Schulter an Schulter mit damaligen Gegnern in Stadien zu sitzen und sich über den Sieg der Nationalmannschaft zu freuen?

Angela Merkel hat das früher gut gemacht. Ich mochte die Frau, als erste deutsche Kanzlerin. Auch ihr Interesse an Sport, ihre Präsenz, ihre nahezu kindlich zur Schau gestellte Freude. Aber eine Politikerin zum anfassen ist sie schon lange nicht mehr.

Links und Rechts

Nüchtern betrachtet gibt es keine wirklichen Linken in Deutschland. Die linke Pseudopolitik der GRÜNEN, LINKEN und der SPD, hat schon lange eine andere Qualität. Sie verschleiern damit ihre eigentlichen Ziele, die jeder selbst nachlesen kann. Oder wählt ihr in Unkenntnis des Parteiprogramms?

Auch Rechte sucht man fast vergebens. Die Bierzeltmentalität der NPD ist ein Witz. Und wenn die AfD sich nun als patriotisch präsentiert und Menschen vom rechten Rand der Mitte fischt, so ist auch das so lange legitim, wie sie sich an Grundgesetz und demokratische Regeln hält.

Die NSU war ein Produkt des Verfassungsschutzes. Aus dem Ruder gelaufen? Vielleicht. Aber wer sich mit der Vergangenheit mancher Behörden beschäftigt, wird vielleicht hellhörig werden. Oder ist es unbekannt, woraus das BKA entstanden ist? Inklusive der Beamten, die schon für die Nazis tätig waren.

Zur Zeit gibt es kaum echte Marxisten und noch weniger jenen linken Geist, der 1933 durch Deutschland wehte. Nur einen Hang zum linken Rand, der geschickt gesteuert worden ist, um den Neoliberalismus zu verschleiern. Aber das hat auch wieder niemand bemerkt.

Pro Deutschland und Patriotismus

Der Kardinalfehler vieler, ist die Assoziation des Wortes Patriotismus mit dem Nazi-Regime und deren Parolen. Die Nazis waren Schwachköpfe. Punkt. Aber nach mehr als 70 Jahren Schuldgefühl sollte dieses einem gesunden Selbstbewusstsein weichen.

Niemand erwartet, dass wir „Deutschland über alles!“ brüllen und die Springerstiefel schnüren. Aber wenn ich mit dem Gewinn eines beliebigen Weltmeistertitels meine Freunde aus (Land der Wahl einsetzen) auf spaßige Weise ärgern kann, so mache ich das gern.

Und ja ich freue mich und bin stolz auf Goldmedaillen, die „meine JapanerInnen“ und „meine Deutschen“ gewinnen. Und wenn es dann doch die HolländerInnen oder PolInnen sind, habe ich kein Problem damit, wenn sie patriotisch sind und ihre Flagge schwenken. Ich schwenke dann meine (beiden) gleich mit.

Allen LeserInnen, die mehr über Patriotismus lesen möchten, lege ich diesen Artikel ans Herz, den ich im Sommer 2016 schrieb. In „Fußball, Fahnen, Patriotismus“, wird noch mehr erklärt. Danke fürs lesen.