Die Füchsin und das Mädchen – Ein Wintermärchen

Wenn die Nacht am dunkelsten ist, können seltsame Dinge geschehen. Kasumi wusste das. Ihre Großmutter hatte ihr von den Geistern erzählt und wie sie Menschen foppen. Aber das Mädchen kannte keine Angst. Im Gegenteil hoffte sie immer darauf Geister zu sehen. Und eines Tages hat sich dieser Wunsch erfüllt.

In einer bitterkalten Nacht vor einigen Jahren, hatte es zaghaft an ihr Fenster geklopft. Und auch ein achtjähriges Mädchen wusste, wie unwahrscheinlich das war. Lag ihr Zimmer doch direkt unter dem Dach. Im erstem Reflex zog Kasumi die Bettdecke über den Kopf. Aber das Klopfen wiederholte sich. Fordernder wie es schien. Dann hörte Kasumi die Stimme. Was sie sagte konnte das Mädchen nicht verstehen. Die Neugier siegte und auf Zehenspitzen huschte Kasumi durchs Zimmer.

Eine winzige Füchsin saß auf der Fensterbank, die großen Augen schauten Kasumi flehend an.
„Hilf mir“, flüsterte die Kitsune, „sie jagen mich und wollen mir ein Leid antun!“
Ohne nachzudenken öffnete Kasumi das Fenster und die Füchsin schlüpfte ins warme Zimmer.
Das Tier war viel kleiner als alle Füchse, die Kasumi bisher gesehen hatte. Schneeweiß mit einem ungewöhnlichen Schweif. Fast sah er so aus, als ob es mehrere wären.

„Wer bist du?“, wollte Kasumi wissen. „Und wieso kannst du sprechen?“
„Du sprichst doch auch“, erwiderte die Kitsune keck und sprang mit einem Satz auf Kasumis Arm.
„Bist du eine Yokai?“, wollte Kasumi wissen, als die Füchsin sie mit ihrem Köpfchen kitzelte.
„Aber nein“, erwiderte die Kitsune fast beleidigt. „Yokai sind dumme Geister. Ich bin so viel mehr als das.“
„Frech bist du“, stellte Kasumi fest und lachte. „Aber das macht nichts, das bin ich oft auch.“

Ein plötzlicher Windstoß rüttelte am Fenster und erschrocken wich Kasumi zurück.
„Geh vom Fenster weg“, bat die Kitsune. „Der wind darf nicht ins Zimmer. Wenn er kommt holen sie mich fort.“
Kasumi war kein ängstliches Kind, aber die Worte lösten eine Gänsehaut bei ihr aus.
Was war dort draußen außer Eis und Schnee?
Kasumi fröstelte und lief zum Bett zurück.

Mit der Füchsin auf dem Arm schlüpfte das Mädchen unter die warme Decke. Daran, dass die Kitsune böse sein könnte, verschwendete sie keinen Gedanken.
„Danke für die Hilfe“, flüsterte die Füchsin. „Ich werde mich dafür bedanken. Eines Tages, wenn die Dunkelheit dich befällt.“
„Ach schon gut“, wehrte Kasumi verlegen ab. „Ich helfe gern und du bis doch auch so klein.“
Die Füchsin lachte leise und schmiegte sich noch enger in Kasumis Arm.
„Ja, klein sind wir beide. Aber Größe muss kein Vorteil sein. Auch wir Kleinen können Großes vollbringen. Warte nur, du wirst schon sehen.“

„Magst du mir erzählen wer du bist?“, fragte Kasumi. „Ich heiße übrigens Kasumi und bin schon acht Jahre alt!“
„Ich weiß sehr genau wer du bist“, sagte die Kitsune. „Ich kenne dich schon seit deiner Geburt. Und ich bin auch viel älter als du. Ich kannte schon deine Großmutter als Kind.“
Nun war Kasumi doch erstaunt. Älter als Großmutter sollte diese kleine Füchsin sein? Das war kaum zu glauben. Und doch wusste das Mädchen, dass die Kitsune die Wahrheit sprach.
„Dann bist du doch eine Yokai!“, stellte Kasumi fest. „Großmutter sagt immer, Yokai leben viel länger als wir. Wie alt bist du denn?“
„Ich habe das Licht der ersten Sterne erglühen sehen“, erwiderte die Füchsin rätselhaft. „Meine Augen haben geweint, als die Himmel brannten und sie sahen auch die Dunkelheit ewiger Nacht. So alt bin ich und noch viel älter. Hast du das etwa nicht gewusst?“

Sie stupste Kasumi mit ihrer feuchten Nase an und leckte ihr über den Arm.
„Das kitzelt!“, quiekte Kasumi. „Aber ich mag dich, du machst mir Spaß.“
„Spaß sollst du haben, kleine Lebensretterin“, sagte die Füchsin und kitzelte Kasumi erneut. „Und jetzt lass uns schlafen, es ist schon spät.“
„Na gut“, sagte das Mädchen und fühlte, wie ihr die Gedanken entglitten.
Der Schlaf bleibt immer Sieger.

Als Kasumi am nächsten Morgen erwachte, war die Füchsin fort. Verwirrt rieb sich das Mädchen die Augen. Hatte sie alles nur geträumt?
Kasumi lief zum Fenster, das fest verschlossen war. Draußen auf der Fensterbank konnte sie die Pfotenabdrücke der Kitsune sehen. Unmöglich eigentlich. Aber wahr.
Beim Frühstück überlegte sie kurz, ob sie ihren Eltern von der Füchsin erzählen sollte. Aber ihr Vater glaubte nicht an Geister. Und selbst Religion war ihm suspekt. Er war Wissenschafler, Geologe. Ein nüchtern denkender, aber herzensguter Mensch, der Kasumi jeden Wunsch erfüllte. Geld hilft, wenn man genug hat.
Kasumis Mutter war enpfänglicher für die Geschichten, die das Mädchen immer erfand.
„Du bist meine kleine Schriftstellerin“, sagte sie immer, wenn ihr Kasumi neue Zeilen zeigte.

Kasumis Großmutter lebte nur einige Straßen weiter. Und da Wochenende war, lief das Mädchen flugs dorthin. Natürlich dick vermummt gegen Kälte und Wind. Und mit den mahnenden Worten ihrer Mutter versehen, die immer viel zu viel Angst um ihre Tochter hatte.
„Oma, Oma!“, rief Kasumi schon an der Tür. „Du glaubst nicht, was heute Nacht geschehen ist!“
Mit der Macht eines Wasserfalls sprudelten die Worte aus ihr heraus und überschwemmten die Ohren der alten Frau.
„Eine Kitsune sagst du Kind? Eine Kitsune mit komischem Schwanz …? Kann es denn sein? Ist sie wirklich zurück?“
Verblüfft sah Kasumi ihre Großmutter an. „Du kennst sie?“, wollte sie wissen. „Du hast sie also auch gesehen? Aber wie ist das möglich? Bitte, bitte, erzähl mir davon!“
Die Wahrheit liegt in alten Geschichten.

Die Großmutter nahm Kasumis Hand und setzte sich mit ihr an den Kamin.
„Vor langer Zeit habe ich einer kleinen weißen Füchsin das Leben gerettet“, erzählte sie. „Ich muss damals so alt gewesen sein wie du. Die Kitsune war in eine Falle gelaufen und sehr schwer verletzt. Ich glaubte sie würde eine Pfote verlieren. Aber als ich sie befreite, heilte diese über Nacht. Wir haben lange in meinem Zimmer geredet. Das gleiche Zimmer, das nun du bewohnst. Ja, die Füchsin konnte sprechen. Und sie hat meinen Namen gewusst. Du weißt doch, dass ich wie du Kasumi heiße.“
„Wer ist sie?“, fragte Kasumi mit wild klopfendem Herz. „Und wieso ist sie so alt? Und wovor hat sie so große Angst?“
Die Großmutter schmunzelte. „Nicht immer ist alles, wie es scheint. Aber wer sie wirklich ist, weiß ich bis heute nicht.“
Legenden haben viele Namen.

In der kommenden Nacht klopfte es erneut an Kasumis Fenster. Wieder schlüpfte die Füchsin ins warme Mädchenbett. Und so ging es Nacht für Nacht.
Mehr als zwanzig Jahre zogen ins Land, Kasumi war längst eine junge Frau. Die Füchsin war eines Tages fortgeblieben. Was blieb war die Erinnerung, ein Schatten in der Nacht. Mensch und Fuchs hatten lange und oft geredet und die Kitsune hatte ihrer Retterin viel beigebracht. Dinge, die Menschen sonst nicht wissen. Dinge zwischen Morgen und Mitternacht.

In einer bitterkalten Winternacht ging Kasumi allein nach Haus. Die Straßen waren tief verschneit, es gab nur wenig Verkehr.
Eine Gestalt trat aus der Dunkelheit, aber das Licht berührte kaum ihr bleiches Gesicht.
Kasumi erschrak, als ihre Augen sie musterten. Kälter noch als Eis, stechend der Blick. Auch, wenn sie die Frau nie zuvor gesehen hatte, so erkannte sie doch die Gefahr. Was hier vor ihr stand, war kein Mensch. Schon griff grausame Kälte nach ihr.
Wenn der Tod vorüber geht.

Pfeilschnell jagte ein Schatten durch die Nacht. Kleine Pfoten berührten kaum den Schnee.
„Fang mich auf!“, rief die Kitsune mit heller Stimme. „Fang mich kleine Kasumi, diesmal rette ich dich!“
Instinktiv breitete Kasumi ihre Arme aus. So, wie sie es als Mädchen immer tat.
Die Frau wich zurück, als sie die Kitsune sah. Die rieb ihren Kopf kurz an Kasumis Arm. Dann sprang sie auf die Fremde zu.
Wenn Göttinnen kämpfen.

Was geschehen war hat Kasumi nie erfahren. Nur, dass eine Frau sie ins Krankenhaus brachte. Stark unterkühlt und mit einem Schock.
„Die Frau war wunderschön“, erzählte eine Schwester. „Sie trug einen langen weißen Mantel. Fast hat sie mich an die Yuki-onna erinnert, deren Bild ich als Mädchen sah.“
Kasumi lächelte bei diesen Worten. Sie hat es sehr viel besser gewusst.

ENDE

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