Little China Girls

Japan zu Besuch in China, auch das könnte die Überschrift dieses Beitrags sein. Aber eigentlich war alles ganz anders. Ein kurzer Bericht folgt nun davon.

Alles begann mit einem Anruf vor einigen Monaten. Am Telefon Lia, auch bekannt als „Girl of Tai-Chi.“ Über Landesgrenzen und Zeitverschiebung haben wir stets Kontakt gehalten. Oft kamen Bilder ihrer beiden adoptierten Töchter, im Hintergrund Peter ihr schwuler (Schein)Ehemann.

Was Lia mir zu erzählen hat lässt mich die kleinen Fäuste ballen. „Peter“, sagt sie, „hat mich wegen einem anderen Mann verlassen.“ Dass Peter einen Freund hatte war Teil der Ehe, nicht aber dass er das gemeinsame Konto plündert und mit dem Geld untertaucht. „Tante Betty hat ihn dann gestellt.“

Was ich niemals für möglich gehalten hätte, die herzensgute Betty Wu hat Ohrfeigen verteilt. Sie war es, die Peter aufgestöbert und zur Rede gestellt hat. Mit Konsequenzen. Niemand greift ungestraft eine Tai-Chi-Meisterin an! „Das meiste Geld habe ich wieder“, fährt Lia fort, aber Peter will ich nicht mehr als Freund. Er hat mich tief enttäuscht und mein Vertrauen missbraucht, nie hätte ich das gedacht!“

Lia erzählt mir, dass sie England verlassen wird. „Das ist kein sicherer Ort mehr für Frauen. Wir werden zurück nach Taiwan gehen, dann wohne ich praktisch um die Ecke.“ Wir müssen beide lachen, die Flugzeit beträgt wirklich nur etwas mehr als 2 Stunden.

Sifu Wu hat noch immer ein Haus in Taiwan, um das sich eine Cousine gekümmert hat. Es bietet genügend Platz für die vier Frauen, von denen zwei noch immer Mädchen sind. Lea und Mia nehmen die Trennung von Peter schwer, sie haben ihn wirklich gern gemocht. Aber das Leben ist nun mal Veränderung.

Eine schwere Erkrankung Lias hat uns vor zwei Wochen Hals über Kopf nach Taiwan geholt. Niemals lasse ich meine Freunde im Stich. Sifu Wu vertraut keinen normalen Ärzten, das hat sie noch nie gemacht. Sie kennt einen guten, aber privaten Spezialisten, der Lia wieder auf die Beine bringt. Bei der Rechnung haben wir geholfen. Geld ist kein Thema, wenn man ein Leben retten kann.

Lia ist noch immer schwach, aber auf dem Weg der Besserung. Ein Magendurchbruch ist nun mal kein Pappenstiel. „Du wirst das Geld natürlich wieder bekommen“, verspricht sie mir, während Tränen über ihrer Wangen laufen. „Bist du doof?“, wollen Yuki und ich gemeinsam wissen und alles hat gelacht.

Wer nun einen Reisebericht und Bilder von Sehenswürdigkeiten erwartet, den muss ich enttäuschen. Außer dem Dojo haben wir kaum etwas von Taiwan gesehen. Sifu Wu ist es auch, die mir von Wudangshan abgeraten hat. Durch die Blume hat sie mir erklärt, der dortige Kung Fu-Stil sei etwas für ruhigere Persönlichkeiten. Yukis frecher Kommentar war „Schade, ich hätte dich so gern ruhig gestellt gesehen.“ Mein Konter war „Ich liebe dich auch“, und vier Frauen und zwei Mädchen haben herzlich gelacht.

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Kuro-obi – Black Belt

Auf besonderen Wunsch einer Leserin, aber eigentlich weil ich es so möchte, wird es nun doch diesen Beitrag über meine (unsere!) Dan-Prüfung(en) geben. Er bildet die Ankunft in Japan und die jüngere Vergangenheit ab. Viel Spaß beim lesen.

Japan, Fukuoka, Heimat. Nie zuvor, habe ich das derart intensiv empfunden. Bin ich keine Deutsche mehr? Deutschland hat mich tief geprägt. Dafür werde ich auf ewig dankbar sein. Aber ich bin und bleibe Japanerin. Und so ist es gut.

Die Tante, der Onkel und meine Eltern erwarten uns in Fukuoka. Die Begrüßung ist für japanische Verhältnisse herzlich. „Hallo mein kleines Mädchen“, höre ich meine Mutter sagen. Hat sie etwa Tränen im Gesicht? Mein Papa schmunzelt, als ich „Hast du mich vermisst, Väterchen?“, frage.

Yuki freut sich ebenfalls. Familie ist nun mal wichtig, das habe ich schon immer gesagt. Und Yuki gehört ganz selbstverständlich dazu. Meine Cousine wird sofort von allen bemuttert. Die verlorene Tochter ist heimgekehrt. Wird die Therapie halten? Alle hoffen es.

Die Mädchen sind müde aber glücklich, so viele bekannte Menschen zu sehen. Ken wirkt traurig. Sein Freund hat sich feige per SMS getrennt. Manche Menschen sind einfach nur Idioten. Aber Ken schüttelt den Kopf, als ich meine Hilfe anbiete.

Glück und Tränen

Yuki vermisst ihre Eltern. Das war schon in Santa Barbara so. Was sie nicht weiß, die beiden sind längst in Japan angekommen. Kurz darauf fließen bei Elfchen die Tränen vor Glück und ihre Mutter weint gleich mit. Was die nur immer haben! Ich bin natürlich völlig cool.

Es fühlt sich ungewohnt und doch richtig an, um diese Jahreszeit in Japan zu sein. Ich mache einige schlechte Bilder der vorweihnachtlichen Hakata Station. Die spinnen meine Japaner! Aber so sind wir, traditionsbewusst und doch Neuerungen aufgeschlossen. Und auch Santa Claus habe wir natürlich adoptiert.

Es gibt viel zu erzählen, die Zeit vergeht wie im Flug. Nach einer kleinen Ewigkeit landen wir todmüde im Bett. Ich träume klar und laufe über verschneite Wiesen. Neben mir freut sich die Inari. Auch sie werde ich besuchen. „Du bist zu Hause, Mayumi“, sagt sie leise. „Ich freue mich auf dich.“

Dojo

Die Tage vergehen, im Dojo assistiere ich meinem Vater, der plötzlich die höheren Kata von mir sehen will. Was hat er nun schon wieder vor? Ich tue ihm den Gefallen und laufe sie perfekt. Nur die amtierende Weltmeisterin kann das noch besser.

Aber die, um einen Vergleich mit Autorennen zu ziehen, fährt in der Formel 1. Ich nur in der Oberliga. Die SchülerInnen schauen fast ehrfürchtig zu. „Das ist doch keine Meisterschaft!“, liegt mir auf der Zunge, aber ich verkneife mir den Satz. Manchmal kann auch ich ein Engel sein.

Es macht Spaß in Japan zu trainieren. Alles ist vertraut und doch ganz anders. Disziplin wird hier bewusst gelebt. Im Ausland wird Karate oft mit Kickboxen gleichgesetzt. Ein Fehler, der fatale Folgen haben kann.

Traditionelles Karate kennt keinen Erstangriff, aber die Verteidigung ist effektiv. Der aus dem Karate entstandene Sport lässt den spirituellen Hintergrund vermissen. Salopp ausgedrückt prügelt man sich dort nur.

Der Test

Bekanntlich ist mir ein Teil der Wartezeit zum 4. Dan erlassen worden. Alles ist möglich, wenn man das von offizieller Seite will. Yuki wird für den 1. Dan geprüft. Sie ist ein wenig aufgeregt, aber guter Dinge. Und dann ist es endlich soweit.

Ich verzichte auf die Einzelheiten der Prüfung, die wären nur für wirkliche Kenner interessant. Yuki besteht mit Bravour. Ich habe die Ehre ihr den Schwarzen Gürtel umzubinden. Sie war schon immer (m)eine Meisterin. Nur auf den Kuss muss ich verzichten. Manche Regeln gelten auch für mich.

Dann bin ich an der Reihe. Unter kritischen Blicke zeige ich mein Können, beantworte Fragen und erkämpfe mir den Weg im Kumite. Wie immer muss ich mich zügeln und darf keine fremden Techniken nutzen. Normalerweise mache ich das instinktiv.

Hochkonzentriert beende ich den letzten Prüfungsteil. Plötzlich gibt es eine unerwartete Pause. Ist irgendwas passiert? Man bittet mich um einen Augenblick Geduld, die Prüfer beraten sich.

Kein Zweifel

Ich habe keinen Zweifel, dass ich bestanden habe. Aber etwas geht hier vor, das ich nicht auf der Rechnung habe. Ein älterer Sensei mit freundlichen Augen winkt mich herbei. Neben ihm sitzt mein Vater und der Rest der Kommission.

Japaner haben die Fähigkeit völlig ausdruckslos zu blicken. Das kann ich besser und schaue ungerührt zurück. Bei meinem Vater hat das noch immer in einem Schmunzeln resultiert. Man(n) teilt mir mit, dass ich die Prüfung bestanden habe. Plötzlich kommt ein „Aber …“

„Ihre Leistungen sind außerordentlich“, beginnt der alte Mann. „Wir haben das sehr ausführlich geprüft und auch wenn Sie normalerweise aufgrund ihres noch jungen Alters und der soeben erst bestandenen Prüfung zum 4. Dan, die Voraussetzungen für den 5. Dan nicht erfüllen, wird es, auf Antrag ihres Lehrers, eine Ausnahme geben. Sind Sie bereit?“

Yukis fassungsloses Gesicht werde ich nie vergessen. Für einen Moment spüre ich einen kleinen Stich im Bauch. Dann blicke ich in die Augen meines Vaters. „Du verdienst es!“, lese ich dort und er nickt mir aufmunternd zu. Einige Stunden später erhebt er mich in die Meisterklasse.

Meisterlich

Dan-Grade zu überspringen ist eine absolute Ausnahme und war lange verpönt. In meinem Fall und das erklärt man mir auch, ist es die lange Trainingszeit, meine überzeugende Darstellung der Techniken und mein Wissen, die diesen Schritt erst möglich machen.

Vermutlich liegt es auch daran, dass man Nachwuchs braucht und daher fördert. Und so ein wenig ist es Respekt vor meinem Vater, der immerhin einer Berufung folgte und die Jugendauswahl für Olympia trainiert.

Auch zahlt sich aus, dass ich bei meinen zahlreichen Seminaren immer „Gōjū-Ryū Karate“ unterrichtet habe. Zumindest auf dem Papier. Jetzt verstehe ich endlich, warum Schlitzohr Papa Kopien davon wollte. Diese Seminare werden als außerordentliche Leistung gewertet.

Ich brauche keinen Dan, als Aushängeschild, aber diese Ehrung erfüllt mich mit Stolz. Wer nun glaubt man habe mir diesen Gürtel geschenkt, der hat keine Ahnung von Karate! Die Prüfung war ultrahart, jeder Schritt, jede Antwort musste stimmen.

Eigentlich, das sagt man mir auch, hätte es keiner Prüfung bedurft. Wieder war es mein Vater, der genau darauf bestand. „Um Vorteilnahme auszuschließen“, erklärt er mir später. Das finde ich gut, er hätte mir den Gürtel auch schenken können, Dan Grade können in Ausnahmefällen ohne technische Prüfung vergeben werden.

„Und was erwartest du dafür?“, will ich von meinen Vater wissen, als wir wieder zu Hause sind. „Dass du eine gehorsame Tochter bist“, kommt seine Antwort wie aus der Pistole geschossen. Er flüchtet, als er meine Blicke sieht und meine Mutter lacht. Das ist japanischer Humor, wie ich ihn gern mag.

Der 5. Dan bedeutet für mich, dass ich nicht länger Schülerin bin. Ab dieser Stufe zähle ich zur Meisterklasse, wo mein Vater schon lange zu Hause ist. Er ist mächtig stolz, das kann er kaum verbergen. Auch auf Yuki, die er wie eine zweite Tochter liebt.

Japan, Fukuoka, Heimat. Nie zuvor, habe ich das derart intensiv empfunden. Ich bin zu Hause angekommen. Frohe Weihnachten euch allen. Wir lesen uns, das ist doch klar.

Und es war Sommer

Sommer in Deutschland sind anders, Sommer in Deutschland sind oft kalt und nass. Aber der Z brüllt vor Freude, der Wagen hat mich bestimmt vermisst. Der neue Motor hält, 500 PS schieben ihn vehement nach vorn.

Das wird (k)ein Autobericht. Nur ein kurzes Update meiner Aktivitäten. In den letzten Wochen stand Selbstverteidigung auf dem Programm. Zusammen mit Freundinnen, habe ich Seminare gegeben. Vielleicht schreibe ich darüber einen kurzen Bericht, der die Spreu vom Weizen trennen soll.

Leider gibt es in dieser Branche auch Scharlatane, die nur das Geld der Menschen wollen und ihnen falsche Sicherheit verkaufen. Stichwort: Abwehr gegen Messer und Pistolen. Meist blanker Unsinn und lebensgefährlich.

Wir haben auch Wolf besucht, der uns eine so nicht erwartete Offerte macht. Nachdem der Deal mit Amerika steht, die Stuttgarter Firma wieder im finanziellen Aufwind ist, sitzt auch bei Yukis Papa das Geld locker. Und Wolf ist (s)ein gehorsamer Chefingenieur.

„Meine zwei Lieblingsjapanerinnen!“, begrüßt er uns. „Wie viele kennst du noch?“, will ich wissen und er schnauft empört. „Frech wie immer!“, höre ich. „Dabei habe ich tolle Neuigkeiten für euch. Aber wenn ihr sie nicht hören wollt …“

„Du kannst gern einen Tritt ans Schienbein haben“, sage ich ungerührt. Aber das alles ist nur Spaß, wir kennen und respektieren uns. „Es geht um den Z“, sagt Wolf. „Wollt ihr ihn mit nach Los Angeles nehmen?“

Yuki reißt die Augen auf und Japans Sonne strahlt. „Klar“, sage ich, „wieso kommst du erst jetzt mit der Idee?“ Warum Wolf nun wie „Kalt wie Eis“, murmelt, wird nur er wissen. Ich bin bekanntlich hitzig.

Der zeitlich begrenzte Import eines deutschen Autos in die USA ist kein größeres Problem. Ja, es kostet um die 1.200 Dollar, das Auto in die Staaten zu verschiffen. Aber das zahlt die Tuning Schmiede. Ich sage „Ja!“

Das bedeutet Abschied von meinem Schätzchen zu nehmen. Die Reise in die USA ist lang. Der Vorteil der Aktion, das Auto muss nicht umgerüstet werden und darf sogar mit deutschem Kennzeichen weiter gefahren werden. Aber nur für ein Jahr, danach muss es zurück. Wir auch?

Zurück werden auch wir fliegen. Nach Fukuoka und von dort wieder in den Sommer der USA. Wem das nun wieder „zu persönlich“ ist, den kann ich an dieser Stelle beruhigen. Mehr Infos gibt es darüber nicht.

Für diesen Blog bedeutet das vier Wochen Pause. Ich melde mich im September aus Los Angeles. Genießt den deutschen Sommer.

 

Abenteuer Japan – Teil 5: Die Shanghai Connection

China stand schon immer auf meiner Reiseliste. Hongkong und Macao sollten es sein. Der Zufall und die Familie haben anders entschieden. Wir stehen plötzlich in Shanghai. China ist von Fukuoka aus nicht weit. Knapp 900 Kilometer trennen uns. Ja, so nahe können sich alte Feinde sein.

Japaner benötigen zur Einreise nach China kein Visum. Zumindest wenn sie einen Reisepass haben und Touristen sind. Und Japanerinnen sind wir wieder. Die Stempel in den Pässen sind noch frisch. Eine Cousine von Yuki arbeitet in Shanghai. Sie hat uns eingeladen in ein Land, das fremd und doch vertraut erscheint.

Interessiert lese ich die Kanji. Die meisten können wir entziffern. Und Cousine Miri spricht Mandarin. Oder das, was man in Shanghai dafür hält. Der Dialekt ist völlig unverständlich für mich. Dabei habe ich wirklich geübt! Miri hat sich frei genommen, um uns die Stadt zu zeigen. Sie und Yuki haben sich einige Jahre nicht gesehen.

Miri lebt seit fast 10 Jahren in der Stadt. Sie ist 39 und sieht doch noch wie ein Teenager aus. Gute Gene eben. Ihr chinesicher Mann heißt Tony, ist völlig verrückt nach ihr und will noch 5 Kinder, sagt er. Auf Japanisch und lacht dabei verschmitzt. Die beiden haben 2 süße Töchter, die beide Sprachen fließend sprechen.

China, ich tauche ein in das Land, aus dem Japan so viel übernommn hat. Aber Shanghai ist nicht typisch China, das war diese Stadt noch nie. „Peking, was ist das? Habe ich schon gehört“, sagt Tony und schlägt damit in die gleiche Kerbe, wie die meisten Einwohner von Shanghai. Die Interessiert herzlich wenig, was man in der Hauptstadt so entscheidet. In Shanghai macht man was man will. Auf die ganz eigene Art.

Tony ist Börsenmakler und sehr erfolgreich in seinem Job. Miri Grafikerin. Die beiden haben eine riesige Eigentumswohnung in der es sogar ein Gästezimmer gibt. „Ihr könnt unmöglich im Hotel schlafen!“, sagt Miri und wir akzeptieren. Ich mag Tony, er ist kein Macho und völlig in seine 3 Frauen vernarrt. Dass wir lesbisch sind stört ihn wenig. „Mein bester Freund ist schwul“, sagt er lapidar. „Und wir kennen uns seit Kindertagen.“

Miri zeigt uns ihr Shanghai. Angefangen vom Huaihai Park bis zum Oriental Pearl Tower. Und auch den Century Park in Pudong nehmen wir noch mit. Dazwischen liegt das Einkaufscenter, Restaurants, die ganze Stadt.

Wir treiben durch ein buntes Leben, das fast schon ein Mix der Kulturen ist. China trifft den Rest der Welt, der Westen scheint überall präsent zu sein. Fasziniert lassen wir die Eindrücke wirken. Shanghai gefällt mir ganz spontan.

Im Park treffen wir auf Menschen, die Tai Chi praktizieren. Ich erkenne die Form, ich habe sie einst auch gelernt. Unwillkürlich mache ich mit und werde von dem freundlichen Sifu sofort eingeladen. Der Mann muss gute 80, wenn nicht älter sein. „Kommen Sie bitte!“, ruft er auf Japanisch. „Seien Sie unser Gast.“

Herr Huang hat absolut keinen Hass auf Japaner. Obwohl er den Krieg als Kind miterlebt haben muss. „Das ist alles so lange her“, sagt er, als ich ihn frage, wie er heute Japan sieht. „Schauen Sie nur, wir sind doch alle Brüder. Tai Chi vereint uns wieder.“ Und da hat er recht. Er hat lange in Japan gelebt und kann viele Geschichten erzählen. Wir hören gern zu, dann muss er leider gehen.

Ich bin nicht nur zum Spaß in China. Nur müssen das die Behörden kaum erfahren. Das Objekt der Begierde erweist sich schnell als Windei schräger Spekulanten. Ein Check der Zahlen und ich bin weg. Wir bleiben einige Tage bei Miri und Mann, die unseren Besuch sichtlich genießen. Wie Deutschland ist wollen sie gern wissen. Daher laden wir sie ein.

Zum Abschluß der Reise versucht ein Taschendieb am Flughafen sein Glück. Er greift Yukis Handtasche und rennt gegen einen Sicherheitsmann, der nicht lange fackelt. Bevor ich eingreifen kann gibt es einen perfekten Haken. Der Täter fällt, alles ist gut. Miri und Tony danken dem Chinesen überschwänglich, der noch einige Zentimeter wächst und den Burschen in Gewahrsam nimmt. Diese für Deutschland untypische Gewalt, ist in Asien Normalität. Ein Menschenleben zählt dort wenig.

Im vorerst letzten Teil, wird es um harte und weiche Dinge gehen. Und um Tradition.

 

Abenteuer Japan – Teil 4: Die Shinobi

Von Kamakura nach Kameyama sind es gut 4 Autostunden. Theoretisch, also fast. Mit viel Verkehr und Staus wird aus der Fahrt ein Abenteuer. Und Japans Sonne brennt. Wir tragen Baseball-Kappen, kurze Hosen und ärmellose Shirts. Yuki verteilt Sonnencreme auf mir und hat sichtlich Spaß, als ich das Näschen rümpfe. Dabei riecht sie gut. Aber Yuki noch besser.

Cousin Naoki hat Großvater Satoshi von seinem Besuch in Deutschland berichtet. Auch, dass ich mit Frau lebe und lesbisch bin. Der alte Mann ist durchaus konservativ. Aber als er mir schrieb formulierte er auf seine Weise, dass er Yuki gern kennenlernen mag. Und genau das ist geschehen.

Elfchen ist total aufgeregt, als wir am Ziel der Reise sind. Ist die Frisur okay, soll sie eine Jacke tragen? Um sie zu beruhigen fahren wir zuerst ins Hotel und duschen. Danach geht es uns beiden besser. Schnell noch das Geschenk in der Kühlbox überprüft, Elfchen hat wirklich Schokolade eingepackt.

Ich rufe den Großvater an, der sich auch prompt meldet. „Ja kommt nur“, sagt er, „ich freue mich schon.“ Selbst ich bin gespannt, wie Satoshi reagieren wird, wenn er Yuki gegenüber steht. Mit Akzeptanz ist es in Japan eine andere Sache. Gab es nie lesbische Shinobi?

Die Begrüßung ist von Respekt geprägt. Vor uns steht ein Urgestein japanischer Geschichte. Dunkle Augen mustern uns wissend. Im Haus erwartet uns Gebäck und frischer Tee. Satoshi freut sich über die mitgebrachte Schokolade. Als Yuki sie überreicht huscht ein Lächeln über sein Gesicht.

„Schön wie die Yuki-onna“ (legendäre japanische Schneefrau / Schneekönigin), sagt er leise. „Aber weniger kalt, das kann ich sehen.“ Japans Sonne geht auf und Elfchen strahlt. Ich übersetze den Satz für meine LeserInnen: Satoshi hat Yuki auf seine Weise als Mitglied der Familie akzeptiert.

Das war keineswegs selbstverständlich. Yukis Großeltern ignorieren mich als ihre Partnerin. Wenn wir sie besuchen, werde ich als (beste) Freundin behandelt. „Naoki hat den Besuch in Deutschland genossen“, sagt der alte Mann nach einer Weile. „Er ist immer sportlich unterwegs und mag es, wenn er das leben kann.“

„Sport finde ich wichtig“, erwidere ich und erkenne die Kritik. „Aber es gibt zu viele, die sich Weltmeister nennen.“ Der Großvater nickt leicht und gießt mehr Tee in unsere Tassen. „Ich las einst ein christliches Zitat“, fährt er fort. „Der größte Trick des Teufels sei es, die Menschen glauben zu lassen das es keinen Teufel gäbe. Das hat er gut gemacht.“

Satoshis dunkle Augen liegen lange auf mir. Locker halte ich seinen Blicken stand. Plötzlich klingelt es und Satoshi bittet mich die Tür zu öffnen. „Ich bin in meinem Alter nicht mehr so schnell“, lässt er mich augenzwinkernd wissen. „Familienbesuch vermutlich, ich habe sie eingeladen.“

Und wirklich steht Naoki vor der Tür. Begleitet wird er von einem halben Dutzend Frauen und Männer, die seine Familie sind. „Meine Eltern“, stellt er zwei sympathische Japaner vor. „Meine Frau, meine Schwester, meine beiden Brüder.“ Es werden neugierige Blicke gewechselt. Die Frauen nehmen sofort Yuki in Beschlag. Ich bleibe bei den Männern.

Die Atmosphäre ist entspannt, alle wissen über uns Bescheid. Aber es gibt keine Kritik, kein böses Wort. Wir sprechen über Kinder und wie wichtig diese sind. „Ich sehe hier keine Kinder“, sagt Satoshi plötzlich  schaut uns durchdringend an. Naoki schnauft hörbar und sein Vater lacht.

„Wisst ihr“, sagt mein neuer Cousin, „Großvater zieht uns ständig damit auf. „Besucht ihn nur öfter und ihr werdet auch seine Opfer sein.“ Dann grinst er frech zu Yuki und mir. „Sagt mal, wann bekommt ihr zwei eigentlich Kinder?“ Prompt kassiert er dafür spielerische Schläge von den Frauen, die sich bei uns entschuldigen.

Lachend flüchtet er zu seinen Brüdern, die vorsorglich auch in Deckung gehen. „Kinder halten Großvater jung“, ruft Naoki aus der Zimmerecke. „Frau, wir sollten …“, aber weiter kommt er nicht. Unter großem Gelächter verschließt seine Frau ihm den Mund. Selbst Satoshi schmunzelt leicht. Spaß auf japanisch. Hier regieren Frauen.

Die Stunden vergehen wie im Flug. Wir fühlen uns willkommen. Und das bei völlig fremden Menschen, die doch Teil meiner Familie sind. Interessant für mich waren Satoshis Worte zum Sport und dem Teufel, mit denen er uns eine Botschaft vermittelt hat.

Satoshi kritsierte sanft, dass Naoki uns seine Kampfkunst zeigte. Und er machte sich auf seine Weise darüber lustig, dass die Shinobi nur eine Legende für die meisten Menschen sind. Dass sie existieren wissen wir. Der Beweis lebt in Kameyama. Als wir fahren verlassen wir Freunde. „Kommt wieder“, bittet uns der alte Mann. Und genau das ist der Plan.

Im fünften Teil der Reise geht es übers Meer. Meine LeserInnen erfahren, warum Mandarin ziemlich chinesisch für japanische Ohren klingt.

Doko iku no? – Wohin gehst du?

Wenn Yuki und ich japanisch sprechen vermeiden wir Dialekt. Unsere Aussprache ist quasi das „hochdeutsche“ der japanischen Sprache. Aber zumindest ich kann auch anders. Bekanntlich stammen meine Eltern aus der Region Fukuoka. Und dort spricht man Hakata-ben. Zu meinem Glück haben sie Wert darauf gelegt, dass Klein-Mayumi sauber redet. Aber bei Besuchen in Japan hat mir Ken schnell Dialekt vermittelt. Und den kann ich nun perfekt.

Aber keine Angst, dies wird nun kein Sprachführer durchs Japanische. Grammatik, Schriften und Aussprache können Ungeübte in den Wahnsinn treiben. Und wer soll mich dann lesen? Und eigentlich fand ich Fukuoka-Dialekt bisher wenig erwähnenswert. Yuki meint frech, dass sei eine ländliche Sprache. Aber sie versteht das auch.

Auslöser des Beitrags sind zwei junge Japaner, denen wir in der Stadt begegnen. Das Paar steht ratlos auf der Straße. Für mich ist klar, die haben sich verlaufen!
Als sich unsere Blicke treffen leuchten die Augen der Frau hoffnungsvoll.
„Entschuldigung, sprechen Sie Japanisch?“, flüstert sie.
„Ja“, erwidere ich. „Sieht man das nicht?“
Yuki schnauft kurz, der Fettnapf gehört mir.
Aber das Pärchen lacht, Japaner unter sich.

Nach den ersten Worten wird klar woher die beiden kommen. Das ist ganz klar Fukuoka-Dialekt! Sofort verfalle ich in die gleiche Weise und gewinne zwei Herzen für mich. Dumm nur, dass ich die nicht brauche.
„Doko iku to?“, frage ich die Frau und sehe nun vielleicht Japanisch-Sprecher verwirrt. Und nein, das ist kein Fehler!
Die Frage „Wohin gehen Sie / wohin gehst du“, ist mit „Doko iku no / Doko ni iku no“ zu übersetzen. Aber statt der Endsilbe -no, setzt man in Fukuoka -to ein.
Und das habe ich gemacht. Höflich, formell klingt der Satz zwar anders. Aber wir sind im gleichen Alter und niemand sieht das eng.

Das Paar ist auf Hochzeitsreise, die Frau im dritten Monat schwanger. All das erfahren wir in den ersten Minuten und laden die beiden spontan zum Mittagessen ein. Misaki und Naoki sind ihre Namen. Misaki ist Lehrerin und ihr Mann Ingenieur. Und Deutschland finden sie toll.
„Wir sprechen beide etwas Deutsch“, sagt Misaki verlegen. „Aber es hat leider nicht ausgereicht.“
Sie ist die Forschere, die Wortführerin. Ihr Mann bleibt im Hintergrund.
Göttinnen wie wir!

Wir sprechen über Kinder und dass Misaki auch ein Mädchen will.
„Ein Junge wird es!“, meldet sich nun doch Naoki zu Wort. Aber er lacht bei den Worten, er meint sie nicht so.
„Es ist mir völlig egal“, erklärt er. „Wichtig ist, dass es ein Kind der Liebe ist.“
„Liebe ist alles was zählt“, stimme ich zu.
„Haben Sie schon Kinder?“, will Misaki wissen. „Sie wollen doch bestimmt welche?“
Naokis Blick ist bühnenreif. Männer sind schon komisch.

Misaki hat mit einem Blick unsere Ringe gesehen. Und Hand in Hand gingen wir auch.
Sie lächelt verschmitzt bei ihrer Frage und meine Yuki strahlt.
„Ich werde die leibliche Mutter sein“, sagt sie bestimmt. „Mayumi kann schlecht Kinder bekommen.“
Naoki versinkt fast im Boden vor Scham.
„Entschuldigung“, stammelt er. „Ich … ich habe das nicht bemerkt.“
Wie auch? Auf keiner Stirn steht „Lesbe.“

„Kein Problem“, erwidere ich. „Ja, Kinder wollen wir. Mädchen natürlich! Es werden immer Mädchen sein.“
Yuki lacht und fasst mir an die Stirn. „Meine Frau fantasiert gern“, sagt sie frech. „Einen Jungen mag sie ebenso.“
Wir unterhalten uns gut, die Zeit vergeht im Flug. Dann müssen wir leider los.
„Möge Buddhas Segen Sie auf Ihrem Weg begleiten“, sagt Misaki, als wir gehen. „Doko iku no?“, fügt sie fast unhörbar hinzu.
Ich zwinkere ihr zu. Dann gehen wir. Unseren Weg. Immer unterm Regenbogen.

Nur der Himmel ist die Grenze

Japans Sonne scheint warm an diesem Tag. Die Regenzeit ist endlich vorüber. In einer Nachtschicht haben wir mit Ken zusammen seinen Skyline fahrbar gemacht. Die neuen Tubolader sind schnell eingebaut, der Rest des Umbaus ist bereits Geschichte. Müde aber glücklich sitze ich am Steuer. Ken hat mir die Ehre der ersten Fahrt überlassen.

Der Nissan Skyline GT-R R34 ist als Filmstar wohlbekannt. Paul Walker hat ihn in den „Fast and Furious“ Filmen gefahren. Aber wer nimmt schon 280 PS, wenn er getunte 500 PS haben kann? Die Beschleunigung presst uns in den Sitz. Aber keine Angst, wieder wird dies kein Bericht über Autos werden. Der Name Skyline passte nur so gut.

Wir lachen und haben Spaß. Wieder ist es ein komisches Gefühl auf der scheinbar falschen Seite zu sitzen. Und doch bin ich hier richtig, denn hier bin ich zu Hause. Japan ist in meiner Seele, meinem Herzen. Nie war ich japanischer, als in diesem Jahr.

Als ob Yuki meine Gedanken lesen kann, liegt ihre kleine Hand plötzlich auf meiner. Ich weiß was du denkst, sagen ihre Augen. Und auch dafür liebe ich sie. Ken räuspert sich, er kann uns fühlen. Aber bei aller Sensibiltät bleibt er doch Mann. Und Tränen zeigen nur die anderen.

In der Tuning-Branche wird gern und viel geschraubt. Dieser Gedanke schießt mir durch den Kopf, als aus dem Autoradio ein Lied ertönt. „Sky is the limit“, höre ich. Und da stimme ich natürlich sofort zu. Für mich gibt es kaum Grenzen, ich mache immer was ich will.

Schule, Studium, Beruf, Karate, all das gehört zu mir und meinem Weg. Und wer soll mich schon stoppen? Das macht dann die Polizei. Aber wir waren nicht zu schnell. Der Beamte weist nur freundlich auf eine Vollsperrung hin, die ein umgestürzter LKW verursacht hat.

Ich sehe sein Interesse an dem Wagen, aber er ist im Dienst und darf nicht fragen. Wir werden umgeleitet und entschließen uns spontan einen Ausflug zu machen. Die Insel Nokonoshima ist nicht weit entfernt. Wir stellen den Skyline ab und setzen mit der Fähre über.

Erster Hunger meldet sich und wir kaufen uns ein Frühstück. Grüner Tee weckt unsere Lebensgeister. Wir mieten Fahrräder und fahren um die Wette. Natürlich sind wir zu laut, natürlich fallen wir auf. Fettnäpfchen, ich komme! Aber die Menschen lächeln nur, es sind nur wenige Japaner auf der Insel.

Wir treffen ein amerikanisches Ehepaar aus Boston. Er ist Ex-Soldat und war früher in Mannheim stationiert. „Ich habe 17 Jahre in Deutschland gelebt“, lässt Bill uns wissen. Er kann noch immer deutsch und ist stolz darauf. Seine Frau stammt aus dem Süden der USA, genauer Alabama. Ich kann sie nur schwer verstehen, der Dialekt ist fürchterlich.

Sie sind zwar typische Amerikaner, aufgeschlossen, freundlich, aber doch sehr an fremden Kulturen interessiert. „In Japan habe ich auch gelebt“, sagt Bill. „Und in Korea. Aber Deutschland vermisse ich sehr. Wir werden nächstes Jahr dort Urlaub machen.“

Der Tag vergeht, die Amerikaner verabschieden sich. Die Fähre bringt uns zurück aus dem Blumengarten. Wir brauchen Schlaf, selbst Tee kann uns jetzt nicht helfen. Ken hat die meiste Energie und fährt nun stolz seinen Wagen. Ziemlich fertig kommen wir bei Tante Kazumi an. Die fackelt nicht lange und steckt uns ins Bett.

Tanze Kazumi ist die forschere Ausgabe meiner Mutter. Herzensgut, aber weniger sanft. Und sie mag klare Worte, was eher untypisch für eine Japanerin ist. Aber damit kann ich und ich liebe sie dafür. Nur Ken mault kurz, als er nach Hause geschickt wird. Ein Blick seiner Mutter lässt ihn zum Lämmchen werden. Frauenpower pur!

Im Bett liegend muss ich immer wieder an Deutschland denken. Der Name weckt ein Gefühl in mir. Ich vermisse meine Mädels, die Drachenzwerge, mein Wing Chun. Und doch bleibt meine andere Heimat hier in Japan so fremd. Warum kann ich nicht in beiden Ländern leben? Die Idee ist geboren, Umsetzung folgt. „Sky is the limit?“ Nicht für mich!

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne – Teil 2

Japans Zauber muss noch warten. Übermüdet gehen wir zu Bett.
Sanft schlummere ich in Yukis Armen ein und träume klar.
Ich laufe durch einen Kirschblütenhain. Auch Karin und Natalie sind da. Alle meine lieben Menschen und Yuki geht mit mir Hand in Hand.
Klar zu träumen, den Traum selbst zu bestimmen, das ist nicht jedem Mensch gegeben. Ich kann es seit ich bewusst denken kann.
Alpträume haben nur die anderen. Mein Schlaf ist stets erfrischend. Wenn er nur länger gewesen wäre.
Und ich kann ziemlich zicken, wenn man meine Ruhe stört.

Vom Gefühl her sind nur Minuten vergangen, als Ken lautstark ins Zimmer stürmt.
„Aufstehen!“, ruft er immer wieder. „Es ist schon spät!“
Er reißt uns die Decke weg und Tante Kazumi schimpft ihn aus.
Mein Kick trifft ihn leicht in den Bauch und lachend fällt er auf den Hosenboden.
„Raus du Verrückter“, sage ich bestimmt und versuche böse zu schauen. Aber das ist alles Spaß, ein altes Ritual seit Kindertagen.
Er rappelt sich auf und läuft noch immer lachend davon. Ich höre „Schlafmütze!“ und Yuki wirft ein Kissen nach ihm.
Treffer, versenkt. Meine Elfe wirft nie daneben. Das hat er nun davon.

Fukuoka präsentiert sich noch immer europäisch. 27 Grad, bewölkt, Regenrisiko 30 Prozent.
Es ist ein großes Hallo an diesem Tag, wir verteilen die Geschenke. Auch der Onkel ist da und freut sich riesig mit und über uns.
Gefühle zeigen nicht immer nur die anderen. Und das finde ich richtig gut.
Meine Cousinen nehmen mich in Beschlag. Bis auf wenige Mails haben wir kaum Kontakt. Sie haben Familie, sie leben ihr eigenes Leben. Aber Deutschland steht für beide auf dem Reiseplan.
Natürlich haben wir sie eingeladen. Und wenn irgend möglich, werden wir ihnen unsere andere Heimat zeigen.
Ich schmuse mit meiner kleinen Nichte und Yuki schaut mich seltsam an.
Ahnt ihr was sie denkt?

Der Tag vergeht mit viel Reden und noch mehr Neuigkeiten. Irgendwann sehnt sich mein Körper nach Sport.
Ken deutet meinen Blick richtig und rettet unser Leben. Die Sportsachen sind schnell gepackt und gemeinsam verlassen wir das Haus.
Wir fahren in sein Dojo, der Sensei erinnert sich an uns.
„Willkommen“, sagt er. „Ich freue mich sehr. Ihr dürft gern mit uns trainieren.“
Stolz erzählt Ken von meinem 1. Aikido-Dan. Er ist ein kleines Plappermaul.
„Der wahre Meister schweigt von seiner Kunst“, wird er vom Sensei prompt getadelt. „Dann zeig uns bitte, was du dagegen kannst.“
Ken schaut leicht belämmert, stimmt aber zu.
Ich lache. Endlich darf ich meinen Cousin werfen!

Er gibt sich Mühe und Yuki feixt. Auch der Meister schmunzelt. Alle haben Spaß.
Ein Novum im Dojo. Aber der Mann ist wirklich nett und sehr westlich aufgeschlossen. Und auch die Schüler erinnern sich und lachen mit.
„Bleib weg von ihr“, rät der Sensei Ken. Aber der will nicht hören und versucht immer wieder Schläge und Kicks.
Er gibt auf, als ich ihm mehrfach den Schwung nehme. Es macht sich nicht gut am Boden zu sein.
„Du bist gemein“, lässt er mich wissen und macht ein schmollendes Gesicht. Spaß im Übermaß der Gefühle. Ken ist eine Marke für sich.
In Wirklichkeit ist Ken ein Meisterschüler, aber selbst wenn er es könnte, er schlägt seine Cousine nicht.

Der Unterricht wird ernst, ich genieße die Stunde.
Ich mag den Sensei, er ist sehr gut in dem was er tut. Und der Sport bringt mir die Energie zurück.
Wir haben ausgemacht, dass wir zweimal pro Woche in dem Dojo trainieren. Und der Sensei mag gern mein Aikido sehen.
Ich werde die ein oder andere Stunde leiten und meine Kunst vermitteln. Auch das ein Novum, aber der Sensei will es so.
Natürlich sind einige Schüler skeptisch. Aber ohne vorzugreifen, sie haben mich akzeptiert.
Auch das Bild der Frau in Japan ändert sich. Vor allem, wenn sie überzeugen kann.

Für Yuki ist Kyokushin-Karate fremd. Aber Angst hat sie keine. Und die Erinnerung an den Vorfall vor einem Jahr ist lange vergessen.
Und wer mag schon ernsthaft mit einer Elfe kämpfen?
Das mache ich und prompt kitzelt sie mich.
„Du machst dich gut mit einem Kind im Arm“, lässt sie mich plötzlich wissen. „Du solltest das viel öfter tun.“
Ich ahne was sie mir sagen will. Aber bin ich, sind wir wirklich schon dazu bereit?
Frauen sind schon seltsame Wesen, findet ihr nicht?

Entspannt fahren wir nach Hause. Ken plappert unentwegt.
Er erzählt von seiner Arbeit und mag von unserem Studium wissen. Natürlich auch von meiner Selbstständigkeit.
„Ich habe leider wenig Zeit“, lässt er uns wissen. „Sonst wäre ich schon wieder bei euch dort. Die Projekte stapeln sich und das ist gut.“
„Was hast du mit dem Skyline gemacht, dem alten Wagen?“, frage ich. „Den hast du doch nicht etwa verkauft?“
Ken lacht herzlich. „Bin ich denn verrückt? Der steht in der Tiefgarage und wartet auf neue Turbolader. Dann wird er richtig schnell.“
Ich erzähle vom getunten GT-R und seine Augen leuchten.
Auch Ken hat Benzin im Blut.

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, heißt es in einem Gedicht von Hermann Hesse.
Ja, ich fühle mich zu Hause. Ja, ich fühle mich gut. Wir sind in Japan angekommen. Deutschland ist ein Name geworden, ein halb vergessener Traum.
Ich werde meinen Traum von Japan träumen. Zusammen mit meiner Elfe. Zusammen in einem verzauberten Land.
Sayonara!

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne – Teil 1

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, heißt es in einem Gedicht von Hermann Hesse. so auch in diesem Fall. Der Flug ist zu Ende, aber die Reise hat erst begonnen. Und davon mag ich nun erzählen. Aber wer nun einen klassischen Reisebericht erwartet, der wird enttäuscht. Ich habe noch immer (m)einen eigenen Stil. Und ja, dem bleibe ich treu.

Wir sind in Japan angekommen. Fukuoka präsentiert sich vom Wetter her fast europäisch. 24 Grad sind nicht wirklich viel. Nur die Luftfeuchtigkeit ist anders. 96 Prozent rauben mir den Atem. Regenrisiko bei null Prozent. Auch eine Regenzeit in Japan ist nicht mehr das, was sie einst war. Aber genug der Zahlen und zurück zur Realität. Ein einsamer Ken zeigt Gefühle und läuft lachend auf uns zu. Selbst meine Mutter erlaubt sich ein Lächeln, als er uns so ganz unjapanisch in die Arme schließt. Immerhin verbeugt er sich dann lediglich vor meinem Vater, vor dem hat er Respekt.

„Alle warten und freuen sich schon“, lässt Ken uns wissen. „Lasst mich bitte mit den Koffern helfen.“
Ken wirkt müde, übernächtigt. So kenne ich ihn nicht.
„Alles gut bei dir?“, frage ich besorgt.
Nur kurz zeigt er ein Lächeln, aber er jammert nicht.
„Dir kann man nichts vormachen“, sagt er leise. „Die Kamera ging kaputt. Ich habe alle Bilder verloren und sie noch einmal gemacht. Das editieren hat die ganze Nacht gedauert.“
„Dann fahre ich den Wagen“, bestimmt mein Vater sofort. „Du ruhst dich aus.“
Ahnt ihr nun warum auch ich so dominiere?

Ken hat dann doch eine Überraschung bereit. Der neue SUV bietet viel Platz für Menschen und Gepäck.
„Der alte Wagen war für Kameras und Assistenten zu klein geworden“, erklärt er uns. „Und der Mazda bietet eine Menge mehr.“
Ken ist Fotograf und ein richtiger Könner. Bilder machen nur die anderen. Ken schießt Kunst.
Wir Frauen sitzen hinten, Ken vorn neben meinem Vater. Der hat sichtlich Spaß am japanischen Verkehr und keine Probleme mit dem fahren. Kaum zu glauben, dass er Jahre nicht in Japan war.
Stolz erklärt Ken die Extras des Wagens. Yuki schläft in meinen Armen ein.
Auch ich bin von der langen Reise müde. Die Zeitumstellung macht mir zu schaffen. Lächelnd legt meine Mutter den Arm um mich.
„Wie in den alten Tagen“, sage ich leise und lehne den Kopf an ihre Schulter.
„Ja, kleines Mädchen“, erwidert meine Mutter sanft.
(Er)Kennt ihr die Ironie?

Ich bin ein wahres Kind meiner Eltern, daran gibt es keinen Zweifel. Yuki hat das schon vor Jahren erkannt.
Die Dominanz meine Vaters, die Sanftheit meiner Mutter, haben eine besondere Mischung geformt.
Aufgeregt wie ein Schulmädchen ist Yuki beim ersten Besuch gewesen und meine Eltern haben gestrahlt. Auf ihre Weise versteht sich. Gefühle zeigen nur die anderen.
„Das ist Yukiko-chan, meine Elfe“, habe ich gesagt. „Sagt Hallo zu ihr und seid nett.“
Ja, ich habe Yuki damals verlegen gemacht. Aber sie war tapfer und das ist sie noch.
Es ist nicht einfach als Japanerin lesbisch zu sein.
Aber schwer war es auch für meine Mutter. Und doch hat sie Yuki als Tochter akzeptiert und mag sie nicht mehr missen.
„Du bist verändert“, ließ sie mich damals in einer ruhigen Minute wissen. „Ich sehe Liebe in deinem Blick.“
Liebe und Yuki, das ist das gleiche Wort. Und das wird sich niemals ändern.

Tante Kazumi wartet schon auf uns, das Wiedersehen ist herzlich. Wir sind angekommen. Und das ist gut.
Sie schickt Ken sofort ins Bett und da gehört er auch hin.
Schmollend fährt er davon, ganz das große Kind.
„Ich komme wieder!“, verspricht er und lacht. Aber auch mit Dreißig hört Mann auf seine Mutter, das ist nun mal so.
Meine Eltern werden nur einen Tag bei meiner Tante bleiben, sie haben geschäftlich zu tun. Besser gesagt mein Vater, den meine Mutter natürlich begleiten wird.
Aber sie kommen natürlich wieder, die Schwestern haben sich drei Jahre nicht gesehen.
Und Familie ist wichtig. Sehr sogar.
Yuki und ich werden bei Tante Kazumi wohnen, die Geschenke gibt es am nächsten Tag. Und wir haben ihr eine Menge mitgebracht. Und für Onkel und Cousinen auch.
Heimat, die ich meine. Japan, ich bin da!

Ich gehe lächelnd auf die Reise

Japan wird auch das Land des Lächelns genannt. Und lächelnd gehe ich auf die lange Reise. Japan ist Heimat für mich. So fremd und doch so vertraut. Aber im Gegensatz zu Japanern ist mein Lächeln echt. Es drückt Freude aus, ich zeige Gefühle. Auch meine Elfe ist fröhlich. Aufgeregt wuselt sie im Wohnzimmer umher. Und als ich lache fliegt prompt ein Kissen.

Die Koffer sind gepackt, die Reise kann beginnen. Japan ruft und wir folgen gern. Aber es sind weniger die Sehenswürdigkeiten, die uns nach Jaoan ziehen. Meine Eltern haben mir bei früheren Besuchen viel von Japan gezeigt. Und auch mit Yuki war ich schon im Land unterwegs. Mindestens einmal im Jahr müssen wir nach Japan fliegen. Das ist wie ein innerer Zwang. Und unsere Familien freuen sich dann auch.

Meine Eltern werden uns auf dem Flug begleiten. Sie verbinden den Urlaub mit Geschäften, die man vor Ort besser regeln kann. Cousin Ken steht schon bereit, um uns am Flughafen abzuholen. Natürlich hat der Verrückte wieder Urlaub in dieser Zeit. Seine Lieblingscousinen zu sehen, das lässt er sich nicht nehmen. Yuki hat er schon vor Jahren als neue Cousine „adoptiert.“ Damit hat er kein Problem.

Die Reise wird lang sein. Und nicht immer ist der Weg auch das Ziel. Aber die Strapazen lohnen sich, wir werden nette Menschen treffen. Familie ist wichtig. Auch Yukis Eltern werden nächste Woche nach Japan nachkommen. Ihr Vater hat noch in Deutschland zu tun. Ja, es wird ein großes Familientreffen geben. Der Grund bleibt privat und gehört nicht in diesen Blog.

Beide Familien mögen sich sehr gern. Und Feste sind in Japan einmalig. Auch ohne Alkohol. Den können andere trinken, Tee ist mir Droge genug. Und meine Elfe nach der ich bekanntlich süchtig bin. Leider ist aus unserer geplanten buddhistischen Heirat im Shunkō-in Tempel nichts geworden. Immer im Juni werden dort lesbische und schwule Paare von den Mönchen getraut. Vielleicht klappt es nächstes Jahr.

Mit etwas Wehmut verlasse ich nun diesen Blog. Vermutlich werde ich von Japan aus nicht online gehen. Auch ich brauche Ferien. Und die mag ich ohne Internet genießen. Was den Reisebericht betrifft, den viele LeserInnen nach unserer Rückkehr erwarten, so habe ich mir darüber noch keine Gedanken gemacht. Es gibt nur eine vage Idee.

Ich wünsche allen meinen LeserInnen den tollsten Sommer der Welt. Genießt ihn, habt Spaß und seid lieb zueinander. Wir lesen uns dann wieder im August.

Bis bald ihr da draußen.

Mayumi