Lichter der Großstadt – Teil 6: Dunkel war die Nacht

Wir verbringen einige Tage in Los Angeles, Venice Beach ist unser Ziel. Dort wissen wir auch die Büros von Google, auf den krassen Gegensatz sind wir weniger gefasst. Obdachlose campieren am Straßenrand, ein Mann schiebt seine ganze Habe in einem Einkaufswagen vor sich her.

Auch das sind die USA, extremer Reichtum und bittere Armut gehen Hand in Hand. Compton, Watts und South Central sind jene Viertel der Millionenstadt, die der normale Amerikaner kaum betritt. Von Doris weiß ich, dass eine nächtliche Autopanne dort lebensgefährlich ist.

The Fall

Wir treffen Doris wieder und tauschen Neuigkeiten aus. „Trump macht mir Sorgen“, sagt sie, „ich hoffe er weiß was er da macht.“ Sie ist in Uniform und sitzt im Streifenwagen. „Na, Lust auf eine Tour?“, fragt sie und lacht, als wir begeistert nicken. „Dann rein mit euch, ich zeige euch mein L.A.“

Es ist nach 18 Uhr, aber der Verkehr ist noch immer dicht. Wir fahren nach East Los Angeles, die Gegend dort ist einigermaßen sicher. „Ich will euch jemanden vorstellen“, sagt Doris. „Sein Name ist Alberto, er war früher ein Gangmitglied und hat einige Jahre im Gefängnis gesessen. Heute ist er sauber und kümmert sich um Obdachlose. Er kann euch mehr von der dunklen Seite erzählen.“

Alberto ist Mitte Vierzig, beide Arme sind schwer tätowiert. Sein Gesicht ist ein Buch aus Narben, sein Lächeln ist echt. Wache Augen mustern mich. „Hallo, Lieutenant“, begrüßt er Doris, wen haben Sie heute mitgebracht?“ Doris stellt uns vor und Alberto deutet eine Verbeugung an. „Das macht man doch in Japan so, ja?“

Doris und er reden dann über Menschen, deren Schicksal und Namen keinen Platz in diesem Artikel haben. Aber ihre Geschichten sind krass. So, wie Albertos.“ „Ich war Gangmitglied seit ich denken kann“, erzählt er. „Du wirst in den Slums geboren und kommst dort kaum jemals raus. Mein Glück, ich habe keinen umgebracht. Und im Gefängnis hast du jede Menge Zeit.“

Alberto war an einem schweren Raubüberfall beteiligt, der seiner Bande fast 50.000 Dollar einbrachte. „Wir dachten damals wirklich, das große Los gezogen zu haben“, sagt er. „Wie konnten wir auch wissen, dass wir gefilmt worden sind?“ Er grinst. „Mein Gesicht war auf dem Video deutlich zu sehen. Zwei Tage später war ich verhaftet.“

„War das deine erste Haftstrafe?“, will ich wissen und Alberto schüttelt den Kopf. „Als Jugendlicher war ich einige Monate in einem sogenannten Bootcamp. Dort haben sie uns mit militärischem Drill auf den rechten Weg gebracht. Es gab dort diesen Trainer, der uns Boxen lehren wollte. Keiner hat damals begriffen, welche Chance er uns geboten hat.“

Alberto schaut mich an, plötzlich liegt ein Schatten auf seinem Gesicht. „Was ich lernte habe ich dann auf der Straße eingesetzt und den Mann damit enttäuscht. Ich wusste es damals nicht besser, Gewalt gehörte zu meinem Leben.“

Er schaut nachdenklich auf seine Hände. „Hätte ich die Disziplin, die ich heute habe, ich hätte den Wachmann nicht ins Koma geprügelt. Im Knast habe ich auch geboxt. Zu Beginn war es Selbstverteidigung, so habe ich mir Respekt verschafft. Mit der Zeit begriff ich, dass ich mich entweder ändere oder mein Leben im Knast enden wird.

Resurrection

Ich begann Bücher zu lesen und vertraute mich einem Psychologen an. Ohne ihn wäre ich vermutlich längst gestorben. Ich verdanke es seiner Fürsprache, dass ich an Kursen und Programmen teilnehmen durfte, die mir den Zugang zu meinem jetzigen Job ermöglicht haben.“

Alberto hat einen Abschluss als Sozialarbeiter gemacht und lebt diesen Beruf mit wahrer Leidenschaft. „Ich kenne die Gangs“, sagt er und sie respektieren mich jetzt.“ Ob er keine Angst habe, will ich wissen und wieder schaut Alberto auf seine Hände.

„Weißt du“, erwidert er, „ich kann wirklich ausgezeichnet boxen. Einige wollten das testen, heute sind wir Freunde.“ Er schaut mich bezeichnend an und ich verstehe. „Bei einigen führt der Weg nur über Härte“, sage ich.

„Alberto ist eine große Hilfe, wenn wir Gangmitglieder verhören“, sagt Doris. „Sie trauen uns nicht und sprechen wirklich nur mit ihm. Er packt sie bei der Ehre und sie beginnen zu reden. Nicht immer, aber oft.“

Ich kenne Slums. Irgendwie ähneln die sich alle. Robert’s Market ist noch nicht im Gangland. Ich kaufe für mehr als siebzig Dollar Lebensmittel ein und schenke sie Alberto.

„Danke! Damit retten wir Leben“, sagt er. „Ich verteile das Zeug und ihr wartet bitte im Wagen! Steiget auf keinen Fall aus, egal was passiert!“

The Dark

Wir drehen eine Runde durch Inglewood. Alberto fährt uns in seinem alten Ford. Er zeigt auf Häuser und nennt Namen. „Hier bin ich aufgewachsen“, erklärt er uns. Doris hat das Funkgerät in der Hand und sich beim Revier gemeldet. Ein Funkspruch von ihr und die Kavallerie reitet los. Aber alles bleibt friedlich.

Die Szene wirkt wie in einem Film. Eine Seitenstraße ist die Kulisse, die Lichter der Großstadt sind verblasst. Das Viertel wirkt wenig einladend auf mich. Alberto spricht mit einer Gruppe Jugendlicher, die am Straßenrand stehen.

„Yo wassup man“, höre ich und ein Afroamerikaner baut sich vor Alberto auf. Er überragt ihn locker, aber unser Guide zeigt keine Angst. Das ist auch kaum nötig, Alberto wird von allen respektiert. Ich erkenne es an der Haltung des jungen Mannes, der unseren Fahrer als höhergestellt ansieht. Als er ihm dann noch einige Lebensmittel gibt, ist die Stimmung fast ausgelassen gut.

„Das ist Aaron“, stellt ihn Alberto vor. „Ein, wie ich hoffe, bald guter Boxer im Halbschwergewicht. Ich trainiere die ganze Bande.“ Später erzählt uns Alberto, dass Sport oft die einzige Chance für solche Jugendliche ist. „Denen gibt niemand einen Job oder eine Chance. Wer aus gewissen Vierteln stammt, wird zum Aussätzigen.“

Die Nacht gibt den Straßen eine besondere Note. Gnädig verhüllt sie sie dunklen Seiten der Stadt. Unsere kleine Tour dauert knapp zwei Stunden, dann haben wir genug gesehen. Auch das sind die USA, wie sie nur wenige kennen. Alberto fährt uns zurück. „Hattest du Angst?“, will er wissen und ich schüttele den Kopf.

„Ich habe das Gefühl, dass du dich wehren kannst“, sagt er zum Abschied. „Aber komm nie auf die Idee allein in diese Gegend zu fahren!  Dort herrschen andere Gesetze. Die falsche Straße zur falschen Zeit und Los Angeles hat wieder einen neuen Toten. Frage den Lieutenant, sie weiß mehr davon.“

Keinen Toten, aber eine Art Begräbnis gibt es in der nächsten Folge, die eisig werden wird.

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Lichter der Großstadt – Teil 3: Tai Chi

In den USA zu leben ist einfacher, als viele glauben. Zwar ist alles größer und die Erde bebt, aber wir gewöhnen uns schnell daran. Auch die Zeitumstellung haben wir mittlerweile verkraftet. Und unser Englisch passt auch ins Bild. Niemand erwartet, dass wir perfekt sprechen. Aber wir machen das ganz gut.

Die Frage wo wir leben werden, hat Ally gelöst. Mir ihr und Heather abzuhängen macht Spaß. Daher entscheiden wir uns für Santa Barbara und pendeln nur ab und zu nach L.A. Auch die Trainingsfrage ist kein wirkliches Problem. Im Januar geht es los.

Der Flirt

Die Silvester Party wird kleiner, als letztes Jahr. „Wir haben ein Dutzend Mädels eingeladen“, erklärt mir Ally. „Vermutlich wird nur die Hälfte kommen.“ Kurz schaue ich ins Netz, die Nachrichten aus Deutschland wecken erneut meinen Zorn. Köln reloaded? Zumindest ist die Polizei vorbereitet.

Unvorbereitet trifft mich der Flirtversuch einer Frau, die mehr als nur Smalltalk will. Sie gibt mir deutlich zu verstehen, was sie nun erwartet. Und das ist kein harmloser Kuss. Die Situation amüsiert mich, ich bin gegen solche Offerten gefeit. Schon so manches Mädel, ist an meinem ausgestreckten Arm verhungert.

Und da gibt es noch Elfchen, die urplötzlich richtig eifersüchtig wird und der Süßen einige Takte steckt. Wer Yuki einmal zornig sah, der wird das kaum vergessen. Nur ich kann böser gucken. Zwar besteht keine Gefahr, dass wir uns betrügen, aber „Ich musste das jetzt tun!“, hat Yuki gesagt und meine Hand genommen. „Du bist meine Frau!“

Es sind diese kleinen Momente, die unsere Liebe noch tiefer machen. Ein Seitensprung? Wozu? Als Teenager und Twen, war ich weniger wählerisch. Ich habe gezielt (aus)gesucht und ziemlich schnell vergessen. Ohne erhobenen Zeigefinger muss ich ganz klar sagen, Dreier funktionieren nicht.

Dein Karate, mein Karate

Wir gönnen uns nach der Party einen Tag Pause und suchen dann ein Dojo auf. Sensei Wade ist Amerikaner, schon Ende Fünfzig und spricht etwas Deutsch. „War ich in die Stadt Kaiserslautern stationiert.“ Er lacht, als er sich bei den Worten fast die Zunge bricht. „That was a long, long time ago!“

Seine Schüler sind vorwiegend Teenager und schon nach zwei Tagen helfe ich beim Training aus. Wade unterrichtet Shotokan-Karate, ist aber sehr an meinem Stil interessiert. Begeistert nickt er, als ich die Unterschiede zeige. Die Teens sind Feuer und Flamme, dass sie eine „echte Japanerin“ trainiert. Haben wir neue Freunde gewonnen?

Schnell wird klar, dass Sensei Wade kein guter Trainer ist. Ihm fehlt der spirituelle Hintergrund. Alles was er zeigt basiert auf Kraft, womit er bei mir keinen Blumentopf gewinnt. Er kümmert sich meist nur um seinen Neffen Steven, der ein besonderes Kaliber ist.

Steven hat schon mehrere Pokale gewonnen und trainiert für die US-Meisterschaft. Aber vorher gilt es die Qualifikation zu meistern. Ein Turnier steht bevor, zu dem wir eingeladen sind. Wir werden Zeuge recht mäßiger Kämpfe. Selbst Steven ist weit von wirklicher Klasse entfernt.

Ein Chinese weckt mein Interesse. Der junge Mann zeigt keine Schwächen. „Tai Chi“, sage ich und Yuki schaut überrascht. „Das wird spaßig werden“, füge ich hinzu. Feng, so der Name des Kämpfers, dominiert seine Gegner locker. Während sich Steven seinen Weg ins Finale prügelt, weicht Feng nur aus, um dann blitzschnelle Treffer zu setzen.

And the winner is …!

Es kommt wie es kommen muss, Steven steht Feng im Finale gegenüber. Ich ahne das Desaster und behalte recht. Steven ist zu unbeherrscht und hat zu viele Lücken in der Deckung, die Feng eiskalt nutzt. Ich nicke anerkennend als er ernst macht und sein ganzes Können zeigt.

Steven hat nie eine Chance und verliert den Kampf. Ein Raunen geht durch die Halle, als er Fengs ausgestreckte Hand zur Seite schlägt. Als schlechter Verlierer erweist sich auch Wade, der Protest gegen die Wertung einlegt. Angeblich wegen Regelverstoß.

Die Jury berät, man schaut sich das Video an und entscheidet gegen Steven. „And the winner is still …!“, höre ich. „Zu Recht“, sage ich, als Steven auf dem Weg nach Hause immer weiter lamentiert. „Du hast verloren, nimm es als Lektion für dich an.“

Über sein „Fuck you Bitch!“, habe ich gelacht und „Loser“ zu ihm gesagt. Das Wort trifft härter, als (m)ein Kick, den er klugerweise vermeidet. Wütend schlägt er die Tür seines Wagens zu.

Wade ist der Vorfall unangenehm, aber meine Entscheidung steht bereits fest. Wir werden nicht mehr zu seinem Training kommen. „Aus der Niederlage zu lernen macht wahre Sieger aus,“ gebe ich beiden noch mit. „Feng war um mehrere Klassen besser.“

Tai Chi

Ich erzähle Ally später wie schlecht sich Wade und Steven verhielten. „Ich kenne Feng“, sagt sie. „Er hat seit letztem Jahr ein kleines Dojo in der Stadt. Wir waren dort, aber es gab zu viele Männer. Wie ich hörte sind die meisten schon wieder weg.“

„Ach?“, sage ich, „hat euch der Virus gepackt?“ Die beiden lachen und bejahen meine Frage. „Wir wollten euch damit überraschen.“ Am nächsten Tag zeigt sie mir Fengs kleines Reich. Es sind noch keine Schüler da, er selbst kniet in einer Ecke. Als er uns sieht legt er den Schraubenzieher weg. „Eine Steckdose ist kaputt“, erklärt er. „Was kann ich für euch tun?“

Um einer Legende vorzubeugen, er hat uns nicht sofort als Japanerinnen erkannt. Aber als potenzielle Schülerinnen. „Chen Stil?“, frage ich als Antwort und er schaut überrascht. „Ja“, sagt er, „du kennst Tai Chi?“ Ich nicke. „Ich habe es vor Jahren gelernt.“

Fengs Lachen macht einem fast ehrfürchtigen Gesichtsausdruck Platz, als ich davon erzähle. „Sifu Wu ist eine Legende!“, sagt er. „Na, ob sie das auch so sieht?“, frage ich schmunzelnd und Feng lacht schon wieder. „Vermutlich nicht“, sagt er. „Sie soll sehr bescheiden sein.“

Feng ist in Taiwan geboren, lebt aber seit vielen Jahren in den USA. Er hat kaum Akzent und beherrscht auch das „R“ und „L“ meisterhaft. Ich übrigens auch, aber das habt ihr bestimmt gewusst.

„Karate!“, sagt Feng, als ich von meinem Hintergrund erzähle. „Warum kommt ihr dann zu mir?“ Er wirkt nachdenklich, als ich Steven und Wade erwähne und dass ich den Kampf gesehen habe.

„Ich bin Steven schon auf einem anderen Turnier begegnet“, höre ich. „Schon damals war er ein schlechter Verlierer. „Er schlägt ohne Verstand“, sage ich. „Deine Konter waren gut.“

Asian Nation

Feng hat Informatik studiert. Tai Chi war bisher nur ein Hobby. „Ich finde einfach keinen Job in dem ich es länger als einige Wochen aushalte“, verrät er uns. „Also habe ich all mein Geld in diesen Club investiert. Das Haus (ein ehemaliger Laden) habe ich gekauft, es ist aber leider alt und vieles reparaturbedürftig.

Wir fachsimpeln eine Weile, bis seine SchülerInnen kommen. Feng lädt uns auf ein kostenloses Training ein. Was er zeigt ist wirklich gut und wir machen tapfer mit. Ich freue mich nach all der Zeit wieder Tai Chi zu üben. Auch wenn die Unterschiede zu Karate heftig sind.

Lustig wird es, als Feng lockeres Sparring mit seinen SchülerInnen macht. Sie sind alle ohne jede Praxis, nur Yuki und ich haben einen Kampfkunst Hintergrund. „Wehe du haust mich wieder!“, sagt sie aus Spaß, was ich mit einem Lächeln quittiere, das ich angeblich der Sphinx abgeschaut haben soll.

„Wollen wir?“, fragt Feng nach einer Weile und schaut mich an. „Aber bitte sei nachsichtig mit einem alten Mann!“ Der Witz, er ist mit 27 sogar noch etwas jünger als ich. Im Training habe ich oft mit Mann zu tun (gehabt). Kraft gegen Geschwindigkeit.

Kung Fu (Wushu) mit Karate in einen Ring zu stellen, wird niemals funktionieren. Was in einem Ring gezeigt wird, läuft meist auf Kickboxen hinaus. Und zwar von beiden Seiten. Ein guter Kung Fu „Kämpfer“ wird einen mittelmäßigen Karateka schlagen. Umgekehrt trifft das ebenfalls zu.

Fengs Stärke ist der Infight. Aber den kann ich genau so gut. (M)Ein Fehler wäre es, sich genau darauf einzulassen. Außerdem machen wir nur Spaß. Aber als er meinen Arm greift und mich zu Boden werfen will kontere ich mit einem (fast) klassischen O-Goshi (Hüftwurf).

Ich kontrolliere danach noch seinen Arm und Feng gibt lachend auf. „Aikijujutsu“, erkläre ich, als er danach fragt. In Japan gibt es die (Un)Sitte, dass man Gäste bei Spielshows gewinnen lässt. Ob ich das in diesem Leben noch lerne?

Zwei wirkliche Meister neutralisieren sich meist. Gegen Fengs „schiebende Hände“ benutze ich Wing Chun. Gefolgt von einem Tritt´aus nächster Nähe zum Kopf. Natürlich will ich niemand verletzen, also habe ich abgestoppt. Feng nickt anerkennend. „Das hätte Steven machen sollen!“, sagt er. „Ich habe das schon gesehen. Woher stammt der Kick genau?“

Ich erzähle von Cousin Ken, der Kyokushin Karate trainiert und dass ich das im Sommer ebenfalls oft mache. „Oh, das ist ein harter Stil“, stimmt mir Feng zu. „Die gewinnen regelmäßig die Turniere.“ „Jeder ist zu schlagen“, erwidere ich. „Ich kann dir zeigen wie.“

Gezeigt hat sich, dass es Verständnis über Ländergrenzen geben kann. In den nächsten Tagen üben wir Tai Chi und lernen auch chinesischen Schwertkampf kennen. Im Austausch versteht sich, ich zeige Feng japanisches Kenjutsu.

Feng freut sich über vier neue neue Schülerinnen, die, zu seinem Leidwesen, alle lesbisch sind. Aber das hat er nur im Spaß gesagt und (gespielten) Ärger mit seiner Freundin bekommen, um die es unter anderem es in der übernächsten Folge geht. Es bleibt spannend, wird aber erst einmal „Automobil.“ Detroit Motorshow, wir kommen!

Noch ein Hinweis, um Missverständnissen vorzubeugen, die „Lichter der Großstadt“ Beiträge sind nie aktuell und bilden Ereignisse aus der näheren Vergangenheit ab. In Detroit waren wir zum Beispiel letzte Woche.

Lichter der Großstadt – Teil 2: Hass

Sich in der Fremde heimisch zu fühlen, ist für viele schwer. Wir sind gut darauf vorbereitet. Ein Hausmeister Service hat sich bisher um die Wohnung gekümmert. Die Möbel sind einfach, aber funktional. Telefon, Internet und Kabelfernsehen sind geschaltet. Ein kleiner Schreibtisch steht auch bereit.

„Fett wie du bist passen wir da nicht beide dran“, lästert Yuki und strahlt, als ich „Ich liebe dich auch“ sage. Wir rufen unsere Eltern an und bedanken uns (un)artig für den BMW. Unser Lachen überwindet alle Grenzen. „Immer fleißig trainieren, Tochter“, gibt mir mein Papa noch mit. „Aber verprügele nicht wieder alle Männer!“ Der Satz spielt auf einen Vorfall an, als ich einen älteren Herrn vor einem aggressiven Autofahrer rettete.

Was kann ich dafür, wenn der über seine Füße stolpert? Okay, ich gebe zu, ich habe nachgeholfen. „Halb zog sie ihn, halb sank er hin“, heißt es. Immer wieder lustig, wie sehr sich Männer überschätzen. Der alte Herr hat sich bei mir bedankt.

Die Einladung

Die Klingel reißt mich aus meinen Gedanken. Freundlich lächelnd steht Ellie vor der Tür. „Ob Sie vielleicht Lust hätten mit uns zu Abend zu essen?“, fragt sie. „Unsere Tochter kommt auch und wir würden uns wirklich freuen.“ Ich wechsele einen Blick mit Yuki und sage zu, als Elfchen nickt.

Der Tag vergeht, wir richten uns ein, die Zeitumstellung ist noch immer heftig. Auch das Wetter ist so völlig anders, als wir es von Deutschland im Winter kennen. Aber wer nun glaubt, es herrsche eitel Sonnenschein, der hat Los Angeles noch nie im Winter besucht.

Extreme Hitze? Fehlanzeige! Die Durchschnittstemperatur liegt bei circa 19 Grad. Celsius versteht sich, was habt ihr denn nun gedacht? Aber Herbst in dieser Stadt ist weitaus angenehmer, als Nebel und heftiger Wind, den Deutschland dann zu bieten hat.

Ich schaue auf meinen Blog und finde die Weihnachtswünsche. Soll ich einen neuen Artikel schalten? Vorbereitet ist er. Und mein Zorn (auf deutsche Politik) sowieso grenzenlos. Also auf ins Gefecht! Aber mir bleibt wenig Zeit zum lesen anderer Blogs.

Ohnehin habe ich mich noch in Deutschland von einigen getrennt. Verwaiste Blogs verstopfen nur den Reader. Und manche (Themen) interessieren mich nicht mehr. Normalerweise ist Internet im Urlaub tabu. Aber diese Reise ist kein Urlaub im klassischen Sinn.

Hass

Gegen 20 Uhr geht es in Richtung Nachbarwohnung. Wir haben einen Kalender mit Düsseldorfer Motiven als Gastgeschenk dabei. Davon habe ich ein Dutzend nach Amerika gebracht. Ellie hat uns gebeten auf keinen Fall Abendkleider anzuziehen. „Wir sind hier in Kalifornien“, hat sie gesagt, „da ist alles weniger formell.“

Eine blonde Frau mit harten Augen, wird uns als „Tochter Doris“ vorgestellt. „Ich bin Lieutenant“, stellt sie klar. Ihr Blick verrät sie, diese Frau hat ein Problem. „Aus Deutschland kommen Sie, ist ja interessant“, höre ich. „Ich wusste bisher nicht, dass dort auch Asiaten leben.“

„Wir sind Japanerinnen mit deutscher Staatsbürgerschaft“, stelle ich richtig, was Doris mit abfälligem Lächeln quittiert. „Es gibt doch auch viele Japaner in den USA“, setze ich nach und schaue sie freundlich lächelnd an. Das Duell der Augenblicke.

„Leider“, höre ich und Ellie wird blass, „wir haben viel zu viele Kriminelle.“ „Japanische Yakuza in Los Angeles?“, frage ich amüsiert. „Das ist kaum vorstellbar. Aber bekanntlich sehen wir alle gleich aus, bestimmt haben Sie das verwechselt.“

Yuki schaut mich warnend an und Frank ringt um seine Fassung. „Doris“, sagt er, „ich glaube kaum, dass unsere beiden Gäste das jetzt hören möchten. Hattest du nicht versprochen, die Arbeit zu Hause zu lassen?“

„Ist ja schon gut“, wehrt Doris ab und mustert mich intensiv. „Was machen Sie beruflich, wenn ich fragen darf?“ Ihre Augen werden schmal, als ich von meinem Tätigkeiten spreche und dass ich auch Karate unterrichte. „Karate, hm? Das ist doch dieser altmodische Kram, den heute niemand mehr braucht. In Los Angeles nennen wir das Kickboxen!“

„Doris hat mehrfach die Meisterschaft gewonnen“, erzählt uns Ellie stolz. „Ich war erst dagegen, dass sie trainiert. Aber Frank hat mich überzeugt. Warten Sie, ich hole schnell die Bilder!“ Bevor ich etwas sagen kann, ist sie verschwunden und kommt mit einem riesigen Fotoalbum zurück.

Karate-Kid

„Schaut ihr nur“, ruft sie und verschwindet in der Küche. „Ich muss jetzt das Essen holen gehen.“ Frank zeigt uns die entsprechenden Bilder. Wir sehen eine junge Doris, die riesige Pokale hält. „Ist eine Weile her“, ergänzt Doris meine Gedanken. „Aber ich mache das immer noch.“

Herausfordernd sieht sie mich an. Sucht sie etwa Streit mit mir? Ich weiß genau, wie tief die Worte treffen, als ich „Kickboxen ist ein guter Freizeitsport“, sage. „Ich lehre traditionelles Karate“, füge ich hinzu. „Sie kennen den Unterschied bestimmt.“

Doris Gesichtsausdruck zeigt mir, dass sie keinen blassen Schimmer hat. Zeit um aufzuklären. „Kickboxen, wie auch Sportkarate, ist lediglich die abgemilderte Wettkampf Form“, erkläre ich freundlich.“ Und das tut Doris richtig weh.

„Wie jetzt?“, will sie wissen, „glauben Sie wir machen da nur Spaß?“ „Darum geht es nicht“, erwidere ich. „Traditionelles Karate ist reine Selbstverteidigung und wird auf keinen Fall für Wettkämpfe genutzt. Das würde auch kaum funktionieren. Im Ernstfall ist der Gegner tot.“

„So ein Unsinn“, poltert Doris los. „Sie haben doch echtes Kickboxen noch nie gesehen!“ „Was ist echtes Kickboxen?“, will ich wissen. „Sprechen wir von Leichtkontakt, Vollkontakt oder Pointfighting? Welche Form haben Sie gemacht?“

„Vollkontakt natürlich!“, erklärt mir Doris mit veränderter Stimme fest. Meine Kenntnisse haben sie überrascht. Aber noch glaubt sie sich auf der Siegerstraße.“Die meisten Kämpfe habe ich gewonnen“, lässt sie mich wissen und schaut mich durchdringend an.

Ich nicke und schenke ihr ein weiteres Lächeln. „Ihr Fokus liegt also auf dem Kampf. Das genau meinte ich vorhin, Kickboxen ist weit von echtem Karate entfernt. Der Geist ging verloren, die spirituelle Seite. Echte Karateka suchen keinen Kampf, sie verteidigen sich und andere.“

Gegen jede Regel

„Haben Sie schon mal gekämpft?“, will Doris wissen. Ihre Augen werden noch härter, als ich eher beiläufig von meinen Wettkämpfen spreche. „Bis auf mein erstes Turnier, habe ich nie verloren. Und das war keine Niederlage im klassischen Sinn. Ich wurde wegen Regelverstoß disqualifiziert.“

„Tiefschlag?“, will Doris wissen und lächelt spöttisch. „Die Regeln muss man natürlich kennen!“ „Klassisches Karate kennt keine Regeln“, erwidere ich. „Das habe ich versucht zu erklären. Als Kind habe ich nur das gemacht, was ich lernte und instinktiv auf einen Angriff reagiert. Ich hatte vergessen, dass Hebel verboten sind.“

„Natürlich!“, empört sich Doris. „Wir haben feste Regeln und …“ „Verlieren deshalb eine echte Auseinandersetzung“, unterbreche ich ihr Argument. „Ich habe aus dieser ersten Erfahrung gelernt und beim nächsten Turnier gewonnen. Und auf der Straße gibt es keine Regeln.“

Ich erzähle von einigen Vorfällen und dass auch Yuki fleißig übt. Dass wir ein Paar sind interessiert hier niemand. Die Stimmung entspannt sich merklich, aber Doris ist weiter skeptisch.

Vehement versucht sie mich von (ihrem) Kickboxen zu überzeugen. Ich stoppe ihren Redefluss mit der Bemerkung „Alle, die mir bisher echtes Kickboxen zeigen wollten, habe ich zu Boden geschickt.“ Auf den Zusatz „Ich zeige es Ihnen gern“ verzichte ich. Aber die Spitze sitzt.

Manche mögens heiß

Ellie hat Truthahn auf mexikanische Art serviert. Eine Eigenkreation, die köstlich schmeckt. Wirklich scharf ist anders, mein Gaumen ist mit Wasabi gestählt. Doris ist recht schweigsam, aber in ihr brodelt es. Als sie kurz ins Bad geht raunt mir Ellie die Wahrheit zu. „Ein guter Freund und Kollege ist vor einem Jahr von einer koreanischen Gang erschossen worden. Ich hatte das vergessen.“

Doris (aufgesetztes) Lächeln, als sie wieder zu uns kommt, lässt mich Gefahr ahnen. Lächeln kann ich besser, das liegt mir im Blut. Will sie mich nur provozieren oder ist es ehrlich gemeint?

„Ich habe mich schlecht benommen“, beginnt sie. „Meine bisherigen Erfahrungen mit Asiaten sind eher negativ, das habe ich auf Sie übertragen. Ich entschuldige mich dafür. Aber vielleicht hätten sie Lust den Polizeisportverein zu besuchen und uns ihre Kunst vorzuführen?“

Meine Fähigkeiten Menschen zu durchschauen und ihnen stets einen Schritt voraus zu sein, hat mir schon oft den Hintern gerettet. Doris will mit mir kämpfen . Aber Menschen wie Doris besiegen sich selbst durch unbedachte Aktionen. Ich muss dann nur kontern. Und das mache ich hart und effektiv.

„Ob es so klug von mir wäre einen Officer zu schlagen?“, erwidere ich diplomatisch. Doris zuckt leicht zusammen. Plötzlich sieht sie nachdenklich aus. Das Handy rettet sie vor der Antwort und einer Blamage. „Ein Notfall“, entschuldigt sie sich. „Ich muss leider gehen.“

Auch wir verabschieden uns. „No hard feelings“, überrascht mich Doris und reicht mir die Hand. „Ich bin manchmal etwas forsch“, fügt sie hinzu. Haben Sie eine schöne Zeit in Los Angeles.“ Das hat sie ehrlich gemeint. Ich kann in Augen lesen.

Ehrlich sind auch die verlegenen Blicke ihrer Eltern, die ich schnell beruhigen kann. „Danke!“, flüstert mir Ellie zu. Dann entschweben wir ins in unsere Wohnung. „Ich dachte schon du verhaust die jetzt“, sagt Yuki und wirkt erleichtert. „Sie hat verstanden“, erwidere ich und gebe Elfchen einen Kuss.

Dein Freund und Helfer

Der nächste Tag beginnt viel zu schnell. Sind wir nicht eben erst zu Bett? Als wir ins Auto steigen, versperrt uns ein Polizeiwagen den Weg. Der Beamte ist zwar freundlich, aber will unsere Papiere sehen. „Wo ist das State Test Certificate (Eine Bescheinigung für den Abgastest)?“, will er wissen und runzelt die Stirn, als ich es ihm zeige.

„Gibt es ein Problem, Officer?“, frage ich. „Ist etwas nicht in Ordnung?“ „Bleiben Sie beim Wagen“, verlangt er und ruft über Funk die Zentrale. Ich kann nur die Hälfte verstehen, ahne aber, dass er uns ein Ticket schreiben will. Der Grund? Vermutlich keiner, er hat vielleicht nur sein Soll für diesen Monat nicht erfüllt.

Vielleicht liegt es auch am Wagen, ein neben uns parkender Mercedes hat auch ein Ticket bekommen. Diese Unsitte Autofahrer abzuzocken, ist leider auch in Deutschland Alltag geworden. Den Ländern fehlt Geld, das sie sich auf diese Weise holen. In unserem Fall zu Unrecht, daher will ich keine Strafe zahlen.

Auch seine Drohung, den Wagen stillzulegen beeindruckt mich wenig. Ich weiß, dass alles in Ordnung ist. Bevor die Sache eskaliert steht Frank neben mir. Er habe den Beamten schon eine Weile vom Fenster aus beobachtet, erzählt er später. Der sei bekannt für solche Sachen.

„Ich habe meine Tochter informiert“, sagt er. „Bleiben Sie ganz ruhig, sie war sowieso auf dem Weg hierher. Plötzlich grinst er. „Zufällig ist sie sein Boss“, fügt er hinzu. Der Officer zuckt zusammen, als er Franks Worte hört. „Der Lieutenant ist ihre Tochter?“

Als Doris im Freizeitlook auftaucht, versinkt er fast im Boden. Noch kleiner wird der Hüne, als sie ihn zurück auf Streife schickt. Vorher hat sie die Papiere kontrolliert, die sie in Ordnung fand. Im Wagen warten zwei blonde Mädchen, die Doris wie aus dem Gesicht geschnitten sind. Ihre Töchter, die noch zur Schule gehen.

„Alles gut“, sagt Doris, die wie ausgewechselt ist. „Noch mal sorry für gestern“, fügt sie leise hinzu. „Ich hatte einen wirklich miesen Tag. Wir wollen mit der ganzen Familie shoppen gehen. Wollen Sie vielleicht mit?“

Wir hatten andere Pläne, aber sagen spontan zu. Was uns neue FreundInnen bringt. Doris ist wirklich okay, wenn man sie näher kennt. Das hat nur seine Zeit gedauert.

Fun, fun, fun

Mit Einheimischen auf Tour zu gehen, ist in jeder fremden Stadt okay. Doris kennt viele Läden, die günstiger als der Durchschnitt sind. Ihre Töchter sind liebenswerte Kopien der dominanten Mutter. Wer hier wen im Griff hat, wird schnell klar.

Wir finden einen Laden mit queerer Mode, die Verkäuferin sieht absolut stylish aus. Um mehrere T-Shirts reicher geht es zum Walk of Fame. Zwar kennen wir den schon, aber Doris besteht darauf. In einer ruhigen Minute erzählt sie mir von ihrem Mann. Den sie rausgeworfen hat, als er sie betrog.

„Das mit der Liebe war sowieso vorbei“, sagt sie. „Wir haben nur noch zusammen gelebt. Aber mich betrügt man nicht!“ Ich muss schmunzeln, als sie mir von einem Verhältnis erzählt, das sie mit einem Kollegen hat. „Aber ich bin noch sehr unsicher, wie es weitergeht und ob.“

Sie zwinkert mir verschwörerisch zu. „Vielleicht hätte ich die Liga wechseln sollen“, sagt sie. „In Kalifornien ist das ja schon normal.“ „Du bist nicht lesbisch“, erwidere ich. „Glaub mir, ich kann das fühlen.“ Wir verstehen uns und sie lacht.

Aus Spaß und wirklich ohne Hintergedanken, habe ich sie doch im Polizeisportverein besucht und so lange über die Matte gewirbelt, bis sie lachend aufgegeben hat. Darauf mir „ihr Kickboxen“ zu zeigen, hat sie verzichtet. Sport verbindet über Landesgrenzen. Und ich bin nur manchmal ein Biest.

Kurz vor dem Jahreswechsel, haben wir uns bei Ally und Heather einquartiert. Sie und ihre Eltern wären sonst tödlich beleidigt gewesen. Außerdem haben sie viel Platz und wir waren im Handumdrehen Teil der Familie. Mit Privatsphäre, das ist klar.

Über unser (fast) normales Leben in Kalifornien, werde ich im nächsten Artikel schreiben. Und wie ich wieder zum „Tai Chi Girl“ geworden bin.

Absolut Mayumi

Seit ich blogge, hat sich mein Leben verändert. Ich teile private Dinge mit einem wachsenden Publikum. So nebenbei verkaufe ich noch getragene Höschen, die wirklich dufte sind. Okay, das war jetzt ein Spaß unterhalb der Gürtellinie, der einen ernsten Hintergrund hat. Davon gleich noch mehr.

„Im Internet leide die Privatsphäre“, hat ein kluger Mensch gesagt. „Soziale Netzwerke seien die Pest der neuen Zeit.“ WordPress ist (m)eine Bühne, für die ich ein Drehbuch schreibe. Drei Staffeln sind schon abgedreht. Zur Zeit läuft Nummer Vier. Die vermutlich die letzte ist. Irgendwann habe selbst ich genug.

„Warum stellst du keine Bilder von dir und Yuki ein?“, hat man mich bereits gefragt. „Es wäre toll dich als Sensei im Dojo zu sehen.“ Auch fotogene Reiseberichte wünschen sich manche LeserInnen. Oder ein persönliches Treffen mit mir.

Als offener und sehr direkter Mensch nehme ich nie ein Blatt vor den Mund. Aber muss ich nun jede Faser meines Wesens mit anderen teilen? Ist mein Gesicht wirklich so interessant? Oder meine Adresse, Telefonnummer und Bankverbindung/en? Oder mag doch jemand meine Höschen kaufen?

Nun gibt es Blogger, die mit Worten ihren Lebensunterhalt verdienen. Sie haben noch einen youtube Kanal, leben von Werbeeinnahmen und möglichst vielen Klicks. So nebenbei verkaufen sie vielleicht wirklich (nicht getragene!) Unterwäsche oder einen Schnellkochtopf. Sollen sie, alles gut.

Ich allein entscheide, was andere von mir lesen dürfen. Es war bisher nur wenigen Online Bekanntschaften vergönnt, einen Blick auf mich zu werfen. Auch wenn ich den Wunsch durchaus verstehen kann, werde ich daran niemals etwas ändern. Wozu auch?

Wobei ein Treffen mit mir witzig wäre. Die Verlegenheit auf der Gegenseite regiert bestimmt. „Schönes Wetter heute“, höre ich. „Deine Hose / Bluse / etc. sieht aber wirklich toll aus …“ Echt jetzt? Ich blogge so nebenbei und unter der Woche. Arbeit ist oft am Wochenende angesagt. Oder die Familie. Punkt.

Zwar kann man mich als Unternehmensberaterin buchen, aber das nur außerhalb meines Blogs. Es fiele mir im Traum nicht ein, ihn als berufliche Werbeplattform zu missbrauchen. „Thoughts of the Beast“, ist eine Spielwiese für mich, auf der ich Gedanken teile.

Niemand muss meiner Meinung sein oder meinen Blog dauerlesen. Wer bin ich schon, um genau das zu verlangen? Vielleicht kann ich mit meinen Texten einige LeserInnen inspirieren, sie ermutigen und ihnen neue Hoffnung geben. Ein Lächeln als Danke reicht.

Eine Bloggerin, die ich seit einer Weile lese, hat ein sehr unschönes Erlebnis gehabt. Auf einer Party stellte sich der Freund eines Freundes als „Follower“ heraus und hat scheinbar alles über sie gewusst. Und damit eine staunende Zuhörerschaft beglückt.

Vermutlich spekulierte er auch auf Einblick in ihr Höschen. Seine Bemerkungen sollen zumindest in diese Richtung gegangen sein, hat sie geschrieben. Die Bloggerin hat daraufhin die Notbremse gezogen, dem Typen eine Ohrfeige verpasst und die Party verlassen. Ich finde, das hat sie gut gemacht.

Noch am gleichen Tag, hat sie allzu private Details von ihrem Blog gelöscht und ihn dann für eine Weile offline genommen. Mittlerweile hat sie ihn mit einem Passwort geschützt, das sie vorerst nur noch an ihr „bekannte Personen“ vergibt. Enttäuschung inklusive.

Seit ich blogge, hat sich mein Leben verändert. Ich teile private Dinge mit einem wachsenden Publikum. Und ich verkaufe keine getragenen Höschen, auch wenn ich wirklich dufte bin.

Närrisch

Es ist beschlossen und hiermit verkündet, dass ihre Biestigkeit Mayumi I. samt Prinzessin Yuki und weiteren Hofdamen, den Kölner Karneval besuchen wird. Als Teenager war ich ein größerer Fan von solchen tollen Tagen. Heute meide ich diesen Trubel gern. Frau wird weise. Nur leise, werde ich nie.

Aber Köln hat für uns zentrale Bedeutung. Wir Frauen zeigen Präsenz und lassen uns von Grapschern nicht erschrecken. Und egal ob Minirock oder neckische Bluse, unser Körper ist allein unser Revier! Klare Ansage an diverse Narren, die in Frauen nur Huren sehen, wer uns anfasst hat ein Problem!

Bundesfrauenministerin Manuela Schwesig hat klare Worte gefunden. „Es ist wichtig, dass wir jetzt keine Debatte darüber anstoßen, ob Frauen ihr Verhalten ändern müssen, sondern die Männer, die übergriffig werden, müssen ihr Verhalten ändern und vor allem zur Rechenschaft gezogen werden“, hat sie gesagt.

„Die Zeiten, wo wir Frauen uns nicht frei bewegen dürfen, wo wir Frauen keine Miniröcke tragen sollen, die sind vorbei“, kam auch von ihr. Das klingt besser, als Frau Rekers Blödsinn, „Fremde auf Armlänge entfernt zu halten.“ Gut gemeint, aber naiv. Von Gewalt hat die Frau wenig Ahnung, obwohl sie schon selbst Opfer war.

Ob und wie ich mich verkleide wollt ihr wissen? Elfchen lacht frech und sagt „Als Miss Köln!“ Nun musste ich diesen Artikel wirklich unterbrechen und meiner Süßen die Leviten lesen. Also so ein bisschen, na ja fast. Weil eine Düsseldorferin bekanntlich keine Miss Köln sein kann. Das geht mal so überhaupt und niemals nicht!

In Wirklichkeit hat sie mich mit Küssen bestochen und noch Schokolade draufgelegt. Elfenglück. Liebe, die ich meine. Aber zurück zu den Kostümen. Falls wer eine Catwoman sieht, die von Batgirl begleitet wird, habt ihr eine Idee, was und wer wir sind. Und der Rest der Truppe ist auch sehr bunt.

Dieser Blog wird also bis zum Aschermittwoch Pause haben. Dann werde ich wieder berichten. Kölle wir kommen! Alaaf und Helau!

Die Stadt der Engel – Teil 4: Rot

Die Tage fliegen, es eilt die flüchtige Zeit. Wir erleben Weihnachten einmal anders. Es macht Spaß, auch ohne Schnee. Der Schock am Tag nach Heiligabend, der SUV ist weg. Keine Spur von dem Wagen, wir rufen die Mietwagenfirma an und die Polizei.

Cops in LA sind anders. Freundlich und doch bestimmt. „Don’t you worry“, meint der Officer und lacht. „Wir orten den Wagen ganz schnell mit GPS. Er hat recht, aber als sie den Wagen Stunden später finden, ist er nur noch Schrott. „Wegfahrsperren sind nur ein Witz“, erklärt der Officer. „Moderne Elektronik hat die lange überholt.“

Die Fingerabdrücke sind eindeutig. Moderne Elektronik hat sie wieder sichtbar gemacht. Ironie des Schicksals, auch bei der Polizei hat man dazugelernt. Noch am gleichen Tag nimmt man die Täter fest. Jugendliche im Drogenrausch, die sich einen Spaß machen wollten und schon mehrfach aufgefallen sind. Ihnen droht nun spezieller Jugendarrest, ein Camp mit militärischem Drill. Clever sein ist anders.

Wir bekommen einen neuen Wagen, aber es ist kein SUV. „I am so sorry“, sagt das California Girl und lächelt honigsüß. „Aber wir haben nur noch den Ford Mustang da.“ Immerhin ist er rot und immerhin ist es der V8. Das versöhnt, wenn ich schon mit einem anderen Flitzer fremdgehen muss. Rot war schon immer meine Farbe.

Ich gestehe, der Wagen hat was! Und er ist schnell. Nicht erwischen lassen, ist nun die Devise. Gibt es auch in LA eine Radar-App? Wir rufen Ally an, das Mädel aus der Abbey. Sie freut sich und will uns wirklich wiedersehen. „Ihr seid herzlich willkommen“, sagt sie. „Besucht uns, wir freuen uns auf euch.“

Santa Barbara ist nur ein Katzensprung. Wir verlassen das Hotel und brechen wieder auf. Ein letzter Besuch bei Onkel Jiro, den ich dieses Mal nicht mehr auf die Matte lege. Dafür hat er eine Überraschung bereit. Ein Deal ist perfekt. Das bringt Geld und Möglichkeiten. Und eine Bleibe in LA. Yeah!

Ally lebt etwas außerhalb von der Stadt, das Farmhaus ihrer Großeltern, ist als Wohnhaus umgebaut. „Wir haben eine Menge Platz für Freunde“, sagt sie und lacht. „Und eine Party coming!“ Ihre Eltern wohnen nebenan, zwei wirklich liebe Menschen.

Die Mutter freut sich Deutsch mit uns zu sprechen und auch Allys Papa John kann das ganz gut. „Meine Schwester ist auch gay“, sagt John und grinst. „Ich habe kein Problem damit, wenn meine Prinzessin glücklich ist.“ Er ist Oberstleutnant und nun bei der aktiven Reserve. Immer noch im Dienst mit toller Uniform.

Was Ally Party nennt, ist eine Fete der Superlative. Mehr als fünfzig Mädels überrennen den Ort in der Silvesternacht. Nicht alle sind Lesben, aber alle befreundet. Und wir treffen einen kleinen Star. In Los Angeles ist das völlig normal, dort wimmelt es davon. Ihre roten Haare leuchten, wie ihr strahlender Blick.

Das Mädel dreht eine Soap, die in Deutschland niemand kennt. „Reicht um recht ordentlich zu leben“, sagt sie lapidar. Wir unterhalten uns lange, sie ist sehr an Japan interessiert. Aber der Kontakt bleibt an der Oberfläche, wir werden sie nie wiedersehen.

Elfchen und ich werden herumgereicht, bestaunt und angehimmelt. Auch schöne Augen gibt es, das Interesse ist groß. Und diese Frauen können flirten. Natürlich nur fast so gut wie ich.

Wir machen Party bis zum Morgen, es wird getanzt, geküsst, gelacht. Aber ich bleibe meiner Elfe treu, da gibt es keinerlei Gefahr. Nur bei roten Autos gehe ich gern fremd. Aber das habt ihr schon gewusst. Da wird dann lustvoll geschaltet. Kommt noch wer mit?

Kurz wird es unschön, als eine betrunkene Butch auftaucht und lautstark ihre (Ex) Freundin sehen will. Sie wird handgreiflich und ich gebe eine Vorstellung meiner Kunst. Prompt landet sie auf der Nase und heult sich danach die Seele aus dem Leib. Ich kann es nicht ändern, aber Gewalt und Ungerechtigkeit sind mir ein Dorn im Auge. Dann greife ich ein. Punkt!

Die Mädels verarzten sie und flößen ihr Kaffee ein. Sie schämt sich hinterher für ihr Verhalten und alles ist wieder gut. Gut werden auch die nächsten Tage, die wir bei Ally und Heather verbringen. Die Familie betreibt einen Coffee-Shop und Diner. „Den haben uns die Großeltern vererbt“, sagt Ally und ihre Mutter nickt. Sie arbeitet dort mit und alle haben Spaß.

Ally hat Musik studiert und spielt perfekt Klavier. „Aber davon kannst du hier nicht leben“, sagt sie leise. „Also gebe ich die Kellnerin und spare.“ Auch für eine Deutschlandreise. Wir haben sie eingeladen und sie nimmt an. Wir haben mittlerweile schon wieder telefoniert. Ja, diese (neue) Freundschaft hält.

Im nächsten und letzten Beitrag wird es einen Zeitsprung geben. Er handelt vor der Party und beleuchtet eine andere Seite von Los Angeles, die gern vergessen wird.

Die Reise zu den Inseln

Die heißen Tage sind Geschichte, ein frischer Wind kühlt das Gemüt. Ein Jahr des Aufbruchs geht vorbei und Japans Sommer lockt. Die Familien werden wieder gemeinsam fliegen. Und wieder gibt es mehr als nur den einen Grund. Vorfreude lässt meine Seele hüpfen. Fast unmerklich verändere ich mich. Die Deutsche geht, die Japanerin tritt aus dem Schatten.

Der August muss ohne meinen Blog auskommen. Ich hoffe meine LeserInnen auch. Bestimmt bringe ich neue Eindrücke von einem Land zurück, das für viele Menschen ein ewiges Rätsel bleibt. Ebenso die Menschen, die mir so vertraut und doch so fremd geworden sind.

Ken freut sich bereits riesig uns zu sehen. Auch der Rest der Familie wartet. Ich warte auf ein Signal, das mich auch offiziell wieder zur Japanerin macht. Das wird kein leichter Weg. Aber er ist machbar, bin ich doch in Japan geboren. Der abgelaufene Pass sorgt nur für einen kritischen Blick. Ein Zweitwohnsitz bei der Tante ist kein Problem.

Wer meinen Blog aufmerksam verfolgt wird gelesen haben, dass wir Kinder wollen. Endometriose und die Gefahr einer Fehlgeburt verhindert eine Schwangerschaft bei mir. Bei Yuki ist es ihr zu kurzer Zyklus. Ohne Hormone macht es keinen Sinn.

Wir haben darüber gesprochen. Mit Ärzten, Freunden, Familie. Fazit: Yuki als Hormonbombe wird es niemals geben. Sie weiß, wie sie auf Medikamente reagiert. Aber es gibt immer andere Wege, um ans Ziel zu kommen. Nur wie, das wissen wir noch nicht. Eine Adoption soll es werden. Leider verhindert das die homophobe Welt.

4 Wochen Japan werden ihre Spuren hinterlassen. Schon jetzt ist meine Seele fern. Yuki ist so aufgeregt wie immer, wenn es auf die Reise zu den Inseln geht. Dies und das muss noch mit. Und Geschenke! Natürlich (gute!) deutsche Schokokade. Wer wollte noch die Kuckucksuhr? Ich beruhige Elfchen in Sekunden. Eigentlich ihr Job bei mir.

Großvater Satoshi hat uns geschrieben. Der alte Mann möchte uns gern wiedersehen. Besonders gefreut habe ich mich über einen Satz, den er ans Ende seines Briefes schrieb. „Es gibt zu wenig Kunoichi in dieser Zeit.“ Ich habe verstanden. Yuki nicht.

„Großvater Satoshi möchte dich kennenlernen“, übersetze ich den kryptischen Satz. „Er weiß von dir. Cousin Naoki hat bestimmt von dir erzählt.“ „Heißt das wir werden nach Iga reisen?“, will Elfchen wissen?“ „Buddha erleuchte mich, was soll ich dem alten Herrn denn kaufen?“ „Pack eine Tafel Schokokade mehr ein“, necke ich sie. „Aber vermutlich schmilzt er sowieso, wenn er dich Süße sieht.“

Wer mehr über mein Japan, meine Reisen und Iga lesen möchte, der darf gern auf folgende Links klicken:

Japan Reise 2014 Teil 1

Japan Reise 2014 Teil 2

Die Nebel von Iga 1

Die Nebel von Iga 2

Die Nebel von Iga 3

Der Mann in mir – Lesben in der Genderkrise?

Lesbische Frauen haben viele Gesichter. Gern wird als Stereotyp die maskuline Frau mit Kurzhaarfrisur genommen. Ja, die gibt es. Aber meine Mädels sehen anders aus. Die meisten haben längere Haare, die wenigsten Tattoos, noch weniger sind gepierced.

Was mich trotzdem zu den Butches bringt, die ich natürlich ebenfalls kenne. Trotz femininem Aussehens, wird meine Persönlichkeit von Freunden mit der einer Butch gleichgesetzt. Ich bin die Alpha, die große Schwester und habe meist Hosen an. Selbstbewusstsein inklusive.

Ja, auch ich habe meine Person hinterfragt und ob ich vielleicht ein Transgender bin. Aber weder schlummern verborgene Hoden in mir, noch brauche ich zur Liebe einen Penis. Ich bin schon immer gern Frau gewesen, das wird niemals anders sein. Aber im nächsten Leben dann bitte größer. Mit 10 Zentimeter mehr kickt es sich noch besser.

Aber wie ist das mit der Genderkrise bei Lesben? Gibt es die wirklich, oder bilde ich mir die nur ein? Auffällig für mich, dass Butches in den letzten Jahren vereinzelt zum Mann mutieren. Nicht per Kleidung, von Hormonen ist die Rede.

Mich hat das nachdenklich gemacht. Hat die LGBT-Community versagt? Wählen Frauen den für sie scheinbar einfacheren Weg, wenn sie nun Transmänner sind? Transmänner, die andere Männer lieben. Queer, der anderen Art.

In einer von Männern dominierten Gesellschaft, haben selbst schwule Männer mehr vom Leben. Ihre Stimme wird gehört. Frauen weiterhin nicht ernst genommen. Ist es also reine Taktik? Haben diese Frauen sich selbst aufgegeben?

Transmänner outen sich zuerst als Lesben. Butches meist. Es ist ein schwieriger Prozess für diese Menschen, den andere kaum nachvollziehen können. Selbst ich, die ich lässig mein Coming Out präsentierte, habe keine Idee wie das ist. Eingesperrt im falschen Körper? Das muss blanker Horror sein.

Ich habe geforscht, gelesen und mich unterhalten. Und verstanden, was geschehen ist. Im Zeichen langsam wachsender Toleranz für Homosexuelle, hat sich das Weltbild dieser Menschen geändert. Sie haben erkannt, was sie wirklich sind: Männer im Frauenkörper. Statt lebenslang zu leiden, haben sie Mut bewiesen und den letzten Schritt gemacht.

Hormone und mehrere Operationen können den Mann in der Frau erwecken. Der Penis wird aus einem Muskel gemacht. Aufpumpbar, wie Balian Buschbaum einst verriet. Diesen Schritt gehen nicht alle Transmänner. Einige behalten die Vagina.

Ich zolle Menschen, wie Balian Buschbaum großen Respekt. Er zeigt ein Bild von Mann, das mir sympathisch ist. Und er kann uns Frauen noch immer besser verstehen, als seine neuen Artgenossen. Nur wenn sie zicken, das mag er nicht.

Lesben in der Genderkrise? Fehlanzeige muss das Fazit lauten. Butches, die ich kenne, sind und bleiben Frau. Gern, auch wenn sie lässig Autoreifen wechseln. Bevorzugt meine. Aber das haben meine LeserInnen bestimmt gewusst.

Sei stark!

Immer wieder wird mir gesagt, wie stark ich sei. Nun hatte ich nie das Pippi Langstrumpf Syndrom und als Supergirl sehe ich mich nicht. Aber schwach, das sind immer nur die anderen. Ich bin immer ich.

Durch Zufall habe ich Robert wieder getroffen – KLICK MICH, ODER LASS ES –. Auch ein „starker Mann“. Der junge Kickboxer arbeitet nun als Security. (S)Ein Traum? Wir werden sehen.

Er erkennt mich sofort und verbeugt sich leicht. Respekt, den ich erwidere.
„Hallo Sensei“, begrüßt er mich. „Ich habe nun doch einen Job gefunden.“
Der „Job“, wie er ihn nennt, ist Türsteher in einer Nobel-Disco. Robert ist einer von mehreren „Men in Black“, die den Eingangsbereich bewachen. Leider notwendig in diesen Tagen. Die Querulanten werden immer mehr.
„Wie läuft es so, was macht die kämpfende Kunst?“, frage ich. „Was hast du dazugelernt?“
Er zögert mit der Antwort. Nicht jeder wird ein Samurai.

Robert schaut sich schnell um und wechselt einen Blick mit Manfred, seinem Chef. Der winkt nur ab. Wir kennen uns gut.
„Verhau mir nur nicht die Leute“, neckt er mich. „Wenn ihr rein wollt …? Ihr seid drin, okay?“
„Alles gut“, erwidere ich. „Und vielen Dank. Das erspart dir nämlich Ärger mit deiner Frau.“
Manfred lacht, ich muss an unsere erste Begegnung denken. 5 Jahre ist es her, dass ich seiner Frau geholfen habe. Details sind irrelevant, aber es war eine durchaus brenzlige Situation. Seit diesem Tag habe ich einen Stein bei ihm im Brett und nie Probleme, wenn er vor einer Disco steht.
Aber Security sind keine Samurai.

Robert erzählt mir von einer Asien-Reise und dass er dort „Kung Fu“ studiert habe. Das habe er nun mit Kickboxen kombiniert und er sei richtig „powerful.“
„Ich habe sogar ein Turnier gewonnen“, sagt er mit vor Stolz geschwellter Brust. „Und nächsten Monat geht es weiter. Mein Ziel sind die Deutschen Meisterschaften …“
„… im Straßenkampf?“, unterbreche ich. „Ich wusste nicht, dass es die gibt.“
„Was meinst du damit?“, will Robert wissen. Sichtlich verwirrt und nun ohne (Sprach)Konzept.
„Ich meinte, dass Sport-Karate fernab jeglicher Realität ist. Es ist ein sportlicher Wettkampf mit einem Punktesystem. Aber es gibt keine Punkte, wenn dich ein Betrunkener anpöbelt. Oder ein Experte. Was machst du dann?“
Wer nicht fragt bleibt dumm.

Robert versteht (noch immer) nicht, was ich ihm sagen möchte. Er setzt nach wie vor auf körperliche Stärke und vergisst (erneut) den geistigen Aspekt. Seine Welt ist Kraft und Kampf. Aber pure Stärke macht noch keinen Sieger. Normalerweise unterrichte ich keine Männer. Und das hat seinen Grund. Aber Robert braucht noch eine zweite Lektion. Und die will ich ihm geben. Weniger um zu glänzen. Es ist Hilfe, die er braucht. Einsicht ebenfalls. Und so mancher Tritt bringt Mann auf den richtigen Weg.

Ich lade Robert in Lindas kleines Dojo ein. Er kennt das schon und beißt sich auf die Lippen. Ahnt er, was geschehen wird?
Sein Verhalten ist pure Unsicherheit. Das hat auch Manfred erkannt.
„Tu ihm bitte nicht allzu weh“, raunt er, als wir in die Disco gehen. „Der Junge ist okay.“
Und gut wird auch der Abend. Hoch das Bein, Olé!

Zwei Tage später, Manfred begleitet einen bleichen Robert. Linda und er arbeiten oft zusammen und helfen sich gegenseitig aus. Freunde über sexuelle Grenzen. Was zählt ist der Respekt. Ich analysiere Robert. Er ist schwerer geworden, was ihn aber noch langsamer macht. Ein Bündel purer Kraft, die er kaum einsetzen kann. Genau das will ich ihm zeigen.

KritikerInnen werden nun sofort den Finger heben und kopfschüttelnd diese Zeilen lesen.
„Frauen können Männer nicht besiegen“, höre ich. „Ein Mann ist viel stärker als du!“
Ja, das ist er. Aber nur, wenn ich mich auf sein Terrain begebe. Nur, was soll ich da?
Robert kickt und er ist gut. Ich reagiere und er fällt. Jeden Angriff kontere ich aus, bis er keuchend am Boden bleibt.
„Das … das gibts doch nicht“, schnauft er. „Wie hast du das nur gemacht?“
Das Wissen um die eigene Stärke ist die wahre Macht.

Ich rufe Manfred, den 2 Meter Mann.
„Och menno, Mayumi“, stöhnt er sofort. „Immer auf die Großen!“
Manfred ist ein Berg von Mann. 110 kg Muskeln. Da hast du keine Chance. Und doch bringe ich ihn locker auf die Matte. (Klein)Robert ist verblüfft.
„Nicht pure Kraft gewinnt den Kampf“, erkläre ich. „Nutze die Kraft des anderen aus. Erkenne den Schwachpunkt. Und dann sei stark.“
Wann wird Mann je verstehen?

 

The Girls of Tai-Chi

Düsseldorf im Sommer vor einigen Jahren, mein jüngeres Ich ist auf Studienreise durch die Dojos der Stadt. Ich übe Kung Fu und das macht mir großen Spaß. Instinktiv setze ich neue Dinge um und erschaffe die Grundlagen meines Stils. Dann treffe ich auf Sifu Betty Wu, eine chninesische Tai-Chi-Meisterin. Die Frau ist wunderbar!

Tai-Chi gilt als weicher Stil, als inneres Kung Fu. Es dient der Gesundheit, der Balance von Körper und Geist. Sifu Wu kommt aus Taiwan, hat aber auch schon in Hongkong gelebt. Sie ist 40 Jahre jung. Alt sehen nur andere aus, die diese Frau nicht ernst nehmen wollen.

Tai-Chi-Chuan gibt es in verschiedenen Formen und es kann auch schnell angewendet werden. Zur Selbstverteidigung, zum Kampf. Auch das wird mich die Meisterin lehren. Ihre beste Schülerin ist stets mit dabei. Ihr Name ist Lia und Sifu Wus Nichte.

Ich habe wenig Mühe, die Bewegungen zu lernen. Meine Form des Karate kennt auch den weichen Stil. Und doch bin ich überrascht, als mir die Meisterin Dinge zeigt, die ich sofort verinnerlicht habe. Mein Papa schmunzelt, als ich ihm davon erzähle. „Auch andere Meister können gut lehren“, sagt er rätselhaft. „Und Tai-Chi ist durchaus gut.“

Mein unruhiger Geist rebelliert, als Tai-Chi dann doch nicht schneller wird. Mir fehlt jene Dynamik, die mich schon immer ausgezeichnet hat. Sifu Wu weiß um meine Klasse. Aber Girls of Tai-Chi kämpfen nicht, sagt sie mir Und genau das ändert sich an einem besonderen Tag.
Lia spricht nur Englisch und Kantonesisch. Aber wir verstehen uns trotzdem sehr gut. Sie ist so alt wie ich, aber fast noch zierlicher. Dass ich auf Frauen stehe stört sie wenig.

Ich nehme Lia in eine Lesben-Bar mit, was sie äußerst witzig findet. Sie ist sehr westlich aufgeschlossen, hat aber keinen Blick für Frauen. Kein Problem für mich, eine kleine Geliebte ist stets zur Hand. So auch an diesem Abend.
Ich tanze eng umschlungen und bin kurz von meiner Begleiterin abgelenkt. Eine angetrunkene Lesbe reagiert aggressiv, als sie von Lia abgewiesen wird.
Freundlich, wie Lia später erzählt.

Ein Handgemenge an unserem Tisch, ich bin mit einem Schritt am Platz. Aber ich bin nur Zeugin, wie Lia ihre Kunst anwendet. Der Begriff „auflaufen lassen“ bekommt bei ihr einen neuen Sinn. Fassunglos sitzt das angetrunkene Mädel am Boden und reibt sich den hübschen Po. Nur noch ein Häufchen Elend, dem ich einige nette Worte stecke. Dann befördere ich sie höchstpersönlich aus dem Club.
Lia ist der Vorfall unangenehm. „Ich mag eigentlich nicht kämpfen“, sagt sie. Aber sie hat es perfekt getan.
Tai-Chi ist mehr als nur Gesundheitssport.

Der Abend wird doch noch lustig und wir haben eine Menge Spaß. Lia ist fröhlich und gewinnt zwei weitere Schülerinnen für ihre Tante.
„Als meine Eltern starben, hat mich Tante Betty aufgenommen“, erzählt mir Lia. „Und seit ich Fünf bin trainiere ich Tai-Chi.“
„Hast du keinen Freund?“, will ich prompt wissen? Die Jungs stehen doch bestimmt Schlange bei dir.“
Lias Lachen verzaubert mich. Sie ist ein Engel, das ist klar.
„Ich bin nicht so eine Art Mädchen“, sagt sie leise. „Männer wollen mich nicht.“
Nur kurz bin ich verwirrt. Mein Gaydar hat sich nie geirrt und Lia ist absolut hetero.
Was mag ihr Geheimnis sein?

Die wochen vergehen, Lia und ich unternehmen viel. Als der Herbst kommt muss sie gehen.
„Tante Betty hat ein Angebot aus England“, sagt sie mir. „Sie wird in London unterrichten.“
„London?“, sage ich und runzele die Stirn. „Die reden da immer so komisch.“
„Du bist immer so direkt, Mayumi“, erwidert Lia und lacht. „Aber die netteste Japanerin, die ich kenne.“
Sie zögert kurz und gibt sich einen Ruck.
„Was ich dir nun erzähle wissen nur wenige Menschen“, fährt sie fort. „Aber ich vertraue dir.“
Sie schaut mich tapfer an und gibt sich einen Ruck. „Ich … ich bin keine richtige Frau“, sagt sie leise. „Ich kann keine Kinder bekommen.“
Die Wahrheit tut oft weh.

Regungslos verdaue ich die Neuigkeit. Ist Lia etwa intersexuell? Was da vor mir steht, ist eindeutig Frau. Weder Stimme, Gesicht, Kehlkopf, Hände, oder Füße sind anders. Alles ist fraulich klein. Und doch kommt es noch schlimmer.
„Ich habe keine Eierstöcke“, fährt Lia fort. Und mein Busen wuchs erst durch Hormone, die ich seit einigen Jahren nehmen muss.“
Lias Stimme zittert leicht, als sie mir alles gesteht. Aber ich verurteile nicht. Und doch will ich etwas wissen.
Neugier, die ich meine.

„Fühlst du dich denn von Männern angezogen?“, frage ich.
„Lia schüttelt leicht den Kopf, sie wirkt verlegen. „Ich mag gern Freunde haben“, erwidert sie. „Sex hatte ich noch nie. Weder Frauen noch Männer ziehen mich an. Und doch kann ich lieben. Aber auf meine eigene Art.“
Was Lia mir sagen will: sie ist asexuell. Und das ist keine Seltenheit. Lia weiß, was Liebe ist. Vielleicht kann sie den richtigen Menschen küssen. Aber sie wird niemals Sex haben, was schwer zu begreifen ist.

Lia hat mein Mitgefühl, ihr Schicksal hat mich tief berührt. Sie sieht es locker, Mitleid ist bei ihr fehl am Platz. Bevor sie geht erfüllt sie mir noch einen letzten Wunsch. Ein sportlicher Wettkampf unter Mädchen. Und Sifu Betty hat die Augen verdreht.

Auch als Siegertyp bin ich niemals überheblich. Meine scheinbare Arroganz ist meist nur Ironie. Ich weiß, was Lia kann. Und doch bin ich von mir überzeugt. Aber zum  ersten Mal in meinem Leben treffe ich auf einen Menschen, der mir zumindest ebenbürtig ist. Egal was ich versuche, Lia weicht mir lächelnd aus. Doch ihre Konter laufen auch ins Leere. Der Kampf, der keiner ist, endet unentschieden. Meisterinnen unter sich.
Sifu Betty nimmt uns beide in den Arm. Ein Lob, das ich genieße.

Lia lebt noch immer in England. Über die Jahre halten wir sporadisch Kontakt. Vor einigen Tagen dann die Nachricht, dass sie Düsseldorf besucht. Und Sifu Betty ist auch dabei. Das Wiedersehen ist herzlich. Die Zeit hat kaum Spuren bei den beiden hinterlassen. Aber Lia hat noch eine Überraschung bereit, die selbst mir die Sprache verschlägt. Zwei kleine Mädchen, die sie liebvoll Mama nennen. Ihre eigenen „Girls of Tai-Chi.“

Lea und Mia sind Zwillinge, die früh ihre Eltern verloren haben. Lia hat die beiden adoptiert, wenn auch nicht allein.
„Ich habe geheiratet“, verrät sie mir lachend. „Er heißt Peter und ist ein schwuler Mann. Und mein allerbester Freund. Naürlich ist die Ehe nur Schein. Aber die Mädchen mögen ihn. Ich habe die beiden in einem Heim gefunden, als wir in Liverpool einen Auftritt hatten. Der Rest war Formsache.“
Mehr verrate ich euch nicht.

„Lehrst du sie?“, will ich wissen und mein Herz scheint zu hüpfen, als mir die Kinder ihre Fähigkeiten zeigen. In Yukis Augen schimmern Tränen und spontan greift sie nach meiner Hand. Frauen sind komisch! Und Elfen sowieso. Was die nur immer haben! Ich bin völlig cool.
„Wir bekommen auch unsere „Karate-Kids“, sage ich überzeugt. „Und wenn ich dafür auswandern muss.“